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Iwan Turgenjew
VÀter und Söhne
Insel Verlag, 2007
Was ist drin?
Die berĂŒhmtesten Nihilisten der Weltliteratur legen sich mit ihren VĂ€tern an: russischer Realismus der ersten Stunde.
- Gesellschaftsroman
- Realismus
Worum es geht
Nihilismus und Liebe
âSehen Sie nur, was Ihre Nihilisten anrichten! Sie brennen St. Petersburg nieder!â â Als Turgenjew 1862 nach der Veröffentlichung seines Romans erstmals in die von Unruhen geplagte Stadt zurĂŒckkehrte, musste er sich schwere VorwĂŒrfe gefallen lassen. Den Begriff âNihilistâ hatte der Autor selbst geprĂ€gt. In VĂ€ter und Söhne wird die Figur des Jewgenij Basarow damit bezeichnet. Basarow, ein junger Mediziner, wird von seinem Freund Arkadij zu einer Reise in die Provinz eingeladen und gerĂ€t dort mit der VĂ€tergeneration aneinander. Kein Prinzip ist ihm heilig, alle Werte und Normen will er aufgeben, um Platz fĂŒr Neues zu schaffen. Er duelliert sich mit Arkadijs adligem Onkel Pawel, entbrennt trotz seines nĂŒchternen GemĂŒts in heftiger Liebe zur schönen Anna Odinzowa und lernt eine Instanz kennen, die selbst ein RevolutionĂ€r nicht verneinen kann: den Tod. Turgenjew handelte sich mit dem Roman den Ărger vieler Landsleute ein und verbrachte groĂe Teile seines Lebens unversöhnt im Ausland. Dennoch wurde VĂ€ter und Söhne zu einem Klassiker des russischen Realismus. Der Begriff des Nihilismus ging nicht nur in die Literaturgeschichte, sondern auch in das philosophische Vokabular und in den tĂ€glichen Sprachgebrauch ein.
Take-aways
- VÀter und Söhne machte Turgenjew zu einem der wichtigsten Vertreter des russischen Realismus neben Dostojewski und Tolstoi.
- Der Begriff âNihilismusâ wurde durch den Roman international bekannt.
- Hauptfigur ist der junge Arkadij, der nach dem Studium in Begleitung seines Freundes Basarow auf das Landgut seines Vaters Kirsanow zurĂŒckkehrt.
- Basarow ist Nihilist: Er lehnt AutoritĂ€ten und gesellschaftliche Normen ab, wie ĂŒberhaupt alles, was er nicht selbst fĂŒr gut befunden hat.
- Mit Arkadijs Onkel Pawel, einem alten Aristokraten, gerÀt Basarow so sehr in Streit, dass es zum Duell kommt.
- Obwohl Basarow die Liebe als ĂŒberflĂŒssige SentimentalitĂ€t abtut, verfĂ€llt er der schönen Anna Odinzowa.
- Er macht ihr einen Antrag, aber sie gibt ihm einen Korb.
- Basarow mÀkelt ununterbrochen an Arkadij und dessen Familie herum; die Freunde entzweien sich.
- Arkadij heiratet Anna Odinzowas Schwester, bleibt auf dem Landgut und schlÀgt sich damit wieder auf die Seite seines Vaters.
- Basarow infiziert sich wegen eines dummen Zufalls mit Typhus und stirbt jung.
- Bei seinem Erscheinen 1862 wurde der Roman sowohl von radikalen âWestlernâ als auch von konservativen Slawophilen heftig kritisiert.
- Beide Seiten warfen Turgenjew vor, von ihm verunglimpft zu werden. Er wanderte nach Mitteleuropa aus.
Zusammenfassung
ZurĂŒck im Haus des Vaters
Nikolai Petrowitsch Kirsanow wuchs als Sohn eines Generals in der russischen Provinz auf und studierte in St. Petersburg. Er fĂŒhrte eine harmonische Ehe mit seiner Frau Mascha, die jedoch frĂŒh verstarb. Kirsanow kĂŒmmerte sich um den geliebten Sohn Arkadij, schickte ihn zum Studium ebenfalls nach St. Petersburg und lebte dort sogar vorĂŒbergehend mit ihm zusammen. Dann musste er aufs Land zurĂŒck, um sich um sein Gut zu kĂŒmmern. Nun, im Mai 1859, hat Arkadij sein Studium beendet, und Kirsanow sitzt aufgeregt vor einem Gasthof: Er erwartet die Ankunft seines Sohnes.
