Zusammenfassung von Bergkristall

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Bergkristall Buchzusammenfassung

Literatur­klassiker

  • Kurzprosa
  • Biedermeier

Worum es geht

Ein Weihnachtswunder

Gibt es zu Weihnachten etwas Schöneres, als in einer schneebedeckten Alphütte vor dem Feuer zu sitzen, den glitzernden Tannenbaum anzuschauen und Geschenke auszutauschen? Adalbert Stifters Meistererzählung Bergkristall verheißt dem Leser zunächst genau so ein beschauliches Weihnachtsfest. Aber es kommt anders, als man denkt: Die beiden Kinder Konrad und Sanna verbringen Heiligabend bei ihren Großeltern. Auf dem Nachhauseweg setzt heftiges Schneetreiben ein. Der Weg ist lang, denn die beiden Alpdörfer, in denen Eltern und Großeltern leben, sind nicht nur durch unterschiedliche Sitten und Gebräuche getrennt, sondern auch durch einen mächtigen Berg. Auf ihn geraten die Geschwister hinauf und finden, so scheint es zunächst, nicht mehr herunter – bis das Weihnachtswunder geschieht. Stifter brilliert mit eindringlichen Beschreibungen der winterlichen Natur und einer herzerwärmenden Geschwisterliebe. Nicht nur zu Weihnachten eine der schönsten Erzählungen der deutschsprachigen Literatur.

Take-aways

  • Adalbert Stifters Weihnachtsgeschichte Bergkristall gehört zu den bekanntesten Erzählungen des Dichters.
  • Stifter veröffentlichte sie in seiner Erzählsammlung Bunte Steine, in der jede Geschichte nach einem kostbaren Stein benannt ist.
  • Die Erzählung spielt in den beiden Dörfern Gschaid und Millsdorf, die durch einen hohen Berg voneinander getrennt sind.
  • Diese Trennung herrscht auch in den Köpfen der Dörfler: Leute aus dem jeweils anderen Dorf werden stets als Fremde betrachtet.
  • Da erscheint es wie ein Affront, als der Schuster aus Gschaid die Tochter des Färbers aus Millsdorf heiratet.
  • Ihre Kinder Konrad und Sanna besuchen an einem Heiligabend tagsüber die Großeltern im benachbarten Dorf.
  • Auf dem Heimweg über den Berg geraten sie in dichtes Schneetreiben.
  • Sie retten sich in eine Gletscherhöhle und müssen die Weihnacht fern von ihren Eltern verbringen.
  • Am nächsten Tag werden sie von einem Suchtrupp gefunden und nach Hause gebracht.
  • Durch die Rettung der Kinder kommen sich die Bewohner der beiden Dörfer näher.
  • In einer Welt aus Eis und Schnee erleben die Kinder ihr eigenes Weihnachtswunder – das von manchen Interpreten als Erlebnis der Wiedergeburt gedeutet wird.
  • Stifters Geschichte zeichnet sich durch faszinierende Beschreibungen der winterlichen Natur aus.
 

Zusammenfassung

Weihnachten – das größte Fest

Jeder Festtag hat seine Eigenheiten und seine ureigene Stimmung. Zu den schönsten Festen im Kirchenjahr gehört Weihnachten. Die Geburt Jesu Christi fällt bei uns Europäern in die klirrende Kälte einer Dezembernacht. Schon um Mitternacht wird in vielen Dörfern die Geburt des Heilands gefeiert: Dann stapfen alle über die zugeschneiten Wege zur Kirche hin. Zuvor jedoch entfaltet die Weihnacht zu Hause ihren Glanz: Ein reich geschmückter Tannenbaum wird in der Stube aufgestellt, überall glänzen Lichter. Die Kinder sind schon den ganzen Tag über gespannt und werden erst nach der „Ankunft des Christkinds“ in den festlich geschmückten Raum eingelassen. Die Geschenke, die sie dort erhalten, hat das heilige Christkind den Kindern gebracht. Wenn die Erwachsenen zur Christmette in die Kirche gehen, erscheint den Kleinen der Klang der Glocken wie Engelsgeläut, das sie bis in ihre Träume begleitet.

