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Graham Greene
Die Reisen mit meiner Tante
dtv, 2016
¿De qué se trata?
Wer richtig altert, bleibt ewig frisch â Greenes alte Tante triumphiert ĂŒber die Jugend.
- Roman
- Moderne
Worum es geht
Das Geheimnis eines langen Lebens
Alt werden will jeder, alt sein niemand â das ist gĂ€ngige Auffassung. Was aber, wenn man plötzlich feststellt, dass man alt an Jahren ist, dafĂŒr aber viel zu wenig erlebt hat? Graham Greene zeigt das Alter nicht als Mangel, sondern als FĂŒlle. Wer viel erlebt hat, hat auch viel gelebt. Auf diese Art wird das Alter umgedeutet. Nicht die kurze Zeit, die noch bleibt, steht im Zentrum der Ăberlegungen, sondern der Schatz des Erlebten, der sich ansammelt. Umgekehrt ist das Jungsein â im Sinne eines Mangels an Erlebtem â nicht erstrebenswert. Romanheld Henry Pulling, relativ alt an Jahren, doch jung an Erfahrungen, beginnt neu zu leben mit einer alten Tante. Er erlebt eine Wiedergeburt und beginnt, richtig zu altern, also mit vielen neuen Erfahrungen. Die Botschaften von Greenes untypisch heiterem Roman: 1. Es ist nie zu spĂ€t fĂŒr einen Neuanfang. 2. Altern ist gut. Und das ist tröstlich.
Take-aways
- Die Reisen mit meiner Tante ist Graham Greenes einziger durchweg heiterer Roman.
- Inhalt: Als Henry Pulling seine Tante Augusta kennenlernt, gerĂ€t sein Leben aus den Fugen. Aus dem langweiligen Ex-Bankdirektor wird erst ein Reisender und dann ein Komplize fĂŒr dubiose GeschĂ€fte. In Paraguay, der Endstation seiner Reisen, erkennt er schlieĂlich: Die 75-jĂ€hrige Lebedame Augusta ist in Wirklichkeit seine Mutter.
- Das Buch ist ein negativer Bildungsroman mit einer RĂŒckwĂ€rtsentwicklung des ErzĂ€hlers vom abgeklĂ€rten Erwachsenen zum aufgeweckten Kind.
- Zentrales Thema ist das Alter: Nur wer viel erlebt, gewinnt ein hohes Alter â unabhĂ€ngig von der Anzahl der verlebten Jahre.
- Greene bezeichnete das Werk als âdas einzige Buch, das ich einfach aus SpaĂ geschrieben habeâ.
- Es gilt unter Kritikern und Literaturwissenschaftlern als bewusste Selbstparodie des Autors und als Rekapitulation frĂŒherer RomanschauplĂ€tze.
- Der Ton ist geprÀgt durch britisches Understatement und sehr viel Figurenrede.
- Greene verarbeitete in dem Roman sehr viel Biografisches und baute zahlreiche Verweise auf Personen ein, die er kannte.
- Der Katholizismus, ein wiederkehrendes Motiv in Greenes BĂŒchern, tritt auch hier sehr prominent in den Vordergrund.
- Zitat: âMeine Tante hatte offensichtlich viele Jahre im Ausland verbracht, und das hatte ihren Charakter ebenso wie ihre Moral in Mitleidenschaft gezogen.â
Zusammenfassung
Die Mutter ist tot, es lebe die Tante
Der seit zwei Jahren pensionierte Bankfilialleiter Henry Pulling ist unverheiratet und zĂŒchtet Dahlien. Auf der Beisetzung seiner Mutter in London trifft er deren Schwester, seine 74-jĂ€hrige, rothaarige, elegant gekleidete Tante Augusta. Begegnet sind sich die beiden zuletzt bei Henrys Taufe vor ĂŒber 50 Jahren. Nach der EinĂ€scherung kommen Augusta und Henry ins GesprĂ€ch. Tante Augusta nimmt Henry samt der Urne ihrer Schwester mit zu sich. Bereits auf der Taxifahrt eröffnet sie ihrem Neffen, dass die eingeĂ€scherte Frau nicht seine wahre Mutter gewesen sei. Augustas Schwester sei eine Heilige gewesen und unberĂŒhrt gestorben. Henrys Vater, der bereits vor 40 Jahren starb, habe ein MĂ€dchen geschwĂ€ngert, und ihre Schwester habe ihn geheiratet und alles vertuscht.
