Zusammenfassung von Über den Redner

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Über den Redner Buchzusammenfassung

Literatur­klassiker

  • Sprache & Kommunikation
  • Römische Antike

Worum es geht

Der Klassiker der Rhetorik schlechthin

Ein römisches Landgut im Jahr 91 v. Chr.: Im Lauf zweier Tage sprechen die bedeutendsten Redner über ihr Metier. Auf ihrer Suche nach den wichtigsten Zutaten der Redekunst entwickeln sie theoretische Grundlagen, klassifizieren Arten und Ziele einer Rede, analysieren deren Aufbau und die praktischen Mittel, mit denen der Zuhörer überzeugt werden soll. Lucius Crassus, von allen Gesprächsteilnehmern als der beste Orator seiner Zeit gepriesen, entwirft das Bild eines idealen Redners: ein Generalist, der über alle Wissensgebiete gut informiert ist, über umfassende Menschenkenntnis verfügt und zudem voller Tugend ist. Er setzt seine Fähigkeiten nicht nur zu eigennützigen Zwecken ein, sondern hat das Gemeinwohl im Blick. Mehr als ein bloßer Mann des Wortes, empfiehlt er sich damit auch als idealer Staatslenker. Die Gesprächssituation in Über den Redner hat Cicero Vorbildern der griechischen Philosophie entlehnt. Er nimmt Elemente der griechischen Geistesgeschichte auf und ergänzt sie auf pragmatisch römische Art. Den Leser seines Werkes erwartet kein eigentliches Lehrbuch, sondern der Versuch, Zunge und Verstand in Einklang zu bringen – auch nach 2000 Jahren noch überaus lesenswert.

Take-aways

  • Ciceros Über den Redner ist ein 55 v. Chr. entstandenes Standardwerk der Rhetorik.
  • Der Autor war ein römischer Politiker, Anwalt und Philosoph, vor allem aber der berühmteste Redner seiner Zeit.
  • Cicero lässt zwei seiner bekanntesten Vorgänger zu Wort kommen: Antonius und Crassus, die ihn beide in seiner Jugend gefördert haben.
  • Die ideale Rede ist ein Gesamtkunstwerk: Sie gewinnt, belehrt und fesselt das Publikum.
  • Der Redner muss sich laut Crassus nicht nur in der Redekunst, sondern auch in allen anderen Wissenschaften ausbilden, damit er überzeugend sprechen kann.
  • Antonius zufolge ist die Rhetorik keine exakt zu vermittelnde Wissenschaft, sondern eine Kunst, die durch Analyse und Nachahmung von Vorbildern erlernt wird.
  • Nicht das Wissen eines Redners ist entscheidend, meint er, sondern dessen Überzeugungskraft.
  • Das Publikum lässt sich viel einfacher emotional beeinflussen als von Argumenten überzeugen.
  • Jeden Anschein von Gelehrtheit soll man vermeiden. Redner, die ungebildet wirken, kommen besser an.
  • Stimme, Gestik und Mienenspiel sind entscheidend für einen eindrücklichen Vortrag. Am überzeugendsten wirken Gefühle, die der Redner tatsächlich empfindet.
  • Der Redefluss soll weder völlig frei, noch an ein Versmaß gebunden sein. Vielmehr soll er dem Takt des Atems folgen.
  • Ciceros Ziel ist, die Spaltung zwischen Philosophie und Redekunst aufzuheben. Sein idealer Redner ist auch der ideale Staatslenker.

Zusammenfassung

Ein Gespräch unter Römern in griechischer Tradition

Auf dem Landgut von Lucius Crassus versammeln sich im Jahr 91 v. Chr. einige der berühmtesten Politiker und Redner jener Zeit. Nachdem sich die Männer zunächst über die aktuellen betrüblichen politischen Umstände unterhalten haben, erinnert sich einer der Gäste, Scaevola, an die Gespräche zwischen Sokrates und Platon und fordert den Hausherrn auf, sich zur Redekunst zu äußern. Die Gesellschaft lässt sich auf Kissen unter einer Platane nieder, und Crassus beginnt seinen Vortrag.

