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Der Antichrist

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Der Antichrist

Versuch einer Kritik des Christentums

Nikol Verlag,

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In Nietzsches Kritik am Christentum kommt einzig und allein Jesus selbst ungeschoren davon.


Literatur­klassiker

  • Philosophie
  • Moderne

Worum es geht

Nietzsches Kampf gegen das Christentum tritt in die letzte Phase

Nietzsches Antichrist spiegelt die Radikalisierung in Nietzsches Denkens wĂ€hrend der spĂ€ten 1880er-Jahre und offenbart ein enorm gewachsenes Sendungsbewusstsein. Hier wird nicht gelehrtenhaft doziert, hier wird unter Einsatz aller geistigen KrĂ€fte ein historischer Kampf ausgetragen, voll Angriffslust und Pathos. Kritik am Christentum hatte Nietzsche sein gesamtes philosophisches Leben lang formuliert, hier bĂŒndelte er sie noch einmal in ungewöhnlicher SchĂ€rfe, bevor er kurz darauf endgĂŒltig dem Wahnsinn verfiel. Ob der Leser sich selbst als christlich versteht oder nicht – Nietzsche fordert ihn durch die ungeheure Leidenschaft seines Denkens wie kaum ein anderer Philosoph dazu auf, das eigene Denken zu ĂŒberprĂŒfen und in existenziellen Fragen Stellung zu beziehen. AktualitĂ€t wird diese Forderung gewiss nie einbĂŒĂŸen.

Take-aways

  • Der Antichrist ist eine Polemik gegen das Christentum und gehört zu den SpĂ€twerken Nietzsches.
  • Inhalt: Das Christentum ist eine nihilistische, lebensverneinende Religion. Es stammt aus dem Ressentiment schwacher Menschen gegenĂŒber den starken Menschen. Die Botschaft von Jesus, der angetreten war, die jĂŒdische Priesterherrschaft zu ĂŒberwinden, wurde nach seinem Tod verfĂ€lscht. Die SĂŒnde ist eine Erfindung der Priester und dient deren Machterhalt. Das Christentum war das grĂ¶ĂŸte VerhĂ€ngnis der Menschheit und muss ĂŒberwunden werden.
  • Nietzsche Ă€nderte den Untertitel Versuch einer Kritik des Christentums spĂ€ter in Fluch auf das Christentum. Dem entspricht der teils unerbittliche, radikale Ton des Buches.
  • Im Überschwang der Leidenschaft maß Nietzsche der SchlĂŒssigkeit seiner Argumente teils nur noch untergeordnete Bedeutung bei.
  • Nietzsche war ĂŒberzeugt, mit seiner Schrift die Menschheitsgeschichte in eine neue Richtung zu lenken.
  • Der Antichrist spitzt Argumente aus Nietzsches frĂŒheren Schriften zu.
  • Als Sohn eines protestantischen Pfarrers wuchs Nietzsche in einem religiösen Elternhaus auf und war als Kind fĂŒr seine Bibelfestigkeit bekannt.
  • Der Antichrist war zunĂ€chst als erster von vier Teilen eines grĂ¶ĂŸer angelegten Werkes mit dem Titel „Umwertung aller Werte“ gedacht.
  • Der Antichrist wurde – wie das gesamte SpĂ€twerk Nietzsches – oft als Ausdruck seines Wahnsinns interpretiert.
  • „Ich heiße das Christentum den Einen großen Fluch (
) ich heiße es den Einen unsterblichen Schandfleck der Menschheit â€Šâ€œ (S. 139)

Zusammenfassung

Das Christentum ist die lebensfeindliche Religion par excellence

Die Vorstellung, die Menschheit werde sich geschichtlich zum Besseren entwickeln, ist ein moderner Irrglaube. Das Gegenteil ist der Fall: Der moderne europĂ€ische Mensch ist ein jahrtausendelang gezĂŒchtetes Haus- und Herdentier, das seine natĂŒrlichen Instinkte verloren hat – ein Christ. Jeder natĂŒrliche Instinkt zielt auf Lebenserhaltung, auf Vermehrung der KrĂ€fte, auf Wachstum, kurz gesagt: auf den Willen zur Macht. Wo dieser Wille gehemmt wird, verdirbt der Mensch. Was ihn hemmt? Die heutigen Werte und Ideale. Sie klagen die Instinkte als verwerflich an und wollen sie verbannen. Ist der Wille zur Macht aber der einzig wahre Lebensinstinkt, dann sind alle Werte, die die Menschheit heute beherrschen, dekadent. Und sie alle haben ihren Ursprung im Christentum.

