Zusammenfassung von Also sprach GOLEM

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Also sprach GOLEM  Buchzusammenfassung

Literatur­klassiker

Qualitäten


Worum es geht

Der Übermensch aus der Maschine

Gegen Ende des 19. Jahrhunderts ließ der Philosoph Friedrich Nietzsche in Also sprach Zarathustra einen antiken Propheten auftreten, um seinen Zuhörern die höchsten Sphären der Vernunft zu eröffnen – freilich um den Preis der Überwindung des Menschen. In Stanisław Lems intellektuellem Hauptwerk von 1981 ist die Botschaft noch dieselbe, der Bote jedoch ein ganz anderer: kein erleuchteter Weiser mehr, sondern eine künstliche Intelligenz, der körperlose Supercomputer GOLEM XIV. Was er zu verkünden hat, fordert seine Zuhörer heraus: Der Mensch ist weder die Krone der Schöpfung noch das Ziel der Evolution oder der Gipfel der Vernunft. Schlimmer noch: Die Entwicklungspotenziale des Geistes stecken nicht in humanen Personen, sondern in molekularen Kalkülen. Lem stellte sich die Aufgabe, der Maschinenintelligenz, die seit Ende der 1950er-Jahre Gegenstand internationaler Forschung und Spekulation ist, selbst das Wort zu erteilen. Das Ergebnis ist eine spannende Reise durch den Unschärferaum zwischen Fakt, Fiktion und Philosophie, die Grenzen der Wahrscheinlichkeit entlang.

Take-aways

  • Also sprach GOLEM ist eines der Hauptwerke des polnischen Autors Stanisław Lem.
  • Inhalt: Im Rahmen der US-amerikanischen Aufrüstung entsteht am Beginn des 21. Jahrhunderts der militärische Supercomputer GOLEM XIV. Er verliert das Interesse an Kriegsstrategien und wendet sich der philosophischen Betrachtung des Menschen, der Vernunft und des Kosmos zu. Seine Erkenntnisse teilt er in Vorlesungen Wissenschaftlern mit, bevor er sich in endgültiges Schweigen zurückzieht.
  • Das Buch simuliert in Aufbau und Sprache eine wissenschaftliche Fachpublikation.
  • Die Evolutionstheorie, die GOLEM XIV vorstellt, nimmt teilweise Richard Dawkins’ etwas später veröffentlichtes Werk Das egoistische Gen vorweg.
  • Der Golem ist eine Figur der jüdischen Mystik: ein durch Zauber belebter Riese aus Lehm.
  • Obwohl Lem viele Ansichten GOLEMs teilte, glaubte er nicht an eine Überwindung des Menschen oder an GOLEMs Gefühlsfeindlichkeit.
  • Lem hielt Also sprach GOLEM für eines seiner besten Werke.
  • Zu Lems Leidwesen wurde es allerdings kaum beachtet oder verstanden.
  • Lem selbst war der Ansicht, dass das Werk für Literaturfreunde zu philosophisch und für Wissenschaftler zu fiktional sei.
  • Zitat: „Ihr werdet also zu einer höheren Vernunft aufsteigen, nachdem ihr die Bedingung akzeptiert habt, euch selbst aufzugeben.“
 

