Zusammenfassung von Armut und Hungersnöte

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Armut und Hungersnöte Buchzusammenfassung

Literatur­klassiker

  • Ökonomie
  • Moderne

Worum es geht

Den Gründen von Armut und Hunger auf der Spur

Warum müssen heute noch Menschen verhungern? Die Standardantwort auf diese Frage lautet: Weil es nicht genügend Nahrung gibt. Doch mit dieser Erklärung wollte sich der indische Wirtschaftswissenschaftler Amartya Sen Anfang der 80er Jahre nicht mehr zufriedengeben. Aus eigener Erfahrung wusste er, dass bei einer Hungersnot nicht alle Menschen gleich stark vom Nahrungsmangel betroffen sind. Als Kind erlebte er eine solche in Bengalen: Drei Millionen Menschen verhungerten dort in den Jahren 1943/44, aber Sen und seine Klassenkameraden, Angehörige einer privilegierten Schicht, bekamen davon so gut wie gar nichts mit. Dieses Kindheitserlebnis bestimmte Sens Arbeit. In Poverty and Famines sucht er eine plausible Erklärung dafür, warum bestimmte Bevölkerungsgruppen verhungern, während es anderen in der gleichen Region viel weniger schlecht ergeht. Zudem befasst er sich mit der Frage, warum Hungersnöte manchmal sogar ausbrechen können, obwohl sich Nahrungsmenge und Bevölkerungszahl im Vergleich zu den Vorjahren nicht verändert haben. Sens Erklärung: Nicht nur auf die Nahrungsmenge, sondern auch auf die Zugangsrechte zur Nahrung kommt es an. Eine wichtige Rolle spielen also Macht, Kaufkraft und Zugehörigkeit zu bestimmten Bevölkerungsgruppen. Für seine Beiträge zur Wohlfahrtsökonomie wurde Sen 1998 mit dem Nobelpreis für Wirtschaftswissenschaften geehrt.

Take-aways

  • Poverty and Famines ist eines der wichtigsten Bücher des indischen Ökonomen Amartya Sen.
  • Sen widerlegt darin die These, dass eine Hungersnot immer von einer Verknappung der Nahrung ausgelöst wird.
  • Viele Hungersnöte sind auf Verteilungsprobleme zurückzuführen: Nahrung ist ausreichend vorhanden, wird jedoch falsch verteilt.
  • Mit dem Konzept der Anspruchs- oder Zugangsrechte lässt sich der wahre Auslöser von Hungersnöten herausfinden.
  • Jeder Mensch verfügt über unterschiedliche Anspruchsrechte, die er aufgrund seines Besitzes, seiner Zugehörigkeit zu gesellschaftlichen Gruppen oder seiner Leistungen erhält, die er anderen anbieten kann (z. B. in Form von Arbeit).
  • Ist es ihm möglich, auf Basis seiner Anspruchsrechte genügend Nahrung zu bekommen, ist sein Überleben gesichert – wenn nicht, drohen ihm Hunger und Tod.
  • So lässt sich erklären, dass bestimmte Bevölkerungsgruppen einer Hungersnot ohne nennenswerte Entbehrungen entrinnen, während andere daran zugrunde gehen.
  • Die einfache Landbevölkerung, die außer ihrer Arbeitskraft keinen Besitz hat, gehört zu den ersten Opfern, wenn eine Hungersnot ein Land heimsucht.
  • Menschen sterben an Nahrungsmangel, obwohl der Marktmechanismus funktioniert. In einer solchen Situation kann es falsch sein, diesem Mechanismus zu vertrauen.
  • Sen untersucht die großen Hungerkatastrophen der 40er, 60er und 70er Jahre und sieht seine Thesen bestätigt.
  • Für seine bahnbrechenden Leistungen auf dem Gebiet der Wohlfahrtsökonomie wurde ihm 1998 der Nobelpreis für Wirtschaftswissenschaften verliehen.
  • Seine Beiträge zur Hunger- und Armutsforschung beeinflussten den World Development Index der Vereinten Nationen.
 

