Zusammenfassung von Aufzeichnungen aus dem Kellerloch

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Aufzeichnungen aus dem Kellerloch Buchzusammenfassung

Literatur­klassiker

  • Psychologischer Roman
  • Realismus

Worum es geht

Depressiver Wutbürger anno 1864

Was macht ein Mensch, den die Aufklärung aus religiösen und traditionellen Zusammenhängen herausgerissen hat und der in der schönen neuen Welt der Technik und Naturwissenschaft keinen Halt findet? Er rebelliert. Gegen die Welt, gegen die Gesellschaft, gegen sich selbst. Was aber tut er, wenn er weiß, dass diese Rebellion nur ein romantischer Reflex, ein halbgares Aufbegehren und sinnlose Gefühlsduselei ist? Er resigniert, verbittert, vereinsamt. Dostojewskis namenloser Antiheld in den Aufzeichnungen aus dem Kellerloch ist ein widersprüchlicher, selbstzerstörerischer, zynischer und fieser Charakter. Er ist reflektiert, sich seiner Situation bewusst, doch ihm fehlt jegliche Orientierung. Und das macht ihn im wahrsten Sinne des Wortes asozial. Die einzigen Konstanten sind sein Leid und sein Hass auf sich selbst und die Welt. Heute würde man einen solchen Menschen je nach Ausprägung entweder manisch-depressiv oder Wutbürger nennen.

Take-aways

  • Die Aufzeichnungen aus dem Kellerloch sind die thematische und philosophische Basis für die fünf großen Romane Dostojewskis.
  • Inhalt: Ein zynischer Eremit haust in einer ärmlichen Kellerwohnung und philosophiert über den modernen Menschen und dessen Unzulänglichkeiten. Er erzählt von der für beide Seiten erniedrigenden Begegnung mit einer Prostituierten und versucht sich selbst Rechenschaft abzulegen über die eigene Verkommenheit. Dabei verstrickt er sich permanent in Widersprüche.
  • Der Text besteht aus zwei Teilen: einem Monolog und einer Erzählung.
  • Dostojewski stellt seinen Erzähler in einer Fußnote als erfundenen, aber realistischen Vertreter seiner Zeit vor.
  • Der namenlose Erzähler spricht ein fiktives Publikum an, dem er zeitgeistige Positionen und Haltungen unterstellt.
  • Die Aufzeichnungen sind eine direkte Widerrede auf den Roman Was tun? des sozialistischen Utopisten Nikolai Tschernyschewski.
  • Der Text ist ein Gegenentwurf zum unkritischen Fortschrittsglauben, der im 19. Jahrhundert in so unterschiedlichen politischen Lagern wie Sozialismus und Kapitalismus üblich war.
  • Friedrich Nietzsche und Thomas Mann schätzten den Text sehr.
  • Die Wirkung des Werks erstreckt sich bis zu den Existenzialisten Jean-Paul Sartre und Albert Camus.
  • Zitat: „Kann denn ein bewusster Mensch sich überhaupt noch irgendwie achten?“
 

Zusammenfassung

Der Rückzug in den Untergrund

Der Erzähler, ein 40-jähriger Mann, hat sich vor ungefähr 20 Jahren in seine ärmliche Behausung in einem Kellergeschoss in St. Petersburg zurückgezogen. Nach einer Erbschaft im letzten Jahr hat er sich auch aus seinem Beruf als Kollegienassessor zurückgezogen und haust seitdem nur noch in seinem „Kellerloch“. Er meidet Kontakte und sieht sich selbst als schlecht, abergläubisch, in sich widersprüchlich und charakterlos – und damit aus seiner Sicht als einen typischen, „bewussten“ Menschen des 19. Jahrhunderts.

„Ich bin ein kranker Mensch … Ich bin ein böser Mensch. Ein abstoßender Mensch bin ich.“ (S. 7)

Bewusstsein ist für ihn eine Krankheit – unter anderem führt ein gesteigertes Bewusstsein zu Trägheit. Wer unter dieser Krankheit leidet, wird nie ein erfolgreicher „Tatmensch“, sondern ist sich stets seiner eigenen Erniedrigung bewusst. Trotzdem liegt ein Genuss im Bewusstsein der eigenen Erniedrigung. Diesen Genuss zu erklären, ist die Motivation für die Aufzeichnungen des Erzählers.