âIch begegnete meiner Tante Augusta zum ersten Mal nach mehr als einem halben Jahrhundert beim BegrĂ€bnis meiner Mutter. (âŠ) Ich hatte nie geheiratet, hatte immer ein ruhiges Leben gefĂŒhrt und, abgesehen von meinem Interesse fĂŒr Dahlien, kein Steckenpferd. Deshalb fĂŒhlte ich mich von der Beisetzung meiner Mutter auf angenehme Weise erregt.â (S. 9)
Henrys Tante wohnt ĂŒber einer Bar, ihre Wohnung ist voll von venezianischem Glaskunsthandwerk, und sie lebt zusammen mit ihrem groĂen, schwarzen Liebhaber Wordsworth. Bei einem Glas Whisky erzĂ€hlt die Tante, sie sei einst bei der EinĂ€scherung der Frau eines berĂŒhmten Schriftstellers gewesen, wo sie irrtĂŒmlich und vorzeitig den Sarg in den Ofen befördert habe. Henry bezweifelt die ErzĂ€hlung der Tante, auĂerdem wundert er sich ĂŒber Wordsworths derbe Ausdrucksweise. SchlieĂlich geht er. Erst drauĂen bemerkt er, dass er die Urne vergessen hat. Er klingelt, und Wordsworth bringt ihm die Urne herunter â mit geöffnetem Siegel.
Ein Hauch von Anarchismus
Die einzige Gelegenheit, zu heiraten hatte Henry verstreichen lassen, als er Miss Keene, die Tochter seines besten ehemaligen Bankkunden, nach SĂŒdafrika auswandern lieĂ, ohne ihr den Antrag zu machen, den sie sich möglicherweise erhoffte. Jetzt bleiben ihm die Dahlien. Henry ist gerade im Garten, als das Telefon klingelt: Es ist Tante Augusta. Die Polizei habe bei ihr eine Razzia durchgefĂŒhrt, nach Drogen gefragt und sei nun auf dem Weg zu ihm. Kurz darauf klingelt es an Henrys TĂŒr. Ein Polizist fragt Henry nach Wordsworth, in dessen Sachen sich Spuren von Marihuana fanden, und nach einem Paket, das Henry von Wordsworth entgegengenommen habe. Nach einigem Zaudern ĂŒberlĂ€sst Henry der Polizei die Urne zur Untersuchung. Er informiert seine Tante und erfĂ€hrt von ihr, dass Wordsworth abgereist sei, vermutlich nach Paris. Henry verabredet einen Ausflug mit ihr nach Brighton. Dort angekommen, erhofft er sich einen ruhigen Aufenthalt, doch Tante Augusta hat andere PlĂ€ne. Die beiden besuchen Hatty, eine alte Freundin der Tante, mit der sie frĂŒher fĂŒr einen Mann namens Curran gearbeitet hat. Die Freundin ist Wahrsagerin und prophezeit beiden groĂe Reisen. Henry erfĂ€hrt, dass seine Tante mit Curran, der ihr Geliebter war, in Brighton eine Kirche fĂŒr Hunde betrieben hat.
âOhne meine Zustimmung abzuwarten, hielt sie ein Taxi an. Es war die erste und, wenn ich heute daran zurĂŒckdenke, wohl denkwĂŒrdigste der Reisen, die wir gemeinsam unternehmen sollten.â (ĂŒber Tante Augusta, S. 14)
Wieder zu Hause in London erfĂ€hrt Henry von der Polizei, dass die Urne seiner Mutter voll mit Marihuana war. Er reagiert am Telefon ungehalten und entdeckt zum ersten Mal eine âanarchistische Aderâ an sich. Als Henry seine Tante besucht, teilt diese ihm mit, dass sie zwei PlĂ€tze im Orientexpress reserviert habe und ihn in der folgenden Woche nach Istanbul mitnehmen wolle. Henry erfĂ€hrt von der unsteten Lebensweise seines Vaters und von der Existenz seines â ihm bis dahin völlig unbekannten â Onkels. Dieser hat nach einem Schlaganfall sein letztes Lebensjahr in einem halb verfallenen Palazzo in Italien verbracht, den Tante Augusta ihm besorgt hat. Dort ist er jede Woche in ein anderes Zimmer umgezogen, um sich dem Eindruck des stĂ€ndigen Reisens und eines langen Lebens hinzugeben. Bevor er den letzten Raum, die Toilette, erreichte, starb er nach einem zweiten Schlaganfall â auf dem Flur oder, wie er meinte, auf der Reise.