Über den Autor

Amartya Sen sagt über sein Selbstverständnis als Wirtschaftswissenschaftler: „Wenn die Leute hören, dass ich Ökonom bin, fragen sie mich, wie sie ihr Geld anlegen sollen. Ich sage ihnen dann, dass ich dazu keinen Rat geben kann und dass mich vielmehr die Leute interessieren, die kein Geld haben, um es anzulegen.“ Sen wird nach eigener augenzwinkernder Angabe bereits in einen Universitätscampus hineingeboren, und zwar am 3. November 1933 im westbengalischen Santiniketan. Dort besucht er die Visva-Bharati-Universität des großen indischen Dichters und Gelehrten Rabindranath Tagore. Seine Studien in Mathematik und Wirtschaftswissenschaft setzt er 1951 am Presidency College in Kalkutta fort. Danach zieht es ihn ins Ausland. 1953 wechselt er ans Trinity College in Cambridge – wo er erst einmal nachsitzen muss: Sein Bachelor-Abschluss wird hier nicht anerkannt. Nach einer Professur in Kalkutta, der Promotion in Cambridge 1959 und einer Forschungszeit am Massachusetts Institute of Technology in den USA wird ihm eine Professur an der Universität von Delhi angeboten. Sen nimmt an und bleibt bis 1971. Seine weitere akademische Karriere führt nach London, Oxford, Harvard und wieder nach Cambridge. Seine Forschungsschwerpunkte sind Wohlfahrtsökonomie, Social-Choice-Theorie und Theorien der wirtschaftlichen Entwicklung. Zu seinen wichtigsten Veröffentlichungen gehören On Economic Inequality (1973), Poverty and Famines (1981) und Development and Freedom (Ökonomie für den Menschen, 1999). 1998 wird dem mit rund 20 Ehrendoktortiteln dekorierten Wissenschaftler der Nobelpreis für Wirtschaftswissenschaften verliehen.

 

Zusammenfassung

Armut, Hunger und die Frage des Eigentums

Menschen verhungern, wenn sie keine Verfügungsgewalt über genügend Nahrungsmittel haben. Die Verfügungsgewalt bzw. das Zugangsrecht auf Nahrungsmittel leitet sich aus dem Eigentumsrecht ab. So kann etwa das Eigentumsrecht an einem Laib Brot schrittweise darauf zurückgeführt werden, dass der Besitzer ihn bezahlt hat, dass er das dafür notwendige Geld durch den Verkauf von Waren erhalten hat, dass er diese Waren mit der eigenen Arbeitskraft hergestellt hat usw. Prinzipiell gibt es vier Ursachen für Eigentumsrechte: Tausch und Handel, Eigenproduktion, Arbeitskraft oder deren Verkauf und Vererbung.

„Starvation is the characteristic of some people not having enough food to eat. It is not the characteristic of there being not enough food to eat.“ (S. 1)

Anrechte hängen stark vom jeweiligen politisch-ökonomischen System ab. So ist es den Privatpersonen in einem sozialistischen Gemeinwesen nicht erlaubt, Produktionsmittel zu besitzen, während dies im kapitalistischen System gang und gäbe ist. Die moderne Gesellschaft, in der wir leben, gestattet das Anrecht auf Sklavenhaltung nicht; in früheren Epochen war dies oft kein Problem.

