Zusammenfassung von Vom Gottesstaat

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Vom Gottesstaat Buchzusammenfassung

Literatur­klassiker

  • Religion
  • Spätantike

Worum es geht

Die Gemeinschaft der Gläubigen

Ein Mammutwerk der christlichen Theologie: Auf weit über 1000 Seiten beschreibt Kirchenvater Augustinus die Entwicklung des „göttlichen“ Staates im Vergleich zum „irdischen“. Ausgangspunkt ist der Vorwurf, das Christentum treffe eine entscheidende Mitschuld am Untergang des Römischen Reichs. Augustinus streitet dies vehement ab und stellt die These auf, Rom – mitsamt seinem heidnischen Götterkult, seiner Verrohung der Sitten und seiner Abkehr von einstigen Werten – sei selbst schuld am eigenen Verfall und das Christentum vielmehr die eigentliche Rettung. Immer wieder kritisiert er heidnische Kulte und Bräuche aufs Schärfste, um im Gegenzug die Überlegenheit des Christentums herauszustellen. Die Gemeinschaft der wahrhaft Gläubigen, den „Gottesstaat“, trennt er von der Gesamtheit des irdischen Lebens. Für jeden Menschen, so Augustinus, ist es nicht nur erstrebenswert, am Gottesstaat teilzuhaben, sondern auch möglich – wenn er den Weg des rechten Glaubens beschreitet. Alles in allem eine herausfordernde Lektüre, die einem interessante Einblicke in die Frühzeit des christlichen Denkens beschert.

Take-aways

  • In seinem Großwerk Vom Gottesstaat entwirft Augustinus eine umfassende Menschheits- und Heilsgeschichte.
  • Vom Gottesstaat ist Augustinus’ wichtigstes Werk und hat wie kein anderes das Mittelalter geprägt.
  • Der Gottesstaat – die Gemeinschaft der gläubigen Christen – hat sich gemäß Augustinus zur Zeit des Alten Testaments entwickelt und wird am Tag des Jüngsten Gerichts ins ewige Leben übergehen.
  • Im Gegensatz zum Gottesstaat manifestiert sich der irdische Staat in Gemeinschaften, die von irdischem Verlangen dominiert werden, z. B. im Römischen Reich.
  • An dessen Verfall ist nicht das Christentum schuld, sondern die Tatsache, dass die Römer unsittlich leben und einem lächerlichen Aberglauben anhängen.
  • Es gibt kein Böses schlechthin, sondern nur ein Abfallen vom Guten.
  • Die in der Welt vorhandenen Gegensätze hat Gott bewusst in Kauf genommen. Die Welt beruht auf ihnen, wie ein perfektes Gedicht auf Antithesen beruht.
  • Der Sexualtrieb – eine Strafe für die Erbsünde – ist der gefährlichste aller Triebe, weil er kaum dem Willen unterworfen werden kann.
  • Glückseligkeit kann man nicht auf Erden erlangen, sondern nur im Himmel, wenn man nach Gottes Geboten gelebt hat.
  • Vom Gottesstaat ist in erster Linie eine Rechtfertigungsschrift für das Christentum, dem viele Römer die Schuld am Untergang ihres Reichs gaben.
  • Typisch für Augustinus ist das dualistische Denken: Er teilt die Welt in eine göttliche und eine weltliche Sphäre, in Gut und Böse.
  • Augustinus gilt als Begründer der christlichen Theologie und Philosophie, was ihm die Bezeichnung „Kirchenvater“ eingetragen hat.
 

