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Biedermann und die Brandstifter

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Biedermann und die Brandstifter

Ein Lehrstück ohne Lehre

Suhrkamp,

15 Minuten Lesezeit
12 Take-aways
Text verfügbar

Was ist drin?

Max Frischs berühmte Parabel über die Feigheit der Opportunisten: Herr Biedermann holt sich die Brandstifter ins Haus und tut so, als seien sie seine besten Freunde.


Literatur­klassiker

  • Drama
  • Nachkriegszeit

Worum es geht

Brandgefährliches Lehrstück

Was tun, wenn’s brennt? Diese Frage stellt sich auch für Herrn Biedermann, der in der Zeitung von immer neuen, immer dreisteren Brandstiftungen liest. Dass er schließlich selbst Opfer von Brandstiftern wird, will er so lange nicht wahrhaben, bis es zu spät ist. Die beiden Hausierer Schmitz und Eisenring müssen sich gar nicht besonders verstellen, denn allein ihre unverhohlen zur Schau gestellte Bedrohlichkeit, mit der sie ihr zündelndes Geschäft betreiben, verschafft ihnen bei Biedermann so viel Respekt, dass er nur eine Möglichkeit sieht: alle Warnungen in den Wind schlagen und sich „anbiedern“. Er lässt die Brandstifter in sein Haus, lädt sie zu einem üppigen Gastmahl ein und stellt sich taub und blind, wenn er mit der bevorstehenden Katastrophe konfrontiert wird. Biedermann ist Opfer und Helfershelfer zugleich, ein Opportunist bar jeder Zivilcourage, dem es nur darum geht, seine eigene Haut zu retten. Das ironische Stück wurde 1958 uraufgeführt und bedeutete für den als Romanschriftsteller bereits erfolgreichen Max Frisch den Durchbruch als Bühnenautor. Der einfache Aufbau, der bitterböse Humor, die Zeitlosigkeit des Sujets und nicht zuletzt der Titel, der zum geflügelten Wort wurde, verhalfen dem „Lehrstück ohne Lehre“ zu großer Popularität.

Take-aways

  • Biedermann und die Brandstifter bedeutete für Max Frisch den Durchbruch als Bühnenautor; der Titel des Stücks wurde zum geflügelten Wort.
  • Gottlieb Biedermann ist ein Haarwasserfabrikant, der in geordneten Verhältnissen lebt und am liebsten seine Ruhe hat.
  • Eine Serie von Brandstiftungen beunruhigt den Fabrikanten: Er fordert, mit den Tätern kurzen Prozess zu machen.
  • Plötzlich steht der Hausierer Schmitz vor seiner Tür und fordert eine Bleibe auf dem Dachboden – genau wie es die Brandstifter jeweils tun.
  • Biedermann fühlt sich halb geschmeichelt, halb bedroht und lässt Schmitz auf dem Dachboden nächtigen.
  • Obwohl ihn seine Ehefrau Babette warnt, will Biedermann nicht wahrhaben, dass Schmitz und sein Komplize Eisenring Brandstifter sind.
  • Als die beiden auch noch Benzinfässer mit Zündladungen versehen, weiß Biedermann: Er muss sich mit den „Gästen“ gut stellen.
  • Während eines eigens organisierten Gänseessens sprechen die beiden ganz offen über ihre Pläne, aber Biedermann hält alles für einen großen Scherz.
  • Schließlich jagen die Brandstifter das Haus und das halbe Viertel in die Luft.
  • Frisch notierte den Text bereits 1948 als Prosaskizze und arbeitete ihn 1953 zu einem Hörspiel um. 1958 wurde er dann als Theaterstück in Zürich uraufgeführt.
  • Das Drama kam beim Publikum und der Kritik sehr gut an und wurde vor allem als Gleichnis für die nationalsozialistische Machtübernahme 1933 interpretiert.
  • Der Untertitel „Lehrstück ohne Lehre“ weist auf Frischs Pessimismus und die Wiederholbarkeit der gezeigten Vorgänge hin.

Zusammenfassung

Vorsicht vor den Brandstiftern

Haarwasserfabrikant Gottlieb Biedermann zündet sich eine Zigarre an – und sofort wird er von Feuerwehrmännern umringt. Diese kommentieren fortan das Geschehen in der Art eines Chores im antiken griechischen Theater. Biedermann liest in der Zeitung von einer Bande von Brandstiftern, die in der näheren Umgebung schon mehrere Feuer gelegt haben. Entrüstet vertritt er die Meinung, man sollte kurzen Prozess mit ihnen machen. Zumal die Masche der Brandstifter doch allzu durchsichtig ist: Es sind immer Hausierer, die sich erst einen Unterschlupf auf dem Dachboden ahnungsloser Bürger erschleichen und dann ihr Vernichtungswerk vollenden.

