Zusammenfassung von Bergfahrt

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Bergfahrt Buchzusammenfassung

Literatur­klassiker

  • Kurzprosa
  • Moderne

Worum es geht

Aufstieg und Untergang

Zwei junge Männer gehen gemeinsam auf eine Bergtour. Als sie unterwegs in einen heftigen Schneesturm geraten, verliert einer von ihnen den Mut und entschließt sich zur Umkehr. Voller Wut über die Schwäche seines Begleiters setzt der andere seinen Weg allein fort, gerät schon bald in eine ausweglose Situation und stürzt schließlich ab. Aber auch der erste, der auf Nummer sicher gehen wollte, verunglückt auf dem Rückweg in scheinbar ungefährlichem Gelände tödlich. Die Erzählung Bergfahrt zeigt zwei sehr ungleiche Charaktere, die in einer schwierigen Situation aneinander geraten und dadurch beide umkommen. Den Herausforderungen des Lebens begegnen sie mit unterschiedlichen Strategien - und scheitern beide. Der Autor und Bergsteiger Ludwig Hohl vertritt in diesem Werk eine pessimistische Weltsicht: Der Mensch ist dem Schicksal ausgeliefert und, all seinen Fähigkeiten zum Trotz, letztlich zum Scheitern verurteilt. Lohnend ist die Lektüre nicht nur wegen der genauen psychologischen Darstellung der beiden Protagonisten. Auch Hohls kühner Umgang mit der Sprache und seine poetischen Naturschilderungen machen das Werk lesenswert.

Take-aways

  • Die Erzählung Bergfahrt von Ludwig Hohl schildert die gemeinsame Bergtour der beiden jungen Männer Ull und Johann.
  • Ull ist ein erfahrener Bergsteiger und ein zielstrebiger Mensch, Johann dagegen ängstlich, passiv und verschlossen.
  • Am zweiten Tag der Tour geraten die beiden in einen heftigen Schneesturm.
  • Johann nötigt seinen Begleiter zur Umkehr zu einer Hütte und weigert sich am nächsten Tag, weiter mitzugehen.
  • Ull ist sehr böse auf Johann, kann ihn aber nicht mehr umstimmen.
  • Voller Wut macht sich Ull allein auf den Weg zum Gipfel, obwohl er weiß, dass der Aufstieg über den Gletscher gefährlich ist.
  • Er erreicht noch den Grat des Berges, verliert aber auf dem Rückweg seinen Pickel, das wichtigste Hilfsmittel.
  • Die folgende Nacht muss er auf einem Felsen im Freien verbringen.
  • Beim Versuch, weiter abzusteigen, kommt er ins Rutschen und stürzt ab.
  • Johann kommt ebenfalls ums Leben: Auf dem Rückweg fällt er in einen Bergbach und ertrinkt.
  • Ludwig Hohl hat in dieser Erzählung eigene Erfahrungen als Bergsteiger verarbeitet.
  • Das Werk ist wegen seiner ungewöhnlichen, poetischen Sprache sehr lesenswert.
 

Zusammenfassung

Der Aufbruch

An einem frühen Sommermorgen irgendwann Anfang des 20. Jahrhunderts sitzen zwei junge Männer, Ull und Johann, vor einem Café. Sie wollen eine Bergtour unternehmen und warten auf den Autobus, der sie an den Ausgangspunkt ihrer Wanderung bringen soll. Der große, hagere Johann schläft über dem Warten ein. Der kleinere, lebhafte Ull dagegen mustert von hier aus schon den Berg, den sie besteigen wollen.

