Zusammenfassung von Seelandschaft mit Pocahontas

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Seelandschaft mit Pocahontas Buchzusammenfassung

Literatur­klassiker

  • Roman
  • Nachkriegszeit

Worum es geht

Verbotene Liebeslyrik in der norddeutschen Tiefebene

Für dieses Buch muss man Arno Schmidt dankbar sein: Wohl keinem Autor vor oder nach ihm ist es so überzeugend gelungen, die kollektive Selbstverleugnung, seelische Verwahrlosung und die unausgesprochenen Sehnsüchte in der jungen Bundesrepublik derart sinnlich erlebbar zu machen. Eine Zeit, in der sich die ersten Wohlstandsdeutschen zu Tode fressen und saufen („Weeßte, wenn man als Kind so hat hungern müssen, und jetz später wieder : da wird ma zum Tier im Fressen!“); in der ein Mann seine knochige Verlobte (Spitzname „UKW-Antenne“) nur „wegen m Hof“ flachlegt; und in der eine Urlaubsaffäre für Sekt und eine Armbanduhr zu haben ist. Dem Autor brachte der Text eine Strafanzeige wegen Pornografie und Gotteslästerung ein – was mehr über den damaligen Zeitgeist als über das Werk selbst aussagt. Tatsächlich besticht diese Liebesgeschichte durch ein ungewohnt hohes Maß an Zärtlichkeit. Und so darf der Leser die übliche Schmidtʼsche Bildungshuberei ignorieren und inmitten berückend schöner Natur in menschliche Abgründe blicken. 

Take-aways

  • Seelandschaft mit Pocahontas gehört zu Arno Schmidts eingängigsten Werken.
  • Inhalt: Der Schriftsteller Joachim macht im Sommer 1953 Urlaub am Dümmer See. In seiner Pension trifft er Selma, eine junge, spindeldürre Sekretärin. Obwohl er sie zunächst unattraktiv findet, verlieben sich die beiden ineinander. Sie paddeln gemeinsam auf dem See und verlieren sich in erotischen Traumwelten. Doch ihr Glück währt nur kurz: Am Ende steigt Selma in den Bus Richtung Osnabrück, zurück zu ihrem lieblosen Verlobten.
  • Die Geschichte spielt zur Zeit der Adenauer-Restauration in der jungen Bundesrepublik.
  • Arno Schmidt, selbst Heimatvertriebener, empfand die damals herrschende Atmosphäre des Ärmelhochkrempelns und aktiven Vergessens als frustrierend.
  • Auch die Idee seiner Frau, im Juni 1953 eine Reise zu machen, fand er extrem dumm.
  • Ihr Reisetagebuch über die fünf gemeinsamen Tage am Dümmer See diente ihm später als Primärquelle.
  • Um den realen Kern wob er eine fantastische Geschichte in dem ihm eigenen Erzählstil des „Fotoalbums“: Kurze Momentaufnahmen, ergänzt durch lose Assoziationen.
  • Die Erzählung brachte ihm 1955 eine Anzeige wegen „Gotteslästerung und Pornografie“ ein.
  • Heute gilt sie vielen als seine schönste und zärtlichste Liebesgeschichte.
  • Zitat: „So mild war die Luft, dass man hätte Cremeschnitten damit füllen können (…)“ 
 

Zusammenfassung

Wiedersehen in Diepholz

Der mittellose Schriftsteller Joachim sitzt in einem Nachtzug aus dem Saarland nach Niedersachsen. Seine Gedanken rasen umher: Das gleichmäßige Rattern lässt in ihm Erinnerungen emporsteigen, an früher, als die „Mädchen schwarze Kreise statt der Augen“ hatten. Eine Nonne steigt zu. Die zehn Millionen KZ-Toten kommen ihm in den Sinn und dass ohne den Willen Gottes gar nichts passiert. Doch genießt er auch die landschaftlichen Schönheiten des Kylltals.