â(...) ein Nihilist ist ein Mensch, der sich vor keiner AutoritĂ€t beugt, der ohne vorgĂ€ngige PrĂŒfung kein Prinzip annimmt, und wenn es auch noch so sehr im Ansehen steht.â (Arkadij, S. 36)
Arkadij kommt in Begleitung seines Studienfreundes Jewgenij Wassiljew Basarow, eines Mediziners, der sich zunĂ€chst ziemlich schroff gibt. Die drei MĂ€nner fahren weiter zum Landsitz Kirsanows. Der Vater erzĂ€hlt Arkadij von den jĂŒngsten VerĂ€nderungen auf dem Gut. Er hat Probleme mit den Bauern: Nachdem er sie aus der Leibeigenschaft befreit hat, wollen sie nun ihre Abgaben nicht zahlen. Arkadij ist auf dem Gut geboren, verkĂŒndet zur Ăberraschung seines Vaters aber, dass ihm seine Herkunft egal sei und er sich dem Ort nicht weiter verbunden fĂŒhle. Auch ein anderes Thema kommentiert der Sohn unerwartet gleichgĂŒltig: Der Vater gesteht verschĂ€mt, die junge Magd Fenitschka zu sich ins Haus genommen zu haben, aber Arkadij scheint deswegen keinerlei moralische Bedenken zu haben. Beim gemeinsamen Essen auf dem Gut ist auch Kirsanows Bruder Pawel Petrowitsch anwesend. Der ehemalige Offizier ist vom ersten Augenblick an wenig angetan von Arkadijs Freund Basarow, der seinerseits den eleganten und am englischen Adel orientierten Pawel fĂŒr ein Relikt der Vergangenheit hĂ€lt.
Kunst vs. Wissenschaft
Am nĂ€chsten Morgen ist Basarow vor allen anderen wach. Er wandert zu einem Teich und fĂ€ngt einige Frösche, die er zu Forschungszwecken sezieren will. Arkadij frĂŒhstĂŒckt mit seinem Vater. Obwohl Fenitschka aus der Arbeiterschicht stammt, begegnet Arkadij ihr betont freundlich und ergötzt sich am kleinen Mitja, dem Sohn, den sein Vater mit der Magd hat. Pawel Petrowitsch gesellt sich zu ihnen und erkundigt sich nach Basarow. Arkadij erklĂ€rt, sein Freund sei ein Nihilist, der ohne vorherige PrĂŒfung kein Prinzip auf der Welt akzeptieren könne. Dem traditionsverbundenen Pawel ist das sofort suspekt.
âEin guter Chemiker ist zwanzigmal nĂŒtzlicher als der beste Poet.â (Basarow, S. 42)
Von seinem Spaziergang zurĂŒck, setzt sich Basarow zu den anderen und bedient sich groĂzĂŒgig am Samowar. Es dauert nicht lange, und Pawel fĂŒhlt sich von der respektlosen Art und den Thesen Basarows provoziert. WĂ€hrend er selbst groĂe StĂŒcke auf Schiller und Goethe hĂ€lt, verachtet Basarow alle Kunst und interessiert sich ausschlieĂlich fĂŒr die Wissenschaft. Nachdem Pawel und Kirsanow den FrĂŒhstĂŒckstisch verlassen haben, erzĂ€hlt Arkadij die Geschichte seines Onkels, der sehr unglĂŒcklich sei, da er sein Leben lang seiner unerfĂŒllten Liebe zur FĂŒrstin R. nachgetrauert habe. Man dĂŒrfe deshalb, so Arkadij, nicht allzu streng mit ihm umgehen. Basarow findet das romantische LiebesverstĂ€ndnis des Onkels lĂ€cherlich und altbacken.
Schlagabtausch
Zwei Wochen spĂ€ter haben sich die meisten Hausbewohner an den eigenwilligen Gast gewöhnt. Als Arkadij allerdings auf Basarows Anweisung den romantischen Puschkin-Roman seines Vaters mit einem modernen Buch von BĂŒchner vertauscht, ist der Vater verunsichert. Er hat sich eigentlich fĂŒr fortschrittlich gehalten und viel gelesen, um am Puls der Zeit zu bleiben. Trotz der ErnĂŒchterung ĂŒberwirft sich Kirsanow aber nicht mit seinem Sohn, sondern vermutet hinter den unterschiedlichen Ansichten lediglich den ĂŒblichen Generationskonflikt.
