Zusammenfassung von Wohlstand für Alle

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Wohlstand für Alle Buchzusammenfassung

Literatur­klassiker

  • Ökonomie
  • Moderne

Worum es geht

Hier schreibt das personifizierte Wirtschaftswunder

Bei einer der zahlreichen Demonstrationen des „heißen Hartz-IV-Sommers“ 2004 hielt ein Arbeiter ein Schild hoch: „Armut für alle“ stand darauf. Das zeigt, wie tief der auf dem Streikplakat verballhornte Satz „Wohlstand für alle“ in den Köpfen der Deutschen sitzt. Das Buch zum Slogan stammt von Ludwig Erhard, der selbst zur Ikone des deutschen Wirtschaftswunders geworden ist. Als personifizierter Aufschwung, Archetyp des Wohlstandes verfasste „der Dicke mit der Zigarre“ seine „Memoiren“ der wirtschaftspolitischen Entwicklung Deutschlands mitten im Wahljahr 1957. Entsprechend unkritisch geht er mit der eigenen Leistung um. Das Buch diente auch als Mittel im Wahlkampf, genau wie der Schlachtruf, der den Titel ziert. Die Geschichte hat jedoch gezeigt, dass Erhard alles andere als falsch gelegen hat mit seinen Ideen vom vorgegebenen Ordnungsrahmen, einem freien Wettbewerb und einer wirkungsvollen Sozialpolitik: Das Erfolgsmodell „soziale Marktwirtschaft“ war geboren. Auch heute noch ist die Lektüre erhellend (unter dem vielsagenden Titel Prosperity Through Competition, also „Wohlstand durch Wettbewerb“ auch international ein Bestseller), vielleicht weniger aus aktueller, dafür aber umso mehr aus wirtschaftshistorischer Sicht.

Take-aways

  • Ludwig Erhard, der erste deutsche Wirtschaftsminister nach dem Zweiten Weltkrieg, beschreibt seine Konzeption der deutschen Wirtschaftspolitik.
  • Das Buch gibt einen detaillierten Überblick über das Wirtschaftswunder und ist ein einmaliges (wirtschafts)geschichtliches Dokument der jungen Bundesrepublik.
  • Entstanden 1957, ist Erhards Werk gleichermaßen Rückblick, Ausblick und Wahlkampfinstrument für die Bundestagswahl des gleichen Jahres.
  • Das wichtigste Mittel, um einen Aufschwung herbeizuführen, ist der Wettbewerb.
  • Verteilung eines kleinen Kuchens wie in der Planwirtschaft – ist ein Irrglaube. Nur ein größerer Kuchen, d. h. Wirtschaftswachstum, schafft Wohlstand für alle.
  • Nach dem Krieg lag Deutschland wirtschaftlich am Boden: Es gab kaum etwas zu kaufen, und der Schwarzmarkttausch mit Zigaretten florierte.
  • Mit der Währungsreform von 1948 änderte sich alles über Nacht: Plötzlich füllten sich die Regale wieder mit Waren.
  • In den folgenden Jahren erlebte die Marktwirtschaft mehrere Hochs und Tiefs: Aus allen Lagern wurde ihre Abschaffung gefordert, aber Erhard blieb hart – und behielt am Ende Recht. Der Aufschwung kam.
  • Mitte der 50er Jahre folgte die Hochkonjunktur. Sie hatte Luxusgüter und Vollbeschäftigung im Schlepptau.
  • Der Staat übernimmt in der sozialen Marktwirtschaft die Rolle des Schiedsrichters: Er überwacht das Spiel, aber mischt sich nicht ein.
  • Wo es nur geht, sollen die Bürger für ihre soziale Sicherung selbst Vorkehrungen treffen, allerdings müssen Wirtschaftswachstum, Löhne und Wirtschaftspolitik ihnen auch die Gelegenheit dazu geben.
  • Der Titel Wohlstand für Alle ist zum geflügelten Wort geworden – für den beispiellosen Nachkriegsboom der deutschen Wirtschaft und die Politik der sozialen Marktwirtschaft.
 

