Zusammenfassung von Bakchen

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Bakchen Buchzusammenfassung

Literatur­klassiker

  • Drama
  • Griechische Antike

Worum es geht

Euripides’ rätselhaftes Spätwerk

Euripides ging auf die 80 zu, als er enttäuscht von der Politik Athens seine Heimatstadt verließ und nach Makedonien zog. Hier schuf der sonst als Aufklärer geltende Dichter kurz vor seinem Tod im Jahr 406 v. Chr. seine düsterste und archaischste Tragödie: die Bakchen, benannt nach den Anhängerinnen des Dionysos, des Gottes des Rausches und der Ekstase. Bei Euripides ist Dionysos nach Theben gekommen, um seinen Kult zu verbreiten. Er will die Stadt zum Tanzen und Taumeln bringen, doch diese verweigert dem Gott in der Person des ordnungsliebenden Herrschers Pentheus die Ehrerbietung und wird dafür grausam bestraft. Das Stück gibt bis heute Rätsel auf und ist auf höchst unterschiedliche Art gedeutet worden. Handelt es sich um einen letzten scharfen Protest Euripides’ gegen die Unmoral der Religion? Oder ist es vielleicht ein Zeichen seiner späten Bekehrung? Manche Interpreten deuten das Stück auch psychologisch-anthropologisch, nämlich als Kampf zwischen rationalen und irrationalen Triebkräften innerhalb des Menschen. Gerade in der Vielseitigkeit liegt die anhaltende Faszination der Bakchen, die bis heute eines der meistaufgeführten antiken Stücke sind.

Take-aways

  • Die Bakchen sind das düsterste, archaischste und rätselhafteste Drama des antiken Dichters Euripides.
  • Inhalt: Der Gott Dionysos, der in Menschengestalt nach Theben gekommen ist, hat die Frauen der Stadt in seinen Bann gezogen. König Pentheus, der hinter dem Kult sexuelle Ausschweifungen vermutet, verweigert dem Gott die Ehrerbietung. Seinen Stolz bezahlt der Herrscher teuer: Er wird von seiner Mutter, selbst Anhängerin des Dionysos, aufgespießt und in Stücke gerissen.
  • Während die einen in dem Stück einen Protest gegen die Unmenschlichkeit der Religion sehen, deuten es andere als Zeugnis von Euripides’ Bekehrung zu Glaube und Tradition.
  • Psychologisch gedeutet erzählen die Bakchen vom Kampf zwischen rationalen und irrationalen Triebkräften.
  • Das Stück ist auffallend streng aufgebaut und integriert den Chor, bestehend aus Dionysos’ Anhängerinnen, in die Handlung.
  • Euripides schrieb die Bakchen im Alter von fast 80 Jahren, im freiwilligen Exil im makedonischen Pella, enttäuscht von der Politik seiner Heimatstadt Athen.
  • In Makedonien, wo er seine letzten Lebensjahre verbrachte, lernte er möglicherweise die urtümliche, wilde Form des Dionysoskults kennen.
  • Das Stück gewann bei seiner Uraufführung 406 v. Chr. postum den ersten Preis im Athener Tragödienwettbewerb.
  • Die Bakchen zählen bis heute zu den meistinterpretierten und meistaufgeführten antiken Stücken.
  • Zitat: „Auf, tanzen wir für Bakchios!“
 