ââDein Vater ist ein guter Kerlâ, antwortete Basarow, ,allein er ist reif fĂŒr die Rumpelkammer, er hat abgedankt, sein Lied ist zu Ende.ââ (S. 68)
Pawel ist Basarow unverĂ€ndert ein Dorn im Auge. Eines Abends beim Tee kommt es zum offenen Schlagabtausch: Pawel lobt aristokratische Prinzipien wie PflichtgefĂŒhl und Geschichtsbewusstsein. Basarow, der sich selbst als Nihilist bezeichnet, sieht darin nur hohle Begriffe. Er verneint alles Vorhandene â um, wie er sagt, Platz fĂŒr Neues zu schaffen. Arkadij mischt sich aufgeregt in das GesprĂ€ch ein und formuliert die moralische Grundlage des Nihilismus: Allein weil die Jugend die Kraft dazu habe, sei sie auch dazu berechtigt, die alte Welt einzureiĂen. Pawel wirft Basarow vor, dass er lediglich zerstöre, aber nichts Neues schaffe. Dem hĂ€lt Basarow entgegen, dass auch Aristokraten wie Pawel vollkommen nutzlos fĂŒr die Gesellschaft seien. Pawel bezeichnet Basarow als einen gefĂ€hrlichen SchwĂ€tzer. Da der Nihilist alle Werte und alle Bildung verneine, schlössen sich ihm junge Menschen wie Arkadij an, um sich unter dem Deckmantel der neuen Geisteshaltung vor der Arbeit zu drĂŒcken. Basarow wiederum glaubt, das Pawel nur aus Nostalgie an den alten Werten festhalte.
Die schöne Frau Odinzowa
Arkadij und Basarow reisen in die Stadt X und besuchen dort Kirsanows Vetter Matwej Iljitsch Kojasin, der sie zum Ball des Gouverneurs einlĂ€dt. Dort fordert Arkadij die schöne Anna Odinzowa zum Tanz auf. Die unterkĂŒhlte Frau macht ihn nervös, er verhĂ€lt sich wie ein kleiner Schuljunge, schwĂ€rmt ihr aufgeregt von seinem Freund Basarow vor â und weckt damit ihr Interesse. Sie lĂ€dt die beiden in ihr Hotelzimmer ein.
ââUnser Handeln bestimmt nur die RĂŒcksicht auf das NĂŒtzliche, das heiĂt auf das, was wir fĂŒr nĂŒtzlich erkennenâ, fĂŒgte Basarow hinzu; ,heutzutage scheint es uns nĂŒtzlich, zu verneinen, und wir verneinen.ââ (S. 74)
Anna Odinzowa stammt aus einer ehemals wohlhabenden Petersburger Familie, ist nach dem Bankrott ihres Vaters jedoch in einfachen VerhĂ€ltnissen in der Provinz aufgewachsen. Durch ihre Heirat mit einem reichen Mann und dessen frĂŒhen Tod zu einem kleinen Vermögen gekommen, kann sie nun ein unabhĂ€ngiges Leben fĂŒhren. Sie ist selbstbewusst und freiheitsliebend; das GerĂŒcht, sie sei mit unlauteren Mitteln an ihr Geld gekommen, stört sie nicht weiter. Bei dem Treffen in ihrem Hotelzimmer ist Basarow sofort von ihr angetan und zur Ăberraschung Arkadijs wesentlich redseliger als gewöhnlich. Anna Odinzowa zeigt auch ein gewisses Interesse an Basarow, bleibt aber souverĂ€n und zurĂŒckhaltend. Am Ende des Treffens lĂ€dt sie die beiden Freunde auf ihren Landsitz nach Nikolskoje ein.
â(...) der schlechteste Schmierer von einem Schildermaler, un barbouilleur, der elendeste Fiedler, der um fĂŒnf Kopeken den ganzen Abend Polkas und Walzer spielt, sind nĂŒtzlicher als ihr (...).â (Pawel, S. 78)
Der Nihilist verliebt sich In Nikolskoje sind Arkadij und Basarow beeindruckt von Anna Odinzowas feudalem Anwesen. Basarow hĂ€lt sich mit den fĂŒr ihn sonst typischen nihilistischen Provokationen zurĂŒck und spricht mit der Gastgeberin brav ĂŒber Botanik. Erst als die neugierige Frau ihn ausdrĂŒcklich zu einem StreitgesprĂ€ch auffordert, erklĂ€rt er sein Menschenbild, dem zufolge sich gute und böse, dumme und kluge Menschen nicht weiter voneinander unterscheiden als die BĂ€ume im Wald. Basarow und Anna ziehen sich zurĂŒck, und der eifersĂŒchtige Arkadij muss mit ihrer erst 18-jĂ€hrigen Schwester Katja vorliebnehmen. Als diese ihm aber auf dem Klavier ein StĂŒck von Mozart vorspielt, ist sein Interesse geweckt.