„Im Frühsommer, zu frühester Morgenstunde, tief in den Alpen, am Vereinigungspunkt zweier Täler, auf grünen Eisenstühlen vor einem noch schlafenden Café sitzen zwei Gestalten, an ihrer Aufmachung und Ausrüstung unschwer als Alpinisten zu erkennen (...).“ (S. 7)

Nach der ersten Etappe des langen Marsches machen die beiden an einer Quelle Rast. Ull isst etwas, Johann dagegen trinkt nur Wasser und möchte keine Nahrung zu sich nehmen. Ull versucht ihn zu überzeugen, dass er etwas essen muss, um den Anstrengungen des Aufstiegs gewachsen zu sein. Johann aber bleibt stur: Erst oben auf dem Berg möchte er sich verpflegen. Ull hält das für sehr unvernünftig und befürchtet, dass Johann den Aufstieg so nicht schaffen wird, kann ihn aber nicht umstimmen. Johanns Verhalten wundert ihn - umso mehr, als er weiß, dass sein Begleiter normalerweise einen guten Appetit hat.

In der Hütte

Als sie weiterwandern, hält Ull Ausschau nach der Schutzhütte, in der sie übernachten wollen. Aber dort, wo sie sein sollte, ist von unten nur ein einziges großes Schneefeld zu erkennen - die Hütte ist entweder völlig eingeschneit oder steht gar nicht mehr. Um kein Risiko einzugehen, schlägt Ull vor, die Nacht lieber in einer näher gelegenen Unterkunft zu verbringen.

„Und das ganze langgezogene Gebilde dieses Gipfelbaues vor den hellen Himmeln hätte vielleicht auch den Eindruck erwecken können von einem sehr großen Schiff, das nicht in ein Erdenmeer nur, das in die Ewigkeit hineinführe.“ (S. 9)

Sie finden tatsächlich eine andere Schutzhütte, in der sie sogar im warmen Heu übernachten können. Außerdem gibt es Wasser und Brennholz. Ull zeigt Johann, wie er sich in das Heu eingraben muss, damit er nicht friert. Johann befolgt jedoch diesen Ratschlag nicht und ist dann in der Nacht damit beschäftigt, die löchrigen Bretterwände der Hütte abzudichten, weil ihm kalt ist und er nicht schlafen kann.

„Wie soll man zu einer Figur aus Holz oder aus Gips reden? Johann schaute irgendwohin - wohin? Nein, er schaute nirgendwohin. Kein Hauch inneren Lebens ging mehr von ihm aus.“ (S. 24)

Zwischendurch schläft Johann aber doch ein und träumt: Er selbst und ein früherer Mitschüler, ein guter Mathematiker, werden von einem riesigen Bären bedroht. Sie überlegen, wie sie sich verteidigen könnten, finden aber keine gangbare Lösung. Dann taucht plötzlich Ull auf, tritt dem Bären einfach nur selbstsicher entgegen - und das Tier gehorcht willig seinen Befehlen.

„Es ist kein Kinderspiel, sich um zwei oder drei Uhr, zu der Stunde, in der man gewöhnlich am tiefsten schläft, in so einer winddurchsausten, finsteren Hütte, inmitten der so ganz und gar unwirtlichen Bergnacht zu erheben (...)“ (S. 27)

Am nächsten Morgen regnet es und der ganze Berg ist in Wolken gehüllt. Eine Fortsetzung der Tour hat bei diesem Wetter keinen Sinn, deshalb bleibt den beiden nichts anderes übrig, als den Tag in der Hütte zu verbringen. Ull möchte sich die Zeit mit Erzählen vertreiben, hat aber einen schlechten Zuhörer: Johann ist völlig in sich selbst versunken und reagiert überhaupt nicht auf seinen Begleiter. Das Einzige, was ihn an diesem Tag fesselt, ist ein kurzer Ausblick durch die Wolken auf den gegenüberliegenden Hang.

„Johann aber blieb immer in der gleichen Weise sitzen, unbeweglich. Unbewegt. Durch nichts mehr zu bewegen.“ (S. 51)

Am darauf folgenden Tag stehen die beiden sehr früh auf, um ihre Wanderung fortzusetzen. Das Wetter ist zwar nicht viel besser als am Vortag, aber Ull zeigt sich optimistisch, dass es sich noch ändern wird. Johann ist wieder ausgesprochen schweigsam, fast apathisch, und nimmt auch jetzt keine Nahrung zu sich, nur Wasser. Ull versucht erneut, ihn zum Essen zu überreden, aber ohne Erfolg.