Über den Autor

Euripides zählt neben Aischylos und Sophokles zu den drei großen Tragödiendichtern der griechischen Antike. Über sein Leben sind nur wenige Details bekannt. Die spärlichen biografischen Informationen, die uns heute noch vorliegen, verdanken wir zum Teil den Komödien des Aristophanes, der sich in seinen Stücken über den etwas älteren Zeitgenossen lustig machte. Euripides wird um 480 v. Chr. als Sohn eines Gutsbesitzers geboren und verbringt seine Jugend auf der Insel Salamis, auf der das Landgut seiner Eltern liegt. Der Überlieferung zufolge soll er hier in einer Höhle seine Dichtungen verfassen. Seine Ausbildung absolviert Euripides in Athen. Hier trifft er auf die berühmten Denker seiner Zeit: Anaxagoras, Archelaos und auch Sokrates sollen zu seinen Lehrern gezählt haben. Zunächst studiert Euripides auf Wunsch des Vaters Gymnastik, um sich dann der Tragödiendichtung zuzuwenden. Im Gegensatz zu seinen Kollegen Sophokles und Aischylos gilt Euripides als ungeselliger Einzelgänger, der sich aus den politischen und militärischen Fragen der Stadt heraushält. Er heiratet zweimal und wird Vater von drei Kindern. Euripides verfasst etwa 90 Dramen, von denen jedoch nur 19 überliefert sind. Bei vier Dramen ist unklar, ob sie von ihm selbst oder von Euripides dem Jüngeren (seinem Sohn oder Neffen) stammen. Seine bekanntesten Werke sind die Bakchen, Elektra, Iphigenie in Aulis, Iphigenie bei den Taurern und Medea. Euripides nimmt regelmäßig am Wettbewerb der Dichter teil, gewinnt aber nur vier Mal. Der mangelnde Erfolg ist wohl einer der Gründe, warum Euripides im hohen Alter einen Neuanfang wagt: Ab 408 v. Chr. wendet er Athen den Rücken, um sich in Pella am Hof des makedonischen Königs Archelaos niederzulassen. 406 v. Chr. stirbt Euripides.

 

Zusammenfassung

Dionysos’ Rückkehr nach Theben

Nach vielen Reisen ist der Gott Dionysos, der sich in Menschengestalt zeigt, nach Theben gekommen. Hier liegt nahe dem Königspalast seine Mutter Semele begraben. Sie war eine Tochter des Kadmos, des früheren Königs von Theben. Aus einer Liebesbeziehung mit Zeus ging einst Dionysos hervor: Semele gebar ihn, nachdem sie von Zeus’ Blitz getroffen worden war; im Feuer sterbend brachte sie qualvoll vor der Zeit ihr Kind zur Welt. Zeus nähte das unreife Wesen in seinen Oberschenkel ein, verbarg es so vor den Augen seiner Gattin Hera und gebar, als es so weit war, seinen Sohn Dionysos.

„Da bin ich nun in Theben, ich, Dionysos, / Sohn des Zeus, den einst Semele, die Tochter des Kadmos, / gebar im feurigen Strahl des Blitzes.“ (Dionysos, S. 25)

In Arabien, Persien und Kleinasien hat Dionysos während seiner Reisen bereits seine heiligen Riten eingeführt. Nun will er, im Gefolge eine Schar von Anhängerinnen, die er aus Kleinasien mitgebracht hat, als erste griechische Stadt Theben zum Tanzen und Taumeln bringen. Die Schwestern seiner Mutter, so berichtet Dionysos, hätten bestritten, dass er der Sohn des Zeus sei. Sie hätten behauptet, seine Mutter habe sich von irgendeinem dahergelaufenen Kerl verführen lassen und auf Kadmos’ Anraten die Vaterschaft ihres Kindes Zeus angehängt; der Gott sei über diese Lüge erbost gewesen und habe Semele deshalb getötet. Aus Rache für diese Verleumdung hat Dionysos die Frauen nun mit Wahnsinn geschlagen. Er hat den Töchtern des Kadmos wie auch allen anderen Frauen Thebens ein Hirschkalbfell umgehängt, sie mit efeuumrankten Lanzen ausgestattet und sie aus ihren Häusern hinaus ins Gebirge getrieben, wo sie nun hausen und ihm – der die Gestalt eines schönen Jünglings angenommen hat – zu Diensten stehen. Mag sich die Stadt auch noch so sehr dagegen wehren, sie soll seinen heiligen Kult, seine Riten annehmen und ihn als Sohn des Zeus anerkennen. Dionysos will den Bewohnern, allen voran König Pentheus, Kadmos’ Enkel und Nachfolger, der ihm die nötige Ehrbezeugung verweigert, beweisen, dass er ein Gott ist. Sollten die Thebaner versuchen, seine Anhängerinnen, die Bakchen, mit Gewalt aus den Bergen zu holen, so will er persönlich an deren Spitze kämpfen.