Zusammenfassung

Wirtschaftspolitik in der jungen Demokratie

Wohlstand für alle: Das ist das Ziel, mit dem das kriegsgebeutelte Deutschland auf Kurs zu bringen ist. Der Weg dorthin führt einzig über den Wettbewerb. Im Jahr 1957 lässt sich festhalten: Nach neun Jahren sozialer Marktwirtschaft und anhaltendem Wachstum straft diese Wirtschaftspolitik sogar die Universitätsprofessoren Lügen, die bislang an einen Wechsel von Hochkonjunktur und Krise im Rhythmus von sieben Jahren geglaubt haben. Das Zauberwort heißt Expansion. Statt sich – wie die Verfechter der Planwirtschaft – um die Verteilung eines kleinen Kuchens zu streiten, geht diese Regierung einen anderen Weg: Der Kuchen soll wachsen, sodass jeder ein großes Stück bekommen kann. Eindrucksvoll: Von 1950 bis 1958 hat sich das Bruttosozialprodukt annähernd verdoppelt. Dieser Erfolg hat viele Väter.

„‚Wohlstand für alle’ und ‚Wohlstand durch Wettbewerb’ gehören untrennbar zusammen; das erste Postulat kennzeichnet das Ziel, das zweite den Weg, der zu diesem Ziel führt.“

Zu den Grundpfeilern der sozialen Marktwirtschaft gehören die Wahrung des demokratischen Grundrechtes der Konsumfreiheit auf der einen und das Recht der Industrie, das zu produzieren, was der Markt verlangt, auf der anderen Seite. Zwangsvorgaben hinsichtlich der Produktion verstoßen gegen die Prinzipien der Demokratie. Jede Form von reiner Staatswirtschaft entspringt den Köpfen von Diktatoren. Flankiert wird eine effektive Wirtschaftspolitik durch eine Politik der stabilen Preise.

Die Geburt der Marktwirtschaft

Nach dem Krieg lag die deutsche Wirtschaft am Boden. Der erste Industrieplan der Siegermächte sah eine Beschränkung der deutschen Industriekapazität auf das Niveau von 50 % der Kapazität von 1936 vor. Ein Desaster! Experten errechneten, dass unter diesen Umständen jeder Deutsche nur alle fünf Jahre einen Teller, alle zwölf Jahre neue Schuhe, alle fünfzig Jahre einen neuen Anzug erhalten könne. 1947 erreichte die deutsche Industrieproduktion noch nicht einmal 40 % des Wertes von 1936. In Deutschland regierte das Chaos: Die preisgestoppte Inflation breitete sich aus, die Waren steckten in den Lagern fest, der natürliche Preismechanismus war außer Kraft gesetzt. Naturalientausch und Zigarettenwährung grassierten. Die Chance auf einen Neubeginn kam 1948: eine Währungsreform kombiniert mit einer Wirtschaftsreform.

Die Reform und ihre Folgen

Das „Gesetz über die Leitsätze für die Bewirtschaftung und Preispolitik nach der Geldreform“ erteilte Ludwig Erhard, in seiner Funktion als Direktor der Wirtschaftsverwaltung, das Recht, die Produkte und Dienstleistungen zu bestimmen, die von Preisvorschriften befreit werden sollten. Erhard schaffte kurzerhand sämtliche Zwangspreise ab, wofür er von den amerikanischen und englischen Kontrolleuren einen derben Rüffel erhielt. Die Preise wurden der Aufsicht der Kontrollinstanzen entzogen. Dann kam die Währungsreform am 20. Juni 1948. Auf den ersten Blick ein Triumph, aber der Kater stellte sich bald schon ein: Die Preise zogen an, ein Generalstreik und andere Versuche, die Marktwirtschaft wieder „zu kippen“, bedrohten Erhards Politik. Ende 1948 entspannten sich die Preise wieder, der Marshallplan verhalf zu einer verbesserten Rohstoffversorgung, die Veröffentlichung von Preisspiegeln und das „Gesetz gegen Preistreiberei“ schafften wichtige Orientierungspunkte. Durch die sinkenden Preise vollzog sich mit der „Inthronisierung des Kunden“ ein weiterer bedeutsamer Schritt in Richtung Marktwirtschaft: Der Kunde konnte plötzlich wieder damit rechnen, noch günstigere Preise zu erzielen, und wurde mit seinem Konsum vorsichtiger. Der Markt veränderte sich: vom Verkäufermarkt (der Kunde kauft alles, was er kriegen kann, weil es zu wenig gibt) hin zum Käufermarkt (der Kunde ist König). Die Folge: Rationalisierungsinvestitionen stiegen, aber leider auch die Arbeitslosenquoten. Dies musste die Regierung in Kauf nehmen, um eine langfristig stabile Marktwirtschaft aufzubauen.

