Zusammenfassung von Werke und Tage

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Werke und Tage Buchzusammenfassung

Literatur­klassiker

  • Lehrgedicht
  • Griechische Antike

Worum es geht

„Bete und arbeite“ auf Griechisch

Im späten achten bzw. frühen siebten Jahrhundert v. Chr. niedergeschrieben, zeugt Hesiods Werke und Tage von der Sehnsucht eines Intellektuellen, etwas Praxisrelevantes zu schaffen. Frei von Selbstkritik unterrichtet Hesiod in seinem Lehrgedicht seinen Bruder Perses, den er „Erznarr“ nennt und als Erbbetrüger brandmarkt, in den wirklich relevanten Dingen des Lebens. Wer hat noch mal das Böse im Menschen erfunden? Wie baut man sich einen Pflug? An welchem Wochentag werden eigentlich die intelligenten Kinder geboren? Und an welchem lohnt der Umtrunk besonders? Hesiod weiß Rat, und er geizt nicht damit. Er setzt bei den Göttern und deren Einfluss an, um wie selbstverständlich überzuleiten zu den menschlichen und allzu menschlichen Aspekten des Lebens. Obwohl sich Hesiod an seinen Bruder richtet, behandelt er die Themen nicht als Privatsache. Ganz im Gegenteil: Die Mahnungen und Empfehlungen sind zeitenthobene Handlungsanweisungen mit großer Durchschlagskraft – bis heute. Die Lektüre wirkt verblüffend aktuell; mit jeder Zeile verringert sich die gewaltige zeitliche Distanz zwischen dem Werk und dem heutigen Leser.

Take-aways

  • Das Lehrgedicht Werke und Tage ist einer von nur zwei überlieferten Texten Hesiods.
  • Inhalt: Nur ein rechtschaffenes Leben sichert dem Menschen das Wohlwollen der Götter. Das Verhalten den Göttern gegenüber wirkt sich auf das Verhältnis zu den Mitmenschen aus, auf Nachbarschaft und Gemeinwohl. Der Schlüssel zu einem anständigen Leben ist ein disziplinierter Tagesablauf und harte Arbeit. Die Jahreszeiten sind eine göttliche Bedingung, an deren Voraussetzungen sich der ehrliche Mann in seinem Tun orientieren sollte.
  • Werke und Tage gleicht einer pointierten Abhandlung des landwirtschaftlichen Arbeitskalenders.
  • Vor dem Hintergrund seiner Erfahrungen als Bauer erteilt Hesiod eine Vielzahl von Ratschlägen.
  • Anlass des Textes war ein Erbstreit Hesiods mit seinem Bruder, den er zur Rechtschaffenheit aufruft.
  • Aus Hesiods Werk spricht Standesstolz; es kann als Rechtfertigung seiner Existenz als Landwirt gelesen werden.
  • Der Text ist in Hexametern geschrieben, dem klassischen Versmaß der epischen Dichtung.
  • Hesiod war neben Homer einer der beiden großen Dichter der archaischen Zeit.
  • Werke und Tage ist eine wertvolle Quelle, die die ethische und praktische Lebensauffassung der Griechen im achten bzw. siebten Jahrhundert v. Chr. zeigt.
  • Zitat: „Zupacken fördert das Werk, und stets ringt ein säumiger Mann mit Unheil.“
 

Zusammenfassung

Wie das Unglück unter die Menschen kam

Die Musen künden von Zeus, der allein die Macht besitzt, über jedes einzelne Leben zu entscheiden. Hesiod unterwirft sich dem Urteil und will seinem Bruder Perses im Folgenden die Wahrheit verkünden:

„So ist es ganz unmöglich, dem Ratschluss des Zeus zu entrinnen.“ (S. 11)

Die Göttin Eris tritt auf Erden in zweierlei Gestalt auf: In der ersten Erscheinung fördert sie den Wettbewerb unter den Menschen, in der zweiten sät sie Zwietracht. So spornt sie die Menschen einerseits zum ständigen Wettstreit an, andererseits lassen sich manche zum Streit und Krieg verführen. Hesiod empfiehlt seinem Bruder Ersteres. Er soll sich durch viel Arbeit beschäftigen und den Müßiggang meiden. Wer nichts tut, dem droht neben der Langeweile nämlich die Gefahr, in den Bannstrahl der negativen Eris zu gelangen. Vor diesem Hintergrund sei Perses, der einen weiteren, ihm nicht zustehenden Teil des Erbes verlangt, zu einer gütlichen Einigung aufgerufen.