Ein gewitzter Obdachloser

Just in diesem Augenblick berichtet das Hausmädchen Anna von eben einem solchen Hausierer, der sich seit einer geschlagenen Stunde nicht abwimmeln lässt. Biedermann ist verärgert, will den Fremden aber doch empfangen. Da steht der freche Kerl – in einem seltsamen Anzug, der an ein Zirkuskostüm erinnert – schon in der Stube. Schmitz, so stellt er sich vor, sucht eine Bleibe. Freimütig gibt er zu, dass alle Leute Angst vor ihm hätten, nur weil er eine stattliche Statur habe und einmal Ringer gewesen sei. Biedermann fühlt sich an seine Menschenfreundlichkeit appelliert und bietet dem Gast ein Glas Wein, etwas Brot und eine Zigarre an. Das komplettiert Schmitz Anna gegenüber rasch zu einer vollständigen Mahlzeit mit Käse, Senf und Gurke – ein bisschen kaltes Fleisch wäre ihm auch sehr recht, doch Anna kehrt zurück mit der Nachricht, dass leider kein Fleisch mehr da sei. Mit Komplimenten schmeichelt Schmitz seinem Gastgeber, dass dieser das Herz am rechten Fleck habe, kein Angsthase sei wie all die anderen und auch noch Zivilcourage besitze. Geschickt verpackt er in seine Schmeicheleien die Bitte um eine Bleibe für die Nacht – vielleicht auf dem Dachboden?

„Nimmer verdient / Schicksal zu heißen, bloß weil er geschehen: / Der Blödsinn, / Der nimmerzulöschende einst!“ (Chor, S. 9)

Mitten in diese Situation platzt Anna: Herr Knechtling stehe vor der Tür und wolle mit Herrn Biedermann sprechen. Knechtling ist kurz zuvor von Biedermann entlassen worden: Er wollte an einer Erfindung beteiligt werden, die er für Biedermann entwickelt hatte. Dieser explodiert förmlich und lässt den ehemaligen Mitarbeiter, der um die Existenz seiner Familie fürchtet, hinauswerfen. Damit Biedermanns Frau Babette nichts von dem Hausierer Schmitz mitbekommt, schickt Biedermann ihn heimlich auf den Dachboden, nicht ohne Schmitz zuvor eindringlich zu fragen, ob er denn wirklich kein Brandstifter sei. Dieser quittiert die Frage lediglich mit einem Lachen.

„Aufhängen sollte man sie! Hab ich’s nicht immer gesagt? Schon wieder eine Brandstiftung.“ (Biedermann, S. 10)

Babette wundert sich über das rostige Fahrrad im Hauseingang, und sie vernimmt ein Husten auf dem Dachboden, aber ihr Mann, der schließlich jede Nacht persönlich schaut, dass sich dort keine Brandstifter einnisten, schlummert selig in seinen Kissen. Am nächsten Morgen, als Babette Schmitz’ Anwesenheit bemerkt, kommt es zum Ehekrach: Sie argwöhnt, dass es sich um einen Brandstifter handle, aber Biedermann will davon nichts wissen. Schließlich habe ihm Schmitz doch in die Hand versprochen, dass er kein Brandstifter sei.

Aus eins mach zwei

Während sich Biedermann zum Anwalt begibt, um Knechtlings Klagen abzuschmettern, macht Schmitz es sich am Frühstückstisch bequem. Babette hat den festen Vorsatz gefasst, Schmitz aus dem Haus zu komplimentieren. Der aber hat schon Lunte gerochen und unterstellt ihr genau diese Absicht. Sie kann gar nicht anders, als ihn einzuladen, länger zu bleiben. Noch dazu tischt er ihr die rührende Geschichte seiner harten Kindheit auf: Er sei in ärmlichen Verhältnissen aufgewachsen, immer hungrig, immer frierend, ohne Zugang zu Kultur und Manieren. Plötzlich klopft es an der Tür und Schmitz’ alter Bekannter Willy Eisenring taucht in der Stube auf. Dieser sei früher Oberkellner im Metropol-Hotel gewesen – bevor es abgebrannt sei, wie Schmitz süffisant bemerkt.

