Zusammenfassung von Tonio Kröger

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Tonio Kröger Buchzusammenfassung

Literatur­klassiker

  • Künstlerroman
  • Moderne

Worum es geht

Der Künstler als verirrter Bürger

Tonio Kröger zählt zu den beliebtesten Prosastücken Thomas Manns. Besonders junge Leser identifizieren sich mit der Titelfigur, einem unglücklich Liebenden, der zwischen der Verachtung für die Banalität des bürgerlichen Lebens und der Sehnsucht nach dem gewöhnlichen menschlichen Glück hin- und hergerissen ist. Die Lektüre bietet zudem tiefe Einblicke in die Persönlichkeit und künstlerische Entwicklung Thomas Manns, der die Novelle als sein „literarisches Lieblingskind“ bezeichnete. Sicher, es gibt Werke dieses Autors, die spannender, bewegender und unter ästhetischen Gesichtspunkten raffinierter sind. Aber die Erzählung überzeugt auch nach über einem Jahrhundert noch durch ihre kristallklare, elegante Sprache und ihre geradezu musikalisch komponierte Struktur. In keinem anderen Werk hat der Schriftsteller seine persönlichen Überzeugungen so eindringlich dargelegt. Das Ausgeschlossensein von der Welt der normalen Bürger ist für den Künstler, wie Mann ihn versteht, schmerzhaft, zugleich aber die Voraussetzung für sein literarisches Schaffen. Wer Thomas Mann noch nicht kennt, für den ist diese Erzählung der ideale Einstieg.

Take-aways

  • Tonio Kröger handelt vom unüberbrückbaren Gegensatz zwischen Künstler und Bürger, Geist und Leben.
  • Inhalt: Tonio Kröger, Schriftsteller und Spross einer im Verfall begriffenen Kaufmannsfamilie, fühlt sich weder der Künstler- noch der Bürgerwelt zugehörig. Die unerfüllte Sehnsucht nach dem gewöhnlichen Glück ist die Quelle seines Leids und zugleich seines literarischen Schaffens.
  • Mann legt seiner Hauptfigur das eigene Credo in den Mund: Der wahre Künstler hütet sich vor Pathos und großen Gefühlen und verbirgt seinen Schmerz hinter der Maske der Ironie.
  • Die Erzählung bietet wenig Handlung, dafür Stimmungen, Eindrücke, Beobachtungen und Beschreibungen.
  • Eine Vielzahl von Leitmotiven verleiht dem Text eine fein komponierte musikalische Struktur.
  • Die Werke der Philosophen Arthur Schopenhauer und Friedrich Nietzsche übten großen Einfluss auf Thomas Mann aus.
  • Aufgrund zahlreicher autobiografischer Bezüge, insbesondere der homoerotischen Veranlagung der Titelfigur, liest sich Tonio Kröger als persönliches Bekenntnis Manns.
  • Der Autor bezeichnete die sehr erfolgreiche Erzählung rückblickend als sein „literarisches Lieblingskind“.
  • Tonio Kröger wurde 1964 mit Nadja Tiller und Mathieu Carrière verfilmt.
  • Zitat: „Es ist aus mit dem Künstler, sobald er Mensch wird und zu empfinden beginnt.“
 

Zusammenfassung

Tonio Krögers innere Zerrissenheit

Der 14-jährige Tonio Kröger geht nach der Schule mit seinem Freund Hans Hansen auf den Wallanlagen ihrer norddeutschen Heimatstadt spazieren. Beide entstammen wohlhabenden Kaufmannsfamilien, ihre Väter bekleiden hohe öffentliche Ämter in der Stadt. Äußerlich stehen die beiden Jungen in starkem Kontrast: Hans ist außerordentlich hübsch, blond, hat stahlblaue, scharf blickende Auge, breite Schultern und schmale Hüften. Tonio mit seinen dunklen, verhangenen Augen hat dagegen etwas Südländisches, Träumerisches und Weiches. Tonio liegt sehr viel an dem Spaziergang mit Hans, denn er liebt den Kameraden, allerdings ohne dass seine Liebe im gleichen Maß erwidert würde. Trotz seines jugendlichen Alters hat Tonio bereits die Erfahrung gemacht, dass der stärker Liebende immer der Schwächere, Unterlegene in einer Beziehung ist.