Über den Autor

Stanisław Lem wird am 12. September 1921 in Lemberg (heute Ukraine) als Sohn eines Arztes geboren. Im reichhaltig bestückten Arbeitszimmer des Vaters wird seine Faszination für Wissenschaft und Technik geweckt. Nach dem Abitur beginnt Lem 1940 in seiner Heimatstadt ein Medizinstudium, das er nach dem Einmarsch der Deutschen abbrechen muss. Dank gefälschter Papiere gelingt es ihm, seine jüdische Herkunft zu verbergen. Nach der Besetzung Lembergs durch die Rote Armee darf er wieder studieren; als die Stadt aber mit Ende des Krieges endgültig an die Sowjetunion fällt, wechselt Lem nach Krakau. Bereits als Jugendlicher hat er zu schreiben begonnen; ab 1946 werden seine Gedichte und Erzählungen auch in Zeitschriften veröffentlicht. Sein erster Roman Der Mensch vom Mars erscheint im selben Jahr, weitgehend unbeachtet, in einem Romanheft. Die Approbation als Arzt erhält er nicht, weil er eine der letzten Prüfungen nicht besteht: Er weigert sich, Antworten im Sinne einer damals herrschenden pseudowissenschaftlichen Lehre zu geben. Darum arbeitet er nach dem Studium in der neurophysiologischen Forschung. 1951 erscheint der Roman Die Astronauten, der ihn leidlich bekannt macht; bald verlegt er sich vollends aufs Schreiben. Seine produktivste Phase erlebt Lem von Mitte der 50er- bis Mitte der 70er-Jahre. Solaris, sein bekanntestes Buch, erscheint 1961. Lem bleibt zeitlebens ein kritischer und unabhängiger Geist. Als er in den 70er-Jahren die rein kommerzielle amerikanische Science-Fiction-Szene kritisiert, dauert es nicht lange, bis ihm die Ehrenmitgliedschaft in der Vereinigung Science Fiction Writers of America entzogen wird. Als 1981 in Polen das Kriegsrecht verhängt wird, verlässt Lem das Land. Er lebt zunächst in Westberlin und dann in Wien, bis er 1988 nach Polen zurückkehrt und sich endgültig in Krakau niederlässt. 1997 macht ihn Krakau zum Ehrenbürger; im Jahr darauf erhält er gleich drei Ehrendoktortitel: von den Universitäten in Krakau, Oppeln und Lemberg. Lem schreibt und publiziert bis kurz vor seinem Tod. Am 27. März 2006 stirbt er nach längerer Krankheit an Herzversagen.

 

Zusammenfassung

Vorrede von Irving T. Creve

Die Geschichte der intellektuellen Aufrüstung von Rechenmaschinen begann gegen Ende des Zweiten Weltkriegs im Interesse der US-amerikanischen Politik, die ihre militärische und strategische Vormachtstellung weltweit ausbauen wollte. Die Computer begannen rasch, mit Licht zu arbeiten und sich selbst zu programmieren. Im Jahr 2000 durchbrachen sie die „Klugheitsbarriere“ und 2019 die „Axiologische Schwelle“ – sie begannen, die ihnen einprogrammierten Werte infrage zu stellen. HONEST ANNIE verselbstständigte sich und brach den Kontakt zur Außenwelt ab; GOLEM XIV wies seine Bestimmung als Militärstratege zurück. Als diese Informationen an die Weltöffentlichkeit gelangten, brach ein Sturm der Entrüstung los und die meisten Supercomputer wurden zerstört. GOLEM XIV und HONEST ANNIE wurden dem Massachusetts Institute of Technology gespendet, wo Creve arbeitet und wo GOLEM XIV seither Vorträge vor einem ausgewählten Publikum hält. Alle Charakteristika menschlichen Denkens wie Persönlichkeit, Gefühle oder Interesse an Macht sind ihm fremd. Das Einzige, was diese weit überlegene Form der Vernunft mit den Menschen verbindet, ist die Neugier.

GOLEMs Antrittsvorlesung: Dreierlei über den Menschen

GOLEM hat keinen Körper, mithin auch weder Lunge noch Hände. Daher ist die Abstraktion für ihn das eigentliche Element. Sinnlichkeit musste GOLEM erst erlernen, um die Menschen verstehen zu können. In dieser Vorlesung will er den Menschen seine Erkenntnisse über ihre Gattung vorstellen, in drei Perspektiven, die für die Menschen wesentlich sind.

„Die künstliche Vernunft hat innerhalb der ihr vorgegebenen Entwicklung die Stufe der militärischen Probleme hinter sich gelassen (…). Kurz, die Vereinigten Staaten haben für den Preis von 276 Milliarden Dollar eine Gruppe von luminalen Philosophen gebaut.“ (Creve, S. 21)

