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Die Europäer

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Die EuropÀer

Manesse,

15 mins. de lectura
10 ideas fundamentales
Texto disponible

¿De qué se trata?

EuropĂ€isch-amerikanische Liebschaften – mit leichter Feder skizziert.


Literatur­klassiker

  • Liebesroman
  • Realismus

Worum es geht

Transatlantische Beziehungen

Ein kosmopolitisches Geschwisterpaar aus Europa macht sich auf, hoffnungslos provinzielle und prĂŒde Verwandte in Amerika fĂŒr sich zu erobern – und muss feststellen, dass diese Menschen nicht nur hinter dem Mond, sondern auf einem anderen Planeten leben. Klingt vertraut? Selbst wenn sich die Vorzeichen der amerikanisch-europĂ€ischen Verstimmungen im Lauf der Zeit gewandelt haben, das Fazit aus Henry James’ 1878 veröffentlichtem Roman Die EuropĂ€er bleibt unverĂ€ndert gĂŒltig: Die Alte und die Neue Welt wĂŒrden einander durchaus ergĂ€nzen, wenn nur alle Beteiligten bereit wĂ€ren, ihre bornierten Positionen zu ĂŒberdenken. Den Hindernislauf zum Happy End mit EinschrĂ€nkung beschreibt James mit leichtem Humor und subtiler Ironie – ein lange vergessenes FrĂŒhwerk, das zu Recht aus der Versenkung geholt wurde.

Take-aways

  • Henry James’ Roman Die EuropĂ€er ist eine hintersinnige Beziehungskomödie im kulturellen Spannungsfeld zwischen der Alten und der Neuen Welt.
  • Inhalt: Eugenia, eine von ihrem adligen Ehemann verstoßene Baronin, und ihr Bruder Felix reisen nach Amerika, um bei reichen puritanischen Verwandten ihr GlĂŒck zu suchen. Nach vielen Fehltritten und allerlei amourösen Verwicklungen kommen fast alle glĂŒcklich unter die Haube. Nur die Baronin kehrt frustriert nach Europa zurĂŒck.
  • James’ Lebensthema waren die komplexen und komplementĂ€ren Beziehungen zwischen Alter und Neuer Welt.
  • Laut dem Roman fehlt es den sittenstrengen Amerikanern an Lebensfreude und den sinnlichen EuropĂ€ern an Aufrichtigkeit.
  • Die perfekte Synthese aus beidem kann mithilfe der Kunst gelingen.
  • Der Weltenbummler James veröffentlichte den Roman 1878, drei Jahre nachdem er seiner amerikanischen Heimat endgĂŒltig den RĂŒcken gekehrt hatte.
  • Mit dem PortrĂ€t einer puritanischen Familie im Boston der frĂŒhen 1840er-Jahre beschwor er eine pastorale Idylle herauf, die es lĂ€ngst nicht mehr gab.
  • TatsĂ€chlich war Neuengland der Motor hinter der Industrialisierung der USA.
  • Heute wird Henry James als brillanter Stilist und Vater des psychologischen Romans verehrt.
  • Zitat: „Ich rechne nicht damit, dass sie klug sind oder freundlich – jedenfalls am Anfang – oder vornehm oder interessant. Aber ich bestehe darauf, dass sie reich sind.“ (Eugenia ĂŒber ihre Verwandten)

Zusammenfassung

Reise nach Amerika

Zwei Geschwister, Eugenia Camilla Dolores, Baronin MĂŒnster, und ihr Bruder Felix Young, reisen aus Europa nach Boston, um dort ihre Verwandten zu besuchen. Verdrießlich betrachtet die 33-jĂ€hrige Baronin vom Fenster ihres feinen Hotels aus, wie sich im Schneeregen – und das mitten im Mai – die Menschen in eine neumodische, auf Schienen gezogene Pferdebahn drĂ€ngen. So etwas hat sie noch nie gesehen, und in ihrem zwar nicht hĂŒbschen, aber sehr interessanten, fremdlĂ€ndischen Gesicht spiegelt sich Missfallen. Ganz anders ihr Ă€ußerst attraktiver, fĂŒnf Jahre jĂŒngerer Bruder: VergnĂŒgt skizziert er seine EindrĂŒcke mit dem Bleistift und kann dem Abenteuer nur Positives abgewinnen, sogar dem Schmuddelwetter. Denn morgen, so verkĂŒndet er im Brustton der Überzeugung, erwarte sie strahlender Sonnenschein.