„Durch die weise Führung des vollkommenen Redners ist nicht nur seine eigene Würde wesentlich bedingt, sondern auch das Wohlergehen sehr vieler Privatpersonen und des gesamten Staates.“ (Crassus, S. 23)

Die Fähigkeit, Empfindungen auszudrücken, grenze den Menschen von den Tieren ab, erklärt er. Die Krönung der Menschheit sei deshalb ein vollkommener Redner: einer, der die Menschen zu fesseln und ihre Emotionen zu lenken verstehe, und zwar nicht nur zu seinem eigenen Ruhm, sondern zum Wohl der Allgemeinheit. Gerade die griechischen Geistesgrößen hätten über philosophische oder andere wissenschaftliche Themen meisterhaft geredet; ihr Wissen wäre ja auch nutzlos gewesen, wenn sie es nicht hätten vermitteln können. Der Redner, so Crassus weiter, müsse das Wesen der Menschen vollständig durchschaut haben und imstande sein, über jedes beliebige Thema wort- und gedankenreich zu sprechen. Solch interdisziplinäre Kenntnisse seien auch in anderen Bereichen nützlich: Einem Ballspieler merke man an, ob er das Ringen gelernt habe, und an den Skulpturen eines Bildhauers sehe man, ob er malen könne. Crassus’ Freund Marcus Antonius hat Einwände: Für umfassende Bildung hätten die Redner doch gar keine Zeit. Das Wichtigste sei eine würdige Lebensführung. Der Redner müsse durch sein persönliches Vorbild glänzen.

Crassus: Rhetorisches Talent ist angeboren

Der junge Cotta bittet nach dieser Einführung um eine vertiefende Argumentation. Crassus gibt zu, er glaube nicht an wissenschaftliche Lehren zur Rhetorik. Möglich sei allenfalls eine Analyse, die auf praktischer Beobachtung von Rednern gründe. Vor allem aber sei rhetorisches Können eine Begabung. Wer stottere oder eine misstönende Stimme habe, dem helfe die beste Theorie nichts. Antonius weist auf die Gefahr hin, sich als Redner lächerlich zu machen: Werde einer für eine Rede getadelt, dann hafte ihm für lange Zeit der Ruf der Blödheit an. Kunstvoll zu sprechen sei umso schwieriger, als ein guter Redner über den Scharfsinn von Philosophen, das Sprachgeschick von Dichtern, das Gedächtnis von Rechtsgelehrten und die Gestik und Mimik von großen Schauspielern verfügen müsse.

„Denn was ist unangemessener als über das Reden zu reden, da das Reden selbst nur dann nicht unangemessen ist, wenn es notwendig ist?“ (Crassus, S. 55)

Crassus enthüllt nun die Methode, mit der er in seinen Reden normalerweise vorgeht. Zuallererst müsse einer wissen, was er überhaupt sagen wolle. Dann gelte es, die Aussagen nach ihrem Gewicht auf die Rede zu verteilen, sie geschickt zu formulieren und auszuschmücken, sich das Ganze gut zu merken und es schließlich mit Würde und Anmut vorzutragen. Zur Vorbereitung studiere er Dichter, Geschichtswerke und Gesetze, insbesondere das bürgerliche Recht, um das Für und Wider eines jeden Themas erörtern zu können. Um die Gedanken zu formen, sei es nützlich, sie aufzuschreiben. Und schließlich dürfe man nicht vergessen, die Rede mit geistreichen Scherzen zu würzen.

