Zusammenfassung von Zettel’s Traum

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Zettel’s Traum Buchzusammenfassung

Literatur­klassiker

  • Stream of Consciousness
  • Moderne

Worum es geht

Nichts für Weichlinge

„Ein Roman wie ein Gebirgsmassiv“, schrieb Literaturkritiker Denis Scheck über Zettel’s Traum. Recht hat er. Und wie jede ordentliche Bergexpedition will auch diese gut vorbereitet sein, denn die Verhältnisse auf Arno Schmidts Überberg sind alles andere als gewöhnlich: Bäume werden zu erigierten Penissen, Wasserfälle zu Urinergüssen und Bergkuppen zu Riesenbrüsten. Durch diese verhexte Landschaft streifen ein kannibalischer Drache, ein rammelnder Trinkertrottel und eine scharfe Fee, die sich aus unerfindlichen Gründen in einen impotenten Dichterpriester verliebt. Der Leser indes stolpert bei seiner Wanderung über sperrige Satzklötze, verirrt sich in einem Labyrinth aus literarischen Querverweisen und kämpft sich mühsam durch das unwegsame Gelände eines vollkommen fremden Schriftbilds. Weibliche Leser werden oft genug die Brocken hinschmeißen wollen, wenn sie zum wiederholten Mal auf eine Hütte mit dem Schild „Frauen müssen draußen bleiben“ treffen. Knapp 400 Menschen hielt Schmidt für fähig, sein Opus magnum zu bewältigen. Wenn endlich der Gipfel in Sicht ist und nur noch wenige Schritte bis zum Panoramablick fehlen, möchte man dem Autor am liebsten eine Nase drehen.

Take-aways

  • Zettel’s Traum von Arno Schmidt ist ein viel bestaunter, aber wenig gelesener Roman der neueren deutschen Literatur.
  • Inhalt: An einem Sommertag im Jahr 1968 hat der Schriftsteller Daniel Pagenstecher 24 Stunden lang Besuch von einem befreundeten Übersetzerehepaar und deren Tochter Franziska. Während sie sich über Literatur und Sex unterhalten, verschwimmen alltägliche Verrichtungen mit einer erotischen Traumwelt. Der beinahe impotente Pagenstecher widersteht den Verführungsversuchen Franziskas und finanziert stattdessen ihr Abitur.
  • Am Beispiel von Edgar Allan Poe und unter Berufung auf Sigmund Freud entwickelte Schmidt eine neue Literaturtheorie.
  • Ihr zufolge kommen unterdrückte Triebe über klangähnliche „Etyms“ (z. B. „whole“ = „hole“) sprachlich zum Ausdruck.
  • Ein bewusster und wortwitziger Einsatz der Etyms kann gemäß Schmidt hochbegabten, impotenten Männern über 50 gelingen.
  • Schmidt wollte sich u. a. an James Joyce’ Spätwerk Finnegans Wake messen.
  • Er schrieb erst 120 000 Notizzettel voll und fügte sie dann unter völliger Selbstaufgabe zu seinem Mammutwerk zusammen.
  • Der Titel ist nicht nur eine Anlehnung an dieses Vorgehen, sondern auch an eine Figur aus Shakespeares Sommernachtstraum.
  • Der Roman erschien 1970 zunächst als Faksimile und erst 40 Jahre später als gesetztes Buch.
  • Zitat: „Ich halz nich mère aus! : Euer corruptes Gephasl. : Der Eene denkt bloß ans Saufm! : der Andre sieht in jedm Grasbüschl n Weip!“ (Wilma)
 

