Zusammenfassung von Psychologie der Massen

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Psychologie der Massen Buchzusammenfassung

Literatur­klassiker

  • Psychologie
  • Moderne

Worum es geht

Der Mensch in der Masse

Paris im Jahr 1870: Die Stadt wird von preußischen Truppen belagert. Der 28-jährige Gustave Le Bon ist Arzt in einem Lazarett und muss miterleben, wie die Soldaten nicht nur aus Pflichtgefühl, sondern aus Begeisterung in den Krieg ziehen und zu großen Opfern bereit sind. Le Bon stellt sich die Fragen: Wie kommt es, dass sich Menschen für Ideen begeistern lassen, die sie kaum verstehen können? Warum lassen sie sich von politischen Strömungen blind mitreißen, hängen heute diesem und morgen jenem Anführer an, ohne nachzudenken? 25 Jahre später legte er seine Gedanken zu diesem Thema in seinem Hauptwerk Psychologie der Massen dar. Der heutige Leser mag Le Bons Abhandlung mit gemischten Gefühlen begegnen und sich an Begriffen wie „Rasse“ oder „Volksseele“ ebenso reiben wie an den zahlreichen unbegründeten, oft genug polemischen Behauptungen des Autors. Andererseits kann man Le Bon im Zeitalter der Massenmedien und der Massenkultur manchmal eine erstaunliche Treffsicherheit und Aktualität bescheinigen – einige seiner Analysen könnten auch aus dem 21. Jahrhundert stammen.

Take-aways

  • Mit seiner Psychologie der Massen begründete Gustave Le Bon die Massenpsychologie.
  • Le Bon geht davon aus, dass sich Menschen als Teil einer Masse anders verhalten als sonst.
  • Eine Masse entsteht, wenn sich Menschen zu einem bestimmten Zweck zusammenschließen.
  • Die Masse wird nicht vom Verstand bestimmt, sondern vom Unbewussten und von Gefühlen.
  • Daher ist die Intelligenz oder der Bildungsgrad ihrer Mitglieder für ihr Verhalten unerheblich – die Masse kann keine intelligenten Entscheidungen treffen.
  • Ein Mensch in der Masse ist enthemmt und neigt eher zu verbrecherischem Verhalten, aber auch zu Heroismus und Opferbereitschaft.
  • Bestimmend für das Verhalten der Masse sind Triebkräfte und Grundeinstellungen, die sich über Jahrhunderte hinweg in einer Kultur ausbilden.
  • Eine Masse braucht immer einen Führer. Dieser muss eine starke Ausstrahlung besitzen und gut reden können; Intelligenz ist nicht notwendig.
  • Auch Parlamente oder Wähler zeigen die Eigenschaften von Massen.
  • Daher haben Demokratien mit zahlreichen Problemen zu kämpfen, denn weder die Wähler noch die Politiker sind in der Lage, rationale Entscheidungen zu treffen.
  • Viele der Thesen Le Bons sind heute überholt, andere klingen überraschend aktuell.
  • Auf die Soziologie und Psychologie hatte das Werk großen Einfluss, es ist aber seit Ende des 20. Jahrhunderts zunehmend in die Kritik geraten.
 

Zusammenfassung

Die Eigenschaften der Masse

Alle Umbrüche in der Geschichte werden letztlich nicht von äußeren Ereignissen ausgelöst, sondern dadurch, dass die Masse der Bevölkerung ihre Einstellung ändert. Auch heute (Anmerkung von getAbstract: Ende des 19. Jahrhunderts) bahnen sich wieder Veränderungen dieser Art an, und es ist abzusehen, dass das kommende Zeitalter von den Massen bestimmt sein wird. Das ist aber ein kultureller Rückschritt. Die Bezeichnung „Masse“ bezieht sich nicht nur auf einfache und ungebildete Menschen. Eine Masse im psychologischen Sinn entsteht immer dort, wo sich Menschen zu einem bestimmten Zweck zusammenschließen. Unabhängig von diesem Zweck oder den Eigenschaften der Mitglieder, etwa Nationalität oder Bildungsgrad, sind die wesentlichen Merkmale einer Masse immer gleich.