„Rattatá Rattatá Rattatá. / Eine Zeit lang hatten alle Mädchen schwarze Kreise statt der Augen gehabt, mondäne Eulengesichter mit feuerrotem Querschlitz darin : Rattatá.“ (S. 7)

In der Morgendämmerung erreicht er Diepholz. Er sieht ordentliches Fachwerk, fromme Sprüche an den Fassaden der Häuser, blitzsaubere Straßen und ein Büro der Sozialistischen Reichspartei. Im Warteschuppen am Bahnhof hat sich Joachim mit seinem Kumpel, dem Malermeister Erich Kendziak, verabredet. Beide sind sie Vertriebene aus den Ostgebieten und waren zusammen im Krieg. Erich ist Witwer, hat einen Sohn, aber keinerlei Absicht, wieder zu heiraten. Sein Geschäft mit 15 Gesellen läuft prächtig. Nur mit seiner politischen Meinung geht er lieber nicht hausieren. Denn er ist gegen Adenauers CDU und die Wiederbewaffnung. Und in der Ostzone, flüstert er Joachim zu, da sei längst nicht alles so schlimm wie es im Westen dargestellt werde. Auf Erichs Motorrad fahren sie weiter zum Dümmer See, zunächst nach Lembruch, wo vor dem nagelneuen Kurhaus unzählige Zelte aufgeschlagen sind. Doch Joachim hasst Menschenmassen. Er schlägt vor, sie sollten sich auf der anderen Seeseite umschauen. Widerwillig lässt sich Erich darauf ein. Er hat sich schon mit dicken Geldbündeln inmitten der jungen, spärlich bekleideten Mädchen den Macker geben sehen. Im beschaulichen Dümmerlohausen mieten sie sich schließlich in einem Gasthof ein.

Hungerhaken und Matroschka

Die Pension macht einen blitzsauberen Eindruck. Alle Klos haben Wasserspülung, und es gibt echten Bohnenkaffee. 8 Mark pro Person und Tag für Vollpension kostet der Spaß. Erich bezahlt gönnerhaft für seinen Freund mit. Unter den anderen Sommerfrischlern befinden sich zwei junge Frauen Mitte oder Ende zwanzig. Die eine, Verlobungsring am Finger, ist hochaufgeschossen, flachbrüstig und trägt eine Brille auf der Hakennase; die andere ist klein und pummelig, mit knallrotem Mund im gelblichen Gesicht, der Aussprache nach aus Oberschlesien stammend. Erich wählt ohne zu zögern die Dralle. Ob Joachim dann das „Nachtgespenst“ nehmen wolle? „Ja, was denn sonst? !“ antwortet der trocken.

„Die Bibel: iss für mich n unordentliches Buch mit 50.000 Textvarianten. Alt und buntscheckig genug, Liebeslyrik, Anekdoten, das ist der Ana der in der Wüste die warmen Quallen fand, politische Rezeptur (…)“ (S. 8)

Erich geht sofort ans Werk. Gegenüber der Wirtin prahlt er lauthals mit seiner dicken Brieftasche. Dann studieren sie das Fremdenbuch: Annemarie Waniek heißt die Dicke, Selma Wientge die Lange. Beide arbeiten als Stenotypistinnen in einer Osnabrücker Textilfabrik. Vorsichtshalber schreiben sich die Männer mit falschen Nachnamen ein – für den Fall, dass die geplante Urlaubsaffäre unangenehme Folgen nach sich ziehen sollte. Beim Inspizieren des Zimmers stellt Erich erfreut fest, dass sie über ein Flachdach vor ihrem Fenster unbemerkt in das Zimmer der beiden Frauen einsteigen können.

Liebesgeflüster zu Wasser

Sie mieten ein Paddelboot. Behaglich zieht Erich sich die Badehose tiefer, um sich „den Lauf brünieren“ zu lassen. Plötzlich tauchen die Mädchen im Wasser auf. Annemarie sei übel geworden, ruft Selma ihnen zu. Joachim steigt aus und hilft ihr, die Freundin zu Erich ins Boot zu hieven. Während der mit seiner schweren Fracht ans Ufer rudert, kommen die Zurückgebliebenen einander im Wasser näher. Mit „Schilfschlingen“ im Haar sieht Selma regelrecht exotisch aus, und Joachim bedauert, dass ihnen nur noch wenige gemeinsame Tage bleiben. Sie guckt misstrauisch. Sie sei doch nur eine hässliche Eule. Er schüttelt den Kopf, berührt unter Wasser ihre Hände und berichtigt leise: „Pocahontas“. Inzwischen kommen Erich und Annemarie mit einem neuen Boot im Schlepptau an. Joachim steigt ein, während Selma im Wasser bleibt, um ihre knochige Gestalt zu verbergen. Endlich windet sie ihre dünnen Glieder ins Boot und schmiert sich mit Niveacreme ein.