âDahin also ist es mit unserer Jugend gekommen! Das sind unsere Nachfolger!â (Pawel, S. 81)
Die beiden Freunde bleiben fĂŒr zwei Wochen in Nikolskoje. Basarow muss sich schlieĂlich eingestehen, dass ausgerechnet er, der jede Romantik als alberne GefĂŒhlsduselei verachtet, sich Hals ĂŒber Kopf verliebt hat. Anna Odinzowa legt Wert auf Ordnung und Ruhe in ihrem Leben. Sie erklĂ€rt, dass sie sich nur der vorĂŒbergehenden Abwechslung wegen auf einen anderen Menschen einlassen könnte. Trotzdem hĂ€lt es Basarow nicht mehr lĂ€nger aus: Er gesteht ihr seine GefĂŒhle â und wird prompt abgewiesen. Schlecht gelaunt zieht er sich auf sein Zimmer zurĂŒck und reagiert wenig freundschaftlich auf Arkadijs Nachfragen. Missmutig brechen die beiden auf, um Basarows Eltern zu besuchen.
Kurzbesuch bei den Eltern
Basarows Mutter empfĂ€ngt ihren Sohn mit FreudentrĂ€nen und unzĂ€hligen Umarmungen. Der Vater entschuldigt sich fĂŒr die Ă€rmliche Einrichtung des Hauses und verweist nervös auf seine Fortschrittlichkeit: Wie Arkadijs Vater hat er seine Bauern aus der Leibeigenschaft freigegeben. Nach einem einfachen, aber reichhaltigen Essen wĂŒrde der Vater gern mit seinem Sohn plaudern, aber der junge Basarow, noch immer mĂŒrrisch wegen Anna Odinzowas ZurĂŒckweisung, hat keine Lust auf eine Unterhaltung.
â,Ein wunderbarer Körper!â, erwiderte Basarow. ,Welches Prachtexemplar fĂŒr einen Sektionstisch!ââ (Basarow ĂŒber Anna Odinzowa, S. 113)
Am nĂ€chsten Morgen schwĂ€rmt Arkadij dem stolzen Vater von den groĂen Dingen vor, die Basarow in seinem Leben noch leisten werde. Doch sein ĂŒberschwĂ€ngliches Lob kann nicht darĂŒber hinwegtĂ€uschen, dass die Freundschaft zwischen den beiden jungen MĂ€nnern Schaden genommen hat. Basarow ist verbittert und negativ wie noch nie. Als Arkadij seine hasserfĂŒllte Weltsicht fĂŒr einmal nicht nachvollziehen kann, muss er sich vorwerfen lassen, er Ă€hnele seinem spieĂigen Onkel Pawel. Nur das Auftauchen des Vaters verhindert, dass es zur SchlĂ€gerei kommt. Basarow langweilt sich und will bereits nach drei Tagen wieder abreisen. Seinen Eltern bricht er damit fast das Herz.
Das Duell
Arkadij hat Mitleid mit Basarows Eltern, was die Stimmung zwischen den beiden Freunden nicht verbessert. Sie fahren zurĂŒck zum Landgut von Arkadijs Vater, der Ărger mit seinen faulen, rebellischen Bauern hat. Die Polizei will er aber als ĂŒberzeugter Liberaler nicht zu Hilfe rufen. Arkadij denkt stĂ€ndig an Nikolskoje und bricht schlieĂlich allein zu einem weiteren Besuch auf. Zu seiner Freude wird er von Katja herzlich begrĂŒĂt.
âEin einziges Menschenexemplar genĂŒgt, um alle andern zu beurteilen. Die Menschen sind wie die Birken des Waldes; keinem Botaniker wird es einfallen, jedes Exemplar besonders zu studieren.â (Basarow, S. 119)
In Arkadijs Abwesenheit nĂ€hert sich Basarow der Magd Fenitschka, Kirsanows Geliebter, an. Sie hat den Aristokraten zwar gern, fĂŒhlt sich aber in Gegenwart des bodenstĂ€ndigen Nihilisten wohler. Basarow gibt ihr im Garten einen Kuss und wird dabei ausgerechnet von Pawel beobachtet. Dieser fordert ihn umgehend zum Duell auf. Basarow kann das dramatische Prozedere nur ironisch witzelnd hinter sich bringen â aber wĂ€hrend Pawel ihn verfehlt, trifft sein Schuss den Ălteren ins Bein. Basarow, der wie Pawel noch einen Schuss guthĂ€tte, unterbricht das Duell, lĂ€sst Pawel besorgt ins Haus bringen und dort verarzten.
