Zusammenfassung von Bahnwärter Thiel

Suchen Sie das Buch?
Wir haben die Zusammenfassung! Erfassen Sie die Kernaussagen in nur 10 Minuten.

Bahnwärter Thiel Buchzusammenfassung

Literatur­klassiker

  • Novelle
  • Naturalismus

Worum es geht

Ein Mann verliert den Verstand

Was treibt einen Mann dazu, Frau und Kind umzubringen? Wann ist der Täter schuld- oder zurechnungsfähig? Inwieweit ist er Opfer der Verhältnisse? Diesen Fragen geht Gerhart Hauptmann in seiner Erzählung Bahnwärter Thiel nach – ein damals ungewöhnliches Projekt. Am Ende der Blütezeit des bürgerlichen Romans, der die kleinen Konflikte in den geregelten Verhältnissen des Bürgertums thematisierte, bricht Hauptmann alle Regeln: Seine Geschichte des kleinen Mannes, der langsam in den Wahnsinn abgleitet, hält der Gesellschaft am Ende des 19. Jahrhunderts mit all ihren Missständen den Spiegel vor. Auch stilistisch geht die Novelle mit ihrer überbordenden Symbolik eigene Wege. Mit dem Geschlechterkonflikt, dem Gegensatz von Natur und Technik sowie Bezügen zu Religion und Literatur bietet das Werk trotz seiner Kürze reiche Interpretationsmöglichkeiten. Bahnwärter Thiel markiert in der deutschen Literatur den Übergang zur Moderne und gehört noch heute zum Schulkanon.

Take-aways

  • Bahnwärter Thiel ist der bekannteste Prosatext des deutschen Schriftstellers Gerhart Hauptmann.
  • Inhalt: Der Bahnwärter Thiel ist durch den Tod seiner ersten Frau traumatisiert. Seine zweite Frau entpuppt sich als Drachen. Als sein Sohn aus erster Ehe bei einem tragischen Unfall ums Leben kommt, gleitet Thiel in den Wahnsinn ab und ermordet seine Frau und ihr gemeinsames Kind.
  • Die Novelle gehört zu den frühen Werken Hauptmanns, der später mit Dramen wie Die Weber und Die Ratten Weltruhm erlangte.
  • Bahnwärter Thiel wird dem Naturalismus zugeordnet, dessen Ziel es war, die Wirklichkeit objektiv und ungeschönt wiederzugeben.
  • Hauptmann löst sich darin jedoch teils sowohl von den Vorgaben der Novelle als auch vom Programm des Naturalismus.
  • Ein wichtiger Einfluss waren die Werke Georg Büchners, Woyzeck und Lenz, die Hauptmann begeistert gelesen hatte.
  • Die Novelle erschien 1888 in der Zeitschrift Die Gesellschaft und erst drei Jahre später in Buchform.
  • Bahnwärter Thiel wurde zweimal für das Fernsehen verfilmt.
  • Die Novelle gehört heute zum Kanon der Schullektüre.
  • Zitat: „Aus dem Tanze der Glühwürmchen tritt es hervor, blaß, schlaff, blutrünstig. Eine Stirn, braun und blau geschlagen, blaue Lippen, über die schwarzes Blut tröpfelt. Er ist es.“
 