Die nächste Etappe

Als sie durch den tiefen Schnee stapfen, merkt Ull auf einmal, dass der Boden unter seinem Pickel hohl klingt: Sie stehen auf dem Dach der Hütte, in der sie ursprünglich übernachten wollten und die zwei Tage zuvor von unten nicht zu sehen war. Die Hütte ist, wie Ull vermutet hat, tatsächlich völlig eingeschneit. Ull und Johann finden den Eingang und sehen sich kurz den Innenraum an, halten sich aber nicht lange auf.

„Nun musste er sich allein behelfen - die lange Mühe der Überredung war zu nichts geworden. Er wandte sich nochmals an Johann, aber nur mit maßlosen Beschimpfungen, welche dieser stumm erduldete, wie ein Hund, der geschlagen worden ist (...)“ (über Ull, S. 52)

Beim weiteren Aufstieg nimmt der Schneesturm immer mehr zu. Nun können die beiden schon einen Gletscher erkennen - und Séracs, große, merkwürdige Gebilde aus Gletschereis, die wie unheimliche Gestalten aussehen. Dieser Anblick bedrückt die beiden Bergsteiger sehr. Als sie sich dem Gletscher nähern, seilen sie sich aneinander an. Dann kämpfen sie sich weiter voran durch den heftigen Schneesturm, der ihnen die Sicht nimmt und auch alles Reden unmöglich macht.

Der Konflikt

Plötzlich bemerkt Ull, dass das Seil sich strafft - Johann kommt nicht mehr nach. Da Ull im Schneesturm nichts hören und nichts erkennen kann, kehrt er um. Sein Begleiter ist stehen geblieben und klagt über Schmerzen am Hals, im Rücken und in der Brust. Ull kann nicht glauben, dass sich Johann wirklich so schlecht fühlt. Andererseits weiß er, dass es auch wenig Sinn hat, bei diesem Wetter noch weiterzugehen; vermutlich müssten sie früher oder später doch aufgeben. Also entschließt er sich, mit Johann wieder zu der verschneiten Berghütte zurückzukehren und dort zu übernachten.

„Zur Bewältigung dieser etwa zweihundert Meter hohen Stufe des Gletschers (...) hätte selbst eine geübte Seilschaft viel Zeit gebraucht. Aber ein Mann allein?“ (S. 54 f.)

Der Abstieg erweist sich als recht einfach, und Johann fühlt sich offensichtlich schon wieder besser. Auch das Wetter beruhigt sich: Noch ehe sie die Hütte erreichen, ist es wieder sonnig.

Am nächsten Morgen steht Ull erneut sehr früh auf. Das Wetter scheint an diesem Tag gut werden zu wollen. Aber nun weigert sich Johann, weiter mitzugehen, und klagt abermals über Schmerzen. Ull glaubt ihm nicht und versucht ihn zu überreden, aber erfolglos: Johann will nicht mehr. Der Schneesturm und die unheimlichen Séracs waren zu viel für ihn. Ulls Argumente überzeugen ihn nicht. Auch als Ull ihn beschimpft, kann ihn das von seinem Entschluss nicht mehr abbringen.

„Die eine Wut, die über Johann, war in eine andere Wut übergegangen, die über den Gletscher.“ (S. 57)

Voller Wut auf Johann macht Ull sich schließlich allein auf den Weg. Er weiß, dass es sehr gefährlich ist, den Gletscher ohne Begleiter zu begehen, aber aufgeben möchte er jetzt unter gar keinen Umständen. Johann ruft ihm noch einen freundlichen Gruß nach, aber Ull reagiert nicht mehr auf ihn.