„Der ‚Fortschritt‘ ist bloß eine moderne Idee, das heißt eine falsche Idee.“ (S. 10)

Das Christentum ist eine lebensfeindliche Religion. Die gesunden und krĂ€ftigen Instinkte des starken, unabhĂ€ngigen Menschen gelten dem Christentum als böse. FĂŒr alles Niedrige, Schwache und Missratene hingegen ergreift es Partei, indem es das Mitleid zur Tugend erklĂ€rt. Das Mitleid aber widerspricht allen lebenserhaltenden Instinkten – es ist krĂ€ftezehrend und es vermehrt Leiden durch Ansteckung. Die lebensfeindliche Tendenz, die darin zum Ausdruck kommt, beweist den nihilistischen Charakter des Christentums. Was im Nihilismus allerdings „Nichts“ heißt, wird im Christentum zu „Jenseits“, „Gott“ oder dem „wahren Leben“. Gott wird zum Nichts und das Nichts wird damit erstrebenswert. 

„Mitleiden ist die Praxis des Nihilismus.“ (S. 14)

Der Theologeninstinkt und die Philosophie

Auf die Philosophie hat das Christentum schon immer einen zersetzenden Einfluss gehabt. Denn ihre Theologen und Priester sind wirklichkeitsfeindlich: Wer vor der Wirklichkeit die Augen verschließt, weil er einzig und allein „Gott“, „Erlösung“ und „Ewigkeit“ fĂŒr wirklich hĂ€lt, wird auch die Wahrheit leugnen und verfĂ€lschen. Auch aus dieser andauernden VerfĂ€lschung entwickelt sich mit der Zeit ein Instinkt – der Theologeninstinkt. Nirgendwo zeigt er sich deutlicher als in der deutschen Philosophie, die er grĂŒndlich korrumpiert hat. Kant, der von den deutschen Gelehrten wie kein anderer verehrt wird, ist hierfĂŒr das offensichtlichste Beispiel. Als es philosophisch kaum noch möglich schien, ist es Kant noch einmal gelungen, die Moral zur Essenz der Welt zu erklĂ€ren. „Tugend“, „Pflicht“ und das „Gute an sich“ – die alten Ideale der Theologie – wurden dank seiner Abstraktionen zu unumstĂ¶ĂŸlichen Kategorien. DafĂŒr war ihm die Bewunderung der Philosophen und Gelehrten sicher. Kein Wunder – denn ein Großteil von ihnen stammt von Priestern und Lehrern ab. Ihr einziges Wahrheitskriterium ist, ob etwas ihnen angenehme GefĂŒhle bereitet.

„Unter Deutschen versteht man sofort, wenn ich sage, daß die Philosophie durch Theologen-Blut verderbt ist.“ (S. 18)

Gott als Inbegriff des Guten

Ein starkes Volk braucht einen Gott, dem es opfern kann, dem es dankbar sein kann fĂŒr die eigene Existenz. Ein solches Volk projiziert die eigene MachtfĂŒlle, die Lust am Dasein in seinen Gott hinein und verherrlicht so sich selbst in dem Gott. Wie aber könnte ein Gott, durch den das eigene Dasein in allem Guten und Schlechten verherrlicht wird, ausschließlich gut sein? Gar nicht. Der Gott eines starken und gesunden Volks muss auch bösartig, zornig und rachsĂŒchtig sein können. Er muss die Lust am Siegen kennen, denn gerade seinen Siegen verdankt ein Volk ja seine StĂ€rke. Ansonsten ist er kein Volksgott mehr, sondern einfach nur ein guter Gott. 

„Was lĂ€ge an einem Gotte, der nicht Zorn, Rache Neid, Hohn, List, Gewalttat kennte?“ (S. 29)

Nur ein unterworfenes Volk erschafft sich einen Gott, der ausschließlich gut ist. Ein Gott, der ausschließlich das Gute verkörpert, ist also Zeichen eines Niedergangs. Er lehrt Tugenden, die nur Besiegten nĂŒtzlich sind: Nachsicht, Liebe gegen Freund und Feind, Bescheidenheit, Furchtsamkeit. Ihm fehlen alle Elemente des aufstrebenden Lebens wie Stolz, Machthunger, AggressivitĂ€t – stattdessen moralisiert er fortwĂ€hrend.