Das Dörfchen Gschaid

Das in einem kreisförmigen Tal gelegene Dörfchen Gschaid wird von einem mächtigen Bergmassiv überschattet. Mitten im Dorf steht die Kirche, deren rotes Spitzdach man noch von weit her sieht. Die Häuser liegen verstreut im Tal und sogar bis an die Berge heran. Manche ihrer Bewohner sieht man selten bis nie. Die Einwohner von Gschaid kennen sich aber alle und pflegen untereinander sogar eine eigene Sprache, die Auswärtige schlecht verstehen. Man trauert gemeinsam, wenn jemand stirbt, man freut sich, wenn ein Kind geboren wird, man ärgert sich mal über den Nachbarn, aber rauft sich auch wieder zusammen. Fremden begegnet man selten, und wenn, dann sind es höchstens verirrte Naturliebhaber, die für ein paar Tage beim örtlichen Gastwirt logieren. In Gschaid bleibt tagein, tagaus alles beim Alten.

Der Schneeberg Gars

Vom Dorf aus kann man den Gars sehen, einen majestätischen Schneeberg, um den sich so manche Geschichte rankt. Manchmal werden einzelne Dörfler als Bergführer von fremden Gipfelstürmern auserkoren. Dann ist es für sie das Größte, im Gasthaus von ihren Erlebnissen zu erzählen. Die Doppelspitzen des Berges werden von den Dorfbewohnern „Hörner“ genannt. Je nachdem, wie sehr sie sich in kräftiges Weiß hüllen, wie sehr der Raureif die tiefer liegenden Bäume bedeckt, wie hoch die Schneegrenze liegt und wie grün die Tannen das Tal grüßen, können die Dörfler ablesen, ob ein Sommer lang und heiß oder ein Winter hart und kalt wird. Wenn man den Berg besteigen will, muss man sich zunächst über einen Gebirgskamm, den die Dörfler „Hals“ nennen, bewegen. Auf dessen Spitze steht eine Unglückssäule. Ein Bild auf einer Säule erinnert daran, dass an dieser Stelle einmal ein Bäcker mitsamt seinem Backwerk erfroren ist. Geht man nach der Unglückssäule nicht in die Richtung des Gipfels, sondern auf die andere Seite, gelangt man in ein Tal, in dem Millsdorf liegt. Der Marktfleck ist wohlhabender und prächtiger als Gschaid. Drei Stunden Fußweg trennen die beiden Orte, doch sind Stimmung und Mentalität derart unterschiedlich, dass man meinen könnte, in vollkommen anderen Ländern zu sein. Kein Wunder, dass sich eher selten ein Gschaider nach Millsdorf verirrt und umgekehrt.

Der Schuster von Gschaid

Eines der prächtigsten Häuser in Gschaid gehört dem Schuster, der für die immerzu im Gebirge herumkraxelnden Dörfler einer der wichtigsten Handwerker überhaupt ist. Unten im Haus sind die Verkaufsräume, Werkstatt, Küche und Wohnstube, oben die Schlafkammern. Nach hinten hinaus liegen Stall und Scheune sowie ein Garten, denn fast jeder Bewohner des Dörfchens betreibt Landwirtschaft und bebaut einen Garten für das eigene leibliche Wohl. Der Schuster war nicht immer ein Schuster. In seiner Jugend, kurz nach der Schule, zog er als Gämsenwildschütze herum; er ließ kein Schützenfest und keine Schießerei aus, auch wenn der Preis den Einsatz in den wenigsten Fällen rechtfertigte. Doch spätestens mit dem Tod des Vaters und der Übernahme des Schustereibetriebs ließ der junge Mann das Herumstrolchen sein. Jetzt entwickelte er einen solchen Ehrgeiz in seinem Handwerk, dass schon bald nicht nur alle Gschaider, sondern auch Leute aus anderen Dörfern zu ihm kamen, um sich ihr Schuhwerk machen zu lassen, denn darin trieb er es zur Perfektion. Beliebt sind vor allem seine Gebirgsstiefel, die – außen hart und unempfindlich, innen so weich wie ein Handschuh – für Wanderungen in den Bergen wie geschaffen sind. Trotz dieser Perfektion und dem Wohlwollen, das seine Kunden ihm für seine Arbeit entgegenbringen, ist der Schuster doch nicht bei allen seinen Unternehmungen gleich erfolgreich ...