Zusammenfassung

Das Schauerfeld oder die Sprache von Tsalal

An einem Julitag 1968 im Heidedörfchen Ödingen: Der alleinstehende Schriftsteller und Übersetzer Daniel Pagenstecher, genannt Dän, hat Besuch von seinen Jugendfreunden, den Übersetzern Paul und Wilma Jacobi, und deren 16-jähriger Tochter Franziska. Morgens um halb vier schlüpfen sie durch einen Stacheldrahtzaun und machen einen Spaziergang. Unter Wilmas missfälligen Blicken trinkt Paul Ingwerschnaps, aber Dän nimmt ihn in Schutz: „Gehirntiere“ bräuchten nun mal Alkohol zum Schreiben. Dän lästert über Dichterpriester wie Edgar Allan Poe, die alles verklären, aber nichts ordentlich beschreiben. Da Paul und Wilma an einer Neuübersetzung von Poes Gesamtwerk arbeiten, möchten sie von ihm etwas Neues, leicht Verkäufliches über den Dichter hören. Dän erklärt seine Idee des Etyms: Der Klang eines Wortes verrate oft mehr über die Intention des Autors als seine Bedeutung. Wenn ein Engländer vom Ganzen („whole“) spreche, meine sein sprachliches Unbewusstes eigentlich das Loch („hole“). Wilma will von solchen Schweinereien nichts wissen. Paul ist da schon aufgeschlossener.

D(ichter)=P(riester). Darfst auch an ‚DePe‘ denken; oder ‚Displaced Persons‘ : ‚Deplacierte Persönlichkeiten‘.“ (Dän, S. 22)

Während die Damen im Bach planschen, führt Dän seine Theorie weiter aus: Poes immer wiederkehrende „crystal springs“ stünden stellvertretend für Damenurin („cristae“ = lat. „Schamlippen“) – und das erkläre auch, weshalb sich das Christentum (= „Schamlippendienst“) unter den Römern so schnell ausgebreitet habe. Die Männer lachen und schauen den Frauen durch die Büsche beim Umziehen zu. Dän deutet an, dass seine Potenz nachlasse. Sein Trost: die so genannte vierte Instanz, die es intelligenten Köpfen über 50 erlaube, ihre sterbende Sexualität mit erotischen, doppeldeutigen Wortspielen zu kompensieren. Später verwandeln sich die vier in Pferde: Die alte Stute erklärt ihrem jungen Fohlen höhnisch, warum die beiden Hengste nichts mehr taugen. Da gäbe es nur zweierlei: kastrieren und als Arbeitstier verheizen oder ab zum Schlachter.

In Gesellschaft von Bäumen

Dän und seine Besucher besteigen einen Jagdstand und bestaunen das Panorama. Dän meint, man dürfe den Einfluss von Bildern auf die Schriftstellerei nicht unterschätzen. So schrieb Poe z. B. über die Aussicht vom Ätna, obwohl er nie in Europa war – wahrscheinlich ließ er sich von gemalten Landschaftspanoramen inspirieren. Franziska flirtet unverhohlen mit Dän, und Wilma schnauzt sie an, sie solle sich anständig hinsetzen. Ein Blick auf Däns tote Hose beruhigt sie. Franziska erinnert ihn an die zwei Monate, die sie als Achtjährige bei ihm verbracht hat, während ihre Eltern auf Reisen waren; daran, wie sie Fieber bekam und mit ihm in einem Bett schlief – für sie die schönste Zeit ihres Lebens. Beim Pilzesuchen befingern und belecken Wilma und Franziska staunend die „stattlichen“ und „geschwollenen“ Stängel der in Pilze verwandelten Männer und ziehen ihnen genüsslich die „alte und faltige Oberhaut“ ab. Paul fragt sich anschließend, warum es auch unter Männern passionierte Pilzesucher gibt. Plötzlich beschimpft Wilma Paul als „Mörder“. Er hat ihr von einem Traum erzählt, in dem er sie erst ins Wasser stieß und dann – er angezogen, sie nackt auf ihm – mit seinem Gürtel schlug. Um seinen Freund zu retten, interpretiert Dän die Träume freudianisch als Zeichen von Pauls Begehren; ja sogar dafür, dass er ein Kind mit Wilma zeugen wolle.

