Zusammenfassung von Zimmer mit Aussicht

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Zimmer mit Aussicht Buchzusammenfassung

Literatur­klassiker

  • Liebesroman
  • Edwardische Epoche

Worum es geht

Die Liebenden sind die Helden

Edward Morgan Forster lässt in seinen Geschichten Leidenschaft und Liebe meist über Pflicht und gesellschaftliche Normen siegen. Wunderbar weiß er bewegende Begegnungen und große Gefühle zu beschreiben, ohne dabei ins Kitschige abzugleiten. In Zimmer mit Aussicht spielt Forster sein Talent voll aus: Die beiden jungen Engländer Lucy und George sind sich innig zugetan. Forster fasst diese Liebe selten direkt in Worte, sondern erschafft zarte und spannungsgeladene Momente, in denen es knistert. Es gelingt ihm auch, die bornierte und prüde Gesellschaft Englands zu Beginn des 20. Jahrhunderts zu zeichnen: wie sich die Frauen und Männer dieser Zeit zu benehmen haben und wie sich die dekadente, bessere Gesellschaft von ärmeren Schichten zu distanzieren sucht. Forsters Geschichte spielt sowohl im sinnlichen Florenz als auch im moralistischen England. Obwohl der Roman phasenweise etwas handlungsarm ist, bleibt er im Ganzen spannend. Zimmer mit Aussicht ist ein Buch, das einfühlsam vom Kampf der Geschlechter, von Freiheit und von aufrichtigen Gefühlen erzählt.

Take-aways

  • E. M. Forster ist einer der bedeutendsten englischen Prosaisten des 20. Jahrhunderts.
  • Zimmer mit Aussicht ist eine zarte Liebesgeschichte und gleichzeitig ein bissiges Gesellschaftsporträt Englands an der Wende vom 19. zum 20. Jahrhundert.
  • Inhalt: Die Engländerin Lucy ist mit ihrer Cousine Charlotte auf einer Bildungsreise in Florenz. Dort lernt sie den unkonventionellen George kennen und verliebt sich in ihn. Da er aber nicht zur besseren Gesellschaft gehört, wird Lucy von ihm ferngehalten. Zurück in England verlobt sie sich mit einem anderen. Doch dann taucht George auf und die Liebe siegt.
  • Die Rolle der Frau und die Emanzipation durchziehen als Leitmotive den Roman von Anfang bis Ende. Die Hauptfigur Lucy befreit sich von gesellschaftlichen Fesseln.
  • Mit subtiler Ironie stellt Forster die erstarrten Konventionen des englischen Bürgertums der sinnlichen, mediterranen Lebensweise gegenüber.
  • Forster spielt mit dem Sujet der Aussicht: Für Lucy beginnt bei einem Blick aus dem Fenster ein neues Leben. In fensterlosen Räumen zweifelt sie später an ihrer Liebe.
  • 1901 lebte der Autor überwiegend mit seiner Mutter in Griechenland und Italien. Im Roman verarbeitet er seine südeuropäischen Erfahrungen.
  • Forster war homosexuell, bekannte sich aber erst nach dem Tod seiner dominanten Mutter dazu und setzte sich fortan für die Anerkennung homosexueller Beziehungen ein.
  • Zimmer mit Aussicht wurde im Jahr 1985 von James Ivory erfolgreich verfilmt. Der Film erhielt drei Oscars.
  • Zitat: „Frauen machen sich was aus einer schönen Aussicht; Männer nicht.“
 