Antonius: Rechtskenntnisse sind nicht entscheidend

Nun lässt sich Antonius dazu drängen, seine grundlegenden Ansichten darzulegen. Bei jeder Erörterung, hebt er an, müsse der Gegenstand zuerst klar definiert werden, damit die Rede nicht planlos umherschweife oder Missverständnisse hervorrufe. Im Gegensatz zu Crassus, der findet, gute Redner seien auch gute Staatslenker, macht die Redefertigkeit für Antonius noch keinen guten Politiker, und ein solcher wiederum müsse nicht notwendigerweise gut reden können. Philosophische Begriffsbestimmungen braucht der Redner laut Antonius nicht. Das Wissen darüber, was die Zuhörer denken, fühlen und erwarten, reiche aus. Die Orientierung an Idealen bewege niemanden. Wer aber nicht auf Leidenschaften ziele, verliere als Redner seine Sache. Auch die Kenntnis der Rechtswissenschaft sei nicht ausschlaggebend, nicht einmal in bedeutenden Prozessen. Zum Beweis führt Antonius Crassus’ eigene Plädoyers an: Seinen Erfolg habe er nicht seinen juristischen Kenntnissen zu verdanken, sondern seiner Redekraft und seinem Humor. Crassus findet, Antonius degradiere den Redner gewissermaßen zu einem Handwerker. Umso leichter müsse es ihm jetzt eigentlich fallen, etwas konkreter zu werden. Dies aber lieber erst am folgenden Tag – denn nun sei es Zeit, sich um die Gesundheit zu kümmern.

Praxis ist wichtiger als Theorie

Am folgenden Tag trägt Antonius eine Hymne auf die Rede vor, die angenehmer als jede andere Kunst auf Ohren und Gemüt der Menschen wirke. Dann erläutert er einen wesentlichen Unterschied zwischen Griechen und Römern: Während Letztere nur nach Beredsamkeit strebten, um auf dem Forum und in Prozessen glänzen zu können, hätten sich unter den Griechen manche gute Redner der Geschichtsschreibung zugewandt, weil sie sich nicht um politische Auseinandersetzungen kümmern mussten. Es lohne sich, diese Historiker zu lesen, und sei es nur zur Unterhaltung.

„Und wer von dieser Übung im Schreiben zur Rede kommt, bringt die Fähigkeit mit, dass auch dann, wenn er aus dem Stegreif spricht, seine Worte dennoch einem schriftlich formulierten Text ähnlich scheinen (...)“ (Crassus, S. 71)

Natürlich aber sei die in Rechtsstreitigkeiten gehaltene Rede die höchste Kunst – wer sie beherrsche, könne sich über jedes Thema äußern, so Antonius. Die von griechischen Lehrern entwickelten, zahlreichen Vorschriften zur Rhetorik findet er wegen ihrer zu künstlichen Klassifizierungen lächerlich. Es gebe Autoren, die würden rhetorische Regeln aufstellen, ohne jemals bei einer Gerichtsverhandlung dabei gewesen zu sein. Besser sei es, sich ein Vorbild zu suchen und sich ihm durch Übung, zu der auch das Schreiben gehöre, anzunähern. So entwickle sich die Redekunst weiter. An den überlieferten Schriften der Griechen könne man das Stilideal jeder Generation erkennen.

„Ohne theoretische Ausbildung in der Redekunst und besonders auch ohne universale Bildung konnte niemand je durch Beredsamkeit glänzen und sich in ihr auszeichnen.“ (Cicero, S. 131)

Antonius analysiert die Mittel der Verteidigung und der Anklage und erläutert, wie er vor Gericht vorgeht: Wenn er sich in einen Rechtsfall eingearbeitet habe, lege er den zentralen Punkt seiner Rede fest und achte darauf, dass dieser sowohl dem Gegenstand als auch dem Gericht angemessen sei. Fertige Rezepte gebe es dazu nicht, aber nach Antonius ist es auch nicht nötig, für jeden Prozess neue Beweisquellen zu suchen. Vielmehr brauche man ein Rüstzeug an exemplarischen Quellen, aus denen man immer wieder schöpfen könne. Die oft unübersichtliche Fülle von Bewertungen eines Tatbestandes könne der Redner auf einige wenige Prinzipien reduzieren, indem er sich auf die allgemeine Art des Sachverhalts, nicht auf Zeitumstände und Personen konzentriere. Schließlich gelte es, die Herzen der Zuhörer durch das sanfte Dahinfließen der Rede zu gewinnen, sie mit pointierter Klarheit zu belehren und die Gemüter kraftvoll zu bewegen. Jeden Eindruck von angelernter Kunstfertigkeit und philosophischer Gelehrtheit, meint Antonius, solle man vermeiden; der scheinbar ungebildete Redner komme bei Volk viel besser an.