Dän’s Cottage. (Ein Diorama)

Erschöpft erreichen sie Däns bescheidenes Holzhaus und frühstücken. Franziska trällert Operettenlieder von Jacques Offenbach. Sie spazieren durch den Garten. Wilma wundert sich über Däns zurückgezogenes Leben. Ob er als ehemaliger Kriegsgefangener keinen „Palisadenkomplex“ bekomme? Sie bestaunen den „Blum’in’Cul“ („cul“ = frz. „Hintern“), prächtige Rhabarber-Stangen und frühreife Äpfel – Obst und Gemüse als Sinnbilder sekundärer Geschlechtsteile. Danach essen sie zu Mittag, hören Nachrichten und diskutieren über Politik. Wilma beschimpft ihre Tochter ununterbrochen und berichtet entrüstet, wie diese neulich mit ihren Freundinnen eine Flasche Sekt getrunken und danach einen Furzwettbewerb in ihrem Zimmer veranstaltet habe. Wie im Puff habe es da gerochen! Dän erkundigt sich nach Franziskas Schulleistungen. Die seien in Ordnung, aber Abitur machen? Ihre Eltern drucksen verlegen herum, dann rückt Wilma damit heraus: Studieren könne man bei ihrer störrischen Art eh vergessen. Außerdem hätten sie Geldsorgen ... kurzum: Franziska soll eine Lehre in einem Schuhgeschäft machen. Dän ist entsetzt, vor allem als Paul andeutet, dass der Besitzer des Geschäfts sie als Erstes „pimpern“ werde. Und wenn schon, meint Wilma. Später trifft Dän im Haus auf die verweinte Franziska. Sie sagt heulend, ihre Eltern wollten sie zur Halbhure machen, und fleht ihn an, bei ihm bleiben zu dürfen. Dän versucht ihr das auszureden: die Einsamkeit, sein Alter, die beginnende Impotenz. Jemand ruft „Zeppelin!“, und sie rennen nach draußen.

Die Geste des Großen Pun

Es folgt eine Diskussion über die erotischen Formen diverser Luftschiffe und Ballons als Chiffren für Brüste und das weibliche Gesäß. Dän und Paul machen einen Spaziergang zum Badesee und treffen auf eine geheimnisvolle Gesellschaft, die von einem Fechter angeführt wird. Paul lässt sich auf ein Duell ein, wobei seinem Gegner glatt das Florett entzweibricht. Der Mann bietet ihnen zu trinken an. Ein Zaubertrank? Jedenfalls verwandeln sie sich in Matrosen und treffen auf Wilma in Gestalt einer Wahrsagerin. Dän gegenüber spricht sie mit Blick auf die Leistengegend die Verheißung aus: „Nevermore!“ Dann hören sie weiblichen Gesang in einem Schiff. Es sind nackte Piratinnen, unter ihnen auch Franziskas Freundin Christa, die es schon als Neunjährige mit Paul getrieben hat. Sie verwandeln sich in Meerjungfrauen, Meergötter und Meeresungeheuer und sprechen über Conchology, ein wissenschaftliches Buch über Muscheln, das Poe editiert und unter seinem Namen neu herausgegeben hat. Die Männer schlüpfen in die Rollen der Muschelforscher Dr. Powell und Daniel Pagane Stecheros. Powell findet eine gigantische Muschel, die sich als Wilma entpuppt. Er entnimmt ihr die große „UrinPerle“, Sperrholz und viel stinkenden Schleim. Plötzlich verwandelt sich die Traumlandschaft wieder. Nun stehen sie an einem Teich im norddeutschen Flachland und behandeln als Ärzte Dr. Juckobi und Dr. Wâtson armselige Gestalten, die halb besinnungslos mit gequetschten Sexualorganen auf dem Boden liegen. Dän und Paul gehen zurück zum Haus. Dän hat eine Vision vom großen Hirtengott Pan; dann erwacht er zitternd.