Die Reise beginnt
Henry und seine Tante reisen zunĂ€chst mit dem Flugzeug nach Paris. Dabei schmuggelt Tante Augusta einen Koffer voller Geldscheine mit findigen Tricks durch den Zoll. Henry begegnet auf einem Spaziergang in Paris Wordsworth, der ihn gegen seinen Willen in ein Bordell mitschleppt. Obwohl er wegen der Sache mit der Urne noch wĂŒtend auf Wordsworth ist, empfindet Henry MitgefĂŒhl fĂŒr ihn, als er ihn auf der StraĂe stehen lĂ€sst. ZurĂŒck im Hotel erfĂ€hrt Henry mehr ĂŒber das Liebesleben seiner Tante. Genau in dem Hotel, in dem die beiden sich niedergelassen haben, verbrachte die Tante einst sechs der schönsten Monate ihres Lebens, als Geliebte eines gewissen Monsieur Dambreuse. Dieser hatte noch eine weitere Geliebte im Hotel nebenan. Die Liebschaft endete, als Dambreuse eines Tages mit Frau und Kindern in den Park zwischen den Hotels kam und beide Geliebte ihn dort trafen. Paris war auch der Ort, an dem Tante Augusta von Mr. Visconti âentdecktâ und spĂ€ter auf âEuropatourneeâ mitgenommen wurde.
âEin langes Leben hat nichts mit der Anzahl der Jahre zu tun. Ein Mensch ohne Erinnerungen kann hundert werden und doch das GefĂŒhl haben, dass sein Leben sehr kurz war.â (Tante Augusta, S. 69)
Bei der Abreise aus Paris kommt Wordsworth zum Bahnsteig und verabschiedet sich trĂ€nenreich von seinem âBabygirlâ Augusta, wĂ€hrend Henry im Abteil seiner Tante die etwa 18-jĂ€hrige Tooley kennenlernt. Der Orientexpress ist nicht mehr so, wie ihn Augusta frĂŒher erlebt hat. Kein Speisewagen bis zur tĂŒrkischen Grenze, kein Gelage mit Champagner und Kaviar wie einst mit Mr. Visconti. Tooley, deren Vater angeblich fĂŒr die CIA arbeitet und die im Nachbarabteil bis Istanbul und danach weiter nach Katmandu reisen will, bietet Schokolade und Cola an. Sie versorgt Henry auch mit Zigaretten, die sich als Marihuanajoints entpuppen â ein Geschenk von Wordsworth an Tooley. Die beiden haben sich in Paris kennengelernt. Tooley erzĂ€hlt von ihrem Freund Julian, der per Anhalter nach Istanbul reist. Dieser sei verĂ€rgert, dass Tooley die Pille vergessen habe. Sie selbst befĂŒrchtet, schwanger zu sein, und hat bereits versucht, diesen Zustand durch Hausmittel und eine AffĂ€re zu beenden.
Von Mailand nach Istanbul
Beim Zwischenstopp in Mailand trifft Augusta den Sohn von Mr. Visconti, Mario. Nach einem gemeinsamen Essen steckt er Augusta ein Paket zu. Im Zug erzĂ€hlt sie Henry von ihrer Zeit mit Visconti. Sie arbeitete in einem Bordell, als er sie traf. Die folgende âTourneeâ durch Italien endete erst mit der Erbschaft, die Henrys Onkel Augusta hinterlieĂ. Visconti, ein Schwindler, nahm Augusta fĂŒr seine zwielichtigen GeschĂ€fte fast das ganze Erbe ab. Doch Augusta war nie wĂŒtend auf Visconti, wie Henry es gewesen wĂ€re. Henrys UnverstĂ€ndnis und bĂŒrgerliches EhrgefĂŒhl verĂ€rgern Augusta. Viscontis Geldbetrug sei nur ein Makel unter vielen gewesen, erklĂ€rt Augusta ihrem Neffen. Auch als Kollaborateur der Deutschen und als Erpresser italienischer Kunstsammler sei er in Aktion getreten. Visconti, so erfĂ€hrt Henry jetzt, ist der Grund fĂŒr die Fahrt nach Istanbul. Er stecke in Schwierigkeiten. Nun mĂŒsse die Tante eine âkleine Transaktionâ tĂ€tigen mit einem alten Bekannten, General Abdul. Im mittlerweile angehĂ€ngten Speisewagen erfahren Tante und Neffe von Tooley, dass sie doch nicht schwanger ist. Noch bevor der Zug in Istanbul eintrifft, schlieĂt sie sich einer Gruppe amerikanischer Studenten an und verschwindet.
