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Die Frau in Weiß

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Die Frau in Weiß

Criminal-Roman

dtv,

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10 take-aways
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What's inside?

Spannend und hintergründig – einer der ersten und bis heute einer der besten Krimis.


Literatur­klassiker

  • Kriminalroman
  • Viktorianische Ära

Worum es geht

Spannender Mystery-Thriller

Um seiner Geliebten die gestohlene Identität zurückzugeben, wird der junge Zeichenlehrer Walter Hartright zum Meisterdetektiv – einem der ersten der Literaturgeschichte. Die historische Einordnung des Erfolgsromans von Wilkie Collins konnte natürlich erst durch die spätere Literaturwissenschaft erfolgen. Was von Anfang an feststand, war aber die Absicht des Autors, seinen Lesern spannende Unterhaltung zu bieten, und das gelingt ihm meisterhaft. Anders als in den Kriminalromanen, die dem Vorbild der Sherlock-Holmes-Bücher folgen, wird der Detektiv in Die Frau in Weiß nicht von Dritten oder durch ein Amt mit einer Ermittlung beauftragt. Er ist zunächst ein Charakter unter vielen und tritt erst im Verlauf des Romans immer stärker in den Vordergrund, indem er die Rolle des Verbrechensaufklärers annimmt. Collins’ Roman hält dem Vergleich mit neueren Mystery-Thrillern spielend stand.

Take-aways

  • Die Frau in Weiß war der erste Erfolgsroman von Wilkie Collins und gilt als erste Mystery-Novel der Literaturgeschichte.
  • Inhalt: Die reizende und vermögende Laura Fairlie wird mit dem adligen Mitgiftjäger Baronet Glyde verheiratet. Mithilfe eines zwielichtigen Grafen beraubt er seine Frau ihrer Identität und gelangt dadurch an ihr Vermögen. Lauras Zeichenlehrer Walter Hartright deckt in hartnäckigen Ermittlungen das raffinierte Komplott auf.
  • Mit diesem Roman wurde Collins einer der bestbezahlten Autoren seiner Zeit.
  • Er war ein enger Freund und Mitarbeiter von Charles Dickens.
  • Die Frau in Weiß ist auch ein Gesellschaftsroman mit kritischen Untertönen, vor allem hinsichtlich der Stellung der Frau im Viktorianischen Zeitalter.
  • Meisterhaft versteht es Collins, die verschlungene Handlung spannend zu halten.
  • Alle Details haben eine dramaturgische Funktion bei der Aufklärung des Komplotts.
  • Collins ist ein hervorragender Stilist und ein einfühlsamer psychologischer Beobachter.
  • Das Genre der Mystery-Novel entwickelte sich aus dem Schauerroman der Romantik.
  • Zitat: „Was die Geduld einer Frau zu ertragen und die Entschlossenheit eines Mannes zu erreichen vermag, davon handelt dieser Bericht.“

Zusammenfassung

Nächtliche Begegnung

Der Aquarellist und Zeichner Walter Hartright wird als Kunstlehrer zweier junger Damen in Limmeridge House engagiert, einem stattlichen Landsitz in Nordengland. Die gut dotierte Stellung hat ihm ein Freund verschafft, der italienische Emigrant und Kunstprofessor Pesca, dem Walter einmal beim Baden in Brighton das Leben gerettet hat.

„Was die Geduld einer Frau zu ertragen und die Entschlossenheit eines Mannes zu erreichen vermag, davon handelt dieser Bericht.“ (Einleitung, S. 5)

Am Abend vor der Abreise aus London macht Walter noch einen Abschiedsbesuch bei seiner Mutter und seiner Schwester in Hampstead Heath. Auf dem nächtlichen Heimweg über die Heide begegnet ihm eine blasse junge Frau in Weiß. Sie macht einen etwas verstörten Eindruck und fragt Walter nach dem Weg. In der anschließenden Unterhaltung stellt sich heraus, dass sie Limmeridge House kennt und angenehme Erinnerungen mit der Besitzerfamilie Fairlie verbindet. Am Stadtrand von London entschwindet die mysteriöse Frau in einer Droschke. Zehn Minuten später halten zwei Männer in einem offenen Gefährt auf der Straße an. Sie suchen nach einer Frau in Weiß, die aus einer Irrenanstalt entflohen sei.