Die Brautwerbung

Vor allem in der Liebe konnte er sein Ziel nicht so leicht erreichen. Er warb um ein schönes Mädchen, die Tochter eines Färbers. Nur leider lebte sie in Millsdorf, und der Vater, der um das Werben des Schusters wusste, verbot ihm den Zutritt zu seiner Stube. Doch der Schuster war ausdauernd in seinen Zuneigungsbekundungen, und da außerdem Mutter und Tochter den Färber beknieten, ließ er den Kontakt bald zu. Schließlich wurde Hochzeit gefeiert, und die Färberstochter zog nach Gschaid um. Ihr Vater jedoch gab dem neuen Schwiegersohn zu bedenken, dass er das Erbe der Färberwerkstatt nur dann würde antreten können, wenn er selbst tüchtig sei und seine Frau ordentlich ernähren und kleiden könne. Der Schuster konnte darüber nur lachen: Er erwarb immer mehr Besitz, sorgte für seine Frau besser, als es ihre Eltern getan hatten, und machte auch deutlich, dass es ihm bei der Heirat keinesfalls um die Mitgift, sondern nur um das Mädchen selbst ging. In ihrem neuen Zuhause Gschaid blieb die Färberstochter jedoch eine Fremde: Man war ihr zwar zugetan, aber sie war und blieb eben eine Millsdorferin.

Doppelter Kindersegen

Ein gutes Jahr nach der Hochzeit schenkte die Färberstochter ihrem Mann einen Sohn, einige Jahre später eine Tochter. Der Knabe wurde Konrad, die Tochter Sanna genannt. Die Großeltern waren ganz vernarrt in die beiden und so kam es, dass die Färberin oft nach Gschaid ging. Aber irgendwann wurde ihr der Weg zu weit, sodass die Färberstochter mit Konrad und Sanna ihre Eltern besuchte oder die Kinder einer Magd mitgegeben wurden. Der Junge entwickelte sich prächtig, bald schaffte er den Fußweg auch alleine. Kaum hatte seine kleine Schwester ebenfalls das passende Alter erreicht, durfte sie ihn manchmal begleiten. Durch das ständige Hin- und Herwandern zwischen den Dörfern wurden die Kinder von den Gschaidern als halbe Millsdorfer angesehen.

Weihnachtsbesuch bei Großmutter

An einem Heiligabend sagt die Mutter ganz in der Früh zu ihren Kindern, dass heute wieder ein Besuchstag sein soll. Sie mahnt Konrad, gleich nach dem Mittagessen zurückzukehren, weil die Sonne im Dezember früh untergehe, nicht zu bummeln und gut auf die kleine Sanna aufzupassen. Nach der Verabschiedung durch den Vater machen sich die beiden Kinder auf den Weg. Als sie auf dem Bergrücken angekommen sind, fällt ihnen auf, dass die Unglückssäule umgeworfen im Gras liegt. Sie können sich nicht erklären, warum, finden es aber ganz interessant, sich das grausige Bild einmal aus nächster Nähe ansehen zu können. In Millsdorf kommt ihnen die Großmutter schon entgegen, sie führt sie vor den warmen Ofen und fragt sie über das Befinden der Eltern aus. Nach dem besonders üppigen Mahl schnürt sie den Kindern gleich einen Ranzen mit allerlei Geschenken und Wegzehrung zusammen. Darunter befindet sich auch ein besonders kräftiger Kaffeeaufguss für die Eltern. Mit den üblichen Ermahnungen – zügig gehen, nicht bummeln, Eltern grüßen – schickt die Großmutter die beiden Kinder wieder nach Hause.

