Zusammenfassung von Über die Toleranz

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Über die Toleranz Buchzusammenfassung

Literatur­klassiker

  • Philosophie
  • Aufklärung

Worum es geht

Streitschrift für ein tolerantes Christentum

Voltaires Traktat Über die Toleranz ist ein zeitloses Dokument, das die Notwendigkeit der religiösen Mäßigung eindringlich darlegt. Es ist ein Plädoyer für die Einsicht, dass der Mensch zu klein und zu unbedeutend ist, um die unendliche Größe Gottes zu verstehen, und setzt Demut gegen Größenwahn, Menschlichkeit gegen Dogmatismus. Wo immer religiöser Fanatismus entsteht, entgegnet Voltaires Abhandlung klar und deutlich: „Mensch, du erhebst dich über Gott, wo du andere Menschen aufgrund ihres Glaubens richtest.“ Den säkularen Fanatismus – der sich nicht auf die Zugehörigkeit zu einer Religion, sondern auf die Zugehörigkeit zu einem Stand, einer Rasse oder einer Nation stützt –, spart Voltaire aus. Aus heutiger Sicht greift er damit thematisch zu kurz, denn die Gräuel der Französischen Revolution, des Nationalismus und des Rassismus werden mit Voltaires Ansatz nur bedingt erfasst. In Zeiten der Verfolgung und Ermordung Andersgläubiger durch fanatische Islamisten ist Voltaires Text dennoch überaus aktuell.

Take-aways

  • Über die Toleranz ist eine wichtige Schrift der europäischen Aufklärung.
  • Inhalt: Eine vergleichende historische Betrachtung zeigt, dass die Christen die einzige Glaubensgemeinschaft sind, die Andersgläubige aus religiösen Motiven verfolgt und ermordet. Die Vernunft lehrt jedoch: Der Mensch ist beschränkt und fehlbar, Gott ist unendlich. Daraus folgt die Pflicht jedes Christen zur Toleranz.
  • Der Text ist Voltaires Reaktion auf den religiös motivierten Justizmord an dem protestantischen Kaufmann Johann Calas.
  • Voltaire, zuvor eher in gebildeten Zirkeln bekannt, wurde mit seinem Traktat auch im Volk berühmt.
  • Bei aller Kritik wollte Voltaire nicht auf eine Abschaffung des Katholizismus hinaus, sondern auf eine tolerante, aufgeklärte Religiosität.
  • Die Schrift trug maßgeblich dazu bei, dass Johann Calas postum rehabilitiert und der Justizskandal öffentlich gebrandmarkt wurde.
  • Voltaire setzte den Toleranzdiskurs der Aufklärung fort, den unter anderem John Locke angestoßen hatte.
  • Den Hauptteil des Traktats bilden vergleichende historische Betrachtungen zum Thema Religion und Toleranz bzw. Intoleranz.
  • Nach dem islamistischen Anschlag auf die Satirezeitschrift Charlie Hebdo in Paris Anfang 2015 wurde Voltaires Schrift erneut zum Bestseller.
  • Zitat: „Mit Abscheu sage ich es, aber es ist wahr. Wir, wir Christen allein sind Verfolger, Henker und Meuchelmörder gewesen. Und gegen wen? Gegen unsere Brüder.“
 

Zusammenfassung

Der Fall Johann Calas

Am 9. März 1762 wird Johann Calas, ein 68-jähriger Kaufmann, Protestant und Familienvater, in seiner Heimatstadt Toulouse hingerichtet. Er soll seinen eigenen Sohn Mark-Anton erdrosselt haben, gemeinsam mit seiner Frau, einem weiteren Sohn und einem Freund von Mark-Anton. Ein unsinniger Vorwurf, denn alles deutet auf einen Selbstmord hin. Die Behauptung, die Familie habe Mark-Anton daran hindern wollen, zum Katholizismus zu konvertieren, wird schnell zur Mehrheitsmeinung. Der Fanatismus der katholischen Bevölkerung geht so weit, dass sie Calas, dessen Sohn und dessen Frau sowie Mark-Antons Freund anlässlich des 200. Jahrestags eines Massakers an Toulouser Hugenotten hinrichten lassen will. Mark-Anton wird zum Märtyrer stilisiert, statt dass sein Leichnam unter dem Galgen verscharrt wird, wie es Selbstmördern bestimmt ist.

