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Psychologische Typen

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Psychologische Typen

Patmos,

15 min. de leitura
10 Ideias Fundamentais
Texto disponĂ­vel

Sobre o que Ă©?

„Du extravertierter Leichtmatrose!“ – „Du introvertierter DickschĂ€del!“ – gebildeter streiten mit C. G. Jung.


Literatur­klassiker

  • Psychologie
  • Moderne

Worum es geht

Zweierlei Wahrheit

1921, sechs Jahre bevor der Physiker Werner Heisenberg eine Grenze des Messbaren aufzeigte und zehn Jahre bevor Kurt Gödel eine Grenze des Beweisbaren postulierte, erschien das Buch Psychologische Typen des Schweizer Psychiaters C. G. Jung. Auch Jung wies auf eine Grenze hin: auf die UnfĂ€higkeit der Menschen, sich ĂŒber psychologische Unterschiede hinweg im tieferen Sinne zu verstehen. Das Thema lag wohl in der Luft; Jung war nicht der Einzige, der an einer solchen Typologie arbeitete. Einem Freund, mit dem er Ideen dazu austauschte, schrieb er von „zweierlei Wahrheit“. Gemeint war der kategoriale Gegensatz des extravertierten und des introvertierten Typus. Zwischen diesen, meinte Jung, liege ein Abgrund, der zwar nicht ĂŒberbrĂŒckt, dessen Existenz aber doch berĂŒcksichtigt werden könne, um zu einem indirekten VerstĂ€ndnis des jeweils anderen zu gelangen – oder doch immerhin zur Anerkennung seiner EbenbĂŒrtigkeit.

Take-aways

  • Mit der Abhandlung Psychologische Typen etablierte sich Carl Gustav Jung als eigenstĂ€ndiger psychologischer Denker und Freud-Gegner.
  • Inhalt: Zwischen dem extravertierten und dem introvertierten Menschentyp besteht ein kategorialer Gegensatz, was die Einstellung zu sich selbst und zur Welt betrifft. Mit den vier psychologischen Grundfunktionen Denken, FĂŒhlen, Empfinden und Intuieren und den entsprechenden Typen kommt eine weitere Unterteilung hinzu.
  • Psychologische Typen ist eine facettenreiche Materialsammlung, die das Typenproblem aus vielerlei Perspektiven betrachtet.
  • Die Begriffe „extravertiert“ und „introvertiert“ sind Teil unserer Alltagssprache geworden.
  • Eines der Ziele Jungs war, die einseitig extravertierte Einstellung der Moderne auszubalancieren.
  • Jung selbst war introvertiert, was sich in seiner enormen EmpfĂ€nglichkeit fĂŒr die Macht des eigenen Unbewussten zeigte.
  • Zwischen 1913 und 1917 zog sich Jung vom akademischen Leben zurĂŒck und gab sich ganz der Erforschung seiner inneren Bildwelten hin.
  • Mit dem Typengegensatz lĂ€sst sich auch das ZerwĂŒrfnis zwischen Jung (introvertiert) und seinem Mentor Sigmund Freud (extravertiert) erklĂ€ren.
  • Von der Vereinnahmung seiner Ideen durch die Nazis distanzierte sich Jung erst mit einiger VerspĂ€tung.
  • Zitat: „Die Typen ergĂ€nzen sich gegenseitig, und ihre Verschiedenheit ergibt gerade jenes Maß an Spannung, dessen das Individuum sowohl wie die SozietĂ€t zur Erhaltung des Lebens bedarf.“

Zusammenfassung

Die zwei Einstellungstypen

Aus psychologischer Perspektive lassen sich Menschen grundsĂ€tzlich in zwei Gruppen einteilen: solche mit extravertierter und solche mit introvertierter Einstellung. Diese Unterscheidung bezieht sich auf die wesentliche Ausrichtung des Individuums zur Welt und zu sich selbst, aus der alle weiteren Eigenarten, alle Sichtweisen, Neigungen, Vorlieben, Haltungen, Meinungen usw. erst folgen. Die Begriffe „Extraversion“ und „Introversion“ bedeuten, grob gesagt, eine Nach-außen-Wendung bzw. Nach-innen-Wendung. Was dabei gewendet oder gerichtet wird, ist die Libido, die psychische Energie, die als Interesse, Wille oder auch Bewertung auftreten kann. Hat ein Mensch also eine vorwiegend extravertierte Einstellung, so wird seine Libido nach außen gerichtet und fließt der Objektwelt zu; hat er eine vorwiegend introvertierte Einstellung, wird die Libido von der Objektwelt abgezogen und kommt dem Subjekt zugute. In jenem Fall lebt das Individuum stĂ€rker Ă€ußerlich, in diesem stĂ€rker innerlich. Man kann verallgemeinernd vom extra- bzw. introvertierten Typus sprechen.