„Sie war auch nicht mehr ganz jung; obwohl schlank, besaß sie außerordentlich wohlgeformte Rundungen – eine Andeutung von Reife und gleichzeitig Beweglichkeit – und trug ihre dreiunddreißig Jahre, wie eine zartgliedrige Hebe einen randvollen Weinkelch tragen mochte.“ (ĂŒber Eugenia, S. 7)

Die Reise nach Amerika war Eugenias Idee. Sie ist in nicht standesgemĂ€ĂŸer Ehe mit einem deutschen Prinzen verheiratet, der sich aber von ihr losgesagt hat. Seine Familie will Eugenia loswerden und sie dazu bewegen, eine VerzichtserklĂ€rung zu unterschreiben. Doch Eugenia denkt nicht daran. ZunĂ€chst möchte sie ihre angeblich sehr reiche Verwandtschaft in Neuengland kennenlernen und sich alle Optionen offenhalten. Sie befiehlt Felix, am nĂ€chsten Tag die Lage zu sondieren und ihr Bericht zu erstatten.

Erste Begegnung

Bei strahlend schönem Wetter macht Felix sich am nĂ€chsten Morgen zu Fuß auf, zum Anwesen seines Onkels Mr. Wentworth, das siebeneinhalb Meilen vor Boston liegt. Es ist ein großes, helles Herrenhaus inmitten grĂŒner Wiesen, blauer Seen und dichter WĂ€lder. Als Felix ankommt, ist die Familie in der Kirche, nur Gertrude, die jĂŒngere der beiden Töchter, ist zu Hause geblieben. Sie liest in Tausendundeiner Nacht, als Felix plötzlich wie ein MĂ€rchenprinz vor ihr steht. Die beiden sind voneinander fasziniert: Gertrude, weil sie noch nie einen so schönen, weit gereisten und fröhlichen Menschen gesehen hat, und Felix, weil ihm dieses hochgewachsene, kluge und eigensinnige Wesen im hellen Kleid vorkommt wie ein Wesen von einem anderen Stern. Gertrude lĂ€dt ihn ein, zum Mittagessen zu bleiben, damit er gleich die ganze Familie kennenlernt.

„Ich rechne nicht damit, dass sie klug sind oder freundlich – jedenfalls am Anfang – oder vornehm oder interessant. Aber ich bestehe darauf, dass sie reich sind.“ (Eugenia ĂŒber ihre Verwandten, S. 15)

SpĂ€ter, beim Abendessen mit seiner Schwester, kommt Felix aus dem SchwĂ€rmen nicht mehr heraus. Das Haus: ein romantischer Traum, schmucklos und so sauber, dass man vom Fußboden essen könnte. Die Bewohner: schlicht, ursprĂŒnglich und einfach reizend – ein Hauch von Goldenem Zeitalter. Eugenia traut ihrem Bruder nicht, sie kennt seinen Hang zur SchönfĂ€rberei. Ihr liegt an Konkretem: Ist die Familie wohlhabend? Und gibt es eine interessante Partie fĂŒr sie? Felix erwĂ€hnt Robert Acton, Mr. Wentworths Cousin – ein kluger und weltgewandter Mann, der in China ein Vermögen gemacht haben soll. Eugenia willigt ein, sich die Sache einmal anzuschauen.

Familientreffen

Am nĂ€chsten Tag fahren die beiden im luxuriösen Zweispanner zu den Verwandten. Dem Puritaner und Asketen Mr. Wentworth sind die exaltierten Schmeicheleien der Nichte nicht geheuer. Er fĂŒhlt sich hin- und hergerissen zwischen familiĂ€rem MitgefĂŒhl und der Sorge, dass diese ordinĂ€re Person den Hausfrieden gefĂ€hrden könnte. Und nicht nur ihm ergeht es so: Wentworths jĂŒngster Sohn Clifford hat sich gleich ganz versteckt, und Mr. Brand – ein Laienpriester und Freund der Familie – schaut angestrengt an Eugenia vorbei. Nur Mr. Acton erwidert ihren Blick mit wachsamen Augen und stellt ihr seine Schwester Lizzie vor, ein hĂŒbsches, lebhaftes Geschöpf, das laut Eugenia typisch amerikanisch aussieht. Eugenia ist von dem Ernst und der schlichten Freundlichkeit dieser Menschen gerĂŒhrt und nimmt die Einladung an, sich fĂŒr eine Weile bei ihnen niederzulassen.