„Ja, der Mensch des neunzehnten Jahrhunderts muss, er ist dazu sogar moralisch verpflichtet, ein im Großen und Ganzen charakterloses Wesen sein; dagegen ist ein charakterfester Mensch, ein Tatmensch – ein im Großen und Ganzen beschränktes Wesen.“ (S. 9)

Der überbewusste Mensch ist kein natürlicher, sondern ein Retortenmensch. Er ist im Vergleich zum „richtigen“ Tatmenschen eine Maus – und hält sich selbst auch dafür. Er findet keinen Halt in den Naturgesetzen wie der beschränkte Tatmensch, im Gegenteil: Er nimmt sie nicht hin, sondern hinterfragt sie, lehnt sich gegen sie auf und verzweifelt an ihnen. Der überbewusste Mensch weiß, dass er, sollte er sich einmal Gefühlsregungen wie Liebe und Hass hingeben, schon kurze Zeit später sich selbst verachten wird, weil er sich wider besseres Wissen auf eine Selbsttäuschung eingelassen hat. So bleibt er also tatenlos sitzen oder er schwatzt.

„Kann denn ein bewusster Mensch sich überhaupt noch irgendwie achten?“ (S. 20)

Man sagt, der Mensch werde zwangsläufig anfangen, gut und edel zu handeln, wenn er erst über seine wahren Interessen aufgeklärt sei. Zivilisation mache den Menschen sanfter, behaupten die Aufklärer. Doch die Geschichte ist voll von sogenannten zivilisierten Menschen, die gegen die eigenen Interessen handeln. Zivilisation ist kein Garant für weniger Grausamkeit – teils bewirkt sie gar das Gegenteil. Das liegt nicht daran, dass der Mensch noch keine Einsicht in seine Fehler erlangt hat. Es liegt nicht daran, dass er sich den Gesetzmäßigkeiten der Natur noch nicht unterworfen hat, mit denen die Vernunft einhergeht – und auch nicht daran, dass er sich noch nicht in seine Rolle als „Drehorgelstift“ im mathematisch vorhersehbaren System eingefunden hat. Nein, der Mensch handelt gegen seine eigenen Interessen, einzig, weil er es will.

Des Menschen Wille

Sein freies Wollen ist – gerade in seiner Unberechenbarkeit – für den Menschen der „allervorteilhafteste Vorteil“, der in keinem vernünftigen System seinen Platz hat. Erst der freie Wille macht den Menschen komplett, stiftet Identität – genau, um sich das zu versichern, erstrebt der Mensch ihn. Selbst der vernünftigste Mensch wird irgendwann aus reiner Monotonie und Undankbarkeit den Pfad der Vernunft vorsätzlich verlassen und Dinge tun, die ihm und anderen wissentlich schaden. Der Verstand deckt nur einen Teil des menschlichen Lebens ab. Das Wollen hingegen beinhaltet sowohl logisch Verständliches als auch Irrationales – die ganze Lebensfähigkeit eben. Weshalb sollte der Mensch eine Verbesserung seines Willens benötigen? Logik ist nicht unbedingt menschlich. Vielleicht wehrt sich der Mensch nur darum gegen die Vernunft und die Gesetze der Natur, weil er instinktiv Angst davor hat, das Ziel seiner Bestimmung zu erreichen; er ist ein strebendes Wesen, das Erreichen ist nicht seine Sache. Er braucht das Leid, nicht nur die Glückseligkeit, denn beides sind Vorteile für ihn.

Der Erzähler schwört, nicht ein Wort seiner bisherigen Ausführungen wahrhaftig zu glauben. Seine Leser oder Zuhörer können ihm vorhalten, er sei nur ein eitler und dreister Schwindler, der sich scheue, das auszusprechen, was er eigentlich aussprechen will, und sich stattdessen in Widersprüche verwickle. Aber diese Leser und Zuhörer sind ja auch nur erfunden. Was man wirklich sagen will, schreibt man nicht nieder zur Veröffentlichung. Nicht mal Freunden teilt man es mit. Dem Erzähler geht es darum, zu prüfen, ob er sich selbst gegenüber wahrhaftig sein kann.

„(…) jetzt will ich es gerade ausprobieren: Kann man denn wenigstens sich selbst gegenüber ganz und gar aufrichtig sein, ohne vor der vollen Wahrheit zurückzuschrecken?“ (S. 45)

Bei der Niederschrift einiger Begebenheiten aus seiner Vergangenheit will sich der Erzähler weiterhin an ein erdachtes Publikum wenden – nicht, weil er tatsächlich für Leser schreibt, sondern weil er in dieser Form leichter schreiben kann. Aber warum überhaupt schreiben? Die Papierform ist feierlicher und ernster, sie entlastet und ist ein probates Mittel gegen die Langeweile im Kellerloch.