„In der Gemeinschaftsseele verwischen sich die Verstandesfähigkeiten und damit auch die Persönlichkeit der Einzelnen. Das Ungleichartige versinkt im Gleichartigen, und die unbewussten Eigenschaften überwiegen.“ (S. 14)

Die Masse bildet eine Gemeinschaftsseele: Zugunsten einer gemeinsamen Haltung der Gruppe gibt der Einzelne seine Persönlichkeit und seine Meinung auf. Die Gruppe denkt, fühlt und handelt anders als jedes einzelne Mitglied. Das liegt daran, dass in der Masse weniger der Verstand als vielmehr die Gefühle und das Unbewusste zum Tragen kommen. In ihrer Intelligenz können Menschen sehr verschieden sein, aber in ihren Gefühlen sind sie sich ganz ähnlich, zumindest innerhalb eines Volkes. Da sich eine Masse von Gefühlen leiten lässt, kann sie keine besonders intelligenten Entscheidungen treffen. In der Masse bleibt der Einzelne anonym; deswegen neigt er dazu, Dinge zu tun, die er sonst nie tun würde. Er fühlt sich mächtiger als sonst und begeht dann Verbrechen, zu denen er allein nie den Mut hätte. Das Bewusstsein, Teil einer größeren Bewegung zu sein, enthemmt ihn. Wünsche und Haltungen übertragen sich in der Masse sehr leicht; die Wirkung ist mit Hypnose vergleichbar. Deshalb ist die Masse leicht zu beeinflussen; spontan und ohne nachzudenken reagiert sie auf äußere Reize. Da diese sich aber schnell ändern können, ist auch die Haltung der Masse sehr veränderlich.

„Wie viele Massen haben sich für Überzeugungen und Ideen, die sie kaum verstanden, heldenhaft hinschlachten lassen!“ (S. 36)

Massen neigen zu falschen Beobachtungen und kollektiven Halluzinationen. Das ist dadurch zu erklären, dass sich eine Masse oft in einer Erwartungshaltung befindet. Wenn dann ein Einzelner angeblich etwas beobachtet, überträgt sich seine Haltung auf die anderen, sodass alle glauben die gleiche Beobachtung zu machen – und keiner bemerkt, dass sie gar nicht zutrifft. Auf diese Weise lassen sich z. B. kollektive Heiligenvisionen erklären. So ist oftmals gerade das besonders unglaubwürdig, was viele Menschen beobachtet haben wollen. Das heißt aber auch, dass alle religiöse und geschichtliche Überlieferung nicht verlässlich ist. Statt der differenzierenden intellektuellen Auseinandersetzung kennt die Masse nur starke Gefühle; sie kann eine Haltung nur unbedingt annehmen oder ebenso unbedingt ablehnen. Sie möchte beherrscht werden und bevorzugt dabei die strengen Herrscher. Außerdem hält eine Masse gern am Althergebrachten fest und kann sich nur schwer für Veränderungen begeistern. In einer Demokratie sind deshalb technische Neuerungen und sonstige Fortschritte kaum durchzusetzen. Ebenso wie die Menschen als Teil einer Masse eher zu Verbrechen fähig sind, so sind sie unter einem entsprechenden Einfluss auch eher zur Aufopferung und zu Heldentaten bereit. Das gilt besonders, wenn es um Religion, um Ehre oder ums Vaterland geht. Alle Kriege und Kreuzzüge zeugen davon.