Benzin

Nachts rollen Schmitz und Eisenring Fässer über den Dachboden, die ganz offensichtlich mit Benzin gefüllt sind. Am nächsten Morgen poltert Biedermann gegen die Tür des Dachbodens und verlangt von Schmitz Rechenschaft über das Rumoren in der Nacht. Als er sieht, dass nun sogar noch ein zweiter Fremder unter seinem Dach wohnt, ist er wie vom Donner gerührt. Auf der Stelle sollen die beiden sein Haus verlassen. Eisenring ergreift zum Schein für Biedermann Partei, indem er Schmitz dafür rügt, nicht um Erlaubnis gefragt zu haben. Als Biedermann die Fässer bemerkt, die sich inzwischen auf dem Dachboden gestapelt haben, antworten Schmitz und Eisenring ausweichend. Biedermann liest die Aufschrift „Benzin“, aber er kann gar nicht glauben, dass es sich tatsächlich um solches handelt. Er verlangt von den beiden, dass sie die Fässer sofort vom Dachboden schaffen.

„Sie sind der erste Mensch in dieser Stadt, der unsereinen nicht einfach wie einen Brandstifter behandelt.“ (Schmitz, S. 16)

In diesem Augenblick erscheint ein Polizist auf der Türschwelle, der Biedermann in einer traurigen Angelegenheit sprechen will: Knechtling hat in der Nacht Selbstmord begangen. Auf die Frage des Gesetzeshüters, was sich denn in den vielen Fässern befinde, macht sich Biedermann zum Komplizen der beiden Hausierer: Er gibt an, es handle sich um Haarwasser, worauf Schmitz und Eisenring eine ganze Salve von Haarwasser-Werbeslogans auf den verdutzten Polizisten loslassen. Kaum sind Biedermann und der Polizist verschwunden, loben die beiden Hausierer ihren Gastgeber als „Seele von Mensch“ und beginnen in aller Ruhe damit, die Fässer mit Zündkapseln zu versehen.

Ein großer Scherz

Auf dem Weg zu seinem Rechtsanwalt wird Biedermann vom Chor der Feuerwehrmänner aufgehalten: Noch sei ja nichts passiert, aber wie könne Herr Biedermann nur diese beiden offensichtlichen Brandstifter unter seinem Dach dulden? Biedermann gibt zu, dass ihm die „Halunken“ missfallen, aber dennoch: In seinem eigenen Haus könne er Unterschlupf gewähren, wem er wolle. Man müsse nicht immer nur das Schlimmste annehmen, sondern auch einmal Vertrauen haben.

„Soll er sich unter den Gasherd legen oder einen Anwalt nehmen - bitte! -, wenn Herr Knechtling es sich leisten kann, einen Prozess zu verlieren oder zu gewinnen. Bitte! Bitte!“ (Biedermann, S. 19)

Während Eisenring auf dem Dachboden weiter an den Zündkapseln herumbastelt, fasst Biedermann einen folgenschweren Entschluss: Er weist seine Frau an, für die beiden Hausierer eine Gans zu braten. Babette ist entgeistert, aber Biedermann macht ihr klar, dass sie sich die beiden Kerle zu Freunden machen müssten – weil sonst vielleicht ihr Haus in die Luft fliege. Auf dem Dachboden trifft er Eisenring alleine an. Schmitz ist unterwegs, um Holzwolle aufzutreiben. Biedermann bietet dem Exkellner Eisenring an, sein Badezimmer zu benutzen, was dieser aber ablehnt: Im Gefängnis habe er auch kein Badezimmer gehabt. Nachdem Biedermann den Schock über diese Offenbarung überwunden hat, fragt er direkt, ob in den Fässern wirklich Benzin sei, denn er betrachtet das nach wie vor als Scherz. Eisenring belehrt Biedermann: Scherz sei die drittbeste Tarnung, die Mitleidsmasche die zweitbeste und die beste Tarnung sei die Wahrheit – denn die nehme einem sowieso niemand ab.

