Zusammenfassung von Die Abenteuer des Augie March

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Die Abenteuer des Augie March Buchzusammenfassung

Literatur­klassiker

  • Schelmenroman
  • Moderne

Worum es geht

Ein großer amerikanischer Roman

Augie March beginnt seine Lebensreise in den Chicagoer Slums und gelangt bis in die High Society und in intellektuelle Kreise. Dennoch bleibt der Sohn armer russisch-jüdischer Einwanderer überall ein Außenseiter, ein Schelm, der seine Umwelt mit Witz und Scharfsinn beobachtet. Als selbst ernannter „Kolumbus des Naheliegenden“ erkundet er das Amerika der Immigranten und Aufsteiger, der Kleinkriminellen und Immobilienmakler, der leichten Mädchen und luxuriösen Ladys. Ob er seinen Job verliert oder im Knast landet, ob er bei einem Unfall schwer verletzt wird oder vor der Küste Afrikas Schiffbruch erleidet, stets bewahrt sich Augie seinen unerschütterlichen Optimismus. Saul Bellow hat mit seinem Schelmenroman eines der großen amerikanischen Werke der Nachkriegszeit geschrieben, zynisch und menschenfreundlich, realistisch und fantastisch zugleich, prall gefüllt mit schrägen Typen, absurden Situationen und lebensklugen Sprüchen. Atemlos folgt der Leser Augies zwischen Slang und Hochsprache wechselndem Redestrom – und weiß oft nicht, ob er lachen oder weinen soll.

Take-aways

  • Saul Bellows Roman Die Abenteuer des Augie March zählt zu den bedeutendsten Werken der amerikanischen Nachkriegsliteratur.
  • Inhalt: Augie March wächst als russisch-jüdischer Immigrant im Armenviertel Chicagos auf. Schon früh zieht es den lebenslustigen Jungen in die höhere Gesellschaft. Er klettert die soziale Leiter hinauf und stürzt immer wieder ab, besteht zahlreiche Abenteuer, reist nach Mexiko und Europa – und lernt nebenbei eine ganze Menge über das Leben.
  • Bellows Roman ist voll von originellen Charakteren und irrwitzigen Situationen, realistisch und fantastisch, komisch und tragisch zugleich.
  • Augie Marchs unerschütterlicher Optimismus ist typisch für den amerikanischen Fortschrittsglauben.
  • Mit seiner Episodenhaftigkeit, der Ich-Perspektive und der Darstellung verschiedener gesellschaftlicher Schichten steht das Buch in der Tradition des Schelmenromans.
  • Philosophische und religiöse Utopien werden mit der rauen Realität kontrastiert.
  • Stilistisch wechselt Bellow zwischen naturalistischen Beschreibungen und intellektuellen Reflexionen, zwischen Slang und Hochkultur.
  • Bellow setzte mit dem autobiografisch geprägten Buch seiner Heimatstadt Chicago ein Denkmal.
  • Der Roman, der 1954 den National Book Award erhielt, begründete Bellows Ruf als großer amerikanischer Schriftsteller.
  • Zitat: „Als Erster klopfe ich an, und als Erster trete ich ein.“
 

Zusammenfassung

Eine Revolution im Kleinen

Nachdem sein Vater sich schon früh aus dem Staub gemacht hat, wächst Augie March zusammen mit seinen beiden Brüdern, dem etwas älteren Simon und dem jüngeren, geistig behinderten George, bei seiner halb blinden Mutter auf. Sie ist aber nicht das Oberhaupt im Haus: Das Regiment führt mit fester Hand die Untermieterin Oma Lausch, eine ehemals wohlhabende Witwe aus Odessa. Als Juden gehören die Marchs in dem armen, vor allem von Polen bewohnten Chicagoer Viertel zu einer Minderheit. Schon früh muss Augie zum Familienunterhalt beitragen, indem er als Zeitungsjunge arbeitet und diverse andere Jobs erledigt. Doch nach Oma Lauschs Willen sollen er und sein großer Bruder es einmal besser haben und richtige Gentlemen werden.