„Wer am meisten liebt, ist der Unterlegene und muss leiden – diese schlichte und harte Lehre hatte seine vierzehnjährige Seele bereits vom Leben entgegengenommen (...).“ (über Tonio, S. 9)

Tonio Kröger ist ein introvertierter, grüblerischer Junge, der bei seinen Lehrern und Mitschülern nicht besonders beliebt ist. Die Schule interessiert ihn nicht. Seine Lehrer verachtet er, denn er hat ihre Schwächen längst durchschaut. Er fühlt sich fremd unter seinen Altersgenossen, träumt vom Meer und liebt es, auf seiner Geige zu spielen und Gedichte zu verfassen. Sein Vater, Konsul Kröger, ist über Tonios schlechte Zensuren besorgt, während die Mutter Consuelo, eine schöne, schwarzhaarige Frau aus dem Süden, sich um die Zeugnisse ihres Sohnes kaum kümmert. Tonio liebt seine Mutter, die ein wenig liederlich ist, die musiziert und sich nicht um das Gerede der Leute schert. Zugleich respektiert er die strenge Haltung des Vaters und teilt dessen Auffassung, dass mangelhafte schulische Leistungen bestraft gehören.

Das Besondere als Makel

Tonio liebt Hans Hansen, gerade weil dieser ganz anders ist als er selbst: ein guter Schüler, sportlich, aktiv, unter Kameraden und Lehrern gleichermaßen beliebt. Er beneidet ihn um seine offene, bodenständige Art, versucht aber auch, ihn in seinem Sinne zu beeinflussen, indem er ihn in ernste Gespräche über Literatur verwickelt. Als Tonio auf dem Spaziergang von Schillers Don Carlos erzählt, zeigt Hans zunächst sogar etwas Interesse, wie immer, wenn die beiden unter sich sind. Als jedoch ein anderer Junge, mit dem er seine Leidenschaft für den Reitsport teilt, hinzukommt, nennt Hans Tonio nur bei seinem Nachnamen – was dieser als deutliche Zurückweisung empfindet.

„Denn das Glück, sagte er sich, ist nicht, geliebt zu werden; das ist eine mit Ekel gemischte Genugtuung für die Eitelkeit. Das Glück ist, zu lieben und vielleicht kleine, trügerische Annäherungen an den geliebten Gegenstand zu erhaschen.“ (über Tonio, S.

Tonio leidet unter seiner Besonderheit, die schon in seinem fremdartigen Vornamen zum Ausdruck kommt. Er fühlt sich von allem Ordentlichen und Gewöhnlichen ausgeschlossen und trotz der hohen sozialen Stellung seiner Familie mitunter wie ein Zigeuner.

Zwei Jahr später – Tonio hat Hans inzwischen vergessen – besucht er einen Tanzkurs, den der eitle und affektierte Ballettmeister François Knaak für die Söhne und Töchter der städtischen High Society gibt. Die dunkelhaarige, ernste und etwas ungeschickte Magdalena Vermehren ist an Tonio interessiert, der aber schwärmt für die blonde und beliebte Ingeborg Holm, die ihn wiederum kaum beachtet. Als Tonio beim Tanzen ein Missgeschick passiert, ruft dies allgemeinen Spott hervor. Er empfindet Trauer darüber, dass Ingeborg sich niemals für ihn interessieren wird und dass er vom einfachen Leben der anderen für immer ausgeschlossen sein wird.