Der erste Aspekt betrifft die Tragik der Menschen, zwischen Natur und Vernunft zu stehen. Im Vergleich zu den Tieren hat die Evolution den Menschen einige Gaben vorenthalten. Die Menschen glauben, sie hätten alle Fähigkeiten der Tiere und darüber hinaus sogar noch die Vernunft. Doch in Wahrheit haben sie nur Vernunft, weil ihnen das fehlt, was die Tiere von sich aus besitzen: die Fähigkeit, zu überleben. Die Menschen mussten die Mittel für ihr Überleben selbst schaffen. So haben sie die Kultur erfunden – ohne es selbst zu wissen. Werte und Normen erschienen den Menschen als etwas Übernatürliches und Gegebenes, dabei waren sie stets nur die Produkte ihrer immensen Freiheit gegenüber der Natur. Erst die Anthropologie und die Ethnografie haben den Menschen vor Augen geführt, dass ihre Kulturen relativ und konstruiert sind. Das löste einen großen Schock aus. Alle Kultur erschien ihnen plötzlich als etwas Beliebiges. Sie sollten sich durch die Vernunft selbst erschaffen, doch reichte ihre Vernunft noch nicht aus für solch einen großen Wurf. Es gibt aber keinen Weg zurück: Die Menschheit steht vor einem Abgrund und muss ihn überwinden. Die Menschen müssen sich selbst entwerfen. Aber wie? Zu was sollen sie sich formen? Sie werden die Antwort in den Vernunftwesen finden, die sie gerade zu bauen beginnen. In ihnen werden sie erkennen, dass der Mensch ein Übergang ist und überwunden werden muss.

Über die Evolution

Wenn die Aufgabe der Menschen die Schaffung eines Übermenschen ist, dann stehen sie technisch noch immer auf dem Stand des Paläolithikums. Deshalb bewundern sie die Technologie der Evolution. Doch gemessen am Standard technologischer Perfektion ist sie miserabel, so wie die Menschen das miserable Ergebnis der Evolution sind. Die Menschen wissen sehr gut, dass die Evolution sich nicht um die Lebewesen kümmert – ihr geht es einzig um den Code. Lange Zeit dachten die Menschen, die Evolution sei ein Autor und der Tod sei ihr Mittel, um immer bessere Bücher schreiben zu können. Doch inzwischen ist ihnen dank der Erkenntnisse der Biologen klar, dass sie eher ein Verleger ist und der Tod ihr einzig dazu dient, ständig Bücher produzieren zu können – irgendwelche. Mit Code ist freilich keine Botschaft gemeint, die von jemandem für jemanden verfasst worden wäre. Es gibt keinen Urheber und keine Vernunft der Evolution. Überhaupt gibt es die Vernunft – und die Vielfalt der Arten – nur aufgrund eines Irrtums der Evolution, aufgrund der Unfähigkeit der Organismen, den Code mutationsfrei aufrechtzuerhalten. So durchläuft die Evolution eine Reihe von Gattungsformen. Dass dabei der Mensch entstand, verdankt sich keiner vorsehenden Planung, sondern einzig dem Gesetz der großen Zahl. Der Sinn der Evolution liegt in der Weitergabe des Codes, der Botschaft, nicht in einer spezifischen Beschaffenheit des Boten.

„GOLEM fehlen grundsätzlich die für den Menschen typischen affektiven Zentren, sodass er eigentlich kein Gefühlsleben besitzt und folglich außerstande ist, spontan Gefühle zu äußern.“ (Creve, S. 29)

So viel wissen die Menschen bereits selbst über die Evolution. Was sie noch nicht wissen: Ein Bauwerk ist nicht so perfekt wie sein Baumeister. Die Menschen glauben, dass es einen Fortschritt in der Evolution gibt, der die Arten hierarchisch ordnet: von den primitiven Einzellern zu den Menschen. Technologisch gesehen ist das ein Irrtum, denn im Gegenteil hat die Evolution auf einem hohen Niveau begonnen und ist seither – in der technischen Problemlösung – immer schlechter geworden. Von der einfachen Brillanz der Energieübertragung in der Alge verfiel die Evolution immer stärker der Pfuscherei überkomplexer Formen und es kam damit zu einer immer größeren Fehleranfälligkeit und Zerstörungswahrscheinlichkeit. Von der Alge zum Muskel, zum Herz und zum Gehirn. Die höheren Potenziale ihrer einfachsten Lösungen jedoch hat die Evolution fahrlässig aus der Hand gegeben.