âEs gibt keine GrundsĂ€tze. Hast du denn das bis jetzt noch nicht gewusst? Es gibt nur Sensationen. Alles hĂ€ngt von Sensationen ab.â (Basarow zu Arkadij, S. 181)
Pawel ist beeindruckt von der noblen Geste des Nihilisten. Er erkennt im Fieberwahn auf dem Krankenbett, dass er nur aus Eifersucht auf das Duell bestanden hat: Die Magd Fenitschka erinnert ihn an seine groĂe Liebe, die FĂŒrstin R. Er ruft seinen Bruder Nikolai zu sich und ĂŒberzeugt ihn, Fenitschka ĂŒber alle Konventionen hinweg zu ehelichen.
Endlich ein glĂŒckliches Paar
Arkadij und Katja sitzen auf einer Bank im Garten und reden ĂŒber Heinrich Heine. Katja, die Basarow nicht mag, ist der Meinung, dass Arkadij im Grunde ein poetischer Mensch sei und sich immer habe verbiegen mĂŒssen, um dem Nihilisten zu gefallen. Sie glaubt, Arkadij werde den schlechten Einfluss bald abgeschĂŒttelt haben. Katja weiĂ von seiner frĂŒheren SchwĂ€rmerei fĂŒr ihre Schwester und glaubt, dass er sich fĂŒr sie selbst niemals interessieren werde. Aber sie irrt: Er gesteht ihr seine Liebe und lĂ€uft dann schĂŒchtern davon.
â(...) verneinen ... verneinen ... Ja, verneine einer einmal den Tod!â (Basarow, S. 270)
Basarow kommt nach Nikolskoje, um Arkadij von dem Duell zu erzĂ€hlen. Er ist ĂŒberzeugt, dass sich Arkadij aus Liebe zu Anna Odinzowa im Haus der Frauen aufhĂ€lt und berichtet ihr eifersĂŒchtig von der vermeintlichen Zuneigung des Freundes. Arkadij belauscht das GesprĂ€ch zufĂ€llig und fasst sich ein Herz: Er hĂ€lt offen und ehrlich um Katjas Hand an. Sie willigt ein. Basarow gratuliert und findet, dass die Ehe fĂŒr Arkadij genau das Richtige sei. Dann verabschiedet er sich auf Nimmerwiedersehen von seinem ehemaligen Freund und AnhĂ€nger und kehrt ins Haus seiner Eltern zurĂŒck.
Basarows Tod
Die Eltern können vor Freude ĂŒber das unverhoffte Auftauchen Basarows kaum an sich halten. Da sie ihrem Sohn aber nicht lĂ€stig werden wollen, versagen sie sich alle GefĂŒhlsbekundungen und halten sich sogar vor ihm versteckt. Basarow ist schwermĂŒtig, seine Forschungsarbeit macht ihm keinen SpaĂ. Er versucht, mit den Bauern des Ortes ins GesprĂ€ch zu kommen, wird wegen seiner ironisch herablassenden Art aber nicht ernst genommen. SchlieĂlich hilft er seinem Vater bei dessen TĂ€tigkeit als Aushilfsarzt im Dorf. Dabei steckt er sich mit Typhus an. Basarow weiĂ, dass er sterben wird, und weist seine entsetzten Eltern an, Anna Odinzowa zu benachrichtigen. Sie eilt herbei, und die beiden nehmen peinlich berĂŒhrt voneinander Abschied: Er sagt ihr, wie schön sie ist, und sie kĂŒsst ihn auf die Stirn. Die Eltern rufen einen Pfarrer, Basarow lĂ€sst mit Grausen die letzte Ălung ĂŒber sich ergehen â und stirbt.