Der Kampf um die Marktwirtschaft

Doch die Marktwirtschaft geriet – nicht zum ersten und nicht zum letzten Mal – unter Druck. Trotz enormer Zunahme des Außenhandels (um 300 % zwischen 1949 und 1950) ergab sich ein Handelsbilanzdefizit, d. h. es wurde mehr importiert als exportiert. Überall wurde eine Ausweitung der Kredite gefordert. Insbesondere die Vertreter der „englischen Vollbeschäftigungsthese“ verlangten die Defizitwirtschaft zugunsten der Investitionen und zuungunsten der Währungsstabilität. Erhard jedoch sträubte sich dagegen. Die Stabilität der noch jungen D-Mark musste nach innen und außen unter allen Umständen geschützt werden. Im Zug der Koreakrise (der Krieg begann im Juni 1950) kam die Inflation in Deutschland in volle Fahrt. Erhard blieb mit seiner Politik standhaft, und siehe da: Ab 1951 schien die Krise überwunden und Angebot und Nachfrage kamen zum Ausgleich. Die Marktwirtschaft hatte die Feuerprobe bestanden. In den Jahren 1953 und 1954 begann eine beispiellose Boomphase für die deutsche Wirtschaft: Endlich konnten sich breite Bevölkerungsschichten Luxusgüter wie Kühlschränke, Waschmaschinen oder Staubsauger leisten.

Die Hochkonjunktur

Mitte 1954 trat Deutschland in eine Phase der Hochkonjunktur ein. Die Arbeitslosenquote sank und näherte sich im Sommer 1955 der Vollbeschäftigung. Diese an sich erfreuliche Situation brachte aber neue Probleme mit sich: Der Bedarf an Arbeitskräften konnte nicht befriedigt werden. Agenten streiften gar durchs Land, um Unternehmen die fähigsten Kräfte abzuwerben ein Alarmsignal für jeden, der eine stabile Lohn- und Preispolitik anstrebte. Man versuchte dem Problem mit Rationalisierungsmaßnahmen zu begegnen. Die Investitionsquote stieg auf stolze 27 %, d. h. fast ein Drittel des Sozialproduktes wurde für Investitionen aufgewendet. Die gezahlten Löhne stiegen 1955 um fast 7 %, und nicht zuletzt half die hohe Sparquote der Bevölkerung dabei, den Boom zu fördern: Anfang 1956 hatten die Deutschen rund 21 Mrd. D-Mark auf ihre Sparkonten eingezahlt.

Die Rolle des Staates

Keiner einzelnen Gruppe im Staat und in der Wirtschaft steht es zu, für sich irgendwelche Sonderrechte zu beanspruchen. Ohne Zweifel sind es aber partikuläre Interessen, die den Einzelnen ebenso antreiben wie große Unternehmen. Welche Rolle muss der Staat in diesem Spiel einnehmen? Der Staat ist der Schiedsrichter: Wie beim Fußball hat er auf die Einhaltung der Regeln zu achten, spielt selbst aber nicht mit. Wenn sich bei einem Spiel alle elf Mann der einen Mannschaft im Tor verschanzten, würden sie zu Recht nicht nur Pfiffe ernten, sondern auch gegen die Spielregeln verstoßen. Die vorher festgelegten Regeln müssen also unbedingt eingehalten werden. Zwei Sonderinteressen seien herausgegriffen: Das eine ist die Forderung, bestimmte Berufsbezeichnungen zu schützen, sodass sie nur von denjenigen geführt werden dürfen, die festgelegten Kriterien genügen. Das ist Humbug, denn: Nicht auf die Berufsbezeichnung, sondern das Können des Trägers kommt es an. Hinter dieser Forderung steckt der schiere Egoismus von Menschen, die wollen, dass andere vor ihnen buckeln, um bestimmte Privilegien zu erheischen. Es geht nicht darum, einen Beruf zu schützen, sondern ihn abzuschirmen vor anderen. Diesen Wünschen nachzugeben, hieße, aus dem freien Bürger wieder einen Untertan zu machen. In der sozialen Marktwirtschaft ist das aber nicht akzeptabel.