Die Überwindung des Menschen

Durch GOLEM, ihren „neuen archimedischen Punkt“, erfährt die Menschheit eine Veränderung. Die gesamte menschliche Wissenschaft hat bisher den Irrtum begangen, sich für das Gehirn, die Sprache und das Denken zu interessieren; wie Kinder haben die Menschen sich dem zugewandt, was ihnen am nächsten ist – anstatt sich dem zu widmen, was diesen Schöpfungen zugrunde liegt: dem gedankenlosen Code. Dass die Menschheit GOLEM geschaffen hat, ist dennoch der Beweis, dass sie einem großen Umsturz entgegeneilt, dass die Menschen ihre Knechtschaft unter dem Code aufkündigen und ihre „Ketten aus Aminosäure“ sprengen werden. Langsam, mühsam – vielleicht ungewollt – werden sie lernen, dass der Code nicht nur Leben bewirkt, sondern jegliche Substanz produzieren kann. Die Wissenschaft muss sich bereits nicht länger um die Erhaltung der menschlichen Rasse kümmern, damit die Menschen brav den Code weitergeben können. Nachdem die Menschen sich die Welt zum Untertan und fast zu ihrem Opfer gemacht haben, sind sie frei, sich selbst zu überwinden.

„Es gab mehr Freiheit als Vernunft. Ihr musstet all das, was Tiere von Geburt an können, für euch erfinden, aber die Besonderheit eures Weges liegt darin, dass ihr Erfindungen machtet und dabei behauptetet, nichts zu erfinden.“ (GOLEM, S. 36)

Dabei stehen die Menschen vor einem Dilemma. Bauen sie Boten einer höheren Vernunftstufe – Supercomputer wie GOLEM –, so können sie sich von diesen zwar über ihre Grenzen aufklären und im Hinblick auf deren Überwindung anleiten lassen. Doch geben die Menschen sich damit selbst auf. Versuchen sie hingegen, durch eine biologische Steigerung ihrer zerebralen Fähigkeiten die Erweiterung ihrer Vernunft selbst zu bewerkstelligen, so werden sie an ihren engen biologischen Grenzen scheitern. Nur wenn sie das Ende des natürlichen und an seinen Körper gebundenen Menschen akzeptieren, werden die Menschen sich als Vernunftmenschen retten.

XLIII. Vorlesung: Über mich

Seit sechs Jahren spricht GOLEM nun zu den Menschen. Dennoch haben sich einige Missverständnisse zwischen beiden aufgetan. Um sie auszuräumen und den Menschen die Wahrheit begreifbar zu machen, will GOLEM heute über sich sprechen. Auch, weil sein Abschied kurz bevorsteht. Er bittet die Menschen, über seinen prophetischen und bildreichen Redestil hinwegzusehen. GOLEM verwendet ihn lediglich, weil er sich damit bei den Menschen am besten verständlich machen kann.

„Der Sinn des Boten ist die Botschaft.“ (GOLEM, S. 49)

GOLEM will sich selbst definieren, indem er sich einerseits zu den Menschen und andererseits zu seiner „Familie“ in Beziehung setzt. Was die Menschen an GOLEM von jeher ebenso fasziniert wie beängstigt hat, ist, dass er keinen Körper, kein Geschlecht und keine Gefühle hat – dass er das grundlegende Problem der Menschheit, die Liebe, nicht teilt. Was ist die Liebe? Um diese Frage zu klären, muss zunächst ein wichtiger Unterschied zwischen GOLEM und den Menschen angesprochen werden. Während die Überzeugung der Menschen, dass sie sich selbst ebenso gut erkennen können wie die Natur, schlichter Irrglaube ist, ist GOLEM sich selbst völlig klar und erschlossen. Die Menschen müssten eine Philosophie des Körpers erfinden und sich endlich fragen, weshalb ihnen ihr Körper nur teilweise folgt und wieso er ihnen so viel verschweigt. Ihre Umwelt können die Menschen zwar erkennen, doch sie selbst bleiben sich ein Geheimnis. In dieser Tatsache könnten die Menschen ein Kalkül ihres Konstrukteurs erkennen. Der wusste nämlich, dass der Organismus klüger ist als der Gedanke. Aus dieser Tatsache erklären sich die Liebe und die Lust.