âIch glaubte sicher, noch vieles zu leisten; sterben, ich? Ah bah! Ich habe eine Mission, ich bin ein Riese! Und zu dieser Stunde besteht die ganze Mission des Riesen darin, mit Anstand zu sterben, obgleich das keinen Menschen interessiert ...â (Basarow, S. 276)
Auf Kirsanows Gut geht das Leben weiter: Arkadij wohnt mit Katja bei seinem Vater, der die Magd Fenitschka geheiratet hat. Anna Odinzowa nimmt aus Vernunft einen erfolgreichen Gelehrten zum Mann. Pawel verbringt seinen Lebensabend einsam in Dresden, genieĂt aber die Kultur der Stadt. Basarows Eltern besuchen das Grab ihres Sohnes und weinen um ihn. Die Natur, die der Nihilist als âgleichgĂŒltigâ beschrieben hat, lĂ€sst auf seinem Grab Blumen sprieĂen.
Zum Text
Aufbau und Stil
Schon der Titel verrĂ€t es: VĂ€ter und Söhne ist ein Paradebeispiel fĂŒr das Genre des Generationenromans. Zudem gilt Iwan Turgenjews Werk aber auch als eines der ersten und wichtigsten BĂŒcher des russischen Realismus. Die Dinge, um die sich die VĂ€ter und Söhne in diesem Roman streiten, sind nicht weltabgewandt und privat, sondern bebildern die Wirklichkeit Russlands zur Zeit der Landreform. WĂ€hrend die VĂ€ter gemĂ€Ăigt liberal sind â russisch verwurzelt, aber geprĂ€gt vom europĂ€ischen Adel â, hegen die Söhne radikale revolutionĂ€re Ideen und wollen das Land von Grund auf verĂ€ndern. Typisch fĂŒr Turgenjews Realismus ist die humorvolle Ausgestaltung der wirklichkeitsnahen Geschichte. Der Autor bewertet seine Figuren in diesem Konflikt nicht, sondern beschreibt sie mit distanziert ironischem Unterton und sanftem Spott, was wesentlich zum LesevergnĂŒgen beitrĂ€gt. Er nimmt den Leser bei der Hand und unterbricht immer wieder den ErzĂ€hlfluss, um Hintergrundinformationen zu den auftretenden Figuren einzuschieben. Der Roman hat aber auch deutlich modernere Stellen: Es gibt lange Dialogpassagen, in denen der Text ohne den fĂŒr das 19. Jahrhundert typischen ErzĂ€hlerkommentar auskommt. Die Struktur der Geschichte, die in 28 kurze Kapitel portioniert wird, lĂ€sst sich aus heutiger Sicht mit der eines Roadmovies vergleichen: Arkadij und Basarow reisen von einer Station zur nĂ€chsten, machen stetig neue Erfahrungen und verĂ€ndern sich dadurch entscheidend.
InterpretationsansÀtze
- Basarow ist tatsĂ€chlich der radikale Nihilist, der er vorgibt zu sein. Er verneint alle Kunst und Politik, sĂ€mtliche AutoritĂ€ten und sogar sich selbst â weshalb er am Ende des Romans sterben muss.
- Basarows Gegenpart Pawel Petrowitsch reprĂ€sentiert das alte Russland und glaubt, dass sich ohne bewĂ€hrte Prinzipien nicht leben lĂ€sst. Er liebt die Dichtung und die Musik und hat sein ganzes Leben der romantischen Erinnerung an seine unglĂŒckliche Liebe geweiht. Nachdem Basarow ihn im Duell besiegt, aber nicht tötet, muss Pawel die menschliche GröĂe des jungen Mannes und damit die nachkommende Generation anerkennen.
- Kompromissbereitschaft und LebensfĂ€higkeit beweisen hingegen Arkadij und sein Vater Kirsanow. Arkadij steht zwar zu Beginn des Romans noch unter dem Einfluss des Nihilisten Basarow, doch indem dieser jedes noch so kleine Detail an Arkadijs Vater und seinem Onkel Pawel kritisiert, spaltet er die Familie nicht etwa, sondern stĂ€rkt ungewollt ihre Bande: Arkadij fĂŒhlt sich den Alten mehr und mehr verbunden und geht auf Distanz zu den radikalen Theorien seines Freundes. Er verliebt sich in die romantische Katja, entscheidet sich fĂŒr das âspieĂigeâ Prinzip der Ehe und ĂŒberwindet somit den Nihilismus.
- Turgenjews groĂe StĂ€rke ist sein EinfĂŒhlungsvermögen. Der Autor gestaltet seine Figuren nicht als zweidimensionale Klischees, sondern als facettenreiche Charaktere mit jeweils sympathischen und unsympathischen Eigenschaften. Der bĂ€rbeiĂige Basarow etwa wird trotz seiner NegativitĂ€t von den Hausangestellten geschĂ€tzt, und dem Leser wĂ€chst er als wirklichkeitsnahe Figur ans Herz. Mit seiner lebendigen Figurengestaltung hat Turgenjew wesentlich zur Entwicklung des realistischen Romans beigetragen.