Keine Macht den Kartellen

Ein weiteres Sonderinteresse wiegt ungleich schwerer: Die Kartellbestrebungen in der deutschen Wirtschaft. Genauso wie die tolldreisten Forderungen der Gewerkschaften den Wettbewerb aushebeln wollen, verhält es sich auch mit den Bestrebungen der großen Unternehmen: Sie wollen Monopole aufbauen und sich zu Kartellen zusammenrotten, nur mit dem einzigen Ziel, den Marktmechanismus aus den Angeln zu heben. Das von Erhard bereits 1948 unter der Aufsicht der Siegermächte entworfene Kontrollgesetz wurde später umfassend ausgearbeitet und ging als "Gesetz gegen Wettbewerbsbeschränkungen" am 23. Mai 1952 den Bundesrat, brauchte aber noch mehrere Jahre der Diskussion und Modifikation, bis es 1957 beschlossen werden konnte. Erhard zeigt sich als erbitterter Gegner von Unternehmenskonzentrationen: Das höchste Gut der Marktwirtschaft ist die Freiheit des Individuums - aber nicht zu Lasten anderer. Kartelle jedoch beschneiden diese Freiheit empfindlich, weil sie auf Preisabsprachen abzielen. Auf gut Deutsch: Die Kartellmitglieder scheuen sich, am ehrlichen Wettbewerb teilzunehmen und das Votum der Kunden über ihre Waren und Dienstleistungen anzuerkennen. Kartellgesetze sind also in erster Linie Konsumentenschutzgesetze.

Gerechte Löhne

Die Ausweitung der Wirtschaft ist keinesfalls ein Selbstzweck. Denn: Mit der Erhöhung der Produktionsmenge und den dadurch ausgelösten sinkenden Preisen soll eine Steigerung der Reallöhne angestrebt werden. Dies ist der jungen Bundesrepublik auch gelungen – ganz im Gegensatz zu den sozialistischen Staaten jenseits des Eisernen Vorhangs. Interessanterweise kommt aus den Linien der Arbeitgeber niemals ein Vorstoß, von sich aus die Löhne zu heben. Dabei wäre das in Zeiten des Aufschwungs nur gerecht und geradezu unverzichtbar, damit Löhne und Gewinne maßhalten. Die gleiche Forderung – nur mit umgekehrten Vorzeichen richtet sich übrigens an die Adresse der Gewerkschaften: Gibt es keine Produktivitätssteigerung, kann es auch keine Lohnerhöhungen geben. Das hätte nämlich zur Folge, dass die Arbeitgeber die Preise ihrer Produkte anheben, um die gestiegenen Löhne zahlen zu können – und dies ist unter allen Umständen zu vermeiden. Mit Preiserhöhungen und schwindender Kaufkraft würde die Stabilität der D-Mark und damit auch die Wettbewerbsfähigkeit Deutschlands empfindlich gestört.

Führt Wohlstand zum Materialismus?

Kritiker warnen davor, dass Marktwirtschaft und Wohlstand zum puren Materialismus führen würden. Warum denn eigentlich? Ein Volk wie das deutsche, das mehrere Jahre der Entbehrungen hinter sich hat, darf sich nicht satt essen, sich keinen Luxus gönnen, kurzum, sich nicht auch einmal dem Konsumrausch hingeben? Unsinn! Die Wirtschaftspolitik in Deutschland hält nichts von der englischen Austerity-Politik, die Sparsamkeit und Genügsamkeit fordert. Jeder Konsum bedeutet Wachstum. Und solange die Wirtschaft insgesamt wächst, gibt es genug für alle.