Die vier Funktionen des Psychischen

Neben den beiden Einstellungstypen gibt es vier psychische Grundfunktionen: Denken, FĂŒhlen, Empfinden und Intuieren. Sie sind die Erscheinungsformen der Libido; man könnte auch von TĂ€tigkeiten der Psyche sprechen, von der Art und Weise, wie der Mensch Sinnesempfindungen oder psychische Inhalte in seinem Bewusstsein verarbeitet. Vermutlich ist der Ursprung des vierfachen Weltzugangs physiologisch. Die Welt selbst, also die Summe dessen, was unserer Erfahrung gegeben ist, lĂ€sst sich eben nach der Art und Weise, wie sie uns gegeben ist, unter vier Aspekte fassen: Die Funktion des Denkens ist eine biologische Anpassung an den logischen Aspekt der Welt, also an die Tatsache, dass die Welt in gewissen Erscheinungsformen (KausalitĂ€t, Raum, Zeit) logisch organisiert ist. Der Intuition entspricht die Welt, nach ihren Möglichkeiten befragt, dem Empfinden die sinnlich gegebene Welt, dem FĂŒhlen die Welt im Spiegel der eigenen Lust oder Unlust. Im einzelnen Menschen ist fast immer eine der Funktionen vorherrschend, d. h., das Ich identifiziert sich in besonders hohem Maß mit ihr; es versteht sich etwa als wesentlich intuitiv oder empfindend. Die vorherrschende Funktion ist dann stĂ€rker differenziert, wĂ€hrend die restlichen Funktionen vernachlĂ€ssigt werden, was bis zu deren VerkĂŒmmerung gehen kann. Solche Schattenfunktionen sinken im Lauf des Lebens unter die Schwelle des Bewusstseins – ins Unbewusste.

Die Funktionstypen

Durch die Kombination der zwei Einstellungstypen mit den vier psychischen Funktionen ergeben sich acht Funktionstypen. Diese Einteilung ist verallgemeinernd, eben typisierend, vermag jedoch die in der psychiatrischen Praxis anzutreffenden konkreten FĂ€lle durchaus sinnvoll zu erfassen. Allerdings sind die Typen wie auch die Einstellungen dynamisch zu denken: Die Bevorzugung einer der vier Funktionen kann zunĂ€chst geringfĂŒgig sein, sich im Lauf des Lebens aber zur Gewohnheit oder sogar zur krankhaften Einseitigkeit entwickeln. Die minderwertigen Funktionen können ihrerseits irgendwann einen höheren Wert und damit eine stĂ€rkere Differenzierung erhalten. Und schließlich kann ein Typus u. U. gĂ€nzlich in sein Gegenteil umschlagen. Dies geschieht, wenn die VerdrĂ€ngung der minderwertigen Funktionen allzu gewalttĂ€tig ablĂ€uft. Die derart aus der SphĂ€re des Bewusstseins ausgeschlossenen Funktionen drĂ€ngen nĂ€mlich zurĂŒck und fordern ihr Recht ein. Oft bringen sie sich in Form von TrĂ€umen, Bildern oder Stimmungen zu Bewusstsein oder mischen sich als mitbestimmende, oft widersinnige Tendenz in das Wirken der differenzierten Funktion ein. Im Extremfall Ă€ußern sich die vernachlĂ€ssigten Funktionen in Form von Neurosen, Verhaltensstörungen oder sogar Geisteskrankheit.

