Zusammenfassung von Schneeland

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Schneeland Buchzusammenfassung

Literatur­klassiker

  • Roman
  • Moderne

Worum es geht

Die Welt im Spiegel

Shimamura, die Hauptfigur in Schneeland, kann die übermenschliche Schönheit einer Frau nur in ihrer Spiegelung im Zugfenster ertragen. Dieses Motiv des Romans ist zugleich der Schlüssel zu seinem Verständnis: Kawabata ergründet das wirkliche Leben über den Spiegel der Kunst. Indem er die Einsamkeit der Figuren, ihre vergeblichen Hoffnungen und ihre ziellosen Handlungen in die Naturkulisse einer abgelegenen japanischen Bergregion versetzt, wird ihre Verzweiflung umso augenfälliger. Gleichzeitig wird alles Negative entweder in poetischen Umschreibungen aufgelöst oder bleibt gänzlich unausgesprochen. Die Geschichte zwischen Shimamura und der Geisha Komako wirkt entsprechend unfertig, ihre Gespräche brechen ab, bevor man erfährt, was wirklich in ihnen vorgeht. Doch gerade diese Lücken führen dazu, dass das Lesen zum aktiven Erlebnis wird und die ganze assoziative Kraft beansprucht. In diesem Sinne ist der Roman selbst ein Spiegel: Was er darstellt, hängt davon ab, wer einen Blick hineinwirft. Kawabata gelang mit Schneeland die Verbindung japanischer Erzähltraditionen mit modernen europäischen Einflüssen – einer der Gründe, warum er 1968 als erster Japaner den Nobelpreis für Literatur erhielt.

Take-aways

  • Der Roman Schneeland machte den späteren Nobelpreisträger Kawabata berühmt und gilt als japanischer Klassiker.
  • Inhalt: Shimamura ist ein gut situierter Geschäftsmann aus Tokio. Auf einer seiner Reisen in eine Berggegend weit weg von der Hauptstadt lernt er die junge Komako kennen, die später Geisha wird. Mit jedem seiner Besuche scheint sie sich hoffnungsloser in ihn zu verlieben. Der nihilistisch veranlagte Shimamura kann diese Liebe nicht erwidern; was ihn fasziniert, ist die „vergebliche Mühe“.
  • Schneeland verzichtet zugunsten anspielungsreicher Landschafts- und Gefühlsbeschreibungen weitgehend auf eine kontinuierliche Handlung.
  • In dem kleinen Kurort, in dem die Geschichte spielt, sind die alten japanischen Traditionen noch lebendig; sie werden aus der Perspektive eines Städters geschildert.
  • Der 1948 veröffentlichte Roman basiert auf mehreren kurzen Erzählungen, die ab 1935 erschienen.
  • Yasunari Kawabata wurde früh zur Waise und nahm sich 1972 das Leben.
  • 1968 erhielt er als erster japanischer Schriftsteller den Nobelpreis für Literatur.
  • Seine wichtigsten Ideenlieferanten waren die europäischen Expressionisten, die nach einer neuen, intuitiveren Form des Ausdrucks suchten.
  • Zahlreiche Nachweise für diese Einflüsse finden sich in Schneeland: Kawabatas poetischer Stil und die offenen Dialoge lassen viel Raum für Assoziationen.
  • Zitat: „Jenseits des langen Tunnels erschien das Schneeland. Der Nacht Tiefe wurde weiß. Die Dampflok hielt an einem Signal.“
 