Wie man Freunde gewinnt

Unterdessen trifft im Erdgeschoss die Witwe Knechtling ein und wird vom Hausmädchen Anna vertröstet. Biedermann sieht zu, wie Eisenring seelenruhig die Lunte verlegt, hält ihm sogar die Zündschnur, damit er die richtigen Maße festlegen kann. Eisenring berichtet, dass sie die Zutaten für ihre Bomben immer im Zeughaus stehlen würden, und deswegen befürchte er, Schmitz sei festgenommen worden. Das veranlasst Biedermann dazu, über Klassenunterschiede zu palavern, die doch heutzutage nicht mehr zeitgemäß seien. Eisenring macht ihn darauf aufmerksam, dass es keine gute Idee sei, neben den Fässern zu rauchen. Wieder hält Biedermann eine derart plakative Bemerkung für einen großen Witz. Im Hinausgehen lädt er die beiden Gäste für den Abend zum Gänseessen ein, was Eisenring erfreut akzeptiert – denn morgen seien sie nicht mehr da. Kaum ist Biedermann verschwunden, lässt Eisenring einen dritten Dachbodenbewohner aus einem Versteck, den er „Doktor“ nennt. Ihm gibt er den Auftrag, Schmiere zu stehen, während er und Schmitz zu Abend essen werden.

Eine Gans für die Halunken

Babette, die Gans in den Händen, hat eine böse Vorahnung, denn ihr Mann sei einfach zu gutmütig. Auch die Feuerwehrleute erwarten Schlimmes für die Nacht und nehmen bereits ihre Positionen an den Pumpen und Schläuchen ein.

„Sie versprechen es mir aber: Sie sind aber wirklich kein Brandstifter?“ (Biedermann, S. 21)

In der Biedermann’schen Stube beginnen die Vorbereitungen für das abendliche Festmahl. Die Witwe Knechtling, die immer noch nicht Gehör gefunden hat, wird von Biedermann einfach hinausgeworfen. Der gedeckte Tisch gefällt dem Hausherrn überhaupt nicht: Er will seine Gäste nicht mit vornehmem Schnickschnack wie Messerbänkchen, Servietten und Kandelaber vergrellen. Darum wird das Hausmädchen angewiesen, alles vom Tisch zu entfernen, was die Besucher an den Klassenunterschied erinnern könnte. Kein Tischtuch, kein Serviergeschirr, kein Damast – die Haushälterin soll die Gans einfach in der Pfanne auf den Tisch stellen. Da erscheint ein Bote mit dem Kranz für das Grab von Knechtling. Offensichtlich ist etwas schiefgelaufen, denn die Schleife ziert der Spruch „UNSEREM UNVERGESSLICHEN GOTTLIEB BIEDERMANN“, und die Rechnung für den Kranz ging an die Witwe. Während Biedermann im Keller die Weine für den Abend aussucht, betreten Eisenring und Schmitz die Stube. Schmitz hat leider keine Holzwolle bekommen, weil die Polizei diese komplett eingezogen hat; die Gefahr der Brandstiftung sei einfach zu groß. Auch Streichhölzer fehlen den beiden noch, um ihren Plan in die Tat umzusetzen.

Das Abendessen

Biedermann – offensichtlich schon zum wiederholten Mal im Weinkeller – rechtfertigt sich dafür, dass er die Brandstifter verköstigt: Solange sie trinken und lachen würden, könnten sie schließlich keine Brände legen. In der Stube ist das Essen in vollem Gange und die Luft ist von weinseligem Gelächter erfüllt. Nur Babette ist nicht zum Lachen zumute: Sie kann am jetzt ganz offen geführten Gespräch über Brandsätze, Zündschnüre und gut brennende Putzfäden nichts Komisches finden. Ihr Mann hält aber immer noch alles für einen Riesenspaß und bezichtigt seine Frau der Humorlosigkeit. Das Gespräch wird auf das Essen gebracht: Eisenring vermisst all die Annehmlichkeiten guter Tischkultur, die Biedermann vorher hat wegräumen lassen. Wo sind Tischtuch, Fingerschalen und Servietten? Sofort kommandiert Biedermann derlei wieder herbei. Anna versteht die Welt nicht mehr und bricht in Tränen aus. Eisenring und Schmitz plaudern über ihre harte Kindheit, über die Zeit im Gefängnis und bedauern, Silberbesteck nicht gewöhnt zu sein. Babette fragt Eisenring, warum er eigentlich im Gefängnis gewesen sei. Biedermann hält die Frage für unpassend, aber Eisenring antwortet ohne Umschweife: Das Restaurant, in dem er gearbeitet habe, sei über Nacht abgebrannt, und da hätten sie ihn, natürlich eine Verwechslung, als Hauptverdächtigen verhaftet. Im Gefängnis habe er dann Schmitz’ Bekanntschaft gemacht.