Im Schneetreiben

Inzwischen hat es angefangen zu schneien, was die Kinder sehr erfreut. Die Sonne hat sich bereits hinter dichten Nebel zurückgezogen. Als sie das Waldgebiet betreten, können sie beobachten, wie auf den Tannenzweigen der weiße Flaum wächst. Zunächst versuchen sie absichtlich, auf die Stellen zu treten, die schon stärker eingeschneit sind, doch schon bald ist das nicht mehr nötig: Dicke Flocken fallen immer zahlreicher, sodass sich die Kinder fragen, ob sie die umgestürzte Unglückssäule in diesem Schneetreiben überhaupt werden sehen können. Konrad kann den Weg kaum mehr erkennen, die Bäume verschwinden hinter einem weißen Vorhang aus Schnee. Er zieht seine Jacke bis über den Hals und bindet seiner Schwester das Kopftuch enger um das frierende Gesicht.

„Eines der schönsten Feste feiert die Kirche fast mitten im Winter, wo beinahe die längsten Nächte und kürzesten Tage sind, wo die Sonne am schiefsten gegen unsere Gefilde steht, und Schnee alle Fluren deckt, das Fest der Weihnacht.“ (S. 5)

Irgendwann stellen die beiden fest, dass sie die Baumgrenze hinter sich gelassen haben und der Weg immer noch bergauf geht – obwohl sie längst wieder ins Tal hätten kommen müssen. Immer stärker wird das Schneetreiben. Konrad zieht sich die Pelzjacke aus und bindet sie seiner Schwester um, zudem setzt er ihr seinen Hut auf den Kopf. Gemeinsam stapfen sie weiter, bis Konrad zugeben muss, dass er nicht mehr weiß, wo sie sich befinden. Das viele Weiß blendet ihn, er kann keine Wegmarken erkennen und nicht einmal mehr recht ertasten, ob sie bergauf oder bergab gehen. Auch das Horchen, ob sie vielleicht den Kirchturm oder ein anderes Geräusch aus Gschaid vernehmen können, bleibt erfolglos.

Kein Durchkommen

Endlich geraten sie in die Nähe von Felsen, aber erkennen können sie immer noch nichts. Würden sie auch nur um wenige Schritte getrennt werden, würden sie sich verlieren. Jetzt erreichen sie etwas, was aussieht wie ein Trümmerhaufen – aus Eis. Kirchturmhoch türmen sich Eisplatten vor ihnen auf, sind von Rissen und Kavernen durchfurcht, splittern aus dem Boden und tragen hie und da riesige Schneemützen. Grünlich und kalt schimmert das schiere Eis ihnen entgegen. Konrad wird klar: Sie sind nicht ins Tal, sondern zum Gipfel des Gars gelaufen. Die Kinder suchen Halt und versuchen die richtige Richtung einzuschlagen, aber sie finden sie nicht. Riesige Wälle aus Eis versperren ihnen den Weg. Sie müssen umkehren und ihr Glück an einer anderen Stelle versuchen. Doch inzwischen ist es schon dunkel geworden. Konrad schlägt vor, einen trockenen Platz in einer der Eishöhlen zu suchen und dort die Nacht zu verbringen. Sie finden tatsächlich eine geschützte Stelle, wo sie sich aneinanderkuscheln und ihre Brote verzehren.