Einzug ins weiße Haus

Wenige Tage spĂ€ter zieht sie mit ihrem Bruder in ein kleines weißes HĂ€uschen unweit des Herrensitzes, da der Familienrat beschlossen hat, dass die Baronin ihre PrivatsphĂ€re brauche. Eugenias französische Dienerin Augustine macht sich sofort daran, das kahle HĂ€uschen mit indischen Schals, Samtdeckchen und Seidenrouleaus aufzuhĂŒbschen – ein Eingriff, der bei der Ă€lteren Wentworth-Tochter Charlotte das BedĂŒrfnis weckt, den ganzen Nippes wieder wegzuschaffen. Das Angebot, jeden Tag im großen Familienkreis zu speisen, lehnt Eugenia dankend ab. Sie möchte lieber eine eigene Köchin einstellen, am liebsten eine Turban tragende Negerin, allein um des bezaubernden Lokalkolorits willen.

„Die Baronin ergriff die Hand ihres Onkels, stand da mit ihrem hĂ€sslichen Gesicht und blickte ihn mit ihrem schönen LĂ€cheln an. ,War es recht von mir zu kommen?‘, fragte sie.“ (S. 45)

Felix wĂ€hnt sich im siebten Himmel. Er hat zuvor als umherziehender Maler, Schauspieler und Geiger in vielen dreckigen MietshĂ€usern gehaust und auf dunkle Hinterhöfe geschaut. Er vermisst sein Bohemien-Leben nicht. Charlotte, Lizzie und Gertrude findet er allesamt bezaubernd, obwohl sie fĂŒr seinen Geschmack etwas zu traurig sind. Er richtet sich in dem HĂ€uschen ein Atelier ein und beginnt, gegen Bezahlung PortrĂ€ts und Landschaftsbilder anzufertigen.

„,Wahrhaftig, was ist ein Leben ohne VorhĂ€nge?‘, fragte sie sich insgeheim, und ihr schien, als sei ihr bisheriges, gĂ€nzlich volantfreies Dasein unsĂ€glich indiskret gewesen.“ (ĂŒber Gertrude, S. 68)

Der Herr des Hauses geht seine Nichte regelmĂ€ĂŸig besuchen, aber ganz geheuer ist sie ihm nach wie vor nicht. Schon seine verstorbene Halbschwester, Eugenias und Felix’ Mutter, war durch ihren Entschluss, in Europa zu heiraten, in der Familie in Misskredit geraten. Der Neffe ist Mr. Wentworth zwar sympathischer als die Nichte, aber auch irgendwie rĂ€tselhaft: geradezu unverschĂ€mt sorglos, doch zugleich tiefgrĂŒndig. Als Felix ihn fragt, ob er ihn im Stil eines PrĂ€laten oder Kardinals zeichnen dĂŒrfe, lehnt der alte Herr entrĂŒstet ab. Gertrude hingegen möchte Felix Modell sitzen. Sie will ergrĂŒnden, warum man in ihrer Familie immer alles so schwer nimmt. Felix begreift das auch nicht, schließlich leben sie, wie er findet, im Paradies. Gleichzeitig weckt er in Gertrude den Wunsch, die große weite Welt kennenzulernen. Doch sie hat ein Problem: Ihr Vater und Charlotte haben sich in den Kopf gesetzt, der umsichtige Mr. Brand sei der Richtige fĂŒr sie, und nun ist dieser zu allem Überfluss auch noch ĂŒberzeugt, in sie verliebt zu sein.

Ein unmoralisches Angebot

Von allen neuen Bekannten mag Eugenia Robert Acton am liebsten. Und ihre Zuneigung wird erwidert. Noch nie hat der weit gereiste und kluge Bostoner eine solche Frau getroffen. Es gelingt ihm nicht, ihre vielfĂ€ltigen Signale zu entschlĂŒsseln – und das reizt seine Neugierde nur noch mehr. Eugenia erzĂ€hlt ihm von ihrer heiklen Ehe mit dem deutschen Prinzen. Aber sie stellt auch klar, dass sie nach wie vor alle FĂ€den in der Hand habe. Sie kann die förmliche Einwilligung zur Auflösung der Ehe abschicken – oder auch nicht. Robert Acton wĂŒrde nur zu gern wissen, wie sie sich entscheidet. SpĂ€ter besucht Eugenia Roberts schwer kranke Mutter. Mit einem unaufrichtigen Kompliment gegenĂŒber der alten Dame sorgt sie fĂŒr Verwirrung. Eugenia spĂŒrt, dass ihre Flunkerei nicht gut ankommt. Und das Ă€rgert sie.