Konzepte der Armutsforschung

Es gibt eine Vielzahl von Konzepten, wie Armut definiert und gemessen werden kann. Eines der am weitverbreitetsten ist gleichzeitig auch ein sehr fragwürdiges: Es berechnet die Armut eines Landes pro Kopf. Zuerst wird definiert, wer als arm gilt (z. B. anhand einer Einkommensgrenze, die unterschritten wird), dann wird die Anzahl dieser Armen erfasst und ins Verhältnis zur Gesamtbevölkerung gesetzt. So ermittelt man einen Armutsindikator. Diese Methode ist aber sehr pauschal, denn es wird keine Aussage darüber gemacht, wie arm die Armen und wie reich die Reichen sind. Weitere Konzepte der Armutsmessung sind u. a.:

  • Der biologische Ansatz: Hierbei wird Armut anhand bestimmter Mindestnahrungsmengen definiert, die die untersuchten Personen zum Überleben benötigen. Haben Menschen zu wenig Mittel zur Verfügung, um diese Mindesternährung sicherzustellen, gelten sie als arm. Die Probleme, die dieser Ansatz bereitet, haben vor allem mit der Definition der Mindestgrenzen zu tun. Und selbst wenn eine Mindestgrenze für Nahrung gefunden wäre, bestehen weitere Schwierigkeiten: Denn nicht nur die Festlegung der Mindestmengen ist erforderlich, sondern auch die Zusammenstellung der Arten von Gütern jenseits der Nahrungsmittel, die ja ebenfalls für die Armutsdefinition berücksichtigt werden müssen.
  • Der Ansatz der Ungleichheit: Er umschreibt Armut als Ungleichgewicht zwischen den verschiedenen Schichten einer Gesellschaft. Sicher, viele Hungersnöte könnten vermieden werden, wenn Einkommen der Reichen an die Armen umverteilt würde – aber Armut und Ungleichheit sind trotzdem nicht ein und dasselbe. Wenn etwa alle nichts haben, sind sie zwar gleich, aber dennoch arm.
  • Der Ansatz der relativen Deprivation (Mangel, Entzug): Er definiert Armut als einen Zustand, in dem der Betroffene bestimmte Dinge entbehren muss, über die andere Bevölkerungsschichten verfügen. Dabei kann es sich um Nahrung, Geld, aber auch Arbeit oder andere begehrenswerte Aspekte handeln. Dieser relative Armutsbegriff ist stark kulturabhängig: In der einen Kultur oder Gesellschaft mag der Mangel an bestimmten Dingen für Armut sprechen, weil die meisten Mitglieder darüber verfügen. Im Vergleich mit anderen Kulturen muss dies jedoch nicht unbedingt der Fall sein.

Der Entitlement-Ansatz zur Erklärung von Hungersnöten

In einer privatwirtschaftlich organisierten Wirtschaft ist jeder Mensch mit einer be-stimmten Menge an Ressourcen ausgestattet: Einem Bauern gehören z. B. ein kleines Stück Land, seine Arbeitskraft und einige Werkzeuge. Mit dieser Anfangsausstattung („endowment bundle“) hat er die Möglichkeit, eine bestimmte Menge an Gütern herzustellen, die er konsumieren, verkaufen oder gegen andere Güter eintauschen kann. Alle Güterkombinationen, die ein Mensch mithilfe seiner individuellen Anfangsausstattung erlangen kann, lassen sich in einer so genannten „exchange entitlement map“ zusammenfassen. Dies ist eine Art Karte, die alle Güter verzeichnet, auf die dieser Mensch potenziell zugreifen kann. Befindet sich die überlebensnotwendige Menge an Nahrungsmitteln nicht auf der Karte, muss er Hunger leiden.

„A person’s ability to avoid starvation will depend both on his ownership and on the exchange entitlement mapping that he faces.“ (S. 4)

So ist es beispielsweise möglich, dass ein Bauer durch eine schlechte Ernte oder durch ein Ansteigen der Nahrungspreise seinen Hunger mit der ihm zur Verfügung stehenden Anfangsausstattung an Ressourcen nicht stillen kann. Mit anderen Worten: Zwar kann eine Missernte der Grund für einen Nahrungsengpass sein, unmittelbar lebensbedrohlich wird die Situation aber wegen eines Mangels an Zugangsrechten („entitlements“) auf lebensnotwendige Nahrungsmittel. Die Zugangsrechte des Einzelnen können durch eine Vielzahl von Faktoren beeinträchtigt werden. Sei es, dass andere Personen reicher werden und mehr Nahrungsmittel als bisher kaufen, was die Preise steigen lässt, oder dass Naturkatastrophen die Ernte zerstören und Nahrungsmittel verknappen, oder aber dass die Arbeitslöhne unter die Nahrungsmittelpreise fallen: In jedem dieser Szenarien werden die Zugangsrechte auf Nahrung mindestens für einen Teil der Bevölkerung negativ beeinflusst.