Über den Autor

Edward Morgan Forster wird am 1. Januar 1879 in London geboren. Da sein Vater früh stirbt, wächst er bei der Mutter auf, die ihn maßlos verhätschelt. Als Muttersöhnchen verspottet, hat der sensible Junge einen schweren Stand bei seinen Mitschülern und flüchtet sich in die Welt der Literatur. Erst als junger Mann und Student der Altphilologie am King’s College in Cambridge schließt Forster erste Freundschaften, die jedoch aufgrund seiner homosexuellen Neigung oft von Missverständnissen getrübt sind. Nach dem Studium bereist er mit der Mutter Italien; die Eindrücke inspirieren ihn zu seinem ersten Roman Engel und Narren (Where Angels Fear to Tread), der 1905 erscheint; weitere Romane folgen und sichern Forster früh literarischen Ruhm und ein leidliches Auskommen. Gemeinsam mit Künstlern und Intellektuellen wie Virginia Woolf oder John Maynard Keynes gehört er dem Gründungszirkel der legendären Bloomsbury Group an. 1907 lernt er den Inder Syed Ross Masood kennen und verliebt sich. Seine Gefühle bleiben unerwidert, dennoch gibt er die Hoffnung nicht auf. 1913 besucht er Masood in Indien. Begeistert von Land und Leuten beginnt er hier seinen Roman Auf der Suche nach Indien (A Passage to India), den er jedoch erst nach einem zweiten Aufenthalt rund zehn Jahre später als Privatsekretär des Maharadscha von Dewas fertigstellt. Es ist Forsters letzter Roman, seine Kreativität scheint versiegt. Fortan betätigt er sich hauptsächlich als Literaturkritiker. Nach wie vor leidet sein Liebesleben unter den Heimlichkeiten, zu denen ihn die Rücksicht auf seine dominante Mutter zwingt. Erst nach ihrem Tod macht er dem Versteckspiel ein Ende und wird schließlich gar zum öffentlichen Fürsprecher der rechtlichen Anerkennung homosexueller Beziehungen. Postum erscheint der homoerotische Roman Maurice (1971), den der ängstliche Forster über ein halbes Jahrhundert lang unter Verschluss gehalten hat. Der Autor stirbt am 7. Juni 1970 in Coventry.

 

Zusammenfassung

In der Pension Bertolini

Florenz um 1900: Die Engländerinnen Charlotte Bartlett und Lucy Honeychurch haben sich in der Pension Bertolini einquartiert. Die beiden Cousinen befinden sich auf einer Bildungsreise. Die altjüngferliche Miss Bartlett passt als Anstandsdame auf Lucy auf. In Anwesenheit der anderen Pensionsgäste empört sich Miss Bartlett im Esssaal lauthals darüber, dass die Signora der Pension ihr Versprechen nicht eingehalten habe: Sie sollte Lucy und ihr doch je ein Zimmer mit Aussicht auf den Arno geben. Ein Mann spricht sie daraufhin an; er habe ein Zimmer mit schöner Aussicht. Miss Bartlett missfällt es sehr, dass der Mann unaufgefordert mit ihr redet. Sie denkt, er habe keine Manieren. Der Mann bietet ihr an, er und sein Sohn könnten ihre Zimmer mit denen der Frauen tauschen. Frauen würden sich ja etwas aus einer schönen Aussicht machen. Miss Bartlett, die sich immer noch belästigt fühlt, lehnt dankend ab.

„Frauen machen sich was aus einer schönen Aussicht; Männer nicht.“ (Mr. Emerson, S. 14)

Arthur Beebe betritt den Esssaal. Die Cousinen kennen den Pfarrer aus England und begrüßen ihn erfreut. Mr. Beebe weiß, wer der Mann ist, der sie angesprochen hat; er heißt Mr. Emerson. Dem alten Emerson fehle es manchmal an Benimm, meint der Pfarrer, aber er sei ein netter Herr und die Cousinen hätten sein Angebot ruhig annehmen können. Und so wechseln Miss Bartlett und Lucy wenig später doch noch in die Zimmer mit Aussicht.