„Ich bin Amerikaner, geboren in Chicago – dem düsteren Chicago –, habe mir selbst beigebracht, wie man die Dinge in die Hand nimmt, nämlich unkonventionell, und werde auch auf meine Art Erfolg haben: Als Erster klopfe ich an, und als Erster trete ich ein.“ (S. 7)

Während Simon zielstrebig den Weg in die besseren Kreise der Gesellschaft verfolgt, ist Augie chaotischer und leichtfertiger. Er treibt sich herum, klaut und schwänzt die Schule. Nach einem kleineren Diebstahl bekommt er Oma Lauschs despotische Härte zu spüren. Außerdem beschließt sie, gegen den Willen Augies und seiner Mutter, die innig an ihrem jüngsten Sohn hängt, den sanftmütigen George ins Heim zu geben. Mit Georges Weggang gerät das Familienleben aus den Fugen und die Hierarchie stürzt zusammen: Simon übernimmt das Kommando, Oma Lausch wird entthront und landet im Altersheim.

Auf- und Abstieg auf der sozialen Leiter

Während seiner Zeit an der Highschool arbeitet Augie für William Einhorn, einen ebenso reichen wie gebildeten Grundstückmakler, der großen Einfluss im Bezirk hat. Augie ist sein Sekretär, Stellvertreter, Agent und ständiger Begleiter. Er hilft dem an den Rollstuhl gefesselten Mann beim Ankleiden, sortiert dessen Riesensammlung von Karteikarten und putzt auch schon mal die Toilette. Trotz dieser Nähe führt ihm der umtriebige Einhorn, der stets über einem neuen verrückten Projekt brütet, immer wieder seine Stellung vor Augen: In die höheren Kreise werde er nie aufsteigen, und sei er noch so intelligent. Tatsächlich umgibt sich Augie mit großmäuligen Kleinkriminellen und zwielichtigen Gestalten, mit denen er wilde Partys feiert. Zu seinen Freunden zählt Dingbat, Einhorns nichtsnutziger Halbbruder; er ist ein Kneipenwirt und Hobbyganove, der sich zudem als Boxmanager versucht.

„Meine Sehnsucht war groß, aber wonach ich mich sehnte, wusste ich nicht.“ (S. 140)

Die Weltwirtschaftskrise treibt Einhorns Firma in den Ruin, und der Makler übernimmt Dingbats Billardkneipe. Augie verliert seinen Job als Sekretär, das wenige Ersparte der Familie ist nach dem Börsencrash ebenfalls weg. Eher halbherzig beteiligt sich Augie an einem Raubüberfall und entkommt nur knapp der Polizei. Einhorn, der befürchtet, der Junge könnte auf die schiefe Bahn geraten, und ihm ordentlich die Leviten liest, erkennt einen wesentlichen Charakterzug Augies: Trotz. Da es ohnehin keine Arbeit gibt, besucht Augie wie so viele arbeitslose Einwandererkinder nach der Highschool das College. Nebenbei jobbt er als Verkäufer in einem feinen Geschäft für Reitbedarf – und verdient sogar mehr als sein inzwischen versnobter Bruder Simon. Zu seiner eigenen Überraschung hat er sich in einen eleganten jungen Mann verwandelt, der selbstsicher mit Kunden plaudert. Mrs. Renling, die Frau des Geschäftsinhabers, prophezeit Augie eine große Zukunft. Auf ihren Rat hin bildet er sich weiter, lernt Bridge spielen und eignet sich gute Manieren an. In seinem makellosen Tweedanzug verschreibt sich der gut aussehende, charmante Dandy ganz seinem neuen Ziel: dem Aufstieg in die High Society.

„Ich bewegte mich in allen möglichen Kreisen, und niemand wusste, wohin ich gehörte. Ich wusste es selbst nicht.“ (S. 188 f.)