Nacht im Eis

Zügig, wie im Gebirge üblich, breitet die Nacht ihren Mantel über die Kinder aus: Sie sehen den sternklaren Himmel über sich und können auch noch den Schnee erkennen, der ein eigenes Leuchten aussendet. Zur gleichen Zeit, als im Dorf die Lichter angezündet werden und die anderen Kinder sich mit strahlenden Gesichtern über ihre Geschenke beugen, blicken Konrad und Sanna in die Schwärze der Gebirgsnacht. Als in den Kirchen von Gschaid und Millsdorf die Glocken läuten, vernehmen die Kinder nichts als das Krachen des Eises. Sanna wird von den Anstrengungen des Tages jetzt so müde, dass Konrad seine liebe Mühe hat, sie wach zu halten. Denn wer im Schnee einschläft, ist am nächsten Morgen tot, denkt er, während er sich an den Bäcker erinnert, dessen Konterfei die Unglückssäule ziert. Da entsinnt er sich des Kaffeeaufgusses der Großmutter: Rasch verabreicht er Sanna einen Schluck und nippt dann selbst von dem unbekannten Getränk. Sofort spüren beide die belebende Wirkung des extrastarken Kaffees – vor allem weil sie im Leben noch keinen gekostet haben. So sitzen sie nebeneinander: Am Himmel zeichnen sich seltsame Farben ab, ein bizarres Leuchten, das wieder erlischt, als das erste Morgengrauen die Sterne vertreibt.

Die Rettung

Gestärkt vom jungen Morgen, machen sich die beiden Kinder wieder auf den Weg, um ins Tal zurückzukehren. Doch erneut finden sie nichts als Eis und Schnee. Erst nach langem Herumirren sehen sie in der Ferne eine rote Fahne: Es sind einige Gschaider, die sich auf die Suche nach den Kindern gemacht haben. Als sie sie finden, herrscht große Freude – denn überall sind Menschen auf der Suche nach den Vermissten unterwegs. Die Kinder werden zu einer Hütte gebracht, wo die Mutter fast in Ohnmacht fällt, als sie ihre Kleinen wieder in die Arme schließen kann. Der Vater, der selbst mit Steigeisen unterwegs war, um sie zu suchen, ist stumm vor lauter Freude und Erleichterung. Auf dem Berg finden sich immer mehr Leute ein – unter ihnen auch der Färber aus Millsdorf, der seit der Hochzeit seiner Tochter nicht mehr in Gschaid gewesen ist. Nun preisen sie Gott dafür, dass die Kinder gerettet wurden. Die kleine Sanna erzählt der Mutter, dass sie in der Nacht das Christkind am Firmament leuchten gesehen hat – und tatsächlich hat es ihr einige Geschenke dagelassen, die die Kinder nun begeistert öffnen. Im Wirtshaus von Gschaid erzählt man sich noch lange von diesem Ereignis in der Heiligen Nacht. Fortan gilt die Färberstochter aus Millsdorf als echte Gschaiderin und erst recht die beiden Kinder – die man vom Berg zurückholen musste und nun nicht mehr fortlassen will.