Bei nassem Schnee

Als der Erzähler 24 Jahre alt ist, arbeitet er in einer Kanzlei und hat das Gefühl, dass seine Kollegen ihn nicht nur meiden, sondern ihm gegenüber Ekel empfinden. Doch seine Kollegen – selbst die ungepflegtesten und hässlichsten – scheinen sich niemals Gedanken darüber zu machen, dass sich jemand vor ihnen ekelt. Der Erzähler aber ist sich sicher, dass sie sich vor ihm ekeln. Der Grund für diese Überzeugung ist seine Eitelkeit, sein immens hoher Anspruch an sich selbst. Sein Selbstekel führt zur Gewissheit, dass auch die Umwelt ihn verachtet. Er hält sein Gesicht für hässlich, niederträchtig – und für dumm. Gerade das ist für ihn das Schlimmste; ein hässliches Äußeres wäre tragbar, wenn nur die eigene Klugheit sichtbar wäre. So aber entwickelt der Erzähler ein Gefühl der Minderwertigkeit seinen Kollegen gegenüber, keinem Blick kann er standhalten. Er empfindet sich selbst zwar als entwickelt, aber als vereinzelt. Die anderen dagegen sind eine stumpfsinnige, einförmige Herde.

Der Erzähler erlebt den Selbstekel in Phasen; mal flüchtet er ins Eremiten-Dasein, mal sucht er Gespräche. Er wirft sich „Romantizismus“ vor, aber nicht den „törichten“ deutschen oder französischen Romantizismus, sondern den russischen. Der russische Romantiker ist ein widersprüchlicher Charakter: hoch bewusst und klug, im Besitz eines hehren, unantastbaren Ideals und unsagbar ehrlich und pragmatisch. Einmal hat der Erzähler versucht, Freundschaft mit einem Kollegen zu schließen, dies aber nach kurzer Zeit wieder verworfen.

Eine verlorene Kraftprobe

Die einzige Beschäftigung, die dem Erzähler die Situation im Kellerloch erträglich macht, ist das Lesen. Wenn auch das nicht mehr hilft, gibt er sich nächtlichen, schäbigen „Liederlichkeiten“ hin. Einmal betritt er eine Kneipe, in der gerade eine Schlägerei stattfindet, deren Teilnehmer er plötzlich zu beneiden beginnt. Er versucht, selbst darin verwickelt zu werden. Doch er wird nicht wie erhofft aus dem Fenster geworfen, sondern schlicht ignoriert – eine schmerzhafte Erniedrigung. Der Offizier, der ihn nur beiseiteschiebt, statt ihn zu schlagen, wird in der Folge für ihn zur Besessenheit. Der Erzähler ersinnt verschiedene Wege, mit dem Offizier in Kontakt zu treten. Er verfasst eine Novelle, in der er den Offizier verunglimpft, und bietet sie einer Zeitung an, doch diese lehnt ab. Er verfasst einen Brief, in dem er den Offizier vor die Wahl stellt zwischen einer Entschuldigung und einem Duell, doch er verschickt ihn nicht. Wahnhaft tüftelt er an einem Plan, den Offizier auf offener Straße zu konfrontieren. Er beschließt, ihm entgegenzugehen und nicht auszuweichen. Doch so oft er es auch versucht – immer ist er selbst derjenige, der ausweicht. Für sein Scheitern verachtet er sich. Schließlich schafft er es doch, dem verhassten Offizier nicht auszuweichen. Es kommt zum Zusammenstoß, aber der Offizier scheint ihn nicht zu bemerken. Der Erzähler jedoch ist sich sicher: Er hat den Zusammenstoß bemerkt. Drei Tage lang ist er in Hochstimmung, da er sich nun öffentlich bewiesen und sich sozial mit dem Offizier gleichgestellt hat. Doch dann kippt seine Stimmung zurück in die übliche Selbstzermarterung.