Die Idee als Religion

Die Masse kennt zwei Arten von Ideen: Grundideen und vorübergehende Ideen. Grundideen bilden sich über einen sehr langen Zeitraum in einer Zivilisation heraus, bestimmen das Handeln des Einzelnen und sind nur sehr schwer zu ändern. Darüber lagern sich kurzfristige Ideen, z. B. die Begeisterung für einen bestimmten Menschen, Ideen, die aus einer Situation heraus entstehen und ebenso rasch wieder verschwinden. Die Masse ist unkritisch und unlogisch. Schlussfolgerungen zieht sie aus Verallgemeinerungen und Analogien, aber nicht aus logischen Überlegungen. Deshalb ist sie von guten Rednern auch so leicht zu beeinflussen. Angetrieben wird sie von Bildern und Suggestionen; wer diese Mittel einsetzt, kann großen Einfluss ausüben. Ganz gleich, wofür die Massen sich begeistern, die Begeisterung nimmt immer Kennzeichen einer religiösen Haltung an: Sie ist mit blinder Unterwerfung, unkritischem Denken, übertriebener Hingabe und Fanatismus verbunden.

Wie Massenmeinungen entstehen

Woraus aber entstehen nun die Meinungen der Massen? Hier muss man zwischen mittelbaren und unmittelbaren Triebkräften unterscheiden. Erstere steuern die Grundhaltungen der Massen und bestimmen, welche Meinungen angenommen und welche abgelehnt werden. Mittelbare Triebkräfte sind:

  1. Rasse: Ein Mensch wird in seinen Grundanschauungen vor allem dadurch bestimmt, welcher Rasse und Kultur er angehört.
  2. Überlieferungen: Die Grundanschauungen eines Volkes bilden sich aus Überlieferung und Tradition. Ähnlich wie das Erbgut sind sie über einen langen Zeitraum entstanden, werden von Generation zu Generation weitergegeben und ändern sich nur sehr langsam.
  3. Zeit: Die Zeit ist aus zwei Gründen ein wichtiger Faktor. Erstens, weil alle Veränderungen in den Anschauungen der Massen viel Zeit brauchen, und zweitens, weil die Zeit die Bedingungen für Veränderungen festlegt – bestimmte Entwicklungen sind nur zu einem bestimmten Zeitpunkt möglich.
  4. Politische und soziale Einrichtungen: Auch sie gründen sich auf die Traditionen und Eigenschaften der Rasse. Daher ist es Unsinn, die Gesellschaft bzw. Regierungsform einfach mit Gesetzen ändern zu wollen. Früher oder später wird man doch zum Alten zurückkehren; wirkliche Veränderungen vollziehen sich nur ganz langsam. Aus diesem Grund ist auch das Ausarbeiten von Verfassungen nicht sinnvoll.
  5. Bildungswesen: Hier wird zu wenig Wert auf selbstständiges Denken und zu viel Gewicht auf bloßes Auswendiglernen gelegt. Die Folge: Die jungen Menschen sind nicht lebenstüchtig, sie haben nicht die Energie, selbst etwas mit ihrem Leben anzufangen. Mit der üblichen Ausbildung können sie lediglich irgendwo im öffentlichen Dienst arbeiten, wo allerdings nur wenige eine Stelle finden. Diejenigen, die zu kurz kommen, sind unzufrieden und neigen dazu, sich staatsfeindlichen Strömungen anzuschließen.
„Man erschrickt, wenn man bedenkt, welche Macht ein Mann, der sich mit einem Nimbus zu umgeben weiß, durch die Verbindung von starker Überzeugung mit außergewöhnlicher Beschränkung des Geistes erlangt.“ (S. 144)

Die unmittelbaren Triebkräfte, die Handlungen der Masse auslösen können, sind:

  1. Bilder und Worte: Massen werden vor allem von Bildern beeinflusst. Diese werden wiederum durch Worte heraufbeschwört. Daher müssen Politiker vor allem auf ihre Wortwahl achten. Wenn das Volk etwas ablehnt, eine Steuer etwa, kann man die Situation allein schon dadurch entschärfen, dass man für das Unangenehme einfach eine neue Bezeichnung wählt, die andere Bilder hervorruft.
  2. Täuschungen: Alle Völker werden von religiösen und philosophischen Täuschungen beherrscht. Wissenschaft und Philosophie können daran nichts ändern.
  3. Erfahrung: Sie ist das Einzige, was bei der Masse gegen Täuschung wirkt – und muss oft vielmals wiederholt werden, ehe sie wirkt.
  4. Gefühle: Vernunft wirkt nicht auf die Massen, sondern ihr Gegenteil: Die Masse wird nie durch logische Argumente überzeugt, man muss ihre Gefühle ansprechen.