Zum Text

Aufbau und Stil

Trotz ihrer Kürze strotzt Adalbert Stifters Erzählung Bergkristall geradezu vor detailliert ausgearbeiteten Landschaftsbeschreibungen. Die Schilderung der unzugänglichen Bergwelt, aber auch der dörflichen Umgebung und der Natur im Allgemeinen nehmen großen Raum ein. Die Geschichte lässt sich grob in vier Teile aufgliedern: Die Einleitung bildet eine kurze Abhandlung über die Kirchenfeste im Jahr und insbesondere über die Bräuche des Weihnachtsfestes, die in den Bergdörfern gepflegt werden. Danach folgt eine sehr ausführliche Landschaftsbeschreibung des Dorfes Gschaid und des Schneeberges Gars sowie der eigentümlichen Unglückssäule, die an der wichtigen Weggabelung nach Millsdorf zu finden ist. Dass diese Säule später umfällt, wird zum Auslöser der dramatischen Verirrung der Kinder. Der dritte Teil erzählt die Vorgeschichte der Haupthandlung: Die Hochzeit des Schusters mit der Färberstochter und der unterschwellige Konflikt zwischen den beiden Dörfern werden geschildert. Dann erst – nach gut der Hälfte des Textes – wird die eigentliche Geschichte erzählt, die sich in der Heiligen Nacht auf dem Berg abspielt. Die Zeichnung der Figuren gerät Stifter eher blass, geradezu farblos, verglichen mit dem Detailreichtum, mit dem er die winterliche Natur und den Gletscher beschreibt. Seine Darstellung der Schnee- und Eiswelt gehört zu den eindrucksvollsten Winterszenen der deutschsprachigen Literatur.

Interpretationsansätze

  • Die Natur spielt eine Hauptrolle in der Erzählung. Der Schneeberg Gars stellt dabei ein wichtiges Symbol dar: Er ist nicht nur die physische Trennung zwischen den Ortschaften Millsdorf und Gschaid, sondern steht auch für die geistige und mentalitätsbedingte Trennung der Dörfer.
  • Zugleich wird aber auch gezeigt, dass Trennendes überwunden werden kann. Denn genau wie die Dörfler den Gars überqueren, um die Kinder zu retten, gelingt es ihnen schließlich auch, die Blockaden in ihren Köpfen zu überwinden.
  • Stifter unternimmt eine „Ästhetisierung des Schnees“, ohne freilich die Bedrohlichkeit des Winters zu bestreiten. Zunächst jedoch blendet er alle Mühsal, die die Jahreszeit den Menschen beschert, aus und widmet sich ganz der Faszination des Schnees, wie ihn Kinderaugen wahrnehmen.
  • Auf dem Berg, weitab vom heimatlichen Mikrokosmos, machen die Kinder eine Nahtoderfahrung. Sie fühlen sich dem Kosmos näher, nehmen seltsame Himmelslichter wahr und müssen versuchen, wach zu bleiben, um dem Erfrierungstod zu entgehen. „Jenseits wollten sie wieder hinabklettern. Aber es gab kein Jenseits“, heißt es in der Erzählung – eine deutliche Anspielung auf den Tod.
  • Der rot heraufsteigende neue Morgen ist für die Kinder ein Erlösungserlebnis, eine Wiedergeburt: ihr persönliches Weihnachtswunder.
  • Stifters Erzählung gehört zur Literatur des Biedermeier, jener künstlerischen Epoche zu Beginn des 19. Jahrhunderts, in der manche Dichter den „großen“ Themen (insbesondere der Politik) den Rücken kehrten und sich den kleinen, „biederen“ Dingen zuwandten.