„An eine zweitrangige Rolle habe ich nie denken können und mich gerade deshalb in der Wirklichkeit ruhig mit der letzten abgefunden.“ (S. 64)

Nach seinen Ausschweifungen folgen in der Regel Reue und eine Phase intensiver, monatelanger Träumerei. In seinen Träumen ist der Erzähler ein Held – geliebt und verehrt von allen, dem „Schönen und Erhabenen“ verpflichtet, ein Wohltäter der Menschheit. Nach maximal drei Monaten aber stellt sich der Drang ein, wieder unter Menschen zu gehen. Einer der wenigen Menschen, die als Kontaktperson infrage kommen, ist der Bürovorsteher des Erzählers, Anton Antonytsch Setotschkin. Er besucht ihn an seinem „Jour fixe“, setzt sich wortlos dazu, wenn der Amtsvorsteher und weitere Gäste sprechen, und findet zurück aus der Euphorie in seinen Normalzustand.

Konfrontation mit der eigenen Jugend

Ein anderer Ansprechpartner des Erzählers ist sein alter Schulfreund Simonow. Nach einem Jahr besucht er ihn wieder und findet dort zwei weitere ehemalige Schulkameraden, die den Abschied ihres gemeinsamen Bekannten Swerkow besprechen. Der Erzähler wird von Simonow irritiert empfangen und von den übrigen Anwesenden ignoriert.

„Ich hasste sie maßlos, obgleich ich womöglich noch schlechter war als sie.“ (S. 75)

Schon in der Schule hat der Erzähler Swerkow gehasst, denn dieser war ein adliger Aufschneider, ein beliebter, hübscher Dummkopf mit Unterstützung aus höheren Kreisen und blendenden Karriereaussichten. Als sich die Runde über die Bezahlung des Abschieds-Diners verständigt und den Erzähler dabei übergeht, schreitet dieser ein und bietet sich als weiteren Geldgeber an. Die Runde ist einerseits verärgert und andererseits irritiert, denn man weiß über das schlechte Verhältnis des Erzählers zu Swerkow. Doch der Erzähler lässt sich nicht abwimmeln und beharrt erbost auf seiner Teilnahme am Abendessen. Die Runde akzeptiert widerwillig.

Die Schulzeit war für den Erzähler ein einziges Spießrutenlaufen: Permanente Demütigungen durch die Mitschüler und sich selbst waren sein Alltag. Er denkt, dass er eigentlich nicht zu Swerkows Abschied gehen darf, weiß aber, dass er wider besseres Wissen trotzdem hingehen wird, auch wenn – oder gerade weil – er seine Anwesenheit bei der Feierlichkeit als taktlos empfindet. Er ist nicht der Feigling, für den ihn die anderen halten. Darum wird er hingehen, auch wenn allein der Gedanke daran Schüttelfrost und Verzweiflung bei ihm auslöst.

Am folgenden Tag ist er um fünf Uhr nachmittags im vereinbarten Restaurant und findet die anderen dort nicht vor. Erst eine Stunde später erscheinen sie und der Erzähler muss feststellen, dass man ihn über die Verschiebung der Anfangszeit nicht in Kenntnis gesetzt hat. Seine Entrüstung quittieren die anderen mit Gleichgültigkeit oder Schadenfreude. Das Essen wird aufgetragen, es wird viel getrunken und die Gespräche bei Tisch beginnen. Der Erzähler ist peinlich berührt, als Simonow ihn nach seiner Anstellung und seinem Gehalt fragt. Er nennt es und erntet eine Mischung aus Mitleid und Hochmut von den Anwesenden. Bevor alter Streit wieder aufbricht, lenkt Simonow die Aufmerksamkeit mit einer Anekdote auf sich. Der Erzähler wird erneut behandelt, als wäre er nicht da. Schließlich fährt er Simonow bei dessen Aufschneiderei wutentbrannt in die Parade und verursacht fast einen Eklat. Ein angedrohtes Duell wird mit Lachen quittiert, der Versuch einer Entschuldigung des Erzählers wird rüde abgebügelt.

„,Oh, wenn ihr nur wüsstet, welcher Gefühle und welcher Gedanken ich fähig, wie hoch entwickelt ich bin!‘, dachte ich zuweilen und wandte mich in Gedanken an das Sofa, auf dem meine Feinde saßen.“ (S. 87 f.)