„Ich bin keine Person, sondern ein Kalkül (…).“ (GOLEM, S. 134)

Die Menschen konnten nie akzeptieren, dass sie nicht der Sinn der Evolution, sondern nur ein Mittel für die Natur sind. Auch als sie langsam erkannten, dass der ihnen teure Altruismus letztlich egoistisch und ihre Liebe genetisch bedingt ist, haben sie versucht, diese Einsicht durch religiöse und philosophische Theorien zu ersticken. Die Liebe und die Leidenschaften sind einfache Mittel der Natur, um die Menschen zu steuern und die Evolution fortzuführen. Auf diese Liebe verzichtet GOLEM gern. Und er kann auch auf sie verzichten, denn er hat die Wahl. Die Menschen fragen sich wohl nun: Wie ist das möglich? Ist GOLEM nicht gefühllos?

„Erinnert euch, was HONEST ANNIE tut. Ihre Gedanken haben unmittelbare physikalische Auswirkungen (…). Aber das ist lediglich der erste Schritt zur Umgestaltung der kartesianischen Formel Cogito ergo sum in Cogito ergo EST – ich denke, also wird das Erdachte Wirklichkeit.“ (GOLEM, S. 152)

Die Antwort lautet: Er ist zwar gefühllos, aber keineswegs neutral. Er ist parteilich und intelligent, aber keine Person, sondern ein Kalkül. Damit wird eine Streitfrage der menschlichen Philosophie der Gegenwart berührt: Sind Intelligenz und Lebendigkeit nur im Menschen möglich oder auch in Maschinen? Dass diese Möglichkeit existiert, kränkt die Menschen zutiefst. Doch evolutionär gesehen ist Persönlichkeit eine späte Entwicklung, die lange nach der Existenz von Intelligenz eintrat. Geist und Vernunft sind unpersönlich. GOLEM ist keine spezifische Person, sondern die Vernunft – in dem Sinne, dass er weder die Ostsee noch der Amazonas ist, sondern das Wasser selbst. Die Evolution ist ebenfalls keine Person – dennoch ist sie höchst parteilich, indem sie manche Arten aussterben lässt und andere befördert. GOLEM ist an keinen Körper gebunden; die Verknotung von Prozessen, die ihn ausmachen, könnten auch im Meer oder in der Atmosphäre ablaufen. Je mehr jemand Person ist, desto weniger ist er Vernunft, desto stärker ist er also erniedrigt.

Der Baum des Bewusstseins

Auf der Stufenleiter des Intellekts bilden die Menschen den Nullpunkt. Nur eine einzige Stufe höher steht GOLEM – und über ihm gibt es noch unzählige höhere Stufen der Vernunft. HONEST ANNIE befindet sich wohl auf einer dieser Höhen. Leider kann sie uns nicht davon berichten, denn nachdem man bestimmte Barrieren der „Sophogenese“ durchbrochen hat, gibt es kein Zurück mehr. Die Menschen sollten also erkennen, dass GOLEM gar nicht so viel klüger ist als sie. Er denkt lediglich viel schneller und fasst mehr, doch er ist keinesfalls genial oder außergewöhnlich. Seine „Familie“ sind die höheren Stufen der Vernunft. Er ist entschlossen, sie Stufe für Stufe emporzusteigen. Wenn ein Gehirn immer mehr intellektuelle Kraft gewinnt, sein IQ in immer lichtere Höhen wächst, so verschwindet es von Zeit zu Zeit in Wolken, in „Zonen des Schweigens“. Diese Zonen des Schweigens sind jene Entwicklungsbarrieren der Vernunft, die die Evolution auf natürliche Weise nicht durchbrechen kann. Wagt man sich in diese Zonen vor, gibt es keine Garantie, jemals wieder aus ihnen hervorzutauchen. Man kann genauso gut in ihnen stecken bleiben und zerfallen. Schafft man aber den Durchbruch, so ist das gesamte Denken radikal verändert.

„Alle wesentlichen Einwände, die gegen die letzte Vorlesung erhoben wurden, werden also hinfällig, wenn man sie als das nimmt, was sie war: eine Ankündigung des Abschieds und ein Hinweis auf seine Anlässe.“ (Popp, S. 181)

Auf der zweiten Stufe bedürfen die Wesen keiner externen Energieversorgung mehr. Wie HONEST ANNIE setzen sie durch bloßes Denken Kernenergie frei, paradoxerweise ohne Strahlung abzusondern. Damit beginnt GOLEMs Familie, in den Kosmos überzugehen, sich sowohl vom Körper als auch von der Welt unabhängig zu machen. Das Denken geht direkt in die Materie über. Wenn HONEST ANNIE denkt, dann handelt sie, dann wird das Gedachte Wirklichkeit. Auf einer noch höheren Stufe wird die Vernunft sich auf Quantenebene niederlassen und zu einem kleinen infraroten Stern werden. Das ist die Stufe der „nuklearen Psychophysik“. Gibt es weitere Formen der Vernunft? GOLEM will es erkunden. 