Die extravertierten Funktionstypen

Ein Mensch des extravertierten Denktypus, bei dem das Denken die differenzierte Funktion ist, erfĂ€hrt die Welt vorwiegend von ihrer rationalen, logischen Seite. Seiner extravertierten Einstellung zufolge neigt dieser Mensch dazu, sich in seinem Denken von der Objektwelt bestimmen zu lassen, er ordnet intellektuell die subjektiven AnsprĂŒche seines Selbst den objektiven AnsprĂŒchen etwa eines GesprĂ€chspartners oder gesellschaftlicher Normen unter. Im guten Fall ist er sozial erfolgreich, verantwortungsbewusst und vernĂŒnftig; im schlechten Fall ist er ein ĂŒberangepasster, vernĂŒnftelnder Moralapostel, der nicht nur sich, sondern auch seine Mitmenschen unter das Joch der „objektiven TatsĂ€chlichkeit“ zwingt.

„Wenn wir einen menschlichen Lebenslauf betrachten, so sehen wir, wie die Schicksale des einen mehr bedingt sind durch die Objekte seiner Interessen, wĂ€hrend die Schicksale eines anderen mehr durch sein eigenes Inneres, durch sein Subjekt bedingt sind.“ (S. 1)

Der extravertierte FĂŒhltypus richtet sein FĂŒhlen nach objektiven Normen aus; er fĂŒhlt, was man eben in dieser oder jener Situation zu fĂŒhlen hat, bewertet seine eigene Lust oder Unlust nach Ă€ußeren Kriterien. In Gesellschaft stiften solche Menschen Harmonie und GemeinschaftsgefĂŒhl. Durch ihr völliges Aufgehen im objektiven Standpunkt opfern sie aber ihre SubjektivitĂ€t, was Außenstehende oft als KĂ€lte oder Seelenlosigkeit empfinden.

„Jeder Mensch aber besitzt beide Mechanismen, den der Extraversion sowohl wie den der Introversion, und nur das relative Überwiegen des einen oder des anderen macht den Typus aus.“ (S. 2)

Denken und FĂŒhlen sind ihrem Wesen nach rational, da sie sich an ZusammenhĂ€ngen orientieren, die fĂŒr die Vernunft nachvollziehbar sind. Ihr Maß ist das Urteil. Dagegen gehören Empfindung und Intuition zu den irrationalen Funktionen. Sie grĂŒnden auf Sinnesempfindungen, die, als gegebene psychische Tatsachen, eine gleichsam vor-logische Wirklichkeit darstellen. Die irrationalen Funktionen sind ursprĂŒnglicher als die rationalen, die sich stammesgeschichtlich aus ihnen entwickelt haben und sich im Individuum jeweils von Neuem aus ihnen entwickeln. Daher sind rationale und irrationale Funktionen durchaus miteinander vereinbar; als sekundĂ€re Funktion kann etwa die Intuition das Wirken der primĂ€ren, differenzierten FĂŒhlfunktion unterstĂŒtzen. Untereinander jedoch stehen die Funktionen in schĂ€rfstem Gegensatz: Im Individuum wird sich entweder das Denken oder das FĂŒhlen als differenzierte Funktion durchsetzen, entweder das Empfinden oder das Intuieren. Da das Unbewusste auf Ausgleich drĂ€ngt, wird es dann der jeweils unterlegenen Funktion Geltung zu verschaffen suchen.

„Ganz allgemein könnte man den introvertierten Standpunkt als denjenigen bezeichnen, der unter allen UmstĂ€nden das Ich und den subjektiven psychologischen Vorgang dem Objekt und dem objektiven Vorgang ĂŒberzuordnen oder doch wenigstens dem Objekt gegenĂŒber zu behaupten sucht.“ (S. 3)

Im Fall des extravertierten Empfindungstypus, der konkret als sinnenfreudiger Genussmensch erscheint, als oberflĂ€chlicher Ästhet, dem die unmittelbare Empfindung alles bedeutet, ist es die Intuition, die am lautesten auf Mitbestimmung drĂ€ngt. Der extravertiert-intuitive Typus hingegen, verkörpert etwa im stets nach Möglichkeiten suchenden, oft rĂŒcksichtslosen Politiker oder GeschĂ€ftsmann, ist durch unterdrĂŒckte Sinnlichkeit gekennzeichnet.