Die Führerpersönlichkeiten

Wann immer sich Menschen zu einer Masse zusammenschließen, suchen sie sich einen Führer. Führer sind tatkräftige, von einer Idee beseelte Menschen mit einem starken Willen. Ihre Begeisterung kann an Wahnsinn grenzen – die Masse wird trotzdem auf sie hören. Führer sind in der Regel gute Redner. Sie beeinflussen die Masse zunächst dadurch, dass sie unbegründete Behauptungen aufstellen und diese so lange wiederholen, bis sie sich im Unbewussten der Masse festgesetzt haben. Mit diesem Prinzip arbeitet übrigens auch die Werbung. Aus Behauptung und Wiederholung bildet sich dann eine geistige Strömung, und wie durch Ansteckung überträgt sich die Idee in der Masse immer weiter. Ein Führer muss einen Nimbus besitzen, d. h. eine besondere Ausstrahlung, mit der er die Masse fesselt. Häufig anzutreffen sind Menschen mit einem erworbenen Nimbus: Sie werden verehrt, weil sie durch Herkunft oder Erfolg besonderes Ansehen besitzen. Es gibt aber auch Menschen, die unabhängig von Rang oder Bildung einen persönlichen Nimbus haben, mit dem sie andere Menschen beeinflussen. Zu ihnen gehören viele Religionsstifter oder einflussreiche politische Führer, z. B. Napoleon Bonaparte. Ein Nimbus verschwindet, sobald er infrage gestellt und diskutiert wird bzw. wenn sein Träger keinen Erfolg mehr hat.

Grundanschauungen und Meinungen

Zu allen Zeiten besitzen die unterschiedlichen Völker feste Grundanschauungen und wechselnde Meinungen. Auf die Grundanschauungen stützt sich die Kultur eines Volks, sie sind schwer zu verändern, höchstens durch eine Revolution. Diese Anschauungen werden selbst von den Intellektuellen nicht infrage gestellt. Das mag, von außen betrachtet, als Dummheit erscheinen, hat aber seinen Sinn: Grundanschauungen geben der Gesellschaft ihren Zusammenhalt. Wenn sie sich wandeln, dann verändert sich auch die Kultur, und bis diese Umwandlung abgeschlossen ist, herrscht in einer Gesellschaft Anarchie. Auf der Basis der Grundanschauungen hat die Masse veränderliche Meinungen, die nur für kurze Zeit bestehen. Was den Grundanschauungen widerspricht, kann sich nicht lange halten.

„Aus der Barbarei von einem Wunschtraum zur Kultur geführt, dann, sobald dieser Traum seine Kraft eingebüßt hat, Niedergang und Tod – in diesem Kreislauf bewegt sich das Leben eines Volkes.“ (S. 153)