Allein auf dem Gletscher

Immer noch von der Wut auf Johann getrieben, macht sich Ull daran, den Gletscher allein zu besteigen. Wenigstens den Grat des Berges möchte er erreichen. Dieses Unterfangen erweist sich als schwierig, denn als einzelner Bergsteiger muss er sehr viel langsamer und vorsichtiger vorgehen. Aber Umkehren kommt für ihn auch nicht in Frage: Dann würde er in der Berghütte vielleicht noch Johann treffen, und das möchte er auf keinen Fall.

„Das Gebirge hatte er nun oder vielmehr: es hatte ihn; es umgab ihn, ringsum; im allgewaltigen Sonnenlichte gleißend und in Finsternissen starrend.“ (über Ull, S. 62)

Um die Mittagszeit hat Ull den Grat erreicht. Dort ruht er sich aus und denkt über sein weiteres Vorgehen nach. Dabei wird ihm bewusst, dass er in einer Falle sitzt: Er kann jetzt nicht einfach denselben Weg zurückgehen, denn um diese Tageszeit allein über den Gletscher abzusteigen, wäre lebensgefährlich. Aber die anderen Möglichkeiten für einen Rückweg sind noch unsicherer. Er könnte zwar den Gipfel besteigen, wie sie es ursprünglich zu zweit geplant haben - aber auch dann muss er irgendwann vom Grat aus wieder zurück. Auf die Idee, an Ort und Stelle zu übernachten und erst am nächsten Tag den Weg über den Gletscher zurückzugehen, kommt er nicht. Eine Möglichkeit, an die er denkt, wäre ein Abstieg über die Südwand, aber diese ist sehr steil. Über diesen Gedanken verliert er einige Zeit.

„Er stürzte zwar nicht ab. Aber der Pickel stürzte ab. Und das war fast, als ob ihn der Kumpan, der einzige ihm noch gebliebene Kumpan verlassen hätte.“ (über Ull, S. 69)

Ull wird mutlos. Er denkt an seine Freundin, die auch eine gute Bergsteigerin ist. Sie ist jetzt zu ihren Verwandten in den Norden gereist, deswegen hat sie ihn auf dieser Tour nicht begleitet. Aber wenn er sie darum gebeten hätte, wäre sie sicher an Johanns Stelle mit ihm gekommen, und er wäre jetzt nicht allein. Schließlich sitzt der mutige Ull, der erfahrene Bergsteiger, auf dem Grat und weint.

Ulls Abstieg und Tod

Irgendwann spricht er sich selbst auf die Art Mut zu, wie er es oft bei anderen Bergsteigern getan hat, und erinnert sich daran, dass er schon so manche schwierige Situation meistern konnte. Er entscheidet sich dafür, den Weg über die steile Südwand in Angriff zu nehmen, der ihm als der einzig mögliche erscheint. Schon das erste Stück des Abstiegs ist sehr schwierig und kostet ihn viel Zeit. Irgendwann rutscht ihm gar sein Pickel aus der Hand und stürzt ab. Dieser Verlust ist eine Katastrophe für ihn, der Pickel ist sein wichtigstes Hilfsmittel.

„In einem solchen Moment hatte er auf einmal die endgültige Antwort gefunden auf die oft gestellte Frage: ‚Warum steigt ihr auf Berge?’ (...) Dies war es: Um dem Gefängnis zu entrinnen. ... Und nun?“ (über Ull, S. 87 f.)

Nun wird der Rückweg durch die steile Wand noch gefährlicher. Bei einem ersten Versuch, einen schwierigen Abschnitt zu überwinden, bricht ein Stück Fels ab, an dem er sich festhalten wollte. Nur mit größter Mühe kann er sich gerade noch fangen und wieder zu seinem vorherigen, sicheren Standpunkt zurückklettern.