„Diese Ordnung setzte nämlich Kronion den Menschen, den Fischen, allem Getier und fliegenden Vögeln: dass Tiere zwar einander auffressen, weil bei ihnen kein Recht herrscht, während er den Menschen Recht verlieh, das höchste Gut unter allen.“ (S. 23)

Prometheus und Epimetheus brachten Leid über die Menschen, indem sie göttliche Ratschläge ignorierten: Prometheus stahl den Göttern das Feuer, und Epimetheus nahm ein Geschenk des Zeus an, obwohl ihm Prometheus genau davon abgeraten hatte. Bis dahin hatten die Menschen in einer Welt des Überflusses gelebt, in der lediglich leichte Arbeit erledigt werden musste. Dann heiratete Epimetheus die von Zeus geschickte Pandora, ließ diese ihr Geschenk öffnen, und die darin verborgene Mühsal trat aus. Diese sollte fortan das Leben der Menschen bestimmen; lediglich die Hoffnung blieb am Boden des Gefäßes zurück.

Der Mensch in seiner Entwicklung

Die Menschen waren anfangs vom gleichen Ursprung wie die Götter. Der Mensch war das goldene Geschlecht, das lebte wie die Götter, ohne jede Beschränkung. Danach schufen die Götter ein zweites Geschlecht, das silberne. Es war von niederem Rang und vor allem durch seine Ignoranz gegenüber der göttlichen Macht bestimmt. Es folgte ein drittes Geschlecht, das eherne. Dieses zeichnete sich durch eine immense Gewalttätigkeit aus. Als viertes Geschlecht folgten die Heroen, deren Lebensführung von Gerechtigkeitssinn und Redlichkeit geprägt war und die damit an das goldene Geschlecht anknüpften.

„Arbeit bringt keine Schande, Nichtstun aber ist Schande.“ (S. 25)

In der Gegenwart herrscht wieder ein anderes, nämlich das fünfte Geschlecht. Hesiod ist nicht wohl dabei, dessen Angehöriger zu sein. Es ist das Geschlecht des Eisens; es ist geprägt ist von Gegensätzen; Edles und Schlimmes sind gemischt. Wenn die Sitten der Menschen immer weiter verfallen, wird Zeus sie am Ende alle auslöschen.

Ein Gleichnis für Macht und Recht

Hesiod erzählt Perses das Gleichnis eines Habichts, der mit einer Nachtigall als Beute durch die Lüfte fliegt. Der Raubvogel hält der klagenden Nachtigall entgegen, sie solle einsehen, dass sie einem Stärkeren erlegen sei und sich deshalb in ihr Schicksal zu fügen habe. Nur ein Narr leiste in einer solchen Situation Widerstand.

„Nicht geraubte Güter sind großer Segen, sondern nur, was Götter uns schenken.“ (S. 27)

Perses sei ermahnt, sich dem Recht zu beugen. Denn die Alternative führt ins Verderben; nur ein Dummkopf muss sich am Recht vergehen, um geläutert und weise zu werden. Unrecht ist also grundsätzlich zu meiden, schon der Weg dorthin ist ein schwerwiegender Fehler. Eine Stadt mit blühendem Gemeinwesen verkörpert den Lohn einer rechtschaffenen Existenz: Zeus verschont Städte mit ehrbaren Bewohnern vor Hungersnöten und Kriegen. Solche Städte gedeihen prächtig. Verlässt aber nur ein Bewohner den rechten Weg, bestraft Zeus grundsätzlich das Kollektiv.

„Auch schafft, was im Hause gespart liegt, dem Mann keine Sorge. Besser ist es, wenn etwas im Haus bleibt, denn das Draußen bringt Schaden.“ (S. 29)

Auch Könige müssen das Recht beachten. Denn die Wächter des Zeus – es sind 30 000 – wandeln verborgen auf der Erde und haben jeden im Auge. Die Fähigkeit, Recht zu schaffen, ist unter allen Wesen nur dem Menschen gegeben. Ein großes Problem ist die Rechtsbeugung. Diese Form der Ungerechtigkeit vor Gericht wird aber von Zeus durchschaut. Wer als Zeuge vor dem Richter lügt, begeht einen Frevel und lädt schwere Schuld auf sich, die sogar über ihn hinausreicht und auch die Nachgeborenen betrifft. Vor derartigem Unheil schützt nur die Rechtschaffenheit.