Auffinden und Anordnen des Stoffes

Wenn es darum gehe, treffende Argumente zu formulieren, suche man nach überraschenden Zusammenhängen, Widersprüchlichkeiten, logischen Folgerungen und verblüffenden Vergleichen, so Antonius weiter. Das Ganze solle abwechslungsreich gestaltet werden, damit das theoretische Gerüst nicht erkennbar werde und die Zuhörer sich langweilen. Nichts sei nämlich so entscheidend für den Erfolg wie die Sympathie des Publikums: Das Ziel sei, dass es sich stärker von seinen Gefühlen als von Überlegungen leiten lasse. Das gelingt gemäß Antonius am besten, wenn der Redner als tüchtiger, rechtschaffener und bescheidener Mann auftritt. Bringe er es zustande, den Eindruck zu erwecken, selbst von Gefühlen übermannt zu sein – und so solle es auch tatsächlich sein –, springe der Funke der Begeisterung auf die Zuhörer über. Eine Rede könne die gegensätzlichsten Emotionen auslösen, wenn die Härte einer Argumentation durch die Freundlichkeit des Vortragenden gemildert werde. Wichtig sei zudem der Eindruck der Spontaneität: Eingestreute Witzeleien sollten so wirken, als seien sie dem Redner eben erst eingefallen.

„Eine Wissenschaft handelt nämlich von Dingen, die man weiß; des Redners gesamtes Tun aber gründet auf Vorurteilen, nicht auf Wissen. Denn wir reden vor Leuten, die unwissend sind, und reden über Dinge, die wir selbst nicht wissen.“ (Antonius, S. 143)

Bei aller Natürlichkeit des Vortrags hat laut Antonius jeder Teil einer Rede eine klare Aufgabe: Die Einleitung müsse sich präzise und gedankenreich auf den Fall beziehen und den Zuhörer fesseln. Die Darstellung des Sachverhalts solle diesen klar durchschaubar machen. Die Erläuterung des Streitpunktes bestehe aus den eigenen Argumenten und der Auseinandersetzung mit denen der Gegenseite. Auf dem Höhe- und Endpunkt der Rede schließlich gehe es darum, den Richter emotional zu beeinflussen.

Der Schmuck einer Rede

Nach einer Mittagspause lässt sich die Gesellschaft im kühlen Wald nieder, gespannt auf Crassus’ Ausführungen über die Ausschmückung einer Rede. Dieser beklagt sich darüber, dass ihm natürlich nur dieses Thema bleibe, nachdem Antonius bereits über das Inhaltliche gesprochen habe. Und er fügt sogleich hinzu, dass man die beiden Bereiche ohnehin nicht voneinander trennen könne: Es gebe keinen einleuchtenden Gedanken ohne den Glanz der Worte. Inhalt und Form seien eins. Sokrates, der hervorragendste Rhetor seiner Zeit, habe sich über Redner lustig gemacht, die sich politisch betätigten. Für einen Weisen, so der Grieche, zieme sich das nicht. So sei es zu jener Spaltung von Zunge und Verstand gekommen, als deren Folge die einen den Gebrauch des Verstandes lehrten, die anderen das Reden. Für Crassus ist das ein arger Blödsinn: Der Zusammenhang zwischen Reden und Verstehen könne ja überhaupt nicht geleugnet werden.

„(...) der Argwohn, es sei theoretisch erlernte Kunstfertigkeit, ist, wie ich glaube, für den Redner bei denen, welche die Urteile fällen, von Nachteil; sie vermindert nämlich das Ansehen des Redners und die Glaubwürdigkeit der Rede.“ (Antonius, S. 203)

Dann kommt er auf das eigentliche Thema zu sprechen, die Art und Weise, sich auszudrücken. Als Grundvoraussetzung soll der Redner über gutes Latein und eine klare Aussprache verfügen. Eine allzu weiche, weibliche Sprechweise sei ebenso fehl am Platz wie eine betont rustikale. Die Wirkung einer Rede ergebe sich nicht durch deren einzelne Teile, sondern durch den Gesamteindruck. Deshalb sollten die Glanzpunkte über die ganze Rede verteilt sein. Übertreiben dürfe man allerdings nicht: Worte, die Gemütsreize auslösen, könnten schnell auch Überdruss wecken. Die besten Reden holen laut Crassus weit aus und gehen von einem einzelnen Streitfall zum Grundsätzlichen über.