Zusammenfassung

Ankunft im Schneeland

Shimamura fährt mit dem Zug ins Schneeland. In seinem Abteil fallen ihm eine junge Frau namens Yōko und ihr Begleiter auf, ein kränklich wirkender Mann. Shimamura ist sich nicht ganz sicher, ob die beiden verheiratet sind; die offensichtliche Sorge der Frau deutet jedoch darauf hin. Bevor er seine Sitznachbarn in Augenschein nimmt, beschäftigt sich Shimamura mit seinem Zeigefinger, der in ihm die lebhafte Erinnerung an eine andere junge Frau weckt, die er bei seinem letzten Besuch im Schneeland kennen gelernt hat. Fast scheint es ihm, als könne er an dem Finger noch ihren Geruch wahrnehmen. Nun wendet er sich der Betrachtung Yōkos zu: Er beobachtet ihr Spiegelbild im Fenster. Auf diese Weise erlaubt er sich, sie anzustarren, was er mit einem direkten Blick nicht wagen würde. Er ist von ihrer kühlen Schönheit überwältigt. Auf dem Fensterglas verschmelzen die Landschaft und das Bild der wunderschönen Frau zu einem einzigen unwirklichen Gemälde.

„Jenseits des langen Tunnels erschien das Schneeland. Der Nacht Tiefe wurde weiß. Die Dampflok hielt an einem Signal.“ (S. 9)

Der Zug erreicht Shimamuras Ziel, einen kleinen Kurort. Die kalte Luft tut dem Reisenden überraschend gut, er empfindet sie als reinigend. Sofort erkundigt er sich nach der Frau, die er bei seinem letzten Besuch kennen gelernt hat. Er bittet darum, dass sie noch am gleichen Abend zu ihm geschickt werde. Dann erfährt er, dass der kranke Mann aus dem Zug im gleichen Haus wohnt wie seine Bekanntschaft, und fragt sich, was für eine Verbindung zwischen ihnen bestehen könnte.

Rückblick

Nach dem Bad trifft Shimamura die Frau. Er ist überrascht, als er an ihrer Kleidung erkennt, dass sie eine Geisha geworden ist. Sie gehen zusammen auf sein Zimmer. Shimamura erinnert sich an ihre erste Begegnung. Damals war er zum Wandern ins Schneeland gekommen und ließ bei der Rückkehr von einem seiner Ausflüge eine Geisha rufen. Da gerade keine verfügbar war, kam diese Frau zu ihm und erzählte ihm von ihrem Leben. Shimamura war von ihrer Reinheit beeindruckt. Am nächsten Tag erschien sie wieder. Shimamura bat sie, für ihn eine Geisha zu rufen, doch sie weigerte sich. Er versuchte ihr zu erklären, dass er in ihr eine Freundin sehe und deshalb davor zurückschrecke, sie zu verführen. Er vertraue auf ihre Auswahl, wenn sie ihm eine andere Frau empfehle. Zudem wolle er sie ohne schlechtes Gewissen seiner Familie vorstellen, wenn er das nächste Mal den Ort besuche. Trotzdem weigerte sie sich. So ließ Shimamura von einer Hausangestellten eine Geisha rufen. Als diese, noch ein junges Mädchen, eintraf, war er enttäuscht. Sofort überlegte er sich, wie er sie wieder fortschicken könnte. Jedes körperliche Verlangen war erloschen. Als er später seine Bekannte erneut traf, wurde ihm klar, dass es die ganze Zeit sie gewesen war, die er begehrt hatte.

„Ihre hohe, schmale Nase hatte etwas Einsames, während ihre kleinen, knospig zulaufenden Lippen, die sich sanft dehnten und zusammenzogen, in ihrer Rundheit einem schönen Blutegel ähnelten. (...) Von ihr ging vor allem Reinheit, nicht eigentlich Schönheit aus.“ (über Komako, S. 35)

Mitten in der Nacht kam sie wieder in sein Zimmer, direkt von einem Fest und reichlich angetrunken. Shimamura erkannte, dass sie sich offenbar in ihn verliebt hatte. Nachdem sie erst am frühen Morgen gegangen war, machte er sich unverzüglich auf den Heimweg nach Tokio.