Über den Autor

Augustinus zählt neben Ambrosius, Hieronymus und Gregor zu den vier lateinischen Kirchenlehrern. Geboren wird er am 13. November 354 n. Chr. in Thagaste in Nordafrika. Sein Geburtsort liegt in der numidischen Provinz des Römischen Reichs, im heutigen Algerien. Die religiösen Umbrüche jener Zeit prägen auch sein Leben: Die Mutter ist überzeugte Christin, der Vater lässt sich erst kurz vor seinem Tod taufen. Als Kind erlebt Augustinus die kurzzeitige Rückkehr zu den alten römischen Gottheiten unter Kaiser Julian Apostata. Trotz finanzieller Schwierigkeiten ermöglichen ihm seine Eltern, dem antiken Bildungsideal entsprechend, ein Studium der Rhetorik. Anschließend wirkt Augustinus als Professor für Rhetorik, zuerst in Karthago, später in Rom und ab 384 in Mailand. Nach der Bekehrung zum Christentum im Jahr 386 findet seine Taufe zu Ostern 387 statt. Anschließend lebt er mit Freunden in einer Art klösterlicher Gemeinschaft, ehe er 391 zum Priester geweiht wird und um das Jahr 396 das Amt des Bischofs von Hippo Regius übernimmt, einer Stadt in Nordafrika. Religiöse Konflikte mit Anhängern verschiedener christlicher Lehren schwächen und bedrohen seine Gemeinde und fordern ihn immer wieder zu Auseinandersetzungen heraus. In dieser Zeit wandelt sich seine anfangs recht tolerante Haltung immer mehr in Strenge und Unerbittlichkeit gegenüber Andersdenkenden, sodass er schließlich sogar eine enge Zusammenarbeit zwischen Kirche und Staat propagiert und mithilfe der Staatsgewalt seine Gegner zu unterdrücken versucht. Am 28. August 430 stirbt er in Hippo Regius. Augustinus ist Autor zahlreicher Werke. Überliefert sind rund 500 Predigten, mehr als 200 Briefe und über 100 Schriften, von denen einige recht umfangreich sind. Neben den Bekenntnissen (Confessiones, 400 n. Chr.) zählen Vom Gottesstaat (De civitate Dei, 413–426 n. Chr.) und Über die Dreifaltigkeit (De trinitate, 399–419 n. Chr.) zu seinen wichtigsten Werken. Augustinus wird im Katholizismus als Heiliger verehrt. Seine Gebeine sind noch heute in der Kirche San Pietro in Ciel d’Oro im italienischen Pavia aufgebahrt.

 

Zusammenfassung

Wer ist schuld am Untergang des Römischen Reichs?

Der Untergang Roms, diese gewaltige Umwälzung, ist der historische Hintergrund, vor dem sich der wahre vom unwahren Glauben unterscheidet. Die Gegner der christlichen Religion behaupten, das Christentum sei schuld am sittlichen Verfall und Untergang Roms. Eine Vielzahl von Beispielen aus der Geschichte aber widerlegt diese These. In Wahrheit sind es die Römer selbst, die ihren Untergang herbeigeführt haben – denn im Gegensatz zu den Christen beten sie die falschen Götter an. Falsch sind ihre Götter nicht zuletzt deswegen, weil sie offensichtlich machtlos sind. Diese Ohnmacht lässt sich an etlichen Beispielen der antiken Geschichte ablesen. Hinzu kommt, dass sie sich ihren Anhängern gegenüber häufig ungerecht und illoyal verhalten. Sie halten keine Belohnungen für im Leben errungene Verdienste bereit und bestrafen menschliche Schandtaten nach Gutdünken. Dass die Römer ein Weltreich aufgebaut haben, ist in diesem Zusammenhang kein Widerspruch. Die Tatsache römischer Herrschaft ist weder ein Beweis dafür, dass die Götter den Römern wohlgesinnt sind, noch dass diese die richtigen Götter anbeten.

„Groß ist das Werk und schwer, ‚aber Gott ist unser Helfer‘.“ (Teil 1, S. 3)