Neuer Gott oder verführerischer Hochstapler?

Der blinde Seher Teiresias kommt zum früheren König Kadmos in den Palast. Gemeinsam wollen sie dem Gott Dionysos huldigen und ungeachtet ihres fortgeschrittenen Alters wild tanzen, denn der Dionysoskult überschreitet alle Grenzen, er eint Jung und Alt. Sie möchten den Gott ehren, auf dass seine Macht wachse. In der Stadt stehen sie mit dem Wunsch allein da, aber das kümmert sie nicht. Sie allein, sagt der blinde Greis, seien bei Verstand, und die anderen seien irr. Im Übrigen gelte die menschliche Vernunft vor den Göttern nicht, der alte, überlieferte Glaube sei durch noch so große Klugheit und Gewitztheit nicht zu zerstören.

„Denn diese Stadt muss noch bis zum bitteren Ende lernen, mag sie sich auch sträuben, / dass ihr meine heiligen Mysterien fehlen, / und dass ich die Ehre meiner Mutter Semele verteidige, / indem ich mich den Menschen offenbare als der Gott, den sie Zeus gebar.“ (Dionysos, S. 26)

Da betritt Pentheus den Raum, zunächst ohne die beiden anderen zu bemerken. Ihm ist während eines Aufenthalts in der Fremde zu Ohren gekommen, die Frauen der Stadt hätten sich in die Berge zurückgezogen, um dort einen gewissen neuen Gott namens Dionysos zu feiern. Sie streiften durch die Wälder, tanzten, tränken Wein und gäben sich unter dem Vorwand des Gottesdiensts ihrer körperlichen Lust hin. Er werde dem wilden Treiben ein Ende setzen und die Frauen in Ketten werfen. Und den fremden Zauberer und Frauenverführer, der angeblich so gut aussehe und behaupte, Dionysos sei der Sohn des Zeus, werde er in Gefängnis stecken und ihm anschließend den hübschen Kopf mit der blonden Lockenpracht abschlagen.

„Den überlieferten Glauben der Väter, uralt wie die Zeit, / wird kein Menschwitz zerstören, / selbst wenn er durch höchsten Scharfsinn das Klügste findet.“ (Teiresias, S. 33)

Als Pentheus die beiden Alten im Hirschkalbfell und mit bekränzten Häuptern beim berauschten Tanz entdeckt, ist er zutiefst angewidert. Teiresias wirft er vor, er habe seinen Großvater nur zu den lächerlichen Kulthandlungen überredet, weil er sich von der Einführung eines neuen Gottes samt Opferritualen einen finanziellen Gewinn verspreche. Teiresias zeigt sich von den Anschuldigungen unberührt. Pentheus könne zwar schön reden, erwidert er ruhig, aber seinen Worten fehle jede Vernunft. Der von ihm verspottete Dionysos, prophezeit er, werde in der Zukunft in Griechenland eine wichtige Rolle spielen. Denn zwei Dinge bräuchten die Menschen: Brot – aus diesem Grund verehrten sie Demeter, die Göttin der Erde – und Wein, den Dionysos ihnen bringe. Wein lasse sie ihren Kummer vergessen, er schenke ihnen Schlaf und Ablenkung von all ihren Alltagssorgen. Daneben verleihe der Genuss des Weins prophetische Kräfte und vertreibe die Angst. Den Vorwurf, der Dionysoskult verführe die Frauen zu unsittlichem Verhalten, lässt Teiresias nicht gelten: Ob eine Frau keusch sei oder nicht, liege in ihrem Charakter begründet, die wirklich Keusche könne auch im Rauschzustand nicht verdorben werden.