Durch Arbeit zum aufrechten Leben

Das Gelingen eines Vorhabens ist stets mit Mühsal verbunden. Nur die Dürftigkeit, das Mittelmäßige ist mit wenig Aufwand zu erlangen. Darum ist das Leben des rechtschaffenen Menschen von harter Arbeit und von der Einsicht in kluge Ratschläge anderer geprägt. Einsicht ist der Schlüssel zum Erfolg. Der Faule hingegen leidet wegen seines Fehlverhaltens Hunger und zieht den Zorn der Götter auf sich.

„Zupacken fördert das Werk, und stets ringt ein säumiger Mann mit Unheil.“ (S. 33)

Die Feldarbeit sichert dem Menschen ein sorgenfreies, anständiges Leben und obendrein die Gunst der Götter. Außerdem sorgt der Ertrag der Arbeit, der Reichtum, unter den Mitmenschen für Ansehen. Wer seinen Wohlstand allerdings mit Diebesgut erlangt, den werden die Götter dahinraffen. Ehebruch oder Gewalttat, aber auch Respektlosigkeiten gegenüber den Schwachen und Alten der Gesellschaft werden ebenso bestraft.

„Wohlversorgt erreichst du den schimmernden Lenz und musst nicht nach anderen sehen, sondern ein anderer bedarf deiner.“ (S. 37 f.)

Zur Besänftigung sind den Göttern erlesene Gaben als Opfer darzubringen. Von unschätzbarem Wert ist zudem eine gute Nachbarschaft. Diese ist durch Gastfreundschaft stets aufrechtzuerhalten, denn im Notfall erweist sich das eigene tadellose Benehmen als Schutz vor Übergriffen: Ein wohlgesinnter Nachbar wird einem schneller zu Hilfe eilen als ein gleichgültiger. Auch die sorgfältige Haushaltsführung ist wichtig: Das Anlegen eines Vorrats ist Pflicht. Beim Handel gilt stets das Gebot der Kontrolle; selbst bei einem Geschäft mit dem eigenen Bruder sollte ein Zeuge zugegen sein. Ein Zuviel an Vertrauen zieht ebenso Probleme nach sich wie ein Zuviel an Misstrauen.

„Oft baut ein Nichtstuer auf eitle Hoffnung und öffnet in der Not sein Herz dem Bösen.“ (S. 39)

Neben den materiellen Dingen muss auch die Familienplanung bedacht werden. Ein Sohn verursacht zwar beim Großziehen weniger Mühe als gleich mehrere Söhne, diese jedoch lohnen die Mühsal im Alter mit einer Vielzahl an Nachkommen, deren ertragreiche Arbeit immer auch den Alten zugute kommt.

Die Regeln der Arbeit nach den Jahreszeiten

Die Arbeit lässt sich anhand des Stands der Sterne gestalten. Wenn die Plejaden aufsteigen, ist die Zeit der Ernte; wenn sie sinken, ist die Zeit des Pflügens. Neben einer eisernen Disziplin ist die richtige Organisation von Haus und Hof eine weitere Grundlage des rechtschaffenen Lebens. Die Frau des Hofes muss tüchtig sein, außerdem muss das Werkzeug stets in einem exzellenten Zustand sein. Die anfallende Arbeit muss sofort erledigt werden. Zeus bestimmt über die Jahreszeiten und damit auch über den richtigen Zeitpunkt einer gewissen Arbeit.

„Lobe ein kleines Schiff, doch ins große lege die Ladung.“ (S. 49)

Mit Eintritt des Herbstes soll Holz geschlagen werden. Zum Bau eines Rades ist normales Holz vonnöten; besonders krumme Hölzer können für Pflüge eingesetzt werden. Die zum Pflügen verwendeten Rinder sollen neun Jahre alt sein und von einem 40-jährigen Mann vor den Pflug gespannt werden – jüngere Arbeiter sind zu sehr von der Arbeit abgelenkt, sie taugen lediglich zum Ausbringen der Saat.