Gelegenheit dazu bietet sich in einem eleganten Hotel, in das Augie Mrs. Renling begleitet. In dem luxuriösen Ambiente verliebt er sich in die schöne Millionärstochter Esther Fenchel, die ihn jedoch harsch zurückweist. Als Ersatz bietet sich ihm ihre Schwester Thea an, doch an ihr hat Augie kein Interesse. Die Tatsache, dass die Mädchen ihn für den Gigolo von Mrs. Renling gehalten haben, verletzt ihn zutiefst. Seine schicke Kleidung engt ihn plötzlich ein: Er hat seine Wurzeln und seine Eltern nicht vergessen. Als die Renlings anbieten, ihn zu adoptieren und ihn als Alleinerben einzusetzen, sucht Augie das Weite. Er kehrt in sein altes Viertel zurück und nimmt einen miesen Job als Vertreter an. Ein alter Kumpel überredet ihn dazu, an der kanadischen Grenze ein krummes Ding zu drehen. Auf der Flucht vor der Polizei gerät er in ein ziemliches Elend: Er schlägt sich zu Fuß und per Anhalter durch und übernachtet in mit Müll gefüllten Güterwagen.

Geld macht meschugge

Wieder in Chicago erlebt Augie eine bittere Enttäuschung. Simon hat allen Besitz verspielt, und die inzwischen ganz erblindete Mutter muss ins Heim. Nach einem Intermezzo als Hundepfleger verdingt Augie sich als Bücherdieb. Doch statt die in fremdem Auftrag gestohlenen Bücher sofort wieder zu verkaufen, stillt er damit zunächst seinen eigenen Lesehunger. Die Lektüre historischer und theologischer, literarischer und philosophischer Werke reißt ihn aus seinem profanen Alltag heraus. Durch Simon, der sich Oma Lauschs zynische Lebensphilosophie zu eigen gemacht und die unattraktive, aber reiche Charlotte Magnus geheiratet hat, gelangt Augie wieder in bessere Kreise. Simon hat sein Vorhaben, um jeden Preis zu Geld zu kommen, in die Tat umgesetzt. Aber das Geld hat ihm den Verstand geraubt, wie seine Mutter nüchtern feststellt. Er übernimmt einen hohen Posten im Kohlehandel des Schwiegervaters, knüpft gesellschaftliche Kontakte und lässt die Champagnerkorken knallen, doch Augie spürt, dass sich hinter den teuren Klamotten und großen Sprüchen ein seelisches Wrack verbirgt.

„Vorherbestimmung hatte ich niemals akzeptiert, und ich wollte nicht die Rolle spielen, die andere Menschen für mich vorgesehen hatten.“ (S. 195)

Ginge es nach Simons Willen, würde auch Augie in die Familie Magnus einheiraten und Teilhaber am blühenden Geschäft werden. Zunächst lässt Augie sich auf den Plan ein: Er führt die reizvolle Lucy Magnus aus und nimmt an quälenden Treffen im Familien- und Freundeskreis teil. Doch die Heuchelei strapaziert seine Gesichtsmuskeln, und schon bald sehnt er sich nach der Welt der Armut und Arbeit zurück. Seiner Verwandlung in ein ordentliches Mitglied der oberen Gesellschaft steht vor allem eins im Weg – er selbst. Immer noch bewohnt er sein kleines Zimmer, immer noch trifft er alte Freunde und klaut Bücher, die er gierig verschlingt. An die Universität, die er zeitweise besucht hat, zieht es ihn jedoch nicht mehr; zu ernst und wirklichkeitsfremd erscheint ihm das Studium. Als seine gute Freundin und Zimmernachbarin Mimi von einem verheirateten Mann schwanger wird, hilft er ihr, einen Abtreibungsarzt zu finden. Sein Bruder und die Familie Magnus, die davon Wind bekommen, interpretieren seinen selbstlosen Einsatz falsch und kündigen ihm die Freundschaft auf.