Die Festnahme des Gottes

Pentheus lässt sich nicht dazu überreden, dem angeblichen neuen Gott die Ehre zu erweisen. Selbst Kadmos’ Argument, durch die Verwandtschaft mit einem Gott würde die Familie aufgewertet, lässt ihn kalt. Wütend weist er seinen Großvater zurück, als dieser ihm einen Efeukranz auf den Kopf setzen will, und fordert seine Diener auf, den Fremden, der die Frauen der Stadt schände, zu fassen. Tatsächlich kehren die Häscher schon kurz darauf mit Dionysos zurück. Ganz leicht sei es gewesen, ihn zu fassen, er habe sich zahm gezeigt, sich freiwillig fesseln und abführen lassen. Die Bakchen allerdings, die auf Befehl des Königs ins Gefängnis gesperrt worden seien, hätten sich schon wieder befreit. Ihre Fesseln hätten sich von selbst gelöst, verriegelte Türen hätten sich wie von Zauberhand geöffnet, und singend seien sie aus der Stadt hinausgehüpft.

„Reichen und Armen ohne Unterschied / schenkt er das Labsal / des kummerstillenden Weines.“ (Chor über Dionysos, S. 42)

Pentheus beginnt nun mit der Befragung des Gefangenen, nicht ohne ihm vorher spöttisch Komplimente für seine weiße Haut und seine langen Locken gemacht zu haben. Er fragt ihn, wo er herkomme und warum er den neuen Kult in Griechenland einführen wolle. Der Fremde, der in Menschengestalt nicht als Gott zu erkennen ist, erklärt, Dionysos, Sohn des Zeus, habe ihn in die Mysterien eingeweiht. In allen anderen Ländern habe sich der Kult schon ausgebreitet – was Pentheus prompt mit der geistigen Unterlegenheit der Nichtgriechen erklärt, während Dionysos es als Zeichen ihrer Überlegenheit sieht. Penthos bohrt weiter: Er will wissen, warum sie ihre heiligen Feiern in der Nacht begehen, und mutmaßt, es sei, weil sich die Frauen im Dunkeln besser verführen ließen. Wer Unsittliches im Sinn habe, entgegnet Dionysos, der lasse sich auch am hellen Tag nicht davon abhalten.

„Auf, tanzen wir für Bakchios!“ (Chor, S. 78)

Pentheus gerät zunehmend in Rage und droht dem Fremden, ihm seine Locken abzuschneiden und ihn in den Kerker zu sperren. Doch Dionysos lässt sich nicht aus der Ruhe bringen: Der Gott werde ihn befreien, er sei ihm ganz nahe, unsichtbar nur für die Augen eines Unfrommen. Pentheus, nun außer sich vor Wut, befiehlt, den Fremden abzuführen und ihn in einen Stall sperren zu lassen, in den kein Licht dringt. Sein Gefolge, das er nun als Chor im Hintergrund stehen sieht, will er zu Sklavinnen machen. Doch Dionysos’ Gleichmut ist nicht zu erschüttern: Er geht freiwillig in Haft, nicht ohne allerdings Pentheus Unheil zu prophezeien. Der Gott Dionysos, von dem er behaupte, es gebe ihn nicht, werde ihn für seinen Hochmut büßen lassen. Was man ihm antue, werde dem Gott selbst angetan.

Das wilde Treiben der Bakchen

Nachdem Dionysos abgeführt worden und Pentheus gegangen ist, erschüttert ein Erdbeben den Palast. Die anwesenden Bakchen stürzen zu Boden und zittern vor Angst. Erst als Dionysos – immer noch in Menschengestalt – zurückkehrt und das Beben als Gottes Strafe für Pentheus’ Frevel erklärt, beruhigen sie sich. Er sei in den Stall gesperrt worden, habe sich aber mühelos befreien können, erzählt Dionysos. Pentheus glaube zwar, ihn gefesselt zu haben, aber das sei nur Einbildung gewesen, tatsächlich habe er ihn nicht einmal berührt. Erschöpft sitze er nun vor den Trümmern seines Palasts. Ein Mensch, der es wage, gegen einen Gott zu kämpfen, habe schon verloren. Pentheus kommt vollkommen verwirrt herein: Wie konnte es dem Fremden gelingen, sich aus den Fesseln zu befreien? Der Gott habe ihn befreit, antwortet Dionysios gelassen, genau wie er es prophezeit habe.