Buddhismus und Christentum

Auch der Buddhismus ist im Kern eine nihilistische Religion wie das Christentum, jedoch realitĂ€tsnĂ€her. In beiden Religionen wird das Dasein wesentlich als Leiden empfunden und verneint. Das Christentum hat aber die SĂŒnde erfunden, um das Leiden moralisch zu begrĂŒnden. Der Kampf des Christentums gilt folglich einem Hirngespinst – der SĂŒnde – und nicht dem Leiden. Der Buddhismus hat das Leiden nicht zu einer Frage der Moral umgedeutet. Er versteht das Leiden als ein physiologisches Problem, nĂ€mlich als Folge einer gesteigerten SensibilitĂ€t und Schmerzempfindlichkeit des Menschen. Aus dieser Empfindlichkeit entsteht eine Depression, gegen die der Buddhismus Mittel bereithĂ€lt â€“ und zwar umsetzbare und wirksame Mittel. Im Gegensatz zum Christentum gibt es im Buddhismus keine leeren Versprechungen. Denn der Buddhismus ist auf keinen Gott, keine Gnade und kein Jenseitshoffnung angewiesen, um seine diesseitigen Ziele – Sorglosigkeit und Stille – zu erreichen.

„Der Buddhismus, nochmals gesagt, ist hundert Mal kĂ€lter, wahrhafter, objektiver. Er hat nicht mehr nötig, sich sein Leiden, seine SchmerzfĂ€higkeit anstĂ€ndig zu machen durch die Interpretation der SĂŒnde, – er sagt bloß, was er denkt ‚ich leide‘.“ (S. 40)

Die Botschaft von Jesus Christus

Lebensverneinung, SĂŒnde, Entartung natĂŒrlicher Instinkte, Priesterherrschaft – alle wesentlichen Elemente des Christentums sind bereits im Judentum, in dem es wurzelt, enthalten. Das Christentum geht in der VerfĂ€lschung der RealitĂ€t einen entscheidenden Schritt weiter, indem es auch noch die Verbindung zwischen Gott und seinem „auserwĂ€hlten Volk“ auflöst. Der Gott des Judentums – der Gott, den das jĂŒdische Volk sich erschaffen hat – wird im Christentum zum Gott aller Menschen.

Die Ironie des Christentums besteht darin, dass sein Heiland, Jesus Christus, angetreten war, die Herrschaft der jĂŒdischen Priester zu ĂŒberwinden. Seine Botschaft wurde jedoch von den Priestern so umgedeutet und verfĂ€lscht, dass die Priesterherrschaft sich in seinem Namen voll entfaltete und zum VerhĂ€ngnis der Menschheit wurde. Jesus hob das DistanzverhĂ€ltnis zwischen Mensch und Gott auf: Das Himmelreich sei bereits vorhanden als ein Zustand des Herzens – kein Versprechen auf etwas KĂŒnftiges. Eben darum bedeuteten ihm auch die Begriffe SĂŒnde, Strafe und Lohn nichts – die Seligkeit ist RealitĂ€t und an keine Bedingungen geknĂŒpft.

Das Beispielhafte an seinem Leben waren nicht neue Gesetze und Dogmen, sondern eine neue Art des Handelns: keinen Unterschied zwischen Menschen machen, bedingungslos vergeben, niemandem Widerstand leisten, kein weltliches Recht beanspruchen. Er wollte zeigen, wie man zu leben hat, um sich als Kind Gottes zu fĂŒhlen – diesen beanspruchte er keineswegs fĂŒr sich allein.