Die Gesellschaft bricht auf und lässt den empörten Erzähler, der sich noch Geld von Simonow leiht, stehen. Der Erzähler aber weiß, wohin die anderen fahren, und folgt ihnen. Er hat vor, Simonow zu ohrfeigen und ein Duell zu fordern. Als er das Ziel, ein Bordell, erreicht, findet er weder Simonow noch die anderen vor. Stattdessen trifft er auf ein Mädchen namens Lisa, deren Dienste er in Anspruch nimmt. Auch bei dem Mädchen glaubt der Erzähler, Abscheu ihm gegenüber zu erkennen. Er erzählt ihr, dass er heute gesehen habe, wie eine Dirne im Sarg aus einem Kellerbordell herausgetragen wurde. Er prophezeit Lisa eine ähnliche Karriere: ein, zwei Jahre hier, dann ein ärmlicheres Bordell und schließlich der Keller mit Krankheit und frühem Tod. Als Alternative schildert er ihr Ehe und Familienglück und spricht dabei mit künstlichem Pathos – „wie nach dem Buch“, bemerkt Lisa. Doch der Erzähler treibt sein Spiel weiter und bringt Lisa zur Verzweiflung über ihr Schicksal. Schließlich gibt er dem gebrochenen Mädchen seine Adresse. Lisa zeigt dem Erzähler beim Abschied einen Liebesbrief von einem Studenten, den sie vor einigen Tagen kennengelernt hat und der nichts von ihrer Beschäftigung weiß – als Beweis dafür, dass auch sie geliebt wird.

Der Diener und das Mädchen

Wieder zu Hause schreibt der Erzähler einen weltmännischen Brief an Simonow und legt das geliehene Geld bei. Dabei verdrängt er für kurze Zeit, wie sehr er sich davor fürchtet, dass Lisa tatsächlich bei ihm auftauchen könnte. Er schickt seinen Diener Apollon mit dem Brief zu Simonow. Apollon ist ein „Despot“, eitel und selbstverliebt. Er behandelt den Erzähler, seinen Arbeitgeber, herablassend, und doch kann dieser sich seit Jahren nicht von ihm trennen. Nach der Swerkow-Verabschiedung steht nun die Bezahlung von Apollon an. Doch der Erzähler weigert sich, ihm Geld zu geben, um gegen das anmaßende Verhalten Apollons ein Zeichen zu setzen. Er hofft, Apollon so eine unterwürfige Bitte um Bezahlung entlocken zu können, doch nichts geschieht. Apollon schweigt bloß und sieht den Erzähler herablassend an. Dem Erzähler platzt der Kragen: Schreiend eröffnet er Apollon, dass er ihm sein Gehalt erst zahlen werde, wenn dieser für sein hochmütiges Verhalten um Entschuldigung bittet. Doch Apollon bleibt weiterhin ungerührt und macht die Situation für den Erzähler damit unerträglich. Er beleidigt Apollon und verlangt, dass dieser ihn dafür bei der Polizei anzeigt. Mitten in der Eskalation des Streites betritt Lisa die Kellerwohnung.

Der Erzähler ist völlig außer sich. Er schickt den verächtlich zögernden Apollon hinaus, um Tee und Gebäck zu besorgen, und gibt ihm den ausstehenden Lohn. Lisa ist verschüchtert und teilt mit, dass sie das Bordell verlassen will. Der Erzähler richtet seine Wut nun gegen Lisa: Er habe nur mit ihr gespielt, nichts sei ernst gemeint gewesen.

„Ich will nämlich nur in Worten spielen, nur im Kopf träumen, in Wirklichkeit aber brauche ich, weißt du was: dass euch der Teufel holt, das brauche ich!“ (S. 132)

Lisa scheint die Verzweiflung und das Unglück des Erzählers zu spüren. Auch als dieser sie bösartig beleidigt, geht sie nicht. Im Gegenteil: Sie wirft sich ihm in die Arme. Doch die kurze Leidenschaft, die nun folgt, kippt schon bald wieder in die beiderseitige Erkenntnis, dass der Erzähler unfähig ist, zu lieben. Liebe ist für ihn bloßer Machtkampf.

„Sie hatte erraten, dass der Ausbruch meiner Leidenschaft Rache war, eine neue Erniedrigung ihrer Person, und dass zu meinem ursprünglichen, beinahe grundlosen Hass jetzt ein persönlicher, neidischer Hass hinzugekommen war …“ (S. 135)

Erst auf Drängen des Erzählers rafft Lisa ihre Sachen zusammen und geht. Der Erzähler drückt ihr beim Abschied noch einen Geldschein in die Hand – im vollen Bewusstsein seiner Niedertracht. Lisa verschwindet, das Geld lässt sie da. Er stürzt ihr nach, doch bricht er die Verfolgung schon bald ab, im Wissen, dass es doch nichts bringen würde. Er ist beschämt, weiß, dass sein Verhalten übel war, redet sich aber ein, diese Kränkung sei für Lisa letztlich von Nutzen, denn Erniedrigung bedeute schließlich auch Erkenntnis.