Limmeridge House

Walter tritt seine neue Stellung in der komfortablen Einsamkeit des gepflegten Anwesens Limmeridge House an und unterrichtet als Aquarell- und Zeichenlehrer die kluge und resolute Marian Holcombe sowie die liebreizende Laura Fairlie. Die beiden sind Halbschwestern und Waisen. Bald nach Walters Ankunft bestätigt Marian, dass die Frau in Weiß in der Tat in Limmeridge bekannt ist – als Anne Catherick. Mrs. Fairlie hatte sich ihrer angenommen, als Anne noch ein Kind war, und sie stets in Weiß eingekleidet; das hat die leicht geistig behinderte Frau aus Dankbarkeit beibehalten.

„Da, mitten auf der breiten, vom Mond erhellten Straße, stand, als wäre sie eben aus der Erde geschossen oder vom Himmel gefallen, die einsame Gestalt einer Frau, von Kopf bis Fuß in Weiß gehüllt (...)“ (Walter Hartright, S. 22)

Lauras Vormund und Onkel, Frederick Fairlie, hat Walter engagiert. Der affektierte, bequeme und überempfindliche Junggeselle widmet sich ausschließlich seiner Münz- und Kunstsammlung. Seine Gemächer verlässt er nie. Mr. Fairlie hält es für seine Pflicht, Laura gemäß dem Wunsch ihres Vaters Philip Fairlie, seines Bruders, mit Baronet Percival Glyde zu verheiraten. Glyde und Lauras Vater waren befreundet. Durch die Heirat kurz vor Lauras Volljährigkeit erhält Sir Percival auch die Nutznießung ihres beträchtlichen Kapitalvermögens. Der langjährige Familienanwalt Mr. Gilmore kann dies bei der Ausfertigung des Ehevertrags nicht verhindern.

„Aber ich bin nur eine Frau, auf Lebenszeit verdammt zu Geduld, Schicklichkeit und Unterröcken, daher muss ich darauf Rücksicht nehmen, was wohl die Haushälterin von mir denken würde, und versuchen, mich auf eine schwache, weibliche Art zu fangen.“ (Marian Halcombe, S. 208)

Im dritten Monat von Walters Aufenthalt trifft ein anonymer Brief in Limmeridge ein, offensichtlich von Anne Cathericks Hand, in dem Laura eindringlich beschworen wird, Nachforschungen über Sir Percival anzustellen. Walter begegnet der Frau in Weiß erneut, nachts auf dem Friedhof von Limmeridge, wobei ihm ihre Ähnlichkeit mit Laura deutlich vor Augen geführt wird. In seinem Gespräch mit der wiederum etwas gehetzt wirkenden Anne und ihrer älteren Begleiterin Mrs. Clements kann er jedoch nicht in Erfahrung bringen, was das Geheimnis sein soll, das im Fall seiner Aufdeckung Sir Percival „ruinieren“ würde. Die beiden Frauen verschwinden. Ermittlungen über ihren Verbleib sind fruchtlos. Walter, der sich in Laura verliebt hat, reist angesichts ihrer bevorstehenden Hochzeit mit gebrochenem Herzen vorzeitig ab und schließt sich vor lauter Kummer einer einjährigen abenteuerlichen Expedition nach Mittelamerika an.