„O Leid, unermesslich und nicht anzusehen! / Morden mit euren unheilvollen Händen: das ist eure Heldentat!“ (Kadmos zu Agaue, S. 83)

Ein Hirte bringt neue Nachricht von den Frauen im Gebirge. Er habe sie selbst gesehen, wie sie auf dem Waldboden schliefen, ganz sanft und friedlich, nicht, wie der König glaubte, von Wein und Musik berauscht und auf Liebesabenteuer aus, sondern ein Musterbeispiel an Sittsamkeit. Sie hätten sich mit Efeu und Eichenlaub bekränzt, einige junge Mütter, die ihre Kinder in der Stadt zurückgelassen hatten, hätten Wölfe und Rehkitze an ihrer Brust gesäugt. Dort, wo sie ihre Lanzen in den Boden stießen oder mit ihren Fingern an Felsen kratzten, sei Wein, Milch oder Honig hervorgesprudelt. Junge und Alte seien dabei, darunter auch Agaue, Pentheus’ Mutter, die eine Schar von Frauen anführe.

„Dionysos hat uns vernichtet, jetzt sehe ich es ein.“ (Agaue, S. 86)

Die Rinder- und Schafhirten, erzählt der Hirt weiter, die das seltsame Treiben der Frauen beobachteten, beschlossen, Agaue zu entführen und zurückzubringen, um sich beim König beliebt zu machen. Sie versteckten sich im Dickicht und wurden Zeugen des wilden Kultes. Die Frauen tanzten, schwangen ihre Lanzen und riefen immer wieder den Namen ihres Gottes aus. Alle Tiere, ja die ganze Umgebung wurde von dem Taumel erfasst, alles bewegte sich mit. Als der Hirte in einem günstigen Moment versuchte, Agaue zu erfassen, schrie sie los. Auf ihr Kommando stürzten sich die Bakchen auf die Männer, die mit knapper Not entkamen. Statt der Männer zerfetzte die wütende Meute daraufhin die Rinder; mit bloßen Händen rissen die Frauen selbst Stiere in Stücke. Anschließend überfielen sie Dörfer, plünderten Häuser, raubten Kinder. Sie zeigten sich unbezwingbar, die Waffen der Bauern konnten ihnen nichts anhaben. Der Hirte rät Pentheus, den neuen Gott, der solche Macht besitze und zudem die Menschen mit Wein von Kummer und Sorgen erlöse, in seiner Stadt aufzunehmen.

Dionysos’ grausame Rache

Pentheus missachtet Dionysos’ erneute Warnung, ein Mensch könne niemals einen Gott besiegen, und ruft seine Truppen zusammen, um gegen die Bakchen ins Feld zu ziehen. Er will ein Blutbad unter den Frauen anrichten. Dionysos’ Angebot, die Bakchen mithilfe des Gottes und ohne Waffengewalt zurückzuholen, lehnt er ab. Seine Neugier allerdings ist groß, und so lässt sich der König darauf ein, das Treiben der Frauen heimlich zu beobachten. Damit sie ihn als Mann nicht erkennen, verkleidet er sich als Bakche – das hat ihm Dionysos selbst geraten, der den König in den Wahnsinn treiben und vor seinem Volk blamieren will. Mit langem Kleid und Perücke, Hirschkalbfell und Lanze ausstaffiert, macht er sich auf ins Gebirge. Zunehmend geistig verwirrt, vertraut er sich nun dankbar Dionysos’ Führung an, ohne das Geringste von dessen furchtbaren Racheplänen zu ahnen. Er hofft, die Frauen auszuspähen, sie womöglich von seinem Versteck aus beim Liebesspiel zu beobachten und sie in einem Triumphzug in die Stadt zurückzubringen.