Über den Autor

Gerhart Hauptmann wird am 15. November 1862 im schlesischen Obersalzbrunn (heute Szczawno Zdrój, Polen) geboren. Nach dem Schulabschluss beginnt er eine landwirtschaftliche Ausbildung, die er jedoch nach anderthalb Jahren aus gesundheitlichen Gründen abbrechen muss. Er bereitet sich auf den Militärdienst vor, wird aber für untauglich erklärt. Daraufhin nimmt Hauptmann im Oktober 1880 ein Studium als Bildhauer in Angriff und wird wenig später wegen schlechten Betragens von der Schule geworfen, aber auf Fürsprache eines Lehrers bald wieder aufgenommen. Doch schon 1882 bricht er das Studium ab. Inzwischen hat er die Kaufmannstochter Marie Thienemann kennengelernt, mit der er sich verlobt und die ihn fortan finanziell unterstützt. So kann er 1882 ein Studium der Geschichte und Literatur aufnehmen. Doch auch das hält er nicht lange durch; bereits ein Jahr später bricht er auch dieses Studium ab und lebt als freier Bildhauer in Rom. Mit bescheidenem Erfolg: Eine Statue, an der er arbeitet, fällt in sich zusammen. Hauptmann kehrt frustriert nach Deutschland zurück und beginnt ein Zeichenstudium in Dresden, das er bereits nach einigen Wochen wieder beendet. 1885 heiratet er Marie Thienemann. In den 1880er-Jahren entstehen seine ersten literarischen Werke, unter anderem die Dramen Vor Sonnenaufgang (1889), Die Weber (1892) und Der Biberpelz (1893). 1893 geht er eine Beziehung zu Margarete Marschalk ein, doch von Marie lässt er sich erst 1904 scheiden. Noch im selben Jahr heiratet er Margarete – um schon 1905 eine Beziehung zu einer Schauspielerin zu beginnen, die jedoch bald beendet ist. Hauptmann werden zahlreiche Ehrungen zuteil, 1912 erhält er den Nobelpreis für Literatur. Im Ausland gilt der Dichter als der Repräsentant der deutschen Literatur. Mit zunehmendem Alter distanziert sich Hauptmann immer mehr von den sozialkritischen Tendenzen seiner früheren Werke. Als die Nationalsozialisten an die Macht kommen, tritt er zwar nicht aktiv für das Regime ein, distanziert sich aber auch nicht. Er stirbt am 6. Juni 1946 im schlesischen Agnetendorf.

 

Zusammenfassung

Der Bahnwärter und seine Frauen

Bahnwärter Thiel versieht gewissenhaft seinen Dienst an einer kleinen Bahnstation im märkischen Wald. Sonntags geht er in die Kirche. Eines Tages lernt er ein Mädchen kennen, das er später heiratet. Die schmächtige, kränkliche Minna stirbt jedoch zwei Jahre später im Kindbett. Thiel wirkt nicht, als gehe ihm der frühe Tod seiner Frau nahe, und kaum ist das Trauerjahr zu Ende, heiratet er erneut.

„Oft freilich und besonders in Augenblicken einsamer Andacht, wenn er recht innig mit der Verstorbenen verbunden gewesen war, sah er seinen jetzigen Zustand im Lichte der Wahrheit und empfand davor Ekel.“ (über Thiel, S. 11)

Seine Auserwählte, die Kuhmagd Lene, ist das Gegenteil von Minna: stark und widerstandsfähig. Thiel braucht jemanden, der sich um seinen Sohn Tobias kümmert und einen Teil der täglichen Arbeiten übernimmt. Das erklärt er auch dem Pastor, der Thiels Entscheidung, früh wieder zu heiraten, hinterfragt. Tatsächlich erweist sich die Entscheidung als Fehlgriff. Wenn Thiel und Lene auch äußerlich ein passendes Paar abgeben, ähnelt Lene ihrem Mann charakterlich in nichts: Sie ist herrschsüchtig und aufbrausend, und nach Meinung seiner Nachbarn sollte Thiel ihr mit Gewalt zeigen, wer im Haus das Sagen hat. Er lässt ihre Tiraden jedoch still über sich ergehen.

Stilles Leid

Widerworte gibt Thiel nur, und dann zögerlich, wenn sich Lenes Wut gegen den kleinen Tobias richtet. Auch das gibt er nach dem ersten Jahr auf. Stattdessen versucht er Lene zu besänftigen, wenn sie einen ihrer Wutanfälle hat. Bei allen Schwierigkeiten, die sie ihm bereitet, gerät er in eine Art Hörigkeit ihr gegenüber. Wenn Thiel seine Beziehung zu Lene mit der zu Minna vergleicht, ekelt er sich. Seine Arbeitszeit ist deswegen dem Gedenken an seine erste Frau geweiht, die er jetzt wie eine Heilige verehrt. Die Abgeschiedenheit seines Wärterhäuschens, wo er kaum jemand zu Gesicht bekommt, fördert diese Obsession noch.