Furzende Wale und kollernde Wolkensäcke

Sie kehren zur Pension zurück. Zum Mittagessen gibt es Blumenkohl. Annemarie ist begeistert. Allerdings kommen zunächst busseweise Schulklassen angefahren, die alle im Wirtshaus durchgefüttert werden. Interessiert betrachten die Männer die appetitlichen Fünfzehnjährigen. Joachim blättert kurz im in der Pension herumliegenden Strafgesetzbuch und liest nach, welche Umstände sich auf den Tatbestand „Verführung Minderjähriger“ verschärfend auswirken. Selma und Annemarie ziehen sich zum Mittagsschlaf zurück, während Erich im Zimmer Brot, Käse, Wurst und Ananas aus der Dose in sich hineinstopft. Joachim spricht von der Angst vor dem Altern. Er hat das Gefühl, dass mit Ende 30 schon all seine „Verschlüsse undicht“ sind. Erich lässt daraufhin einen langen, rasselnden Furz los, der Anlass gibt zu Spekulationen, ob auch Wale an Blähungen leiden.

„Lembruch : das Neue Kurhaus, modern mit Stromlinie und flachem Dach : ,Die Dinger wer’n doch immer tankstellenähnlicher !‘ : ,Sint ja ooch welche.‘“ (Joachim und Erich, S. 14)

Später gehen Joachim und Selma allein zur Bootsanlegestelle und fahren noch einmal hinaus. Unter Wasser küsst er sie. Dann klettern sie zurück ins Boot und küssen einander so lange, dass sie fast ohnmächtig werden. Doch in der Zwischenzeit hat sich ein heftiges Gewitter über ihnen zusammengebraut, und Joachim drängt zum Aufbruch. Sie rudern zurück und rennen in winddurchwehten Kleidern zum Gasthaus.

Ein Sektkorken als Trophäe

Annemarie geht Joachim zunehmend auf die Nerven, und er kann sich seine bissigen Bemerkungen nicht verkneifen. Annemarie rächt sich, indem sie für alle hörbar aus dem Nähkästchen plaudert: 30 Morgen Land werde Selma erben, der alleinige Anreiz für den Verlobten, sich an sie ranzuschmeißen. Bei einem gemeinsamen Abendspaziergang fragt Selma Joachim, warum er sie Pocahontas nennt. Die Antwort „indianische Prinzessin“ entlockt Annemarie neidische Blicke. Erich streichelt ihr beschwichtigend den fetten Rücken.

„So mild war die Luft, dass man hätte Cremeschnitten damit füllen können (…)“ (S. 20)

Zurück im Wirtshaus kommentiert Erich die Abendnachrichten: Er schimpft auf die russlandfeindliche Politik der Westmächte und die Wiederbewaffnung, während Joachim das fehlende Rückgrat der evangelischen Kirche beklagt. Als Erich Sekt bestellt, lässt Annemarie den vergoldeten Korken in ihrer Handtasche verschwinden; zum späteren Angeben bei ihren Kolleginnen, vermutet Joachim verächtlich. Schließlich kündigt er für den nächsten Tag eine „ungewöhnlich lange Venusbedeckung“ an. Heiteres Gelächter am Tisch. Für etwas muss seine Gelehrsamkeit schließlich gut sein, denkt Joachim.

Undine im Dümmer

Selma und Joachim gehen allein in der bäuerlichen Gegend spazieren. Ihre dünne Gestalt kommt ihm nun nicht mehr hager, sondern schlank und anmutig vor. Er fragt sie, was sie denn so lese. Als sie Kant erwähnt, führt er sie mit zwei angeblich von Kant stammenden Zitaten an der Nase herum. Es folgt bedrücktes Schweigen. Lieber isst sie ein Eis und geht noch einmal schwimmen. Dann klettert sie ins Boot und schaut sich nervös um, damit auch ja niemand sie beobachte. Schließlich entspannt sie sich. Die beiden streicheln einander, deuten die märchenhaften Wolkengestalten über ihren Köpfen und küssen einander die Narben ihrer Pockenimpfungen.