„Es ist so schwierig – ich jedenfalls finde es schwierig –, Menschen zu verstehen, die die Wahrheit sagen.“ (Mr. Beebe, S. 19)

Lucy genießt es, in Florenz aufzuwachen. Sie öffnet das Fenster, schaut auf den Arno und betrachtet das Treiben der geschäftigen Italiener. Beim Frühstück wird sie im Esssaal von einer gebildeten Dame namens Eleanor Lavish zu einem Ausflug zur Franziskanerkirche Santa Croce eingeladen. Miss Bartlett bleibt in der Pension und packt weiter aus. Als Miss Lavish und Lucy nach einem längeren Spaziergang auf dem Platz vor der Kirche ankommen, erkennt Miss Lavish einen Bekannten. Sie rennt ihm nach und lässt Lucy allein zurück. Hilflos und enttäuscht betritt Lucy die Kirche, wo sie zufälligerweise auf Mr. Emerson und dessen Sohn George trifft. Gemeinsam schauen sie sich Fresken an. Als George kurz zurückbleibt, spricht Mr. Emerson mit Lucy über seinen Sohn: Er sei unglücklich und melancholisch. Mr. Emerson fordert sie auf, den gleichaltrigen George näher kennen zu lernen und ihm zu helfen.

„Wer kommt schon angenehmer Dinge wegen nach Italien! (...) Was man hier sucht, ist doch das Leben. – Buon giorno! Buon giorno!“ (Miss Lavish, S. 31)

Wenn Lucy Klavier spielt, verliert die Welt für sie an Bedeutung. An einem regnerischen Nachmittag klappt sie in der Pension das Piano auf und einige Pensionsgäste hören sich die Beethoven-Sonaten an. Nach der musikalischen Einlage unterhalten sich Mr. Beebe, Lucy und ein anderer Pensionsgast, Miss Catharine Alan. Sie reden über Miss Lavish, über den unpässlichen Mr. Emerson und über die manchmal ungezogenen Italiener. Miss Alan weiß, dass Miss Lavish gerade dabei ist, einen Roman zu schreiben, der in Italien spielt.

Ein Mord, ein Ausflug und ein Kuss

Lucy geht allein spazieren. Sie sinniert über das Frausein: Warum bloß gelten so viele Dinge als nicht „ladylike“? Sie stört sich an den Einschränkungen, die ihr als Frau gemacht werden. Dann kommt es zu einem Zwischenfall: Auf dem Hauptplatz von Florenz, der Piazza Signoria, sieht sie, wie ein Mann erstochen wird. Lucy fällt in Ohnmacht. Sie erwacht in den Armen von George, der zufälligerweise ebenfalls auf der Piazza ist. Gemeinsam gehen sie den Arno entlang zurück in die Pension. Auf dem Weg sagt George, dass nicht nur der Tod des Mannes schicksalhaft gewesen sei, sondern dass auch etwas anderes Großes passiert sei. Lucy erwidert, nach diesem Zwischenfall werde das Leben wohl wieder normal weitergehen. Nicht für ihn, entgegnet George: Er werde nun leben wollen. Lucy versteht seine Worte nicht wirklich, ahnt aber etwas.

„Abermals spürte sie, dass irgendetwas Neues sie bewegte, doch war sie sich nicht sicher, wohin sie das führen mochte.“ (über Lucy, S. 40)

Am nächsten Tag unternehmen Lucy und Miss Bartlett einen Spaziergang. Auf der Piazza Signoria sehen sie Miss Lavish, die für ihren Roman den Mord des Vortags rekonstruiert. Daraufhin treffen die Cousinen auf Hochwürden Cuthbert Eager. Der Kaplan der britischen Gemeinschaft in Florenz ist auf die Emersons nicht besonders gut zu sprechen: Der alte Emerson sei ein Arbeiterkind. Als Jugendlicher habe er als Mechaniker sein Geld verdient, später sei er für die Sozialisten journalistisch tätig gewesen. Heute würde Mr. Emerson nicht mehr arbeiten, sagt Mr. Eager abschätzig, da er sich vorteilhaft verheiratet habe. Lucy ärgert sich darüber, wie der Kaplan über die Emersons lästert.