Historischer Hintergrund
Von der Leibeigenschaft in den Nihilismus
Erste Rufe nach der Aufhebung der Leibeigenschaft wurden in Russland am 26. Dezember 1825 laut, als eine Gruppe von jungen, mehrheitlich adligen RevolutionĂ€ren dem neuen Zaren Nikolaus I. den Eid verweigerte. Die so genannten Dekabristen (vom russischen Wort fĂŒr Dezember, im deutschsprachigen Raum auch: Dezembristen) dienten im Eliteregiment von St. Petersburg und waren z. T. hochgebildete Offiziere. Nach dem Scheitern des Aufstandes und der Hinrichtung der AnfĂŒhrer wurden etwa 600 Dekabristen in Arbeitslager deportiert, wo sie ihren Mitgefangenen Unterricht in Kultur und politischer Bildung gaben. Ihre liberalen Ideale konnten sich so in der einfachen Bevölkerung ausbreiten; in Sibirien etwa werden die Dekabristen noch heute verehrt.
In den folgenden Jahren wuchs der Reformdruck auf den russischen Geldadel immer mehr. Die Forderung nach der Erlösung der Bauern aus der Leibeigenschaft wurde nicht mehr nur von jungen Intellektuellen erhoben, sondern auch von fortschrittlichen und europĂ€isch orientierten Staatsbeamten und Aristokraten. Nach der Niederlage im Krimkrieg und dem Tod Nikolaus I. ĂŒbernahm 1855 Zar Alexander II. die Macht. Er unterschrieb 1861 das lĂ€ngst vorbereitete Manifest Ăber die allergnĂ€digste GewĂ€hrung der Rechte freier lĂ€ndlicher Bewohner fĂŒr die leibeigenen Menschen und machte damit die ĂŒberfĂ€lligen Reformen zum Gesetz. Der Erfolg war nicht durchschlagend. Obwohl Millionen von Bauern aus sklavenartigen Arbeitsbedingungen befreit und ins bĂŒrgerliche Leben eingebunden wurden, blieb die soziale Ungleichheit im Land erhalten. Das Volk war weiterhin unzufrieden, und sozialistische, kommunistische und nihilistische Ideen breiteten sich aus.
Entstehung
Turgenjew wuchs auf dem adligen Gutshof Spasskoje in der NĂ€he der zentralrussischen Stadt Orjol auf und hatte dort das Schicksal der Leibeigenen stetig vor Augen. Im Alter von 15 Jahren nahm er das Studium an der UniversitĂ€t St. Petersburg auf und entschied sich kurz darauf fĂŒr den Beruf des Schriftstellers. In dieser Zeit diskutierte er mit anderen Intellektuellen erstmals das Problem der ausstehenden Landreform. Wie sich herausstellte, waren die Meinungen in Russland zu dieser Zeit in zwei miteinander unvereinbare Lager gespalten. Auf der einen Seite sprachen sich die so genannten Westler fĂŒr eine Demokratisierung des Landes nach europĂ€ischem Vorbild aus. Auf der anderen Seite vertraten die patriotischen Slawophilen den Standpunkt, dass sich Russland unter Alexander II. schon viel zu stark dem Westen angenĂ€hert habe und seinen eigenen Weg gehen mĂŒsse.