Verschiedene Arten von Massen

  • Eine verbrecherische Masse besteht aus Menschen, die – z. B. während einer Revolution – kriminelle Handlungen begehen. Die Bezeichnung ist allerdings irreführend. Denn die einzelnen Mitglieder einer solchen Masse stehen unter einem starken äußeren Einfluss und sind sich deshalb nicht bewusst, etwas Böses zu tun, sondern im Gegenteil noch der Meinung, eine besondere Heldentat zu vollbringen.
  • Deutliche Merkmale einer Masse zeigen auch die Beisitzer eines Schwurgerichts. Untersuchungen haben gezeigt, dass der Bildungsgrad der Geschworenen keinen Einfluss auf die Entscheidungen des Gerichts hat. Denn als Masse lassen sie sich – anders als z. B. ein Richter – nicht vom Verstand, sondern von ihren Gefühlen leiten und sind dadurch leicht zu beeinflussen. Eine logische Beweisführung spielt bei der Entscheidungsfindung keine Rolle. So kann jemand, der die Gefühle der Geschworenen anspricht, auch mit einem milden Urteil rechnen.
  • Auch die Wähler sind eine Masse und als solche nicht zu kritischem Denken fähig. Deshalb kommt es bei Bewerbern um politische Ämter nicht auf ihre Fähigkeiten an. Stattdessen müssen sie unbedingt die Kennzeichen eines Führers besitzen, sie brauchen einen Nimbus. Sie müssen nicht argumentieren können, aber in der Lage sein, ihre Ansichten mit Behauptung und Wiederholung durchzusetzen. Wichtig sind nicht Fakten, sondern Versprechungen – diese werden später sowieso nicht überprüft. Da sich die Demokratie statt auf die Vernunft auf die Meinung der wankelmütigen Massen stützt, ist sie sicher keine optimale Staatsform. Aber das Streben nach Demokratie ist schon zu einem festen Glaubenssatz geworden, den man ebenso wenig ändern kann wie die religiösen Glaubenssätze des Mittelalters. Ganz abgesehen davon würde es auch nichts nutzen, nur den Gebildeten ein Wahlrecht zu geben – als Wähler verhalten auch sie sich wie jede andere Masse.
  • Kennzeichen einer Masse zeigen außerdem Versammlungen von Parlamentariern. Auch sie sind einseitig in ihren Meinungen und leicht zu beeinflussen. Parlamentarier werden von zwei Seiten beeinflusst: von den politischen Führern und von der Angst vor den Wählern. Eine parlamentarische Regierung ist in doppelter Hinsicht gefährlich: Erstens, weil sie dazu neigt, Geld zu verschwenden, nur um den Wähler für den Moment zufriedenzustellen. Zweitens, weil sie durch immer mehr Gesetze und Regelungen die persönliche Freiheit des Einzelnen zunehmend einschränkt, bis die Bürger passiv und antriebslos geworden sind und der Staat alle Initiative übernehmen muss.

Die Entwicklung einer Kultur

Wenn man die Entwicklung von Kulturen beobachtet, so ist immer der gleiche Zyklus erkennbar: Zuerst findet sich ein Volk aus Menschen unterschiedlicher Herkunft zusammen. Es trägt alle Merkmale einer Masse. Mit der Zeit vermischen sich die Unterschiede, eine Rasse bildet sich aus. Wenn sie ein gemeinsames Ziel, z. B. einen Glauben, findet, so blüht eine neue Kultur auf. Irgendwann verblasst dieses Ideal wieder, und die Kultur beginnt zu altern. Mit der Zeit zerfällt sie ganz, ihre Mitglieder werden wieder zu egoistischen Einzelwesen ohne Zusammenhalt. Dies ist das Schicksal eines jeden Volkes.