Blackwater Park

Laura heiratet pflichtbewusst und schicksalsergeben und folgt ihrem Gemahl nach halbjähriger Hochzeitsreise durch Italien zu dessen Wohnsitz Blackwater Park in Hampshire, ebenfalls ein großer Herrensitz. Dort wird sie von ihrer Halbschwester Marian bereits erwartet. Deren ständige Anwesenheit in Blackwater Park hat sie sich bei der Heirat ausbedungen. Der früher so charmante und manierliche Sir Percival entpuppt sich als grob und unbeherrscht, insbesondere gegenüber der Dienerschaft. In Blackwater Park logieren als Dauergäste Sir Percivals auch der äußerst fettleibige italienische Graf Fosco und seine ihm still ergebene Gemahlin. Graf Fosco ist ein enger Freund von Sir Percival, Gräfin Fosco ist die ungeliebte Schwester von Mr. Fairlie und beschäftigt sich hauptsächlich damit, Zigaretten für ihren Mann zu drehen. Fosco ist äußerst unterhaltsam, taktvoll und gewandt. Der Exzentriker hält sich einen Kakadu, zwei Kanarienvögel und einige weiße Mäuse als Haustiere, mit denen er häufig spielt und die er auf seinem massigen Körper herumlaufen lässt.

„Ist der Verbrecher ein dummer, ungeschickter Mensch, siegt in neun von zehn Fällen die Polizei; ist er aber schlau, wagemutig und hochintelligent, verliert die Polizei in neun von zehn Fällen.“ (Graf Fosco, S. 245)

Eines Tages verlangt Sir Percival in schroffem Ton von Laura ihre Unterschrift unter ein Dokument, dessen Inhalt sie nicht lesen darf. In der folgenden hitzigen Auseinandersetzung äußert Percival den beleidigenden Vorwurf, Laura habe sich nach einer vorehelichen Beziehung zu Walter Hartright erst durch die Heirat mit ihm zu einer ehrbaren Frau gemacht. Daraufhin verweigert Laura die Unterschrift. Sie hätte dadurch ihr Kapitalvermögen ihrem Mann überschrieben.

Graf Foscos Plan

Sir Percival ist hoch verschuldet, und auch Graf Fosco ist in Geldnöten. Kurz nach dem Vorfall begegnet Laura an einem zum Anwesen gehörenden See selbst der geheimnisvollen Anne Catherick. Diese warnt sie erneut vor Sir Percivals Geheimnis. Graf Fosco hat das Zusammentreffen beobachtet. Als Sir Percival davon erfährt, ist er außer sich. In einem Brief an Mr. Fairlie schreibt Marian, er möge Laura nach Limmeridge einladen. Sie erhofft sich von der zeitweiligen Trennung eine Entschärfung der Situation. Graf Fosco fängt den Brief jedoch ab und entwickelt einen Plan. Nachts, in Regen und Kälte, belauscht Marian eine Unterhaltung zwischen Graf Fosco und Sir Percival über diesen Plan. Unmittelbar darauf erkrankt sie aber so schwer, dass sie nicht eingreifen kann. Sie wird in einem unbewohnten Seitenflügel von Blackwater Park versteckt, kurz bevor Laura nach Limmeridge abreist.

„Dass Laura ihm ihre offene, bitterste Verachtung so klar zum Ausdruck brachte, sah ihr so gar nicht ähnlich, war so konträr zu ihrem sonstigen sanften Wesen, dass es uns allen die Rede verschlug.“ (Marian Halcombe über Laura und Percival Glyde, S. 259)

Laura wird von Sir Percival gezwungen, auf der Fahrt nach Limmeridge im Londoner Stadthaus der Foscos zu übernachten. Die Foscos gaukeln ihr vor, Marian sei bereits dorthin vorausgereist. Auch die herzkranke Anne Catherick wird zu den Foscos gelockt, wo sie stirbt. Laura trifft am folgenden Tag ein und wird betäubt. Die Gräfin zieht ihr Annes weiße Kleidungsstücke an. Kaum ist sie erwacht, wird sie als Anne Catherick vom Leiter der Irrenanstalt, in der Anne früher untergebracht war, in Gewahrsam genommen. Anne Cathericks Leichnam wird als die angeblich verstorbene Laura nach Limmeridge überführt und dort beerdigt. Mehrere Zeugenaussagen und Berichte bestätigen dies in Graf Foscos Sinn. Durch Lauras vermeintlichen Tod erben Sir Percival und ihre Tante, Gräfin Fosco, Lauras Kapitalvermögen. Graf Foscos Plan ist geglückt. Sir Percival und die Foscos sind saniert.