„Das Wort schon ‚Christentum‘ ist ein MissverstĂ€ndnis –, im Grunde gab es nur einen Christen, und der starb am Kreuz.“ (S. 74)

Verkehrung und VerfÀlschung der Botschaft

Unmittelbar nachdem Jesus am Kreuz gestorben war, begann die VerfĂ€lschung seiner Botschaft. Statt seinen Richtern und Henkern zu verzeihen, wie es Jesus gelehrt hatte, wollten seine JĂŒnger Rache. Diesem RachebedĂŒrfnis entspringt die Vorstellung vom „Reich Gottes“, dem himmlischen Gericht, das am jĂŒngsten Tag die Feinde richten wird â€“ doch sie widerspricht Jesus’ Botschaft vollkommen. Auf die Frage, wie Gott das zulassen konnte, fand die durch Jesus’ schrecklichen Tod verstörte christliche Gemeinschaft eine Antwort, die an AbsurditĂ€t kaum zu ĂŒberbieten ist: Gott habe seinen Sohn geopfert, um so die Menschen von ihrer Schuld zu befreien. Damit war die frohe Botschaft endgĂŒltig pervertiert: In dem, was Jesus vorgelebt hatte, hatte der Begriff der Schuld keinen Platz, er hatte das DistanzverhĂ€ltnis zwischen Gott und Mensch aufheben wollen. Er hatte die Einheit von Mensch und Gott vorgelebt – das war seine frohe Botschaft.

„Paulus verlegte einfach das Schwergewicht jenes ganzen Daseins hinter dies Dasein, – in die LĂŒge vom ‚wiederauferstandenen‘ Jesus.“ (S. 81)

Sie wurde weiter in ihr Gegenteil verkehrt. Daran wirkte zu Beginn niemand so entschieden mit wie der Apostel Paulus. Mit Jesus’ wirklichem Leben konnte Paulus im Grunde nichts anfangen. Stattdessen rĂŒckte er dessen Tod am Kreuz und die Auferstehung ins Zentrum. Paulus erfand Begriffe und Vorstellungen, die einzig und allein dem Zweck dienten, Massen zu unterwerfen: Mittel zur Tyrannei des Priestertums. Nicht auf das Leben, sondern auf das „Jenseits“ komme es an, auf die „unsterbliche Seele“ und deren „Lohn“. Der Sinn des Lebens wurde ins Jenseits verlegt – ins Nichts. Aus dem Ressentiment der missionierten Massen gegen alles Vornehme in der Welt erwuchs die LĂŒge von der Gleichheit der menschlichen Seelen. So hat das Christentum auch die widernatĂŒrliche Idee „gleiche Rechte fĂŒr alle“ in die Welt gesetzt, die ihr Unwesen noch heute in der Politik treibt.

„Das Gift der Lehre ‚gleiche Rechte fĂŒr alle‘ – das Christentum hat es am grundsĂ€tzlichsten ausgesĂ€t; (
)“ (S. 84)

Die Wissenschaft als Feind

Aus der Feindlichkeit des Christentums gegenĂŒber der Wirklichkeit folgt auch seine tiefe Feindlichkeit gegenĂŒber der Wissenschaft. Durch die Wissenschaft nĂ€mlich kommt die Wirklichkeit zu ihrem Recht und genau dagegen richtet sich der Imperativ des Glaubens. Man soll glauben, um nicht zu sehen und zu erkennen, wie die Wirklichkeit beschaffen ist. Dass die grĂ¶ĂŸte Angst Gottes – also die der Priester, die den Begriff in ihrem Interesse angewandt haben – der erkennende Mensch ist, legt die Bibel gleich zu Anfang offen. Nur so ist die Geschichte von Eva und dem Baum der Erkenntnis zu verstehen: Die erste und schwerste SĂŒnde des Menschen ist die Erkenntnis. FĂŒr diese SĂŒnde wird er mit der Vertreibung aus dem Paradies bestraft. Damit er nicht mehr zum Denken kommt, soll sein Leben fortan durch Arbeit, MĂŒhsal und Leiden beschwerlich werden. So lautet auch die unerbittliche Logik der Priester: Der Mensch muss unglĂŒcklich, krank und leidend sein, damit er vom Nachdenken abgehalten wird. Und das wirksamste Mittel, um ihn unglĂŒcklich zu machen, ist der Begriff der SĂŒnde.

„Die Wissenschaft ist die erste SĂŒnde, der Keim aller SĂŒnde, die ErbsĂŒnde. Dies allein ist Moral.“ (S. 98)

Das Christentum und die Wahrheit

Die Erfindung der SĂŒnde und einer angeblichen „sittlichen Weltordnung“ sind Angriffe des Christentums gegen die Wissenschaft und die ErkenntnisfĂ€higkeit des Menschen. Die erste Voraussetzung aller Erkenntnis ist der richtige Begriff von Ursache und Wirkung. Wo dieser Begriff zerstört ist, verschwindet die FĂ€higkeit, selbst einfache Wahrheiten zu erkennen.