Kein Versorgungsstaat

Die gleiche Freiheit, die im wirtschaftlichen Leben die Kräfte aller Beteiligten entfaltet, muss auch im sozialen Bereich gelten. Wirtschaftspolitik und Sozialpolitik sollen Partner sein. Eigeninitiative steht an oberster Stelle: Wenn der Staat die Menschen von der Wiege bis zur Bahre für jede Lebenslage absichert, lässt sich leicht ausmalen, was aus ihnen wird: träge, verwöhnte Individuen, die einen möglichst weiten Bogen um die Arbeit machen. Der Wohlfahrtsstaat ist Gift für das Gemeinwesen. Würde er Realität, wäre niemand mehr für sich selbst verantwortlich, jeder würde auf Kosten aller anderen leben. Umgekehrt muss natürlich auch gesagt werden, dass erst eine gute Wirtschaftspolitik es den Menschen ermöglicht, für ihre soziale Sicherung selbst Vorsorge zu betreiben. Nur mit einem wachsenden Sozialprodukt lässt sich wirksam soziale Hilfe leisten. Was viele Kritiker vergessen: Der Staat kann nur das Geld ausgeben, das er zuvor den Bürgern über Steuern aus der Tasche gezogen hat. Eine solche Vorgehensweise ist aber in Zeiten der Stagnation geradezu anrüchig und selbst in Zeiten eines Aufschwungs bedenklich. Eine zu starke Verflechtung von sozialer Vorsorge und Staatshilfe macht aus dem Staatsbürger einen Sozialvasallen, der, anstatt sich selbst abzusichern, zu jeder sich bietenden Gelegenheit um das Eingreifen der öffentlichen Hand fleht.

Grenzenlose Wirtschaftspolitik

„Wo steckt denn nun schon wieder der Wirtschaftsminister!“, gellt es von Zeit zu Zeit durch die Presse, weil sich Erhard – in den Augen seiner Kritiker zu oft – auf Auslandsreisen befindet. Doch Wirtschaftspolitik und Außenpolitik sollten Hand in Hand gehen. Vorbei ist es mit den bilateralen Abkommen, die den Außenhandel zu Zeiten der Weltwirtschaftskrise 1929 bestimmten. Abkommen zwischen zwei Staaten bergen immer das Risiko, andere auszusperren, Neid und Missgunst zu säen und sich obendrein selbst großer Chancen zu berauben. Die neue Handelspolitik muss wie folgt lauten: einen freien Weltmarkt schaffen, multilaterale Verträge schließen, jede Form von Protektionismus aufgeben. Die herkömmliche weltweite Wirtschaftspolitik ist mit dem Fluch der Vergangenheit belastet. Statt Verbindungen in alle Himmelsrichtungen zu schaffen, haben einseitige Vereinbarungen das weltwirtschaftliche Klima vergiftet: Wo zwei sich einig sind, bleibt der Dritte außen vor. Dass internationale Wirtschaftspolitik inzwischen ein Muss geworden ist, beweist ein Blick auf die Außenhandelsbilanz: 1950 stand einer Einfuhr von 11,6 % des Bruttosozialprodukts (BSP) eine Ausfuhr von nur 8,5 % gegenüber. Schon zwei Jahre später überflügelten die Exporte die Importe: 1952 entsprachen die ausgeführten Waren 11,9 % des BSP, die eingeführten 22,4 %. Diese Schere zwischen Import und Export öffnete sich immer weiter. Für Deutschland ist eine freie Außenhandelspolitik also ein wichtiger Faktor für Wachstum und Wohlstand.