Walter Hartrights Ermittlungen

Nach rund einjähriger Abwesenheit ist Walter Hartright als einer der wenigen Überlebenden der Mittelamerika-Expedition nach England zurückgekehrt, wo er von Lauras Tod erfährt. In tiefer Trauer fährt er zu ihrem Grab nach Limmeridge – als Laura plötzlich vor ihm steht, zusammen mit Marian.

„Meine Mutter kennt das Geheimnis und hat ihr ganzes Leben darunter gelitten.“ (Anne Catherick, S. 294)

Nachdem Marian sich von ihrer Krankheit erholt und von dem angeblichen Tod ihrer Halbschwester Laura erfahren hatte, setzte sie in London alles daran, Sir Percivals Geheimnis zu ergründen, das Geheimnis, von dem Anne Catherick immer gesprochen hatte. Sie ging in die Irrenanstalt, um Anne zu besuchen – und erkannte ihre Halbschwester. Indem sie eine Wärterin bestach, gelang es ihr, Laura zu befreien. Sie fuhren nach Limmeridge, doch Mr. Fairlie wollte die junge Frau, die Marian ihm vorführte, nicht als seine Nichte anerkennen. Die Halbschwestern beschlossen, in London unterzutauchen und damit Laura zu schützen, die nunmehr als geflohene Anstaltsinsassin Anne Catherick galt. Zum Abschied von Limmeridge besuchten sie das Grab von Lauras Mutter, Mrs. Fairlie, neben dem sich auch das Grabmal der vermeintlich verstorbenen Laura befand.

„O Gott, zwei Frauenzimmer im Besitz deines Geheimnisses – das ist schlimm, sehr schlimm, mein Freund! Ich verstehe jetzt, warum du die Tochter ins Irrenhaus hast sperren lassen (...)“ (Graf Fosco zu Percival Glyde, S. 343)

Die Halbschwestern und Walter beziehen unter falschen Namen ein ärmliches Häuschen im Londoner East End und führen mit Walters Einkünften als Illustrator eine bescheidene Existenz. Er schwört sich, die Hintergründe des Komplotts aufzuklären und Lauras wahre Identität nachzuweisen. Marian ist dank ihrer Tagebuchaufzeichnungen und ihres präzisen Gedächtnisses eine wertvolle Hilfe. Walter bittet verschiedene Personen, vom Familienanwalt der Fairlies bis hin zur Leichenwäscherin, um Aussagen und Berichte. Der Kompagnon des mittlerweile in den Ruhestand getretenen Anwalts der Fairlies nimmt sich wohlwollend der Sache an und schenkt Walters Bericht Glauben. Doch nach seiner juristischen Beurteilung fehlt der schlüssige Tatsachenbeweis, da es keine präzisen Unterlagen oder zweifelsfreie Zeugenaussagen darüber gibt, wann Laura in London bei den Foscos ankam. Zwar ist sicher, wann Anne Catherick starb, und es lässt sich rekonstruieren, dass Laura erst am Tag danach in London ankam. Aber dafür fehlt ein klarer Beweis.

Sir Percivals Geheimnis

Walter weiß mittlerweile, dass er im Auftrag von Sir Percival beschattet wird. Da dieser das Geheimnis, das Walter aufdecken will, am besten kennt, sind seine Agenten immer schon da, wo Walter bei seinen Ermittlungen auftaucht. Anne Catherick hat immer behauptet, ihre Mutter Mrs. Catherick kenne das Geheimnis, das Sir Percival ruinieren würde. Deshalb besucht Walter diese Dame an ihrem Wohnort Welmingham in Hampshire. Der Empfang ist unfreundlich, aber Walter findet im Gespräch heraus, dass eine lange zurückliegende kompromittierende Szene zwischen Mrs. Catherick und Sir Percival bei einer Sakristei in Welmingham Mrs. Cathericks Ruf in der Ortschaft ruiniert hat. Mrs. Catherick wusste schon damals, dass Sir Percival ein uneheliches Kind war und damit keinen Anspruch auf den Titel eines Baronet Glyde und den Besitz von Blackwater Park hatte, obwohl alle Welt dies glaubte. Walter findet die Bestätigung dafür in einem gefälschten Trauungseintrag im Kirchenbuch von Welmingham. Doch bevor er den Beweis sichern kann, brennt die Sakristei wegen eines von Sir Percival verursachten Feuers ab, in dem dieser selbst ums Leben kommt.