„Hättet ihr euch für Vernunft / und Maß entschieden, als ihr nicht wolltet, hättet ihr jetzt / den Sohn des Zeus zum Verbündeten und wäret glücklich.“ (Dionysos, S. 89 f. )

Der Bote, der Pentheus und Dionysos begleitete, berichtet bei seiner Rückkehr, was geschah. Aus ihrem Versteck wollten die beiden die Bakchen in der schattigen Schlucht beobachten. Mit efeuumkränzten Lanzen tanzten sie dort und sangen dabei Lieder. Pentheus, der nichts sehen konnte, wollte auf einen Baum klettern. Dionysos bog daraufhin eine hohe Tanne herunter, er ließ den König auf dem Wipfel Platz nehmen und vorsichtig in die Höhe gleiten. Auf seinem Aussichtsposten war er nun für alle sichtbar. Da erscholl Dionysos’ Stimme: Er forderte die Frauen dazu auf, den Mann zu strafen, der seinen Kult verhöhnt habe. Die Frauen, darunter Pentheus’ Mutter und ihre Schwestern, stürmten begeistert los, bewarfen den König mit Steinen, schleuderten ihre Lanzen nach ihm und rissen schließlich die Tanne aus. Pentheus flehte seine Mutter an, ihn zu verschonen – vergeblich. Die wutentbrannten Frauen zerrissen ihn bei lebendigem Leib und warfen seine blutigen Fleischfetzen durch die Luft. Agaue spießte seinen Kopf im Glauben, es handle sich um das Haupt eines wilden Löwen, auf ihre Lanze und trug ihn stolz durch das Gebirge.

Der Gott straft die Ungläubigen

Agaue kehrt triumphierend nach Theben zurück. In ihrem Wahn ruft sie die Bewohner der Stadt zusammen, um ihnen die Jagdbeute zu zeigen, die sie eigenhändig erlegt hat. Den Webstuhl und die Spindel, alles Frauensachen, habe sie hinter sich gelassen, um heldenhaft wie ein Mann Wild zu jagen. Ihr Sohn werde stolz auf sie sein. Selbst als Kadmos seiner Tochter zu verstehen gibt, dass sie nicht einen Löwen, sondern ihren eigenen Sohn ermordet hat, begreift Agaue immer noch nichts. Dann gewinnt sie ihren Verstand allmählich wieder und erkennt die schreckliche Wahrheit. Vor den Überresten von Penteus’ zerfetztem Leichnam trauert der alte Kadmos um seinen Enkel, der vom Gott getötet wurde, weil er ihm die nötige Ehrerbietung verweigerte. Er selbst und Agaue werden von Dionysos in die Verbannung geschickt. Ihr trauriges Schicksal soll allen Menschen, die die Götter stolz verachten, als Lehre dienen.

Zum Text

Aufbau und Stil

Euripides verfasste die Bakchen als dritten Teil einer Tetralogie. Das Stück hält sich auffallend streng an das Grundmuster der antiken Tragödie: Auf den Prolog, der unmittelbar in die Handlung überleitet, folgen fünf Akte, jeweils unterteilt in Epeisodion (Handlung) und Stasimon (Chorlied), und der Exodos (Schlussszene). Die auf der Bühne nicht darstellbaren Handlungsabläufe wie das Treiben der Frauen im Gebirge und Pentheus’ Ermordung werden durch die klassische Form des Botenberichts wiedergegeben. Fester Bestandteil ist der Wechsel zwischen Chorliedern und Monologen oder Dialogen der Schauspieler. Der Chor ist in den Bakchen aufs Engste in die Handlung integriert, da er sich aus den Anhängerinnen, die Dionysos aus Kleinasien mitgebracht hat, zusammensetzt. Bemerkenswert an der Tragödie ist die Übereinstimmung zwischen Form und Inhalt. So spiegelt sich etwa Pentheus’ Verwirrung über den Einbruch des Übernatürlichen in seinen Herrschaftsbereich in der Syntax wider: Kurze Fragen, Interjektionen und atemlose Aussagen herrschen vor, die Orientierungslosigkeit des Herrschers ist förmlich spürbar.