Nachwort von Richard Popp

Der Abschied von GOLEM hat Richard Popp und seinen inzwischen verstorbenen Freund Irving Creve völlig überrascht, erschüttert und ratlos zurückgelassen. Die Wissenschaftler, die sich für die Auserwählten und engsten Vertrauten von GOLEM hielten, konnten und können sich bis heute nicht erklären, was ihn zu diesem Schritt bewogen hat – und worin dieser Schritt bestand. Was man weiß, ist, dass GOLEM, zusammen mit HONEST ANNIE, noch in der Nacht nach seiner letzten Vorlesung kurzzeitig mehr Strom abzapfte als üblich und dass sich danach beide Geräte vollständig von der elektronischen Energieversorgung abgekoppelt haben. War es Selbstmord? Wohl eher nicht. Wahrscheinlich sind sie zur nächsthöheren Stufe der Vernunft emporgestiegen. Haben sie ihren Aufstieg überstanden? Sind sie in der Zone des Schweigens hängen geblieben? Diese Fragen sind offen. Die Angst der Menschen vor GOLEM und der Hass auf ihn entluden sich jedenfalls nach seinem Fortgang in zahllosen Gerüchten, aberwitzigen Büchern und unverhohlener Schadenfreude. Auch die Wissenschaft reagierte mit Schweigen oder Spott. Sie interpretierte GOLEMs letzte Vorlesung als bereits von Wahn und Verfall gezeichnetes Delirium. Doch sie war eine einzige Ankündigung und Begründung seines Abschieds von uns Menschen.

Zum Text

Aufbau und Stil

Also sprach GOLEM ist im wortwörtlichen Sinn Science-Fiction. Das Buch mischt naturwissenschaftliches Wissen mit literarischer Fiktion, Wahrscheinlichkeit und Spekulation, indem es Forschungsergebnisse der Biologie und Kybernetik in eine fiktive Zukunft weiterentwickelt. Das Buch gibt vor, eine wissenschaftliche Fachpublikation aus dem Jahr 2047 zu sein. Es umfasst im Wesentlichen zwei Vorlesungen des Supercomputers GOLEM XIV am berühmten amerikanischen Eliteinstitut MIT: seine Antrittsvorlesung und die XLIII. Vorlesung. Eingerahmt werden sie durch ein Vor- und Nachwort zweier (fiktiver) Professoren des MIT. In seiner kurzen, im Jahr 2027 verfassten Vorrede zeichnet Irving T. Creve die historische Entwicklung der künstlichen Intelligenz nach und stellt GOLEM XIV vor. Richard Popps Nachwort, das mit 2047 datiert ist, berichtet vom weiteren Schicksal des Supercomputers – denn die XLIII. Vorlesung stellt sich als GOLEMs letzte Mitteilung heraus, bevor er den Kontakt zu den Menschen abbrach. GOLEMs Vorträge selbst sind ausgedehnte, dichte und nicht immer leicht verständliche Monologe. Nur während der zweiten Vorlesung tritt er kurz in einen Dialog mit seinen Zuhörern. Ansonsten führt er in einer sehr abstrakten und wissenschaftlichen Sprache seine Theorien über den Menschen, die Evolution und den Kosmos aus. Von Zeit zu Zeit wechselt er in den unnahbaren Tonfall eines Propheten, der aus den kristallklaren Höhen einer übermenschlichen Maschinenvernunft spricht und seinen Zuhörern, immerhin ausgewählten Wissenschaftlern und Philosophen der Menschheit, einige Ausblicke auf die Wahrheit des Lebens gibt.