„Aber die Verschleierte hatte mich ganz in ihren Bann gezogen, hielt meinen Leib und meine Seele fest. Sie blieb mir gegenüber vor dem Grab stehen, nur die Marmorplatte lag zwischen uns (...) Da hob die Frau den Schleier. ,Zum Gedenken an Laura, Lady Glyde –‘ Doch Laura, Lady Glyde, stand neben der Inschrift und blickte mich über das Grab hinweg an.“ (Walter Hartright, S. 425)

Mrs. Catherick war als junge Frau Zofe im Haus eines adligen Majors in Hampshire. Der Major war mit Lauras Vater, dem verstorbenen Philip Fairlie, befreundet. Dieser war dort oft zu Besuch. Er galt als einer der attraktivsten Männer Englands und Mrs. Catherick ließ sich auf eine Affäre mit ihm ein. Als sie entdeckte, dass sie schwanger war, gelang es ihr noch rechtzeitig, den Küster von Welmingham zu heiraten, sodass ihr Kind als Anne Catherick auf die Welt kam. Anne war also Mr. Fairlies Kind und somit eine Halbschwester von Laura. Daher rührte auch die Ähnlichkeit zwischen den beiden fast gleichaltrigen jungen Frauen. Als Anne einmal in einem Streit Sir Percival mit der Aufdeckung von dessen Geheimnis drohte, veranlasste dieser ihre Einweisung in die Irrenanstalt.

„In diesem Moment erkannte Miss Halcombe die eigene Schwester – erkannte die lebende Tote.“ (Walter Hartright über Marian und Laura, S. 435)

Nun ist das Geheimnis gelüftet, aber da das Kirchenbuch verbrannt ist, fehlt der Beweis. Walter Hartright und Laura können sich endlich offen ihre Liebe gestehen und heiraten. Trotz dieser glücklichen Wendung gibt Walter sein Vorhaben, Laura ihren Namen und ihre Stellung zurückzugeben, nicht auf. Als letztes Mittel beschließt er, Graf Fosco direkt mit seinem Wissen zu konfrontieren.

Graf Foscos Geheimnis

Walter beschattet Graf Fosco von dessen Londoner Wohnsitz aus. Eines Abends will Graf Fosco eine Opernaufführung besuchen. Walter vermutet, sein alter Freund, der italienische Emigrant Pesca, könnte Graf Fosco kennen, und nimmt ihn deshalb mit in die Oper. Pesca erkennt Fosco zwar nicht, aber überraschenderweise scheint der Graf den Kunstprofessor zu kennen – und flieht Hals über Kopf während der Pause. Die beiden Italiener gehören einer Geheimverbindung an. Fosco wurde vor einiger Zeit als Verräter entlarvt und war deswegen in England untergetaucht. Denn Verräter werden von der Bruderschaft gnadenlos exekutiert. Fosco glaubt sich entdeckt und weiß, dass er noch in dieser Nacht aus England fliehen muss. Pesca trennt sich aufgewühlt von Walter. Dieser schickt ihm in aller Eile per Boten einen Brief hinterher, in dem er Foscos Adresse angibt; er fügt hinzu, dass der Brief erst am nächsten Morgen zu öffnen sei. Dann stellt Walter Fosco in dessen Haus beim Packen. Mit dem Hinweis, dass Pesca den Brief am nächsten Morgen öffnen werde, falls Walter das nicht verhindere, nötigt er Graf Fosco ein umfassendes schriftliches Geständnis seines Komplotts ab, einschließlich der Angabe genauer Daten von Annes Tod und Lauras Ankunft in London. Am folgenden Morgen kann Fosco entkommen, wird aber bereits von Häschern der Bruderschaft beschattet und später in Paris exekutiert.