Wiedersehen mit Komako

Jetzt, beim erneuten Treffen, beobachtet Shimamura die Frau genauer: Er erkennt, dass sie sich seit der letzten Begegnung verändert hat. Die Tatsache, dass sie nun eine Geisha ist, macht ihre Gespräche steifer. Gemeinsam betrachten sie die nächtliche, schneebedeckte Landschaft. Die Frau bleibt bei ihm im Zimmer. Als Shimamura am nächsten Morgen in den Spiegel blickt, sieht er das glänzende Weiß des Schnees, aus dem ihre roten Wangen auftauchen – ganz ähnlich wie das Bild, das er im Zug gesehen hat.

„Die Nachtlandschaft lag streng vor ihm, und es schien, als käme das Geräusch des überall gefrierenden Schnees tief aus dem Grund der Erde.“ (S. 46)

Shimamura beschließt, einen Spaziergang durch den Ort zu machen. Am Morgen hat er den Geisha-Namen der Frau erfahren: Komako. Nun sieht er sie mit einigen anderen Geishas im Dorf. Er beschließt, sie nicht zu begrüßen und weiterzugehen, doch sie kommt auf ihn zu und lädt ihn zu sich nach Hause ein. Shimamura erzählt ihr von seiner Begegnung mit Yōko und dem kranken Mann im Zug. Er habe erfahren, dass sie im gleichen Haus wie Komako wohnen würden. Komako wird wütend: Sie will wissen, warum er ihr erst jetzt davon erzähle. Ohne weiter nachzufragen, womit genau er ihren Zorn erregt hat, begleitet Shimamura sie zu dem Haus, in dem Komako eine kleine Dachkammer bewohnt. Dort erzählt sie ihm von dem kranken jungen Mann aus dem Zug, ohne jedoch Yōkos Beziehung zu ihm genauer zu erläutern. Schließlich kommt Yōko selbst hinzu. Shimamura ist abermals erschüttert von ihrer kalten Schönheit, die ihn schon im Zug so gefesselt hat. Sie allerdings ignoriert ihn. Später verlässt Shimamura das Haus, um ein wenig in den umliegenden Hügeln umherzuwandern. Unterwegs trifft er die Masseurin des Ortes, eine blinde Frau. Er bittet sie, ihn auf seinem Zimmer zu massieren. Während der Behandlung berichtet sie ihm von ihrem Leben im Dorf und von den zahlreichen Gerüchten, die über Komako kursieren. Eines besagt, dass sie mit dem Kranken verlobt sei und nur als Geisha arbeite, um seine Arztrechnungen bezahlen zu können. Shimamura denkt darüber nach: Sollte Komako wirklich die Verlobte des Kranken und Yōko dessen Geliebte sein, so wäre das seiner Meinung nach ein klarer Fall von „vergeblicher Mühe“. Darin, denkt er, zeige sich Komakos Reinheit.

Vorläufiger Abschied

Weil er von der Masseurin erfahren hat, dass Komako ausgezeichnet das dreisaitige Shamisen spiele, lädt er die Geisha ein, in seinem Zimmer zu üben. Komako lässt Yōko bitten, ihr das Saiteninstrument und ihre Noten zu bringen, um dann für Shimamura zu spielen und zu singen. Er spricht sie auf das Gerücht an, dass sie und der Kranke verlobt seien. Sie streitet das ab und teilt ihm mit, dass sie lediglich gute Freunde wären und sie deshalb seine Behandlungskosten mittrage. Shimamura fragt sich, warum sie kein Wort über Yōkos Part in dieser Geschichte verliert. Schließlich trifft Yōko mit den Utensilien ein, gibt sie ab und macht gleich wieder kehrt. Komako beginnt zu spielen und Shimamura lauscht ehrfürchtig. Die Musik bewegt ihn tief und ruft etwas wie Reue in ihm hervor. Er weiß, dass sich Komako in ihn verliebt hat. Auch in diesem Fall empfindet er ihre Zuneigung als „vergebliche Mühe“. Er verdrängt die Niedergeschlagenheit und lauscht einem weiteren Lied. Schon bald kann er sich jedoch nur noch auf Komakos körperliche Nähe konzentrieren. Kein Detail ihres Äußeren bleibt ihm verborgen.