„Denn da jede Rede aus einem Inhalt und einem Wortlaut besteht, kann weder der Wortlaut eine Basis haben, wenn man ihm den Inhalt entzieht, noch der Inhalt Glanz, wenn man den Wortlaut davon trennt.“ (Crassus, S. 319)

Beherrsche der Redner die Fülle eines Stoffes, so verfüge er auch über die Fülle der Wörter, die seiner Rede Glanz verleihe. Crassus führt drei Arten von glanzvollen Wörtern an: Mit ungewöhnlichen, veralteten und kaum gebräuchlichen Wörtern erreiche der Redner eine gewisse Erhabenheit und den Anstrich der Altehrwürdigkeit. Auch neu gebildete Wörter, die der Fantasie des Redners entspringen, könnten glanzvoll auffallen. Übertragene Wörter schließlich beschreiben laut Crassus den auszudrückenden Sachverhalt durch die Ähnlichkeit mit einer anderen Sache, wobei die Metapher den Vergleich auf ein einziges Wort verkürze. Das bereite dem Zuhörer Vergnügen, weil es seine Sinne anspreche. Überaus wichtig sei auch der Rhythmus: Der Redefluss solle weder unkontrolliert frei noch in die Fesseln eines Versmaßes gebunden sein, sondern locker und melodisch dem Takt des Atems folgen. Kein Satz dürfe mehr Atem erfordern, als man mit einem Zug hole. Auch solle die Rede nicht ziellos ausschweifen oder vorzeitig abbrechen, sondern in geschlossene Abschnitte unterteilt sein. Besondere Wichtigkeit misst Crassus den Satzenden bei: Im Unterschied zu den Satzanfängen würden sie von den meisten Zuhörern besonders aufmerksam wahrgenommen.

„Jetzt dagegen kommen sehr viele entblößt und ohne Waffen, um die Ehrenämter zu erlangen und sich politisch zu betätigen, mit keiner Sachkenntnis, mit keinem Wissen gerüstet.“ (Crassus, S. 375)

In der idealen Rede verbindet sich für Crassus die nützliche Funktion der Sprache mit Würde und Anmut. Das sei entscheidend, denn über Richtigkeit oder Falschheit des Redeinhalts würden die Menschen durch ihr unbewusstes, natürliches Empfinden urteilen. Wohlklingende Rhythmen und Töne würden sie beeindrucken, und der Redner könne so die von ihm gewünschten Empfindungen wecken. Crassus vergleicht die unterschiedlichen Ausdrucksformen mit Waffen: Man könne sie entweder zum kriegerischen Gebrauch oder zur Zierde verwenden. Ein Prozess über ein Kapitalverbrechen verlange eine andere Sprache als eine Bagatelle.

„Der nicht ausgebildete Laie sprudelt ungeregelt heraus, so viel er kann, und das, was er sagt, unterbricht er durch Atemholen, nicht nach der Kunstlehre; der Redner dagegen bindet einen Gedanken so in Worte ein, dass er ihn gewissermaßen in einen sowohl gebundenen als auch freien Rhythmus einschließt.“ (Crassus, S. 395)

Ein Vortrag, der die Gemütsregungen des Redners offen zeige, beeindrucke alle, weil das Publikum diese Empfindungen teilen könne. Deshalb, so Crassus, sollen Gemütsregungen mit Mimik und Gestik unterstrichen werden. Allerdings sei ein Redner kein Schauspieler: Während dieser die Wirklichkeit nachahme, sei es Aufgabe des Redners, sie darzustellen. Crassus gibt Beispiele, mit welchen Stimmlagen welche Gemütsbewegungen ausgedrückt werden könnten, und verweist besonders auf die Augen, die als Seelenspiegel die entscheidende Rolle im Gesicht spielten. Mit dem Hinweis, die Stimme als wichtigstes Instrument des Redners durch häufiges Modulieren zu schonen, schließt Crassus. Er schlägt vor, dass man sich eine Erfrischung gönne.