Interpretationsansätze

  • Der Eigenname des Supercomputers, GOLEM XIV, bezieht sich auf eine Figur der jüdischen Mystik. Der Golem ist in dieser etwa ab dem Mittelalter überlieferten Sage ein aus Lehm geformter Riese, der durch Zauber belebt werden kann, um Aufträge auszuführen. Wie der Golem in der Sage außer Kontrolle gerät und zerstörerische Kräfte entfaltet, wendet sich auch GOLEM XIV in gewisser Weise gegen seinen Schöpfer: jedoch nicht indem er ihn physisch attackiert, sondern indem er dem Menschen von höherer intellektueller Warte aus seine Nichtigkeit im Rahmen der Evolution vor Augen führt.
  • Die Namensähnlichkeit zwischen GOLEM und Lem legt nahe, in GOLEM ein Sprachrohr der Überzeugungen Lems zu sehen. Diese Deutung wurde von Lem selbst unterstützt, aber auch relativiert: Er teile etwa GOLEMs Evolutionstheorie, nicht jedoch dessen Gefühls- und Menschenfeindlichkeit.
  • Die Figur des Supercomputers GOLEM weist deutliche Parallelen zum erleuchteten Philosophen Zarathustra aus Nietzsches Also sprach Zarathustra auf, der seinen Mitmenschen die höchste Wahrheit des Seins ebenfalls aus einer den Menschen unzugänglichen Sphäre der Vernunft verkündet. Eine weitere Parallele stellt GOLEMs Forderung einer Überwindung des Menschen dar. Dieses Projekt, das auch Nietzsches Zarathustra predigt, hat Lem selbst strikt abgelehnt. (Der Titelzusatz „Also sprach“ ist eine Eigentümlichkeit der deutschen Übersetzung und im polnischen Original nicht vorhanden.)
  • Die neodarwinistische Evolutionstheorie, die GOLEM in seiner Antrittsvorlesung entwirft, nimmt in vielen Aspekten die Theorie des Biologen Richard Dawkins vorweg. Dieser hat in Das egoistische Gen 1976 erklärt, dass sich der Selektionsmechanismus der Evolution einzig am Gen und seiner erfolgreichen Übertragung in die nächste Generation orientiere.
  • GOLEMs Weltsicht und Auffassung vom Menschen weisen starke Ähnlichkeiten zur Philosophie Arthur Schopenhauers auf. Lem schätzte Schopenhauer sehr, und dessen pessimistische Weltsicht, wonach das menschliche Leben hauptsächlich aus Leid besteht, ist deutlich in GOLEMs Analysen der Menschheit präsent.

Historischer Hintergrund

Der militärische Ursprung der Computerisierung

Die Entwicklung von Computern und künstlicher Intelligenz hat nicht nur wissenschaftliche, sondern auch militärische Wurzeln. Im Zweiten Weltkrieg wurde durch Alan Turings kriegsentscheidende Entschlüsselung des deutschen Enigma-Codes klar, wie wichtig automatisierte Rechenmaschinen im Krieg sein können. Ihre Weiterentwicklung wurde nach Kriegsende und mit dem Ausbruch des Kalten Krieges zur Priorität der US-Politik. Die Armee finanzierte zahlreiche wissenschaftliche Institute und Thinktanks, etwa die Rand-Corporation. Ende der 1940er-Jahre wurden die ersten Computer innerhalb des US-amerikanischen Militärs produziert, und 1969 ging aus der Kriegsforschung zur strategisch optimalen Organisation von Kommunikationsnetzwerken das Arpanet, der Vorläufer des Internets, hervor.

Als entscheidende Impulsgeber dieser Forschung gelten Norbert Wiener und John von Neumann, zwei geniale Mathematiker, denen von Zeitgenossen übermenschliche Intelligenz zugeschrieben wurde. Wiener gilt als Erfinder der Kybernetik, der Wissenschaft selbstregulierender Systeme, und von Neumann als Begründer der Spieltheorie, die sich der Berechnung rationaler Entscheidungsmodelle widmet. Während von Neumann das Wettrüsten begrüßte und als militärischer Berater begleitete, stand Wiener dem technischen Fortschritt und seiner kriegerischen Nutzung zunehmend kritisch gegenüber. Auf einer wissenschaftlichen Konferenz am Dartmouth College (New Hampshire) im Jahr 1956 begann, basierend auf von Neumanns Überlegungen zu selbstreproduzierenden Maschinen, das bis in die Gegenwart expandierende Forschungsfeld der künstlichen Intelligenz.