Ein Ende mit Flammen

Anna meldet den Doktor an, der eine Erklärung abgeben möchte. Er wird nicht vorgelassen. Eisenring erzählt, wie Schmitz vom Waisenhaus in den Zirkus und von dort ins Theater gekommen sei – das dann aber leider auch abgebrannt sei. Plötzlich wirft er Schmitz eine Serviette über den Kopf, woraufhin dieser in die Rolle eines Gespensts schlüpft. Er nennt Biedermann einen „Jedermann“, und Eisenring fordert Biedermann auf mitzuspielen. Der weiß nun gar nicht, was er sagen soll. Schmitz treibt das makabre Spiel auf die Spitze, als er verkündet, er sei der Geist von Knechtling. An dieser Stelle bricht Eisenring das Theater ab und rügt Schmitz für eine solche Geschmacklosigkeit. Dann ertönen Feuerwehrsirenen. Schmitz und Eisenring geben jetzt ganz offen zu, dass sie Brandstifter sind. Doch Biedermann glaubt immer noch an einen Scherz. Der Doktor betritt die Stube und verliest eine Erklärung, die aber im Getöse der Sturmglocken und Sirenen untergeht. Einzig verständlich ist, dass er sich von Schmitz und Eisenring distanziert, weil diese keine Idealisten seien, sondern ihr Werk nur „aus purer Lust“ betrieben. Zu guter Letzt überreicht Biedermann Schmitz und Eisenring noch Streichhölzer. Für ihn gilt als bewiesen, dass die beiden keine Brandstifter sind – denn echte Brandstifter hätten selbst Streichhölzer.

„Ein alter Mann, dessen Frau behauptet, er habe bei Ihnen gearbeitet - als Erfinder! -, hat sich heute Nacht unter den Gashahn gelegt.“ (Polizist, S. 41)

Dem Chor der Feuerwehrleute bleibt nichts, als die Sinnlosigkeit des Geschehens zu beklagen, während das Haus in Flammen aufgeht und mehrere Gasometer der Reihe nach in die Luft fliegen.

Zum Text

Aufbau und Stil

Max Frisch bezeichnete sein Stück als Parabel, also als Gleichnis, das vom Leser bzw. Zuschauer einen Analogieschluss verlangt. Das auf der Bühne Dargestellte ist lediglich ein Sinnbild für etwas anderes, das man sich selbst denken muss. Die einzelnen Szenen folgen, wie für moderne Theaterstücke typisch, sehr locker aufeinander. Der Aufbau orientiert sich nicht mehr an den klassischen Dramenkonventionen. Ein besonderer Kunstgriff Frischs ist die Einfügung des Chores der Feuerwehrleute. Dieser kommentiert wie im antiken griechischen Drama das Geschehen laufend, und das auch noch im antiken Versmaß („Der die Verwandlungen scheut / Mehr als das Unheil, / Was kann er tun / Wider das Unheil?“). Ähnlich wie die Zuschauer kann der Chor die Ereignisse besser überschauen als die handelnden Personen. Vor allem die Sprache ist es, die die Unaufrichtigkeit der Biedermanns enthüllt: In zahlreichen Beteuerungen und Wiederholungen widersprechen sie auch dann noch den Brandstiftern, als diese dem Ehepaar längst unverhohlen die Wahrheit ins Gesicht sagen. Verstellung, Verschleierung, Anbiederung und Hilflosigkeit werden so zur sprachlichen Falle, in die Biedermann immer wieder tappt.