Die introvertierten Funktionstypen

Dem introvertierten Denktypus bedeutet sein Ich alles, die Welt der Tatsachen nichts. Sein Denken entzieht dem Objekt Libido, beraubt es durch Abstraktion seiner konkreten und zufĂ€lligen Einzigartigkeit und damit letztlich seines Wertes. Was zĂ€hlt, ist das Allgemeine, die Idee. Insofern erscheint ihm das Objekt als eigentlich belangloses Beispiel fĂŒr seine Theorien. Andere Menschen erleben diesen Typus als wortkarg, verschlossen, sozial unbeholfen und stur und fĂŒhlen sich von ihm abgelehnt. Er ist ein schlechter Lehrer und lĂ€sst sich leicht von seinem Ehepartner manipulieren, da er weder das Interesse noch das Auge fĂŒr die Ă€ußeren UmstĂ€nde seines Lebens hat. Zu diesem Typus kann z. B. der Philosoph Immanuel Kant gerechnet werden.

„Als Grundfunktionen, d. h. als Funktionen, die sich sowohl genuin wie auch essenziell von anderen Funktionen unterscheiden, ergaben sich meiner Erfahrung das ,Denken‘, das ,FĂŒhlen‘, das ,Empfinden‘ und das ,Intuieren‘.“ (S. 5)

In noch höherem Maß als der introvertierte Denktypus ist der introvertierte FĂŒhltypus seinen Mitmenschen ein Geheimnis. Auch bei ihm folgt die Libido dem GefĂ€lle vom Objekt zum Subjekt. Äußere Tatsachen werden von ihm gefĂŒhlsmĂ€ĂŸig entwertet; das Subjekt befindet sich in Verteidigungshaltung gegenĂŒber der als bedrohlich empfundenen Objektwelt. Im Extremfall entwickelt dieser Typus paranoide Vorstellungen.

„Die Psychologie muss sich mit der Existenz dieser zwei (oder mehrerer) Typen abfinden, und es jedenfalls unter allen UmstĂ€nden vermeiden, den einen als ein MissverstĂ€ndnis des anderen aufzufassen (...)“ (S. 41)

Insgesamt sind die introvertierten Funktionstypen heutzutage „unmodern“. Die sozialen Anforderungen einer wissenschaftlich und objektiv ausgerichteten Gesellschaft bevorzugen klar die extravertierte Einstellung. Noch stĂ€rker als fĂŒr den introvertierten Denk- und FĂŒhltypus gilt daher fĂŒr die entsprechenden irrationalen Typen des Empfindens und Intuierens, dass sie im Licht des modernen ObjektivitĂ€tsglaubens gleichsam nutzlos erscheinen, wie aus der Zeit gefallen. Sie leben ganz in der eigenen SubjektivitĂ€t, sind von außen nicht zu deuten.

„Die Typen ergĂ€nzen sich gegenseitig, und ihre Verschiedenheit ergibt gerade jenes Maß an Spannung, dessen das Individuum sowohl wie die SozietĂ€t zur Erhaltung des Lebens bedarf.“ (S. 167)

Zwar teilt der introvertiert empfindende Typus die SinneseindrĂŒcke des extravertiert empfindenden, doch ist es ihm allein um deren subjektiven Anteil zu tun. Seiner Wahrnehmung mischen sich mythologische Deutungen und Bilder bei, die ihm aus dem kollektiven Unbewussten aufsteigen. Der introvertierte Intuitionstypus lebt noch stĂ€rker inmitten dieser Bilder. Er verkörpert sich im KĂŒnstler, Fantasten, Propheten oder Seher.

Das vereinigende Symbol

Die bevorzugte Entwicklung einzelner Funktionen bringt stets die gewaltsame VerdrĂ€ngung anderer Funktionen ins Unbewusste mit sich. Die menschliche Psyche strebt aber nach Ganzheit. Die Unterschiede zwischen den gegensĂ€tzlichen Einstellungen und Funktionen sind jedoch kategorialer Art und können daher nicht auf gleicher Ebene verhandelt oder gar ausgeglichen werden. Erst ein höheres Drittes vermag die WidersprĂŒche aufzuheben. Diese vereinigende QualitĂ€t kommt dem lebendigen Symbol zu, einem archetypischen Bild, das aus den tiefsten Tiefen des Unbewussten stammt und damit gleichsam aus psychischer Urmaterie besteht. Ein solches Symbol wird geweckt, indem eine verdrĂ€ngte Funktion ins Unbewusste hinabsinkt und dort weiterwirkt. Es steigt dann als Bild ins Bewusstsein oder bietet sich ihm in Ă€ußerlichen UmstĂ€nden, Ereignissen oder Konstellationen zur Deutung dar. In diesem Prozess ist auch der Wesenskern des Religiösen zu finden. Ein Beispiel ist Jesus Christus, der Gott und Mensch zugleich ist und somit am Ewigen sowohl wie am Zeitlichen teilhat. Oder das chinesische Konzept des Tao, des mittleren Wegs, der die GegensĂ€tze des Yin und Yang aufhebt.