âMeine Tante hatte offensichtlich viele Jahre im Ausland verbracht, und das hatte ihren Charakter ebenso wie ihre Moral in Mitleidenschaft gezogen.â (S. 93)
In Istanbul lĂ€sst sich Henry von einem Taxifahrer durch die Stadt kutschieren. In einer Hotelbar beobachtet er melancholisch eine Runde MĂ€nner beim Tanz. Als er zurĂŒck im eigenen Hotel ist, lĂ€sst sich ein Oberst Hakim bei seiner Tante melden. Er ist Polizist und befragt Augusta nach geplanten FinanzgeschĂ€ften zwischen ihr und General Abdul. Abdul habe einen politischen Aufruhr mit auslĂ€ndischem Geld geplant und befinde sich nun im GefĂ€ngnis. Augusta redet sich gekonnt heraus. Auch die anschlieĂende Durchsuchung ihrer Sachen und des Zimmers ergibt nichts. Als die Polizei abgerĂŒckt ist, erkennt Henry, dass in einer Kerze ein geschmuggelter Goldbarren versteckt ist, den Augusta Abdul ĂŒbergeben wollte.
Von London nach SĂŒdamerika
Wieder zurĂŒck in London entdeckt Henry in einem Buch seines Vaters ein altes Foto der jungen Augusta. Er ist in melancholischer Stimmung und ruft seine Tante an. Diese teilt ihm mit, dass sein Vater in Boulogne beerdigt ist, und stimmt einem kurzen Ausflug mit Henry dorthin zu. Auf dem Friedhof in Boulogne lernen die beiden die Frau kennen, in deren Armen Henrys Vater vor 40 Jahren gestorben ist. Sie lernte Henrys Vater in London kennen, machte mit ihm eine Reise nach Frankreich und wurde Zeugin, wie er nach einer Lebensmittelvergiftung auf ihrer Zimmerschwelle starb. Seitdem pflegt sie sein Grab. Henry reist aus Boulogne zurĂŒck nach London, seine Tante weiter nach Paris. Zuvor hat er sie ein wenig verĂ€rgert, weil er eine ihrer Geschichten ĂŒber einen gewissen Mr. Pottifer nicht hören wollte. Henry verbringt ein einsames Weihnachtsfest. In der Mitternachtsmesse trifft er den Polizisten wieder, der ihm die Urne abgenommen hat. Er untersucht zusammen mit einem Inspektor im Auftrag von Interpol den Fall Visconti und kĂŒndigt eine Hausdurchsuchung bei der abwesenden Tante an. Dabei erfĂ€hrt Henry, dass General Abdul tot ist und sich bei ihm ein Hinweis auf Tante Augusta fand. Doch das Einzige, was die Polizisten finden, ist eine Postkarte aus Panama.
âIch fĂŒhlte mich, als ziehe sie mich hinter sich her auf eine absurde Abenteuerfahrt, wie Sancho Pansa auf den Fersen Don Quijotes, aber im Dienst des SpaĂes, wie sie das nannte, statt des Rittertums.â (ĂŒber Tante Augusta, S. 109)
Ein halbes Jahr hört Henry nichts von seiner Tante und ist kurz davor, Miss Keene um ihre RĂŒckkehr nach England und ihre Hand zu bitten, da kommt ein Brief von Augusta. Sie beauftragt Henry, ihre Wohnung aufzulösen und nach Buenos Aires zu kommen â ein First-Class-Ticket liegt bei. Henry macht sich auf den Weg nach Argentinien. Von dort geht es weiter nach Paraguay. An Bord eines Schiffes nach AsunciĂłn lernt er einen Amerikaner namens OâToole kennen, angeblich Sozialforscher. Es stellt sich heraus, dass er der Vater von Tooley ist. Beim Landgang in Formosa trifft Henry ĂŒberraschend auf Wordsworth, der ebenfalls an Bord geht. Wordsworth hat den Auftrag, ein Bild entgegenzunehmen, das Henry aus der Wohnung seiner Tante mitgebracht hat. Wordsworth ist eifersĂŒchtig auf einen Kerl, der jetzt zusammen mit Tante Augusta in AsunciĂłn lebt. Henry vermutet richtig: Es ist Visconti. Als er die groĂe, aber baufĂ€llige Villa seiner Tante erreicht, ist Visconti nicht da. Augusta bestĂ€tigt, dass OâToole erstens CIA-Agent und zweitens wegen Kunstschmuggels hinter Visconti her ist. AuĂerdem schickt sie den traurigen Wordsworth zurĂŒck nach Europa.