„Tiefweiß schimmerte der Schnee auf dem Grunde des Spiegels. Mitten im Schnee tauchten die roten Wangen der Frau auf. In diesem Bild lag eine unaussprechliche, reine Schönheit.“ (S. 49)

Shimamura beschließt, den Ort zu verlassen. Komako begleitet ihn am nächsten Tag zum Bahnhof. Während sie warten, kommt Yōko zu ihnen: Der kranke Mann, Yukio, liege im Sterben und Komako solle mit ihr kommen, um sich von ihm zu verabschieden. Komako weigert sich und ignoriert sowohl Yōkos als auch Shimamuras Argumente. Statt zu dem sterbenden Freund zu gehen, bleibt sie bei Shimamura, bis der Zug kommt. Er weiß nicht, was er von Komakos Reaktion halten soll: Liebt sie Yukio so sehr, dass sie den Anblick seines Todes nicht ertragen kann? Oder ist sie so kalt, dass es sie einfach nicht interessiert? Oder ist der Abschied von ihm, Shimamura, ihr so wichtig, dass sie bereit ist, den endgültigen Abschied von einem Freund deswegen zu versäumen?

Rückkehr im Herbst

Kurz vor dem traditionellen Fest der Herbstfärbung kehrt Shimamura ins Schneeland zurück. Als er im Gasthaus eintrifft, feiert eine der älteren Geishas gerade ihre Pensionierung. Komako kommt zu ihm aufs Zimmer. Sie will ihm nicht glauben, dass er gekommen ist, um sie wiederzusehen, und ist wütend, weil er ihr versprochen hat, sie schon im Februar zu besuchen, um mit ihr das Schneefest zu feiern. Shimamura erklärt ihr, warum er nicht kommen konnte, worauf Komako besänftigt scheint. Sie erzählt ihm vom unsteten und flatterhaften Leben der älteren Geisha, die er im Gasthof getroffen hat.

„Ihre Stimme wirkte fast dämonisch. (...) Als das kanjincho zu Ende war, fühlte er sich erleichtert. Ah, dachte er, diese Frau liebt mich, aber erneut hatte er ein ungutes, beklemmendes Gefühl dabei.“ (über Komako und Shimamura, S. 71)

Shimamura fragt Komako, warum sie ihm nicht geschrieben habe. Komako ist entrüstet: Sie würde es als entwürdigend empfinden, ihm einen Brief zu schreiben, den womöglich noch seine Frau finde. Sie erzählt ihm, dass sie nun bei anderen Leuten wohne. Shimamura wird klar, dass sich Komako jedes Mal, wenn er zu ihr kommt, sehr verändert hat. Doch noch immer ist sie ihm seltsam vertraut.

Verzweifelte Liebe

Das ganze Dorf bereitet sich auf das Fest der Herbstfärbung vor. Um die vielen Gäste bewirten zu können, werden im Gasthof Aushilfen eingestellt, unter ihnen ist auch Yōko. Als Shimamura sie sieht, zögert er, Komako zu sich zu rufen. Ihm ist klar, dass Komako sich in ihn verliebt hat, doch er kann kein ähnliches Gefühl für sie entwickeln. Er fühlt sich seltsam leer und bemitleidet sich selbst. Als Komako sich eines Abends kurz von einer Gesellschaft wegschleichen kann, um ihn in seinem Zimmer zu besuchen, spricht sie zum ersten Mal offen über ihre Gefühle. Sie weiß, dass Shimamura sie nicht auf dieselbe Weise lieben kann wie sie ihn. Sie erzählt ihm, dass Yōko eifersüchtig auf sie sei. Später am Abend schickt Komako Yōko zu Shimamura, damit diese ihm eine Nachricht von ihr überreiche. Shimamura kommt mit der sonst so unnahbaren Yōko ins Gespräch. Er sagt ihr, dass Komako nur ungern von ihr erzähle. Shimamura wird einfach nicht schlau aus der Beziehung zwischen den beiden. Yōko bittet ihn, Komako gut zu behandeln – dann fleht sie ihn an, sie, Yōko, mit nach Tokio zu nehmen. Sie wolle als Hausmädchen für ihn arbeiten. Shimamura aber lässt sich nicht erweichen. Er könne weder für sie noch für Komako etwas tun. Yōko macht den Eindruck, als stehe sie kurz davor, wahnsinnig zu werden.