„Nein, mir liegt nichts an den großen Fragen. Mir liegt an Freude und VergnĂŒgen. Vielleicht mag ich das Böse, das ist gut möglich!“ (Gertrude, S. 135)

Felix hat seinen Onkel umstimmen können und malt nun doch dessen PortrĂ€t. Mr. Wentworth erzĂ€hlt ihm von seiner Sorge um Clifford: Der Junge hat mehrmals einen ĂŒber den Durst getrunken und ist von der Harvard-UniversitĂ€t suspendiert worden. Mr. Brand, so der Onkel, kĂŒmmere sich um ihn. Doch Felix hat eine andere Idee: Wie wĂ€re es, wenn Clifford eine Zeit lang bei Eugenia in die Lehre ginge und die Manieren eines Gentlemans lernen wĂŒrde? Und wenn er sich sogar ein wenig in sie verlieben wĂŒrde? Mr. Wentworth findet die Idee skandalös.

Sommerlicher Reigen

Felix erwĂ€hnt Gertrude gegenĂŒber, dass er im Herbst wohl abreisen werde. Er verhehlt nicht seinen Wunsch, ihr den Hof zu machen, glaubt aber, dass er mangels Stellung und Vermögen dazu kein Recht habe. Gertrude erklĂ€rt ihm die vertrackte Situation: Mr. Brand möchte sie heiraten, sie aber ihn nicht; wĂ€hrend Charlotte und ihr Vater eine solche Verbindung sehr befĂŒrworten, es aber nie ausdrĂŒcklich von ihr verlangen wĂŒrden. FĂŒr Felix ist die Lösung ganz einfach: Warum nicht einfach Mr. Brand und Charlotte miteinander verkuppeln? Er ist ohnehin der Ansicht, dass die beiden einander schon seit Langem zugetan sind – man mĂŒsste ihnen nur die Augen öffnen. Gertrude gefĂ€llt die Idee, denn Mr. Brand hat offenbar ein ganz anderes Bild von ihr als sie selbst: Er hĂ€lt sie fĂŒr tiefschĂŒrfend und verkopft, wĂ€hrend sie einfach nur leichtsinnig und ausgelassen sein will. Als Charlotte ihr spĂ€ter gut zuzureden versucht, wagt Gertrude den Befreiungsschlag: Sie bittet die Schwester, ihr den Verehrer kĂŒnftig vom Hals zu halten. Schließlich seien Mr. Brand und Charlotte doch ohnehin ineinander verliebt.

Wer liebt wen?

Clifford schenkt Eugenia Blumen und besucht sie auffallend oft. An seiner Absicht, Lizzie Acton zu heiraten, hat sich zwar nichts geĂ€ndert, aber er findet Eugenia amĂŒsant und spĂŒrt wohl, dass er bei ihr einiges lernen kann. Eugenia gefĂ€llt ihre neue Rolle. Ihrer Meinung nach kann es nicht schaden, neben Robert Acton noch einen zweiten Verehrer in der Hinterhand zu haben. Mr. Acton muss Mitte August fĂŒr ein paar Tage verreisen und sucht Eugenia sofort nach seiner RĂŒckkehr in ihrem HĂ€uschen auf. Er lĂ€dt sie ein, mit ihm zu den NiagarafĂ€llen zu reisen, doch bevor sie zustimmen kann, tritt plötzlich ein verlegen blickender Clifford ins Zimmer. Hastig verkĂŒndet Eugenia, er sei im Atelier gewesen, um sich Felix’ Bilder anzusehen. Der Junge starrt sie beide verwundert an und verschwindet. Danach Ă€ndert Eugenia ihre Version und behauptet, dass Clifford sich in sie verliebt habe und sie gerne nachts besuche. Verwirrt geht Robert nach Hause. Am nĂ€chsten Tag stellt er den jungen Mann zur Rede. Clifford streitet vehement ab, in Eugenia verliebt zu sein.