Zum Text

Aufbau und Stil

Ciceros Hauptwerk zur Rhetorik ist in drei Bücher unterteilt. Jedem dieser Teile ist eine Einleitung vorangestellt, in der der Autor sowohl seine eigene Situation andeutungsweise reflektiert wie auch das Leben der Personen, denen er seine Erörterung über die Redekunst in den Mund legt, in einem Gespräch, das angeblich 91 v. Chr. stattgefunden haben soll. Das erste Buch ist die Exposition des Themas; es geht von der Frage aus, wie der ideale Redner beschaffen sein soll. Im zweiten Buch hält sich der von allen als der größte Redner bewunderte Crassus zurück und überlässt dem pragmatischen Marcus Antonius (dem Großvater des berühmten Feldherrn gleichen Namens) die Analyse von Inhalt und Aufbau einer guten Rede. Im dritten Buch schließlich folgen Crassus’ Ausführungen darüber, was er im Einzelnen unter „reichem Redeschmuck“ versteht, womit also ein Redner wirklich glänzen kann.

Der Text ist hauptsächlich in langen Monologen in wörtlicher Rede verfasst, manchmal aufgelockert durch kurze Dialoge der Teilnehmer, und fließt ruhig und in getragenem Ton dahin. Cicero spielt seine Themen immer wieder in Variationen durch. Dadurch entsteht der Eindruck einer nicht sehr klaren Struktur des Textes. Amüsant und erhellend sind die vielen Beispiele aus der damaligen Literatur – manche davon lassen sich jedoch kaum übersetzen oder erschließen sich nur dem Kenner der römischen Geschichte.

Interpretationsansätze

  • Cicero wendet sich gegen damalige Rhetoriklehrer, die ohne Sachkenntnis hohle Übungen der effektvollen Rede praktizierten. Diesem Typ setzt er das Ideal des universell gebildeten Redners gegenüber, der weiß, worüber er spricht, und so viel Menschenkenntnis besitzt, dass er mit allen zur Verfügung stehenden Mitteln sein Publikum begeistern kann.
  • Der ideale Redner ist auch der ideale Staatsmann, denn er strebt das Gute für die Menschen und das Gemeinwesen an. Das eigene Wohlergehen und das Wohl des Staates sind für ihn identisch.
  • Cicero lag daran, die Trennung von „Zunge und Verstand“, also von Redekunst und Philosophie, die er Sokrates anlastet, wieder aufzuheben. Die Synthese, die er anstrebt, ist ein inzwischen klassisches Ideal: Einheit von Form und Inhalt, Harmonie zwischen Nutzen, Würde und Anmut.
  • Cicero stellt ein fiktives Gespräch als historische Tatsache hin. Er legt seine Überlegungen zur Redekunst historischen Figuren in den Mund, um seinen Positionen mehr Gewicht zu verleihen, aber auch um seinen Förderern Crassus und Antonius ein Denkmal zu setzen.
  • Die Gesprächsteilnehmer haben augenscheinlich viel Muße, um ihre Ideen zu entwickeln. Doch diese Idylle ist trügerisch: Cicero lebte in einer politisch unruhigen Zeit, ebenso wie die meisten der Figuren in Über den Redner. Im Jahr 43 v. Chr., rund zwölf Jahre nach der Vollendung seines Hauptwerks, sollte der Autor selbst einer politischen „Säuberungsaktion“ zum Opfer fallen.