„Die schwarzen, parallellaufenden Gleise (…) glichen in ihrer Gesamtheit einer ungeheuren, eisernen Netzmasche, deren schmale Strähne sich im äußersten Süden und Norden in einem Punkte des Horizontes zusammenzogen.“ (S. 23)

Als der kleine Tobias fast zwei Jahre alt ist, zeigt es sich, dass er in seiner Entwicklung zurückbleibt. Lene hat nicht viel Liebe für ihn übrig – und behandelt ihn noch schlechter, als sie schließlich selbst ein Kind bekommt. Wenn Thiel nicht zu Hause ist, quält Lene den Jungen und überträgt ihm völlig unrealistische Aufgaben. Neben seinem Bruder wirkt Tobias blass und bemitleidenswert. Thiel ignoriert die Blicke der Nachbarn und blendet das Verhalten seiner Frau aus.

Vater Thiel

Im Juni wartet Lene nach einer Nachtschicht auf ihn. Vor einigen Wochen haben sie den Pachtacker verloren, auf dem sie für die Familie Kartoffeln angebaut hatten. Lene sollte sich um einen neuen Acker kümmern, hat dies aber bisher nicht getan. Tatsächlich macht sie Thiel deswegen Vorhaltungen. Er bemerkt Schwellungen am Körper seines ältesten Sohnes, die zeigen, dass Lene Tobias geschlagen hat, sagt aber nichts. Um sie friedlich zu stimmen, berichtet er ihr, sie dürften einen Streifen Land an der Bahnlinie kostenlos bewirtschaften.

„Thiel riß die Mütze vom Kopfe, der Regen that ihm wohl und lief vermischt mit Thränen über sein Gesicht. Es gährte in seinem Hirn, unklare Erinnerungen an das, was er im Traum gesehen, verjagten einander.“ (S. 28)

Thiel nutzt die Zeit, um sich mit Tobias zu beschäftigen. Er fragt den Jungen, was er werden will, und freut sich, als Tobias „Bahnmeister“ sagt. Thiel schickt ihn hinaus zum Spielen und legt sich bis zum Mittag hin. Dann geht er hinunter zur Spree, wo sich Tobias und die anderen Kinder um ihn versammeln. Er verbringt seine freie Zeit oft hier und erzählt den Kindern Geschichten oder zeigt ihnen Spiele oder gibt ihnen Nachhilfe. Nach einem kleinen Nickerchen und dem Nachmittagskaffee macht sich Thiel wieder auf den Weg zur Arbeit.

„Plötzlich fuhr sie herum, ohne selbst zu wissen aus welchem Grunde, und blickte in das von Leidenschaften verzerrte, erdfarbene Gesicht ihres Mannes, der sie, halb aufgerichtet die Hände auf der Bettkante, mit brennenden Augen anstarrte.“ (über Lene, S. 32)

Er setzt mit seinem Boot über die Spree und geht zu Fuß weiter. Der Kiefernforst ist dunkel und gespenstisch. Als er schon eine Weile gegangen ist, bemerkt Thiel, dass er sein Butterbrot vergessen hat, und kehrt um. Kurz vor dem Haus hört er ein Kreischen. Als er zur Tür kommt, hört er, dass seine Frau Tobias anschreit und aufs Übelste beschimpft. Thiel bleibt draußen stehen, überwältigt von seinen Gefühlen, und versucht, sich zu sammeln. Als er endlich hineingeht, ist seine Frau zunächst starr vor Schreck. Dann richtet sie ihre Wut gegen ihn und unterstellt ihm, sie zu belauschen. Er ignoriert sie und starrt den weinenden Tobias an. Wut steigt in ihm auf, doch er unterdrückt sie. Sein Blick wandert zu seiner Frau, die in ihrer Erregung unwiderstehlich wirkt. Er ist hilflos und bringt kein Wort hervor. Er nimmt das vergessene Brot und geht.

Nachtschicht

Thiel beeilt sich, doch er kommt eine Viertelstunde zu spät, um seinen Kollegen abzulösen. Geistesabwesend und mechanisch führt er die üblichen Vorbereitungen zur Nachtschicht aus. Die Glocke meldet einen herannahenden Zug. Thiel geht hinaus, um die Schranke zu senken. Das macht er bei jedem Zug, auch wenn der Bahnübergang so gut wie nie genutzt wird. Dann wartet er. Er blickt die Strecke entlang, die den Wald durchschneidet, und lauscht dem Sirren der Telegrafenleitung über ihm. Die Sonne geht gerade unter und taucht den ganzen Wald in feuerrotes Licht. Während er das Schauspiel betrachtet, naht der Zug heran. Das leise „Keuchen und Brausen“ schwillt zu einem „Tosen und Toben“ an. Der Zug rast vorüber und verschwindet. Der Wald ist wieder still.