„(Wir ritten sausend aufeinander davon : durch haarige Märchenwälder, Finger grasten, Arme natterten, Hände flogen rote Schnapphähne, (Nägel rissen Dornenspuren), Hacken trommelten Spechtsignale unter Zehenbüscheln, in allen Fußtapfen schmachteten Augen, rote Samtmuscheln lippten am Boden, kniffen mit Elfenbeinstreifen aus denen Buchstaben schimmerten, Flüster saugten, Säfte perlten, abwechselnd, oben und unten.)“ (Joachim, S. 44)

Sie gehen schnell etwas essen und kehren direkt zum See zurück. Joachim füttert die neben dem Boot herschwimmende Selma vom Bootsrand aus mit Mirabellen. Dann taucht sie ab und angelt Wasserpflanzen, Schlamm und Teichmuscheln vom Seeboden. Als sie seinen Namen mit den Fingern ins Wasser schreibt, nennt Joachim das einen „Undinentrick“ und erzählt ihr die traurige Geschichte von dem mythischen Wasserwesen. Sie paddeln hinüber zur Lembrucher Seeseite und treffen dort Annemarie und Erich. Letzterer pfeift ein anzügliches Liedchen und zwinkert vieldeutig. Die beiden wollen sich in der kommenden Nacht beim Preistanz im Kurhaus vergnügen.

Ritt durch den Märchenwald

Selma steigt durchs Fenster in Joachims Zimmer. Sie haben wilden Sex miteinander und essen danach Feigenpudding aus der Dose. Beide haben sich einen schlimmen Sonnenbrand zugezogen. Joachim cremt Selma die heiße Haut ein und nennt sie seine „rote Alpha=Riesin“. Im Wirtshaus bestellt er Malzbier und Speckkuchen, den sie ganz allein aufisst. Die Radionachrichten geben Joachim erneut Anlass, sich über Adenauer aufzuregen: Seiner Meinung nach hat dieser im Stil einer Gegenreformation die evangelische Kirche für seine katholische Agenda eingespannt. Zurück im Zimmer übergibt sich Selma in den Nachttopf und schläft kurz danach völlig erschöpft ein. Joachim entleert den Topf in die Toilette. Am frühen Morgen, als sie Erich und Annemarie die Treppe hochkommen hören, verschwindet Selma schnell durch das Fenster zurück in ihr eigenes Zimmer.

Uthutze und Pultuke

Wieder gehen Selma und Joachim allein spazieren: Annemarie und Erich wollen mit dem Motorrad nachkommen. Der Wind spielt mit Selmas Glockenrock. Am Moorloch neben dem Fluss Hunte redet Joachim über die steinzeitlichen Bewohner der Gegend, und sie stellen sich vor, in deren Rollen zu schlüpfen: Er verwandelt sich in Uthutze, sie in Pultuke. Ausgelassen fantasieren sie über das Jagen von Elchen, das Braten von Luchsen, das Gerben von Bärenfellen und über mit Wolfspelz gefütterte Hausschuhe. Nur bei der Vorstellung, Seife aus Holzasche und Ziegentalg herzustellen, verliert Selma die Lust am Steinzeitleben. Von hinten kommen Erich und Annemarie herangebraust. Er hat einen Flachmann – „gegen Schlangenbisse“ – in der Hand, sie isst Kirschen mit offener Bluse. Nach einem kurzen Wortgeplänkel über das wilde Sexleben der Höhlenmenschen drehen die beiden wieder ab in Richtung Kurhaus. Erich ruft ihnen beim Wegfahren zu, dass die vier doch paarweise zusammenziehen sollten.

„Ich ? : Atheist, allerdings ! : Wie jeder anständige Mensch ! (…)“ (S. 46)

Der nächste Krieg werde sie alle in die Steinzeit zurückkatapultieren, gibt sich Joachim überzeugt. Für den Fall wünscht er Selma einen netten Uthutze. Aber ihr ist das Lachen vergangen. Sie möchte für immer seine Pocahontas bleiben, ganz ohne Geld- und Schwangerschaftssorgen. Dann fügt sie mutlos hinzu: Er würde sich ohnehin eine andere angeln, eine, die nicht aussieht wie eine Vogelscheuche.