Ein Deal
Am Nationalfeiertag von Paraguay begeht Henry einen groĂen Fehler. Er schnĂ€uzt sich in einen Schal, der die Farben der Regierungspartei trĂ€gt â genau vor der Parteizentrale. Prompt landet er im GefĂ€ngnis und muss eine sehr schlechte Behandlung ĂŒber sich ergehen lassen, bis er den Namen OâToole nennt. Man holt den Amerikaner, und dieser sorgt fĂŒr Henrys Entlassung. AuĂerdem bringt er Licht in die Angelegenheit Visconti. Henry erfĂ€hrt, dass Wordsworth den unter falschem Namen lebenden Visconti verraten hat. OâToole bringt Henry zu Augusta. Visconti ist bereits dort. Aber er entspricht ganz und gar nicht Henrys Vorstellungen: klein, dick und kahl. Dennoch liebt Augusta ihn offensichtlich. Sie lĂ€sst sich sogar hĂ€usliche Anweisungen von ihm erteilen. Visconti und OâToole machen einen Deal: Visconti darf weiterhin Whisky und Zigaretten schmuggeln und im Gegenzug erhĂ€lt OâToole fĂŒr 10 000 Dollar eine Zeichnung, die hinter dem Bild versteckt ist, das Henry Wordsworth ĂŒbergeben hat. Die Zeichnung stellt eine Art Bagger dar, entworfen und gefertigt von Leonardo da Vinci.
âIch verachte niemanden (âŠ), niemanden. Man kann bereuen, was man getan hat, wenn man dieses Baden in Selbstmitleid mag, aber verachten darf man niemals, niemals.â (Tante Augusta, S. 141)
Sobald OâToole mit dem Bild verschwunden ist, eröffnet Visconti Henry und Tante Augusta, dass es sich dabei nur um eine Kopie handelt. Obwohl OâToole Henry die RĂŒckreise nach England empfohlen hat, fordert Visconti ihn zum Bleiben auf â der Polizeichef habe eine hĂŒbsche Tochter. Henry sieht jetzt die Gelegenheit gekommen, sich die Geschichte aus Boulogne ĂŒber Mr. Pottifer anzuhören. Und Tante Augusta erzĂ€hlt: Pottifer, ein Steuerberater, der fĂŒr Augusta frĂŒher clevere Schlupflöcher entdeckt hat, habe eine Möglichkeit gefunden, sein Leben zu verlĂ€ngern. Er habe in seinem Testament verfĂŒgt, einen Anrufbeantworter ĂŒber seinen Tod hinaus laufen zu lassen â zum einen, um das ihm verhasste Finanzamt zu foppen, zum anderen, um lĂ€nger zu leben. Henry spricht mit seiner Tante ĂŒber die GrĂŒnde, die ihn nach London zurĂŒckziehen. Er findet keinen einzigen, der stichhaltig wĂ€re.
Ein neues Zuhause
Zur Party am nĂ€chsten Tag finden sich alle Honoratioren der Stadt ein. Schmuggler und Polizei, Hochfinanz und Botschafter feiern das Ende von Viscontis Verfolgung. Auch OâToole ist dabei. Er vermisst seine Tochter. Henry vermisst Wordsworth. Als er gegen Ende des rauschenden Festes, auf dem er auch die 14-jĂ€hrige Tochter des Zollinspektors kennenlernt, im Garten aufwacht, macht er eine Entdeckung. Wordsworths Messer liegt im Dunkeln auf dem Boden. Wenig spĂ€ter findet Henry auch den Besitzer: Wordsworth wurde im Garten getötet. Henry ist betrĂŒbt. Hat Wordsworth Visconti ermorden wollen? Oder wurde er Opfer eines Irrtums? Die Leidenschaft von Wordsworth fĂŒr seine Tante rĂŒhrt Henry. Er geht ins Haus, findet einzig noch Visconti und Augusta beim Tanz und meldet den Tod von Wordsworth. Als sie nicht auf seine Worte reagieren, spricht er, einer Eingebung folgend, seine Tante Augusta als âMutterâ an â und sie antwortet: âJa, Lieber, alles zu seiner Zeit, siehst du nicht, dass ich gerade mit Mr. Visconti tanze?â
âUnd dann dachte ich an Mr. Visconti, wie er mit meiner Tante im Empfangssalon des Bordells (âŠ) tanzte, nachdem er den Vatikan und den König von Saudi-Arabien beschwindelt und eine breite Spur der VerwĂŒstung in den Banken Italiens hinterlassen hatte. War das Geheimnis ewiger Jugend nur kriminellen GemĂŒtern bekannt?â (S. 218)
Henrys Entscheidung ist gefallen. Er bleibt. Gemeinsam mit seiner Mutter und Visconti steigt er in das SchmuggelgeschĂ€ft ein. Ihnen gehört bereits ein eigenes Flugzeug, und die kompromittierenden Fotos von der Party helfen, falls polizeiliche Fragen auftauchen sollten. Auch fĂŒr die Zukunft sind bereits PlĂ€ne gemacht: Im nĂ€chsten Jahr wird Henry die Tochter des Zollinspektors heiraten â eine lohnende Verbindung. Sie sind zwar sehr unterschiedlich alt, aber sie teilen eine Begeisterung fĂŒr viktorianische Literatur.