„Er rutschte, Hände und Arme konnten das nicht verhindern; das Rutschen wurde rasch schneller; er sauste dem Bergschrund entgegen, der weiter und tiefer war als angenommen werden konnte, - und ward nicht mehr gesehn.“ (über Ull, S. 92)

Darüber vergehen die Stunden, und irgendwann wird ihm bewusst, dass er sich einen Ort zum Übernachten suchen muss. Die Stelle, an der er steht, ist dazu nicht geeignet. Die einzige Möglichkeit wäre ein Platz weiter unten am Hang, aber um dort hinzukommen, müsste er sein Seil verwenden, das sich nicht mehr lösen lassen würde. Ohne Seil wird er aber den weiteren Abstieg nicht schaffen. Ull weiß sich nun endgültig keinen Rat mehr. In dieser ausweglosen Lage hört er plötzlich ganz klar die Stimme seiner Freundin. Sie rät ihm, ein Stück vom Seil abzuschneiden und so nur einen Teil zu opfern. Das ist die einzige Möglichkeit. Ull befolgt den Rat der Stimme und gelangt so zu der Stelle, wo er die Nacht verbringen kann.

„So hatten die beiden gleichsam ihre Rollen vertauscht in ihrem Sterben; und die vielleicht unsinnige Frage taucht auf, ob nicht, wenigstens in kleinem Maße, dasselbe hätte geschehen können - im Leben?“ (S. 97)

Für ein Biwak ist er nicht ausgerüstet, er hat nur eine dünne Decke bei sich. Also darf er in dieser Nacht nicht einschlafen, sonst würde er erfrieren. Deshalb zieht er alle Kleidungsstücke, die er bei sich hat, übereinander an und versucht, sich mit allen möglichen Beschäftigungen wach zu halten und die Zeit zu vertreiben. Er raucht hin und wieder eine Pfeife, schlägt minutenlang die Schuhe aneinander, um die Füße warm zu halten, zündet die Laterne an und löscht sie nach einer Weile wieder aus. Er versucht auch, von seinen Vorräten zu essen, bringt aber nichts hinunter. So trinkt er nur etwas Schnaps und lässt einen winzigen Rest davon für den Aufbruch am nächsten Morgen übrig.

So vergehen in dieser Nacht die Minuten. Die Zeit dehnt sich endlos. Als es schließlich doch Morgen wird, ist sein Körper vor Kälte so erstarrt, dass er noch einige Zeit braucht, ehe er beweglich genug ist, um den weiteren Abstieg in Angriff zu nehmen.

Das erste Stück ist recht einfach, er kann sich abseilen. Auf ein Bein gestützt am Hang stehend, plant er seine nächsten Schritte und beginnt das Seil einzuholen. Dabei spürt er plötzlich, dass der Fels unter seinem Standbein nachgibt. Reflexartig greift er, wie gewohnt, nach seinem Pickel - aber den hat er nicht mehr bei sich. Ull kommt ins Rutschen, kann sich nicht mehr halten - und stürzt in einen tiefen Bergschrund.

Johanns Tod

Johann ist inzwischen den Weg zurückgegangen, den er gemeinsam mit Ull gekommen ist. Bei einer Rast an der Quelle sieht er ins Flachland hinunter und wird bei dem Gedanken an die Rückkehr von einem solchen Widerwillen gepackt, dass er sich übergeben muss. Jetzt ist er neidisch auf Ull, der weiter aufgestiegen ist, und stellt sich vor, wie dieser den Gipfel schon erreicht hat. Als Johann weitergeht, kann er schon bald wieder die Straße sehen, wo sie vor ein paar Tagen aus dem Bus gestiegen sind. Um seinen Weg abzukürzen, entschließt er sich, über die Felder und durch ein kleines Wäldchen zu gehen. Ein Bauer ruft ihm aus der Ferne zu und warnt ihn, dass es gefährlich sei, dort entlangzugehen. Aber Johann hört nicht auf den Mahnruf, sondern lacht ihn aus - schließlich kommt er selbst gerade aus dem Hochgebirge und hat dort ganz andere Gefahren kennen gelernt.