Romantischer Höhenflug und Bruchlandung

Sein neuer Job als Gewerkschaftsangestellter bringt Augie mit Arbeitern aus aller Herren Länder zusammen. Der Kontrast zur Welt von Thea Fenchel, die erneut in sein Leben tritt und ihm unumwunden ihre Liebe erklärt, könnte nicht größer sein. Er spürt: Die Anliegen der Werktätigen, die wilden Streiks und blutigen Auseinandersetzungen – das alles ist nicht sein Ding. Von der ebenso besitzergreifenden wie unberechenbaren Thea verwöhnt, beschenkt und neu eingekleidet, begleitet er sie nach Mexiko, wo sie mit einem abgerichteten Adler auf Leguanjagd gehen will. Im Kombi brausen die beiden durch die brütende Hitze der mexikanischen Einöde, sie campen und lieben sich unter freiem Himmel. Thea gelingt es, einen ausgewachsenen Adler zu zähmen, der sie zu Augies Schrecken ins Hotelzimmer, ins Kino und selbst aufs Klo begleitet. Doch zu ihrer großen Enttäuschung entpuppt sich Caligula, so sein Name, als Feigling: Im Kampf mit den Leguanen mangelt es ihm an der nötigen Härte. Bei einem Versuch, den Vogel auf die Echsen zu hetzen, stürzt Augie vom Pferd und wird verletzt.

„Möge Gott alle erretten, doch die Errettung durch Menschen wird nur wenigen geschenkt.“ (S. 252)

Nach der Pleite mit Caligula, der in einen Zoo abgeschoben wird, kühlt sich die Beziehung zwischen Augie und Thea ab. Während sie säckeweise Schlangen fängt und in der Villa ihres Onkels hortet, liest er schlaue Bücher – von Campanella über Machiavelli bis zu Marx und Engels. Dabei fragt er sich, wie man all die schönen Utopien mit der Natur des Menschen und seinen unbeständigen Gefühlen in Einklang bringt. Nebenbei hängt Augie in der nahe gelegenen Stadt herum. Dort vertreibt er sich die Zeit bei Tequila und Kartenspielen mit Leuten aus der internationalen Kolonie, darunter auch eine Frau namens Stella Chesney. Als Thea Augie vorschlägt, ins südliche Chilpancingo weiterzuziehen, willigt er nur halbherzig ein. Nachdem er eine leidenschaftliche Nacht mit Stella verbracht hat, verlässt die verletzte Thea den untreuen Geliebten und bricht allein nach Süden auf.

„Ich bewegte mich innerhalb des großen sozialen Protoplasmas von der dunklen auf die hellere Seite.“ (S. 377)

Theas Weggang stürzt Augie in tiefe Selbstzweifel. Ist er überhaupt fähig zur Liebe? Stets will er anderen gefallen und sie zugleich über sein wahres Wesen hinwegtäuschen. Er kann sich nicht offenbaren, ohne dabei das Gefühl zu haben, sich bloßzustellen; ständig ist er damit beschäftigt, besser und stärker zu wirken, als er tatsächlich ist – und kann deswegen keine wirkliche Stärke und Liebe spüren. Tatsächlich, meint Augie, geht es ihm immer nur darum, zu überleben, anderen die eigene Version der Wirklichkeit aufzudrücken und vor dem Schrecken wahrer Erkenntnis zu fliehen. Mit dem festen Vorsatz, einen Neuanfang zu wagen, reist er Thea nach und erklärt ihr seine Liebe – vergeblich. Verbittert und voller Kummer kehrt er schließlich nach Chicago zurück.