„Wenn Miss Honeychurch sich jemals dazu durchringt, so zu leben, wie sie spielt, dürfte das sehr aufregend werden – sowohl für uns als auch für sie selber.“ (Mr. Beebe über Lucys Klavierspiel, S. 54)

In zwei Kutschen fahren Mr. Eager und Mr. Beebe, die Emersons, Miss Lavish, Miss Bartlett und Lucy in die Hügel außerhalb von Florenz. Im Grünen angekommen, schlendern die Ausflügler in kleinen Gruppen oder für sich allein durch das Dickicht. Miss Lavish und Miss Bartlett haben sich angefreundet und wollen unter vier Augen über die Emersons reden. Sie schicken Lucy weg, sie solle doch nach Mr. Eager Ausschau halten. Auf der Suche nach Hochwürden nähert sich Lucy einem Felsvorsprung. Auf einmal sackt sie ab und rutscht auf eine kleine mit blauen Veilchen überdeckte Terrasse. Der Anblick ist überwältigend, es ist ein magischer Moment. Und dort, am Rand des Veilchenmeers, steht George. Er dreht sich um, strahlt sie an, tritt näher und küsst sie. Da ist eine bekannte Stimme zu vernehmen: Miss Bartlett ruft nach Lucy. Die Anstandsdame wird Zeugin der Kussszene.

„Ich werde wohl leben wollen.“ (George zu Lucy, S. 75)

Auf der Rückfahrt in die Stadt bricht ein heftiges Unwetter über die Ausflügler herein. Mr. Emerson ist besorgt, denn sein Sohn ist allein zu Fuß auf dem Weg in die Pension. Lucy und Miss Bartlett tuscheln in der Kutsche: Ob wohl noch jemand anders den Kuss beobachtet hat? Als Anstandsdame, die einen Teil ihrer Reise von Lucys Mutter bezahlt bekommen hat, fühlt sich Miss Bartlett für das Vorgefallene verantwortlich. In der Pension entscheidet sie, dass die Cousinen am nächsten Tag weiterreisen. Nach dem Kofferpacken legt sich jede in ihrem Zimmer schlafen. Plötzlich klingelt es an der Haustür. Lucy bläst die Kerze aus und schaut durch das Fenster in die Nacht hinaus. Unten vor der Pension steht George, völlig durchnässt. Als er an ihrem Zimmer vorbeigeht, hört Lucy, wie Miss Bartlett ihn im Flur anspricht und ihn zu sich bittet. Lucy ist verzweifelt. Sie findet es ungerecht, dass man sich in ihr Leben einmischt. Am nächsten Morgen reisen die Cousinen nach Rom ab.

Verlobung auf dem Land

Ein paar Monate später auf dem Land in der englischen Gemeinde Summer Street: Mrs. Honeychurch und ihr Sohn Freddy sitzen im Wohnzimmer des Familienhauses Windy Corner. Manchmal guckt die Mutter durch den Spalt zwischen den Vorhängen: Sie beobachtet ein Paar draußen im Garten. Der junge, hübsche Cecil Vyse aus London macht ihrer Tochter Lucy zum dritten Mal einen Heiratsantrag. Freddy mag den aufgeblasenen Cecil aus London nicht besonders. Kurz darauf tritt Cecil ins Wohnzimmer und verkündet stolz die Verlobung. Lucy und Cecil kennen sich schon seit Jahren, aber erst in Rom sind sich die beiden nähergekommen.

„Ich will nicht, dass man in meinem Leben herumpfuscht.“ (Lucy, S. 125)

Ein paar Tage nach Bekanntgabe der Verlobung besuchen Cecil, Mrs. Honeychurch und Lucy eine Gartenparty in der Nachbarschaft. Der künftige Schwiegersohn und Ehemann soll in der Umgebung vorgestellt werden. Der aber lästert über die Gesellschaften auf dem Land, die er einfältig findet. Mit der Kutsche fahren sie durch Summer Street, wo mittlerweile Mr. Beebe als Gemeindepfarrer lebt. Auf der Höhe zweier Villen bleibt der Wagen stehen. Der Villenbesitzer Sir Harry Otway erklärt, dass er für eines der Häuser angemessene Mieter suche, jemand aus der besseren Gesellschaft. Nach dem Gespräch mit ihm spricht Cecil verächtlich über ihn: In London wäre er lediglich Mitglied eines hirnlosen Klubs, aber auf dem Land könne er sich aufspielen. Lucy ist von Cecils Denkweise mehr und mehr beunruhigt.