„Es scheint, als ob der Fanatismus, aufgebracht über die kleinen Fortschritte der Vernunft, sich mit desto größerer Wut gegen sie auflehnte.“ (S. 48)

Eine radikal-katholische Bruderschaft hat großen Einfluss in Toulouse. Der Stadtrat schließt sich ohne Prüfung der Beweise dem Urteil des verblendeten Volkes an. 13 Richter befinden in der aufgeheizten Atmosphäre über Johann Calas’ Schicksal. Gegen alle Indizien wird der Angeklagte mit acht gegen fünf Stimmen zum Tod auf dem Rad verurteilt. Man erhofft sich vom Gefolterten ein Geständnis, doch Calas streitet noch im Sterben jede Schuld ab und bittet Gott um Vergebung für seine Richter. Beschämt beschließen die Richter für die anderen Mitglieder der Familie mildere Strafen. Der Sohn wird des Landes verwiesen, die Mutter ihrer Töchter beraubt und ins Kloster gesteckt. Als sich Frau Calas an offizielle Stellen in Paris wendet, findet sie Gehör und erhält Unterstützung durch berühmte Advokaten. Sie bekommt ihre Töchter zurück und kämpft für die Rehabilitation ihres Mannes. Klar ist: Ob schuldig oder unschuldig – in jedem Fall hat religiöser Fanatismus ein schreckliches Verbrechen veranlasst.

Geschichte und Gegenwart der religiösen Intoleranz

Frankreich war im 16. Jahrhundert geprägt von der unerbittlichen Verfolgung aller Menschen, die die Dogmen der katholischen Kirche anzweifelten. Religiöser Eifer führte zum Beispiel dazu, dass 30 Dörfer um Merindol und Cabrières dem Erdboden gleichgemacht wurden und deren Bewohner, die arbeitsamen und bedürfnislosen Waldenser, zu Tausenden abgeschlachtet wurden, nur weil sie mit ihrer undogmatischen Religiosität der Kirche ein Dorn im Auge waren. Dieses und andere Blutbäder sorgten für den bewaffneten Aufstand der Protestanten in Frankreich. Hierbei kam es zu Grausamkeiten auf beiden Seiten. Der Höhepunkt war die Bartholomäusnacht. Doch all das liegt zwei Jahrhunderte zurück. Die Zeiten der Gemetzel unter Christen verschiedener Konfession in ganz Europa sind Vergangenheit. Die begangenen Untaten gegeneinander aufzurechnen, bringt nichts. Es geht darum, die Wiederholung dieses dunklen Kapitels der Geschichte zu verhindern. Und gegen die Wiederholung hilft nur das Erwachen des Menschenverstands in der Philosophie.

„Denn zum Hassen und Verfolgen haben wir Religion genug, aber nicht zum Lieben und Helfen.“ (S. 57)

Die Welt ist voller Beispiele dafür, dass Regionen und Länder ohne religiöse Verfolgung Ruhe, wirtschaftliche Stabilität und kulturelle Vielfalt genießen. Doch auch in Frankreich gibt es dafür Anschauungsmaterial – das ruhige Elsass etwa, wo die Protestanten in der Überzahl sind. Unter dem Großsultan existieren mehr als 20 Konfessionen friedlich nebeneinander. In Russland profitieren Handel und Landwirtschaft von der religiösen Toleranz Peters des Großen. Chinas Kaiser Chontchin vertrieb einst die Jesuiten aus seinem Reich – doch nur, weil sie Intoleranz und Streit mitbrachten. In Carolina, dessen Verfassung von John Locke begründet wurde, zeigt sich, dass nicht einmal die radikale Erlaubnis zur freien Religionsausübung die staatliche Ordnung durcheinanderbringt.