Produktionsverhältnisse und soziale Sicherungssysteme

Die Produktionsverhältnisse in einer Gesellschaft haben großen Einfluss auf den Zugang der einzelnen Menschen zu Nahrung. Je nach Klasse und Besitzstand unterscheiden sich Individuen und Bevölkerungsgruppen hinsichtlich ihres Eigentums und ihrer Zugangsrechte. Ein Bauer mit Landbesitz ist beispielsweise definitiv bessergestellt als ein Pächter, denn Ersterer besitzt das Land, das er bewirtschaftet. Der Pächter wiederum ist bessergestellt als ein Wanderarbeiter, weil er einen Teil der Ernte behalten kann, während der Arbeiter lediglich seine Arbeitskraft gegen einen Lohn zur Verfügung stellt. Kommt es etwa zu einer Naturkatastrophe, die die Ernte teilweise vernichtet, hat dies sehr unterschiedliche Auswirkungen: Der Wanderarbeiter findet keine Arbeit mehr und kann seinen Lebensunterhalt fortan gar nicht mehr bestreiten, der Pächter hingegen wird mit dem übrig gebliebenen Teil der Ernte vielleicht gerade noch über die Runden kommen. Löst die verknappte Nahrung einen Anstieg der Preise aus, werden Bauer und Pächter mit den höheren Einnahmen zumindest teilweise für den Verlust der Ernte entschädigt, der Wanderarbeiter hingegen profitiert nicht davon.

„In the fight for market command over food, one group can suffer precisely from another group’s prosperity, with the Devil taking the hindmost.“ (S. 165)

In Ländern mit einem funktionierenden sozialen Sicherungssystem werden die Folgen von Arbeitslosigkeit oder Armut durch bestimmte staatlich garantierte Zugangsrechte abgemildert. Auch in Industrienationen wie Großbritannien könnte sich im Prinzip eine Hungersnot ausbreiten, gäbe es nicht das soziale Sicherungssystem, das das Existenzminimum jedes Bürgers gewährleistet. Hunger und Not werden also durch die Garantie von Zugangsrechten gemindert.

Hunger als Verteilungsproblem

Üblicherweise werden Hungersnöte damit erklärt, dass die Nahrungsmittelproduktion für die Versorgung der Bevölkerung nicht ausreicht. Diese These ist jedoch nicht haltbar: Es gibt Beispiele von Hungersnöten, die auftraten, obwohl sich die insgesamt zur Verfügung stehende Nahrungsmittelmenge nicht verändert hatte oder im Verhältnis zur Bevölkerung sogar angestiegen war. Hungersnöte sind in jedem Fall eine Folge mangelnder Verfügungsgewalt über Nahrung, nicht jedoch zwingend eine von Nahrungsmangel an sich. Es handelt sich also nicht um ein Knappheits-, sondern um ein Verteilungsproblem.