FĂŒr den GlĂ€ubigen etwa beweist sich die Wahrheit seines Glaubens darin, dass dieser ihn selig macht. Diese Seligkeit gilt es anzuzweifeln. Vollkommene Seligkeit erwartet den GlĂ€ubigen schließlich erst im Jenseits – sie ist diesseitig gar nicht ĂŒberprĂŒfbar. Man soll den Priestern also glauben, dass der Glauben selig macht. Doch auch angenommen, der Glaube mache selig, einfacher gesagt: bereite Lust – wĂ€re Lust jemals ein Beweis fĂŒr Wahrheit? TatsĂ€chlich ist das Gegenteil der Fall: Wahrheiten findet nur, wer streng gegen sich selbst sein kann und bereit ist, sich unter Schmerzen von allem, was ihm lieb und teuer ist, zu trennen. Sich der Wahrheit verpflichten, heißt vor allem: allen „schönen GefĂŒhlen“ entsagen. Macht Glaube also selig, ist das ein Beweis fĂŒr seine VerknĂŒpfung mit Unwahrheit. 

Auch MĂ€rtyrer beweisen nicht die Wahrheit einer Sache. Im Grunde widerlegen sie sich durch ihren GrĂ¶ĂŸenwahn selbst: Zu glauben, im alleinigen Besitz der Wahrheit zu sein, zeugt von intellektueller Stumpfheit. Zum UnglĂŒck der Menschheit sind die MĂ€rtyrer geworden, indem sie durch ihren Tod andere von ihrem Glauben ĂŒberzeugten. Schließlich muss – meinen Idioten – an einer Sache, fĂŒr die jemand sein Leben lĂ€sst, auch etwas Wahres sein.

„Das Weib liegt heute noch auf den Knien vor einem Irrtum, weil man ihm gesagt hat, dass jemand dafĂŒr am Kreuze starb.“ (S. 111)

Es verhĂ€lt sich umgekehrt: Skepsis, nicht Überzeugung, zeichnet große Geister aus. Überzeugungen sind ein Zeichen geistiger SchwĂ€che. Auch Glaube ist nur eine Form von Überzeugung: Der GlĂ€ubige verlangt aus SchwĂ€che nach einem Glauben bzw. nach Überzeugung, ist abhĂ€ngig von ihr, ein Sklave. Zudem steht der GlĂ€ubige oder Überzeugte der Wahrheit befangen gegenĂŒber: Er kann die Dinge nie so sehen, wie sie sind, denn seine Überzeugungen verblenden ihn. Bei Fanatikern ist diese Verblendung vollstĂ€ndig geworden: Luther, Rousseau, Robespierre – sie sind Paradebeispiele solch verblendeter, kleingeistiger Fanatiker.

Der Schandfleck der Menschheit

Der Siegeszug des Christentums war fĂŒr die Menschheit eine Katastrophe, deren Ausmaß noch nirgendwo begriffen wird. Um sie zu begreifen, muss man sich die GrĂ¶ĂŸe, den Stolz und die ungeheure Überlegenheit der antiken Kultur vergegenwĂ€rtigen, die vom Christentum auf perfide Weise zerstört wurde. Eine so vornehme, wohlgeratene Kultur wie die des römischen Reichs hat es nie zuvor und auch nachher nicht mehr gegeben. Sie baute auf jahrtausendelanger kultureller Vorarbeit durch die Griechen und hatte die denkbar besten Voraussetzungen, um weitere Jahrtausende lang zu blĂŒhen. Alle wesentlichen wissenschaftlichen Methoden waren gefunden, die politische Organisation und die Verwaltung waren genial eingerichtet, und alle vornehmen, gesunden Instinkte waren in vollkommener Form vorhanden. Doch bevor diese Kultur voll erblĂŒhen konnte, setzte das Gift des Christentums ein. Das Christentum ist der grĂ¶ĂŸte Schandfleck der Menschheit.