Zum Text

Aufbau und Stil

Ludwig Erhards Buch verfolgt zwei Ziele: Einerseits handelt es sich gewissermaßen um die Memoiren des ersten bundesdeutschen Wirtschaftsministers, um Erinnerungen an die Zeit der Währungsreform, des Wirtschaftswunders und um einen Blick hinter die Kulissen, der Aufschluss darüber gibt, was damals (wohlgemerkt geschrieben für Menschen des Jahres 1957) in der Regierung und den Kontrollausschüssen der Siegermächte abgelaufen ist. Dieser geschichtliche Abriss nimmt die ersten 130 Seiten des Buches ein. Neben Informations- ist das Buch aber auch Rechtfertigungsschrift und Wahlkampfinstrument für die Bundestagswahl 1957. Daher nimmt Erhard in den weiteren Kapiteln Stellung zu verschiedenen tagespolitischen Entscheidungen und erläutert seinen wirtschaftspolitischen Kurs. Dabei spart er nicht mit Zitaten aus Reden, Bundestagsdebatten, Zeitungsmeldungen, sogar aus „Fanpost“ verschiedener Bürger. Das Buch ist also alles andere als objektiv: Die Polemik (vor allem gegen die linksgerichtete Opposition) nimmt an einigen Stellen Überhand, erhöht in der Rückschau aber natürlich den Unterhaltungswert und macht das Buch leicht und flüssig lesbar. Die zahlreichen Statistiken wurden in späteren Ausgaben aktualisiert, sodass sie einen Ausschnitt der bundesdeutschen Entwicklung weit über das Jahr 1957 hinaus vermitteln.

Interpretationsansätze

  • Die soziale Marktwirtschaft will beides: den Menschen die Freiheit geben, wirtschaftlich so zu agieren, wie sie es für richtig halten, und gleichzeitig als „Schiedsrichter“ den Ordnungsrahmen der Wirtschaft überwachen.
  • Besonderes Augenmerk legt Erhard auf stabile Preise und Wechselkurse: Sein kühner Vorstoß, quasi über Nacht die Preisbindung fast aller Waren aufzuheben, war die Initialzündung für den Neuanfang der deutschen Nachkriegswirtschaft.
  • Die Trias Wettbewerb, Geldwertstabilität und Rechtsordnung gehört zu den Kernpunkten der Erhard’schen Wirtschaftspolitik.
  • In neuerer Zeit wird Erhard gerne bemüht, um die Stimmen, die nach dem „Versorgungsstaat“ rufen, zum Schweigen zu bringen. Es stimmt sogar, dass er sich gegen den totalen Sozialstaat ausgesprochen hat, allerdings wird oft übersehen, dass Erhard die Voraussetzungen für private Vorsorge nie verschwieg: Nur eine funktionierende Wirtschaftspolitik und eine wachsende Wirtschaft schaffen die materiellen Grundlagen für „weniger Staat“. Er wendet sich gegen Forderungen, die Minimal- und Maximalprinzip verquicken wollen: Minimale Löhne, minimale Arbeitsplatzsicherheit und trotzdem maximale private Vorsorge waren mit Erhard nicht zu machen.
  • Das Problem der „gerechten“ Verteilung der Güter und damit auch des Reichtums, worüber sich Generationen von Ökonomen vor und nach Erhard den Kopf zerbrachen, bleibt bei ihm selbst ziemlich blass. Sein Credo „Wohlstand für alle“ erscheint vor allem vor dem Hintergrund des Wirtschaftswunders plausibel.
  • Erhard stemmt sich vehement gegen den monopolfreundlichen Ansatz des Ökonomen Joseph A. Schumpeter (1883–1950). Die „Schumpeter’sche Hypothese“ besagt, dass Monopolstrukturen nicht die Ausnahme, sondern eher die Regel in einem Wirtschaftssystem seien, weil Kartelle aufgrund ihrer Größe viele Produkte günstiger herstellen könnten. Erhard schiebt dem mit seinen Kartellgesetzen einen Riegel vor: Nichts soll den freien Wettbewerb aushebeln.