Zum Text
Aufbau und Stil
Die Reisen mit meiner Tante ist ein Roman in zwei Teilen. Der erste, mit 20 Kapiteln lĂ€ngere Teil spielt in Europa, der aus nur neun Kapiteln bestehende zweite in SĂŒdamerika. Der Roman wird aus der Ich-Perspektive der Figur Henry Pulling rĂŒckblickend erzĂ€hlt. Am Ende des Romans erreicht die erzĂ€hlte Zeit den ErzĂ€hlzeitpunkt, der Text wechselt von der Vergangenheitsform ins PrĂ€sens. Ăber weite Strecken besteht der Text aus Reflexionen des ErzĂ€hlers und direkter Figurenrede. Letzteres sind vor allem von Tante Augusta erzĂ€hlte Anekdoten. Der Ton ist ein einfacher, weitgehend heiterer Plauderton mit Sprachwitz und Understatement. Mitunter mischen sich in die Dialoge Passagen mit explizit derber Sprache. Die Figur Wordsworth spricht in kindlich-naivem, grammatisch falschem Ton. Dialoge bestehen oft nur aus wörtlicher Rede, ohne ZusĂ€tze wie âsagte erâ oder âerwiderte sieâ. Eine ganze Reihe von englischen Dichtern wird im Text genannt und auch zitiert, einzelne Verse werden zur Illustration oder als Kontrast fĂŒr die Handlung eingewoben. In einigen FĂ€llen werden fremdsprachige, vor allem französische RedebeitrĂ€ge von Figuren nicht ĂŒbersetzt.
InterpretationsansÀtze
- Die Reisen mit meiner Tante ist ein negativer Bildungsroman. Henry Pulling erlebt seine RĂŒckkehr in die Kindheit. Er entkommt der langweiligen Erwachsenenwelt, reprĂ€sentiert durch seine verstorbene Stiefmutter, indem er zum Sohn seiner vermeintlichen Tante wird. Augusta hat ihre eigenen Regeln aufgestellt, gesellschaftliche Konventionen missachtet sie. Fantasie schlĂ€gt Konvention, kindliche Anarchie besiegt erwachsene Ordnung.
- Der Roman trĂ€gt ZĂŒge des MĂ€rchens. Der verlorene Sohn, der nach Jahren der Abwesenheit nach Hause zurĂŒckfindet, ist ein hĂ€ufiges MĂ€rchenmotiv. Das Thema MĂ€rchen wird auch durch die Nennung zum Beispiel der bösen Fee aus Dornröschen oder den Vergleich von Augustas Haaren mit Rapunzels Haarpracht unterstrichen.
- Das Thema Alter spielte eine wichtige Rolle. Alter erscheint als eine Frage der LebensfĂŒlle. Nicht die Anzahl der gelebten Jahre bezeichnet das Alter des Menschen, sondern seine Menge an erzĂ€hlbaren EindrĂŒcken und Erfahrungen. Leben definiert sich durch Abwechslung, Gleichförmigkeit verhindert Leben. So gesehen ist Henry mit Mitte 50 noch ein Kind, als er Augusta kennenlernt.
- Sprache erzeugt und bewahrt Leben. Augustas ErzĂ€hlungen machen etwa ein Drittel des Gesamttextes aus. Sie lebt durch Kommunikation. Ihre Schwester Angelica, Henrys Stiefmutter, ist das Gegenteil. Ihre Welt ist das Schweigen. Eine Anekdote im Text verdeutlicht den lebensbewahrenden Aspekt der Sprache: Viscontis Komplize wird irrtĂŒmlich von der paraguayischen Polizei erschossen, weil er sich nicht in der Landessprache verstĂ€ndigen kann.