Zum Text

Aufbau und Stil

Gustave Le Bon hat seine Psychologie der Massen stark gegliedert: Das nur 150 Seiten umfassende Werk ist in drei Bücher unterteilt, die sich wiederum aus mehreren Kapiteln und Paragrafen zusammensetzen. Inhaltlich ist das Buch allerdings weniger stringent, der Autor neigt dazu, seine Thesen öfters zu wiederholen. Überhaupt sind Thesen und Behauptungen das zentrale Merkmal des Textes. Genaue Herleitungen oder Beweise liefert Le Bon dagegen kaum, stattdessen führt er etliche historische Fallbeispiele an, vor allem aus der Zeit der Französischen Revolution und Napoleons. Manchmal begründet er seine Aussagen mit Zitaten, ohne jedoch eine genaue Quelle anzugeben. So polemisiert Le Bon durchaus heftig gegen Parlamente und stützt sich dabei auf Zeugen, die er noch nicht einmal namentlich nennen kann oder will. Beim Lesen drängt sich mitunter der Eindruck auf, der Autor habe versucht, seine eigene Theorie umzusetzen und die Masse der Leser mit unbegründeten Behauptungen und deren Wiederholung zu beeinflussen. Dazu passt der bissige, polemische Stil. Negativ wirkt heute auch Le Bons Wortschatz. Für ihn ist es selbstverständlich, Menschen unterschiedlichen Völkern und Rassen zuzuordnen und davon auch ihre Eigenschaften und Fähigkeiten abzuleiten; ebenso selbstverständlich spricht er von „Entartung“ oder der „Volksseele“. Der heutige Leser fühlt sich dabei bedenklich an die Rhetorik der Nationalsozialisten erinnert – die ja auch die Methode der Massenbeeinflussung so perfektionierten, dass man glauben könnte, Le Bons Werk habe ihnen als Lehrbuch gedient.

Interpretationsansätze

  • Le Bons Arbeit stützt sich auf die Grundthese, dass sich der Mensch als Teil einer Masse anders verhält als sonst – eine Beobachtung, die auch heute noch jeder leicht nachvollziehen kann; man denke nur an das Verhalten von Menschen in Fußballstadien oder bei Parteiversammlungen.
  • Allerdings werden Erklärungen und Begriffe verwendet, die aus heutiger Sicht eher unwissenschaftlich oder esoterisch anmuten. Das gilt für die Vorstellung einer „Massenseele“ ebenso wie für die Annahme, dass auch Meinungen und Geisteskrankheiten ansteckend sind und diese sich in der Masse wie Infektionskrankheiten übertragen.
  • Le Bon hat ein grundsätzlich negatives Bild von der Masse, er sieht sie als eine niedere Entwicklungsstufe bzw. als Produkt kultureller Degeneration an. Entsprechend ist er ein Gegner von Massenbewegungen wie dem Sozialismus und der Demokratie, aber auch der Religion.
  • Gleichwohl sagt er ein Massenzeitalter als unausweichlich voraus. Le Bon kann keine Alternative zu den modernen Massenstrukturen benennen und gesteht ein, dass gemeinsame Grundideen für den Zusammenhalt einer Gesellschaft notwendig sind.
  • Viele seiner Thesen wirken in der heutigen Zeit, in der Individualität eine große Rolle spielt und Demokratie selbstverständlich ist, exotisch und überholt. Manches ist dagegen überraschend modern: Le Bons Analyse der Gefahren in einer Demokratie – wie Verschuldung oder Überregulierung – beschreibt die aktuelle Lage in vielen demokratischen Staaten recht genau.
  • Mit fast prophetischer Klarheit stellt der Autor gesellschaftliche Phänomene und Gefahren dar, wie sie knapp 40 Jahre später im Nationalsozialismus Wirklichkeit werden sollten: die Verführung eines ganzen Volkes durch einen Demagogen.
  • Woran Le Bon nicht gedacht hat, ist das Massenverhalten an den Finanzmärkten (Börsencrashs), das selbst hochgebildete Menschen an den Tag legen.