Historischer Hintergrund

Weihnachtsfest und Weihnachtsbräuche

Stifter eröffnet seine Erzählung mit einigen Reflexionen über das Weihnachtsfest, das er als das höchste Fest im Kirchenjahr darstellt. Auch wenn das nicht stimmt – das höchste Kirchenfest ist Ostern –, bilden die Weihnachtstage zusammen mit dem nahen Jahreswechsel ein ganz besonders festliches Ensemble. Das Datum des Weihnachtsfestes wird offiziell von der Geburt Jesu Christi bestimmt. Da dieser Termin aber nicht wirklich bekannt ist, weil er in den Evangelien keine Erwähnung findet, gibt es gleich mehrere Erklärungsansätze für das fixe Datum. Am 25. Dezember feierten die Römer das heidnische Fest des Sonnengottes und legten die Festivitäten in die Nähe der Wintersonnenwende. Als das Römische Reich christlich wurde, funktionierte man diesen Termin zum Geburtstag der christlichen Sonne, des „Lichts der Welt“ (Jesus) um. Neun Monate vorher, am 25. März, feiern die Christen die „Verkündigung des Herrn“, also den Tag der Empfängnis der Jungfrau Maria. Der Brauch, Krippen in der Wohnung, auf dem Marktplatz oder in der Kirche aufzustellen, stammt vom heiligen Franziskus von Assisi, der diese Form der Veranschaulichung für die Gläubigen im Jahr 1223 einführte. Die Tradition des Christbaums entwickelte sich aus der Dekoration mit immergrünen Zweigen, die schon zur Adventszeit verwendet wurden, um den Frühling und das Leben selbst in der klirrenden Winterszeit in die Stube zu holen. Regelrechte Weihnachtsbäume kamen erst im 16. Jahrhundert zunächst in den Zunfthäusern auf und wurden ab Beginn des 17. Jahrhunderts auch in Privathaushalten aufgestellt. Aus dem 19. Jahrhundert stammt das bekannteste deutsche Weihnachtslied, das sich mit dem Christbaum beschäftigt: O Tannenbaum. Geschmückt wurden die Bäume mit Obst – der Apfel erinnerte an den Sündenfall im Paradies –, aber auch mit Nüssen und später mit allerlei Naschwerk. Dieser Baumbehang diente vor allem der Verköstigung der Kinder, er wurde dann aber von der Bescherung abgelöst, die sich im 19. Jahrhundert mit dem Erstarken des Bürgertums zum zentralen Element des Weihnachtsabends entwickelte.

Entstehung

1845 befand sich Adalbert Stifter während einer Reise für zwei Tage am Hallstätter See, am Fuß des Dachsteingebirges in Österreich. Hier wanderte er mit dem Bergsteiger und Dachstein-Erforscher Friedrich Simony durch das Echerntal. Unterwegs begegneten sie zwei Kindern, die ihnen erzählten, dass sie sich an einem Felsüberhang untergestellt hatten. Hierdurch angeregt berichtete Simony dem Dichter von einer Gletscherhöhle, die er auf dem Karls-Eisfeld (dem heutigen Hallstädter Gletscher) gesehen hatte, und zeigte ihm tags darauf ein Bild einer solchen Höhle. Sofort begann Stifters Fantasie eine Geschichte zu ersinnen und er sagte: „Ich habe mir jetzt das Kinderpaar von gestern in diesen blauen Eisdom versetzt gedacht; welch ein Gegensatz wäre dies liebliche, aufknospende, frisch pulsierende Menschenleben zu der grauenhaft prächtigen, starren, todeskalten Umrahmung!“ Die Grundlage für seine weihnachtliche Geschichte Bergkristall war gelegt. Noch im gleichen Jahr arbeitete Stifter das Thema zu einer Erzählung aus und veröffentlichte sie zwischen dem 20. und 27. Dezember 1845 als Fortsetzungsgeschichte in der Zeitschrift Die Gegenwart, wo sie den Titel Der heilige Abend trug. Erst acht Jahre später wurde die Erzählung, nachdem Stifter sie mehrmals bearbeitet hatte, in den Sammelband Bunte Steine aufgenommen. Hier erhielt sie den heutigen Titel Bergkristall, denn alle Kurzgeschichten in diesem Band tragen Namen von Steinen, Kristallen und Mineralien, etwa Turmalin, Katzensilber und Bergmilch.