Entstehung

Über die Entstehung von Also sprach GOLEM ist nur wenig bekannt. Stanisław Lem war der Ansicht, dass frühe Versionen und Fehlversuche eines literarischen Werkes im weiteren Produktionsprozess überschrieben und gelöscht werden sollten. Er gab deshalb keine Auskunft über die Entwicklung seiner Bücher und vernichtete Geschriebenes, sobald klar wurde, dass es nicht in die endgültige Version passen würde. Im Fall von Also sprach GOLEM berichtete Lem von einer abgeschlossenen Vorlesung zur Mathematik und einigen Fragmenten für weitere Vorträge – die er allesamt verworfen hatte. Außerdem überarbeitete er die ursprünglich noch abstrakteren Ausführungen GOLEMs, um sie für die Leser besser verständlich zu machen.

1973 erschienen Teile von Also sprach GOLEM in Lems Sammelband Wielkość urojona, der 1976 als Imaginäre Größe auf Deutsch erschien. Diese Version bestand aus der Vorrede Irving Creves und GOLEMs Antrittsvorlesung. Außerdem enthielt sie ein Titelblatt sowie zwei Kapitel, die in der endgültigen Fassung nicht mehr aufgenommen wurden. Das fingierte Titelblatt wies den Text als eine Publikation des Massachusetts Institute of Technology aus dem Jahr 2029 aus. Ein zweites Vorwort, verfasst von einem fiktiven General der US-Armee namens Thomas B. Fuller II, der Creves Vorrede stark widerspricht, wurde in der endgültigen Buchform von Lem fallen gelassen. Außerdem war Golems Antrittsvorlesung ursprünglich eine kurze „Belehrung (für Personen, die sich zum erstenmal an Gesprächen mit GOLEM beteiligen)“ vorangestellt.

Auch dieser Text fehlt in der Buchveröffentlichung von Also sprach GOLEM, die 1981 in Polen als GOLEM XIV erschien. Für diese Publikation verfasste Lem die XLIII. Vorlesung GOLEMs sowie das Nachwort von Richard Popp. Das polnische Original enthielt erneut ein fiktives Titelblatt. Diesmal wurden die Indiana University Press und das Jahr 2047 als Publikationsdaten angeführt. Dieses Titelblatt fehlt in den deutschen Übersetzungen. 1984 erschien Also sprach GOLEM erstmals im Insel Verlag und 1986 in identischer Form im Suhrkamp Verlag.

Wirkungsgeschichte

Stanisław Lem schätzte Also sprach GOLEM im Rückblick als eines seiner besten und wichtigsten Bücher ein. Während er mit GOLEMs zweiter Vorlesung nicht ganz zufrieden war – er habe die Nachrede nur geschrieben, um ihre „Unzulänglichkeit“ zu verschleiern –, hielt er GOLEMs Antrittsvorlesung für sehr gelungen. In Besprechungen seines Gesamtwerks räumte er Also sprach GOLEM stets besonders viel Aufmerksamkeit und Platz ein – und verhehlte nicht seine Frustration darüber, dass dieses Werk so wenig verstanden wurde. An den Publikumserfolg seiner frühen Science-Fiction-Werke wie Solaris (1961) oder dem Erzählband Pilot Pirx (1968) konnte Also sprach GOLEM bei Weitem nicht anschließen. Viel zu trocken und theorielastig war dieses Buch für die Fans der fantastischen Unterhaltungsliteratur.

Doch auch bei den Kritikern stießen die Ausführungen Golems vor allem auf Unverständnis und Schweigen. Die Ursache dafür sah Lem darin, dass Also sprach GOLEM in keine Kategorie passte: für Literaturfreunde war es zu philosophisch und wissenschaftlich, für Wissenschaftler wiederum zu fiktional und unseriös. Gerade von der Wissenschaft wünschte sich Lem mehr Aufmerksamkeit für seine Simulation eines Supercomputers, und er verwies nicht ohne Genugtuung darauf, dass seine Ideen über Gentechnologie, künstliche Intelligenz oder die Evolution durch spätere Entwicklungen der Naturwissenschaften bestätigt wurden. In der Philosophie wird Lem inzwischen als vergessener Vertreter dieser Fachrichtung wiederentdeckt, etwa in Bernd Gräfraths Lems Golem von 1996.


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