„‚Nein. Wie könnte ich denn mit ansehen, dass jemand stirbt!‘ Shimamura fragte sich verwundert, ob Kaltherzigkeit oder allzu viel Wärme und Liebe in ihren Worten lag.“ (S. 83)

Als er Komako von dem Gespräch erzählt, bittet auch sie ihn, Yōko mitzunehmen. Sie macht sich Sorgen um den Geisteszustand ihrer Freundin und wäre erleichtert, wenn sie den Ort verließe. Gemeinsam gehen sie zu Komakos neuer Unterkunft. Wieder bewohnt sie ein kleines Zimmer unter dem Dach – mehr eine Höhle als eine Wohnung, findet Shimamura. Nachdem sie zusammen Sake getrunken haben, sagt er ihr, dass er sie für eine gute Frau hält. Diese Aussage scheint Komako tief zu verunsichern. Sie beginnt zu weinen und will wissen, was er damit meine. Er aber ist von ihrem Gefühlsausbruch so schockiert, dass er nichts zu sagen weiß. Ihm wird klar, dass sie ihn missverstanden hat.

Chijimi, ein feiner Stoff

Im Schneeland wurde bis vor Kurzem ein ganz besonderer Stoff, der Chijimi, hergestellt, der seine außerordentliche Qualität nur durch die Behandlung im Schnee erhält. Shimamura interessiert sich sehr für die traditionelle Herstellung dieses edlen, fragilen Gewebes, das ihm wie ein Gleichnis der zerbrechlichen zwischenmenschlichen Beziehungen erscheint. Er weiß, dass er sich schon viel zu lange im Schneeland aufgehalten hat, dass er sich selbst, seiner Familie und vor allem Komako mit diesem Verhalten nur schadet – und doch fühlt er sich nicht in der Lage, Abschied zu nehmen. Die Selbstgefälligkeit und die leblose Leere, die er in Komakos Nähe an sich wahrnimmt, sind ihm zuwider. Er beschließt, nach dem jetzigen Besuch längere Zeit nicht wiederzukommen. Um sich abzulenken, will er einen Ausflug in die Umgebung unternehmen und sich über die Chijimi-Herstellung informieren. Seine kurze Reise vergeht ereignislos. Er fährt ziellos von Ort zu Ort und kehrt schließlich zum Gasthof zurück. Auf dem Rückweg fährt er mit dem Taxi an Komako vorbei, die sich gerade mit einigen Geishas vor einer kleinen Gaststätte unterhält. Sie sieht ihn, klammert sich verzweifelt am Auto fest und will wissen, warum er sie nicht über seinen Ausflug informiert und mitgenommen hat.