Der Schwindel der römischen Religion Rom ist nicht dank seiner Götter groß geworden. Die entscheidenden Faktoren waren vielmehr das Verlangen nach Freiheit und der Expansionsdrang des Volks, gefolgt von Herrschsucht und Begierde, vor allem aber die Ruhmsucht mit all ihren schlimmen, gottlosen Auswirkungen. Natürlich bedarf es, um ein Weltreich aufzubauen, auch der Tüchtigkeit. In diesem Sinn bieten die Leistungen und Erfolge der Römer den Christen Ansporn und Motivation für ihre eigenen weltlichen Ambitionen. Was den Glauben anbelangt, sind die Römer aber alles andere als vorbildlich. Ihre Schauspielaufführungen, in denen sie ihre eigenen Götter verspotten, sind nichts als frevlerische Possenspiele und ein Beweis für die Ohnmacht ebendieser Götter. Die römische Religion ist impotent, nicht anders als zu ihrer Zeit die griechische. Jupiter und Janus, die beide für die ganze Welt stehen sollen, sind gute Beispiele für den inhalts- und nutzlosen Kult der römischen Götterwelt. Ein anderes Beispiel ist die Erde, die gemäß römischem Glauben ebenfalls eine Göttin sein soll. Warum? Weil sie fruchtbar ist oder von der Weltseele durchdrungen? Dann müssten auch die Menschen göttlich sein. Unsinnigkeiten wie diese sind der beste Beweis für die Notwendigkeit und Logik eines einzelnen, unteilbaren Gottes. Dieser Gott hat den Menschen seine Liebe dadurch bewiesen, dass er Christus auf die Erde gesandt hat. Damit hat er den Dämonenschwindel aufgedeckt, den die anderen Religionen treiben.

Dämonen und Opfer

In der römischen Religion gibt es eine inhaltliche Trennung zwischen einer staatlichen (oder politischen), einer fabulierenden (oder mythischen) und einer natürlichen (oder physischen) Theologie. Als natürliche Theologie gelten die Lehren und religiösen Ansichten der Platoniker. Sie führen in einigen wichtigen Punkten auf die Inhalte des Christentums hin. Schon lange vor dem Erscheinen Christi haben Platon und seine Schüler eingesehen, dass auf der Suche nach Gott alles Körperliche abgestreift werden muss. Eine Schwäche der platonischen Philosophie ist jedoch, dass sie sich zur Verehrung der Dämonen bekennt und ihnen einen höheren Stellenwert einräumt als den Menschen. Außerdem können oder wollen sich die Platoniker nicht von dem Glauben trennen, dass es sich bei einer Vielzahl von Göttern um verstorbene Menschen handelt.

„Doch bedenke, dass ich mich mit diesen Ausführungen zunächst an die Ungebildeten wende, von deren Unverstand das verbreitete Sprichwort zeugt: ‚Es regnet nicht. Wer ist schuld? Die Christen!‘“ (Teil 1, S. 63)

Derartige Kulte kennen die Christen nicht. Zwar verehren sie ihre Märtyrer, sie betrachten sie aber nicht als Götter und bauen ihnen auch keine Tempel. Die Dämonen, von denen Platon spricht, gibt es zweifellos – schließlich ist ihre Existenz auch durch die Bibel belegt. Außerdem ist irgendeine Art von Vermittlerinstanz zwischen den Menschen und Gott auch absolut notwendig. Der Gott der Christen ist dieser Notwendigkeit nachgekommen, indem er seinen Sohn Jesus Christus auf die Erde gesandt hat. Die Dämonen hingegen können diese Mittlerfunktion in keiner Weise ausüben, im Gegenteil: Sie lenken eher vom Pfad des wahren Glaubens ab, weil ihre Natur darauf ausgerichtet ist, Menschen zu verführen. Zwar verfügen sie über großes Wissen, aber nicht über positive Gefühls- und Seelenregungen wie Liebe und Barmherzigkeit.

„Wo waren denn diese Götter, die man um armseligen und trügerischen Erdenglückes willen meint verehren zu sollen, als die Römer, denen sie ihre Verehrung mit verlogener Arglist schmackhaft zu machen wussten, von so viel Unglück heimgesucht wurden?“ (Teil 1, S. 142)

Ein weiterer gottloser Brauch der Heiden ist ihre Vorliebe für jede Form von Opferkult. Gott hat keine Opfer nötig, die ihm von Menschen dargebracht werden – abgesehen von jenen Werken, die um seinetwillen in heiliger Gemeinschaft vollzogen werden: zerknirschte Herzen statt geschlachteter Tiere.