Hunger und Hungersnöte

Wenn ein Mensch verhungert, weist dies in größtmöglicher Deutlichkeit auf seine Armut hin. Umgekehrt ist das nicht immer der Fall: Armut führt nicht unbedingt dazu, dass sich der Mensch am Rande des Verhungerns befindet. Hunger herrscht in vielen Teilen der Welt, eine regelrechte Hungersnot ist jedoch ein singuläres Ereignis, das im schlimmsten Fall große Teile einer Bevölkerung dahinrafft, wie 1845 in Irland, als eine Hungersnot infolge der geringen Kartoffelernte die Bevölkerung um ein Fünftel dezimierte. Es sind also vor allem die Hungersnöte, denen besonders viele Menschen zum Opfer fallen. Dies hat meist nichts mit der generellen Nahrungsmittelversorgung zu tun, denn hier gibt es einen langfristigen Trend zur Verbesserung. Zudem ist es in den wenigsten Fällen so, dass ein ganzes Land unter der Hungersnot leidet: Es sind in der Regel vor allem die Ärmsten der Armen, die nicht über die notwendigen Zugangsrechte verfügen. Tatsächlich sind die Zugangsrechte auf Nahrung und die Anfangsausstattung eines Menschen mit Ressourcen dafür verantwortlich, ob er einer Hungersnot zum Opfer fällt oder nicht. Viele Menschen fanden Elend und Tod, weil ihre Zugangsrechte nicht aus-reichten, wenn eine Hungersnot das Land erschütterte. Belege für diese These liefern vier große Hungerkatastrophen der letzten 60 Jahre: in Bengalen (1943/44), der Sahelzone (1968–1973), Äthiopien (1972–1974) und Bangladesch (1974). Erstgenannte soll stellvertretend für alle vier genauer betrachtet werden.

Die große Hungerkatastrophe in Bengalen 1943/44

Man schätzt, dass zwischen drei und vier Millionen Menschen dieser Hungersnot in Ostindien zum Opfer fielen. Die meisten starben an Entkräftung oder weil sie den einsetzenden Seuchen von Malaria, Cholera und Pocken erlagen. Als Ursachen der Katastrophe konnten ein Wirbelsturm, Überschwemmungen, eine Pilzinfektion der Reispflanzen und die ausbleibenden Reisimporte aus Burma ausgemacht werden. Offiziell wurde die FAD-These (Food Availability Decline) vertreten, die sich auch noch in aktueller Forschungsliteratur finden lässt und die die Verknappung der Nahrung als Ursache der Hungersnot ansieht. Doch ist die bengalische Hungersnot wirklich auf die mangelnde Nahrungsversorgung zurückzuführen? Eine Antwort auf diese Frage findet sich in dem (bereinigten) Zahlenmaterial, das dem Bericht der Untersu-chungskommission der Hungersnot beigefügt ist. Daraus geht eindeutig hervor, dass die Versorgung der Bevölkerung mit Reis 1943 zwar schlechter war als 1942, aber dennoch erheblich besser als 1941. Im Unterschied zu 1943 war aber 1941 kein Hungerjahr – trotz der erheblich schlechteren Verfügbarkeit von Nahrungsmitteln. Die Nahrungsmenge und damit auch die FAD-These scheinen demnach keine eindeutige Erklärung für die Hungersnot des Jahres 1943 zu liefern.

„The law stands between food availability and food entitlement. Starvation deaths can reflect legality with a vengeance.“ (S. 166)

Es stellte sich heraus, dass die Hungersnot vor allem Menschen in ländlichen Regionen traf. Das könnte daran liegen, dass die städtischen Ballungsräume den Effekt von Preisveränderungen viel weniger spürten. Diese Preisveränderungen trafen die Landbevölkerung hart: Von 1940 bis 1943 veränderte sich das Austauschverhältnis von Arbeit und Nahrung (genauer: von Löhnen und dem Preis für Reis) zum Nachteil der Arbeiter. Zwar stiegen die Löhne moderat an, der Preis für Getreide aber schoss ins-besondere 1943 derart in die Höhe, dass die Arbeiter mit ihrem Lohn nur noch einen Bruchteil der Nahrungsmittel von 1941 erwerben konnten. Eine große Rolle spielte sicherlich auch der Krieg: Diejenigen Menschen, die eine Funktion beim Militär erfüllten, hatten erheblich größere Zugangsrechte als die einfache Landbevölkerung. Kurz gesagt: Viele Menschen starben vor Hunger, andere lebten dagegen ganz ausge-zeichnet und spekulierten sogar auf steigende Getreidepreise. Die Hungersnot war ein Verteilungsproblem, das die Regierung aber nicht als ein solches behandelte. Kein Wunder also, dass die Katastrophe nicht offiziell als Hungersnot deklariert wurde.