Historischer Hintergrund

Das Ringen um die Marktwirtschaft

Deutschland nach dem Zweiten Weltkrieg: Mit der „Berliner Viermächteerklärung” vom 5. Juni 1945 übernahmen die USA, Großbritannien, Frankreich und die Sowjetunion die Regierungsmacht in Deutschland. Das Land lag am Boden: Unterernährung, Wohnungsnot und Elend herrschten allerorten. Dennoch begann schon bald ein neues politisches Leben. Weil sich die Westmächte und die Sowjetunion nicht über die zukünftige Struktur des Landes einigen konnten, beschlossen die USA und Großbritannien eine Zusammenlegung ihrer Verwaltungszonen zur Bizone zum 1. Januar 1947. Frankreich entschloss sich erst ein Jahr später, seine Verwaltungszone mit den beiden anderen Westzonen zur Trizone zu vereinen. Die Unvereinbarkeit westlicher und sowjetischer Deutschlandpolitik wurde immer deutlicher. Den vorläufigen Höhepunkt erreichte dieser beginnende Ost-West-Konflikt mit der Berliner Blockade, bei der Stalin Westberlin von allen Land- und Wasserwegen absperrte. Den Amerikanern gelang es jedoch, mit einer Luftbrücke und den sprichwörtlichen „Rosinenbombern“ die Versorgung Westberlins sicherzustellen.

Von Beginn an schieden sich die Geister, wenn es darum ging, welche wirtschaftliche und politische Struktur das neue Deutschland haben sollte. Am 23. Mai 1949 wurde das Grundgesetz beschlossen. Die bestimmenden Parteien (CDU/CSU, SPD und FDP) einigten sich auf eine parlamentarische Demokratie. Wirtschaftspolitisch nahm Ludwig Erhard das Heft in die Hand: Hatte er bereits 1948 in seiner Eigenschaft als Direktor für Verwaltung und Wirtschaft die Hohe Kommission der Bizone vor vollendete Tatsachen gestellt, als er die Aufhebung der Zwangsbewirtschaftung und die Freigabe der Preise verkündet hatte, ging er nun daran, sein Konzept der „sozialen Marktwirtschaft“ gegen alle Gegner im Bundestag zu verteidigen. Insbesondere die SPD als Oppositionspartei des 1. Bundestages wetterte gegen den „Nachtwächterstaat“ der Marktwirtschaft und forderte ein Bewirtschaftungsmodell, selbst als die Währungsreform schon längst für neue positive Wirtschaftsimpulse sorgte.

Entstehung

Ludwig Erhard verfasste und veröffentlichte Wohlstand für Alle (wahrscheinlich unter tatkräftiger Mithilfe des Wirtschaftsredakteurs Wolfram Langer, der als Herausgeber fungierte) 1957, mitten im Wahlkampf der CDU-Regierung unter Konrad Adenauer. Daher handelt es sich bei dem Buch mehr oder weniger um eine Erfolgsgeschichte, die den Triumphzug der sozialen Marktwirtschaft in Deutschland feiern soll. Erhards Konzeption dieser Wirtschaftspolitik beruft sich auf mehrere theoretische Wegbereiter und Quellen. Die wichtigste ist sicherlich der Ordoliberalismus. Dieser geht auf den deutschen Ökonomen Walter Eucken zurück, der im Rahmen seiner Forschung im Bereich Wirtschaftsordnungen (innerhalb der so genannten „Freiburger Schule“) sein theoretisches Konzept des Ordoliberalismus folgendermaßen umschrieb: „Der Staat hat die Formen, das institutionelle Rahmenwerk, die Ordnung, in der gewirtschaftet wird, zu beeinflussen, und er hat Bedingungen zu setzen, unter denen sich eine funktionsfähige und menschenwürdige Wirtschaftsordnung entwickelt. Aber er hat nicht den Wirtschaftsprozess selbst zu führen.“ Diese Sichtweise deckt sich mit der pragmatischen Variante, die Erhard als soziale Marktwirtschaft umsetzte. Dabei stützte er sich auf die Lehren seines Doktorvaters Franz Oppenheimer, den „Dritten Weg“ Wilhelm Röpkes (eine Art Vorstufenmodell der sozialen Marktwirtschaft als Lösung zwischen Liberalismus und Sozialismus) und die Arbeiten des Soziologen Alfred Müller-Armack, der Erhard im Wirtschaftsministerium beriet und den Begriff „soziale Marktwirtschaft“ erfand.