„Unter dem amerikanischen Himmel schien ihre Macht die Krallen verloren zu haben; die glatte Felswand war nicht zu ersteigen.“ (ĂŒber Eugenia, S. 168)

Am Sonntag darauf schlĂ€gt das Wetter um. Es wird kĂŒhl und regnerisch. Eugenia ist schlecht gelaunt. Es Ă€rgert sie, dass Mr. Acton schon seit Tagen nicht mehr bei ihr gewesen ist. Sie hat das GefĂŒhl, ihrem Ziel keinen Schritt nĂ€her gekommen zu sein. Abgesehen davon kann sie sich nicht mit dem Gedanken anfreunden, in diesem schrecklichen Landstrich zu leben. Felix spricht ihr Mut zu. Er mag Robert und glaubt, dass seine Schwester mit ihm glĂŒcklich wĂŒrde. Am frĂŒhen Abend, wĂ€hrend er einen atemberaubend schönen Sonnenuntergang malt, sieht er von Weitem Mr. Brand und winkt ihn zu sich. Er versucht ihn davon zu ĂŒberzeugen, Gertrude zu vergessen und sich um Charlotte zu bemĂŒhen. Mr. Brand scheint nicht abgeneigt, unterstellt Felix jedoch eigennĂŒtzige Motive. Felix winkt ab. Seiner Meinung nach hat Mr. Brand Gertrude nie fĂŒr sich gewonnen und kann sie deshalb auch nicht verlieren.

Zwischen Abschied und Antrag

Eugenia stattet Mr. Actons Mutter einen Abschiedsbesuch ab. Zu ihrem Verdruss scheint die Sterbenskranke nicht zu begreifen, weshalb Eugenia nicht fĂŒr immer in dem armseligen HĂ€uschen leben möchte. Als sie nach dem Abschied die breiten Stufen in die Halle hinuntergeht, nimmt sie anerkennend den gediegenen Luxus des Hauses wahr, eines Hauses, wie sie es sich immer ertrĂ€umt hat. Im Garten sieht sie Robert Acton unter einem Baum im Gras liegen. Verlegen springt er auf und begleitet sie nach Hause. Er weiß nicht, wie und ob ĂŒberhaupt er sie zum Bleiben bewegen kann. Denn Robert spĂŒrt, dass sie eine LĂŒgnerin ist. Und als sie auf seine Nachfrage hin erklĂ€rt, sie habe jenes SchriftstĂŒck abgeschickt und ihre Ehe aufgelöst, bezweifelt er das.

„Offenbar hatte Felix Feuer an eine ZĂŒndschnur mit Erinnerungen gelegt, und das fĂŒhrte vor Mr. Brands erstaunten Augen zu einer ansehnlichen Flamme und rĂŒckwirkender Erleuchtung.“ (S. 182)

Dagegen ist sich Felix seiner Sache hundertprozentig sicher: Er möchte Gertrude heiraten. Er bittet Charlotte, bei ihrem Vater und Mr. Brand ein gutes Wort fĂŒr ihn einzulegen. Als Felix drei Tage spĂ€ter seinen Onkel aufsucht, sitzt auch Charlotte im Zimmer. Von Anfang an versucht er, dem vĂ€terlichen Widerstand mit entwaffnender Ehrlichkeit zu begegnen: Ja, er sei es eigentlich nicht wert, ein so wunderbares MĂ€dchen zu heiraten. Aber er habe einen Weg gefunden, mit der PortrĂ€tmalerei einen bescheidenen Lebensunterhalt zu verdienen. Gerade als er die Vorteile einer Liebesheirat preist, tritt Gertrude durch die TĂŒr. Sie macht ihrem Vater unmissverstĂ€ndlich klar, dass sie ihren Cousin heiraten und mit ihm die Welt kennenlernen will. Zu guter Letzt taucht noch Mr. Brand auf und drĂ€ngt Mr. Wentworth einzuwilligen. Er selbst wolle die beiden trauen. Verwirrt gibt sich der alte Mann geschlagen.