„Je mehr Sekten sind, desto weniger Gefahr ist von jeder einzelnen zu besorgen. Die Menge macht sie schwach.“ (S. 73)

Umgekehrt lässt sich leicht nachweisen, dass Verfolgung und Intoleranz nicht nur Gewalt und Bürgerkriege begünstigen, sondern auch erhebliche wirtschaftliche Nachteile mit sich bringen. Die finanziellen Einbußen Frankreichs durch die Vertreibung der Calvinisten waren erheblich und haben das Land dauerhaft geschwächt. Der Westfälische Friede in Deutschland, das befriedete, lutherische Elsass, die Duldung der Katholiken in England – all das sind Entwicklungen, die Frankreich als Vorbild dienen sollten und als Grund, die religiös motivierten Diskriminierungen gegen Protestanten abzuschaffen oder zu mildern. So wie man gelernt hat, die abergläubischen Auswüchse der katholischen Vergangenheit, etwa Hexenverfolgungen, Exkommunikation von Getreideschädlingen oder die blinde Hörigkeit gegenüber den Lehren des Aristoteles, mithilfe der Vernunft zu überwinden, so kann man auch die Intoleranz gegenüber dem Protestantismus überwinden. Alles Recht muss sich zuerst und vor allem auf das Naturrecht berufen. Und der Kern dieses Rechts ist es, die Mitmenschen so zu behandeln, wie man selbst behandelt werden möchte.

Toleranz und Intoleranz in der Antike

Die alten Griechen haben vor allem das völkerverbindende Element der verschiedenen Religionen gesehen. Es herrschte völlige religiöse Toleranz. Sogar krass abweichende Lehren in Bezug auf die Götter wurden geduldet, niemand wurde wegen seiner Meinung verfolgt – mit Ausnahme von Sokrates, den man zum Tod verurteilte, weil er angeblich die Religion unterminierte. Tatsächlich aber war die Ursache eher die, dass er sich viele einflussreiche Athener zu Feinden gemacht hatte, indem er nachwies, wie wenig sie wussten.

„Kurz, das Staatsinteresse verlangt, dass verstoßene Kinder mit Bescheidenheit ins Haus ihrer Väter zurückkehren; die Menschlichkeit fordert es, die Vernunft rät es an, und die Politik braucht sich nicht davor zu fürchten.“ (S. 76)

Auch die alten Römer waren in Sachen Religion tolerant. Das Leitmotiv römischer Religionspolitik – „Beleidigungen, die den Göttern widerfahren, müssen die Götter rächen“ – verbot den Menschen die Bestrafung religiöser Überzeugungen. Die den Römern oft unterstellte Verfolgung der Christen hat wohl nicht stattgefunden. Zwangsmaßnahmen richteten sich nur gegen die in Rom verachteten Juden, die ihrerseits mit Gewalt gegen die Christen vorgingen, um sie an der Abspaltung vom wahren Glauben zu hindern. Das wollten die Römer um der Ordnung willen nicht dulden.

„Mit Abscheu sage ich es, aber es ist wahr. Wir, wir Christen allein sind Verfolger, Henker und Meuchelmörder gewesen. Und gegen wen? Gegen unsere Brüder.“ (S. 106)

Die Christen waren selbst zur Zeit Neros als Glaubensgemeinschaft noch zu unbekannt, als dass man eine Verfolgung aus religiösen Gründen ernsthaft annehmen könnte. Auch genossen die frühen Christen in Rom durchaus die üblichen Bürgerrechte – das belegen unter anderem Aufzeichnungen von Philo. Viele der überlieferten Horrorgeschichten, etwa von Tacitus, gründen auf Hörensagen. Vergleicht man verschiedene Quellen, gelangt man schnell zu der Einsicht, dass Gewalt gegen Christen und Juden in Rom nicht der religiösen Intoleranz, sondern politischen oder schlicht juristischen Motiven geschuldet war, da sie sich oft unbotmäßig oder aufrührerisch verhielten.