Der Bauer jedoch hat ihm nicht grundlos von dem Weg abgeraten: Der Waldboden besteht überwiegend aus nassen, glitschigen Steinen. Dazwischen wachsen großblättrige Pflanzen, sodass man nicht sehen kann, wohin man tritt. Auf seinem Weg abwärts ins Tal rutscht Johann plötzlich aus. Er findet keinen Halt mehr, fällt in einen Bergbach und schlägt mit dem Kopf gegen einen Felsen. Der Bach reißt ihn mit sich, und Johann ertrinkt.

Zum Text

Aufbau und Stil

Die Erzählung Bergfahrt ist in 20 kurze Kapitel gegliedert. Die Handlung umfasst einen Zeitraum von fünf Tagen und beschreibt den Verlauf der Bergtour vom gemeinsamen Beginn bis zum getrennten Tod der beiden Männer. Der Zeitpunkt von Johanns Ende ist nicht genau zu bestimmen, dürfte aber wohl spätestens am selben Tag einzuordnen sein wie Ulls Absturz. Die Erzählung konzentriert sich ganz auf diesen einen bzw. - nach der Trennung der Bergsteiger - doppelten Handlungsstrang. Die Vorgeschichte der Protagonisten bleibt weitgehend im Dunkeln, es gibt im Text nur sehr wenige, knappe Andeutungen. Der eigentliche Handlungsverlauf wird immer wieder unterbrochen durch ausführliche Naturschilderungen ebenso wie durch Erklärungen und Bemerkungen des anonymen Erzählers: "Dann wurde es rasch kälter. (Die Höhe war etwa die des Jungfraujochs.)"

Interpretationsansätze

  • Das zentrale Thema der Erzählung ist die Gegensätzlichkeit zweier Charaktere: Ull ist aktiv und zielstrebig, Johann passiv und verschlossen. Dies führt in der Auseinandersetzung mit den Gefahren der Bergwelt zum Konflikt.
  • Die beiden so unterschiedlichen Hauptfiguren teilen am Ende das gleiche Schicksal: Der ängstliche Johann kommt ebenso um wie der draufgängerische Ull. Dabei ist der Tod der beiden ein Widerspruch zu ihrem Leben: Johann, im Leben eher langsam und bedächtig, stirbt einen raschen Tod, während sich das Ende des aktiven Ull über Tage hinzieht.
  • Die beiden scheitern deshalb, weil sie sich in entscheidenden Augenblicken nicht vom Verstand, sondern von ihren Affekten leiten lassen: Ull setzt aus Wut auf Johann die Tour allein fort, und Johann hört aus Überheblichkeit nicht auf die Warnung des Bauern.
  • Neben der Auseinandersetzung der beiden Männer geht es auch um den ständigen Kampf des Menschen mit dem Berg: Die Bergwelt ist für den Menschen bedrohlich und lebensfeindlich, aber zugleich meint er gerade dort zur Freiheit zu finden.
  • Über die Vorgeschichte und Motivation der beiden Hauptfiguren erfährt der Leser wenig. So bleiben z. B. die Gründe für Johanns merkwürdiges Verhalten völlig im Dunkeln. Das macht es schwierig, sich mit den beiden zu identifizieren.
  • Man hat die Erzählung auch allgemein als Parabel auf die Sinnlosigkeit der menschlichen Existenz gedeutet: Letztlich ist der Mensch ein Spielball des Schicksals; weder Vorsicht noch Draufgängertum können daran etwas ändern.