Neue Mieter, alte Leidenschaft

Ein paar Tage später gibt es eine Neuigkeit: Sir Harry Otways Villa hat Mieter gefunden. Freddy erinnert sich nicht genau an deren Namen: etwas wie Anderson oder Emerson. Lucy legt sich im Garten auf den Rücken und schaut wortlos in den Himmel hinauf. Später erfährt sie, dass es Cecil war, der die Emersons dem Vermieter vorgestellt hat. Dies lediglich, um Sir Harry Otway eins auszuwischen. Denn Cecil hat die Emersons – die er eine Woche zuvor im Kunstmuseum in London kennen gelernt hat – dem Villenbesitzer so angepriesen, als würden sie der feinen Gesellschaft angehören.

„Der Garten Eden (...), den Sie in die Vergangenheit verlegen, steht uns in Wirklichkeit noch bevor. Wir werden in ihn eingehen, wenn wir aufhören, unseren Leib zu verachten.“ (Mr. Emerson zu Mr. Beebe, S. 195)

Zusammen mit Mr. Beebe besucht Freddy die neuen Mieter in der Villa und lernt George kennen. Die drei gehen gemeinsam zum Teich in den Fichtenwald. An diesem schönen Sommertag gönnen sie sich alle drei ein Bad. Sie legen die Kleider am Ufer ab und springen ins Wasser. Übermütig rennen sie einander hinterher und bespritzen sich. Plötzlich laufen Freddy und George nackt in Lucy, Cecil und Mrs. Honeychurch hinein, die auf einem Spaziergang sind.

„Sie meinte, einer Katastrophe ausgewichen zu sein. Doch als sie in das Gebüsch eintraten, kam sie (...) George, der leidenschaftliche liebte, konnte auf dem schmalen Weg ja gar nicht um sie herum. ,Nein!‘, keuchte sie atemlos und wurde ein zweites Mal von ihm geküsst.“ (über Lucy, S. 245)

Miss Bartlett kommt zu Besuch nach Windy Corner, worüber Lucy nicht besonders glücklich ist. Seit Italien hat sie sich von ihrer Cousine distanziert. Die Frischverlobte überzeugt Miss Bartlett, dass es nicht nötig sei, Cecil von dem Kuss in Florenz zu erzählen. Das sei Vergangenheit und George sei ohnehin kein bisschen in sie verliebt. Am nächsten Tag besucht George die Familie Honeychurch. Lucy spielt Klavier, als er eintritt. Sie errötet. Im Garten liest Cecil belustigt aus einem neuen Roman vor, den er sehr schlecht findet. Lucy bemerkt sofort, dass es sich um den Roman von Miss Lavish handelt, den sie unter einem Pseudonym herausgegeben hat. Im Buch kommen Florenz, ein Zimmer mit Aussicht und ein Kuss auf einer Böschung mit Veilchen vor ... Lucy ist schockiert, lässt sich aber nichts anmerken und schlägt vor, Tee trinken zu gehen. Sie spaziert den Gartenpfad hoch, George geht nur ein paar Schritte hinter ihr. Als sie unbeobachtet sind, packt er sie und küsst sie zum zweiten Mal.

Liebesgeständnisse und Wegzüge

Lucy nimmt Miss Bartlett ins Kreuzverhör. Die Cousine gibt schließlich zu, dass sie Miss Lavish von der Kussszene in Florenz erzählt hat. Dann redet Lucy sich ein, dass sie für George keine Gefühle habe: Er sei zu weit gegangen, immerhin sei sie verlobt. Im Esszimmer stellt sie ihn zur Rede und sagt ihm wütend, er solle das Haus für immer verlassen. Er ist baff und antwortet: Sie könne Cecil nicht heiraten, er tauge als Verlobter nicht. Cecil wisse nicht mit Menschen umzugehen, erst recht nicht mit einer Frau. George gesteht Lucy, dass er sie liebt – dann geht er. Noch am selben Tag löst Lucy die Verlobung mit Cecil auf. Sie beide würden nicht zueinanderpassen.