- Katholizismus und ein ausschweifendes Leben sind im Roman kein Widerspruch: Tante Augustas Konfession wird im Roman sehr oft thematisiert, allerdings nie als Hindernis fĂŒr ihren Lebensstil gesehen. Es ist im Gegenteil Henrys protestantische PrĂ€gung, die diesen bislang vom wahren Leben ferngehalten hat.
- Der Roman ist auch eine Satire auf sĂŒdamerikanische Despoten: Paraguays FĂŒhrungsriege wird als durch und durch korrupte Sippe geschildert und lĂ€cherlich gemacht.
- Graham Greene spielt im Roman mit seiner eigenen Biografie und macht seinen Protagonisten Henry zu seinem Alter Ego. Greenes zweiter Vorname war Henry.
Historischer Hintergrund
1968: Protest und Drogen
Ende der 1960er-Jahre erfasste eine kulturpolitische Revolution die gesamte westliche Welt. âSex, Drugs and Rock ânâ Rollâ bestimmten das Bild der groĂstĂ€dtischen Jugendkultur. Studenten- und Arbeiterbewegung solidarisierten sich in ihrem Protest gegen Vietnamkrieg und ungerechte Arbeitsbedingungen. Frankreich und England traf die 68er-Bewegung neben den USA am heftigsten. In London entlud sich am 17. MĂ€rz 1968 die aufgestaute Energie der Jugend in einer StraĂenschlacht, die als âGrosvenor Square Riotâ in die Geschichte einging. Vom Trafalgar Square aus marschierten viele Tausend zumeist jugendliche Demonstranten in Richtung der amerikanischen Botschaft im wohlhabenden Londoner Stadtteil Mayfair, wo Schauspielerin Vanessa Redgrave einen Protestbrief gegen den Vietnamkrieg ablieferte. Dann eskalierte die Situation am Grosvenor Square: Fast 100 Menschen wurden beim gewaltsamen Einsatz der Polizei verletzt, einige schwer, 200 Demonstranten wurden festgenommen. Noch schlimmer traf es Paris im Mai 1968. Rund drei Wochen lang zogen sich Besetzungen von Hochschulen, StraĂenschlachten, Barrikadenbau und Streiks im âPariser Maiâ hin. Viele Hundert Verletzte und ĂŒber 1000 Festnahmen waren die Folge. Die Rolling Stones setzten beiden Ereignissen ein Denkmal mit ihrem ebenfalls 1968 veröffentlichten Song Street Fighting Man.
Konservative Kreise in den USA und in Europa brachten die Gewaltexzesse immer wieder in Verbindung mit dem Konsum von Drogen; insbesondere Cannabis wurde fĂŒr Aggression verantwortlich gemacht. Der britische Wootton-Report, veröffentlicht im Januar 1969, rĂ€umte mit dieser EinschĂ€tzung auf. Der Report empfahl unter anderem, die Strafen fĂŒr Haschisch- und Marihuanakonsum deutlich zu mildern. Der britische Innenminister lehnte dies zunĂ€chst ab, doch ein Jahr spĂ€ter wurde das Gesetz im Sinne der Empfehlungen geĂ€ndert.
Entstehung
Graham Greene wurde im Jahr 1966 Opfer eines Finanzbetrugs. Er verlieĂ England und zog ins französische Antibes, um zusĂ€tzlichen Forderungen des britischen Fiskus zu entgehen und auch um seiner LebensgefĂ€hrtin Yvonne Cloetta nĂ€her zu sein. Seine lebenslange ReisetĂ€tigkeit behielt Greene aber auch von hier aus bei. Er bereiste im Vorfeld der Entstehung von Die Reisen mit meiner Tante unter anderem das westafrikanische Sierra Leone, die Heimat seiner Figur Wordsworth. Greene, der zeitlebens mit depressiven und manischen Phasen zu kĂ€mpfen hatte, begann Die Reisen mit meiner Tante offenbar in einer manischen Phase, nach eigener Aussage ohne Konzept und ohne Absicht, aus der Anfangsszene einen ganzen Roman zu machen. Obwohl er das Buch im Alter von 65 Jahren verfasste und die Themen Alter und Tod in den Vordergrund rĂŒckte, zieht sich ein heiterer, fĂŒr Greene eher untypischer Ton durch die gesamte ErzĂ€hlung. Er selbst bezeichnete den Roman als âdas einzige Buch, das ich einfach aus SpaĂ geschrieben habeâ. Greene verwendete VersatzstĂŒcke seiner eigenen Biografie und entwickelte einige Figuren aus Bekanntschaften, die er wĂ€hrend seiner weitlĂ€ufigen Reisen gemacht hatte.