„Der Aberglaube verhält sich zur Religion wie die Astrologie zur Astronomie. Er ist der unvernünftige Sohn einer sehr vernünftigen Mutter.“ (S. 170)

In anderen Fällen bestrafte man frühchristliche Eiferer, die Tempel angegriffen, Heiligenbilder zerstört, öffentliche Bekanntmachungen zerrissen und Siegesfeiern ignoriert hatten – all das sind Zeugnisse christlicher Intoleranz gegenüber anderen Glaubensrichtungen. Und es sind unvernünftige Aktionen, die zwangsläufig die Justiz auf den Plan rufen mussten. Nicht der Glaube, nicht die Religion war in diesen Fällen das Ziel der Verfolgung, sondern die Straftat. Hätte es eine systematische Christenverfolgung gegeben, wären die ersten römischen Bischöfe nicht unbehelligt geblieben, christliche Gelehrte hätten weder ungehindert lehren noch öffentlich predigen dürfen, es hätten nicht 53 Konzilien abgehalten werden können. Die Berichte über angebliche Christenverfolgungen stützen sich oft auf zweifelhafte Einzelfälle und ungereimte Erzählungen, denen seriöse Quellen widersprechen. Gezielte Verfolgungen von Christen scheinen, aus der historischen Distanz betrachtet, das Ergebnis dunkler Intrigen, nicht jedoch einer allgemeinen religiösen Intoleranz. Das lässt nur einen Schluss zu: Einzig die Christen sind es, die aus religiösen Gründen morden.

Die Toleranz im Judentum und im Evangelium

Auch bei den alten Juden herrschte eine weitgehende Toleranz. Götzendienst wurde im Alten Testament nur durch Gott selbst gerächt, nie durch Priester. Die fünf Bücher Mose, die Bücher der Chroniken und die Bücher der Könige sind voller Beispiele davon, dass es immer wieder Anbetungen fremder Götter gegeben hat, diese aber nie durch Priester bestraft wurden, oft nicht einmal durch Gott selbst. Im Verlauf der jüdischen Geschichte entwickelten sich unterschiedliche Sekten, die sich stärker voneinander unterschieden als heute Katholiken und Protestanten. Diese Unterschiede waren nie Grund für Kriege oder Verfolgungen. Die jüdischen Herrscher führten ihre Kriege immer aus weltlichen Interessen.

„Je weniger Dogmen, desto weniger Streitigkeiten. Je weniger Streitigkeiten, desto weniger Unglück. Wenn das nicht wahr ist, so will ich Unrecht haben.“ (S. 173)

Christliche Intoleranz entspringt gewissen Interpretationen des Evangeliums. Die entsprechenden Stellen können aber mit ein wenig mehr Vernunft leicht im Sinne der Toleranz gedeutet werden. Keine einzige Aussage von Jesus rechtfertigt die Verfolgung Andersgläubiger. Jesus selbst lebte das Leben eines Juden: Er war beschnitten, befolgte die jüdischen Rituale und feierte sogar kurz vor seinem Tod noch das Passahfest. Darum mussten die jüdischen Machthaber die Gotteslästerung, die sie ihm vorwarfen, eigens konstruieren, um ihn als öffentlichen Unruhestifter bei den Römern anzuzeigen. Jesus’ Aufopferung und die Vergebung für seine Mörder demonstrieren größtmögliche Toleranz. Das Evangelium predigt Duldsamkeit und Martyrium und niemals die Verfolgung Andersgläubiger – und doch wurde all dies kirchliche Praxis. Der Brief eines Klerikers aus dem Jahr 1714 entwirft Pläne zur Ermordung Hunderttausender Andersgläubiger. Vernünftigere Schriften jedoch, von der Bibel bis zu Texten der Gegenwart, beharren darauf, dass der Mensch freiwillig zum Glauben kommen muss. Wer den Glauben durch Zwang erwirken will, handelt gegen Natur und Logik. Die einzigen Fälle, die Intoleranz erfordern, sind solche, in denen es wiederum durch Intoleranz zu Verbrechen kommt. Fanatismus, Hetze und religiös motivierte Straftaten müssen unbarmherzig strafrechtlich verfolgt werden.