„Wenn die Liebe kommt, ist das die Wirklichkeit.“ (Mr. Emerson, S. 300)

Lucy will weg von Windy Corner. Sie plant eine Reise nach Griechenland. Obwohl Mrs. Honeychurch sich über die Auflösung der Verlobung ärgert, stimmt sie der Reise zu. Mutter und Tochter erledigen zahlreiche Einkäufe. In der Kutsche kommen sie an der Villa der Emersons vorbei. Lucy fällt auf, dass die Fenster nicht erleuchtet sind. Nun erfährt sie, dass die Emersons weggezogen sind, nach London. Lucy sinkt in den Sitz zurück und denkt: Der ganze Aufwand für die geplante Reise nach Griechenland war umsonst. Die Kutsche hält vor dem Pfarrhaus. Miss Bartlett erscheint und fordert alle auf, in die Kirche zu gehen. Lucy hat allerdings keine Lust auf die Messe und man erlaubt ihr, im Arbeitszimmer von Mr. Beebe zu warten. Dort sitzt am Feuer der alte Emerson.

„Verzweifelt wandte sie sich Mr. Emerson zu. Aber als sie sein Gesicht sah, kam wieder Leben in sie. Es war das Gesicht eines Heiligen, der verstand.“ (über Lucy, S. 312)

Mr. Emerson entschuldigt sich bei Lucy für das Benehmen seines Sohnes. George hätte es bei ihr nicht versuchen dürfen, sie sei ja verlobt. Lucy will nichts mehr hören. Mr. Emerson fährt jedoch fort, George habe ihm erzählt, dass er in Lucy verliebt sei. Sie wird zusehends aufgewühlter. Schließlich gesteht sie ihm, dass sie ihre Verlobung aufgelöst hat. Mr. Emerson antwortet darauf: Er wisse, dass Lucy seinen Sohn mit Leib und Seele liebe. Sie ist schockiert, bricht in Tränen aus und bittet Mr. Emerson, George von ihrer Liebe zu berichten.

In der Pension Bertolini

Florenz, in der Pension Bertolini: George kniet auf dem Boden, sein Kopf liegt in Lucys Schoß. Das Paar ist glücklich und genießt die Flitterwochen in Italien. Nicht alle haben sich über ihre Liebe gefreut: Die Honeychurchs und Mr. Beebe sind über die frühere Heimlichtuerei des Paars enttäuscht und haben den beiden bis heute nicht verziehen. Lucy erinnert sich an Miss Bartlett. Hätte ihre Cousine an jenem Abend gewusst, dass Mr. Emerson in Mr. Beebes Arbeitszimmer sitzen würde, hätte sie Lucy bestimmt niemals allein dort eintreten lassen. Zu Lucys Überraschung sagt George prompt: Doch, Miss Bartlett habe es gewusst, sein Vater habe sie im Türrahmen gesehen, nur ein paar Minuten bevor Lucy eingetreten sei. Hat Miss Bartlett insgeheim dem Glück der Liebenden nachgeholfen? George und Lucy schauen aus dem Fenster der Pension Bertolini. Der Arno rauscht.

Zum Text

Aufbau und Stil

Zimmer mit Aussicht ist in zwei Teile gegliedert. Beide sind wiederum in mehrere Kapitel unterteilt, die z. T. humoristische Titel tragen, so etwa die drei Kapitel „George wird angelogen“, „Cecil wird angelogen“ und „Es werden angelogen: Mr. Beebe, Mrs. Honeychurch, Freddy und die Dienstboten“. Im ersten Teil ist Italien der Schauplatz, im zweiten England. Forster drückt innere Regungen und Seelenzustände seiner Romanfiguren gern durch Beschreibungen der Umgebung und der Natur aus. Im ersten Teil – in Florenz – schafft er viele romantische, sinnliche und blühende Bilder. Forster wählt einen chronologischen Handlungsverlauf. Am Ende des Buches führt er seine Hauptfiguren wieder zurück nach Florenz. Oft führen die Romanfiguren innere Gespräche: Der Leser blickt in ihre Gefühlswelt und Gedanken, bekommt mit, wonach sie sich sehnen und was sie von anderen Menschen halten. Auch lange Dialoge enthält der Roman, die sich über mehrere Seiten hinziehen. Als besonderen Kunstgriff bedient sich Forster der direkten Anrede: Mehrmals wendet sich der Erzähler überraschenderweise an seine Leser.