Kunst und Leben – ein ewiger Gegensatz

Nach dem Tod von Tonios Vater geht es mit den Krögers bergab. Das Familienunternehmen, ein einstmals florierender Getreidehandel, wird aufgelöst, das große Haus steht zum Verkauf, die Mutter zieht mit einem Musiker in den Süden. Auch Tonio verlässt seine Heimatstadt, unschlüssig darüber, was er einmal werden soll. Er fühlt sich erhaben über das gewöhnliche Leben und zu höheren geistigen Dingen berufen. Er durchschaut die Menschen und erblickt die Leere hinter ihren großen Worten. Sein Hochmut macht ihn einsam, zugleich aber findet er Gefallen an seiner sprachlichen Ausdruckskraft.

„Er lebte in großen Städten und im Süden, von dessen Sonne er sich ein üppigeres Reifen seiner Kunst versprach; und vielleicht war es das Blut seiner Mutter, welches ihn dorthin zog.“ (über Tonio, S. 38)

In den Städten des Südens, in denen Tonio jetzt lebt, führt er ein ausschweifendes Leben, ohne jemals Liebe zu empfinden. Gewissensbisse und Schuldgefühle belasten ihn, er ekelt sich vor der eigenen Sinneslust und sehnt sich nach Reinheit und geistiger Tätigkeit. Dieser ständige Zwiespalt schadet zwar seiner Gesundheit, nutzt jedoch seiner Kunst, die mit der Zeit immer feiner und erlesener wird. Tonio arbeitet verbissen an seinem dichterischen Werk, wohl wissend, dass gute Kunst nur in Kombination mit Leid entstehen kann.

Der wahre Künstler ist kalt und unmenschlich

Inzwischen ist Tonio über 30 Jahre alt und ein berühmter Schriftsteller. In München, seiner neuen Heimatstadt, verwickelt er die russische Malerin Lisaweta Iwanowna in ein Gespräch über die Kunst. Entgegen der allgemeinen Auffassung, so erklärt Tonio, dürfe der Künstler nicht zu stark empfinden; andernfalls laufe er Gefahr, sentimental, unironisch oder gar pathetisch zu werden. Was der Künstler zu sagen habe, dürfe ihm nicht zu sehr am Herzen liegen und müsse eher beiläufig geäußert werden. Um Menschliches wirkungsvoll darstellen zu können, müsse er über allen banalen menschlichen Gefühlen stehen. Eine gewisse krankhafte emotionale Kälte sei demnach die Voraussetzung für gute Kunst; gesunde, starke Gefühle hingegen stünden der künstlerischen Gestaltungsfähigkeit und dem Formwillen im Weg.

„Beherrscht dich ein Gedanke, so findest du ihn überall ausgedrückt, du riechst ihn sogar im Winde.“ (Tonio zu Lisaweta, S. 43)

Künstler zu sein, führt Tonio weiter aus, sei kein bürgerlicher Beruf, sondern ein Fluch, den man wie ein Zeichen auf der Stirn trage. Schon in frühen Jahren fühle der Künstler, dass er im Gegensatz zum Normalen, Ordentlichen stehe. Ein tiefer Abgrund trenne ihn von den anderen Menschen. Diese durchschaue er zwar, könne sich jedoch nicht mit ihnen verständigen. Der Künstler habe etwas Kaltes, Verletzliches, zutiefst Befremdliches, das ihn aus der Masse der Menschen heraushebe.

„Denn das, was man sagt, darf ja niemals die Hauptsache sein, sondern nur das an und für sich gleichgültige Material, aus dem das ästhetische Gebilde in spielender und gelassener Überlegenheit zusammenzusetzen ist.“ (Tonio zu Lisaweta, S. 45)

Die Kunst der Literatur besteht nach Tonios Ansicht darin, durch Worte Gefühle zu analysieren und kaltzustellen, sie sozusagen auf Eis zu legen und damit zu erledigen. Warmherzigkeit und ehrliche Begeisterung dagegen brächten in der Kunst nur Dilettantismus hervor. Dabei ziehe es den wahren Künstler gar nicht zum Ungewöhnlichen und Exzentrischen hin. Vielmehr verspüre er eine tiefe und unstillbare Sehnsucht nach einem banalen, normalen Leben, nach Freundschaft und menschlichem Glück. Gerade dieser schmerzlich empfundene Gegensatz sei es, der seine Kunst nähre.