Neblige Geisterstunde

Wieder fahren sie im Boot raus. Vom ständigen Reinklettern hat Selma überall blaue Flecken an den Beinen. Joachim fragt, ob sie einfach ins Schilf fahren und es im Boot treiben wollen? Doch Selma winkt ab: viel zu wacklig! Als er ihr verschiedene obskure Fischnamen („Kilbs, Tabarre, Plieten, Chasol, Döbel“) aufzählt, gesteht sie ihm eine Jugendromanze mit ihrem Chemielehrer, der Döbel hieß. Bevor das übliche Nachmittagsgewitter aufzieht, verlassen sie den See, nicht ohne dem Bootsvermieter anzukündigen, dass sie abends wiederkommen wollen.

„Fahrt durch Nebeltunnel : schwarzer Wasserestrich, mattseidene Tonnengewölbe (einmal drohten zahllose Säbelspitzen aus der Mauer; drang ein merkwürdig scharfer Strahl in unsere Schichtwelt).“ (S. 61)

Am Abend zieht Selma mit in Joachims Zimmer ein und sie packen Selmas Sachen aus: Kölnisch Wasser, rotes Mundwasser, grüne Zahnpasta, ein getigerter Pyjama, ein Reisebügeleisen und Tampons. Nach Mitternacht fahren sie im Mondschein noch einmal auf den See hinaus. Das Abenteuer zur Geisterstunde erregt Selma ungemein. Sie trinken Schnaps und küssen sich im fahlen, mondbeschienenen Nebel, umgeben von Binseninseln und Schilfwildnis. Im Morgengrauen schlottert Selma vor Kälte und brabbelt müde vor sich hin. Mit Mühe bringt Joachim sie zur Pension zurück. Im Bett legt er die Arme schützend um sie. Selma schmiegt sich an ihn und schläft sofort ein.

Ein See aus Tränen

Am nächsten Tag regnet es in Strömen. Die vier sitzen im Gastzimmer, und Joachim und Erich vertreiben sich die Zeit mit Schach. Nach einem Remis blättern sie in Illustrierten und kommentieren das Weltgeschehen, darunter auch den grotesken Versuch des Vatikans, die neuen Theorien zur Entstehung der Welt mit der christlichen Schöpfungsgeschichte zu vereinbaren. Die Männer sind sich einig, dass Religion Mist ist.

„,Na, da wolln wer erssma …‘ und wir marschierten zurück, ,weiter penn‘ : verdammte Fützen !‘.“ (S. 61)

Trotz des Wolkenbruchs gehen Selma und Joachim noch einmal hinaus und fahren mit dem Bus zum Moor. Es ist, als habe sich zum Abschied alles gegen sie verschworen: der Regen, die nassen, schwarzen Baumstämme, die krächzenden Krähen. Selma heult Rotz und Wasser. Einmal habe sie mit ihrem Lehrer geschlafen, damals mit 15, erzählt sie tonlos. Und zuletzt mit ihrem Verlobten, der nur scharf sei auf den Hof. Sie lacht quakend. Was habe er, Joachim nur in ihr gesehen? Völlig durchnässt kehren sie ins Gasthaus zurück. Zum Abendessen bestellt Erich Aal für alle, und Annemarie meint scheinheilig, dass sie jetzt, nach der unreinen Speise, wenigstens etwas zu beichten habe. Selma gesteht zu Joachims großer Erleichterung, dass die kannibalischen Kirchengebräuche sie immer angewidert hätten. Beim Packen bekommt sie ihre Periode, was sie sichtlich erleichtert. Nach einer kurzen Nacht gehen sie frühmorgens zur Bushaltestelle. Selma und Joachim schmiegen noch einmal die Wangen aneinander, während Erich Annemarie seine Armbanduhr schenkt. Dann verschluckt der Bus die Frauen und fährt davon.  