Interpretationsansätze

  • Zimmer mit Aussicht ist ein bissiges Gesellschaftsporträt Englands um 1900. Mit viel Ironie stellt Forster die erstarrten Konventionen des englischen Bürgertums der sinnlichen mediterranen Lebensweise gegenüber.
  • Für den heutigen Leser mag es komisch anmuten, dass simple Bezeugungen von Zuneigung wie eine Annäherung oder ein Kuss für so großen Wirbel sorgen. Während des Viktorianischen Zeitalters war die Gesellschaft jedoch zu strengster Zucht angehalten. Das ging so weit, dass Tischbeine, um keine anrüchigen Gedanken zu provozieren, mit einem Tischtuch bis zum Boden bedeckt werden sollten.
  • Forster beschreibt in seinen Werken immer wieder den gesellschaftlichen Wandel von der Viktorianischen Epoche in ein neues Zeitalter. In diesem Roman sind es der alte Emerson und sein Sohn George, die sich für die Überwindung von Konventionen, für Passion und Liebe einsetzen.
  • Durch die Begegnung der Emersons mit der alteingesessenen, gehobenen Gesellschaft Englands werden die Standesunterschiede verdeutlicht. Die feinen Damen stören sich an dem vermeintlich unpassenden Benehmen des alten Emerson. Der wahre Grund ihrer Abneigung ist wohl eher seine Herkunft: Er ist der Sohn eines Arbeiters.
  • Ein zentrales Thema des Romans ist die Stellung der Frau und deren Emanzipation: Die Hauptfigur Lucy weigert sich zusehends, zu fühlen und zu denken, was ihr Umfeld von ihr verlangt. Sie möchte nicht mehr „ladylike“ sein. Stattdessen beginnt sie sich von den gesellschaftlichen Fesseln zu befreien.
  • Forster spielt im Roman mit dem Sujet der Aussicht. So ist der Blick aus dem Fenster der Pension Bertolini die Sicht auf eine neue Welt, auf Italien: Für Lucy beginnt hier ein neues Leben. Und wenn Lucy später in England an ihren Verlobten denkt, sieht sie ihn stets in einem Zimmer ohne Aussicht: Ausdruck einer Beziehung ohne Perspektive.

Historischer Hintergrund

Das Viktorianische Zeitalter und sein Wandel

Fast 65 Jahre lang, von 1837 bis 1901, regierte in Großbritannien Königin Victoria. Es war eine Zeit großer technologischer und industrieller Fortschritte; die Epoche wurde von den Briten als Goldenes Zeitalter wahrgenommen. Die Wirtschaft florierte, die Bevölkerung wuchs, England war zu einer bedeutenden Kolonialmacht geworden. Die aufstrebende Mittelschicht genoss zunehmenden Wohlstand und nahm sich das Leben des Adels als Vorbild. In niederen Schichten dagegen kam es zu einer sozialen und wirtschaftlichen Verarmung. Viele Autoren des 19. Jahrhunderts wiesen in ihren Büchern auf soziale Missstände hin.