Der Traum vom einfachen Leben

Augies Bruder George, den er auf der Rückreise in der Einrichtung für Behinderte besucht, arbeitet als Schuster. Simon hat es inzwischen schon fast zum Millionär gebracht. Von seinen beiden Brüdern bewundert Augie insbesondere George dafür, wie dieser sein Schicksal gemeistert hat. Und er selbst? Mit gebrochenem Herzen und Zahnlücken – aufgrund des Unfalls – ist er zurückgekehrt, ein lächerlicher Clown, der in der Liebe gescheitert ist und der immer noch seinen hehren Ideen und Hirngespinsten hinterherjagt. Was er genau tun soll, weiß er nicht. Im modernen Zeitalter wird Spezialisierung gefordert, und wofür ist er schon Spezialist? Er nimmt das Angebot des leicht verwirrten Millionärs Robey an, der ein Buch über die Geschichte des menschlichen Glücks schreiben will und wissenschaftliche Unterstützung braucht. Für ein kleines Gehalt stürzt Augie sich täglich in die Lektüre historischer und philosophischer Werke, doch schon bald spürt er, dass all das angehäufte Wissen keinen Nutzen für das Leben hat. Am liebsten würde er auch Schuster werden.

„Ich war kein Kind mehr, weder dem Alter noch dem Schutzbedürfnis nach, und ich wurde auf gut Glück ins wirre Treiben der Welt geworfen.“ (S. 466)

Augie wünscht sich, sein Leben endlich auf Kurs zu bringen. Er träumt davon, ein Grundstück zu kaufen, zu heiraten, Kinder zu bekommen, ein Landschulheim für Waisenkinder zu gründen und George und seine Mutter zu sich zu nehmen. Doch da bricht der Krieg aus, und über Nacht ist alle Sehnsucht nach einem einfachen Leben auf dem Land vergessen. Augie ist sofort Feuer und Flamme für den Kriegsdienst. Da er aber nach dem Unfall in Mexiko als untauglich gilt, meldet er sich bei der Handelsmarine, wo er eine Ausbildung als Buchhalter und Apotheker erhält. Beim Wiedersehen mit Stella, die inzwischen in New York lebt, flammt die alte Liebe wieder auf. Augie heiratet sie und hofft, damit den richtigen Weg einzuschlagen. Er ist der Überzeugung, dass er im Unterschied zu seinem Bruder und vielen anderen Menschen, die sich einfach ihrem Charakter und dem ererbten Schicksal beugen, bewusst einen anderen als den vorgezeichneten Weg wählt. Er gestaltet sein Leben selbst. Dennoch bleibt stets die nagende Frage, ob er wirklich alle Möglichkeiten ausgeschöpft hat. Er sehnt sich nach Ruhe, Liebe und Harmonie, zweifelt insgeheim aber immer noch daran, dass er das ertragen kann. Und kann Liebe überhaupt ewig halten? Oder ist sie stets mit Untreue, Lügen und Leid verbunden?

Die Kämpfe im Innern

Unmittelbar nach seiner Hochzeit fährt Augie mit einem Kriegsschiff über den Atlantik und überlebt nur knapp einen Schiffbruch. Tagelang treibt er zusammen mit dem wahnsinnigen und lebensmüden Basteshaw, der gar nicht gerettet werden will, vor der Küste Afrikas in einem kleinen Boot umher, ehe ein Tanker sie aufgreift. Nach dem Krieg geht Augie mit seiner Frau, die für seinen Traum vom einfachen Leben auf dem Land nicht allzu viel übrig hat, nach Europa. Stella arbeitet als Filmschauspielerin in Paris, er selbst geht wie immer mehr oder weniger obskuren Geschäften nach, streift durch die Stadt und schreibt nebenbei seine Erinnerungen auf. Oberflächlich betrachtet hat er sich dem Müßiggang hingegeben, tatsächlich aber hat er Schwerstarbeit geleistet: Er hat Kriege geführt und gestritten, gesiegt und sich gerächt, er ist gestorben und wiederauferstanden – und all das ganz allein, in seinem Innern.