Historischer Hintergrund

Das Jahrhundert der Revolutionen

Mit der Französischen Revolution 1789 wurde in Frankreich die absolutistische Monarchie beseitigt. Die folgenden Jahre waren von heftigen politischen Unruhen geprägt; das Streben nach einem demokratischen Staat schlug bald in blutigen Terror um, der unzählige Menschen das Leben kostete. Zugleich war das Land immer wieder in Kriege verwickelt. Bald verwandelte sich der Staat unter der Herrschaft Napoleon Bonapartes in eine Militärdiktatur. 1804 ließ dieser sich gar zum Kaiser krönen. Nach dem Sturz Napoleons kehrte 1814 mit Ludwig XVIII. ein Bourbone auf den Kaiserthron zurück. Bereits im März 1815 wurde er wiederum von Napoleon vertrieben, der sich jedoch schon im Juni nach der Schlacht bei Waterloo endgültig geschlagen geben musste. 15 Jahre dauerte nun die Herrschaft der Bourbonen – bis zur Julirevolution 1830. Nach Aufständen in Paris wurde Karl X. zur Abdankung gezwungen und Ludwig Philipp I., Herzog von Orléans, zum König ernannt. Im Februar 1848 brach in Paris erneut eine Revolution aus, wieder mit verheerenden Folgen: Unruhen, Terror, Hinrichtungen, politische Instabilität. Erst unter der autoritären Herrschaft von Kaiser Napoleon III., der ab 1852 regierte, war dem Land eine Phase der Ruhe vergönnt. Sie endete 1870 mit dem Krieg gegen Preußen: Napoleon III. wurde gefangen genommen und Frankreich wurde wieder zur Republik. 1871, noch vor Ende des Krieges, gelangten im Aufstand der Pariser Kommune die Kommunisten und Sozialisten an die Macht, die Erhebung wurde jedoch niedergeschlagen. In der Dritten Republik ab 1875 blieb die politische Lage grundsätzlich stabil, die Auseinandersetzungen zwischen Sozialisten, Nationalisten und Monarchisten zogen sich jedoch noch über die folgenden Jahrzehnte hin. So sah Frankreich innerhalb eines Jahrhunderts vier Revolutionen; die Menschen lebten mit Terror und Unterdrückung. Verschärft wurde die instabile politische Lage durch die gesellschaftlichen Umwälzungen in Europa: Mit der zunehmenden Industrialisierung kam es zur Verarmung breiter Bevölkerungsschichten und zur Bildung eines Industrieproletariats.

Entstehung

Als Gustave Le Bon 1895 seine Abhandlung über die Massenpsychologie veröffentlichte, konnte er auf reiches Anschauungsmaterial zurückgreifen: Seit über 100 Jahren wurde Frankreich von Revolutionen und politischen Unruhen erschüttert. Die Revolution von 1848 und die Pariser Kommune 1871 hatte er selbst miterlebt, auch im Krieg zwischen Frankreich und Preußen 1870/71 war er als Arzt hautnah dabei. Le Bon kannte die Menschen als eine Masse, die sich bedenkenlos zu den grausamsten Verbrechen hinreißen lässt und bereitwillig und blind einem starken Führer folgt. Zugleich machte er die Erfahrung, dass alle Versuche, eine demokratische Staatsform zu etablieren, früher oder später in Anarchie endeten, dass aber ein starker politischer Führer zumindest vorübergehend für Stabilität sorgen konnte.

Bücher zur Massenpsychologie hatten vor Le Bon bereits die Kriminologen Gabriel Tarde (Die Gesetze der Nachahmung, 1890) und Scipio Sighele (Die verbrecherische Masse, 1891) veröffentlicht. Le Bon griff die Ideen dieser Arbeiten auf und verband sie mit seinen eigenen völkerkundlichen Forschungen. Daneben flossen aktuelle wissenschaftliche Entdeckungen in das Werk ein. Mit den Forschungsarbeiten von Louis Pasteur und Robert Koch war erst wenige Jahre zuvor der Nachweis gelungen, dass manche Krankheiten durch Erreger übertragen werden. Auch Gregor Mendels Entdeckungen im Bereich der Vererbungslehre lagen erst 30 Jahre zurück. Daneben keimte in jenen Jahren das Interesse an der Psychologie und besonders am Unbewussten auf; das Phänomen der Hypnose zog die Menschen in seinen Bann. Le Bon griff die neuen Erkenntnisse auf und versuchte, sie für seine Untersuchung der Massenpsychologie fruchtbar zu machen.