„Achte auf den richtigen Zeitpunkt! Die rechte Zeit ist in allem das Beste.“ (S. 53)

Das Schreien des Kranichs kündigt die Regenzeit und damit auch die Zeit des Pflügens an. Der kluge Mann erwartet diesen Tag und ist vorbereitet, der unbedachte wird von ihm überrascht und trägt die Konsequenzen. Im kommenden Frühjahr muss das Feld umgebrochen werden, worauf ein nochmaliges Pflügen im Sommer folgt. Im Brachland wird anschließend gesät, aber nur, solange die Beschaffenheit des Bodens noch locker ist.

„Bester Schatz ist bei Menschen die Zunge, die sparsam gebraucht wird, denn sie macht am meisten beliebt, wenn sie maßvoll zu Werk geht.“ (S. 55)

Während der Feldarbeit sollen Gebete an Zeus und Demeter gerichtet werden, um deren Gunst zu erlangen und eine reiche Ernte zu erzielen. Unter Umständen folgt nach Ablauf des Winters eine dreitägige Regenzeit. Sie wird durch den Ruf eines Kuckucks angekündigt und bietet sich dem säumigen Landwirt als zweite Chance. In jener Phase des Winters schließlich, in der Feldarbeit unmöglich ist, soll man sich der Reparatur des Hauses widmen.

„Denn schlechter Ruf ist von Übel; leicht, ja kinderleicht holt man sich ihn, trägt aber schwer daran, und mühsam nur ist er zu tilgen.“ (S. 59)

Der Winter ist durch unwirtliches Wetter geprägt, vor allem der eisige Wind stellt eine Belastung für Tier und Mensch dar. Während sich das Mädchen mit der Mutter ins sichere Haus zurückgezogen hat, suchen auch die Tiere des Waldes nach einer winterfesten Bleibe. Die Beschaffenheit einer jahreszeitgerechten Kleidung ist von enormer Wichtigkeit. Bei Regen muss die Feldarbeit entsprechend angepasst werden, auf gar keinen Fall sollten die Schafe und der Bauer durchnässt werden. Wegen der eingeschränkten Arbeitszeit fällt die Verpflegung der Knechte und der Ochsen im Winter bescheidener aus, was durch einen weniger anstrengenden Alltag aufgewogen wird.

Das Erscheinen des Sterns Arkturus signalisiert das Ende der Winterzeit. Bald darauf kommen die Schwalben. In der Phase dazwischen ist es an der Zeit, die Reben zu beschneiden. Mit dem Auftauchen der ersten Weinbergschnecken ist zugleich die Zeit der vollumfänglichen Feldarbeit gekommen. Lediglich bei großer Hitze soll sich der Bauer am Wein schadlos halten.

Auf die Feldarbeit folgt das Anlegen des Vorrats. Dazu ist die Hilfe einer unverheirateten Magd und eines Knechts ohne eigenen Haushalt empfehlenswert; sie leisten die größte Unterstützung beim Lesen der Trauben und dem anschließenden Abfüllen.

Bedingungen einer erfolgreichen Seefahrt

Voraussetzung für das Gelingen einer Seefahrt ist die richtige Wahl des Zeitpunkts und die Beschaffenheit des Materials. Letzteres ist bei stürmischer See sorgsam im Haus zu verstauen und erst bei geeignetem Wetter ins Wasser zu lassen. Perses möge an den Vater denken, der ebenfalls seine Waren mit dem Schiff transportierte und auf diesem Weg sogar zu neuen Ufern gelangte, eine neue Heimat fand. Riskant ist jedoch die Seefahrt als alleiniger Broterwerb. Hesiod selbst fuhr nur einmal zur See, allerdings mit großem Erfolg: Er gelangte zu einem Liederwettstreit und errang dort den „Dreifuß mit Henkeln“. Grundsätzlich bedeutet der 50. Tag nach der Sonnenwende den idealen Anfang der Seefahrt; im Winter und Herbst ist sie wegen zahlreicher Wetterkapriolen zu meiden. Zwar bietet auch der Frühling eine einigermaßen attraktive Rahmenbedingung, doch trügt diese oft. Der Sommer ist der empfehlenswerteste Monat für die Seefahrt.

Tageskalender der Lebensweisheiten

Diverse Tage haben für den Lebenswandel eine große Bedeutung. Geburt, Leben, Heirat und Arbeit stehen in vielfältiger Weise mit dem Kalender in Beziehung. Um die 30 Jahre ist das ideale Alter zum Heiraten. Die Wahl sollte auf eine Jungfrau aus der Nachbarschaft fallen. Im Umgang mit Bekannten ist der kluge Mann auf Ausgleich bedacht. Rache ist angebracht bei vorangegangener Kränkung; doch Vergebung ist allemal besser als der Umstand, sich einen neuen Freund suchen zu müssen. Der Toilettengang sollte im Hocken erledigt werden, der Geschlechtsverkehr nur nach einem den Göttern gewidmeten Mahl. Das regelmäßige Gebet darf, etwa vor der Durchquerung eines Flusses, nicht vernachlässigt werden. Zudem ist von der Nutzung des weiblichen Badewassers abzuraten.