„Ohne die verhängnisvolle Ähnlichkeit zwischen den zwei Töchtern eines Vaters hätte der verbrecherische Anschlag, bei dem Anne das unschuldige Werkzeug und Laura das unschuldige Opfer war, nie geplant werden können.“ (Walter Hartright, S. 573)

Walter, Laura und Marian kehren mit den Beweisen von Lauras Identität nach Limmeridge zurück. Mr. Fairlie erkennt seine Nichte an, und die Inschrift auf dem Grab wird geändert. Im darauffolgenden Jahr kommt Lauras und Walters Sohn zur Welt. Mr. Fairlie stirbt ein halbes Jahr später an einem Schlaganfall.

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Aufbau und Stil

Der äußeren Form nach setzt sich Die Frau in Weiß aus einer ganzen Reihe von Berichten verschiedener Personen zusammen. Das ergibt interessante Perspektivenwechsel. Die Berichte sind nach Zeitabschnitten gruppiert. Der erste reicht bis zur Abfahrt von Laura und Sir Percival zu ihrer Hochzeitsreise. Der zweite umfasst die Ereignisse in Blackwater Park bis zu Lauras vermeintlichem Tod. Der dritte Abschnitt schildert Walters Ermittlungen von London aus. Die wesentlichen erzählerischen Passagen stammen von Walter Hartright und Marian Halcombe. Trotz der Aufteilung auf verschiedene erzählerische Stimmen folgt der Leser leicht der Handlung, weil Collins sich an den chronologischen Ablauf der Ereignisse hält. Meisterhaft und mit großem psychologischem Einfühlungsvermögen gelingen Collins charakteristische Schilderungen von Personen, Orten und Atmosphäre. Seine Dialoge geben sowohl den geschliffenen Ton der Oberschicht als auch die Sprechweise der einfachen Leute treffend wieder.

Interpretationsansätze

  • Die Frau in Weiß ist ein stark durchkomponiertes Werk. Alle Figuren, Motive und Ereignisse, alle kriminalistischen und juristischen Details haben eine dramaturgische Funktion bei der Auflösung der raffinierten Verflechtungen und der rationalen Erklärung des Komplotts.
  • Die Hauptfigur, Walter Hartright, ist kein professioneller Detektiv wie etwa Conan Doyles Sherlock Holmes, aber er ermittelt die Hintergründe des Komplotts genauso methodisch wie die späteren Detektive und Kommissare.
  • Collins’ Werk ist auch ein Gesellschaftsroman. Die Vorstellungen und Konventionen der viktorianischen Gesellschaft, das Mit- und Nebeneinander der sozialen Schichten sind nicht nur Hintergrund, sondern ein bewusst gestaltetes Element des Romans mit gesellschaftskritischen Tönen.
  • Besonderes Augenmerk gilt in diesem Zusammenhang den Frauen, die Collins facettenreich vorführt: vom unschuldig-naiven Mädchentyp der Laura über die verhärmte, fast bösartige Mrs. Catherick bis zur beherzten und klugen Marian Holcombe. In ihrer beinahe emanzipierten Art ist Marian bewusst ganz entgegen dem traditionellen viktorianischen Frauenbild gestaltet. Der geniale Strippenzieher und Bösewicht des Buches, Graf Fosco, zollt ihr dafür ausdrücklich Anerkennung.
  • Die männlichen Hauptfiguren sind allesamt ambivalent gezeichnet. Sir Percival ist ebenso höflich wie brutal, Graf Fosco sehr zwielichtig und exzentrisch. Der brave Walter Hartright wächst als edler Ritter im Kampf um den Namen seiner Geliebten weit über seine bürgerlichen Grundanlagen hinaus.
  • Dezent durchzieht vor allem in den Dialogen ein ironischer Unterton den gesamten Roman. Auch dies ist ein Mittel von Collins’ Kritik, der dem gesellschaftlichen Treiben distanziert gegenüberstand.
  • Vollends deutlich wird Collins’ Gesellschaftskritik an der Art und Weise, wie Laura durch Bevormundung und Gewalt zum Opfer der patriarchalischen Verhältnisse im Viktorianismus wird – bis hin zu ihrem gesellschaftlichen Tod.