Vier Hochzeiten und eine Abreise

Am Abend wĂŒnscht Eugenia ihrer kĂŒnftigen SchwĂ€gerin viel GlĂŒck. Bei der Gelegenheit erfĂ€hrt sie, dass auch Clifford und Lizzie den Bund fĂŒrs Leben eingehen wollen. Mr. Acton versucht ein letztes Mal, sich an Eugenia heranzumachen, doch diese geht nicht darauf ein. Sie möchte unverzĂŒglich nach Deutschland abreisen. Sie will nicht einmal die Hochzeit ihres Bruders abwarten. Die ganze Geschichte kommt ihr plötzlich wie eine billige Komödie vor. Und die VerzichterklĂ€rung habe sie selbstverstĂ€ndlich nicht unterschrieben, bekrĂ€ftigt sie gegenĂŒber Felix. Schließlich geben sich auch Charlotte und Mr. Brand das Jawort, und Robert Acton heiratet nach dem Tod seiner Mutter ein reizendes junges MĂ€dchen.

Zum Text

Aufbau und Stil

Der Roman trug ursprĂŒnglich den Untertitel A Sketch – „eine Skizze“. TatsĂ€chlich handelt es sich eher um eine Reihe von mit leichter Hand gemalten Skizzen als um ein komplexes SittengemĂ€lde mit tiefenscharfen Charakterstudien. In der erzĂ€hlten Zeit der frĂŒhen 1840er-Jahre passiert nicht viel, was die Figuren Profil gewinnen ließe. Sie reden miteinander oder auch aneinander vorbei – Letzteres vor allem, wenn die Besucher aus Europa ihre französischen Phrasen zum Besten geben und damit lautes Schweigen provozieren. Die Dialoge sind subtil ironisch und fein gedrechselt, was die Beteiligten etwas hölzern und leidenschaftslos erscheinen lĂ€sst. Ein allwissender ErzĂ€hler tritt vereinzelt mit seiner Meinung in Erscheinung, außerdem stiftet er mitunter aus wechselnden Perspektiven Verwirrung: So beschreibt er Gertrude anfangs als linkische Bohnenstange und verklĂ€rt sie spĂ€ter aus der Sicht ihres Verehrers Felix als hochgewachsene Grazie. Anders als die unfertig wirkenden Figurenskizzen malt James Architektur, Landschaft und SonnenuntergĂ€nge mit breiten Pinselstrichen und in leuchtenden Farben, die oft auf ominöse Weise vorwegnehmen, was in der Geschichte passiert.

InterpretationsansÀtze

  • Die so komplexe wie komplementĂ€re Beziehung zwischen Europa und Amerika steht im Zentrum des Romans: Die Wentworths sind wohlhabend, aufrichtig und politisch frei – aber auch freudlos, kulturlos und verklemmt. Ihre europĂ€ischen Verwandten sind verarmt, weltklug und, im Fall von Eugenia, verschlagen und voller StandesdĂŒnkel. Eugenia verkörpert das dekadente Europa – und scheitert. Felix hingegen gelingt die Synthese zwischen Alter und Neuer Welt mithilfe seiner Kunst.
  • Kulturelle MissverstĂ€ndnisse und Sprachschwierigkeiten sind ein wichtiges Motiv: Obwohl alle des Englischen mĂ€chtig sind, sprechen sie aneinander vorbei. Die Wentworths sind anderen gegenĂŒber bedingungslos ehrlich, belĂŒgen sich aber hĂ€ufig selbst. Bei den Verwandten aus Europa ist es umgekehrt: Sie flunkern, dass sich die Balken biegen, sind sich aber der eigenen GefĂŒhle besser bewusst.
  • Henry James, ein Meister des Vagen und Unbestimmten, verstrickt Eugenia und ihren reichen Verehrer Mr. Acton in ein Verwirrspiel aus unklaren Motiven: Hat Robert Acton nun Eugenia abgewiesen oder sie ihn? Haben die beiden die Chance ihres Lebens verspielt? Oder einander eine qualvolle Ehe erspart? Diese Fragen bleiben offen.
  • Die Wentworths und Actons fĂŒhren das Leben reicher MĂŒĂŸiggĂ€nger: In der Vergangenheit angehĂ€ufte Vermögen werden verwaltet, aber keine neuen geschaffen. Dies kommt auch in dem sprechenden Namen Wentworth („vergangener Wert“) zum Ausdruck. Ironischerweise betĂ€tigt sich nur der hedonistische Hallodri Felix produktiv: Er verdient als KĂŒnstler sein Geld.
  • Landschaften, HĂ€user, Möbel und KleidungsstĂŒcke sind symbolisch aufgeladen: Das Anwesen der Wentworths steht fĂŒr das puritanische, asketische Arkadien. Die EuropĂ€er dringen mit ihrem Tand in dieses unsinnlich kalte Idyll ein, verfeinern es durch ihre Kunst und Zivilisation und ermuntern seine Bewohner, sich ihren GefĂŒhlen und der Welt zu öffnen.