Parallel zur Feldarbeit sollte auch die Tätigkeit im Haushalt einem strengen Zeitplan unterliegen. Die Bedienung des Webstuhls zum Beispiel ist am zwölften Tag des Monats besonders erfolgreich. Außerhalb des Hauses wiederum ist der 13. Tag zum Säen tabu, wogegen Pflänzlinge an diesem Tag außerordentlich gut gedeihen. Auch die Geburt der Kinder steht in Beziehung zum genauen Tag: „Am großen Zwanzigsten zur Tagesmitte“ kommt ein besonders kluger Mensch zur Welt, während Mädchen durch eine Geburt am vierten Tag eines Monats im späteren Leben begünstigt werden. Der neunte Tag wiederum stellt den passendsten Zeitpunkt zur Zeugung von Nachwuchs dar.

Ein Befolgen aller vorgebrachten Ratschläge, ein Ehren der Götter, Beobachten des Vogelflugs und Einhalten eiserner Disziplin ermöglicht ein glückliches und segensreiches Leben.

Zum Text

Aufbau und Stil

Bei Werke und Tage handelt es sich um ein in Versform geschriebenes Gedicht. Es orientiert sich strukturell am Epos; offenkundig ist zudem die dezidiert belehrende Absicht. Daher rührt die genaue Bezeichnung des Textes als „episches Lehrgedicht“. Die Versform ist der Hexameter, das klassische Versmaß der epischen Dichtung. Grundlage des Hexameters ist nicht ein abschließender Reim, sondern eine bestimmte Abfolge von kurzen und langen Silben. Ein Abwechseln von betonten und unbetonten Silben, wie in der deutschen Gedichtsprache, findet nicht statt. Der Text liest sich flüssig, was vor allem der übersichtlichen Gliederung zu verdanken ist. Die rund 30 Seiten in der deutschen Übersetzung vereinen auf engstem Raum eine Menge Stoff. Obwohl für ein detailliertes Verständnis ein gewisses Maß an historischen Kenntnissen nötig ist, ist die Lektüre auch ohne entsprechendes Nachschlagen möglich. Das hat seinen Grund: Hesiod fügt immer wieder erhellende und belehrende Erklärungen in den Text ein.

Interpretationsansätze

  • Hesiods Dialog mit seinem Bruder Perses ist nur der Aufhänger für die allgemeingültige Botschaft, die der belehrende Text zum Ausdruck bringt. Die Einbettung in einen mythologischen, also per se zeitlosen Stoff unterstreicht diese These; in diesem Punkt wie auch im Aufbau des Textes folgt Hesiod Homer. In seiner Orientierung an der individuellen Macht des Einzelnen wiederum distanziert sich er sich deutlich von ihm.
  • Hesiod versteht sich weniger als Erzähler im traditionellen epischen Sinn, sondern vielmehr als Erklärer und Mahner. Eingebettet in den religiösen Kult des damaligen Griechenland unternimmt er den Versuch, mit Werke und Tage eine Sphäre der Machbarkeit innerhalb eines von Göttern bestimmten Lebens aufzuzeigen. In dieser Mischung aus ethischen Grundsätzen und göttlichen Geboten entsteht eine Art aufgeklärter Götterglaube.
  • Im Fokus steht die Möglichkeit des Einzelnen, Einfluss auf den eigenen Werdegang zu nehmen. Das Schicksal ist allerdings nur in einem gewissen Rahmen selbst bestimmbar. Diesen gilt es mit jedem Tun peinlich genau einzuhalten, da jenseits davon der göttliche Bereich beginnt. Das korrekte Verhalten ist nur durch den menschlichen Austausch, durch Zuhören, Verstehen und das Gewinnen an Einsichten möglich.
  • Hesiod legt auch eine Rechtfertigung seiner eigenen Existenz als Landwirt ab. Jede dargelegte Facette des kargen und entbehrungsreichen Lebens dient neben ihrem ethischen Gehalt immer auch der Selbstlegitimierung: Ich lebe rechtschaffen, und das ist gottgewollt. Vor dem Hintergrund des gesellschaftlich geringen Ansehens eines Bauern birgt diese Haltung auch einen gewissen Standesstolz.
  • Hesiod geht von einem moralischen Wert der Arbeit aus. Im Kontext der damaligen Gesellschaftsordnung wagt er sich mit Werke und Tage in seiner positiven Betonung der einfachen Feld- und Hausarbeit erstaunlich weit über den Bereich gängiger Auffassungen hinaus. Damit steht er am Anfang einer langen Traditionslinie, die mindestens bis Martin Luther reicht und auf die Wertschätzung sogenannter einfacher Arbeit abzielt. Diese zu verrichten, ist mehr als eine Notwendigkeit zur Ernährung, sie ist ein Wert an sich.