Das Böse ist das nicht existierende Gute

Die wahren Vermittler zwischen Gott und den Menschen sind – neben Jesus – die Engel. Auch an ihrer realen Existenz besteht kein Zweifel, wenngleich ihre Erschaffung in der Genesis nicht ausdrücklich erwähnt wird. Dass Gott selbst und sein Sohn Jesus Christus existieren, ja dass es sogar faktische Beweise für ihre Existenz gibt, davon zeugen die göttlichen Wunder des Alten und Neuen Testaments. Sie sind keineswegs nur sinnbildlich zu verstehen.

„Was tapfere Römer für das irdische Vaterland taten, werden Christen williger und freudiger für das himmlische tun.“ (Teil 1, S. 258)

Gott ist „allein, einfach und darum auch unwandelbar“ – das steht nicht im Widerspruch zur Dreieinigkeit von Vater, Sohn und Heiligem Geist, im Gegenteil: In der Dreiheit spiegelt sich die Einheit und Einzigkeit Gottes wider. Gott ist der Ursprung des irdischen Lebens, das in den Gegensätzen von Gut und Böse, Schön und Hässlich etc. sichtbar wird. Auch wenn er die Welt ursprünglich als etwas Gutes schuf, wusste Gott bereits im Voraus, dass sich diese Antithesen entwickeln würden und wie er sie sich zunutze machen sollte – nämlich wie in einem Gedicht, das man ja auch mit Gegensätzen ausschmückt. Insofern ist es ganz selbstverständlich, dass alles in der Welt gerechtfertigt ist. Der Ursprung der Sünde ist die Abkehr vom Guten, also – ganz im Sinn des Alten Testaments – die Abkehr unseliger, hochmütiger Engel von Gott. Es gibt keine ursprüngliche, keine bewirkende Ursache des Bösen, kein Böses schlechthin, sondern nur das Versagen, das Abfallen vom Guten.

„Haben etwa nur die Schauspieler und nicht die Priester dem Priapus ein gewaltig großes Zeugungsglied gemacht? Steht er an den heiligen Stätten, wo man ihn anbetet, anders da, als er im Theater und unter dem Gelächter der Zuschauer einhergeht?“ (Teil 1, S. 298)

Ein zentraler Bestandteil des christlichen Glaubens ist die Einsicht in die Begründung, warum Menschen sterben müssen. Sterben ist ein Prozess, bei dem sich Körper und Seele voneinander lösen. Gäbe es den Tod bzw. das mit dem Sterben verbundene Leiden nicht, so wäre der menschliche Glaube keiner wirklichen Prüfung unterworfen. Nur dadurch, dass der Mensch durch das Tor des Todes hindurchgehen muss, kann sich der wahre Glaube bewähren. Daher sind auch die wahrhaft frommen Menschen zum Sterben verurteilt. Der Tod ist eine Folge der Erbsünde und hat als solche strafenden Charakter. Die Erbsünde wiederum ist jedem Menschen von Geburt an als Last auferlegt. Er ist und bleibt dazu verdammt, immer wieder aufs Neue verdorbene, sündige Nachkommen zu zeugen.

Der Sexualtrieb als Strafe Gottes

Die fleischliche Lust hat keine ursächliche Schuld an der Vergänglichkeit der Seele, vielmehr ist die Wollust eine weitere Folge der Erbsünde. Wer sich ihr hingibt, ist ein Gefangener seines Ichs, im Unterschied zu jenem, der ganz nach Gottes Willen lebt. Jeder Mensch trägt in seinem irdischen Leben eine Verantwortung: Kraft seines Willens ist er in der Lage, seine Affekte zu kontrollieren und dadurch dem Pfad des wahren Glaubens zu folgen – oder aber von ihm abzuweichen. So ist auch Adams Verrat an Gott die unmittelbare Folge eines Willensaktes. Der gefährlichste aller Triebe ist der Geschlechtstrieb, da er sich kaum vom Geist zügeln lässt. Es ist deshalb gerechtfertigt, dass sich die Menschen ihrer Nacktheit schämen und sie zu verbergen versuchen. Es ist auch klar, dass nie ein Mensch in der Wollust Glückseligkeit finden wird – diese ist nur im Paradies zu erlangen.