Aberglaube und Tugend

Die generelle Schwachheit des Menschen macht die Ordnung durch Religion nötig, und selbst falsche Religion, also Aberglaube, ist immer noch besser als gar keine. Religiöse Regeln zähmen Gesellschaften, Atheismus verursacht Anarchie. Allerdings müssen die ignoranten Vorstellungen des Aberglaubens in einer aufgeklärt religiösen Gesellschaft den Erkenntnissen der Vernunft weichen. Doch selbst völlig unsinnige abergläubische Bräuche wie die Anbetung der heiligen Vorhaut oder der Milch Marias sind nicht so gefährlich wie der Ansatz, dass wir Andersdenkende verdammen und verfolgen sollen.

„Die Religion ist bestimmt, uns in diesem und jenem Leben glücklich zu machen. Und was hat man zu tun, um in jenem Leben glücklich zu sein? Man muss gerecht sein in diesem.“ (S. 173 f.)

Das Denken, Glauben und Meinen des Menschen ist nicht durch Zwang und Regeln zu lenken. Widersprüche sind dazu da, ausgehalten zu werden. Hätten Bischof Alexander und der Priester Arius auf Kaiser Konstantins Geheiß ihren kleinlichen Streit über die Herkunft Christi als unentscheidbar beigelegt, wäre der Menschheit viel Leid erspart geblieben. Die christliche Tugend der Duldung sollte dem Zank über Nebensächlichkeiten Zügel anlegen. In Anbetracht der gesamten Schöpfung ist der Mensch nur ein Stäubchen. Die Wege Gottes sind für ihn in ihrer Gesamtheit nicht erkennbar. Niemand kann sich erdreisten, gültige Aussagen über die Ewigkeit zu machen – und schon gar nicht, diese Aussagen allen anderen vorzuschreiben. Wer die Frage nach Verdammnis oder ewiger Seligkeit allein davon abhängig macht, ob ein Mensch sich exakt an religiöse Vorschriften gehalten hat, erklärt damit die Tugend, Weisheit und Menschlichkeit von geschichtlichen Gestalten wie Konfuzius, Sokrates oder Epiktet für nichtig. Möge Gott den Menschen die nötige Vernunft eingeben, nebensächliche Unterschiede als solche zu entlarven und sie nicht zum Anlass für Hass und Verfolgung zu nehmen. Im Grunde sind alle Menschen Brüder und sollten Gott ehren, indem sie versuchen, in Frieden zusammenzuleben.

„Die Natur hat zu den Menschen gesprochen: Ich ließ euch alle schwach und unwissend geboren sein, damit ihr einige Minuten auf dieser Erde lebt und sie mit euren Leichnamen düngt. Da ihr schwach seid, helft euch; da ihr unwissend seid, klärt euch auf und habt Nachsicht untereinander.“ (S. 191)

In einer aktuellen christlichen Schmähschrift wird unter Berufung auf den heiligen Augustinus zur Ausrottung der französischen Protestanten aufgerufen. Noch immer also erhebt der Fanatismus sein Gebrüll und findet offene Ohren. Europa muss sich entscheiden, ob es Frieden oder Mord will.

Späte Gerechtigkeit

Am 7. März 1763 wird das Verfahren gegen Johann Calas nach gründlicher Prüfung des Staatsrats in Paris wieder eröffnet – ein Sieg der Vernunft über den Fanatismus. Es ist zu hoffen, dass die Menschen endlich lernen, ihre eigene Schwachheit und Unwissenheit einzugestehen, und der von der Natur gewollten Vielfalt ihr Recht geben. Am 9. März 1765, genau drei Jahre nach Johann Calas’ Hinrichtung, ist es dann endlich so weit: Das Urteil wird aufgehoben. Die Richter befinden sämtliche Angeklagte einstimmig für unschuldig. Die Familie wird rehabilitiert und erhält eine Abfindung. Es ist ein kleiner Einzelfall. Aber er ist zugleich eine wirksame Mahnung und ein Grund zur Hoffnung.