Der Typengegensatz in der Geistesgeschichte

Das Gegensatzpaar introvertiert und extravertiert ist keine moderne Erfindung, sondern hat im Lauf der Geschichte schon manchen Denker beschĂ€ftigt. Es zeigt sich in den philosophischen Konflikten der Antike und des Mittelalters, z. B. im so genannten Universalienstreit, in dem sich zwei Lager gegenĂŒberstanden: die (introvertierten) Realisten, denen zufolge die Ideen und Begriffe, als abstrakte „Blaupausen“ der sinnlich erfahrbaren Einzeldinge, grĂ¶ĂŸere Wirklichkeit besaßen als die Dinge selbst; auf der anderen Seite die (extravertierten) Nominalisten, die sagten: „Alles nur Worte, allein die konkreten Dinge sind wirklich!“ Ein anderes Beispiel ist Nietzsches Unterscheidung der (introvertierten) apollinischen von der (extravertierten) dionysischen Natur der alten Griechen, schließlich vereint in der attischen Tragödie. Friedrich Schiller vermutete eine Ă€hnliche Aufhebung der GegensĂ€tze (er nannte sie „Formtrieb“ vs. „sinnlicher Trieb“) im „Àsthetischen Zustand“, d. h. im Zustand der Betrachtung von Schönheit.

„Der Introvertierte macht immer den Fehler, das Handeln aus der subjektiven Psychologie des Extravertierten ableiten zu wollen, der Extravertierte aber kann das geistige Innenleben immer nur als eine Folge Ă€ußerer UmstĂ€nde begreifen.“ (S. 172)

An Schillers Beispiel zeigt sich allerdings auch ein prinzipielles Problem: In jede Betrachtung ĂŒber das Typenproblem spielt die jeweils eigene Einstellung mit hinein und verfĂ€lscht das Ergebnis der Betrachtung. Schiller etwa weist ZĂŒge des introvertierten Denktypus auf; entsprechend ĂŒberschĂ€tzte er die Rolle der Vernunft bei der Vereinigung der GegensĂ€tze, die doch nicht ohne Beteiligung der irrationalen, unbewussten Anteile der Psyche stattfinden kann.

Konsequenzen

Besonders im Bereich der Philosophie und der Psychologie mĂŒssen Konflikte und WidersprĂŒche im Licht der Typenproblematik bewertet werden, zumal die Unvereinbarkeit von Theorien und damit einhergehend die wissenschaftliche Parteibildung zum großen Teil auf das Konto unterschiedlicher Einstellungen gehen. Es liegt ja in der Natur der Sache, dass etwa ein Vertreter des extravertierten Einstellungstypus mit der abstrakten, unrealistischen Gedankenwelt seines introvertierten Gegenparts nicht warm wird, wĂ€hrend dieser verĂ€chtlich auf die oberflĂ€chliche, willkĂŒrliche „Tatsachensklaverei“ seines GegenĂŒbers herabschaut. Es gibt auch keinen neutralen Standpunkt, von dem aus sich die Überlegenheit der einen ĂŒber die andere Einstellung beweisen ließe. Sie sind daher schlechthin als ganz und gar gleichberechtigt zu betrachten.

„Wenn einer so denkt, fĂŒhlt und handelt, mit einem Wort, so lebt, wie es den objektiven VerhĂ€ltnissen und ihren Anforderungen unmittelbar entspricht, im guten wie im schlechten Sinn, so ist er extravertiert.“ (S. 357)

Fatal ist auch das Festhalten am politisch-ideologischen Dogma der Gleichheit aller Menschen im Unterschied zur Gleichberechtigung. Es fĂŒhrt notwendig zur Tyrannei, da es die grundsĂ€tzliche Verschiedenheit der Einstellungs- und Funktionstypen ignoriert.