Historischer Hintergrund

Rom am Ende der Republik

Zu Ciceros Lebzeiten zerbrach die römische Republik, die seit etwa 500 v. Chr. bestand, an ihren inneren Widersprüchen und dem Machthunger einzelner Politiker. Die demokratisch legitimierte, aber eigentlich eher einer Aristokratie gleichende Staatsform funktionierte, solange Rom gegen äußere Feinde kämpfte und zur Weltmacht aufstieg. Doch mit dem erreichten Status nahmen die Spannungen innerhalb des Weltreiches zu. Die mittellose Landbevölkerung strömte in die Städte und bildete neben den reichen Patrizierfamilien einen neuen Machtfaktor. Die Korruption blühte. Um 150 v. Chr. begann mit dem „Jahrhundert der Bürgerkriege“ das Ende der Republik. Als verhängnisvoll erwiesen sich der Einfluss großer Feldherren, die ihre politischen Machtansprüche häufig mithilfe der ihnen treu ergebenen Truppen durchsetzen konnten, sowie der zermürbende Kampf zwischen Senats- und Volkspartei. In dessen Verlauf wurden im Jahr 88 v. Chr. fast alle Personen, die Cicero in Über den Redner am Gespräch teilhaben lässt, ermordet. Nachdem sich politische Gegner bislang vor allem mit überzeugenden Reden vor dem Senat und den Volkskammern bekämpft hatten, wurde Mord allmählich zu einem gängigen politischen Mittel. Ernsthaft in Gefahr geriet die Republik allerdings erst mit dem Aufstieg Julius Cäsars. Zusammen mit Crassus (nicht identisch mit Ciceros Crassus) und Pompeius begründete er 60 v. Chr. das erste Triumvirat, ein Bündnis zur Erhaltung der Macht. Ein Jahr später war Cäsar Konsul; er entmachtete den Senat und regierte autoritär. Nachdem er im Bürgerkrieg zwischen 49 und 44 v. Chr. seinen zum Gegner gewordenen Exverbündeten Pompeius besiegt hatte, ernannte er sich selbst zum Diktator auf Lebenszeit. Als er im Jahr 44 v. Chr. ermordet wurde, schien sich vorübergehend die Republik wieder durchzusetzen, doch dann bildeten Marcus Antonius (der Enkel von Ciceros Antonius), Marcus Lepidus und Octavian ein neues Triumvirat. Endgültig beendet war die römische Republik mit der Herrschaft Octavians, der unter dem Namen Augustus lange Zeit als Kaiser das Imperium regierte.

Entstehung

Als Cicero im September 57 v. Chr. aus einjähriger Verbannung nach Rom zurückkehrte, hatte er seinen zuvor großen politischen Einfluss verloren. Zwar söhnte er sich mit Julius Cäsar vorübergehend aus, doch bis zum Jahr 52 v. Chr. hielt er sich von der politischen Bühne fern. Somit blieb ihm genügend Zeit, sich seinen Studien zu widmen und sich schriftstellerisch zu betätigen. In seiner Jugend hatte er um 85 v. Chr. den rhetorischen Leitfaden De inventione (Über die Auffindung des Stoffes), danach aber etwa drei Jahrzehnte lang keine Schrift zur Theorie der Redekunst mehr verfasst. Mit Über den Redner, das er 55 v. Chr. veröffentlichte, verfolgte er den hohen Anspruch, die „Spaltung zwischen Zunge und Verstand“ wieder aufzuheben. In der Einleitung zum ersten Buch beklagt er, an seinen Bruder Quintus gerichtet, es sei ihm wegen der turbulenten Zeitumstände nicht vergönnt, seinen Lebensabend mit den von ihm ersehnten Studien zu verbringen. Er lobt sich für seinen politischen Einsatz – Cicero hatte eine Teilnahme am Triumvirat mit Cäsar abgelehnt, weil er dadurch die Republik gefährdet sah –, die Fluten, die er aufzuhalten versucht hätte, hätten sich aber trotzdem über ihn ergossen. Nun wolle er seine Zeit zum Schreiben nutzen und sich insbesondere daran erinnern, was die berühmtesten Rhetoren über die Redekunst gedacht hätten. Dazu wolle er den Inhalt eines Gesprächs wiedergeben, an dem er zwar selbst nicht teilgenommen habe, von dessen Inhalt und Verlauf ihm aber einer der Teilnehmer, Gaius Aurelius Cotta, berichtet habe.