Historischer Hintergrund

Griechenland in der archaischen Zeit

Die Zeit von 700 bis 500 v. Chr. wird als Phase des „archaischen Griechenlands“ bezeichnet. Damals kristallisierten sich kleine wie große Städte als ökonomische und künstlerische Zentren heraus, ohne vorerst die politische Macht der folgenden Hochphase des antiken Griechenland zu besitzen. Das Zeitalter der königlichen Herrschaft endete, während die Stadtstaaten erblühten. Vielerorts kamen Oligarchen an die Macht, die ganze Regionen dominierten und dort auch als Richter walteten. Der innergriechische Warenaustausch kam in Gang, der Seehandel florierte. Gleichzeitig war und blieb die Landwirtschaft, die von Kleinbauern wie Hesiod getragen wurde, der dominante Wirtschaftszweig. Eine solche bäuerliche Existenz war von bescheidenem Wohlstand geprägt, geriet aber durch die stetig zunehmende Zentrierung von Handel und Gewerbe in den wachsenden Städten unter Druck – erst recht im Zuge der Kolonisation entlegener Regionen wie zum Beispiel Unteritaliens.

Entstehung

Das Lehrgedicht Werke und Tage wurde nach der Theogonie verfasst, Hesiods erstem und bereits damals populärem Text. Inhaltlich knüpfte Hesiod an diesen an, indem er in üblicher Manier seine literarische Tätigkeit in Bezug zur göttlichen Macht stellte. Der Musenanruf zu Beginn des Textes ist bereits aus der Theogonie bekannt und keine Erfindung Hesiods, sondern ein gängiges Stilmittel archaischer Künstler. Von Hesiods individueller Situation geprägt ist hingegen der Textinhalt: Hesiod hatte den landwirtschaftlichen Betrieb vom Vater übernommen und stritt sich mit seinem Bruder Perses in Erbangelegenheiten. Dieser war nachlässig mit seinem Anteil umgegangen und schließlich in finanzielle Nöte geraten. Nun versuchte er, auf einen Teil des Erbes seines Bruders zuzugreifen. Inwiefern das Geschilderte tatsächlich genau so stattgefunden hat und mit welchem Ergebnis der Streit schließlich endete, ist leider nicht überliefert.

Wirkungsgeschichte

Werke und Tage beeinflusste zahlreiche nachfolgende Generationen griechischer Dichter. War Homer als der große Ependichter bekannt, dessen Thema primär die Beschreibung einer gewaltigen Götter- und Herrscherwelt war, so legte Hesiod den Fokus auf eine wenig anmutige, bäuerliche Lebenswelt. Berühmt ist die Einschätzung Alexanders des Großen, Homer sei ein Dichter für Könige, Hesiod aber ein Dichter für Bauern. In der Tat gibt Hesiods Werk einen dezidierten und historisch einmaligen Einblick in das landwirtschaftliche Leben im Griechenland des achten bzw. siebten Jahrhunderts v. Chr.

Der Einfluss von Hesiods literarischem Schaffen auf die griechische Kultur ist kaum zu überschätzen. Auch außerhalb künstlerischer Zirkel war sein Name vielen ein Begriff. Hesiods Werk stand gleichberechtigt neben den homerischen Epen und gehörte als fester Bestandteil zum Schulunterricht. Selbst die damalige Vasenmalerei legte Zeugnis vom Bruderzwist in Werke und Tage ab.