Historischer Hintergrund

Die Geschichte des Alpinismus

Berge üben von jeher eine starke Faszination auf die Menschen aus. Schon Steinzeitmenschen waren im Gebirge unterwegs: Der Fund der auf den Namen "Ötzi" getauften Gletschermumie, die wohl schon seit der ausgehenden Jungsteinzeit unter den Eismassen begraben war, ist ein Beweis dafür. Im Jahr 218 v. Chr. überquerte der karthagische Feldherr Hannibal mit seinem Heer und 37 Kriegselefanten die Alpen. Als Anfänge des Alpinismus gelten die Besteigung des fast 2000 Meter hohen Mont Ventoux durch den italienischen Gelehrten Francesco Petrarca im April 1336 und die Bezwingung des noch etwas höheren Mont Aiguille auf Befehl des französischen Königs Karl VIII. im Jahr 1492. Aber solche Unternehmungen blieben vorerst Ausnahmen; im Mittelalter hatten die Menschen über die unwirtliche Welt der Hochgebirge vor allem abergläubische Vorstellungen und mieden diese Regionen. Diese Einstellung hielt sich noch bis weit in die Neuzeit.

Erst gegen Ende des 18. Jahrhunderts traten an die Stelle abergläubischer Furcht wissenschaftliche Neugierde und der Wunsch, die Bergwelt zu erforschen. So wurde 1786 der Montblanc, höchster Berg Europas, zum ersten Mal bestiegen, 1800 der Großglockner. Alexander von Humboldt drang auf seinen Forschungsreisen bis in die Hochgebirge Südamerikas vor. Aber noch waren es Einzelne, Forscher und Wissenschaftler, die sich in die Berge wagten. Erst als in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts das Interesse an sportlicher Betätigung wuchs und breitere Bevölkerungsschichten Erholungsreisen unternehmen konnten, begann die Hochphase des Alpinismus. Um die Jahrhundertwende waren die allermeisten Alpengipfel bezwungen, die Alpenregion wurde mit Bergbahnen und Straßen touristisch erschlossen. Der erste Alpenverein entstand kurioserweise in England: 1857 wurde in London der Alpine Club gegründet. 1862 folgte der Österreichische Alpenverein und ein Jahr später der Schweizer Alpen-Club. Im 20. Jahrhundert konzentrierten sich die Anstrengungen vor allem auf die Bezwingung schwieriger Abschnitte, wie die Besteigung der Eigernordwand 1938. Technische Neuerungen ermöglichten die Verbreitung von Hilfsmitteln wie Steigeisen, Eishaken oder speziellem Schuhwerk.

Entstehung

Mit der Arbeit an der Erzählung Bergfahrt begann Ludwig Hohl bereits 1926, im Alter von 22 Jahren. Veröffentlicht wurde das Werk allerdings erst ein halbes Jahrhundert später, im Jahr 1975, als der Autor allmählich bekannter wurde. In den Jahrzehnten dazwischen arbeitete Hohl den Text viele Male um, wie er es auch mit anderen Werken zu tun pflegte. Inhaltlich ist die Erzählung stark autobiographisch geprägt: Hohl war selbst Bergsteiger und unternahm gerne auch im Alleingang schwierige Touren. Er kannte also die Bergwelt gut und ließ seine Kenntnisse und Erfahrungen in den Text einfließen. Mit den Hauptfiguren der Erzählung verbindet ihn auch das Alter: Johann ist zum Zeitpunkt der Handlung 23 Jahre alt, ein Jahr älter als der Autor zu Beginn seiner Arbeit an dem Text. Außerdem spielt die Handlung irgendwann in den ersten Jahrzehnten des 20. Jahrhunderts, also zu der Zeit, als Hohl seine Erzählung zu schreiben begann. Hohls Denken ist von der Philosophie Jean-Paul Sartres und Albert Camus’ beeinflusst. Anklänge an den Existentialismus mit seinem eher pessimistischen Welt- und Menschenbild finden sich auch in der Erzählung Bergfahrt, in der beide Hauptfiguren trotz ihrer Vorsicht und ihrer Anstrengungen am Ende scheitern.

Wirkungsgeschichte

"Hohl ist notwendig, wir sind zufällig. Wir dokumentieren das Menschliche, Hohl legt es fest." So urteilte einst Friedrich Dürrenmatt über seinen Schriftstellerkollegen. Auch andere zeitgenössische Autoren, wie Max Frisch, Adolf Muschg oder Peter Handke, schätzten seine Werke sehr.