„Aus dem Tanze der Glühwürmchen tritt es hervor, blaß, schlaff, blutrünstig. Eine Stirn, braun und blau geschlagen, blaue Lippen, über die schwarzes Blut tröpfelt. Er ist es.“ (über Tobias, S. 38)

Thiel denkt an Minna. Er trinkt Kaffee und macht sich, einem unruhigen Gefühl folgend, auf zu dem Stück Acker, das er nutzen darf. Während er mit dem Umgraben beginnt, wird ihm klar, welche Auswirkungen diese neue Entwicklung haben wird. Die Arbeit war immer die Zeit des Tages, die er ganz für sich hatte. Nun wird seine Frau hier sein, um das Feld zu bewirtschaften. Die Erkenntnis schreckt ihn auf und zwingt ihn, die vergangenen zwei Jahre endlich klar zu sehen. Tobias leidet schrecklich unter Lene, und Thiel hat nichts dagegen getan. Er schämt sich schrecklich für seine Untätigkeit.

Nächtliche Erscheinung

Zurück im Wärterhäuschen schläft er am Tisch ein und ruft im Traum nach Minna. Dann erwacht er schweißgebadet, mitten in der Nacht, während draußen ein Unwetter tobt. Er zündet seine Laterne an und erkennt, dass in wenigen Minuten ein Zug durchfährt. Thiel eilt zur Schranke. Draußen regnet und stürmt es, die Bäume biegen sich unter dem Wind, kurz zeigt sich der Mond. Thiel ist noch immer durcheinander. Im Traum hat er Minna gesehen, die sich über die Bahngleise schleppte, in Lumpen gekleidet und kränklich. Sie hat gewirkt, als sei sie auf der Flucht und als würde sie etwas Schweres tragen. Minna ist bei Tobias’ Geburt gestorben, und Thiel erinnert sich, wie sie den Neugeborenen angesehen hat. In seinem Traum ist sie vorbeigegangen, ohne Thiel zu beachten.

„Da liegt er in seiner verkommenen Körpergestalt, und nur hin und wieder hebt ein langer, rasselnder Atemzug die knöcherne Brust, welche unter dem zerfetzten Hemd sichtbar wird. Die Arme und Beine, nicht nur in den Gelenken gebrochen, nehmen die unnatürlichsten Stellungen ein.“ (über Tobias, S. 39)

Der Zug kommt näher und die Scheinwerfer tauchen den Wald in rotes Licht. Thiel hat plötzlich Angst. Das Bild seiner umherirrenden ersten Frau steht ihm noch deutlich vor Augen, und er ist kurz davor, den Zug anzuhalten. Als der Zug vorbei ist, geht er zurück, doch die Unruhe bleibt. Er kann es kaum erwarten, seinen Sohn wiederzusehen. Er lenkt sich von seinen dunklen Gedanken ab, indem er die Strecke überprüft und Schrauben festzieht. Der Regen lässt nach. Um sechs Uhr wird Thiel abgelöst und geht nach Hause.

Der Kartoffelacker

Die frische Morgenluft belebt ihn, und als er zu Hause eintrifft und Tobias sieht, scheinen die Erlebnisse der letzten Nacht in weiter Ferne zu liegen. Lene hat das Gefühl, dass etwas anders ist an ihrem Mann. Er geht früh ins Bett, weil er in der folgenden Woche Tagschicht hat. Bevor er einschläft, teilt Lene ihm mit, dass sie ihn am nächsten Tag begleiten wird, um nach dem Acker zu sehen. Sie zieht sich gerade aus und Thiel starrt sie aufgewühlt an. Als Lene das bemerkt, erschrickt sie und fährt ihn an. Er wendet sich beschämt ab. Am nächsten Morgen bereitet Lene alles dafür vor, Thiel mit den Kindern zu begleiten. Thiel ist unbehaglich dabei, doch er kann keine guten Gründe gegen den Plan vorbringen. Tobias wird der Ausflug Spaß machen, und schon deswegen sollte er Lenes Vorhaben eigentlich unterstützen.