Zugangsrechte als Erklärungsansatz

Die FAD-These hat sich als ungeeignet erwiesen, um die Gründe für Hungersnöte zu erklären. Sie bezieht sich nur auf die Nahrungsmittel, nicht aber auf das Verhältnis von Nahrungsmitteln und Menschen. Sie erklärt nicht, warum es Hunger geben kann, obwohl die Nahrungsmittelmenge nicht gesunken ist. Sie erklärt auch nicht, warum eine Gruppe von Menschen verhungert, während eine andere Gruppe nicht nur überlebt, sondern sogar gut lebt. Erklärungen hierfür liefert der Entitlement-Ansatz, der mit Zugangsrechten operiert. Die Überlebenssituation eines Menschen hängt ganz entscheidend von seinen Zugangsrechten auf Nahrungsmittel ab. Derjenige, der nur von seiner Hände Arbeit lebt, kommt dem Verhungern bedrohlich nahe, wenn seine Dienste nicht mehr nachgefragt werden. Der Marktmechanismus, der auch noch während einer Hungersnot funktioniert, führt sogar dazu, dass Nahrungsmittel aus einer Hungersregion fortgeschafft werden, obwohl sie dort dringend gebraucht würden. Die Zugangsrechte anderer, mächtigerer Gruppen führen in diesem Fall die "unsichtbare Hand" des Marktes. Das folgt durchaus der Logik des Marktes: Denn dieser kümmert sich nicht darum, wo Güter gebraucht werden, sondern wer die größeren Zugangsrechte hat.

Zum Text

Aufbau und Stil

Sens Untersuchung lässt sich grob in drei Teile untergliedern: in einen allgemeinen, essayistischen, einen empirisch-praktischen und einen mathematischen, wobei Letzterer komplett in den Anhang verbannt ist. Diese Maßnahme ist sehr löblich, da der Lesefluss dadurch nicht von komplexen Formeln unterbrochen wird. Grundsätzlich kreist Sens Text um ein Thema: Er möchte einen Paradigmenwechsel bei der Betrachtung der auslösenden Faktoren von Hungersnöten erreichen. Der Leser soll von der Annahme weggebracht werden, dass Nahrungsmittelknappheit die Hauptursache für Hungerkatastrophen sei. Dieser weit verbreiteten Ansicht – die ohne Kenntnis der empirischen Daten ja auch ganz logisch erscheint – stellt er seinen Entitlement-Ansatz entgegen, der besagt, dass die Zugangsrechte verschiedener Bevölkerungsgruppen bei der Entstehung von Armut und Hungersnöten eine große Rolle spielen. Sehr ausführliche Analysen von vier großen Hungersnöten des 20. Jahrhunderts liefern die Kapitel sechs bis neun. Das Buch richtet sich zwar an ein Fachpublikum, ist aber, zumindest im allgemeinen Teil, auch für Laien verständlich. Sens Abhandlung folgt den akademischen Gepflogenheiten und ist deshalb nicht auf einen Höhepunkt hin angelegt. So kommt es, dass sich im Text Passagen häufen, in denen immer wieder die gleichen Thesen und Argumente wiederholt werden.