Als Fremder in der Heimatstadt

Kurze Zeit nach dem Gespräch mit Lisaweta reist Tonio nach Dänemark und damit zum ersten Mal seit 13 Jahren wieder in den Norden, wo es ihn inzwischen mehr hinzieht als in den heißen, verwegenen Süden. Seine nahe der Ostsee gelegene Heimatstadt, in der er Station macht, erscheint ihm nach all der Zeit vertraut und doch irgendwie unwirklich. Er nimmt ein Zimmer im besten Hotel der Stadt, wo man dem Fremden misstrauisch begegnet, und fällt in einen tiefen, von verworrenen Träumen begleiteten Schlaf.

„Das Gefühl, das warme, herzliche Gefühl ist immer banal und unbrauchbar, und künstlerisch sind bloß die Gereiztheiten und kalten Ekstasen unseres verdorbenen, unseres artistischen Nervensystems.“ (Tonio zu Lisaweta, S. 45)

Am nächsten Morgen spaziert er ziellos durch die Stadt, bis er schließlich zu seinem Elternhaus gelangt, das er durch einen offenen Nebeneingang betritt. Zu seiner Verwunderung ist in dem alten Gebäude nun die städtische Volksbibliothek untergebracht. Dabei haben seiner Ansicht nach weder das Volk noch die Literatur etwas in seinem Elternhaus verloren! Während er die Regale im Lesesaal abschreitet, steigen wehmütige Erinnerungen in ihm auf: das Frühstück im Familienkreis, der Tod der Großmutter und des Vaters, die ersten eigenen Verse.

„Es ist aus mit dem Künstler, sobald er Mensch wird und zu empfinden beginnt.“ (Tonio zu Lisaweta, S. 46)

Vor Tonios Abreise kommt es zu einem kleinen Zwischenfall. Ein von dem argwöhnischen Hoteldirektor herbeigerufener Polizeibeamter äußert den Verdacht, bei dem fremden Reisenden handle es sich um einen polizeilich gesuchten Betrüger. Da Tonio keine Ausweispapiere besitzt, zeigt er das Manuskript einer Novelle vor, auf dem sein Name steht. Unter Entschuldigungen geleitet ihn der Direktor daraufhin zu der Kutsche, die vor dem Hotel wartet. Tonio ist einerseits gekränkt, dass man ihn mit einem Hochstapler verwechselt hat. Andererseits billigt er das strenge Vorgehen der Polizei, da er sich des Zigeunerhaften seiner eigenen Person bewusst ist und sich dessen in seinem tiefsten Inneren schämt.

Eine Reise in die Vergangenheit

Auf dem Schiff nach Dänemark ist Tonios missmutige Stimmung verflogen. Er genießt die Wiederbegegnung mit der Ostsee, die in ihm Erinnerungen an seine Kindheit und die Sommerfrische am Meer weckt. Da er in der stürmischen Nacht keinen Schlaf findet, steht er noch sehr lange draußen an Deck und blickt zu den Sternen empor. Um ihn herum tost das Meer, das Schiff schaukelt bedrohlich hin und her, und Tonio kämpft mit der Übelkeit. Dennoch verspürt er eine innere Gelöstheit und ein starkes Glücksgefühl.

„Ich sage Ihnen, dass ich es oft sterbensmüde bin, das Menschliche darzustellen, ohne am Menschlichen teilzuhaben.“ (Tonio zu Lisaweta, S. 48)

In Kopenhagen benimmt sich Tonio, wie man es von einem Touristen erwartet: Er spaziert durch die Stadt, sieht sich die Sehenswürdigkeiten an, besichtigt Schlösser – und doch findet er in allem Fremden immer nur das Bekannte. Die Häuser, die feuchte Seeluft, die Gesichter der blonden und blauäugigen Menschen, all das erinnert ihn an seine Heimatstadt und weckt in ihm eine Sehnsucht nach seiner verlorenen Kindheit und Jugendzeit. Auf der Suche nach einem einsamen Strand abseits der üblichen Touristenpfade verlässt er die Hauptstadt. Mit dem Schiff fährt er Richtung Norden an der Küste Seelands entlang, bis er in einem Ort nahe Helsingör ein kleines, weißes Badehotel mit grünen Fensterläden und Blick auf die schwedische Küste findet. Er beschließt, hier eine Weile zu bleiben.