Zum Text

Aufbau und Stil

Seelandschaft mit Pocahontas ist ein virtuoses Spiel mit den Sinnen und dem Verstand des Lesers. Auf der visuellen Ebene „klebt“ Arno Schmidt vor jedes der 18 Kapitel ein „Foto“: durch Textkasten abgetrennte szenische Momentaufnahmen, untermalt von Geräuschen und Gesprächsfetzen im phonetisch nachgebildeten Alltagsjargon, die sich lose in die darauffolgenden „Kleinbruchstücke“ (Arno Schmidt in einem Essay) einfügen. Der Prozess ist mit dem Durchblättern alter Familienalben vergleichbar: Die Bilder beschwören Erinnerungsfetzen herauf, ohne sich je zu einer vollständigen Geschichte zusammenzufügen. Und während die ersten Momente noch fotografisch realistisch wirken, verschwimmen sie im Lauf der Erzählung zu traumhaften, expressionistischen oder gar surrealistischen Bildern. Etwa wenn sich bei aufziehendem Gewitter „alte behaarte Wolkenmännchen“ am Horizont wälzen und „monochrom“ rülpsen oder ein zärtliches Liebesspiel so beschrieben wird: „im Seegras klafften Augenmuscheln; ein Gebiss schwamm heran und fraß sich fest : !“ Zugleich versteckt Schmidt in dem Text zahllose literarische Zitate, Verweise auf  griechische oder sonstige Mythologie, auf die aktuelle Nachrichtenlage, auf dumme Werbung und idiotische Gassenhauer. Ein Schatz, den der Leser mithilfe eines Kommentars aus den Tiefen der Schmidt’schen Belesenheit heben kann oder – auf seichteren Gewässern paddelnd und die malerische Landschaft genießend – auch gern ignorieren darf.

Interpretationsansätze

  • Der Kurzroman handelt vom vergeblichen Versuch eines Neuanfangs nach den Traumata der Kriegs- und Nachkriegszeit. Die Kosenamen „Pocahontas“ und „Undine“, die Joachim für seine Geliebte wählt, nehmen das traurige Ende vorweg: Schließlich starb die Indianerprinzessin Pocahontas nach einem Besuch in England (wohl an Pocken). Und das Wasserwesen Undine versetzte dem Ritter Huldbrand – in der 1811 erschienenen Version von Friedrich de la Motte Fouqué – den Todeskuss. In beiden Fällen scheitert das Happy End an unüberbrückbaren Gräben zwischen zwei Welten, und auch Selma muss zurück „unter die groben Leute“.
  • Für alle Beteiligten sind die Tage am Dümmer eine Flucht auf Zeit: Erich betäubt sich mit Essen, Alkohol und Sex; Annemarie mit der Illusion eines mondänen Lebens; und Selma und Joachim heben ab in fantastische Traumwelten und erotische Abenteuer – nur um kurz darauf in der engen und muffigen Wirklichkeit der Adenauer-Ära zu landen. Außerhalb dieser Fluchtwelten bleiben die beiden einander fremd, was auch darin zum Ausdruck kommt, dass Selma Joachims wahre Identität nie erfährt.
  • Naturliebe und Menschenhass gehen bei Arno Schmidt Hand in Hand: Während er der Dümmerlandschaft und seinen tierischen Bewohnern eine zärtliche Liebeserklärung widmet, kommt der Mensch mit zunehmendem Alter schlechter weg. Der Autor führt seine Leser durch ein an die Gemälde von Hieronymus Bosch erinnerndes Horrorkabinett von furzenden, frömmelnden, feisten und dummen Fratzen mit Speckwänsten, Glatzen, Beinkegeln und Matronenschnurrbärten.
  • Die Erzähltechnik der scheinbar willkürlich beleuchteten Augenblicke und Geräusche erzeugt beim Leser ein dumpfes Gefühl der Entfremdung, auch weil die akustischen und visuellen Momentaufnahmen keine schlüssige Geschichte ergeben. Vielmehr wirken sie wie ein Film, den ein leicht angetrunkener Cutter zusammengeschnitten hat.
  • Nach Ansicht des Autors ist die Linearität von Zeit reine Illusion: Vielmehr müsse man sich Zeit als Fläche vorstellen, auf der Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft gleichzeitig stattfinden – und wahrhaftige Prosa sollte sie genauso darstellen. 

Historischer Hintergrund

Schwamm drüber!

Wirtschaftlicher Neuanfang und die Re-Christianisierung Deutschlands: Unter diesem Motto standen die frühen 1950er-Jahre mit der Kanzlerschaft Konrad Adenauers. Nach Adenauers Lesart war der Geist des christlichen Abendlandes unbefleckt aus der Barbarei des Dritten Reiches hervorgegangen, und alles, was diese Sicht in Zweifel zog, wurde geflissentlich unter den Teppich gekehrt. Es war aktives Vergessen angesagt: Ab 1951 wurden beschuldigte Berufsbeamte und Soldaten, die aufgrund der Entnazifizierungspolitik der Alliierten ihre Posten verloren hatten, wieder in Amt und Würden gehoben. Auch die amerikanischen Bündnispartner hatten längst das Interesse an der Vergangenheitsbewältigung verloren – schließlich saß der neue Feind nun im Osten.