„Weibchen – ja – und da will ich sie … und da will ich sie auch schlagen – braun und blau – auch schlagen – und da will ich sie mit dem Beil – siehst Du? – Küchenbeil – mit dem Küchenbeil will ich sie schlagen, und da wird sie verrecken.“ (S. 42)

Als sie ankommen, schaut sich Lene den Acker genau an und scheint damit sehr zufrieden. Sie hat Saatkartoffeln mitgebracht. Nach dem Frühstück fängt sie an zu graben und unterbricht die Arbeit nur, um ihren Sohn zu stillen. Thiel nimmt Tobias auf seinen Kontrollgang mit. Tobias nimmt die Umgebung voller Staunen auf, besonders die summenden Telegrafenleitungen haben es ihm angetan. Thiel bringt ihn zu einer Stelle, wo das Geräusch besonders schön ist und ihn an Kirchenchoräle erinnert. Er meint in den Geräuschen Minnas Stimme zu hören. Danach möchte Tobias auf einer Lichtung Blumen pflücken. Das Kind sieht ein Eichhörnchen vorbeilaufen und fragt, ob das Gott sei. Thiel tut die Frage ab, und sie gehen zusammen zum Acker zurück, wo Lene weiter unermüdlich gräbt.

„Kopflos lief man umher, die Nachbarn kamen, einer stieß an die Wiege. ‚Heiliger Himmel‘, und er fuhr zurück, bleich, mit entsetzensstarrem Blick. Da lag das Kind mit durchschnittenem Halse.“ (S. 48)

Sie essen gemeinsam zu Mittag und Thiel beginnt sich an den Gedanken zu gewöhnen, dass seine Familie ihm hier Gesellschaft leisten wird. Nach dem Essen nimmt Lene Tobias mit, der auf seinen kleinen Bruder aufpassen soll. Thiel warnt sie, Tobias nicht zu nah an die Gleise zu lassen. Lene antwortet mit einem Achselzucken.

Das Unglück

Der schlesische Schnellzug wird bald eintreffen. Als er näher kommt, hört Thiel drei Notpfiffe. Offenbar bremst der Zug. Thiel holt seine Fahne und geht näher ans Gleis. In dem Moment sieht er, wie etwas unter die Räder des herannahenden Zuges gerät. Der hält kurz darauf an und die Schaffner steigen aus. Thiel hört Schreie. Ein Mann kommt ihm entgegen und sagt ihm, dass das Opfer noch am Leben sei. Endlich setzt sich Thiel in Bewegung und folgt dem Mann zur Unglückstelle, wo Lene noch immer schreit. Thiel erkennt den Körper, der inzwischen geborgen wurde, und nimmt ihn in die Arme. Die Mitreisenden werfen Geld aus den Fenstern und erklären ihr Mitgefühl mit Lene.

„Am Morgen darauf fand ihn der dienstthuende Wärter zwischen den Bahngeleisen und an der Stelle sitzend, wo Tobiäschen überfahren worden war. Er hielt das braune Pudelmützchen im Arm und liebkoste es ununterbrochen wie etwas, das Leben hat.“ (über Thiel, S. 48 f.)

Der Zug fährt weiter und die Männer legen den schwer verletzten Jungen auf eine Bahre. Lene weint ununterbrochen und beteuert ihre Unschuld. Thiel hat nur Augen für Tobias. Die anderen Männer beschließen, den Jungen zur nächsten Station zu tragen, von wo aus er mit dem nächsten Zug zum Arzt gebracht werden kann. Lene und einer der Männer tragen die Bahre, Thiel bleibt zurück, denn niemand kann seinen Dienst übernehmen. Er läuft zurück zu seinem Häuschen und bricht zusammen. Er wacht erst wieder auf, als die Glocke den nächsten Zug ankündigt. Es ist der Personenzug, mit dem Tobias fortgebracht wird. Thiel verliert wieder das Bewusstsein. Er erwacht neben der Bahnstrecke und geht zurück, verbringt dann zwei Stunden damit, sich vorzustellen, wo Tobias gerade ist und wie die Ärzte feststellen, dass ihm nicht zu helfen ist. Seine Verzweiflung bricht aus ihm heraus, er schreit und läuft hinaus, geht auf die Gleise und spricht mit sich selbst. Er meint wieder, Minna zu sehen, und verspricht ihr, an Lene Rache zu nehmen und sie mit dem Küchenbeil zu erschlagen. Er folgt der Traumgestalt noch eine Weile und kehrt dann um.