„Sie sind ein Bürger auf Irrwegen, Tonio Kröger – ein verirrter Bürger.“ (Lisaweta, S. 60)

Der Sommer vergeht, und die meisten Feriengäste reisen ab. Tonio genießt die Ruhe im Hotel und die Einsamkeit am Strand. Trotz der Herbststürme geht er täglich hinunter ans wild tosende Meer, das ihn zu rufen und zu locken scheint. Eines Morgens wird er früh durch den leuchtend roten Sonnenaufgang geweckt. Von dem schönen Wetter in euphorische Stimmung versetzt, schwimmt er ins Meer hinaus und geht stundenlang am Strand spazieren. Als er nach seiner Rückkehr im Speisesaal sitzt, beobachtet er im angrenzenden Gesellschaftszimmer und auf der Terrasse die Menschen, die sich unterhalten, essen und Bier trinken. Auf seine Nachfrage erklärt man ihm, es handle sich um Ausflügler, die eine Familienfeier begingen, mit Tanz und Musik am Abend. Plötzlich sieht Tonio Hans Hansen und Ingeborg Holm Hand in Hand durch den Speisesaal gehen und im Nebenraum verschwinden.

Die Sehnsucht nach dem Blonden, Blauäugigen und Bürgerlichen

Den ganzen Tag über fiebert Tonio der abendlichen Tanzveranstaltung entgegen. Als die ersten Walzerklänge ertönen, schleicht er sich heimlich auf die Veranda, von wo aus er ungesehen das fröhliche Treiben im Saal beobachtet. Hans Hansen und Ingeborg Holm sind auch unter den Gästen – blond, blauäugig und genauso gewöhnlich wie einst. Der Anblick der beiden erschüttert Tonio zutiefst. Sein ganzes künstlerisches Schaffen, begreift er auf einmal, zielte nur auf die Anerkennung dieser beiden Personen, die er so sehr geliebt hat. In einer Mischung aus Sehnsucht und Selbsthass gibt er sich dem alten Traum hin, so zu sein wie Hans und Ingeborg: im Einklang mit sich selbst und der Welt, glücklich und gewöhnlich, frei von den Qualen der Erkenntnis und des Schöpferdrangs.

„Mit erhitztem Gesicht hatte er an dunkler Stelle gestanden, in Schmerzen um euch, ihr Blonden, Lebendigen, Glücklichen, und war dann einsam hinweggegangen.“ (über Tonio, S. 107)

Während Ingeborg und Hans gleichgültig über ihn hinwegsehen, zieht Tonio die verlegenen Blicke eines dunklen, mageren, ungeschickten Mädchens auf sich. Schmerzlich wird ihm bewusst, dass, selbst wenn er die größten Kunstwerke der Welt geschaffen hätte, die Blonden und Glücklichen weiter auf ihn herabblicken würden. Überwältigt von Sehnsucht nach dem Gesunden und dem einfachen Glück, verzweifelt und voller Reue über sein krankes, verwüstetes Dasein zieht sich Tonio auf sein Zimmer zurück, wo er seiner Freundin Lisaweta einen Brief schreibt. Er bestätigt ihr, dass sie Recht hatte, als sie ihn einst einen „verirrten Bürger“ nannte, der weder in der Welt des Künstlers noch in der des Bürgers zu Hause ist. Der Gegensatz zwischen Bürger und Künstler ist für Tonio zwar leidvoll, aber zugleich die Quelle seines literarischen Schaffens.