Hohls Bekanntheitsgrad reichte aber nie an den seiner Kollegen heran. Der Außenseiter, der zurückgezogen lebte, wenig schrieb und noch weniger veröffentlichte, war zunächst hauptsächlich in Schriftstellerkreisen bekannt, und seine Werke wurden vor allem von Kollegen gelesen. Hohl selbst schätzte die Qualität seiner Arbeit gering. Zu Beginn der 1970er Jahre endlich trat der Schweizer Autor etwas mehr ins Bewusstsein der Öffentlichkeit; viele seiner Texte veröffentlichte er erst zu dieser Zeit. So auch die Erzählung Bergfahrt, die zusammen mit der Sammlung Nächtlicher Weg zu den wichtigsten Prosawerken Hohls zählt. Spät fand er literarische Anerkennung: 1978 wurde Ludwig Hohl mit dem Robert-Walser-Centenar-Preis ausgezeichnet, 1980 mit dem Petrarca-Preis. Mit zunehmendem Interesse am Werk Ludwig Hohls wurden auch nach seinem Tod noch etliche seiner Texte erstmals veröffentlicht.

Über den Autor

Ludwig Hohl wird am 9. April 1904 im schweizerischen Netstal als Sohn eines protestantischen Pfarrers geboren. Früh schon lehnt er sich gegen die Enge seines Elternhauses auf. Wegen seiner rebellischen Haltung muss Ludwig noch vor dem Abitur das Gymnasium verlassen. Daraufhin bricht er 1924 auch mit seinem Elternhaus und entschließt sich, Schriftsteller zu werden und nach Paris zu gehen. Dort lebt er bis 1930 in Kreisen der Künstlerboheme. Da ihm als Autor der Erfolg versagt bleibt, hat er zeitlebens mit schwierigsten wirtschaftlichen Verhältnissen zu kämpfen. Im Mai 1930 siedelt er nach Wien über, kehrt aber schon im Januar des folgenden Jahres nach Frankreich zurück. Ende 1931 lässt er sich in Den Haag nieder. Hier entsteht sein Werk Die Notizen oder Von der unvoreiligen Versöhnung, eine Sammlung von Essays, Satiren und Aphorismen. 1937 entschließt er sich zur Rückkehr in die Schweiz, lebt eine kurze Zeit in Biel und danach in Genf. Dabei ist die Armut sein ständiger Begleiter; schon in den 30er Jahren hat er oft nicht einmal mehr das Geld, um sich Papier zu kaufen. Seine Versuche, als Schriftsteller seinen Lebensunterhalt zu bestreiten, sind nicht sehr erfolgreich. Er kann sich auch nur schwer entschließen, etwas zu veröffentlichen, und statt sich an neue Werke zu wagen, schreibt er die alten immer wieder um. Als der erste Band der Notizen 1944 endlich erscheint, verkauft sich das Buch so schlecht, dass sich der Verlag weigert, den zweiten Band überhaupt zu drucken. Hohl gelingt es, gerichtlich eine Veröffentlichung zu erzwingen, jedoch erscheint dieser zweite Band erst zehn Jahre nach dem ersten und in einer Auflage von gerade 300 Stück. Der erfolglose Autor verfällt dem Alkohol und lebt in Genf jahrzehntelang unter primitivsten Verhältnissen in einer ärmlichen Kellerwohnung. Erst in den 70er Jahren wird Hohl allmählich bekannter. Von Armut und dem Alkoholismus gezeichnet, stirbt er am 3. November 1980 in Genf. Neben den Notizen und der Erzählsammlung Nächtlicher Weg zählen Von den hereinbrechenden Rändern und Dass fast alles anders ist zu seinen wichtigsten Werken. Posthum werden u. a. das Jugendtagebuch und Aufzeichnungen aus den Pariser Jahren (Aus der Tiefsee) veröffentlicht.


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