Wirkungsgeschichte

Der Sammelband Bunte Steine ist besonders für die Poetik Adalbert Stifters bedeutend, reagierte er doch in einem Vorwort auf die Kritik des Dichterkollegen Friedrich Hebbel, der ihm vorgeworfen hatte, seine Figuren und Themen seien allesamt unbedeutend. Stifter formulierte hierauf sein „sanftes Gesetz“, wonach ihn gerade nicht die großen Ereignisse, sondern die kleinen, langsamen, stetig wachsenden Dinge interessierten: „Wir wollen das sanfte Gesetz zu erblicken suchen, wodurch das menschliche Geschlecht geleitet wird. (...) das Gesetz der Gerechtigkeit, das Gesetz der Sitte, das Gesetz, das will, dass jeder geachtet, geehrt und ungefährdet neben dem anderen bestehe, dass er seine höhere menschliche Laufbahn gehen könne (...)“

Die Erzählung Bergkristall wurde zu einem der bekanntesten Werke Stifters, vor allem wegen der eindringlichen Naturbeschreibungen. Dahinter vermutete schließlich sogar Thomas Mann etwas Größeres und Erhabeneres als der Dichter selbst: „Stifter ist einer der merkwürdigsten, hintergründigsten, heimlich kühnsten und wunderlich packendsten Erzähler der Weltliteratur. Hinter der stillen, innigen Genauigkeit seiner Naturbetrachtung ist eine Neigung zum Exzessiven, Elementar-Katastrophalen wirksam.“ Der Stoff wurde zweimal verfilmt: 1949 vom Österreicher Harald Reinl und 2004 von Josef Vilsmaier. Letzterer bettete die Erzählung in eine moderne Rahmenhandlung ein, doch trotz dieser Modernisierung war der Film nur mäßig erfolgreich.

Über den Autor

Adalbert Stifter wird am 23. Oktober 1805 in Oberplan in Südböhmen geboren, das damals zum Kaisertum Österreich gehört. Als der Junge zwölf ist, stirbt sein Vater durch einen Unfall, die Familie gerät in finanzielle Schwierigkeiten. Stifter ist künstlerisch begabt, entscheidet sich aber für ein Jurastudium, um in den Staatsdienst eintreten zu können. Mit 22 verliebt er sich in die drei Jahre jüngere Fanny Greipl und wirbt viele Jahre um sie. Ohne Erfolg: Als mittelloser Student hat er bei Fanny und ihrer Familie keine Chance. Aus Enttäuschung beginnt er eine Beziehung zu der ungebildeten Putzmacherin Amalie Mohaupt, die er, als Fanny ihn wiederholt abweist, schließlich heiratet; die Ehe ist unglücklich und bleibt kinderlos. Beruflich hat Stifter ebenso wenig Erfolg: Das ungeliebte Studium bricht er nach vier Jahren ab und hält sich von da an mühsam als Hauslehrer über Wasser. In seiner Freizeit dichtet und malt er. Einen ersten literarischen Erfolg erringt er 1840 mit der Erzählung Der Condor. Mit den folgenden Werken, u. a. Die Mappe meines Urgroßvaters (1841) und Bunte Steine (1853), wird er bekannt, aber seine späteren Arbeiten, darunter die Romane Der Nachsommer (1857) und Witiko (1865–1867), stoßen bei Kritikern und Lesern größtenteils auf Ablehnung. Als Pädagoge ist Stifter seiner Zeit voraus, aber auch das bringt ihm mehr Ärger als Erfolg ein. So wird er zwar 1850 zum Schulrat ernannt, kann aber seine Vorstellungen nicht durchsetzen und empfindet das Amt bald als Last. Ein von ihm verfasstes Schulbuch wird abgelehnt und erst nach dem Zweiten Weltkrieg in Bayern verwendet. Er holt zwei Pflegetöchter ins Haus, von denen eine an Tuberkulose stirbt; die andere nimmt sich mit 18 Jahren das Leben. Mit zunehmendem Alter wird Stifter verbittert, depressiv und hypochondrisch. Er erkrankt an Leberzirrhose und im Dezember 1867 an einer schweren Grippe. Am 26. Januar 1868 schneidet sich der Todkranke nachts mit einem Rasiermesser in den Hals und stirbt zwei Tage später. Ob es Selbstmord war oder ein Unfall, ob er an diesem Schnitt starb oder an der Krankheit, konnte nie eindeutig geklärt werden.


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