Zum Text

Aufbau und Stil

Voltaires Über die Toleranz ist eine politisch-moralische Streitschrift in 25 Kapiteln, die sich ihrem Gegenstand aus verschiedenen Richtungen annähert. Einer reportagehaften Erzählung des Justizmords an Johann Calas folgt eine allgemeine, vergleichende Betrachtung der Toleranz bzw. Intoleranz in der Gegenwart, daran anschließend ein historischer Vergleich. Der historische Teil, der weit über die Hälfte des Gesamtumfangs einnimmt, zitiert eine große Anzahl Quellen aus der Antike sowie dem Alten und Neuen Testament. Voltaire zeigt Widersprüche auf, vergleicht Quellen kritisch miteinander und weist immer wieder auf mögliche Übersetzungsfehler hin. Dabei nehmen historische Exkurse in den Fußnoten mitunter ganze Seiten ein. Mit der ungeschönten Beschreibung der Pogrome vergangener Zeiten schockiert Voltaire den Leser, mit der Auflistung alter, absurder Bräuche liefert er Anlass zum Spott; er polemisiert gegen Kulte und tadelt Regeln – all das in einer elaborierten, aber durchweg leicht verständlichen Sprache, bei der die Aussagen zumeist schlüssig aus dem vorher Gesagten entwickelt werden. Über weite Strecken hat der Text Appellcharakter. Er heischt Zustimmung und fordert die Mitarbeit des Lesers ein. Das sehr häufig benutzte „wir“ stellt eine Einheit zwischen Autor und Leser her. Voltaire schließt mit einem Gebet, das zwar zunächst an Gott, letztlich jedoch an die Menschen gerichtet ist.

Interpretationsansätze

  • Voltaires Traktat ist nicht ein Aufruf zum Atheismus, sondern zu einer aufgeklärten Religiosität. Es fußt trotz aller Kritik auf dem Katholizismus, der für den Autor die richtige Konfession ist. Eine allein aus der Vernunft geborene Toleranz ohne religiöse Basis ist nach Voltaires Ansicht kein sinnvoller Weg. Atheismus gilt ihm als der schlimmste Zustand des Menschen. Hier bleibt Voltaire weit hinter anderen Aufklärern wie etwa Diderot zurück, die Religion am liebsten ganz abschaffen wollen. Um Breitenwirkung zu erlangen, schien es Voltaire womöglich notwendig, den Leser nicht zu überfordern. Der Text holte die Franzosen da ab, wo sie seinerzeit mehrheitlich standen: mit beiden Beinen im Katholizismus.
  • Über die Toleranz ist ein Traktat von geringem philosophischem Gehalt. Weder liefert Voltaire eine Definition seines zentralen Begriffs, noch macht er den Versuch, über den reinen Appell hinaus Möglichkeiten zur Verwirklichung des Toleranzideals zu entfalten. Damit bleibt er weit hinter John Locke zurück, der schon 1689 in seinem Brief über die Toleranz für eine Trennung von Religion und Staat eintrat.
  • Das Traktat stellt sich nicht generell gegen Gewalt als Mittel der Durchsetzung von Zielen. Kriege werden als ein Ergebnis widerstrebender Interessen für unvermeidbar genommen. Voltaire macht also auch hier auf halber Strecke zu einem wirklich humanistischen Weltbild halt.
  • Das Traktat ist ein Beitrag zur Globalisierung des europäischen Weltbilds. Der Blick über die Grenzen Europas hinaus auf China, Amerika oder Japan zeigt: Der Toleranzbegriff muss aufgrund der zunehmenden Kenntnis fremder Zivilisationen nun umfassender formuliert werden. Der Eurozentrismus und damit die Konzentration auf eine allein christliche Geschichte und Welterklärung funktioniert nicht mehr.