„Kränkung – das ist doch Läuterung; das ist das ätzendste und schmerzendste Bewusstsein!“ (S. 138)

Der Erzähler glaubt, es sei ein Fehler gewesen, seine Aufzeichnungen zu beginnen. Ein Roman verlangt einen Helden, doch er hat lediglich einen Antihelden geliefert. Das „lebendige Leben“ ist eine Anstrengung, eine Überforderung für den heutigen Menschen. Er reagiert darauf mit Ekel und dem Wunsch nach Eingrenzung und Beschneidung von Freiheit. Hier ist ein guter Punkt, die Aufzeichnungen zu beenden.

Zum Text

Aufbau und Stil

Die Aufzeichnungen aus dem Kellerloch bestehen aus zwei Teilen, denen eine Fußnote des Autors vorangestellt ist. Darin wird erklärt, dass die Aufzeichnungen mitsamt ihrem namenlosen Verfasser zwar erfunden, in Anbetracht der gesellschaftlichen Entwicklungen aber „unausbleiblich“ seien. Der erste, kürzere Teil, „Das Kellerloch“, ist ein Monolog des Erzählers zu seiner eigenen Verfassung und der Verfassung der Welt, in der er lebt. Im zweiten Teil, „Bei nassem Schnee“, erzählt der Erzähler Begebenheiten aus seinem Leben. Diesem zweiten Teil ist ein Gedicht von Nikolai Nekrassow vorangestellt, in dem es um die Rettung einer Prostituierten geht. Beide Teile sind in der Ich-Perspektive verfasst. Im Buch wird immer wieder ein fiktives Publikum mit „meine Herrschaften“ angesprochen. Diesem Publikum werden Fragen und Antworten zugeschrieben, die der Erzähler wiederum pariert. Der gesamte Text ist von Widersprüchen geprägt; oft wird in einem Satz zurückgenommen, was ein paar Sätze vorher behauptet wurde. So entsteht der Eindruck, der Text bewege sich zwei Schritte vor und einen zurück. Es gibt zahlreiche literarische Anspielungen auf verschiedene, meist russische Bücher des 19. Jahrhunderts. Der Text endet mit dem Einschreiten des Autors, der die angeblich noch weitergeführten Aufzeichnungen des Erzählers eigenmächtig beendet.

Interpretationsansätze

  • Der Text ist ein Gegenentwurf zum unkritischen Fortschrittsglauben, der im 19. Jahrhundert in so unterschiedlichen politischen Lagern wie Sozialismus und Kapitalismus üblich war. Dem unmenschlichen Rationalismus hält er den menschlichen Irrationalismus als treibende Kraft entgegen.
  • Der russische Begriff „podpólje“, der mit „Kellerloch“ übersetzt wird, lässt sich auch mit „Untergrund“ übersetzen. Im Originaltitel schwingt daher bereits die Bedeutung „Unterbewusstsein“ mit. Es handelt sich bei dem Roman um eine literarische Darstellung der Macht des Unterbewussten.
  • Der namenlose Ich-Erzähler ist ein Beispiel für den modernen, entwurzelten Menschen, der die Bezüge zu Religion, Familie und Gesellschaft verloren hat. Er kreist nur noch um sich selbst. Der Vorwurf des Textes lautet: Die Aufklärung treibt die fortschrittsgläubigen Vernunftmenschen in den perfekt organisierten, technokratischen „Ameisenhaufen“. Den „bewussten“ Menschen, der dabei nicht mitmachen will, treibt sie dagegen in Isolation und Egozentrik.
  • Freiheit ist paradox: Gegen die aufklärerische Vorstellung, durch Freiheit sei es möglich, sich aus eigenem Interesse für die beste aller Gesellschaftsordnungen zu entscheiden, vertritt der Ich-Erzähler einen Freiheitsbegriff, der den freien Willen – losgelöst von Vernunft und eigenem Vorteil – ins Zentrum stellt. Nach dieser Vorstellung kann Freiheit auch die Entscheidung zur Unfreiheit, zum Selbsthass und zur Demütigung anderer sein.
  • Dostojewskis Kellerloch-Figur zeigt, dass der Mensch triebgesteuert und nicht vernunftgesteuert funktioniert. Hier lässt sich eine Parallele zu der psychoanalytischen Beschreibung des Menschen durch Sigmund Freud ziehen. Auch die sehr prominente Behandlung der Träume des Ich-Erzählers in der Funktion verdrängter Wünsche und Triebe erinnert an Freuds Theorie der Traumdeutung.