„Wenn man die banalen Lügen eines einzigen Tages in Schlamm verwandeln könnte, würden sie den Amazonas auf einer Länge von hundert Meilen verstopfen und über die Ufer treten lassen. Nur, dass Lügen nie in dieser Form erscheinen, sondern so fein verteilt sind wie Nitrogen in Kartoffeln.“ (S. 606)

Die Entdeckung, dass Stella schon seit Langem von einem reichen Mann aus der Filmbranche ausgehalten wird und ihn die ganze Zeit über betrogen hat, erschüttert Augie. Dennoch hat er seine Hoffnung auf Kinder und ein geregeltes Leben mit seiner Frau, die er immer noch liebt, nicht aufgegeben. Trotz allem Schmerz, den das Leben ihm zugefügt hat, lässt er sich nicht unterkriegen. Mag er sich auch lächerlich machen und immer wieder scheitern – er wird nie aufhören, sein kleines Glück zu verfolgen.

Zum Text

Aufbau und Stil

Saul Bellows Die Abenteuer des Augie March ist in 26 Kapitel unterteilt. Trotz mancher Zäsuren erscheint der über 800 Seiten lange Roman als ein einziger ununterbrochener Redestrom, der den Leser überwältigt und mitreißt. Das liegt nicht zuletzt an dem sprachlichen Feuerwerk, das Bellow zündet: Durch seine oftmals endlosen Aneinanderreihungen von Adjektiven, seine überraschenden Metaphern und originellen Beschreibungen von Menschen zieht er den Leser von der ersten Seite an in seinen Bann. Mit spürbarer Lust am Detail taucht Bellow in die verschiedenen Szenerien ein – ob es sich um Chicagoer Ganovenkneipen oder luxuriöse Hotels, um verqualmte Industrieanlagen oder einsame Wüstenlandschaften handelt. Atemlos reiht er eine Anekdote an die andere, zaubert immer neue Figuren hervor, die er reich mit Eigenschaften ausstattet, um sie im nächsten Augenblick wieder in der Versenkung verschwinden zu lassen. Kein noch so unscheinbares Detail lässt er sich entgehen: Gesichtsausdrücke und Haltungen, Kleidung und Accessoires, das Klacken der Billardkugeln, der Geruch von Körperpuder, ein Spruch auf einem Werbeplakat – alles fließt in seine Schilderung ein. So wechselhaft das Schicksal des Helden, so reich ist auch seine von jiddischen Wörtern, Gossenslang und gebildeter Kultursprache durchsetzte Ausdrucksweise.

Interpretationsansätze

  • Die Abenteuer des Augie March ist ein Schelmenroman in der Tradition von Cervantes’ Don Quijote und Henry Fieldings Tom Jones: Ein Ich-Erzähler durchläuft eine episodenhafte Aneinanderreihung von Abenteuern, die ihn durch die verschiedenen gesellschaftlichen Schichten führen; am Ende steht die Selbsterkenntnis des Helden.
  • In seinem unerschütterlichen Optimismus und seiner Lebensfreude verkörpert Augie den amerikanischen Fortschrittsglauben. Sein Nachname March ist wörtlich zu nehmen: Augie marschiert einfach weiter. Trotz aller Schicksalsschläge und Niederlagen lässt er sich nicht unterkriegen und bricht am Ende in ein befreiendes Lachen aus.
  • Bellows Studium der Anthropologie und Soziologie beeinflusste sein Werk: Streckenweise liest es sich wie eine Feldstudie verschiedenster sozialer Milieus. Mit enzyklopädischem Eifer entwirft er einen Mikrokosmos menschlicher Schwächen und Eigenheiten, bewahrt dabei jedoch stets einen milden, menschenfreundlichen Blick.
  • Effektvoll kontrastiert Bellow philosophische Utopien mit der Realität des Lebens, religiöse Visionen mit dem irdischen Jammertal. Bellow, der nach dem Wunsch seiner jüdisch-orthodoxen Mutter Rabbiner hätte werden sollen, relativierte seine religiösen Wurzeln: Er sei zwar Jude, aber kein jüdischer Schriftsteller, sondern ein amerikanischer, der eben zufällig Jude sei.
  • Obwohl Bellow Lenin gelesen, Trotzki verehrt und als Mitarbeiter der Gewerkschaft linke Positionen vertreten hat, sah er sich wie sein Held Augie March gegen Ideologien immun. Auf große Weltentwürfe, sagte er einmal, habe er stets mit Skeptizismus reagiert.
  • In Die Abenteuer des Augie March setzte Saul Bellow seiner Heimatstadt Chicago, die er für vulgärer, dafür aber vitaler als New York hielt, ein Denkmal. Das raue, schmutzige Chicago der Immigranten repräsentierte für ihn das wahre, ursprüngliche Amerika.