Wirkungsgeschichte
Die Reisen meiner Tante gehört nicht zu Greenes bekanntesten Werken. Nach dem Erscheinen 1969 urteilte die New York Times ĂŒber Greenes Roman, er sei als absichtliche Selbstparodie âextremely entertaining and often very funnyâ. Der Spiegel entdeckte âinmitten seiner locker angelegten GaunerspĂ€Ăe manche Altersweisheitâ, und der Guardian befand, Greene ĂŒbertreibe seine römisch-katholischen BezĂŒge, sein Buch sei aber dennoch âa fun readâ. Kritik und Literaturwissenschaft betonten den Charakter des Romans als amĂŒsante Zusammenfassung von Greenes bisherigem Schaffen. Die SchauplĂ€tze waren Greenes Lesern aus vorherigen Romanen und ErzĂ€hlungen bereits bekannt. 1972 verfilmte George Cukor den Roman mit Maggie Smith als Tante Augusta. Seine Adaption erhielt 1973 den Oskar fĂŒr die besten KostĂŒme. Was die QualitĂ€t angeht, ist sich die Kritik allerdings weitgehend einig, dass die Verfilmung nicht an Greenes Buch herankommt. Die mitunter kammerspielartige AtmosphĂ€re der ErzĂ€hlung eignete sich dagegen bestens fĂŒr eine BĂŒhnenadaption. Der schottische Dramatiker Giles Havergal lieferte sie 1989 und erhielt zwei Theaterpreise. Bis heute fĂŒhren viele kleinere und gröĂere Theater in ganz GroĂbritannien und auch in den USA diese BĂŒhnenfassung auf. 2007 inszenierte die BBC den Roman als Hörspiel fĂŒrs Radio, 2016 entstand eine Musicalversion.
Ăber den Autor
Graham Greene wird am 2. Oktober 1904 in Berkhamsted (Hertfordshire) in England geboren. Als Kind ist Greene ein schĂŒchterner Junge, der sich schnell einigelt und von Gleichaltrigen abwendet. Dass sein Vater Schuldirektor ist, macht ihm den Kontakt zu anderen Kindern nicht einfacher. So wird Greene zum EinzelgĂ€nger und AuĂenseiter, der sich immer öfter in die fantastische Welt der Literatur flĂŒchtet. Die Schule wird fĂŒr ihn zur Qual: Sein Hass darauf wird so stark, dass er sogar Selbstmordversuche unternimmt und seine Eltern mit 15 Jahren mit dem Entschluss konfrontiert, die Schule nicht mehr zu besuchen. Die Eltern schicken ihn zu einem Therapeuten nach London, der Greene dazu ermutigt, zu schreiben. Greene beginnt ein Geschichtsstudium am Balliol College in Oxford, das er nach eigenen Angaben âbetrunken und schuldengeplagtâ 1925 beendet. Es folgen mehrere Anstellungen bei unterschiedlichen Redaktionen, unter anderem beim Nottingham Journal, wo er seine spĂ€tere Frau Vivien Dayrell-Browning kennenlernt. In diese Zeit fĂ€llt auch seine Konversion zur katholischen Kirche, die sein weiteres Werk entscheidend beeinflussen wird. Eine Anstellung bei der Times fĂŒhrt ihn nach London. Sein erster veröffentlichter Roman Zwiespalt der Seele (The Man Within, 1929) wird so erfolgreich, dass sich Greene fortan ganz auf die Schriftstellerei konzentriert. Um neues Material zu finden und seine Abenteuerlust zu befriedigen, begibt er sich auf gröĂere Reisen: Seinen Aufenthalt in Schweden verarbeitet er in dem Buch Ein Sohn Englands (England Made Me, 1935); Der Weg nach Afrika (Journey Without Maps, 1936) resultiert aus seiner Reise durch Liberia; seine Arbeit fĂŒr den britischen Auslandsgeheimdienst MI6 in Sierra Leone findet Niederschlag in Das Herz aller Dinge (The Heart of the Matter, 1948); und die Erlebnisse in Mexiko flieĂen in Die Kraft und die Herrlichkeit (The Power and the Glory, 1940) ein. Viele von Greenes Romanen werden verfilmt, Der dritte Mann (The Third Man, 1950) wird sogar direkt fĂŒr die Verfilmung geschrieben. Greene stirbt am 3. April 1991 in Vevey in der Schweiz.
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