Wahnsinn

Auf dem Rückweg sieht Thiel ein Eichhörnchen über die Gleise laufen und murmelt, der liebe Gott springe über den Weg. Er versucht seine Gedanken zu ordnen, doch ohne Erfolg. Dann hört er ein Kind schreien und erinnert sich an seinen jüngeren Sohn, der in seinem Kinderwagen im Wald liegt. Die Wut auf Lene und ihre Nachlässigkeit quillt hervor; er beginnt das Baby zu würgen. Seine Gedanken lichten sich und er zieht seine Hände zurück. Kurz darauf trifft ein weiterer Zug ein. Es ist der Kieszug, der die Arbeiter am Ende des Tages nach Hause bringt. Er hält unter lautem Getöse. Alle Arbeiter schweigen, einige der Frauen weinen. Der Zugführer kommt und gibt Thiel die Hand. Thiel geht zum letzten Wagen, aus dem gerade Tobias’ Leiche gehoben wird. Lene steigt auch aus und erkennt ihren Mann kaum wieder. Eine Weile bleibt alles still, dann fährt der Zug los und Thiel bricht zusammen. Die Lok wird gestoppt und zwei Männer erklären sich bereit, den Bewusstlosen nach Hause zu tragen. Sie bringen erst Thiel auf der Bahre über die Spree, dann fahren sie zurück, um Lene überzusetzen, dann ein drittes Mal, um Tobias’ Leiche zu holen. Inzwischen ist das ganze Dorf auf den Beinen. Man rät zu kalten Umschlägen für Thiel. Lene folgt dem Rat, und ihr Mann scheint tatsächlich ruhiger zu schlafen. Dann legt sie sich selbst hin und schläft ein.

Doppelmord

Als die Männer Stunden später mit Tobias’ Leiche zurückkehren, steht die Haustür offen und sie finden Lene erschlagen auf. Kurz darauf wird auch der Säugling gefunden. Ihm wurde die Kehle durchgeschnitten. Von Thiel fehlt jede Spur. Am nächsten Morgen entdeckt ihn ein Kollege an der Stelle, an der Tobias überfahren wurde. Er ist nicht ansprechbar und kann nur unter Gewaltanwendung von der Stelle bewegt werden. Er wird ins Untersuchungsgefängnis gebracht und am nächsten Tag in die Irrenanstalt.

Zum Text

Aufbau und Stil

Auf nur 50 Seiten entfaltet Gerhart Hauptmann die tragische Geschichte des Bahnwärters Thiel, der nach dem Tod seines ältesten Sohnes Frau und Kind umbringt. Erzählt werden die rund zehn Jahre von Thiels erster Hochzeit bis zum Doppelmord. Die Welt der Hauptfigur ist zweigeteilt: In seinem Dorf und seinem Zuhause wird er ignoriert und nicht ernst genommen, dagegen ist sein Arbeitsplatz im Wald eine mystische Gegenwelt, in der er sich in sich selbst zurückziehen kann. Hauptmanns Stil wechselt zwischen beiden Ebenen, hier benutzt er eine klare, knappe Sprache, die fast wie ein kühler Bericht wirkt, dort poetisch ausufernde Beschreibungen der umgebenden Natur und der Eisenbahn. So unzuverlässig wie Thiels Geisteszustand ist auch die Erzählhaltung. So bleibt der allwissende Erzähler lange nah an Thiel, um sich dann wieder auf Lene oder die Umgebung zu fokussieren. Durch die Interpretation der Gedanken Thiels, der als schlicht beschrieben wird, bricht der Erzähler die Illusion einer authentischen Innenschau. Thiels zunehmender Wahnsinn wird durch vielfältige sprachliche Mittel begleitet, unter anderem durch den Tempuswechsel vom Perfekt ins Präsens während der Episode um Tobiasʼ Tod.