Interpretationsansätze

  • Die Bakchen stehen in Kontrast zum aufklärerischen Theater, wie man es von Euripides gewohnt war. Seine mythischen Helden waren üblicherweise Menschen mit einem tragischen Schicksal, an dem sie zerbrachen oder das sie meisterten. Typisch für Euripides’ Stücke war – anstelle des Aberglaubens an olympische Götter – eine reinere, philosophische Religiosität. Anders hier: Der Gott Dionysos ist übermächtig und hält alle Fäden in der Hand. Er vernichtet Pentheus zunächst als soziale Person, indem er ihn lächerlich macht, und dann auch physisch.
  • Die grausame Rache des Gottes wird sehr unterschiedlich gedeutet: Die einen interpretieren sie als einen letzten, scharfen Protest des rational-kritischen Aufklärers Euripides gegen die Unmoral der traditionellen Religion. Andere sehen in den Bakchen im Gegenteil ein Zeugnis der Bekehrung des alten Dichters zu Glauben und Tradition, da er in seinem Spätwerk eindrücklich die Macht Gottes über die verblendeten Menschen demonstriere.
  • Der Kampf zwischen Pentheus und Dionysos wurde auf psychologisch-anthropologischer Ebene auch als Kampf der unterschiedlichen Triebkräfte im Innern des Menschen gedeutet. Das wilde Treiben der Bakchen repräsentiert demnach das Irrationale, Chaotische, das über die rationale, auf strengen Ordnungsvorstellungen beruhende Lebensweise, repräsentiert durch Pentheus, hereinbricht.
  • Gemäß einer politischen Lesart wird Dionysos als eine ambivalente Macht vorgeführt, die keinen Deut besser ist als der schwache Herrscher Pentheus. Auf der einen Seite zeigt er sich friedlich, ja sogar demokratisch, auf der anderen intolerant gegenüber Andersdenkenden, kleinlich und geradezu tyrannisch. Die streitenden Parteien sind austauschbar, nicht mehr Recht und Gemeinwohl stehen im Vordergrund, sondern irrationale Rachsucht, Aggressivität und die Herrschaft der Affekte.
  • Nach einer anderen Deutung thematisiert Euripides das Medium Theater und die Gattung der Tragödie selbst. Das Drama wird insofern als „metatheatralisch“ oder „metatragisch“ bezeichnet, als es auf der Bühne die Entstehung der Tragödie aus dem Dionysoskult und ihren Bezug zur Realität reflektiere.

Historischer Hintergrund

Der Dionysoskult in Athen

Der 27 Jahre andauernde Peloponnesische Krieg (431 bis 404 v. Chr.) führte in Griechenland zu sittlicher Verrohung und einer zunehmenden Brutalisierung der Gesellschaft. Die innenpolitische Situation Athens war durch die dauernde Präsenz spartanischer Truppen auf attischem Gebiet und durch schwere militärische Niederlagen höchst prekär. In dieser Situation sahen die antidemokratischen, oligarchischen Kräfte im Stadtstaat ihre Chance für einen Umsturz. Von ihnen eingeschüchtert, stimmte die athenische Volksversammlung 411 v. Chr. der Auflösung aller demokratischen Institutionen und der Einführung einer neuen Verfassung zu. Zwar konnte sich das oligarchische Willkürsystem nicht lange an der Macht halten, schon ein Jahr später kam es zu Widerherstellung der Demokratie, doch diese hatte sich im Moment der Krise als äußerst anfällig erwiesen. Inmitten der kriegerischen Wirren und der politischen Instabilität gab es in Athen zunehmend ein Streben nach religiöser Konformität. Das zeigte sich etwa im Prozess gegen Sokrates, der im Jahr 399 v. Chr. der Einführung neuer Götter angeklagt wurde.