Historischer Hintergrund

Die Macht der Vernunft

Die europäische Aufklärung war eine Epoche der Zerstörung alter Gewissheiten. Durch den Siegeszug der Naturwissenschaften, der vor allem mit den Entdeckungen Isaac Newtons verbunden war, verlor das bis dahin christlich definierte Weltbild Europas an Boden. Schon in den Strömungen des Humanismus und der Renaissance hatte dessen Fundament zu erodieren begonnen. Der Mystizismus des Mittelalters samt seinen abergläubischen Auswüchsen wich ab Mitte des 17. Jahrhunderts allmählich einem vernunftgeleiteten Zugang zur Religion. Ein neuer, rationaler Gottesbegriff nahm Gestalt an: der Deismus. Wissenschaftliche Erkenntnisse ersetzten zudem mehr und mehr die alten Dogmen. Durch das kopernikanische Weltbild wurde die göttliche Einzigartigkeit des Menschen infrage gestellt. Der Empirismus, vertreten unter anderem durch John Locke oder David Hume, machte sinnliche Erfahrung und technische Messung zu den zentralen Kriterien für Erkenntnis und brach somit endgültig mit dem Wahrheitsanspruch der biblischen Offenbarung. Parallel dazu forderte der Rationalismus, wie ihn etwa Gottfried Wilhelm Leibniz oder René Descartes repräsentierten, der Mensch solle mithilfe reinen Denkens, sprich durch Anwendung verstandesmäßiger Gesetze und ohne Anschauung von Einzelfällen, zur Erkenntnis kommen. Beide Strömungen gaben dem Herrschaftsanspruch der Kirche, der 200 Jahre nach der Reformation bereits erheblich wankte, schließlich den Todesstoß.

Ein weiterer Grund für den Perspektivenwechsel des christlichen Europa war die zunehmende Erforschung der Welt – unter anderem durch Missionare wie etwa die Jesuiten. Obwohl vornehmlich an der Bekehrung heidnischer Völker interessiert, kolportierten die Jesuiten Glaubenssätze, Riten, Gottes- und Weltbilder aus aller Welt. Ihre Berichte vermehrten das Wissen über alternative Religionsentwürfe und nötigten das christliche Abendland, den eigenen Wahrheitsanspruch zu relativieren.

Entstehung

Als Voltaire das Traktat Über die Toleranz verfasste, war er 68 und bereits eine Legende als Dichter, Philosoph und Historiker. Er lebte auf seinem Alterssitz in Ferney bei Genf. Durch Berichte von Reisenden hatte er vom Justizskandal um die Familie Calas ein Jahr zuvor erfahren. Voltaire lud daraufhin den jüngsten, zum Katholizismus übergetretenen Sohn des Hingerichteten zu sich ein, um sich die Einzelheiten schildern zu lassen. Das offensichtliche Fehlurteil brachte Voltaire so in Rage, dass er sämtliche übrigen Beschäftigungen zurückstellte und sich mit aller Kraft der Rehabilitation der Familie Calas widmete. Er verschaffte sich Zugang zu den Prozessakten. Er schrieb an König, Minister und Advokaten. Er verfasste Flugschriften und führte eine umfassende Korrespondenz mit Freunden und Bekannten. Er unterstützte die durch den Prozess völlig verarmte Familie Calas finanziell und warf seine ganze Popularität in die Waagschale. Aus dem Fall Calas, den er als Justizmord bezeichnete, erwuchs Voltaire die Idee einer allgemeinen Abhandlung über das zentrale Thema dieses Skandals: Unrecht aus dem Geist der Intoleranz. Für den historischen Hintergrund dieses Traktats – besonders die Hugenottenkriege – konnte sich Voltaire auf eigene umfassende Studien etwa zu seiner Abhandlung Über den Tod Heinrichs des IV von 1745 stützen. Zu den literarischen Vorbildern zählen unter anderem John Lockes Brief über die Toleranz von 1689 und Pierre Bayles Philosophischer Kommentar zu den Worten Christi ,Nötige sie hereinzukommen‘ von 1686.