Die Folgen dieser Politik zeigten sich auch im christlich geprägten ländlichen Raum: Die Sozialistische Reichspartei (SRP), eine offen neonazistische Partei, kam bei der niedersächsischen Landtagswahl 1951 aus dem Stand auf 11 Prozent der Stimmen. In 35 Gemeinden errang sie die absolute Mehrheit – vor allem dort, wo viele Flüchtlinge aus den ehemaligen deutschen Ostgebieten untergekommen waren. Niedersachsen hatte mit 27 Prozent Anteil an der Wohnbevölkerung besonders viele der sogenannten Heimatvertriebenen aufgenommen, und die Arbeitslosigkeit lag hier mit 14 Prozent überdurchschnittlich hoch. Im Oktober 1952 wurde die SRP schließlich verboten.

Welches Ausmaß das institutionalisierte Vergessen in manchen Gegenden annahm, zeigt ein Beispiel aus dem Osnabrücker Raum: In einer katholischen Dorfvolksschule bei Bramsche lernten die Kinder noch bis in die 1950er-Jahre das Bekenntnis zum Deutschen Reich in den Grenzen von 1937. Der spärliche Geschichtsunterricht ging nicht über die siegreiche Schlacht der Germanen über die Römer im nahen Teutoburger Wald hinaus. Und wenn die im Krieg Geborenen Fragen stellten, hieß es sinngemäß oft nur: „Schwamm drüber!“

Entstehung

Dass die Deutschen ihre junge Demokratie so bereitwillig auf einer Lebenslüge aufbauten, machte Arno Schmidt rasend. Er und seine Frau Alice waren selbst Vertriebene, die noch bis 1955 in ärmlichsten Verhältnissen in Notunterkünften lebten. Im Sommer 1953 waren sie in Kastel an der Saar, als Alice vom Reisefieber gepackt wurde. Arno sah in dem von ihr gewünschten Urlaub „pure Zeit- und Geldverschwendung“ – er wollte lieber Möbel kaufen. Doch seine Frau überzeugte ihn mit dem Hinweis auf einen Bahnrabatt für Flüchtlinge, der nur noch bis Ende Juni galt. Neben einer Fahrt nach London war der fünftägige Aufenthalt am Dümmer See der einzige gemeinsame Urlaub, zu dem sich Schmidt je überreden ließ – und das rieb der notorische Griesgram seiner Frau täglich unter die Nase. „Arno allerdings kann auch heute das Meckern nicht unterdrücken“, schrieb sie in ihr Tagebuch.

Das Tagebuch war für Arno die „E1-Ebene“, also der nackte, reale Kern für seine experimentelle Prosa. Gewisse Passagen übernahm er daraus wortwörtlich – vom „nieseligen“ Gast aus Münster über schmerzhafte Sonnenbrände bis hin zu einer beherzten Hummelrettungsaktion auf dem See. Der Autor hatte die Geschichte noch vor Reiseantritt in groben Zügen skizziert, und erstmals verarbeitete er in dem Buch 638 jener Notizzettel, deren Gebrauch er später in Zettel’s Traum programmatisch auf die Spitze trieb. Schmidt sah sich als extremen Realisten. Er hielt eine Aufeinanderfolge aufregender Ereignisse in der Literatur für pure Fiktion. Um gar nicht erst die Illusion einer Handlung aufkommen zu lassen, wollte er lieber „Zustände, Denkweisen, Funktionen und Befindlichkeiten“ darstellen und dem Volk genau aufs vulgäre Maul schauen – selbst wenn aus dem Unappetitliches wie „Blumänn-kohl“ oder „Fallsde Eene anknallst!“ herausquoll. 1955 erschien Seelandschaft mit Pocahontas in Alfred Anderschs Literaturzeitschrift Texte und Zeichen. Alice war restlos begeistert: Nur ein wirklich großer Mann hätte „aus diesem fast Nichtgeschehen eine solch sprühende Erzählung“ schreiben können.