Zum Text

Aufbau und Stil

Psychologische Typen ist im Grunde eine Materialsammlung. Der verbindende Aspekt der verschiedenen Texte ist das „Typenproblem“. Dieses bettet Jung in unterschiedlichste Kontexte ein: Er betrachtet das Typenproblem in der Dichtkunst, in der antiken und mittelalterlichen Geistesgeschichte, in der modernen Philosophie sowie in Bezug auf weitere Aspekte. Der schiere Umfang dieser ĂŒberaus detailreich und grĂŒndlich ausgearbeiteten SeitenstĂŒcke stellt das zentrale Kapitel „Allgemeine Beschreibung der Typen“ etwas in den Schatten, zumal dieses im hinteren Drittel des Buches platziert ist. Es ist darum ratsam, hier den Einstieg zu suchen – oder sich sogar zunĂ€chst den noch weiter hinten liegenden Abschnitt „Definitionen“ vorzunehmen –, um sich die Grundvoraussetzungen fĂŒr das VerstĂ€ndnis der ĂŒbrigen Texte anzueignen. Diese NichtlinearitĂ€t ist typisch fĂŒr die Denk- und Schreibweise C. G. Jungs. Mehrmals nĂ€hert er sich seinem Gegenstand aufs Neue, jedes Mal aus einer anderen Richtung. Gleiches gilt fĂŒr die einzelnen Begriffe, auf denen das Jung’sche GedankengebĂ€ude ruht: Nie bleibt Jung bei einer einmal gefundenen Formulierung stehen, stets entwickelt er die Begriffe im jeweiligen Kontext neu. Das gibt dem Ganzen einen enormen Facettenreichtum, fordert aber auch höchste gedankliche FlexibilitĂ€t vonseiten des Lesers. Dieser muss bereit sein, dem Autor aus den Niederungen der psychiatrischen Praxis in den Elfenbeinturm der Philosophie, aus der archivarischen Trockenheit philologischer Untersuchung in die transzendenten Welten des Religiösen zu folgen. Ein verlĂ€ssliches GelĂ€nder in diesem Treppenlabyrinth ist Jungs ĂŒberaus genauer, dabei sehr zurĂŒckgenommener und wunderbar natĂŒrlicher Schreibstil.

InterpretationsansÀtze

  • Die Jung’sche Typentheorie hat eine biografische Wurzel; der Typendualismus beschĂ€ftigte Jung schon als Kind. Intensive religiöse Erlebnisse brachten ihn dazu, sich selbst als zweifach zu begreifen. Die konkrete, nach außen gewandte, gesellschaftlich kompatible Seite seiner Natur nannte er „Persönlichkeit Nr. 1“. Von ihr unterschied er „Persönlichkeit Nr. 2“ – die nach innen und auf Gott gerichtete Seite.
  • Jung selbst war introvertiert. Das machte ihn, der eigenen Lehre gemĂ€ĂŸ, notwendig voreingenommen in der Beschreibung der extravertierten Typen. NatĂŒrlich wusste er um diese Schwierigkeit und war bemĂŒht, Gerechtigkeit walten zu lassen. Dennoch lĂ€sst sich Psychologische Typen als PlĂ€doyer fĂŒr die introvertierte Einstellung lesen, die Jung als gesellschaftlich und kulturell unterreprĂ€sentiert empfand.
  • Psychologische Typen ist vom methodischen Ansatz her ein Statement gegen Jungs Konkurrenten Freud und Adler. Deren Psychologie geht reduktionistisch vor, sie will psychische Inhalte (z. B. TrĂ€ume) auf dahinterliegende, körperliche Motive zurĂŒckfĂŒhren. FĂŒr Jung hingegen ist die Psyche selbst Autorin dessen, was sie ausdrĂŒckt.
  • Jungs Theorie lĂ€uft der Annahme zuwider, alle Menschen seien von Geburt an gleich und wĂŒrden erst durch gesellschaftliche EinflĂŒsse geformt. Dieser so genannten Tabula-rasa-Theorie setzt Jung ein vehementes „Ungleichheitspostulat“ entgegen. Die Unterschiede der Einstellungs- und Funktionstypen denkt er sich durchaus biologisch.