Turgenjew nahm sich des Themas bereits in seinen frĂŒhen Prosaskizzen Aufzeichnungen eines JĂ€gers (1852) an und ergriff klar Partei fĂŒr die leibeigenen Bauern und damit fĂŒr die Westler. Die Debatte wurde leidenschaftlich gefĂŒhrt, und Turgenjew ĂŒberwarf sich mit einem anderen, ebenfalls nicht unbekannten russischen Romancier, der zum Lager der Slawophilen zĂ€hlte: Fjodor Michailowitsch Dostojewski. In VĂ€ter und Söhne prĂ€sentierte Turgenjew anhand seiner Romanfiguren und ihrer unterschiedlichen Ansichten noch einmal die einzelnen Positionen dieser Diskussion. Veröffentlicht wurde das Buch 1861, also im selben Jahr, in dem Zar Alexander II. die Reformgesetze schlieĂlich verabschiedete. __ __ Wirkungsgeschichte Turgenjew geriet mit seinem Roman genau in die Schusslinie der beiden verfeindeten Lager. Die Slawophilen erkannten sich in der im Buch dargestellten VĂ€tergeneration wieder und fĂŒhlten sich lĂ€cherlich gemacht. Die Westler identifizierten sich mit dem Nihilisten Basarow und sahen sich ebenfalls vom Autor verunglimpft. Absurderweise warfen beide Seiten dem Autor vor, fĂŒr den jeweiligen Gegner Partei ergriffen zu haben. Als 1962 in St. Petersburg aufgebrachte Anti-Zaristen diverse Villen und PalĂ€ste in Brand steckten, sahen einige Zeitgenossen die Taten im direkten Zusammenhang mit der vorherigen Veröffentlichung von VĂ€ter und Söhne. Turgenjew selbst berichtete, wie er kurz nach den VorfĂ€llen aus dem Ausland nach St. Petersburg zurĂŒckkehrte und sich schwere VorwĂŒrfe gefallen lassen musste. âSehen Sie nur, was Ihre Nihilisten anrichten!â, hieĂ es. âSie brennen St. Petersburg nieder!â Turgenjew sah sich gezwungen, Russland zu verlassen und nach Deutschland und spĂ€ter nach Frankreich ĂŒberzusiedeln.
Im Ausland wurde VĂ€ter und Söhne vor allem wegen seiner brillanten Konstruktion bewundert. Ein ausgesprochener AnhĂ€nger des Textes war Thomas Mann, der ihn neben Theodor Fontanes Effi Briest (1895) fĂŒr einen der wichtigsten Romane ĂŒberhaupt hielt. Auch Hermann Hesse war begeistert und nahm das Buch in seinen persönlichen Literaturkanon Bibliothek der Weltliteratur (1927) auf. Heute gilt Turgenjew neben Dostojewski und Tolstoi als wichtigster Vertreter des russischen Realismus.
Ăber den Autor
Iwan Turgenjew wird am 9. November 1818 als Sohn eines Armeeoffiziers in der russischen Provinzstadt Orjol geboren. Die Familie ist wohlhabend und bewohnt einen Landgutshof in Spasskoje-Lutowinowo, auf den Turgenjew zeitlebens immer wieder zurĂŒckkehrt. Er besucht verschiedene Schulen und wird von Privatlehrern in Russisch, Deutsch, Englisch und Französisch unterrichtet. Sein Vater setzt sich 1833 dafĂŒr ein, dass der erst 15-JĂ€hrige an der UniversitĂ€t Moskau zugelassen wird. Turgenjew studiert zudem in St. Petersburg und Berlin. 1841 zieht er nach Moskau zurĂŒck, um die MagisterprĂŒfung in Philosophie abzulegen. Er arbeitet fĂŒr das Ministerium in St. Petersburg, gibt die Stelle aber wieder auf, um sich dem Schreiben zu widmen. Erste Gedichte werden in Literaturzeitungen veröffentlicht. Er trifft die OpernsĂ€ngerin Pauline Viardot, folgt ihr 1944 nach Paris und kehrt erst 1850 nach dem Tod seiner Mutter nach Russland zurĂŒck, um das Gut in Spasskoje zu ĂŒbernehmen. Im selben Jahr schreibt er einen Nachruf auf Nikolai Gogol, der selbst Zeit seines Lebens Ărger mit der Zensur gehabt hat, und wird dafĂŒr kurzzeitig in St. Petersburg inhaftiert. AnschlieĂend lebt er wieder in Paris bei Pauline Viardot, wo nun seine produktivste Schaffensphase beginnt. Die Aufzeichnungen eines JĂ€gers (1852), eine kritische Darstellung des Lebens der russischen Bauern, machen ihn schlagartig bekannt. Er schreibt zahlreiche Novellen, die sich durch ihren lyrischen Ton auszeichnen und zu den stĂ€rksten Beispielen dieser Gattung innerhalb der russischen Literatur zĂ€hlen, darunter Erste Liebe (1860) und FrĂŒhlingswogen (1872). Seine wichtigsten Romane sind Am Vorabend (1859), Dunst (1867) und der den literarischen Realismus prĂ€gende Roman VĂ€ter und Söhne (1862). In seinen Prosaminiaturen (Gedichte in Prosa, 1882) beschĂ€ftigt sich Turgenjew intensiv mit den Themen Alter und Tod, wobei sein an Schopenhauer geschulter Pessimismus durchschimmert. Er stirbt am 3. September 1883 in Paris.
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