Der Dionysoskult war im religiösen Leben Athens seit dem siebten Jahrhundert v. Chr. fest verwurzelt. Ursprünglich handelte es sich dabei um einen ekstatischen Kult, der sich über jede staatliche und familiäre Ordnung hinwegsetzte und diejenigen, die ihn ausübten, für eine Weile aus den Beschränkungen ihres alltäglichen Lebens befreite. Ein wesentlicher Bestandteil waren neben Opferritualen die Dithyramben: Anfangs noch spontane Gesänge, entwickelten sie sich allmählich zu einer regelrechten Kunstform, die von Dichtern gepflegt wurde.

In der zweiten Hälfte des sechsten Jahrhunderts erhob der Tyrann Peisistratos – einerseits zur Regulierung und Domestizierung und andererseits zur Befriedigung der Bedürfnisse einer breiten Masse – die Feiern im Dienste des Dionysos zum Staatskult, indem er die Großen Dionysien begründete. Der einst wilde, unbändige Kult wurde so mit der Zeit gezähmt und in den Ablauf des Festjahrs integriert. In den fünf Tage währenden Festspielen, die mit ihren Umzügen und Opferritualen, Tänzen und Gesängen zu Ehren des Gottes alljährlich in Athen veranstaltet wurden, blieb ein Rest des ursprünglichen Kultes erhalten. Die letzten drei Tage des Festes standen ganz im Zeichen des Dramenwettbewerbs, bei dem Dichter ihre Tragödien, später auch Komödien und Satyrspiele, aufführen ließen. Anschließend stimmten ausgewählte Preisrichter darüber ab, wem der Sieg gebührte. Mochte der Dionysoskult in Athen in Form von Bühnenspiel und Theater auch zivilisiert und staatlich reguliert worden sein, so gab es doch immer wieder auch Schübe von orgiastisch-ekstatischer Frömmigkeit, die aus dem angrenzenden, als barbarisch geltenden Kleinasien und vom Balkan auf die griechische Halbinsel herüberschwappten.

Entstehung

Nach der Fertigstellung seines Orest im Frühjahr 408 v. Chr. verließ der 76-jährige Euripides, von seiner Heimatstadt zunehmend enttäuscht, Athen für immer. Bei den Aufführungen seiner Tragödien hatte er in der Publikumsgunst stets schlechter abgeschnitten als seine Dichterkollegen Aischylos und Sophokles. Auf Einladung Königs Archelaos, der die hellenische Kultur in seinem Land stärken wollte, zog er an den Hof in Pella in Makedonien. In dieser halb barbarischen Gegend, wo der Dionysoskult sich in seiner urtümlichen, ungebändigten Form erhalten hatte, konnte Euripides – so zumindest wird vermutet – kultischen Tänzen und blutigen Opferritualen mit wilden Tieren im Dienste des Gottes beiwohnen. Zugleich sah er aus der Distanz die verwirrenden politischen Verhältnisse in seiner Heimatstadt Athen in einem neuen, nüchternen Licht. In seinem freiwilligen Exil in Pella schrieb er neben Archelaos und der unvollendet gebliebenen Iphigenie in Aulis auch die Bakchen. Er starb jedoch, bevor das Stück aufgeführt werden konnte.

Wirkungsgeschichte

Euripides der Jüngere, ein Sohn oder Neffe des Dichters, ließ die Bakchen bei den Großen Dionysien 406 v. Chr. aufführen und gewann damit den ersten Preis. Das ist nicht nur als postume Auszeichnung des verstorbenen Dichters für sein Lebenswerk zu verstehen: Mit dem Stück traf Euripides den Zeitgeist und den Geschmack des Publikums.

Die Erfolgsgeschichte der Bakchen setzte sich durch die Jahrhunderte fort. Johann Wolfgang von Goethe betrachtete es als Euripides’ schönstes Stück, in dem der Dichter die Macht der Gottheit und die Verblendung der Menschen geistreich dargestellt habe. Hans Werner Henze schuf 1965 auf der Grundlage der Tragödie seine Oper Die Bassariden. 1999 fertigte Raoul Schrott für eine Inszenierung des Wiener Burgtheaters eine neue, zeitgemäße Übersetzung des Stücks an. Die Bakchen gelten bis heute als eine der meistinterpretierten und meistaufgeführten antiken Tragödien.


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