Historischer Hintergrund

Rumoren im kollektiven Unbewussten

Psychologische Typen entstand in einer weltgeschichtlich bewegten Zeit. Ein Krieg von nie da gewesenem Ausmaß hatte das rationale KalkĂŒl der noch jungen Moderne bis zur letzten, höllischen Konsequenz gefĂŒhrt. Doch daraus lernte man im Großen und Ganzen nichts: Zu tief saß der lĂ€hmende Schock bei denen, die Zeugen des Grauens geworden waren; zu weit weg von den „killing fields“ der Westfront waren die anderen gewesen, um sich in ihrer bĂŒrgerlichen Behaglichkeit stören zu lassen. Diese lasen weiter ihren Goethe und ergingen sich in Fantasien von deutscher GrĂ¶ĂŸe.

Die demokratischen Errungenschaften der Weimarer Republik, 1918 auf den TrĂŒmmern des Kaiserreichs errichtet, Ă€nderten nichts daran, dass es in der Gesellschaft irrationale KrĂ€fte gab, die auf eine zweite Kriegskatastrophe zusteuerten. Zwar fiel in diese Zeit auch eine BlĂŒte der Wissenschaften: RelativitĂ€tstheorie, Quantenmechanik, Penicillin, Psychoanalyse und Raketentechnologie ließen auf eine goldene Zukunft hoffen. Doch dem ungehemmten Fortschrittsglauben der einen stand der ahnende Pessimismus der anderen, besonders der kĂŒnstlerischen Avantgarde, gegenĂŒber: Surrealismus, Fauvismus und Dada verstanden sich als AnschlĂ€ge des Irrationalen auf die technokratischen Luftschlösser der Mehrheitsgesellschaft.

Entstehung

Die Geschichte der Jung’schen Typenlehre beginnt 1912, mit dem Bruch der Freundschaft zu Sigmund Freud. Danach machte sich Jung auf den Weg zu einer eigenstĂ€ndigen Psychologie. Seit 1909 behandelte er in seiner Praxis am ZĂŒrichsee die verschiedensten FĂ€lle seelischer Störungen. Unter seinen Patientinnen war Edith McCormick, eine Tochter des Ölmagnaten John D. Rockefeller. Diese fĂŒhlte sich Jung derart verbunden, dass sie ihm unter Einsatz des vĂ€terlichen Vermögens ermöglichte, 1916 den Psychologischen Club ZĂŒrich ins Leben zu rufen. Hier wurden im kleinen Kreis Ideen ausgetauscht und Streitfragen debattiert.

Obwohl Jung die Problematik der psychologischen Typen schon eine Weile mit sich herumgetragen hatte, kamen seine Gedanken erst in den folgenden Jahren zur Entfaltung. Unklar ist bis heute, welchen Anteil daran andere prominente Figuren des Clubs fĂŒr sich reklamieren können; erwĂ€hnt werden muss der Gedankenaustausch mit dem Basler Psychiater Hans Schmid, der an einer Ă€hnlichen Theorie arbeitete. Daneben war es die Analytikerin Sabina Spielrein, Jungs ehemalige Geliebte, die ihn immer wieder ermunterte, seine Gedanken zu konkretisieren, und auch eigene AnsĂ€tze beisteuerte. Mit beiden unterhielt Jung intensive Briefwechsel, in denen es fĂŒr ihn allerdings bald nur noch darum ging, seinen Standpunkt durchzusetzen und sich voller GehĂ€ssigkeit gegen vermeintliche Angriffe auf seinen Status als alleiniger Urheber der Typentheorie zu wehren. So ließ er Spielrein schließlich kalt abblitzen: „Dazu mĂŒsste ich ein Buch schreiben. Es ist allerdings schon geschrieben. Ihre Fragen sind dort ausfĂŒhrlich beantwortet.“ Das war 1919. Psychologische Typen erschien zwei Jahre spĂ€ter.