Interpretationsansätze

  • Die Erzählung kann als psychopathologische Analyse gelesen werden. Sie geht der Frage nach, was einen Menschen dazu bringt, die eigene Familie umzubringen. Statt den Täter zu verurteilen, zeichnet Hauptmann die seelische Zerrüttung der Hauptfigur nach. Am Anfang dieser Entwicklung steht Thiels Traumatisierung durch Minnas Tod. Sein labiler Zustand wird durch die für ihn als schamvoll empfundene sexuelle Abhängigkeit von seiner zweiten Frau und deren Misshandlung des kleinen Tobias, der Thiel tatenlos zusieht, verstärkt. Am Schluss wird Thiel als „der Kranke“ bezeichnet, die Frage nach Schuld- und Zurechnungsfähigkeit bleibt offen.
  • Die Erzählung steckt voller Symbole. So evoziert Hauptmann etwa durch das Motiv der Eisenbahn den unaufhaltsamen Siegeszug der Moderne. Die Gleise wiederum verweisen auf die Determiniertheit allen Geschehens.
  • An der Hauptfigur zeigt sich die Krise der männlichen Identität im späten 19. Jahrhundert. Minna und Lene repräsentieren je weibliche Archetypen – die vergeistigte sanfte Mutterfigur auf der einen Seite, auf der anderen die dämonische Verführerin, die den Mann demütigt. Thiel steht zwischen beiden Frauen in einer Dreiecksbeziehung. Der Versuch, sein Leben entsprechend aufzuteilen, scheitert, als Lene in Minnas Sphäre eindringt.
  • Literarisch steht das Werk zwischen Tradition und Moderne: Hauptmann spielt mit Anleihen aus Romantik, Naturalismus und Realismus und nimmt schon surrealistische und expressionische Elemente vorweg.
  • Die Bezeichnung „novellistische Studie“ greift die besondere Struktur des Werkes auf: Es hat typische Eigenschaften der Novelle (eine unerhörte Begebenheit mit einem Wendepunkt und einem Dingsymbol), doch statt einer Lösung des Konflikts steht am Ende der Zusammenbruch. „Studie“ kann sowohl auf die Skizzenhaftigkeit als auch auf den Versuch einer wissenschaftlichen Annäherung verweisen.

Historischer Hintergrund

Die Moderne und der Naturalismus

Das späte 19. Jahrhundert brachte in ganze Europa tief greifende Veränderungen mit sich. Im Zuge der Industrialisierung veränderten sich die Gesellschaftsstrukturen rasant. Neue wissenschaftliche und philosophische Erkenntnisse wie Charles Darwins Evolutionstheorie, die aufkommende Psychologie oder auch die sozialistische Lehre nach Karl Marx und Friedrich Engels stellten die althergebrachte Ordnung infrage. Der technische Fortschritt nahm Fahrt auf: Die Elektrifizierung revolutionierte Leben und Arbeiten, moderne Verkehrs- und Kommunikationsmittel ließen die Distanzen schrumpfen. Die Menschen zogen massenhaft in die Städte, wo viele unter oft unmenschlichen Umständen und zu Hungerlöhnen in Fabriken arbeiteten. Elendsviertel entstanden. Gegen diese Missstände wurden bald Stimmen laut – zum einen in der sozialistischen Bewegung und durch die aufkommenden Gewerkschaften, aber auch in Kunst und Literatur durch das Programm des Naturalismus.

Am Ende des 19. Jahrhunderts wurde der Naturalismus von Frankreich ausgehend zur wichtigsten literarischen Strömung. Die zentralen Vertreter in Europa waren Émile Zola und Henrik Ibsen, in Deutschland Gerhart Hauptmann, Arno Holz und Johannes Schlaf. Ziel der Naturalisten war es, die durch die industrielle Revolution veränderten Lebensverhältnisse exakt und unverklärt wiederzugeben. Mit diesem Anspruch verschob sich auch der Fokus weg von der relativ heilen Welt des bürgerlichen Romans hin zu den unteren Schichten der Gesellschaft. Mit der authentischen Darstellung des Leids war ein sozialkritisches Projekt verbunden: Ein objektiver Blick auf die Missstände sollte aufrütteln und zum Ändern der Verhältnisse aufrufen.