Ein Ende im Feuer

Als sie am Gasthof ankommen, hören Shimamura und Komako einen Feueralarm. Der Kokonspeicher am Bahnhof steht in Flammen. Zusammen mit anderen Schaulustigen laufen sie zur Unglücksstelle. Im Speicher ist kurz zuvor ein Film gezeigt worden, offenbar hat sich der Projektor entzündet. Es scheint niemand verletzt zu sein. Komako drängt sich ängstlich an Shimamura, der allerdings befürchtet, die Dorfbewohner könnten ihnen den vertrauten Umgang übel nehmen. Statt das Feuer und die Rettungsarbeiten zu beobachten, wendet er seinen Blick zum Himmel. Er hat das Gefühl, von der Milchstraße umschlossen und aufgenommen zu werden. Komako ahnt, dass er sie bald verlassen wird. Auch Shimamura, noch immer erfüllt von dem Gefühl, ein Teil des Himmels zu sein, weiß, dass sie sich bald trennen werden. In diesem Moment stürzt eine brennende Gestalt aus dem Kokonspeicher. Shimamura sieht ihren Fall wie in Zeitlupe. Noch bevor sie bei der Leiche ankommen, weiß er: Die tote Frau ist Yōko. Komako schreit, als wäre sie wahnsinnig geworden – doch Shimamura fühlt nichts anderes als den Himmel, der in ihn hineinströmt.

Zum Text

Aufbau und Stil

Der Roman Schneeland ist in elf unbetitelte, unterschiedlich lange Kapitel gegliedert. Die episodenhafte Erzählung lässt sich grob in zwei Hälften teilen: Die erste behandelt Shimamuras zweiten Besuch im Schneeland und seinen Rückblick auf seine erste Reise in die Region; im zweiten Teil wird sein dritter Besuch im Herbst dargestellt. Die erzählte Zeit umfasst etwa zweieinhalb Jahre. Dabei werden ausschließlich die Reiseepisoden wiedergegeben, Shimamuras Familienleben in Tokio bleibt im Dunkeln.

Kawabatas Stil orientiert sich sowohl an europäischen Strömungen wie Impressionismus, Expressionismus oder Psychoanalyse als auch an klassischen Erzählformen seiner Heimat. Seine suggestiven Naturschilderungen folgen der traditionellen japanischen Farbsymbolik, wobei Weiß für Trauer und Tod steht. Mehrere Leitmotive durchziehen den Text, u. a. Shimamuras Gefühl der „vergeblichen Mühe“. Vieles bleibt ungesagt oder bloß angedeutet: Kawabata vertraut auf die assoziative Kraft seiner Sprachbilder. Die Einstiegssätze zu Schneeland gehören zu den berühmtesten der modernen japanischen Literatur.

Interpretationsansätze

  • Die Hauptfigur Shimamura ist ein nihilistischer Ästhet. Liebe oder unvermittelte Schönheit – wie bei Yōko, als er ihr im Zug begegnet – erträgt er nicht. Erst das Zweckfreie, imaginär Überhöhte, das ihn in seinem Leben nicht direkt berührt, kann er genießen. Als Folge davon erscheint er seiner Umgebung gefühlskalt. Während Komako an ihrer vergeblichen Liebe verzweifelt, bleibt er geistig abwesend.
  • Schneeland lässt sich als Gesellschaftsroman lesen: Shimamura verkörpert die moderne großstädtische Kultur, die auf die traditionelle ländliche Kultur der abgelegenen Bergregion prallt. Viele der alten Bräuche, die er nur aus Berichten kennt – etwa die strengen Regeln für den Berufsstand der Geisha – sind hier noch lebendig und prägen den Alltag der Bewohner.
  • Mit Schneeland versucht Kawabata seine „Theorie des Ausdrucks“, die sich an den europäischen Expressionisten orientiert, mit klassischen japanischen Erzählstrukturen zu verschmelzen. Die Grenze zwischen Ich und Umgebung soll sich auflösen. Beschreibungen – etwa der Natur – sollen nicht mehr objektiv sein, sondern die Empfindungen des Subjekts ausdrücken.
  • Im Hinblick auf die japanische Tradition lässt sich der Roman Schneeland als Weiterentwicklung des Renga-Gedichts (ein klassisches japanisches Kettengedicht) verstehen, das ebenfalls eine fragmentarische Form aufweist und viel assoziativen Spielraum lässt, den der Zuhörer oder Leser selbst füllen muss.
  • Daneben lassen sich mehrere typische Merkmale des expressionistischen Romans in Schneeland finden, die einen Vergleich mit bekannten europäischen Vertretern des Genres wie James Joyce oder Alfred Döblin nahelegen. Insbesondere die nicht kontinuierliche Handlung, die unterbrochene Dialogstruktur und die Einbindung absurder oder imaginärer Elemente charakterisieren Schneeland als Roman des Expressionismus.