Wirkungsgeschichte

Die unmittelbare Wirkung des zunächst anonym erschienenen Traktats Über die Toleranz war immens. Zusammen mit den zahlreichen begleitenden Briefen, die Voltaire verfasste, wurde die Schrift sehr schnell europaweit bekannt und zu einem Meilenstein der Moralphilosophie und der politischen Ethik. In der Sache – dem juristischen Prozess der Familie Calas – führte sie insofern zu einem handfesten Erfolg, als sie massiv dazu beitrug, die Familie zu rehabilitieren und den Justizskandal als solchen öffentlich zu brandmarken. Voltaire selbst erfuhr durch sein Engagement für die Familie Calas eine enorme Steigerung seiner Popularität. Galt er bis dahin vor allem in vornehmen Zirkeln als geschätzter Dichter, Philosoph sowie Gesprächs- und Briefpartner der gekrönten Häupter Europas, konnte er sich nun auch als Bestsellerautor feiern lassen. Und der Ruhm der Schrift hielt an: Das erste deutsche Massenblatt, Die Gartenlaube, würdigte etwa noch 1878 das „unsterbliche Manifest wider den Fluch der Unduldsamkeit“. Neue Aufmerksamkeit erfuhr Voltaires Schrift über die Toleranz nach dem islamistischen Anschlag auf die Pariser Redaktion des Satireblatts Charlie Hebdo im Januar 2015. In der Folge wurde Über die Toleranz erneut zum Bestseller. Voltaires Schriften zur Toleranz, allen voran sein Traktat von 1763, können als eine von mehreren Quellen des modernen französischen Laizismus, also der strikten Trennung von Staat und Religion, betrachtet werden.

Über den Autor

Voltaire ist zeit seines Lebens ein Freigeist, der sich über Konventionen hinwegsetzt, jede Form von Dogmatismus hasst, sich gegen die Kirche wendet und für die Aufklärung einsteht, die absolutistische Monarchie verflucht und dafür mehrere Male in den Kerker geworfen wird. Er hat einen großen Gerechtigkeitssinn, ist aber auch reizbar, gewinnsüchtig und ehrgeizig. Voltaire kommt unter dem bürgerlichen Namen François-Marie Arouet am 21. November 1694 als Sohn eines Notars in Paris zur Welt. Seine Mutter stirbt früh, und auf Anraten eines Freundes wird er als Zehnjähriger in ein Jesuitenkolleg geschickt. Hier trifft er auf adlige Kinder aus den besten Familien und lernt „Latein und dummes Zeug“, wie er später einmal bemerkt. Sein Pate führt ihn in die höfische Gesellschaft ein. Das Leben im Luxus gefällt dem jungen Mann: In der Gesellschaft liebt man ihn für seinen intelligenten Witz, seinen bösartigen Humor und seine Frechheit, mit der er auch höhergestellten Personen begegnet. Das wird ihm schließlich aber zum Verhängnis: Mehrere Male wird er aus der Gesellschaft verbannt. 1718 erscheint seine überaus erfolgreiche Tragödie Oedipus (Oedipe). In die Pariser Gesellschaft zurückgekehrt, wird er 1726 in die Bastille gesperrt. Der Grund ist eine Auseinandersetzung mit dem Feldmarschall Chevalier de Rohan. Den Aufenthalt in der Bastille kann Voltaire abkürzen, indem er sich zum Exil in England bereit erklärt. In den Philosophischen Briefen (Lettres philosophiques, 1734) richtet er sich polemisch gegen französische Rückständigkeit, Dogmatismus, Willkürherrschaft und religiöse Herrschaftsansprüche. Natürlich zieht das einen erneuten Konflikt nach sich. Voltaire flieht ins Château de Cirey im Herzogtum Lothringen. Auf Vermittlung der Marquise de Pompadour steigt Voltaire 1746 zum Kammerherrn Ludwigs XV. auf, nimmt 1749 aber eine Einladung Friedrichs II. von Preußen an. Doch auch hier kommt es zum Zerwürfnis. 1758 kauft sich Voltaire das Gut Ferney in der Nähe von Genf, wo er 20 Jahre lang lebt und schreibt. 1778 reist er zur Uraufführung einer seiner Tragödien nach Paris, wo er am 30. Mai 1778 stirbt. Auf Volksbeschluss wird sein Leichnam 1791 ins Panthéon in Paris verlegt.


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