Der irdische und der Gottesstaat

Die Urväter des irdischen und des himmlischen Staats sind Kain und Abel. Von ihnen ausgehend, erstreckt sich die Entstehung der beiden Gemeinschaften durch die gesamte biblische Geschichte. Die beiden Staaten sind von Beginn an dadurch vermischt, dass Kain und Abel Söhne Adams und einander brüderlich verbunden sind. Mit der göttlichen Strafe der Sintflut verlieren sich die Spuren des Gottesstaats im Alten Testament, erst mit Abraham tauchen sie wieder auf. Abraham steht am Anfang einer neuen Ära, bezeugt durch die Zwiesprache, die Gott mit ihm und seinen Nachkommen hält. Ähnlich wie mit Kain und Abel der himmlische und der irdische Staat entstehen, spaltet sich später Israel in einen Christus-feindlichen und einen Christus verehrenden Staat. Mit dieser Spaltung beginnt wiederum eine neue Zeitrechnung. Die Bedeutung des Alten Testaments besteht folglich vor allem darin, das Neue Testament einzuleiten.

„So ist denn aus dem verkehrten Gebrauch des freien Willens die ganze Kette des Unheils entstanden, die mit nicht abreißendem Jammer das Menschengeschlecht (...) bis zum endgültigen Untergang im zweiten Tod führen sollte, ausgenommen nur diejenigen, die durch Gottes Gnade erlöst werden.“ (Teil 2, S. 124)

Zum irdischen Staat gehören diejenigen Gemeinschaften, die von irdischem Verlangen dominiert werden. Als Beispiele dienen die Reiche der Assyrer und der Römer. Ihre Entstehung und ihr Niedergang gehören zu Gottes allumfassendem Weltplan. Beide Völker sind nur ausführende Organe seiner Allmacht.

„Denn unter keinen Umständen lügt unsere Schrift, deren Mitteilungen über die Vergangenheit durch Erfüllung ihrer Voraussagen beglaubigt werden (...)“ (Teil 2, S. 296)

Der Ursprung aller Wahrheit ist die Bibel. Alle darin festgehaltenen Geschehnisse entsprechen der Realität. Was ungläubige Philosophen als ihre Wahrheit bezeichnen, beruht lediglich auf dem falschen Streben nach weltlichem Ruhm und ist Ausdruck ihrer Eitelkeit. Wie aber gelangt man in den irdischen, wie in den himmlischen Staat? Beide Wege führen durch das irdische Leiden und die Nutzung zeitlicher Güter. Doch während sich der irdische Staat nach Belieben falsche Götter schafft, ist der himmlische selbst von Gott erschaffen. Das Ziel jedes gläubigen Menschen muss es sein, als höchstes Gut den ewigen Frieden zu erlangen – und das gelingt ihm nur, wenn er den rechten Weg einschlägt, also nicht gegen die Gebote Gottes verstößt. Wahre Glückseligkeit auf Erden hingegen gibt es in keiner Form. Das bedeutet jedoch nicht, dass der Wunsch nach irdischem Frieden nicht schätzenswert wäre; er ist sogar ein eigentliches Naturgesetz.

Der Tag des Jüngsten Gerichts

Im irdischen Leben bleibt den Menschen nichts anderes übrig, als im Bewusstsein ihrer Unwissenheit auf Gott zu vertrauen und seinen Geboten Folge zu leisten. Was tatsächlich am Tag des Jüngsten Gerichts passieren wird, darüber gibt die Bibel zwar Auskunft, aber nicht so, dass es sich bis ins letzte Detail verstehen lässt. Überhaupt muss man als Bibelleser mit den Weissagungen der Offenbarung ringen. Diese sind oft unklar, und auch die Berechnung des Tages des Jüngsten Gerichts lässt sich anhand biblischer Angaben nicht präzise durchführen.