Zum Text

Aufbau und Stil

Thomas Mann bezeichnete Tonio Kröger als Novelle. Doch im Zentrum dieser handlungsarmen Erzählung steht nicht etwa ein außergewöhnliches Ereignis, wie es die klassische Novellenform verlangen würde. Vielmehr werden Beschreibungen, Stimmungen und Reflexionen, die Tonio Krögers Entwicklung zum Künstler markieren, in lockerer Abfolge aneinandergereiht. Herzstück der Erzählung ist der berühmt gewordene Monolog der Hauptfigur über die Kunst, der beinahe essayistisch anmutet. Es gibt im Text zahlreiche Leitmotive, also sich wiederholende sprachliche Wendungen und Bilder – eine Technik, mit der Thomas Mann durch die Beschäftigung mit Richard Wagners Musik vertraut war. Diese Leitmotive verleihen dem Text eine innere, gleichsam musikalische Struktur. So zieht sich etwa das Motiv des Blonden, Blauäugigen durch die gesamte Erzählung und bildet die Klammer, die die Jugendzeit des Helden mit seinen reiferen Jahren verbindet. Schon in diesem frühen Werk zeichnet sich Thomas Manns Vorliebe für aussagekräftige Namen ab: Der zur einen Hälfte exotisch, zur anderen bürgerlich klingende Name Tonio Kröger beschreibt im Kern bereits den Gegensatz zwischen Geist und Leben, zwischen Künstler- und Bürgertum, der die Hauptfigur prägt.

Interpretationsansätze

  • Die Auffassung vom Leid als Voraussetzung für künstlerisches Schaffen beruht im Wesentlichen auf Thomas Manns Auseinandersetzung mit der Philosophie Arthur Schopenhauers. Dieser sah im Willen die treibende Kraft und die Ursache allen Leids in der Welt. Allein Askese und Entsagung würden Erlösung bieten – und zumindest zeitweise die Beschäftigung mit der Kunst.
  • Der scharfe Gegensatz zwischen Kunst und Leben, zwischen dem Kranken, Dunklen, Melancholischen und dem Gesunden, Hellen, Ordentlichen, von dem die ganze Erzählung lebt, ist deutlich von Friedrich Nietzsche inspiriert, dessen Werk ebenfalls großen Einfluss auf Thomas Mann ausübte.
  • Nach Thomas Manns Idee vom Künstler leidet dieser unter seinem elitären Bewusstsein und Außenseitertum, doch jedes gefühlvolle Pathos liegt ihm fern. Er tarnt seinen Schmerz mit der Maske der Ironie, mit deren Hilfe er seine Überlegenheit wahrt und sich vor dem Mitleid der anderen schützt.
  • Tonio Kröger formuliert in seinem monologartigen Gespräch mit der Malerin Lisaweta das Programm des Ästhetizismus: Kunst ist vor allem Stil, Form und Ausdruck. Inhalt und Wahrheit sind sekundär. Zugleich distanziert er sich von der Arroganz und der ironischen Gleichgültigkeit des Dandys: Nicht das Exzentrische, Raffinierte, Morbide kennzeichnen den wahren Künstler, sondern die heimliche Sehnsucht nach den Freuden des gewöhnlichen Lebens.
  • Tonio Kröger fühlt sich nicht nur aufgrund seines künstlerischen Talents und seiner übersteigerten Sensibilität vom glücklichen, normalen Leben ausgeschlossen, sondern auch wegen seiner homoerotischen Neigungen. Manns ehemaliger Mitschüler Armin Martens, zu dem er eine ebenso leidenschaftliche wie schmerzliche Liebe empfand, ist das Vorbild für Tonio Krögers Jugendschwarm Hans Hansen.
  • Durch die vielen autobiografischen Bezüge liest sich Tonio Kröger als persönliche Bekenntnisschrift Thomas Manns. Zugleich aber spielt der Autor bewusst mit beliebten literarischen Genres seiner Zeit, etwa der Jugenderzählung im Stil Theodor Storms, Hermann Hesses und Robert Musils oder dem klassischen Künstlerroman.