Interpretationsansätze

  • Amartya Sen fordert einen Paradigmenwechsel in der Analyse von Armut und Hunger: Für ihn ist nicht die Menge der vorhandenen Nahrung, sondern ihre Verteilung zentral. Anders gesagt: Er möchte die Aufmerksamkeit von der Nahrungsangebotsseite zur Nachfrageseite lenken.
  • Der Entitlement-Ansatz impliziert, dass Nahrungsmittellieferungen in Hungergebiete wirkungslos verpuffen, sofern keine effiziente Verteilung an die Betroffenen sichergestellt wird. Da die Nahrungsmenge an sich meist nicht entscheidend ist, wäre es vermutlich sogar sinnvoller, wenn sich die internationale Hilfe ausschließlich des Verteilungsproblems annähme. Undemokratische Gesellschaftsformen, ein korrupter Staatsapparat und eine Regierung, die sich nicht um die Hunger leidende Bevölkerung kümmert, sind demnach gefährlicher als Heuschreckenplagen oder Überschwemmungen.
  • Hilfe zur Selbsthilfe erscheint als Mittel der Wahl, um Hungerkatastrophen zu vermeiden. Sens Theorie legt nahe, dass Menschen, die nicht mehr besitzen als ihre Arbeitskraft, bessere Zugangsrechte auf Nahrungsmittel erhalten sollten. Hier schließt sich der Kreis zwischen Armut und Hungersnot. Durch die Bekämpfung der Armut ließe sich auch der Hunger besiegen.
  • Sen ist ein Vertreter der Wohlfahrtsökonomie und steht dem Marktmechanismus eher skeptisch gegenüber. Er zeigt an einigen Beispielen, wie Regierungen die Landbevölkerung verhungern ließen, weil sie im blinden Vertrauen auf den Marktmechanismus jede staatliche Verteilung von Nahrungsmitteln ablehnten. Sens Folgerung: Angesichts einer Hungersnot scheint der Marktmechanismus zu versagen, was staatliche Eingriffe erforderlich macht.

Historischer Hintergrund

Wohlfahrtsökonomie und Hungersnöte

Kann aus den Entscheidungen, die Individuen innerhalb der Gesellschaft fällen und die für sie gut und richtig sind, auch geschlossen werden, dass sie für die Ge-samtgesellschaft gut und richtig sind? Existiert eine Verteilungsregel, die das Wohl der Gesamtgesellschaft wie auch die individuellen Freiheitsrechte der Marktteilnehmer schützt? Diese Fragen stellte bereits 1951 der amerikanische Ökonom Kenneth Arrow im Rahmen der Social-Choice-Theorie. Die Wohlfahrtsökonomie baut auf dieser Fragestellung auf und versucht eine Antwort darauf zu finden, wie sich das wirtschaftliche Handeln von Einzelpersonen und Gruppen auf die gesamte Volkswirtschaft auswirkt. Sie untersucht die Güterverteilung zwischen einzelnen Wirtschaftssubjekten und beschäftigt sich mit den öffentlichen Gütern, z. B. mit Verteidigung, Bildungswesen oder Straßenbau. Von zentraler Bedeutung ist das Pareto-Optimum, das auf den italienischen Ökonomen Vilfredo Pareto zurückgeht. Eine Verteilungssituation in einer Gesellschaft gilt dann als Pareto-optimal (oder Pareto-effizient), wenn sich kein Mitglied mehr besserstellen kann, ohne dass jemand anderes schlechter gestellt wird.

Sen beschäftigt sich in Poverty and Famines mit vier großen Hungersnöten im 20. Jahrhundert: jenen in Bengalen, Äthiopien, Bangladesch und der Sahelzone. Erstaunlicherweise existieren kaum detaillierte Aufzeichnungen über die großen Hungerkatastrophen der letzten Jahrhunderte. Besonders Asien und Afrika wurden wiederholt von ihnen heimgesucht. Im 18. Jahrhundert verhungerten allein in Indien zehn Millionen Menschen. Eine der größten europäischen Hungersnöte gab es 1845 in Irland: Knapp eine Million Menschen starben, weil die Kartoffelernte verfaulte – während gleichzeitig große Mengen an Nahrungsmitteln aus Irland nach England exportiert wurden.