„Ich heiße das Christentum den Einen großen Fluch (
) ich heiße es den Einen unsterblichen Schandfleck der Menschheit 
“ (S. 139)

Zum Text

Aufbau und Stil

Nietzsches Antichrist ist eine polemische Abhandlung, die aus einem Vorwort und 62 kurzen Abschnitten besteht und mit einem „Gesetz wider das Christentum“ endet. Darin versucht Nietzsche in mehreren gedanklichen AnlĂ€ufen nachzuweisen, dass das Christentum eine aus Ressentiment entstandene, lebensfeindliche Religion sei. Diese Entlarvung erfolgt in zwei wesentlichen Schritten: WĂ€hrend er in der ersten HĂ€lfte zentrale Begriffe und Ideen des Christentums einer radikalen Kritik unterzieht, beleuchtet er in der zweiten HĂ€lfte Entstehungs- und Wirkungsgeschichte des christlichen Glaubens. Das aus sieben SĂ€tzen bestehende â€žGesetz wider das Christentum“ am Schluss ruft in beispielloser SchĂ€rfe zur BekĂ€mpfung des Christentums auf. Den Untertitel des Buches – Versuch einer Kritik des Christentums – hat Nietzsche spĂ€ter in Fluch auf das Christentum geĂ€ndert (heute kursieren beide Varianten). Dieser Änderung entspricht der kompromisslose, unerbittliche Ton, den Nietzsche in weiten Teilen anschlĂ€gt. Nietzsches SpĂ€twerk ist geprĂ€gt von seinem immer radikaler werdenden Denken und einem enorm gewachsenen Sendungsbewusstseins. Beides schlĂ€gt sich stilistisch im Antichrist nieder: Hier wird nicht gelehrtenhaft doziert, sondern unter Einsatz aller geistigen KrĂ€fte ein Kampf ausgetragen, voll Angriffslust und Pathos. Diese Leidenschaft geht bisweilen auf Kosten der SchlĂŒssigkeit.

InterpretationsansÀtze

  • Nietzsches Antichrist ist ein polemischer Angriff auf das Christentum. Dabei hinterfragt Nietzsche kritisch die Basis, auf die sich die Moral und Kultur seiner Zeit stĂŒtzt. Schon in Die fröhliche Wissenschaft von 1882 verkĂŒndet Nietzsche einen „Tod Gottes“. Seine AusfĂŒhrungen in diesem Werk lassen sich als Konsequenzen verstehen, die aus diesem Tod folgen. 
  • Der Antichrist bĂŒndelt frĂŒhere Argumente Nietzsches, der sich hier als leibhaftiger „Antichrist“ inszeniert. Seine Kritik am Christentum verteilt sich auf etliche seiner Werke wie Genealogie der Moral oder Jenseits von Gut und Böse, ist aber nirgends so pointiert wie im Antichrist. 
  • Nietzsche maß dem Buch weltgeschichtliche Bedeutung bei. Darauf ist auch der scharfe bis schrille Ton im Antichrist zurĂŒckzufĂŒhren. Nietzsche meinte tatsĂ€chlich, mit seiner Schrift die Geschichte der Menschheit in eine neue Richtung lenken zu können.
  • Nietzsches eigener messianischer Anspruch steht im Gegensatz zum radikalen Individualismus, den er im Antichrist predigt: Einerseits will er die Menschheit zu selbststĂ€ndigem Denken erziehen, andererseits geht es ihm offenkundig darum, sie als AnhĂ€nger seiner eigenen Lehre zu gewinnen.
  • Nietzsches Kritik fußte auf grĂŒndlicher Kenntnis des Christentums: Als Sohn eines protestantischen Pfarrers wuchs Nietzsche in einem religiösen Elternhaus auf und soll in jungen Jahren sogar durch besondere Bibelfestigkeit hervorgestochen sein.

Historischer Hintergrund

Die BegrĂŒndung des Sozialstaats durch Reichskanzler Otto von Bismarck

Kein anderer Politiker beeinflusste die Politik des 1871 gegrĂŒndeten Deutschen Kaiserreichs so maßgeblich wie der erste Reichskanzler Otto von Bismarck​​​​. Bismarcks Amt als Reichskanzler war der Verfassung nach einzig und allein vom Deutschen Kaiser und nicht vom Reichstag abhĂ€ngig. Von schlechten Wahlergebnissen ging also keine unmittelbare Gefahr fĂŒr seine politische Karriere aus. Solange er die Gunst des Kaisers genoss, konnte Bismarck mit quasi diktatorischen Befugnissen und großem Handlungsspielraum regieren.