Mit Fortschreiten des Viktorianischen Zeitalters kam es zu sozialen Umbrüchen. So wurde etwa die Klassentrennung aufgeweicht. Unantastbar aber blieb bis ins spätviktorianische Zeitalter die klar definierte Rolle der Frau. Sie hatte eine gute Gattin, Mutter und Erzieherin zu sein, gesetzlich war sie ihrem Mann fast völlig unterworfen. Schreibende Frauen waren verpönt. Königin Victoria galt als ungemein prüde und sexualitätsfeindlich, was die Moral während ihrer Regierungszeit entscheidend prägte. Das war ein Nährboden für Doppelmoral: Vordergründig zeigte sich die Bevölkerung keusch und sittlich – nicht aber hinter der Fassade, wo ausschweifende Feste gefeiert wurden. Nach dem Tod von Victoria 1901 bestieg ihr Sohn Eduard VII. den Thron. Der Übergang vom Viktorianischen Zeitalter in die so genannte Edwardische Epoche war fließend. Die Befreiung von alten Konventionen ging voran, das Zeitalter der Moderne begann. Unter anderem bildete sich 1903 eine radikal-bürgerliche Partei, die sich für Frauenrechte einsetzte.

Entstehung

Zimmer mit Aussicht entstand in zwei Etappen. E. M. Forster verbrachte mit Anfang 20 die Jahrhundertwende gemeinsam mit seiner Mutter auf Reisen in Südeuropa. Seine Erlebnisse und Eindrücke verarbeitete er im Roman. Der erste Teil von Zimmer mit Aussicht, ein satirisches Porträt über englische Touristen in Italien, stellte – wie er selber später berichtete – so ziemlich seinen ersten schriftstellerischen Versuch dar. Diesen erzählerisch unvollendeten Entwurf mit dem Titel „Lucy“ legte er vorerst beiseite. Nachdem er zwei andere Romane geschrieben und in England veröffentlicht hatte, wandte er sich wieder dem Werk zu. Er schrieb die zweite Hälfte, deren Handlung in Südengland spielt. Das Buch veröffentlichte er 1908 unter dem heute bekannten Titel.

Forster selbst bezeichnete Zimmer mit Aussicht nicht als seinen liebsten Roman, sagte aber, man könne ihn „wohl zu Recht meinen schönsten nennen“. Dies, weil es im Buch um gut aussehende und gutherzige Menschen ginge, um einen Helden und eine Heldin, die einander finden und lieben. Rückblickend war Forster mit dem Happy End des Romans nicht mehr glücklich. Allzu sehr fand er es einen typischen Schluss aus der spätviktorianischen Zeit mit ihrer Doppelmoral. 50 Jahre später verfasste er ein Nachwort mit dem nüchternen Titel „Zimmer ohne Aussicht“. Darin beschrieb er, wie das Leben von Lucy und George nach ihren Flitterwochen in Florenz weiterging. Es ist eine sachliche Abhandlung, mit einigen weniger glücklichen Momenten im Leben des Paares. Damit wollte Forster dem Happy End die Romantik und Idealisierung nehmen.

Wirkungsgeschichte

Als Zimmer mit Aussicht 1908 publiziert wurde, war Forster 29 Jahre alt. Seine vorherigen zwei Romane waren keine großen Erfolge geworden. Zimmer mit Aussicht dagegen erhielt gute Buchbesprechungen. Dennoch bedeutete es noch nicht den literarischen Durchbruch, der kam erst mit der Veröffentlichung von Wiedersehen in Howards End (1910). Weltruhm erreichte Forster nochmals einige Jahre später mit dem Roman Auf der Suche nach Indien (1924).

Heute gehört Zimmer mit Aussicht zu Forsters berühmtesten Werken. Das hat auch damit zu tun, dass der Roman 1985 unter der Regie von James Ivory sehr erfolgreich verfilmt wurde. Gedreht wurde in England und in Florenz. In den Hauptrollen spielten Helena Bonham Carter, Maggie Smith, Julian Sands, Denholm Elliott und Daniel Day-Lewis. Der britische Film erhielt sehr gute Kritiken und wurde 1987 mit drei Oscars und zahlreichen weiteren Preisen ausgezeichnet.

Zimmer mit Aussicht wurde mehrmals für Bühne und Radio adaptiert und in zahlreiche Sprachen übersetzt. Im Jahr 1998 wählte die Redaktion des renommierten amerikanischen Verlags Modern Library die 100 besten englischsprachigen Romane des 20. Jahrhunderts aus. Zimmer mit Aussicht schaffte es in die Bestenliste und belegte Platz 79.


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