Historischer Hintergrund

Japan im 19. und frühen 20. Jahrhundert

Während der Edo-Zeit (1603–1867), unter der Feudalherrschaft der Tokugawa, isolierte Japan sich vollkommen von der Außenwelt, lediglich mit China und den Niederlanden bestanden lockere und unregelmäßige Handelsbeziehungen, die jedoch streng kontrolliert wurden. Die Bevölkerungszahl wuchs indessen aufgrund der guten wirtschaftlichen Verhältnisse schnell an, und das Zentrum Tokio erblühte zu einer reichen Metropole.

Das Handelsbündnis mit den USA, das 1864 abgeschlossen wurde, läutete eine neue Ära für Japan ein: Das herrschende Tokugawa-Regime wurde entmachtet und der Kaiser wieder eingesetzt. Allerdings waren seine Befugnisse begrenzt, die Regierungsgewalt lag beim Parlament. Die Zeit der konstitutionellen Monarchie unter dem Meiji-Kaiserhaus brachte Japan eine neue Verfassung und beendete die Herrschaft des Kriegeradels. In der darauf folgenden Taishō-Ära (1912–1926) nahm Japan am Ersten Weltkrieg teil. Die Epoche war von einem Wandel zu einer demokratischen Gesellschaftsform geprägt und verschaffte dem Land einen erneuten, außerordentlichen wirtschaftlichen Aufschwung.

Die Öffnung gegenüber dem Westen förderte auch den kulturellen Austausch, der der japanischen Kunst und Kultur eine Blütezeit bescherte. Bald zeigte sich jedoch, dass die Demokratie instabil war: Das Militär riss die Macht an sich und beendete die Taishō-Ära. Der Beginn der folgenden Shōwa-Ära (ab 1926) war geprägt von einer rücksichtslosen Expansionspolitik: Japan besetzte chinesische Gebiete und vertrieb die Kolonialmächte aus Siam (dem heutigen Thailand), um in diesem Gebiet selbst die Herrschaft an sich zu reißen. Die USA reagierten darauf mit einem Handelsembargo und der Sperrung japanischer Gelder.

Mit dem Angriff Japans auf Pearl Harbor trat das Land in den Zweiten Weltkrieg ein. Die Auseinandersetzung eskalierte schließlich mit dem Abwurf der Atombomben über Hiroshima und Nagasaki durch die Amerikaner im Jahr 1945, der Japan zur sofortigen Kapitulation zwang. Dank der engen wirtschaftlichen Bindung an die Siegermacht USA erholte sich Japan allerdings schnell von den verheerenden Folgen der Militärdiktatur und gründete eine stabile Demokratie, die bis heute Bestand hat.

Entstehung

Yasunari Kawabata arbeitete über 14 Jahre an Schneeland. Der Roman setzte sich anfangs aus sieben einzelnen Erzählungen zusammen, die zwischen 1935 und 1937 in Literaturzeitschriften veröffentlicht wurden. 1937 wurden sie erstmals unter dem Titel Yukiguni (Schneeland) zusammengefasst. In den folgenden Jahren arbeitete Kawabata an weiteren Erzählungen, die das Werk vervollständigten. 1948 wurde Schneeland in der endgültigen Fassung herausgegeben.