„Im Allgemeinen aber ist das Leben der Sterblichen lauter Strafe, weil es lauter Versuchung ist, wie es uns aus der Heiligen Schrift entgegentönt.“ (Teil 2, S. 707)

Sicher ist hingegen, dass die Prophezeiungen der Offenbarung eintreffen werden und mit ihnen auch die Ankunft des Antichristen. Selbst barmherzige und gottgefällige Werke werden nicht vor den Strafen des Jüngsten Gerichts schützen, wenn sie durch schlimme Sünden hinfällig geworden oder nicht von einem festen Glauben an Gott durchdrungen sind. Die Scheidung von Gut und Böse am Jüngsten Tag wird die Entwicklung des irdischen und des göttlichen Staats konsequent an ihr Ende führen. Die irdische Gemeinschaft hört auf zu existieren, und der Gottesstaat geht ins ewige Leben über.

Wunder und Auferstehung

Die scheinbar unglaublichen Verkündigungen der Bibel wirken dann glaubhaft, wenn man sich die Wunder vor Augen führt, die gläubigen Christen zu früheren und auch zu heutigen Zeiten widerfahren. Eines davon hat sich in Hippo zugetragen: Zehn Geschwister, die an unablässigem Gliederzittern litten, wurden vor den Augen der versammelten Gottesdienstbesucher geheilt – durch die bloße Berührung des Gitters am Grab des heiligen Stephanus. Märtyrer wie dieser legen Zeugnis ab für Christi Auferstehung und die Wahrheit seiner Verheißungen. Wie sonst könnten sie noch als Tote solche Wunder vollbringen? Es ist möglich, dass sich auch in anderen religiösen Kulturen Wunder zugetragen haben. Die Entstehung christlicher Wunder ist aber glaubhafter, weil die, die sie vollbringen, selbst nicht für Götter gehalten werden, sondern ihre Wunder lediglich Ausdruck von Gottes Wohlgefallen sind.

„O wie groß wird sie sein, jene Seligkeit, da es kein Übel mehr gibt, kein Gut sich verbirgt, da man in freier Muße Gott lobt, der alles ist in allen!“ (Teil 2, S. 830)

Das größte aller Wunder ist die Auferstehung vom Tod. Auch wenn vernünftelnde Geister Bibelstellen wie „Kein Haar auf unserm Haupt wird umkommen“ ins Lächerliche ziehen, lässt Gottes Wort keine Zweifel offen: Die Körper der Auferstandenen werden ohne Makel sein, frühere Schönheitsmängel oder Verunstaltungen beim Tod werden durch die Auferstehung auf wundersame Weise behoben werden.

Zum Text

Aufbau und Stil

Das im Original lateinische Werk Vom Gottesstaat gliedert sich in zwei Teile, von denen der erste zehn Bücher – also Kapitel – umfasst, während der zweite mit zwölf Büchern fast doppelt so lang ist. Der Umfang des gesamten Werks ist enorm, er liegt bei annähernd 1400 Seiten. Dass es dennoch relativ kompakt und übersichtlich wirkt, liegt daran, dass es auf einem sehr transparenten Grundriss aufbaut, der jedem Buch ein bestimmtes Thema oder Problem zugrunde legt. Augustinus’ Lösungswege folgen teils rein logischen Schlüssen, teils biblischer Exegese (Erklärung, Auslegung), wobei er die Wahrheit der Bibelworte für unantastbar hält. Während er in seinen Schlussfolgerungen mit großer Schärfe gegen die heidnischen Religionen zu Felde zieht, verschont er die eigene Religion weitgehend mit seiner konsequenten Logik. Eine Vielzahl von Bezügen zur griechischen und römischen Geschichte und Philosophie machen Vom Gottesstaat ohne gründliche Kenntnisse der Antike zu einer streckenweise anstrengenden Lektüre. Verfügt man aber über das entsprechende Hintergrundwissen, erscheint das Mammutwerk umso bezugreicher und spannender. Augustinus schreibt über weite Strecken klar und schlicht und überlädt seine sorgfältig konstruierten Sätze nur selten. Erst im zweiten Teil des Buchs nimmt die strukturelle und stilistische Präzision erkennbar ab. Viele Interpreten bringen dies mit dem fortgeschrittenen Alter des Kirchenvaters in Verbindung.