Historischer Hintergrund

Die Stadt auf einem HĂŒgel

Neuengland im Nordosten der USA gilt oft als Verkörperung des ursprĂŒnglichen Amerika und als Wiege der amerikanischen Demokratie: Die Massachusetts Bay Colony wurde 1629 von englischen Puritanern gegrĂŒndet und von dem Prediger John Winthrop zur berĂŒhmten „Stadt auf einem HĂŒgel“ ausgerufen, die der ganzen Welt als leuchtendes moralisches Vorbild dienen werde. 1773 eskalierte mit der sogenannten Boston Tea Party der Steuerstreit der Kolonie mit dem Mutterland Großbritannien – der Startschuss zum UnabhĂ€ngigkeitskrieg und schließlich zur UnabhĂ€ngigkeitserklĂ€rung drei Jahre spĂ€ter. Die strenge christliche Moral der Puritaner prĂ€gte das Leben in der Region bis ins 19. Jahrhundert: Weltliche VergnĂŒgungen waren des Teufels, ein einfaches, frommes und fleißiges Leben Pflicht. Sogar Weihnachtsfeiern waren lange verpönt – im Bundesstaat Massachusetts wurde Weihnachten erst 1856 ein gesetzlicher Feiertag.

Die pastorale Idylle der GrĂŒndervĂ€ter war da, im Zuge der atemberaubend schnellen Industrialisierung, bereits zum Mythos geworden: 1830 lebten die meisten NeuenglĂ€nder noch als unabhĂ€ngige Farmer auf dem Land, doch nur 50 Jahre spĂ€ter wohnte die Mehrheit in StĂ€dten und verdiente sich als Lohnarbeiter ihren Lebensunterhalt. Der rasche Ausbau von Telegrafen- und Eisenbahnnetzen ließ Entfernungen schrumpfen und erhöhte die wirtschaftliche Effizienz. Neuengland, mit seinem erstklassigen Bildungssystem und hoch entwickelten Bankenwesen, hatte sich zur Lokomotive des Fortschritts gemausert.

Entstehung

Rund 30 Jahre spĂ€ter blickte Henry James in Die EuropĂ€er bereits nostalgisch auf die vermeintlich gute alte Zeit zurĂŒck. Der gebĂŒrtige New Yorker war von klein auf zwischen der Neuen und der Alten Welt hin- und hergependelt und ließ sich 1875 endgĂŒltig in Europa nieder. In Paris begann er noch im selben Jahr mit dem Roman Der Amerikaner, der von den vergeblichen Versuchen eines jungen amerikanischen Industriellen handelt, in den französischen Adel einzuheiraten. Die Fortsetzung kĂŒndigte James als spiegelbildliche Umkehrung dieses Plots an: Ein junger EuropĂ€er sollte nach Amerika reisen und dort die Frauenwelt verzaubern. „Er soll das Bild von der Konversion eines staubigen und trĂŒbseligen hĂ€uslichen Zirkels zum EpikurĂ€ismus geben“, schrieb der Autor an den Herausgeber der Literaturzeitschrift Atlantic Monthly ĂŒber den Roman.

Weshalb aus dem einen EuropĂ€er dann zwei wurden und warum James auch in anderen Punkten von seinem Plan abwich, ist nicht bekannt. Fest steht: Die komplexen Wechselbeziehungen zwischen Amerikanern und EuropĂ€ern waren sein Lebensthema. James verachtete die Dekadenz der EuropĂ€er und bewunderte zugleich ihre kulturellen Leistungen. Zugleich war er stolz auf den Mut der Amerikaner, jene „Stadt auf dem HĂŒgel“ und damit ein besseres Europa zu errichten. Er nutzte den stĂ€ndigen Vergleich mit der Alten Welt, um sich seiner eigenen amerikanischen IdentitĂ€t bewusst zu werden. „Amerikaner zu sein, ist ein schweres Los“, schrieb er 1872 an seinen Freund Charles Eliot Norton, „und eine der Aufgaben, die es mit sich bringt, besteht darin, gegen eine aberglĂ€ubische Bewertung Europas anzukĂ€mpfen.“