Historischer Hintergrund

Die Entwicklung des Krimis aus dem Geiste des Schauerromans

Eine Vorliebe für Grusel- und Schauereffekte in Literatur und Kunst gibt es erst seit der Romantik. Das vorangehende Barock- und Aufklärungszeitalter hatte für so etwas keinen Sinn. Für diese Epoche galten Verbrecher und Außenseiter der Gesellschaft, ja selbst das einfache Volk nicht als literaturwürdig. Gleichwohl las man auch schon im Rokoko mit Schaudern die Sammlung berühmter und interessanter Rechtsfälle des französischen Juristen François Gayot de Pitaval, die er ursprünglich als Fallsammlung für Juristen herausgebracht hatte. Das Buch wurde zu einem Bestseller seiner Zeit; Friedrich Schiller sorgte für eine deutsche Ausgabe. Mit Pitavals Sammlung ist auch die erste deutschsprachige Kriminalnovelle verknüpft, Das Fräulein von Scuderi von E. T. A. Hoffmann, der von Haus aus ebenfalls Jurist war. Eine der bekanntesten Bühnenszenen mit bewusst konzipierten Gruseleffekten ist die nächtliche Wolfsschlucht-Szene in der Oper Der Freischütz von Carl Maria von Weber. Das Schaurige, Nächtliche, Abgründige faszinierte die Romantiker. Es findet sich auch in den Werken des Kreises um Lord Byron. Frankenstein von Mary Shelley, einer Freundin Byrons, entsprang einer ähnlichen Vorliebe und begründete das Genre des Horrorromans mit.

In der englischsprachigen Literatur gelten drei Kurzgeschichten von Edgar Allan Poe als die ersten Geschichten mit einem Detektiv. Poes Held Dupin ist noch kein professioneller Ermittler, sondern ein Gentleman-Detektiv, der seine Fälle durch logische Deduktion löst. Poes übriges Gesamtwerk ist deutlich mit Schauer- und Horroreffekten durchsetzt. In Romanen der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts wurden Verbrechen und Verbrecher dann immer mehr zu einem literaturwürdigen Thema, etwa bei Fjodor M. Dostojewski (Schuld und Sühne, Die Brüder Karamasow), auch wenn es hier in erster Linie um grundlegende moralische Fragen geht und nicht um Verbrechensaufklärung.

Von allen schaurig-grusligen Schlacken befreit erscheint der Verbrechensermittler schließlich im Werk von Wilkie Collins. Erst hier wird die Ermittlung zentraler Gegenstand des Romans. Hergang und Motive des Komplotts werden restlos und völlig rational aufgeklärt. Arthur Conan Doyle schuf dann mit Sherlock Holmes den ersten Detektiv-Serienhelden.

Entstehung//

//Eine Anregung zu dem Werk erhielt Wilkie Collins von einem seinerzeit berühmten Kriminalfall in Frankreich. Und die Eröffnungsszene hat Collins angeblich selbst so ähnlich erlebt, als er eines Nachts nach London zurückkehrte und in der Nähe des Regent’s Park auf eine aus einem nahe gelegenen Sanatorium entflohene Frau traf. Collins machte sich vor der Niederschrift seiner Romane stets einen genauen Plan des Handlungsablaufs. Er war auch dafür bekannt, dass er Texte intensiv überarbeitete, um den Sätzen angesichts der verschlungenen Handlung möglichst viel Klarheit zu geben.

Wie im 19. Jahrhundert üblich, erschien Die Frau in Weiß zunächst als Fortsetzungsroman, und zwar in der von Charles Dickens herausgegebenen, wöchentlich erscheinenden Familienzeitschrift All The Year Round, und 1860 dann auch als Buch. Die Kunst, Spannungsbogen zu bauen, die die Leser bis zur nächsten Fortsetzung in Atem halten, beherrschte Collins meisterhaft. Dickens war nicht nur der literarische Mentor von Collins, sondern sie wurden auch enge Freunde.