Entstehung

Nachdem Amartya Sen sich einige Jahre mit der Social-Choice-Theorie beschäftigt hatte, wollte er seine Erkenntnisse auf mehrere praktische Probleme anwenden. Daraus erga-ben sich Studien, die sich mit der Messung von Armut und Ungleichverteilung, mit den Folgen von Arbeitslosigkeit und mit der Verletzung persönlicher Rechte, insbesondere derjenigen von Frauen (Genderproblematik), beschäftigten. Mitte der 70er Jahre wandte er sich der Erforschung von Hungersnöten zu. Ein Erlebnis aus seiner Kindheit hatte ihn nachhaltig geprägt: Während der Hungersnot in Bengalen, die er vor Ort mitbekam, machte er eine erstaunliche Beobachtung. In seiner Kurzautobiografie anlässlich des Nobelpreises 1998 gab er diese wieder: „Die Erinnerung an die bengalische Hungersnot von 1943, der zwischen zwei und drei Millionen Menschen zum Opfer gefallen waren und die ich von Santiniketan aus beobachten konnte, war noch ganz frisch. Was mich betroffen machte, war, dass die Katastrophe nur bestimmte Klassen traf. Ich kann mich nicht daran erinnern, dass jemand in meiner Schule, unter meinen Freunden und Verwandten auch nur den geringsten Hunger während dieser Zeit litt. Es war eine Hungersnot, die nicht einmal die untere Mittelschicht heimsuchte, sondern es waren nur Menschen betroffen, die auf einer erheblich tieferen wirtschaftlichen Stufe standen, wie beispielsweise Landarbeiter ohne eigenen Boden.“ Diese Beobachtung bildete den Ausgangspunkt von Poverty and Famines.

Wirkungsgeschichte

Amartya Sens Poverty and Famines sorgte in der akademischen Welt für viel Aufre-gung. Sens neue Sichtweise der Ursachen für Armut und Hunger verhallte nicht ungehört. Insbesondere die Vereinten Nationen und die Schwedische Akademie der Wissenschaften reagierten auf seine Theorien. Im Jahr 1998 wurde ihm der Nobelpreis für Wirtschaftswissenschaften verliehen. Als Begründung nannte man seine Arbeit auf dem Gebiet der Wohlfahrtsökonomie, insbesondere seine Beiträge zur Social-Choice-Theorie, Armutsforschung und Erforschung von Hungersnöten. Sen zeigte sich hocherfreut, dass gerade seine wohlfahrtsökonomischen Arbeiten das Komitee überzeugt hatten. Besonders im linkspolitischen Lager löste Sens Auszeichnung großen Jubel aus. Der Bremer Ökonomieprofessor Rudolf Hickel schrieb in der taz: „Bei der Vergabe des Nobelpreises für Ökonomie kamen in den letzten Jahren eher die neoliberalen Marktoptimisten zum Zug. Kritische Forschungen hatten nur geringe Chancen.“ Ähnlich betrachtete der Publizist Werner Rügemer die „neoliberale Wende“ in der Wissenschaft: „Seit der Nobelpreis 1976 an Milton Friedman vergeben wurde, den Anführer der ‚Chicago Boys‘, konnten die radikalen Verfechter des freien Marktes sich für Jahrzehnte in internationaler wissenschaftlicher Anerkennung sonnen. Möglicherweise wurde diese Entwicklung der Schwedischen Akademie nun selber peinlich, hatte sie doch noch im Jahre 1997 den Nobelpreis für Wirtschaft an Robert Merton und Myron Scholes vergeben.“ (Die Letztgenannten hatten ein mathematisches Berechnungsmodell für Derivate entwickelt, dann aber mit ihrem Hedgefonds Milliardenverluste eingefahren.)

Sens Arbeit beeinflusste maßgeblich die Art und Weise, wie Armut gemessen wird. Der jährlich erscheinende Weltenwicklungsbericht des Entwicklungsprogramms der Vereinten Nationen verwendet den auf Sens Forschungen zurückgehenden Human Development Index. Im Unterschied zu anderen Berichten (beispielsweise dem der Weltbank) berücksichtigt dieser Index nicht nur das Bruttoinlandsprodukt pro Einwohner, sondern auch die Lebenserwartung und die Alphabetisierungsrate als Indikatoren für die Gesundheits-, Ernährungs- und Bildungssituation der Bevölkerung.


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