Entstehung

Gerhart Hauptmann schrieb Bahnwärter Thiel Anfang 1887. Die Novelle beruht, anders als man vermuten könnte, wohl nicht auf einer realen Begebenheit. Dennoch enthält sie viel Reales: Die Geschichte spielt südöstlich von Berlin. Die Familie Hauptmann lebte seit 1885 in Erkner, vor den Toren Berlins, da der Autor gesundheitliche Probleme hatte. Auf ausgedehnten Spaziergängen kam Hauptmann mit vielen Personen ins Gespräch, etwa einem Förster oder auch Bahnangestellten.

Er blieb in Kontakt mit der Berliner Kulturszene, vor allem mit den Naturalisten um Arno Holz und der naturalistischen Vereinigung „Durch!“. Familientragödien waren ein beliebtes Thema um die Jahrhundertwende, auch Hauptmann wendete sich ihm später in seiner Karriere wieder zu. Die zerfallende Familie diente als Gleichnis für den Verlust einer bürgerlichen Ordnung.

Hauptmann hatte vielfältige literarische Einflüsse. Die Entscheidungen, das Drama in der Unterschicht spielen zu lassen und den Geschlechterkonflikt ins Zentrum zu stellen, mögen von Hauptmanns Begeisterung für Georg Büchners Woyzeck beeinflusst worden sein; eine Novelle als psychopathologische Studie ist auch das Fragment Lenz desselben Autors.

Wirkungsgeschichte

Bahnwärter Thiel erschien 1888 in der Zeitschrift Die Gesellschaft und wurde von den Lesern begeistert aufgenommen. „Hier sang einer ‚das Lied, das finster und doch so schön, das Lied von unserem Jahrhundert‘“, urteilte Hauptmanns Zeitgenosse Ludwig Goldstein-Königsberg. Viele Kritiker stellten die Novelle auf eine Stufe mit dem Werk Émile Zolas – aber es gab auch weniger positive Stimmen, vor allem aus dem Lager der Sozialisten, die sich hoffnungsvollere Themen wünschten.

1889 gelang Hauptmann mit seinem skandalträchtigen Drama Vor Sonnenaufgang endgültig der Durchbruch. 1892 kam die Buchausgabe von Bahnwärter Thiel auf den Markt. Hauptmann bezeichnete das Werk später als den Moment, an dem er „als Schriftsteller in die Welt getreten“ war. Er hatte zwar schon zuvor Werke publiziert, doch dies war sein erster Erfolg, der zaghaft einsetzte und dann immer mehr Fahrt aufnahm. Bis 1929 hatte sich die Novelle 100 000 Mal verkauft.

Die reiche Symbolik des Bahnwärter Thiel hat die Literaturwissenschaft zu immer neuen Deutungsansätzen veranlasst. Unter anderem wurde das Werk in Beziehung zu Hauptmanns Modell des „Urdramas“ gesetzt, das der Autor Jahre später entwickelte und demgemäß er den Menschen als den Schicksalsmächten ausgeliefert sah. Die Novelle wurde zweimal fürs Fernsehen adaptiert: 1968 in der BRD, 1982 in der DDR. Das Werk wird noch immer als Schullektüre empfohlen.


Diese Zusammenfassung eines Literaturklassikers wurde von getAbstract mit Ihnen geteilt.

Wir finden, bewerten und fassen relevantes Wissen zusammen und helfen Menschen so, beruflich und privat bessere Entscheidungen zu treffen.

Für Sie: Entdecken Sie Ihr nächstes Lieblingsbuch mit getAbstract. Zu den Preisen >>
Business: Bleiben Sie auf dem Laufenden über aktuelle Trends. Erfahren Sie mehr >>
Studierende: Wir möchten #nextgenleaders unterstützen. Gratis-Studentenabo >>

Mehr zum Thema

Vom gleichen Autor

Der Biberpelz
Die Ratten
Die Weber

Verwandte Kanäle

Kommentar abgeben