Wirkungsgeschichte

Die britischen Leser waren von der Frau in Weiß sogleich vollauf begeistert. Collins wurde zu einem der bestbezahlten Autoren seiner Epoche. Diese Art von Romanen wurde damals „Sensation-Novel“ genannt. Als Sensation galten der viktorianischen Gesellschaft skandalöse Verbrechen wie Verführung, Ehebruch, Kindesentführung, Urkundenfälschung, Erpressung und natürlich Mord – also alles, was den Mitgliedern der ehrbaren bürgerlich-aristokratischen Gesellschaft einfach undenkbar erschien.

T. S. Eliot war derjenige, der Collins als den Erfinder des Kriminalromans bezeichnete und ausdrücklich hinzufügte: „und nicht Poe.“ Die Schriftstellerin Dorothy L. Sayers beurteilte Die Frau in Weiß als „den vermutlich besten Kriminalroman, der jemals geschrieben wurde“. Eine deutsche Übersetzung der Frau in Weiß stammt von Arno Schmidt.

Bereits in der Stummfilmzeit gab es mehrere Verfilmungen des Romans. Auch das Hollywoodkino nahm sich des Stoffs an, und sogar im Russland der Sowjetzeit wurde das Buch verfilmt. Ferner gab es zwei Mehrteiler in der BBC und einen sehr erfolgreichen WDR-Dreiteiler mit Heidelinde Weis, Christoph Bantzer und Pinkas Braun als Laura, Walter und Sir Percival. Andrew Lloyd Webber machte 2005 ein Musical aus dem Stoff.

Über den Autor

Wilkie Collins wird am 8. Januar 1824 in London geboren. Sein Vater ist ein anerkannter Landschaftsmaler. Einen Teil seiner Jugend verbringt Collins mit seinen Eltern in Italien. Im Alter von 17 Jahren beginnt er auf Wunsch des Vaters eine kaufmännische Ausbildung in einer Teehandelsfirma, darauf folgen ein Jurastudium und die Zulassung zum Anwalt. Lange schwankt der ausgesprochen intelligente und vielseitig begabte Collins zwischen der Berufung zum Maler und jener zum Schriftsteller, bis er sich 1850 mit der Veröffentlichung seines ersten Romans Antonia endgültig für das Schreiben entscheidet. Seinen für ihn fortan sehr wichtigen literarischen Mentor Charles Dickens lernt Collins 1851 kennen. Die beiden werden Freunde und schriftstellerische Kollegen, die eng zusammenarbeiten. Collins ist als Autor sehr produktiv: Er verfasst 25 Romane und 50 Erzählungen, die allerdings nicht alle das gleiche Echo beim Publikum finden. 1860 und 1868 gelingen ihm mit Die Frau in Weiß (The Woman in White) und Der Monddiamant (The Moonstone) zwei Meisterwerke, die von den Zeitgenossen sofort anerkannt werden und Collins’ Marktwert als Autor in die Höhe treiben. Der etwas verwachsene Collins leidet zeitlebens an Rheumatismus. Als Schmerzmittel nimmt er das im 19. Jahrhundert allgegenwärtige Laudanum, eine Opiumtinktur, regelmäßig zu sich. Die Rauschgiftsucht verstärkt sich nach Dickens’ Tod. Halluzinatorische Effekte bleiben nicht aus, die geistigen Kräfte schwinden. Collins bleibt zeit seines Lebens unverheiratet, unterhält aber ab den 1860er-Jahren gleichzeitig Beziehungen zu zwei Frauen. Mit der 20 Jahre jüngeren Martha Rudd hat er drei Kinder. Die ältere Caroline Graves heiratet zwar einen anderen Mann, kehrt jedoch nach dessen Tod zu Wilkie Collins zurück. Die Dreiecksbeziehung bleibt bis zu seinem Lebensende bestehen. Wilkie Collins stirbt nach einem Herzinfarkt am 23. September 1889 und wird auf dem Friedhof Kensal Green in London begraben.

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