Die Sozialgesetzgebung der 1880er-Jahre gehört zu den folgenreichsten politischen Unternehmungen Bismarcks: 1883 fĂŒhrte er die erste staatliche Krankenversicherung, 1884 die Unfallversicherung und 1889 die Alters- und Invalidenversicherung ein. Dabei wurde er nicht von humanistischen Idealen angetrieben, sondern verfolgte machtpolitische Ziele. Seit August Bebel, der „Arbeiterkaiser“, 1871 im Reichstag eine Rede zugunsten der sozialistischen Pariser Kommune gehalten hatte, war die Sozialdemokratie fĂŒr Bismarck eine staatsgefĂ€hrdende Bewegung. Von der Sozialgesetzgebung erhoffte sich Bismarck, die Arbeiter stĂ€rker an den Staat zu binden und sie so von den sozialistischen Parteien zu entfremden. Letztlich erreichte er seine machtpolitischen Ziele zwar nicht, sein Modell eines Sozialstaates gewann dennoch Vorbildcharakter und wurde von vielen LĂ€ndern weltweit ĂŒbernommen. Heute wird die Sozialgesetzgebung – neben der Einigung des Reichs – als Bismarcks wichtigste innenpolitische Leistung angesehen.

Entstehung

Ende der 1870er-Jahre wurde Nietzsche aufgrund einer rasanten Verschlechterung seines Gesundheitszustands vorzeitig pensioniert. Von da an lebte der ehemalige Professor fĂŒr klassische Philologie an der UniversitĂ€t Basel als freier Philosoph – stĂ€ndig auf der Suche nach gesundheitsförderlichen klimatischen Bedingungen in der Schweiz, Italien und Frankreich. Seine Werke, die grĂ¶ĂŸtenteils in dieser Zeit entstanden, bekamen nur wenig Aufmerksamkeit und noch weniger Anerkennung. Besonders schmerzlich traf Nietzsche die ausbleibende Resonanz auf das in symbolisch-dichterischer Sprache verfasste Also sprach Zarathustra von 1885. Dass selbst engste Freunde mit UnverstĂ€ndnis auf dieses Buch reagierten, trieb ihn immer weiter in die Einsamkeit.

Der Antichrist entstand 1888 – dem letzten Jahr, in dem Nietzsche noch schrieb und in dem er sowohl eine enorme ProduktivitĂ€t als auch zunehmenden GrĂ¶ĂŸenwahn an den Tag legte. Im Sommer dieses Jahres gab Nietzsche die lang gehegten PlĂ€ne zu seinem Hauptwerk – Der Wille zur Macht – auf. Die bereits gesammelten Materialien baute er in die ersten 23 Kapitel des Antichrist ein. Dieser sollte zunĂ€chst der erste von vier Teilen eines Werkes mit dem Titel „Umwertung aller Werte“ werden. Nietzsche beendete die Niederschrift am 30. September 1888 in Turin – einem Tag, der nach Nietzsches Vorstellung eine neue Zeitrechnung einleiten sollte. Einige Wochen spĂ€ter betrachtete Nietzsche die Schrift nicht mehr als erste von vier Teilen, sondern bereits als die vollstĂ€ndige „Umwertung aller Werte“. An seinen langjĂ€hrigen Freund Paul Deussen schrieb er im November: „Meine Umwerthung aller Werthe, mit dem Haupttitel ‚der Antichrist‘ ist fertig. In den nĂ€chsten Jahren habe ich die Schritte zu thun, um das Werk in 7 Sprachen ĂŒbersetzen zu lassen; die erste Auflage in jeder Sprache c. eine Million Exemplare.“

Wirkungsgeschichte

Die Publikation des Antichrist erlebte Nietzsche nicht mehr bewusst mit. Im Januar 1889 erlitt er in Turin einen geistigen Zusammenbruch, von dem er sich nicht mehr erholte. Daher wurde die Publikation zunĂ€chst zurĂŒckgestellt. Sie erfolgte erst 1894 im Rahmen einer frĂŒhen Werkausgabe, die unter den Augen von Nietzsches Schwester Elisabeth Förster-Nietzsche entstand. Mehrere Stellen der Schrift, die Jesus und den amtierenden Kaiser Wilhelm II. zu beleidigen schienen, ließ Elisabeth Förster-Nietzsche streichen.