Wesentlichen Einfluss auf die Form der Erzählung hatte Japans Öffnung gegenüber dem Westen zu Beginn des 20. Jahrhunderts. Japanische Autoren setzten sich intensiv mit dem zeitgenössischen westlichen Kulturgut, insbesondere dem Expressionismus, auseinander. Kawabata selbst veröffentlichte während seiner Arbeit an Schneeland mehrere theoretische Texte zu europäischer Kunst und Literatur, insbesondere kritische Texte zum Dadaismus. Er ließ sich von Literaten wie Alfred Döblin oder James Joyce inspirieren, griff bei seiner Arbeit auf das Prinzip der freien Assoziation zurück, wie es sich etwa bei den Psychoanalytikern oder dem Philosophen Henri Bergson findet, und verquickte diese Einflüsse mit traditionellen japanischen Literaturformen.

Das wichtigste Prinzip, dem er bei der Arbeit an seinem Roman folgte, ist jedoch das der Ästhetisierung des Lebens: „Der Roman soll eine poetische Darstellung des Lebens sein. Inhalt und Form sollen gemeinsam einen schönen, ästhetischen Genuss bereiten“, schrieb Kawabata.

Wirkungsgeschichte

Die Geschichte vom Geschäftsmann Shimamura und der unglücklichen Geisha Komako brachte Yasunari Kawabata den ersten großen Erfolg seiner Karriere und galt schon kurz nach der Veröffentlichung als moderner Klassiker. Bis heute ist Schneeland weltweit eines der bekanntesten Werke der japanischen Literatur. 1968 erhielt Kawabata – u. a. für diesen Roman – als erster Japaner den Literaturnobelpreis, „für seine Erzählkunst, die mit feinem Gefühl japanisches Wesen und dessen Eigenart ausdrückt“, wie das Komitee die Auszeichnung begründete. Der Roman wurde in der Folge mehrmals verfilmt und bis heute in zahlreiche Sprachen übersetzt.

Viele Kritiker sehen in Kawabata einen der Wegbereiter der modernen japanischen Literatur, weil es ihm gelang, die jahrhundertealten Erzähltraditionen in einen neuen, zeitgenössischen Zusammenhang einzubetten. Schneeland bleibt ein hervorragendes Beispiel für dieses Unterfangen.

Über den Autor

Yasunari Kawabata wird am 14. Juni 1899 in Osaka geboren. Sein Vater, ein bekannter Physiker, stirbt an Tuberkulose, als Yasunari gerade zwei Jahre alt ist. Nur ein Jahr später verstirbt auch seine Mutter. Yasunari wird in die Obhut der Großmutter gegeben, doch auch sie lebt nur, bis er sieben Jahre alt ist. Im Alter von neun verliert er seine Schwester, mit 14 seinen Großvater. Er kommt bei den Verwandten seiner Mutter unter, wird sich aber später als „Kind ohne Heimat oder Familie“ bezeichnen. Ab 1920 studiert Kawabata Literatur an der Universität Tokio und schließt sein Studium 1924 ab. Er gründet die Zeitschrift Bungei Jidai (Das künstlerische Zeitalter) mit, die sich als Medium einer neuen japanischen Literatur versteht. Kawabata konzentriert sich auf die japanische Kultur und Geschichte, die ihm das Gefühl vermitteln, Wurzeln zu besitzen. 1927 veröffentlicht er sein erstes Werk, die Kurzgeschichte Izu no odoriko (Die Tänzerin von Izu). Mit der Arbeit an seinem bekanntesten Roman Yukiguni (Schneeland) beginnt er 1934. 1953 wird er Mitglied der japanischen Kunstakademie, vier Jahre später wird er zum Präsidenten des internationalen P.E.N.-Clubs ernannt. Er macht sich insbesondere um die Förderung junger literarischer Talente verdient. Sein 1962 erschienenes Werk Kōto (Kyoto oder Die jungen Liebenden in der alten Kaiserstadt) gilt bis heute als eine der eindrücklichsten Darstellungen von Kawabatas Heimat. 1968 erhält er den Literaturnobelpreis. Am 16. April 1972 begeht Kawabata in Zushi Selbstmord. Bis heute sind die Umstände seines Todes ungeklärt.


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