Franziska=Nameh//

//Wieder wird gegessen, Wilma hat Heißhunger auf Senfgurken. Allein mit Dän in dessen Arbeitszimmer bejammert Paul sein Los mit dem Ehedrachen. Bücher seien ihm lieber als Frau und Kind; sie seien das, was vom Menschen übrig bleibe, „verholzte Männerstrünke“ quasi. Und nennt der Buchliebhaber sie nicht seine „Schätze“, riecht verliebt an ihren Seiten und steckt lüstern seine Finger hinein? Die Eheleute machen auf dem Traktor des Bauern Stephan einen Ausflug. Dän und Franziska wecken turtelnd Gurken ein. Sie malen sich aus, er sei Apotheker und sie eine liebestolle Jungfer, die von ihm einen potenten Liebestrank ersteht. Dann hilft sie ihm, Dias zu rahmen und alte Briefumschläge zu recyceln, indem sie daraus Notizzettel schneidet. Immer wieder kommen Christas Äußerungen zum Thema Sex zur Sprache. Schließlich erzählt Dän das Leben der „Selijn Franziska“ wie eine Heiligengeschichte: Sie weiht ihr Leben dem Propheten Daniel und wird dafür von ihren Eltern verfolgt. Dann wird ihm schwarz vor Augen – eine Herzattacke. Als er wieder zu sich kommt, beschließt er, Paul Geld anzubieten, um so Franziska vor dem Schuhgeschäft zu bewahren. Da ertönt Traktorenknattern. Wilma rauscht mit rotem Kopf vorbei, offenbar hochgradig erregt. Kein Wunder, doziert Dän: Auch die hiesigen Witwen und Backfische würden sich ständig auf dem Traktor einen „abrüttln“.

: ‚Rohrfrei!‘

Stephan und dessen Bruder machen sich daran, Däns Klogrube auszupumpen. Angewidert und fasziniert schauen sie zu, wie die übel riechende Masse mit darin schwimmenden Damenbinden und einem Kondom in die Grenzfurche zwischen zwei Äckern geleitet wird. Als Franziska das Kondom sieht, wird sie grün vor Eifersucht und möchte wissen, von wem es stammt. Dän gesteht verlegen, dass er alle paar Monate eines benutze, um die Bettwäsche nicht schmutzig zu machen. Die Operation Klogrube inspiriert zu weiteren Gedankenspielchen: Dän hält Poe für einen impotenten Fäkalfetischisten und Klo-Voyeur mit Hang zur Selbstbefriedigung. Später sieht Dän Franziska durch die halb geöffnete Badezimmertür masturbieren und wird seinerseits von Wilma beim Spähen überrascht. Sie keift, ihre Tochter sei vom Wichsen besessen – noch ein Grund, warum sie endlich arbeiten sollte. Dän nimmt sie in Schutz, schließlich sei das für Teenager die harmloseste aller Arten, ihre Sexualität auszuleben. Doch Wilma entgegnet, sie habe ihre Tochter bei einer Sexorgie mit drei Freundinnen überrascht. „Uffgegeilt haSDe Dich“, murmelt Paul dazu. Zur Strafe musste Franziska sich stundenlang in eiskaltes Wasser setzen.

The Twoilit of the Goduts

Als es dämmert, spazieren die Männer in den Nachbarort. Auf dem Friedhof sehen sie einem jungen Paar beim leidenschaftlichen Sex zu und unterhalten sich über Nekrophilie in Poes Werk: Er war offenbar auf die Vorstellung fixiert, lebendig begraben zu werden. Dän sieht darin einen Beweis für die Impotenz des Dichters: das Gefühl, ein „lebender Leichnam“ zu sein, und die Hoffnung, dass sein Penis wiederauferstehen würde. Es geht weiter zur Kirche und dann zur Dorfkneipe. Dän verirrt sich in die Damentoilette, wird dort entdeckt und von der Wirtin vor den zornigen Frauen gerettet. Auf dem Jahrmarkt bestaunen sie Zigeuner, Zwerge und bauchtanzende Negerinnen. In einer Bude für Sexartikel kauft Paul sich vor lauter Impotenzangst ein Glied zum Umschnallen: den größenvariablen „Pussymock“ für „Nesthäkchen bis Oma“, komplett mit „Runzlsäckchen“ für ausrangierte Geschlechtsteile. Schließlich besuchen sie die Jahrmarktsensation Ira und Gesine: siamesische Zwillinge, die im Duett singen. Paul spielt in Gedanken durch, wie es bei einer Vagina und zwei Köpfen wohl mit dem Sex funktioniert. Dann versucht eine junge Hure, Dän zu verführen, doch ohne Erfolg. Hämisch erzählt sie, wie sie einer guten Freundin geraten habe, Löcher in die Kondome ihrer Eltern zu piksen, um sich so an ihrer Mutter zu rächen. Nun sei die Betreffende „dicker als dick“.