Wirkungsgeschichte

Die EuropĂ€er erschien zwischen Juli und Oktober 1878 als Fortsetzungsroman in Atlantic Monthly und kam im September in London als Buch heraus. Viele Kritiker lobten die detaillierte und liebevolle Art, mit der James der typisch neuenglischen Familie ein Denkmal setzte. Sie hoben die feine Charakterzeichnung und die Kunstfertigkeit hervor, eine Geschichte ohne Handlung, nur aus der Konversation heraus zu erzĂ€hlen. Andere, darunter auch Henrys Bruder William James, vermissten an dem Gesellschaftsroman die Substanz: Er sei „dĂŒnn und leer“ befand der renommierte Philosoph und Psychologe, eine EinschĂ€tzung, die Henry schwer traf, der er aber am Ende zustimmte. 30 Jahre spĂ€ter schloss er den Roman sogar von der offiziellen Gesamtausgabe seiner Werke aus. Die EuropĂ€er wurde erst in der zweiten HĂ€lfte des 20. Jahrhunderts wiederentdeckt. Kritiker und Leser schĂ€tzen an dem FrĂŒhwerk die humorvolle Leichtigkeit, mit der James transatlantische Verwicklungen aufs Korn nimmt, und Gustav Seibt wĂŒrdigte den Roman im Nachwort zur NeuĂŒbersetzung als James’„erstes ganz modernes Werk“. Die EuropĂ€er wurde 1979 von James Ivory verfilmt.

Henry James gilt als Vater des psychologischen Romans. Mit seiner Prosa schuf er ein wichtiges Bindeglied zwischen dem Realismus eines HonorĂ© de Balzac oder eines Charles Dickens und modernen Autoren wie Virginia Woolf oder James Joyce. In der Zeit wurde er als „einer der brillantesten Kenner unserer lebenshungrigen Seelen“ geadelt – schon nach der ersten Zeile mache er sĂŒchtig. FĂŒr seine loyalen Fans, vor allem in der englischsprachigen Welt, ist er schlicht und einfach: „The Master“.

Über den Autor

Henry James gilt in der angelsĂ€chsischen Welt als großer Klassiker der Literatur um 1900, als Meister des subtilen psychologischen Romans und Wegbereiter der literarischen Moderne. Am 15. April 1843 in eine großbĂŒrgerliche, wohlhabende und intellektuelle New Yorker Familie hineingeboren, erhĂ€lt er eine umfassende Bildung und lernt schon frĂŒh die Klassiker der Weltliteratur kennen. Sein Vater ist einer der angesehensten amerikanischen Intellektuellen, befreundet mit Denkern wie Thoreau, Emerson und Hawthorne. Henry James’ Bruder William wird Psychologieprofessor in Harvard und BegrĂŒnder des Pragmatismus in der Philosophie. Henry James selbst studiert, nachdem er in seiner Jugend Europa bereist hat, fĂŒr kurze Zeit Jura in Harvard und betĂ€tigt sich bald als Journalist, zunĂ€chst als Kritiker, dann auch als Zeitungskorrespondent in Paris. 1869 siedelt er nach England ĂŒber, wo er sich 1876 endgĂŒltig niederlĂ€sst. Viele seiner berĂŒhmten Romane und ErzĂ€hlungen wie Daisy Miller (1878), Die EuropĂ€er (The Europeans, 1878) oder Die Gesandten (The Ambassadors, 1903) spielen vor dem Hintergrund der Begegnungen vornehmer Amerikaner mit EuropĂ€ern. Der Gegensatz zwischen Alter und Neuer Welt, zwischen europĂ€ischer Kultur und amerikanischer NaivitĂ€t spielt in seinem Werk eine wichtige Rolle. Da James vermögend und somit finanziell unabhĂ€ngig ist, kann er sich ganz dem Schreiben und seinen intellektuellen Interessen widmen. Auch in England steht er in engem Kontakt zu den fĂŒhrenden Geistern seiner Epoche. 1904/05 reist James nach 25 Jahren erstmals wieder in die Vereinigten Staaten, unter anderem um die Ausgabe seiner gesammelten Werke vorzubereiten und zu begleiten, darunter sein meistgelesenes Buch, die Gespenstergeschichte Das Durchdrehen der Schraube (The Turn of the Screw, 1898). 1915 erwirbt James die englische StaatsbĂŒrgerschaft. Er stirbt am 28. Februar 1916 im Londoner Stadtteil Chelsea.

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