Historischer Hintergrund

Dekadenz und Fin de Siècle

Die Zeit um die Wende vom 19. zum 20. Jahrhundert war von einer Mischung aus Fortschrittsoptimismus und Endzeitstimmung, Technikbegeisterung und Zukunftsangst geprägt. Ein gesteigertes nationales Selbstbewusstsein und der Drang, in der Welt eine größere Rolle zu spielen, bestimmten die deutsche Außenpolitik im Wilhelminischen Zeitalter. Die stetig wachsende Bevölkerung des Kaiserreiches erlebte im Verlauf der fortschreitenden industriellen Revolution einen rasanten wirtschaftlichen Aufschwung und eine Beschleunigung in allen Lebensbereichen – vom Verkehr über die Kommunikation bis hin zu den Anfängen einer modernen Massenkultur. Die Folge war eine nervöse Reizbarkeit, die als Grundstimmung des Wilhelminischen Zeitalters bezeichnet worden ist.

Unter den Anforderungen der neuen Zeit sah das alte Bürgertum seine ökonomische und politische Position bedroht: einerseits durch die Beharrlichkeit des Adels, mit dem es sich die Spitzenpositionen in Staat, Armee und Verwaltung teilen musste, andererseits durch neu aufsteigende Unternehmer. In der Regierung gewannen national gesinnte und konservative Kreise zunehmend an Einfluss. Nicht wenige Zeitgenossen sahen mit der Jahrhundertwende das Ende einer vom demokratischen, liberalen Bürgertum bestimmten Epoche gekommen. Unter vielen Künstlern und Intellektuellen des Fin de Siècle herrschte eine müde Skepsis gegenüber traditionellen bürgerlichen und moralischen Werten sowie ein Hang zum raffinierten Genuss vor. Dem Lebensgefühl der Dekadenz, das sich in überfeinerter Sinnlichkeit und gesteigertem Schönheitskult äußerte, entsprach in der Literatur der Ästhetizismus, der als Gegenbewegung zum Naturalismus die Bedeutung der künstlerischen Form vor dem Inhalt betonte. Der englische Dichter und Dandy Oscar Wilde, der sich mehr dem Schein als dem Sein verpflichtet sah, verkörperte auf vollkommene Weise das Programm des Ästhetizismus.

Entstehung

Das Erbe des 1891 verstorbenen Vaters machte Thomas Mann – wie auch seinen vier Jahre älteren Bruder Heinrich Mann – finanziell unabhängig und erlaubte ihm eine gänzlich unbürgerliche Existenz als freier Schriftsteller. Nach einem längeren Aufenthalt in Italien, wo er zusammen mit seinem Bruder lebte und herumreiste, kehrte Thomas Mann 1898 nach München zurück. Doch auch hier konnte von geregelter Tätigkeit und bürgerlicher Pflichterfüllung keine Rede sein. Manns Anstellung in der Redaktion der satirischen Zeitung Simplicissimus endete nach nur einem Jahr, und aus der Armee wurde er nach drei Monaten gnädig entlassen, angeblich wegen einer Sehnenscheidenentzündung. Umso intensiver widmete er sich ab 1900 der Arbeit an seinem Roman Buddenbrooks. In diese Zeit fiel auch die enge Freundschaft mit dem Maler Paul Ehrenberg, in den sich der 25-jährige Mann verliebte.

Die erste Anregung zu Tonio Kröger, so berichtete Thomas Mann einmal im Rückblick, sei ihm im September 1899 während einer Reise nach Dänemark gekommen, auf der er nach längerer Abwesenheit erstmals wieder seine Heimatstadt Lübeck besuchte. Ende des Jahres begann er mit der Arbeit an der Novelle, die ursprünglich den Titel Litteratur haben sollte, doch schon bald legte er das Manuskript wieder beiseite. Erst 1901, nachdem er Buddenbrooks beendet hatte, nahm er die Arbeit an der Erzählung erneut auf. Allerdings mit Unterbrechungen, denn Buddenbrooks löste in der Heimatstadt des Autors einen Proteststurm aus, der sogar ihn selbst überraschte. Viele Personen erkannten sich in den Romanfiguren wieder – ein Anlass mehr für Thomas Mann, sich intensiv mit dem Verhältnis zwischen Kunst und Wirklichkeit zu beschäftigen. Im Dezember 1902 schloss er die Arbeit an Tonio Kröger ab. 1903 erschien die Erzählung zusammen mit fünf anderen Novellen in dem Sammelband Tristan.