„Die Schweizer ha’m tatsächlich recht, wenn die ihre Frau’n nicht wähln lassn : sô=was von Geilheit plus Schwachsinn!“ (Paul, S. 63)

Dän bietet seinem Freund 10 000 Mark dafür an, Franziska das Abitur machen zu lassen. Einzige Bedingung: Er will sie nie wiedersehen. Paul kann es nicht fassen. Denn für so viel Geld hätte er sie dem Freund gerne zur Auffrischung seines öden Sexlebens überlassen. Auf dem Rückweg kommt ihnen Franziska entgegen, und Dän erzählt ihr von seinem Plan, ihr Abitur zu finanzieren. Er fügt hinzu: Nur wenn Wilma sich nicht an die Abmachung halten sollte, dürfe sie von zu Hause fortlaufen und zu ihm kommen. Franziska ist außer sich vor Freude. Das gemeinsame Glück in Ödingen scheint ihr zum Greifen nahe.

Im Reiche der Neith

Zu viert wird vor dem Fernseher zu Abend gegessen. In den Nachrichten wird über Aufstände von Schwarzen in den USA berichtet. Dän schlägt vor, sie nach Afrika zu transportieren und sie dort „ausrevoluzzern“ zu lassen. Später belauschen Franziska und Dän vom Keller aus ein Gespräch zwischen Paul und Wilma über die Abmachung: Das Mädchen hört mit Entzücken, wie viel Geld sie Dän wert war, und dann mit Schrecken, dass Wilma offenbar auf Däns baldigen Tod und die daraus folgende Erbschaft spekuliert. Wilma fragt Paul, warum sie Franziska nicht gleich bei Dän lassen – als plötzlich die Pumpe mit einem ohrenbetäubenden Lärm einsetzt und die Antwort verschluckt. Dän ist erleichtert: Den zweiten Teil seiner Abmachung soll Franziska nie erfahren.

„Ich halz nich mère aus! : Euer corruptes Gephasl. : Der Eene denkt bloß ans Saufm! : der Andre sieht in jedm Grasbüschl n Weip!“ (Wilma, S. 226)

Als sie sich gemeinsam Dias anschauen, erkennt Dän Christa als die junge Hure vom Jahrmarkt. Franziska gesteht, dass sie das Treffen arrangiert habe, um Däns Treue auf die Probe zu stellen. Sie frohlockt: Christa sei nun genauso verliebt in ihn wie sie, denn er sei der erste Mann, der ihr nicht gleich an die Wäsche wollte. Unter klarem Sternenhimmel philosophieren sie über Poe, Monderotik und Sternbild-Etyms, die Bibel, Traumdeutung und die altägyptische Göttin Neith. Rührend unbeholfen versucht Franziska ein letztes Mal, Dän zu verführen – als wäre die angestrengte Bettgymnastik ihrer Eltern, die sie durchs Fenster beobachten, nicht Abschreckung genug. Die beiden schwitzen und grunzen, und Paul sticht mit dem Pussymock auf Wilma ein, ohne dass sie den Unterschied bemerkt. Mittendrin fällt es Dän wie Schuppen von den Augen: Wilma ist schwanger! Franziska bestätigt es ihm. Das erklärt auch, warum sie im Schuhgeschäft arbeiten sollte, anstatt mit dem Abitur weitere Kosten zu verursachen. Später trinken alle vier noch auf die gemeinsam verbrachte Zeit. Als ein Taxi die Besucher abholt, versteckt sich Dän hinter einer Eiche im Garten. Die eigenen Skrupel verfluchend verliert er Franziska für immer aus den Augen.