Wirkungsgeschichte

Viele waren jedoch anderer Meinung. Der Kurzroman laufe auf „eine dumme, geile und also provinzielle Affaire“ hinaus, „in der es unter fadenscheinigen Vorwänden auf nichts weiter als aufs Rammeln ankommt“, befand FAZ-Herausgeber Karl Korn. Und ein Rezensent der katholischen Wochenzeitung Echo der Zeit fand den Text so unerträglich, dass er den juristischen Tatbestand der „Verletzung religiöser Gefühle“ gegeben sah. Tatsächlich erstatteten zwei Kölner Rechtsanwälte im April 1955 Strafanzeige: Die gotteslästerliche, „unzüchtige Schrift“ enthalte Stellen, die „das Scham und Sittlichkeitsgefühl gesund empfindender Menschen in geschlechtlicher Hinsicht“ verletzen könnten. Alice und Arno reagierten panisch, erwogen die Emigration in die Schweiz oder sogar in die „Ostzone“. Nach mehreren Umwegen wurde das Verfahren 1956 unter Berufung auf die Kunstfreiheit eingestellt. Die meisten Weggefährten Schmidts zeigten sich vom Skandal unbeeindruckt. Für Walter Kempowski war Seelandschaft mit Pocahontas Arno Schmidts „wohl schönste Liebesgeschichte“, und Günter Grass erklärte sie zu seiner Lieblingserzählung. Heute empfehlen Schmidt-Fans sie all jenen als Einstiegsdroge, die bisher um den ansonsten höchst schwierigen Experimentalautor Schmidt einen großen Bogen gemacht haben. 

Über den Autor

Arno Schmidt wird am 18. Januar 1914 in Hamburg geboren. Kaum kann er lesen, macht er sich über jedes gedruckte Stück Papier her. Er ist, nach eigener Aussage, zum „Bibliophagen und zur Isolation prädestiniert“. Nachdem sein Vater, ein Polizeibeamter, stirbt, siedelt die Familie 1928 nach Lauban in Schlesien über. 1934 beginnt Schmidt mit einer kaufmännischen Lehre, die er drei Jahre später abschließt. Er arbeitet als Lagerbuchhalter in einer schlesischen Textilfabrik. 1937 heiratet er seine Kollegin Alice Murawski. Im Zweiten Weltkrieg kommt Schmidt zur Artillerie, er kämpft im Elsass sowie in Norwegen. Nach einem Einsatz in Niedersachsen gerät er in britische Kriegsgefangenschaft. Als der Krieg vorbei ist, arbeitet Schmidt an der Hilfspolizeischule Benefeld als Dolmetscher für Englisch. Noch bis 1955 müssen er und seine Frau in Notunterkünften leben, zunächst in Niedersachsen und dann, nach seiner Umsiedlung nach Rheinland-Pfalz, in Gau-Bickelheim. 1949 erscheint mit Leviathan die erste Erzählung des Autors. 1955 wird Seelandschaft mit Pocahontas veröffentlicht, ein Werk, das ihm eine Anzeige wegen „Gotteslästerung und Pornografie“ einbringt. Wieder muss Schmidt sich „umsiedeln“ lassen, diesmal vom katholischen Kastel an der Saar ins protestantische Darmstadt. Seinen Ruhepunkt findet er im niedersächsischen Bargfeld, wo er sich mit finanzieller Unterstützung des Malers Wilhelm Michels ein Holzhaus kauft. Hier führt er fortan als freier Schriftsteller ein relativ abgeschiedenes Leben. Seine literarische Arbeit kulminiert 1970 im Hauptwerk Zettel’s Traum. Damit wird er endgültig zu einem Außenseiter der deutschen Literatur: Seine avantgardistische Prosa passt in kein Schema und kann keiner literarischen Strömung zugeordnet werden. Drei Jahre später verleiht ihm die Stadt Frankfurt am Main den Goethepreis. Neben seinem eigenen Werk tritt er als Übersetzer von James Fenimore Cooper, William Faulkner und Edgar Allan Poe hervor. Sein Interesse an Karl May führt zu Sitara und der Weg dorthin, einer Studie über den Abenteuerschriftsteller (1963). Arno Schmidt stirbt am 3. Juni 1979 an den Folgen eines Hirnschlags in Celle. 


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