Wirkungsgeschichte

Nach einigen Startschwierigkeiten ging Ludwig Erhards Rechnung doch noch auf: Die soziale Marktwirtschaft ließ den nachkriegsdeutschen Konjunkturmotor anspringen. Wichtigster Meilenstein war die Währungsreform, die aber wegen der Zerstrittenheit der vier Siegermächte immer weiter hinausgezögert wurde. Schließlich entschieden sich die Westmächte, ohne die sowjetische Besatzungszone eine neue Währung einzuführen; das neue Geld wurde bereits 1947 gedruckt: die Deutsche Mark. Am 18. Juni 1948 wurde die Währungsreform offiziell bekannt gegeben und am Sonntag, dem 20. Juni 1948 durchgeführt. Erhard erregte den Groll des amerikanischen Militär-Gouverneurs Lucius D. Clay, als er eigenmächtig verkünden ließ, auch die Zwangsbewirtschaftung und Preisbindung werde aufgehoben. Erhard trat seine „Flucht nach vorn“ an und verband die Währungsreform gleich auch mit der Vorbereitung einer Wirtschaftsreform. Das Gespräch zwischen ihm und Clay ist geradezu legendär. Clay: „Sie haben eigenmächtig Vorschriften des alliierten Besatzungsrechts verändert!“ Erhard: „Ich habe sie nicht verändert, ich habe sie abgeschafft!“ Schritt für Schritt entwickelte sich die junge Bundesrepublik zu einer Größe in der Weltwirtschaft, das Wirtschaftswunder setzte ein und bescherte den Deutschen einen vorher nicht gekannten Luxus. Bereits 1952 hatte die Wirtschaft ein Produktionsniveau erlangt, das mit der Vorkriegssituation vergleichbar war. Bis 1960 stieg das Bruttosozialprodukt der Bundesrepublik Deutschland um über 60 %. Der Aufschwung war in seiner ersten Phase auch auf das Europäische Wiederaufbauprogramm der Amerikaner zurückzuführen (den so genannten „Marshallplan“).

Über die Autoren

Ludwig Erhard wird am 4. Februar 1897 im bayrischen Fürth geboren. Sein Vater besitzt einen Textilwarenladen. Nach dem Ersten Weltkrieg studiert er an der Handelshochschule Nürnberg und nach dem Diplom 1923 an der Universität Frankfurt, wo er auch promoviert. Erhards Curriculum besteht aus den Fächern Betriebswirtschaft, Nationalökonomie und Soziologie. Anschließend ist er lange wissenschaftlich tätig, u. a. an einem Institut für Konsumforschung. Mit den Nazis will er sich nicht arrangieren, deswegen bleibt sein beruflicher Werdegang bis 1945 beschränkt. Erhard befasst sich noch während des Krieges mit der Wirtschaftsordnung des Landes, wie sie nach Kriegsende und nach der Entfernung der Nationalsozialisten aus allen Ämtern aussehen könnte. Seine Untersuchungen fallen 1945 bei den Besatzungsmächten auf fruchtbaren Boden. Im Auftrag der Amerikaner leitet er den Wiederaufbau in Franken ein. 1947 wird Erhard mit der Vorbereitung der Währungsreform betraut. Am 2. März 1948 wird er zum neuen Direktor der Verwaltung für Wirtschaft gewählt. Von 1949 1963 bekleidet er, übrigens als Parteiloser, das Amt des Bundeswirtschaftsministers. Gegen massiven Widerstand Erhards, der das Umlageverfahren für nicht tragfähig hält, setzt Bundeskanzler Adenauer 1957 eine Rentenreform durch. Erst 1963 tritt Erhard der CDU bei. Sein Einfluss auf die Währungs- und Wirtschaftspolitik der jungen Bundesrepublik kann kaum ermessen werden. Beliebt in der Öffentlichkeit, wird er nach der Wahl 1957 zum Vizekanzler gemacht. Adenauer ist aber nicht davon überzeugt, dass ihm Erhard in sein Amt werde folgen können. Erhard denkt darüber anders und wird 1963 Bundeskanzler – wohl einer der glückloseren in der Geschichte der Bundesrepublik. Schon drei Jahre später, am 1. Dezember 1966, tritt er wegen eines Streits um Haushaltsentscheidungen mit dem Koalitionspartner FDP, mit Walter Scheel an der Spitze, zurück. Erhard stirbt am 5. Mai 1977 im Alter von 80 Jahren in Bonn.


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