Zum Text

Aufbau und Stil

Der Roman erzählt in acht Büchern von 24 Stunden aus dem Leben Daniel Pagenstechers und seiner Besucher. Arno Schmidt berichtet buchstäblich über jeden Furz – einschließlich Duftnote, Windrichtung und Abwehrstrategien – und dehnt so die erlebte Zeit in eine gefühlte Ewigkeit. Er nutzt die DIN-A3-Seite wie einen dreidimensionalen Raum, den man sich als Zylinder vorstellen kann: Die Hauptkolumne verschiebt sich je nach Thema von links nach rechts; an den Seiten buhlen nicht weniger als 16 000 Anmerkungen in Form von Hintergedanken, Zwischenrufen, Autorenzitaten, Skizzen, Fotos, Kochrezepten oder Zeitungs- und Katalogausschnitten um die Aufmerksamkeit des Lesers. Schmidt bringt Buchstaben und Satzzeichen so aufs Papier, wie sie seinen Figuren aus den norddeutschen Mündern purzeln, tanzend und Treppen steigend, und als Dän einen Herzanfall erleidet, findet der Leser sogar eine schwarze Fläche vor. Von überall lugt erotischer Hintersinn hervor: Die „tulip“ entpuppt sich als „two lips“, Wilma verwandelt sich in einen „WerVulv“ und Franziskas Plisseerock in einen „Please’see’rock“. Schmidts Sprache bewegt sich auf dem schmalen Grat zwischen urkomisch und bitterböse, und oft genug versteht der Leser nur Bahnhof.

Interpretationsansätze

  • Zettel’s Traum ist der Versuch, das menschliche Bewusstsein so exakt wie möglich sprachlich abzubilden. Das Unbewusste redet gemäß Schmidt über klangähnliche Etyms mit: So verstecke sich hinter dem Englischen „true“ der Gedanke an „trou“, den französischen Ausdruck für „Loch“. Sprache wird damit zum Ventil für unterdrückte Sexualität.
  • Edgar Allan Poes Sprache soll ihn als impotenten, onanierenden Klo-Voyeur entlarven. Ähnlich geht es den Figuren: Sie verraten sich über ihre Sprache. So erlebt der Leser etwa Wilma bereits als mannstolles Weibsstück, lange bevor man ihr als Voyeur beim unappetitlichen Liebesspiel zuschauen darf.
  • Schmidt unterscheidet zwischen „Dichterpriestern“ („DPs“) wie Poe, bei denen sich die Etyms unbewusst einschleichen, und genialen Männern über 50. Letztere bilden neben den drei Freud’schen Instanzen (Unbewusstes, Ich, Über-Ich) eine humorige vierte Instanz heraus. Sie bewirkt, dass bei Nachlassen des Sexualtriebs frei gewordene Energien in den Wortwitz fließen. Neben James Joyce und Lewis Carrol wird auch Daniel Pagenstecher der Kategorie des „GroßGenius im Etym=Alter“ (O-Ton Wilma) zugerechnet. Die Initialen verraten ihn aber als bemitleidenswerten Dichter-Priester – ein selbstironischer Hinweis auf die inneren Widersprüche der Figur.
  • Neben alltäglichen Handlungen wie dem Gurkeneinlegen und Klogrubenreinigen wird man Zeuge einer verhexten Sommernacht: Die Protagonisten verwandeln sich in Pferde, Muscheln und Zigeuner und durchleben ähnlich wie der Weber Zettel aus William Shakespeares Sommernachtstraum in ihrem Traumzustand groteske sexuelle Fantasien.
  • Der Humor des Misanthropen Schmidt ist tiefschwarz, arrogant und provozierend: Frauen treten entweder als männermordende Drachen, frühreife Lolitas oder hinterlistige Huren auf, immer eine geistige Stufe unter den Männern angesiedelt. Die Landbevölkerung ist stinkend, tierisch und boshaft. Aufständische Studenten sind faule, verwöhnte Nichtsnutze und Schwarze kulturlose, triebgesteuerte Kinder.