Interpretationsansätze

  • Vom Gottesstaat ist eine Rechtfertigungsschrift des Christentums, eine Reaktion auf die Skepsis, mit der die römische Elite dem Christentum auch im fünften Jahrhundert noch begegnete. Viele Römer sahen in der Christianisierung des Reichs sogar eine Ursache für dessen Verfall und Untergang.
  • Durch seine These, dass das Christentum bzw. der Gottesstaat vom irdischen Staat (insbesondere dem untergehenden Römischen Reich) unabhängig sei, löst sich Augustinus von Vorstellungen der Antike und bahnt den Weg für das neue mittelalterliche Denken.
  • Augustinus nimmt Platons Philosophie zur Grundlage, insbesondere die Zweiteilung der Welt in einen geistigen und einen materiellen Bereich, und wandelt sie in christlichem Sinne ab. Das Prinzip des Dualismus – göttlich/irdisch, gut/böse, Seele/Körper – durchzieht das ganze Werk. Manche Interpreten führen diesen Ansatz auch auf den Manichäismus zurück, eine radikale, staatlich verbotene Christengemeinschaft, der sich Augustinus als junger Mann zuwandte, Später kritisierte er sie hart.
  • Augustinus’ Bibelgläubigkeit hat eine fundamentalistische Tendenz. Die Selbstverständlichkeit, mit der er die Schrift als unkritisierbaren Ursprung aller Wahrheit akzeptiert, mag im Mittelalter zu seiner Glaubwürdigkeit und seinem Ansehen beigetragen haben, heute lässt sie ihn naiv erscheinen.
  • Augustinus hat wesentlich dazu beigetragen, aus dem Christentum eine extrem lebens- und lustfeindliche Religion zu machen: Gemäß seiner Lehre sind wir schon von Geburt an Sünder; Gott ist diktatorisch, vor ihm gibt es kein Entfliehen; er ist unberechenbar und im Grunde unverständlich; Gott bestimmt die Weltpolitik, er lässt Reiche entstehen und zerfallen, er entscheidet den Ausgang von Kriegen und Schlachten; Glückseligkeit in diesem Leben ist unmöglich, Sex im höchsten Maß verwerflich.

Historischer Hintergrund

Der Niedergang Roms und der Aufstieg des Christentums

Das vierte nachchristliche Jahrhundert war geprägt vom beschleunigten Niedergang des Römischen Reichs. Durch den Einfluss von Kaiser Konstantin dem Großen hatte das Christentum – in Rom lange Zeit eine verfolgte Religion – einen starken Aufschwung erlebt und die Verehrung der antiken Götter immer stärker abgenommen. Nach Konstantins Tod 337 n. Chr. traten seine Söhne die Nachfolge und ein schweres Erbe an. Sie mussten sich gleichzeitig mit der Bedrohung durch die Germanen im Norden und jener durch die Sassaniden in Persien auseinandersetzen, zudem bekämpften sie sich noch gegenseitig. Als Einziger der Söhne überlebte Konstantin II. die Machtkämpfe. Sein Ziel, eine einheitliche christliche Reichskirche zu etablieren, scheiterte an heftigen Auseinandersetzungen zwischen verschiedenen christlichen Richtungen und Sekten. Nach einem kurzen Intermezzo mit Julian Apostata (361–363), der als letzter Kaiser den alten römischen Glauben vertrat, waren alle folgenden römischen Herrscher Christen, und unter Theodosius wurde das Christentum im Jahr 380 n. Chr. de facto zur Staatsreligion.