Historischer Hintergrund

Überlebenskampf in Chicago

Unter dem Eindruck von Verfolgung und Pogromen wanderten zwischen den 1880er Jahren und dem Ersten Weltkrieg rund 2,5 Millionen Juden aus Osteuropa, vor allem aus dem zaristischen Russland, in den Westen aus. Die meisten von ihnen zog es in die Vereinigten Staaten von Amerika. Hier lockte nicht nur die Aussicht auf einen Arbeitsplatz und auf sozialen Aufstieg, sondern auch auf politische Gleichberechtigung und religiöse Freiheit. Zu einem Zentrum osteuropäisch-jüdischer Immigration wurde Chicago. Mit ihren Fabriken und Schlachthöfen stand die Stadt im Ruf, jedem einen Job zu bieten, wenn er nur arbeiten wollte.

Nach dem Ende des Ersten Weltkriegs versiegte der Strom von Immigranten aus Osteuropa. Dafür zogen verstärkt Afroamerikaner aus dem agrarisch geprägten Süden der USA in die Industriestädte des Nordens, bevorzugt nach Chicago, wo sie unter oft unwürdigen Bedingungen und zu niedrigsten Löhnen Arbeit fanden. In den Slums lebten Italiener und Polen, Iren und Schweden, Russen und Afroamerikaner, einheimische Gelegenheits- und Wanderarbeiter auf engstem Raum zusammen und prägten die spezifische amerikanische Subkultur.

Schon zu Beginn des 20. Jahrhunderts übte das „finstere Chicago“ mit seinen krassen politischen und sozialen Gegensätzen und der bunten Mischung aus Immigranten unterschiedlichster Herkunft große Anziehungskraft auf Schriftsteller aus. Theodore Dreiser und Upton Sinclair lieferten in ihren Schriften authentische, naturalistische Schilderungen des Lebens von Einwanderern in den Armenvierteln der Stadt. Ihre Romane, die den brutalen Kampf ums Dasein zum Thema machten, waren stets zugleich eindringliche politische Statements.

Auch in den 30er Jahren war die Chicago-Literatur noch in hohem Maß politisiert. Massenentlassungen und die Arbeitslosigkeit infolge des Börsencrashs von 1929 trafen die Bewohner der Slums besonders hart. Kriminalität und Korruption blühten auf, vor den Suppenküchen bildeten sich lange Schlangen. Unter dem Eindruck der Großen Depression standen viele Autoren – zeitweise auch Saul Bellow – der Kommunistischen Partei und ihrem trotzkistischen Flügel nahe.

Mit umfangreichen Maßnahmen zur Schaffung von Arbeitsplätzen versuchte der neu gewählte Präsident Franklin D. Roosevelt ab 1933 die Folgen der Weltwirtschaftskrise in den Griff zu bekommen. Durch seine Works Progress Administration (WPA), eine gigantische Arbeitsbeschaffungsbehörde, gelangten auch Tausende von Schriftstellern, darunter Bellow, in Lohn und Arbeit. Im Auftrag der Regierung verfassten sie Reiseführer und Städtebroschüren und führten Interviews zur Dokumentation des amerikanischen Alltagslebens.