Historischer Hintergrund

Russland und St. Petersburg im 19. Jahrhundert

Ende des 18. Jahrhunderts lebte rund die Hälfte der russischen Bevölkerung, etwa 40 Millionen Menschen, in Leibeigenschaft. Erst unter Zar Alexander II. wurde sie 1861 aufgehoben – ungefähr 50 Jahre später als in allen anderen europäischen Ländern. Doch die Leibeigenschaft war mit ihrem offiziellen Ende noch nicht de facto abgeschafft. Um das Land, auf dem die ehemaligen Leibeigenen Frondienste für ihren Herren verrichtet hatten, kaufen zu können, mussten sie weiterhin hart für sie arbeiten. Ein Ergebnis dieser Entwicklung war eine massive Landflucht. Auf der einen Seite suchten die ehemaligen Leibeigenen, die sich den Landkauf nicht leisten konnten, ihr Heil in den wenigen städtischen Industriestandorten. Auf der anderen Seite suchten auch die adligen Gutsbesitzer Zuflucht in der Stadt, denn ihnen ging aufgrund fehlender technischer Neuerungen auf dem Land und fehlender Leibeigener zunehmend die Existenzgrundlage verloren.

Russlands Hauptstadt St. Petersburg spielte in dieser Entwicklung eine besondere Rolle. Die Einwohneranzahl der Metropole hatte sich von 1863 bis 1897 mehr als verdoppelt, von 539 000 auf 1,2 Millionen Einwohner. In ihrer Weltoffenheit, ihrer industriellen Entwicklung und auch als Handelsstützpunkt war die Stadt landesweit führend. Ende des 19. Jahrhunderts stammte über 10 Prozent der gesamten Industrieproduktion Russlands aus St. Petersburg oder dem direkten Umland. Die Sonderrolle der Hauptstadt hatten bereits ihr Gründer Zar Peter I. und Zarin Katharina die Große durch engere Anbindung an den europäischen Westen im 18. Jahrhundert festgelegt. Tausende von ausländischen Fachkräften – vor allem aus Deutschland – waren dabei in die Stadt geholt worden. Erst Ende des 19. Jahrhunderts begann man sich vom industriellen, technisch hochgerüsteten und zunehmend säkularen Westen wegzubewegen und sich mehr auf die slawischen und orthodoxen Wurzeln zu besinnen – eine Bewegung, die in der Folge selbst 70 Jahre Sowjetunion nicht beseitigen konnten.

Entstehung

Fjodor Dostojewski unternahm im Jahr 1862 Reisen unter anderem nach England und Deutschland und gewann dabei sehr negative Eindrücke von der materialistischen Grundeinstellung und der unkritischen Technikbegeisterung in diesen Ländern. In Deutschland häufte er in Casinos Spielschulden an. Auch gesundheitlich ging es ihm nicht gut. Als er im Winter 1863/64 mit der Niederschrift der Aufzeichnungen aus dem Kellerloch begann, litt er unter epileptischen Anfällen. Zur selben Zeit erkrankte seine erste Frau schwer an Tuberkulose und kurz zuvor war die Zeitschrift Vremja seines Bruders – die geplante Veröffentlichungsplattform für die Aufzeichnungen – von der Zensur verboten worden. Die Entstehungsvoraussetzungen für den Text waren also denkbar schlecht.

Inhaltlich ist der Text ein direkter Widerspruch gegen den fortschrittsgläubigen Roman Was tun? des sozialistischen Utopisten Nikolai Tschernyschewski von 1863. Zentrale Begriffe wie zum Beispiel das „Kellerloch“ tauchen dort wörtlich auf. Dostojewski und Tschernyschewski hatten 1862 bei der Weltausstellung in London unabhängig voneinander den Kristallpalast besucht. Für Tschernyschewski wurde dieser zum Symbol einer positiven Utopie, für Dostojewski zum technokratischen Schreckensbild, fern von jeglicher Menschlichkeit. Die Aufzeichnungen richten sich daher folgerichtig und gezielt gegen die Utopie einer sich automatisch durchsetzenden Vernunft, wie sie in Tschernyschewskis Buch entworfen wird.