Wirkungsgeschichte

In den Rezensionen, die kurz nach der Veröffentlichung der Novellensammlung erschienen, war man sich einig, dass Tonio Kröger die anderen Texte in dem Buch bei Weitem überragte. Auch Schriftsteller wie Arthur Schnitzler, Franz Kafka und Hermann Hesse, der den Band in der Neuen Zürcher Zeitung besprach, erkannten die Bedeutung der Novelle. Schon bald folgten Übersetzungen des Werks, die erste 1905 ins Dänische. Bis heute gilt Tonio Kröger als persönliches und künstlerisches Bekenntnis Thomas Manns. Er bezeichnete die Novelle selbst als sein „literarisches Lieblingskind“. Der Literaturkritiker Marcel Reich-Ranicki kürte die Erzählung gar zur „Bibel der Heimatlosen“ und nahm sie in seinen Kanon der deutschen Literatur auf. Weitgehend unbeachtet blieb dagegen die Verfilmung durch den Regisseur Rolf Thiele aus dem Jahr 1964 mit Jean-Claude Brialy, Nadja Tiller und Mathieu Carrière in den Hauptrollen.

Über den Autor

Thomas Mann wird am 6. Juni 1875 in Lübeck geboren. Er ist der zweite Sohn einer großbürgerlichen Kaufmannsfamilie, sein älterer Bruder Heinrich wird ebenfalls Schriftsteller. Thomas hasst die Schule und verlässt das Gymnasium ohne Abitur. Nach dem Tod des Vaters zieht die Familie 1894 nach München, dort arbeitet Mann kurzfristig als Volontär bei einer Feuerversicherung. Als er mit 21 Jahren volljährig ist und aus dem Erbe des Vaters genug Geld zum Leben erhält, beschließt er, freier Schriftsteller zu werden. Er reist mit Heinrich nach Italien, arbeitet in der Redaktion der Satirezeitschrift Simplicissimus und schreibt an seinem ersten Roman Buddenbrooks, der 1901 erscheint und ihn sofort berühmt macht. Der Literaturnobelpreis, den er 1929 erhält, beruht vor allem auf diesem ersten Buch – Mann, nicht uneitel, erwartet die Auszeichnung allerdings schon 1927. Trotz seiner homoerotischen Neigungen heiratet er 1905 die reiche Jüdin Katia Pringsheim. Sie haben sechs Kinder, darunter Klaus, Erika und Golo Mann, die ebenfalls als Schriftsteller bekannt werden. Weil Thomas den Ersten Weltkrieg zunächst befürwortet, kommt es zwischen ihm und seinem Bruder Heinrich zum Bruch, der mehrere Jahre andauert. 1912 erscheint die Novelle Der Tod in Venedig, 1924 der Roman Der Zauberberg. In den 1930er Jahren gerät er ins Visier der Nationalsozialisten, gegen die er sich in öffentlichen Reden ausspricht; seine Schriften werden verboten. Nach der Machtergreifung Hitlers kehrt er von einer Vortragsreise nicht mehr nach Deutschland zurück. Zunächst leben die Manns in der Schweiz, 1938 emigrieren sie in die USA, 1944 nimmt Mann die amerikanische Staatsbürgerschaft an. 1947 erscheint Doktor Faustus, eine literarische Auseinandersetzung mit der Naziherrschaft. Nach dem Krieg besucht Thomas Mann Deutschland nur noch sporadisch; die von ihm vertretene Kollektivschuldthese verschafft ihm nicht nur Anhänger. Als die Manns 1952 nach Europa zurückkehren, gehen sie wieder in die Schweiz. Thomas Mann stirbt am 12. August 1955 in Zürich.


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