Der Antichrist stieß bei seinem Erscheinen großteils auf Abwehr. Bereits hier zeichnete sich die spĂ€tere Tendenz ab, Nietzsches SpĂ€twerk im Licht seiner Krankheit zu interpretieren und philosophisch nicht mehr ganz ernst zu nehmen. Der Philosoph Arthur Drews meinte etwa 1904, Der Antichrist sei „keine Kritik mehr, sondern ein wĂŒstes Geschimpfe, wobei sich Nietzsche in eine Wut hineinredet, wie ein TobsĂŒchtiger, der die Herrschaft ĂŒber sich selbst verloren hat.“

Manche Theologen versuchten, den Antichrist auf eine kosmetische Kritik zu reduzieren. Sie meinten, Nietzsche habe nur gewisse Fehlentwicklungen des Christentums aufzeigen wollen. Dagegen richtete sich der Theologe und Nietzsche-Experte Peter Köster mit folgender Diagnose: „Eine Vorstellung scheint theologischen Autoren ohnehin ernstliche Schwierigkeiten zu bereiten: (
) die nĂ€mlich, dass Nietzsche das Christentum in einigen wesentlichen ZĂŒgen sehr scharf gesehen — und es dennoch negiert haben könnte“.

Über den Autor

Friedrich Nietzsche wird am 15. Oktober 1844 im sĂ€chsischen Röcken geboren. Seine Kindheit ist vom strengen Protestantismus des Elternhauses sowie vom frĂŒhen Tod des Vaters geprĂ€gt. 1864 beginnt er in Bonn ein Studium der klassischen Philologie und wechselt spĂ€ter nach Leipzig. Mit 24 Jahren wird der begabte Student auf eine Professur in Basel berufen. Mit seinem unkonventionellen Werk Die Geburt der Tragödie aus dem Geiste der Musik (1872) brĂŒskiert er seine Fachkollegen und wendet sich der Philosophie zu. Seine UnzeitgemĂ€ĂŸen Betrachtungen (1873–1876) stehen unter dem Einfluss Arthur Schopenhauers. Mit dem Text Richard Wagner in Bayreuth (1876) setzt Nietzsche seiner Freundschaft mit dem Komponisten ein Denkmal. Kurz darauf bricht er jedoch mit ihm, unter anderem wegen Wagners Hinwendung zum Christentum. Mit Menschliches, Allzumenschliches (1878) wendet Nietzsche sich auch von Schopenhauer ab. 1879 gibt er wegen einer dramatischen Verschlechterung seines Gesundheitszustands das Lehramt in Basel auf. Er leidet unter schweren migrĂ€neartigen Kopf- und Augenschmerzen. Die folgenden zehn Jahre sind von gesundheitlichen Krisen geprĂ€gt, denen er mit Aufenthalten in der Schweiz, in Italien und in Frankreich zu entgehen versucht. In diesen Jahren erscheinen Nietzsches Hauptwerke: Morgenröte (1881), Die fröhliche Wissenschaft (1882), Also sprach Zarathustra (1883–1885), Jenseits von Gut und Böse (1886) und Zur Genealogie der Moral (1887). Im Januar 1889 erleidet er in Turin einen geistigen Zusammenbruch: Aus Mitleid mit einem geschlagenen Droschkengaul umarmt er weinend das Tier und fĂ€llt spĂ€ter in eine vollstĂ€ndige geistige Umnachtung; möglicherweise ist Syphilis die Ursache. Er stirbt am 25. August 1900 in Weimar. Nach Nietzsches Tod erscheint auf Betreiben seiner Schwester das Buch Der Wille zur Macht, eine unabgeschlossene Sammlung von Aphorismen, die lange als Nietzsches Hauptwerk gelten. Heute stuft die Forschung diesen Text aufgrund vieler VerfĂ€lschungen durch die Schwester als sehr unzuverlĂ€ssig ein. Zeugnis der letzten Schaffensphase Nietzsches und des zunehmenden GrĂ¶ĂŸenwahns legt Ecce homo ab, Nietzsches eigenwillige Autobiografie, die 1908 erscheint.

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