Etwa um dieselbe Zeit wird auch der Beginn der großen Völkerwanderung angesetzt. Mehr als je zuvor wurde das römische Imperium jetzt durch Germanenstämme bedroht. 406/407 brach die Rheingrenze zusammen, die Germanen drangen ins Reich ein, 429 fielen die Vandalen unter König Geiserich von Gibraltar aus in die römischen Provinzen Nordafrikas ein und eroberten diese. Auch Hippo (das heutige Annaba in Algerien), wo Augustinus lebte und predigte, wurde von ihnen belagert; der Kirchenvater starb kurz vor der Erstürmung der Stadt. Mit der Absetzung des letzten römischen Kaisers durch den Germanenfürst Odoaker 476 ging das Weströmische Reich endgültig unter.

Entstehung

Vom Gottesstaat entstand in einem Zeitraum von 13 Jahren, zwischen 413 und 426 n. Chr. Das Werk ist vor allem eine Reaktion auf die Bedrohung des Römischen Reichs durch den germanischen Volksstamm der Westgoten. Augustinus versuchte darin die verbreitete Auffassung zu widerlegen, dass der Untergang des Weltreichs den göttlichen Heilsplan infrage stelle und auf die Abwendung der Römer vom alten heidnischen Glauben zurückzuführen sei. Den unmittelbaren Anstoß zu dem Werk erhielt der Autor in seinen Gesprächen mit dem kaiserlichen Sonderbotschafter Flavius Marcellinus, der ihn aufforderte, etwas gegen die „Lästerungen der Heiden“ zu unternehmen. Die Entstehungsgeschichte des „großen und schweren“ Werks, wie es Augustinus selbst bezeichnete, lässt sich anhand seiner Briefwechsel detailliert verfolgen. Bis 417 n. Chr. hatte er den ersten Teil des Gottesstaats vollendet. Immer wieder von bischöflichen Pflichten unterbrochen, stellte er den zweiten Teil bis 426 n. Chr. fertig und kümmerte sich mit unermüdlicher Betriebsamkeit um die technischen und editorischen Angelegenheiten seines Werks. Des enormen Umfangs wegen ließ er es in zwei Bänden veröffentlichen.

Wirkungsgeschichte

Die Bedeutung von Augustinus’ Werk für die Kirchenhistorie, aber auch für die gesamte abendländische Geschichte ist enorm. Umstritten sind hingegen seine Originalität als Denker und seine philosophischen und schriftstellerischen Qualitäten. Während ihn einige Historiker und Philosophen neben Platon stellen, gilt er anderen vor allem als herausragender Eklektiker, der es verstanden hat, die religiösen und philosophischen Strömungen seiner Zeit in seinen Werken zusammenzufassen. Bereits kurz nach seinem Tod wurden Augustinus’ Schriften in so genannten „Florilegien“ gesammelt und verbreitet. Im Mittelalter gehörten solche Sammlungen von Zitaten und Werkauszügen von einem oder mehreren Autoren zum wichtigsten Lesestoff im Schulbetrieb. Im 14. Jahrhundert stellte ein Theologe unter 1000 alphabetisch geordneten Stichwörtern etwa 15 000 Augustinus-Exzerpte zusammen. 1506, schon bald nach Erfindung des Buchdrucks, entstand die erste Gesamtausgabe von Augustinus’ Werken. Bis zur Wiederentdeckung des Aristoteles gegen Ende des zwölften Jahrhunderts galt Augustinus als einflussreichster Denker in Westeuropa; im Mittelalter war er der zentrale Vermittler antiker Philosophie. Seine Verknüpfung von wissenschaftlicher Logik und christlichem Glauben beherrschte das gesamte mittelalterliche Denken.

Augustinus’ Bedeutung als Kirchenvater – er gilt als eigentlicher Begründer der theologischen Wissenschaft – wirkt bis in die heutige Zeit hinein. So geht beispielsweise die gesamte kirchliche Trinitätslehre (Vater, Sohn, Heiliger Geist) auf ihn zurück. Sein Denken ist aber nicht nur in Theologie und Philosophie eingeflossen, sondern hat auch Geschichtstheorie, Psychologie, Linguistik, Sozial- und Staatskunde geprägt. Entsprechend umfangreich ist die wissenschaftliche Rezeption seines Werks: Sie umfasst schätzungsweise 50 000 Titel.


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