Historischer Hintergrund

Literatur als Druckventil

Die deutsche Literatur der 1950er Jahre befasste sich vorwiegend mit der unmittelbaren Vergangenheit und ihren Folgen: Faschismus, Krieg, Vertreibung. In den 1960er Jahren geriet die politische Gegenwart zunehmend in den Fokus: der Mauerbau 1961, die erste Große Koalition 1966, die Bildung der Außerparlamentarischen Opposition (APO), die Studentenunruhen und die Verabschiedung der Notstandsgesetze 1968. Deutsche Autoren politisierten sich. 1965 forderten Autoren wie Heinrich Böll oder Ingeborg Bachmann die USA in einer Erklärung auf, den Vietnamkrieg zu beenden. Viele bekannten sich öffentlich zur Sozialdemokratie oder sympathisierten mit der DKP. Zur gleichen Zeit entbrannte die Diskussion um den Realismus neu: Der Begründer der so genannten Kölner Schule, Dieter Wellersdorf, forderte in Anlehnung an den französischen „Nouveau Roman“ eine genaue Abbildung des Alltags, mit all seinen zwischenmenschlichen Grausamkeiten. Der Schriftsteller Uwe Timm bezeichnete das Jahrzehnt als eines der literarischen Utopien und existenziellen Erfahrungen, als eine Zeit, in der an Stammtischen über Bücher diskutiert wurde und Frauen sich von radikaler Kleinschreibung verführen ließen. Es war die Ära des Sexualaufklärers Oswald Kolle, der den verklemmten Bundesbürgern zeigte, was eine Klitoris ist. In deutschen Schlafzimmern hatte sich ein enormer sexueller Druck aufgestaut, und die Nachkriegsgeneration machte sich mit Eifer daran, die Ventile zu öffnen.

Entstehung

Zettel’s Traum ist gleichzeitig These und Antithese dieser Zeit. Denn der einsiedlerisch lebende Arno Schmidt mischte sich nicht in öffentliche Debatten ein. Über politisch bewegte Schriftstellerkollegen wie Günter Grass oder Martin Walser bemerkte er abfällig: „We are not amused.“ Aber er beschrieb von 1960 bis 1970 unermüdlich Notizzettel, 120 000 an der Zahl, versah sie mit literarischen Zitaten, Nachrichtenfetzen oder Fragmenten seiner entstehenden Literaturtheorie. Das Ergebnis: ein Jahrzehnt im Zettelkasten. 1965 begann Schmidt, das Mosaik zusammenzufügen. Knapp vier Jahre lang stand er jede Nacht kurz nach Mitternacht auf, arbeitete bis sieben oder acht, schlief drei Stunden und machte danach weiter. „So habe ich jeden Tag 14 bis 18 Stunden gearbeitet“, sagte er 1970 in einem Spiegel-Interview und fügte an, neben ihm würde „ein Säulenheiliger wie ein Lebemann“ aussehen. Für seine Frau Alice Schmidt wurde die Zettelwirtschaft zum Albtraum: „Keine Spaziergänge mehr – kein Sitzen im Garten – kein Sonntag ...: Im ständigen Gemurmel, wortprobierend, bewegten sich seine Lippen.“

Die Liste der Dichter und Denker, die der Autor zitierte und diskutierte, reicht von Homer über Karl May und Marcel Proust bis hin zu Sigmund Freud und den Beatles. Sie ist so lang, dass sie locker ein eigenes Büchlein füllen würde. Stilistisch orientierte Schmidt sich an dem Iren James Joyce. Dessen experimentelles Spätwerk Finnegans Wake hatte er wahrscheinlich Anfang 1960 gelesen. Er versuchte sich an einer Übersetzung des als unübersetzbar geltenden Buches, gab aber nach einiger Zeit auf. Stattdessen schrieb er eine deutsche Antwort auf sein Vorbild und sprengte damit jeden literarischen und drucktechnischen Rahmen seiner Zeit: „Es wird sich nicht mehr setzen lassen“, befürchtete er nach der Vollendung des Romans Ende 1968.

Wirkungsgeschichte

Schmidt sollte Recht behalten. Anfang 1970 kam das Buch als Faksimile auf den Markt, weil eine Drucklegung nach dem damaligen Stand der Technik zu teuer gewesen wäre. Trotz des stolzen Preises von 298 DM war die erste Auflage von 2000 Exemplaren nach kurzer Zeit vergriffen. Die zweite erschien zum Ärger des Autors als Raubkopie. Für die einen war der Roman die Sensation des Jahres, für die anderen ein furchterregendes Monstrum. Viele resignierten: „Zettel’s Traum ist da“, schrieb Gunar Ortlepp im Spiegel. „Ich werde ihn lesen. Aber auch rezensieren? Dies auf jedn Phall: phil späht=er.“ Und in der Süddeutschen Zeitung stand auf der Witzseite: „Zettel’s Traum: gelesen zu werden!“ Die Reaktionen dürften Schmidt in seiner Ansicht bestätigt haben, dass nur die dritte Wurzel der westdeutschen Bevölkerung, also ca. 390 Menschen, in der Lage sein würden, sein Werk zu verstehen.