Wirkungsgeschichte

Psychologie der Massen, das Hauptwerk Gustave Le Bons, entfaltete im ersten Drittel des 20. Jahrhunderts eine starke Wirkung. Frühere Forschungen zum Thema Massenpsychologie waren weitgehend unbeachtet geblieben, aber Le Bons provokante Thesen wurden weltweit bekannt und hatten großen Einfluss auf die weitere Entwicklung der noch jungen wissenschaftlichen Disziplinen Psychologie und Soziologie. Zu Recht gilt der Autor als Begründer der Massenpsychologie. Kein Geringerer als Sigmund Freud sollte die Thematik einige Jahrzehnte später in seinen Arbeiten wieder aufgreifen, z. B. in Massenpsychologie und Ich-Analyse (1921). Mit dem Thema Masse setzten sich auch der spanische Philosoph José Ortega y Gasset (Der Aufstand der Massen, 1929) und der Schriftsteller Elias Canetti auseinander, Letzterer speziell in seinem Werk Masse und Macht (1960). Seiner Meinung nach hatten weder Gustave Le Bon noch Sigmund Freud das Phänomen adäquat erfasst. Le Bons Thesen beeinflussen die Soziologie und Medienwissenschaft bis heute, z. B. bei Forschungen zur öffentlichen Meinung. Allerdings sind sie in den vergangenen Jahrzehnten auch in die Kritik geraten. So kam der amerikanische Soziologe Clark McPhail vor einigen Jahren in The Myth of the Madding Crowd (1991) zu einem Le Bon entgegengesetzten Ergebnis, nämlich dass sich das Verhalten von Menschen als Einzelnen oder als Teil einer Masse nicht grundsätzlich unterscheidet. Neuere empirische Forschungen, z. B. ein Experiment von Philip R. Laughlin aus den 70er Jahren, scheinen Le Bons Thesen ebenfalls zu widersprechen: Die Wahrscheinlichkeit, dass eine Gruppe einen schwierigen Intelligenztest löste, war wesentlich größer als diejenige, dass dasselbe einer Einzelperson gelang.

Über den Autor

Gustave Le Bon wird am 7. Mai 1842 in Nogent-le-Rotrou im Nordwesten Frankreichs geboren. Er studiert Medizin, wendet sich aber immer mehr auch anderen wissenschaftlichen Gebieten zu, wie der Psychologie, der Anthropologie, der Archäologie und der Philosophie. Vor allem beschäftigt er sich mit völkerkundlichen Studien und Schädelmessungen: Dem Geist der damaligen Zeit entsprechend versucht er den Nachweis zu erbringen, dass zwischen Schädelgröße und Intelligenz ein Zusammenhang besteht. Damit ist er allerdings ebenso erfolglos wie mit seinen Untersuchungen von Intelligenzunterschieden bei verschiedenen Menschenrassen. Aber die Frage nach Unterschieden zwischen einzelnen Völkern, die Entwicklung von Völkern und Kulturen wird sein ganzes Leben bestimmen. Er unternimmt weite Reisen, u. a. nach Indien, um fremde Kulturen zu erforschen. Er kommt zu der Erkenntnis, dass eine Kultur bestimmte Entwicklungsstadien durchläuft und dass nach einer Blüte unweigerlich Zerfall, Elend und Anarchie folgen. Daneben durchzieht die Auseinandersetzung mit Religionen und der Französischen Revolution sein Werk. Seine Entwicklung und die Bandbreite seiner Forschungen spiegelt sich auch in seinen Veröffentlichungen: Nach völkerkundlichen Schriften wie Die Kulturen Indiens (1887) und Die Kunstdenkmäler Indiens (1891) wendet er sich mehr der Psychologie und Philosophie zu: Auf Die psychologischen Gesetze der Völkerentwicklung (1894) folgen Werke wie Die Psychologie des Sozialismus (1898), Die Französische Revolution und die Psychologie der Revolutionen (1903), Die Evolution der Kräfte (1907) und Die psychologischen Lehren des europäischen Krieges (1916). Gustave Le Bon stirbt am 15. Dezember 1931 in Paris.


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