Wirkungsgeschichte

Die Aufzeichnungen aus dem Kellerloch erschienen 1864 erstmals in mehreren Teilen in der Zeitschrift Epocha, deren Herausgeber Dostojewski und sein Bruder waren. Nach der erzwungenen Einstellung der Vorläuferzeitschrift war der unmittelbare Verkaufserfolg des noch neuen Blattes eher bescheiden. Zudem war der Zeitgeist aufseiten des utopischen Sozialismus, gegen deren beliebten Vertreter Nikolai Tschernyschewski die Aufzeichnungen Stellung bezogen. Der Roman gilt als Grundlage für Dostojewskis folgende fünf große Romane von Schuld und Sühne bis Die Brüder Karamasow

Die Wirkung des relativ kurzen Textes begann mit seiner intensiven Rezeption im Ausland. In Deutschland erschien die erste Übersetzung 1895 unter dem Titel Aus dem dunkelsten Winkel der Großstadt. Friedrich Nietzsche sah in dem Text, den er bereits vorher in der französischen Übersetzung gelesen hatte„einen wahren Geniestreich der Psychologie“. Thomas Mann schätzte Dostojewskis „radikalen Zynismus der seelischen Preisgabe“. Der deutsch-amerikanische Philosoph Walter Kaufmann nannte die Aufzeichnungen „die beste Ouvertüre zum Existenzialismus, die jemals geschrieben wurde“. In den Werken der Existenzialisten Jean-Paul Sartre (Der Ekel von 1938) oder Albert Camus (Der Fall von 1956) klingen Motive und philosophische Grundlagen von Dostojewskis Text ebenso an wie in Charles Bukowskis Aufzeichnungen eines Außenseiters von 1969. Die Aufzeichnungen aus dem Kellerloch wurden 1995 von Regisseur und Drehbuchautor Gary Walkow unter dem Titel Notes from Underground verfilmt. Es existieren auch diverse Hörspiel- und Bühnenfassungen.

Über den Autor

Fjodor M. Dostojewski wird am 11. November 1821 als zweites von acht Kindern in einem Moskauer Armenhospital geboren. Nach einer Jugendzeit in ärmlichen Verhältnissen tritt er 1838 gemeinsam mit seinem Bruder in die St. Petersburger Militärakademie ein. Hier zeigt sich bereits sein schriftstellerisches Talent. Nach Abschluss des Studiums wird Dostojewski 1843 im Kriegsministerium angestellt. Dort hält es ihn aber nicht lange: Trotz massiver finanzieller Probleme quittiert er den Dienst bereits ein Jahr später. Sein Ziel: Schriftsteller zu werden. Sein Erstling, der Briefroman Arme Leute (1846), macht ihn schlagartig berühmt. Die intensive Arbeit an weiteren Werken und die Versagensangst führen zu ersten epileptischen Anfällen. 1849 wird er wegen Mitgliedschaft im revolutionären Petraschewski-Kreis, einer Art Geheimbund, zum Tod verurteilt. Buchstäblich in letzter Sekunde, bereits auf dem Richtplatz, wird er jedoch vom Zaren begnadigt und zu vier Jahren Zwangsarbeit sowie vier Jahren Militärdienst verurteilt. Während der Zeit in Sibirien bekehrt er sich zum christlichen Glauben. 1854 lernt er Marja Dimitrijewna kennen, die er 1857 heiratet. Nach Beendigung des Militärdienstes kehrt er 1859 nach Moskau zurück. Die Aufzeichnungen aus einem Totenhaus, eine Beschreibung seiner Verbannung nach Sibirien, erscheinen 1861 in der von Dostojewski gegründeten Zeitschrift Vremja. Im nächsten Jahr unternimmt er seine erste Europareise und ein Jahr darauf die zweite. Dostojewski ist ein Spieler, der sich wegen seiner Sucht hoch verschuldet. Nach der dritten Europareise erscheint 1866 der Roman Schuld und Sühne in der Zeitschrift Russkij vestnik. Der Roman Der Spieler wird im selben Jahr veröffentlicht. Bis 1871 reist Dostojewski auf der Flucht vor seinen Gläubigern durch Europa und hält sich unter anderem in Florenz auf, wo er seinen Roman Der Idiot verfasst. Die Romane Die Dämonen (1871) und Die Brüder Karamasow (1879) werden große Erfolge. Am 9. Februar 1881 stirbt Dostojewski in St. Petersburg an den Folgen seiner Epilepsie und einem chronischen Lungenleiden.


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