Wirkungsgeschichte

Viele von Ciceros Reden, Briefen und anderen Schriften sind erhalten geblieben. Nicht zuletzt durch sie ist das erste Jahrhundert vor Christus die uns am besten bekannte Epoche der Antike. Ciceros Rolle als Politiker ist umstritten. Manchen gilt er als zu orientierungslos und opportunistisch. So kritisierte der deutsche Historiker Theodor Mommsen im 19. Jahrhundert Cicero als Staatsmann ohne Einsicht und Absicht. In der heutigen Forschung wird er hingegen als Politiker gewürdigt, der die republikanischen Ideale verteidigte. Ciceros Leistung als Schriftsteller ist unbestritten: Er gilt als Meister der lateinischen Sprache und Vermittler griechischer Philosophie. Lange war Über den Redner nur in Fragmenten überliefert. Erst im Jahr 1421 wurde in der Dombibliothek des norditalienischen Lodi der vollständige Text entdeckt. Dieser „Codex L“ ist zwar nicht erhalten, doch ließ sich das Werk aus Abschriften rekonstruieren. Auf Ciceros Begriff „humanitas“, mit dem er die Bildung in einem sehr weiten Sinn meinte, geht der Humanismus zurück, der wiederum am Anfang der Renaissance stand. Mit der Rhetorik hatten sich vor Cicero schon andere Autoren befasst, u. a. Platon und Aristoteles, an die der Römer anknüpfte. Er selbst wurde zum Vorbild für den ebenfalls bedeutenden Rhetoriklehrer Quintilian. Die Schriften all dieser antiken Autoren bildeten später die Grundlage für die Hochschätzung der Rhetorik im Mittelalter, als sie zusammen mit Grammatik und Dialektik das Trivium bildete, einen wichtigen Bestandteil der damaligen Universitätsausbildung. In den folgenden Jahrhunderten büßte die Rhetorik vielerorts ihren ehemals hohen Rang ein und heute wird sie nur noch an wenigen Hochschulen als eigenes Fach gelehrt.

Über den Autor

Marcus Tullius Cicero wird am 3. Januar 106 v. Chr. in Arpinum geboren. Sein Vater gehört zur zweithöchsten römischen Gesellschaftsschicht. Verbindungen zu Angehörigen der Senatsaristokratie ermöglichen Cicero eine gute Ausbildung. Er studiert Recht, Rhetorik, Literatur und Philosophie in Rom, Griechenland und Kleinasien. Im Jahr 77 v. Chr. kehrt er nach Rom zurück und beginnt seine Laufbahn als Rechtsanwalt und Politiker. Es folgt eine Blitzkarriere. Bereits im Jahr 63 v. Chr. bekleidet Cicero das Amt des Konsuls. Sein Wahlkampfgegner Catilina lanciert eine Verschwörung, die allerdings im Ansatz erstickt wird. Doch Ciceros zahlreiche Gegner erwirken 58 v. Chr. seine Verbannung aus Rom: Er sei schuld an der Beseitigung der Catilinarier, die ohne Verhandlung getötet wurden. 57 v. Chr. darf er zurückkehren. In den folgenden fünf Jahren entstehen seine wichtigsten politischen und philosophischen Schriften, darunter De oratore (Über den Redner, 55 v. Chr.) und De re publica (Vom Staat, 51 v. Chr.). Cicero setzt zunächst Hoffnungen auf den intelligenten Cäsar, wendet sich aber von ihm ab, nachdem dieser mit Pompeius und Crassus ein Triumvirat eingeht. Im Bürgerkrieg schließt Cicero sich Pompeius an. An der Verschwörung gegen Cäsar ist er nicht beteiligt, doch äußert er seine Freude über dessen Tod 44 v. Chr. Als Cäsars Mitkonsul Marcus Antonius die Nachfolge des Alleinherrschers anstrebt, tritt Cicero ihm mit seinen 14 Philippischen Reden entgegen und gewinnt im Senat wieder hohes Ansehen. Er bemüht sich erfolgreich, Octavian zum Krieg gegen Antonius zu bewegen. Octavian siegt zunächst, schließt sich danach aber mit dem wieder erstarkten Antonius und Marcus Lepidus zum zweiten Triumvirat zusammen. Die Triumvirn verfolgen ihre politischen Gegner, und Cicero steht ganz oben auf Antonius’ schwarzer Liste. Am 7. Dezember 43 v. Chr. wird er auf der Flucht ermordet, sein zerstückelter Leichnam wird auf der Redebühne des Forums zur Schau gestellt.

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