Mit der allmählichen konjunkturellen Besserung in den 40er Jahren nahm die Chicago-Literatur eine neue Wende: Der Blick richtete sich nicht mehr nach außen, auf gesellschaftliche Konflikte und soziale Missstände, sondern vielmehr nach innen, auf das eigene Ich. Es ging jetzt weniger um das nackte Überleben als um die Frage geistiger und seelischer Selbstbehauptung inmitten einer chaotischen, sich wandelnden Welt.

Entstehung

Vier Jahre nach seinem literarischen Debüt, das bereits einige öffentliche Aufmerksamkeit erregt hatte, ging Saul Bellow 1948 als Stipendiat der Guggenheim Fellowship nach Paris. In dieser Zeit arbeitete er intensiv an seinem dritten Roman, den Abenteuern des Augie March.

Während seines Aufenthalts in Europa veränderte sich Bellows literarisches Selbstverständnis. Hatte er sich zuvor an seinen großen Vorbildern Fjodor Dostojewski, Franz Kafka und Gustave Flaubert ausgerichtet, so löste er sich nun allmählich von ihnen. Befreit von erzählerischen Konventionen ließ er seinen Augie March wild drauflosfabulieren und schuf seinen eigenen, zwischen naturalistischer Beschreibung und intellektueller Reflexion, amerikanischem Idiom und literarischer Hochsprache changierenden Stil.

Wirkungsgeschichte

Die Abenteuer des Augie March erntete nach der Veröffentlichung 1953 höchstes Lob der amerikanischen Kritik und brachte dem Autor ein Jahr später den National Book Award ein. Philip Roth hielt Augie March für das bedeutendste amerikanische Werk der Nachkriegszeit und bezeichnete ihn in Anspielung auf James Joyce’ epochalen Roman als „unseren Ulysses“. Auch sein Schriftstellerkollege Martin Amis feierte das Buch als den großen amerikanischen Roman. US-Präsident Barack Obama zählt Saul Bellow zu seinen Lieblingsautoren.

Über den Autor

Saul Bellow wird am 10. Juni 1915 als Sohn russischer Einwanderer in einem Vorort von Montreal geboren. 1924 zieht die Familie nach Chicago, wo Saul in einem von osteuropäischen Immigranten geprägten Viertel aufwächst. Der Vater arbeitet u. a. als Kohleträger und schmuggelt nebenbei. Der Tod der Mutter, einer streng religiösen Jüdin, stürzt den 17-jährigen Saul in eine tiefe Depression. 1937 schließt er sein Studium der Soziologie und Anthropologie an der Universität Chicago ab. Er jobbt u. a. als Lehrer und Journalist, seine Leidenschaft aber gilt dem Schreiben. Während des Zweiten Weltkriegs dient Bellow bei der US-Handelsmarine und verfasst seinen ersten Roman The Dangling Man (Der Mann in der Schwebe, 1944). Nach Kriegsende lehrt er an den Universitäten von Minnesota und New York. 1962 kehrt er nach einem längeren Europaaufenthalt mit seiner dritten Ehefrau ins geliebte Chicago zurück, wo er eine Professur erhält. Sein Roman Herzog (1964) wird im In- und Ausland als literarisches Ereignis gefeiert, für Humboldt’s Gift (Humboldts Vermächtnis, 1975) bekommt er den Pulitzerpreis. Der Literaturnobelpreis 1976 krönt seine Karriere als Schriftsteller. Mit seinen nicht immer politisch korrekten Aussagen erregt der streitbare Autor wiederholt die Öffentlichkeit. 1999 wird Bellow, der inzwischen in der Nähe von Boston lebt, und zum fünften Mal verheiratet ist, im Alter von 84 Jahren noch einmal Vater einer Tochter, die sein viertes Kind ist. Mit seinem letzen Roman Ravelstein (2000), der von einem homosexuellen und aidskranken Professor handelt, löst er nochmals einen Sturm der Entrüstung aus. Saul Bellow stirbt am 5. April 2005 hochbetagt in seinem Haus in Brookline, Massachusetts.


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