Bis heute ist in der Wissenschaft der Begriff des „Lehrgedichts“ eng mit Hesiods Person verbunden. Zahlreiche weitere Texte der griechischen Literaturgeschichte sind auf Werke und Tage zurückzuführen. So übernahmen etwa die vorsokratischen Dichter Parmenides und Empedokles den aufklärerischen Charakter des hesiodschen Lehrgedichts, um ihrer philosophischen Weltsicht Ausdruck zu verleihen. Auf den Zusammenhang zwischen sittlichem Verhalten und göttlicher Strafe machte Solon in seinen Gedichten aufmerksam, während Archilochos primär die Bedeutung des Individuums ins Zentrum seiner Schriften rückte.

Auch im römischen Kulturkreis hinterließ Werke und Tage Spuren. Der moralische Imperativ des Lehrgedichts beeindruckte die mächtige und politisch einflussreiche Schule der Stoa. Vor allem für Personen des öffentlichen Lebens, etwa den Redner und Konsul Cicero, war Werke und Tage ein Klassiker, auf den sie sich ausgiebig beriefen. In fast allen Hauptwerken der römischen Literatur finden sich mehr oder weniger deutliche Bezüge zu Hesiod: Lukrez übernahm die Gattung des Lehrgedichts, Vergil verfasste mit seinen Georgica ein Lehrwerk für Bauern, und auch Horaz übernahm die Rolle des Ratschläge erteilenden Dichters in seiner Ars Poetica.

Selbst nach dem Untergang des Römischen Reichs entfaltete Hesiod seine Wirkung in den Künsten: Es waren die Dichter der Renaissance, die in ihrer Begeisterung für das alte Griechenland dessen literarische Schätze hoben und Hesiod als weisen und weltlichen Schriftsteller verehrten. Weniger inhaltlich, mehr auf die Form von Hesiods Werke und Tage stellten schließlich die folgenden Generationen ab. Spätestens mit Goethes Metamorphose der Pflanzen war das Lehrgedicht dann auch im deutschsprachigen Raum etabliert.

Über den Autor

Über Hesiod (griechisch Hesiodos) ist nicht viel bekannt. Man weiß, dass er etwa um das Jahr 700 v. Chr. gelebt haben muss; seine genauen Lebensdaten aber liegen im Dunkeln. Immerhin ist er der erste Dichter der Antike, über dessen Biografie man überhaupt etwas weiß. Um seine Person ranken sich einige Legenden; die einzigen einigermaßen sicheren Informationen stammen jedoch aus seinen eigenen Werken, den Gedichten Theogonie und Werke und Tage. Nach Hesiods Angaben stammt sein Vater, ein mittelmäßig erfolgreicher Händler, aus Kyme in Kleinasien. Er lässt sich in Böotien nieder, in dem Dorf Askra am Berg Helikon, kauft sich ein kleines Stück Land und lebt fortan als Bauer und Viehzüchter. Hier kommen Hesiod und sein Bruder Perses zur Welt. Wie sein Vater lebt auch Hesiod als Landwirt und weidet seine Tiere am Helikon, wo sich ein Heiligtum für die Musen befindet. Ob ihm dort tatsächlich eines Tages die Musen selbst erscheinen, wie er es in der Theogonie erzählt, oder ob er einfach nur des Öfteren die Gedichte hört, die im Musenheiligtum am Helikon vorgetragen werden, und dadurch Gefallen an dieser Kunst findet – fest steht jedenfalls, dass der Bauer Hesiod eines Tages selbst zu dichten beginnt, als Autodidakt. Vermutlich lebt er weiterhin als Bauer, obschon er mit seinen Versen Erfolg hat: Er gewinnt einen Dichterwettstreit und widmet den Preis den Musen vom Helikon. Neben der Theogonie ist Werke und Tage der einzige überlieferte Text, der noch mit einiger Sicherheit Hesiod zugeschrieben werden kann. Hesiod verfasst ihn, als sich sein Bruder Perses mit ihm um das Erbe des Vaters streitet und deswegen sogar vor Gericht zieht. In Werke und Tage schildert Hesiod seine Herkunft, beschreibt das Leben eines Bauern und ermahnt seinen Bruder, einer ehrlichen Arbeit nachzugehen. Einige weitere Texte gibt es, die Hesiod zugeschrieben werden, darunter die Eoien (Frauenkataloge) oder die Melampodie, ein Lied auf den Seher Melampus. Sie sind jedoch nur in Fragmenten erhalten, und die Autorschaft ist nicht gesichert.


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