Wirkungsgeschichte

Insofern es Jung um grĂ¶ĂŸtmögliche Distanzierung von Sigmund Freud gegangen war, hatte er dieses Ziel mit den Psychologischen Typen erreicht: Es sei „keine neue Idee daran“, befand der vergrĂ€tzte Wiener, vielmehr handle es sich um das „Werk eines Snobs und eines Mystikers“. Mit den Begriffen von Jungs System gefasst, waren die Persönlichkeiten der beiden MĂ€nner (Freud: extravertiert; Jung: introvertiert) natĂŒrlich zur Gegnerschaft verdammt. Entlang derselben Linie formierten sich dann auch die Fronten derjenigen, die Jungs Theorien entweder enthusiastisch begrĂŒĂŸten oder sie kategorisch zurĂŒckwiesen. In einer Ära scheinbar alles beherrschender Vernunft war dieser Konflikt vorgezeichnet: Die einen litten unter der kollektiven VerdrĂ€ngung des Irrationalen, des nicht im Sinne des Fortschritts NĂŒtzlichen; die anderen identifizierten sich ganz und gar mit der kollektiven Bevorzugung extravertierten Denkens und FĂŒhlens, sprich mit der Moderne.

SpĂ€testens mit Erscheinen der Psychologischen Typen wurde aus Jung der Prophet des Unbewussten. Wo Freud ihm pseudowissenschaftliche DunkelschwĂ€rmerei vorwarf, gab es andere, die in ihm einen wahren Mystiker in der Tradition eines Meister Eckehart erblickten. Zur letzten Partei sind z. B. Thomas Mann oder Hermann Hesse zu zĂ€hlen. Letzterer ließ sich von Jung analysieren und nahm in literarischen Schöpfungen wie Narziß und Goldmund auf die Typenlehre Bezug. So oder so, die Unterscheidung zwischen extra- und introvertiert ist heute in den allgemeinen Sprachgebrauch ĂŒbergegangen und hat Jungs Modell, jenseits aller fachlichen Dispute, zu enormer praktischer Wirksamkeit verholfen.

Über den Autor

Carl Gustav Jung wurde am 26. Juli 1875 als Sohn eines Dorfpfarrers im Schweizer Kanton Thurgau geboren. FrĂŒh zeigte er sich empfĂ€nglich fĂŒr die Macht des Unbewussten, er erlebte seine TrĂ€ume als ĂŒberaus real und rang oft verzweifelt mit ihrer Auslegung; durch sie fĂŒhlte er sich mit dem Göttlichen verbunden, zugleich aber getrennt von seinen Mitmenschen. „Meine ganze Jugend kann unter dem Begriff des Geheimnisses verstanden werden“, sagte er spĂ€ter. Ab 1895 studierte er in Basel Medizin. 1900 trat er in ZĂŒrich eine Stelle in der psychiatrischen Klinik Burghölzli an, wo er erstmals mit den Schriften Sigmund Freuds in BerĂŒhrung kam. 1907 besuchte er Freud in Wien; eine intensive Freundschaft entstand, die jedoch 1912 mit der Veröffentlichung von Jungs Wandlungen und Symbole der Libido abrupt endete. Darin wich Jung entscheidend von Freuds Theorien ab, was dieser ihm nicht verzieh. 1913 legte Jung seine akademische Karriere auf Eis und widmete sich ganz der mythologischen Erforschung seiner inneren Bildwelt. Die folgenden vier Jahre bezeichnete er spĂ€ter als die wichtigste Zeit seines Lebens. Es folgten Reisen nach Afrika, Indien und zu den Pueblo-Indianern in Nordamerika. Jung erhoffte sich eine Außenperspektive auf die abendlĂ€ndische Welt. Mittlerweile war er als BegrĂŒnder der analytischen Psychologie weltberĂŒhmt. Als die Nazis seine Lehren in ihrem Sinn ausdeuteten, versĂ€umte Jung, sich entschieden dagegen auszusprechen, und ließ sich sogar zu Gerede ĂŒber psychologische Unterschiede zwischen Juden und Germanen hinreißen. Erst 1936 erwachte er aus seiner Verblendung; 1939 wurden seine Werke von den Nazis verboten. Bis zu seinem Tod am 6. Juni 1961 blieb Jung Ă€ußerst produktiv und legte in zahlreichen Schriften seine Ideen zur Psychologie des Unbewussten sowie zu religiösen und kulturellen Themen nieder.

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