2010 erschien das Buch nach jahrelanger editorischer Fleißarbeit in gesetzter Fassung und trat eine neue Rezensionswelle los: Schmidt ein ganz Großer der deutschen Nachkriegsmoderne? Der ewige weiße Elefant? Oder doch nur ein penetranter Besserwisser? „Ein Roman wie ein Gebirgsmassiv“, schwärmte der ARD-Kritiker Denis Scheck. „Nicht jeder wird es erklimmen wollen. Aber man sollte es in seinem Leserleben unbedingt mal gesehen haben.“ Manfred Koch erklärte in der NZZ Schmidts Versuch, „in Sachen Wortartistik auch gleich noch Finnegans Wake in den Schatten“ stellen zu wollen, als gescheitert. Er empfahl: „Anschauen, Durchblättern und Sichfestlesen an den Stellen, an denen die vehemente künstlerische Potenz des Neurotikers Schmidt sich gegen seinen literaturtheoretischen Zwangsapparat durchgesetzt hat.“

Über den Autor

Arno Schmidt wird am 18. Januar 1914 in Hamburg geboren. Kaum kann er lesen, macht er sich über jedes gedruckte Stück Papier her. Er ist, nach eigener Aussage, zum „Bibliophagen und zur Isolation prädestiniert“. Nachdem sein Vater, ein Polizeibeamter, stirbt, siedelt die Familie 1928 nach Lauban in Schlesien über. 1934 beginnt Schmidt mit einer kaufmännischen Lehre, die er drei Jahre später abschließt. Er arbeitet als Lagerbuchhalter in einer schlesischen Textilfabrik. 1937 heiratet er seine Kollegin Alice Murawski. Im Zweiten Weltkrieg kommt Schmidt zur Artillerie, er kämpft im Elsass sowie in Norwegen. Nach einem Einsatz in Niedersachsen gerät er in britische Kriegsgefangenschaft. Als der Krieg vorbei ist, arbeitet Schmidt an der Hilfspolizeischule Benefeld als Dolmetscher für Englisch. Noch bis 1955 müssen er und seine Frau in Notunterkünften leben, zunächst in Niedersachsen und dann, nach seiner Umsiedlung nach Rheinland-Pfalz, in Gau-Bickelheim. 1949 erscheint mit Leviathan die erste Erzählung des Autors. 1955 wird Seelandschaft mit Pocahontas veröffentlicht, ein Werk, das ihm eine Anzeige wegen „Gotteslästerung und Pornografie“ einbringt. Wieder muss Schmidt sich „umsiedeln“ lassen, diesmal vom katholischen Kastel an der Saar ins protestantische Darmstadt. Seinen Ruhepunkt findet er in Bargfeld, wo er sich mit finanzieller Unterstützung des Malers Wilhelm Michels ein Holzhaus kauft. Hier führt er fortan als freier Schriftsteller ein relativ abgeschiedenes Leben. Seine literarische Arbeit kulminiert 1970 im Hauptwerk Zettel’s Traum. Damit wird er endgültig zu einem Außenseiter der deutschen Literatur: Seine avantgardistische Prosa passt in kein Schema und kann keiner literarischen Strömung zugeordnet werden. Drei Jahre später verleiht ihm die Stadt Frankfurt am Main den Goethepreis. Neben seinem eigenen Werk tritt er als Übersetzer von James Fenimore Cooper, William Faulkner und Edgar Allan Poe hervor. Sein Interesse an Karl May führt zu Sitara und der Weg dorthin, einer Studie über den Abenteuerschriftsteller (1963). Arno Schmidt stirbt am 3. Juni 1979 an den Folgen eines Gehirnschlages in Celle.


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