Interpretationsansätze

  • Die gängigste Interpretation des Stückes ist, es als Gleichnis der Machterschleichung zu deuten: Unter Mitwirkung des braven Bürgers kommen Verbrecher an die Macht und stürzen diejenigen ins Verderben, die ihnen nicht mutig entgegengetreten sind. Das Stück wurde insbesondere als Parabel auf die Machtergreifung der Nationalsozialisten verstanden.
  • Ein wichtiges Thema des Stücks ist der Opportunismus, der sich – vor allem bei Biedermann – hinter zur Schau getragener Gutgläubigkeit und heuchlerischer Menschlichkeit verbirgt.
  • Nomen est omen: Frisch verwendet für seine Figuren sprechende Namen, die sie als Typen und Funktionsträger – nicht als Charaktere – definieren. Schmitz ist ein verschmitzter Lügner, Eisenring ein alter Knastbruder, der Erfinder Knechtling wird wie ein Knecht von Biedermann respektlos behandelt. Die Hauptperson selbst macht ihrem Namen alle Ehre: Herr Biedermann ist kleinbürgerlich, spießig, um seinen Vorteil bemüht und biedert sich sogar bei den Brandstiftern an.//
  • Frisch nannte sein Stück ein „Lehrstück ohne Lehre“. Anders als sein Vorbild Bertolt Brecht, in dessen Lehrstücken Darsteller und Zuschauer politisches Verhalten einüben sollten, drückte Frisch mit dem pessimistischen Untertitel seine tiefen Zweifel an der Lehrwirkung des Theaters aus. Zwar werden gesellschaftliche Missstände angeprangert, ein Ausweg aber wird nicht präsentiert.
  • Schmitz’ Mummenschanz während des Gänseessens, bei dem er den Gastgeber als „Jedermann – Biedermann“ bezeichnet, bezieht sich auf Hugo von Hofmannsthals Stück Jedermann// (1911). Darin wird der reiche Jedermann in seinen besten Jahren von Gott „heimberufen“ und stellt fest, dass ihm sein Reichtum nichts nützt und ihn die Freunde in seiner Not verlassen. Doch kraft seiner Umkehr und Reue und der göttlichen Gnade wird er, anders als Biedermann, am Schluss noch gerettet.

Historischer Hintergrund

Biedermeierei im Wechsel der Jahrzehnte

Gottlieb Biedermeier war eine Spottfigur der Satirezeitschrift Fliegende Blätter, die ab Mitte des 19. bis Mitte des 20. Jahrhunderts erschien. Die Figur wurde zum Namenspatron nicht nur für Frischs Biedermann, sondern für eine ganze Kunst- und Literaturepoche: Als Biedermeierzeit wird die Zeit zwischen 1815 und 1848 bezeichnet, in der sich der „brave Bürger“ (so die wörtliche Bedeutung von „Biedermeier“) in sein häusliches, bürgerliches Umfeld zurückzog und Politik Politik sein ließ. Frisch entlehnte den Namen seiner Titelfigur zwar aus dem 19. Jahrhundert, das Stück selbst beschäftigt sich aber mit Problemen des 20. Jahrhunderts. Insbesondere in Deutschland wurde die Machterschleichung Adolf Hitlers im Jahr 1933 als historischer Anknüpfungspunkt des Dramas gesehen. Auch Hitler kündigte seine Pläne an: in seinem Manifest Mein Kampf, erschienen Mitte der 20er Jahre. Er opponierte offen gegen die Weimarer Republik und wurde vor allem von Industriellen und Vertretern des Bürgertums unterstützt. Ähnlich wie der Haarwasserfabrikant Biedermann holten sie sich mit Hitler den Brandstifter des Weltbrandes, des Zweiten Weltkriegs und des Holocausts, selbst ins Haus.

Aber auch nach dem Krieg war es mit der Biedermeierei nicht vorbei: In Deutschland wollten große Teile der Bevölkerung nicht wahrhaben, was während der NS-Zeit gewissermaßen vor ihren Augen geschehen war. Mit dem Wirtschaftswunder ging es für die Deutschen ab 1948 wieder aufwärts, und spätestens mit Beginn der 50er Jahre blickte man lieber nach vorn als zurück. In der Schweiz wurde erst 50 Jahre nach Kriegsende öffentlich zugegeben, dass das kleine Land ebenfalls Schuld auf sich geladen hatte, indem es Flüchtlinge an der Grenze abgewiesen hatte. Der Skandal um die nachrichtenlosen Vermögen von Holocaustopfern und das Raubgold der Nazis erschütterte die Schweiz in den 90er Jahren. Max Frisch ging mit seinen Landsleuten stets hart ins Gericht, vermutete er doch gerade bei ihnen die Engstirnigkeit, die den rechten Biedermeier ausmacht. 1965 formulierte er provokativ seinen Protest darüber, wie technokratisch die Schweizer mit ihren Fremdarbeitern umgingen: „Ein kleines Herrenvolk sieht sich in Gefahr: Man hat Arbeitskräfte gerufen, und es kommen Menschen.“

Entstehung

Wie viele Theaterstücke von Max Frisch geht auch Biedermann und die Brandstifter auf eine längere Entstehungsgeschichte und mehrere Vorformen zurück. Schon 1948 notierte Frisch in seinen Tagebüchern eine kurze Prosaskizze mit dem Titel Burleske (das Wort bezeichnet ein kurzes, satirisches Lustspiel mit meist derber Komik). Hier war bereits der grobe Handlungsablauf niedergeschrieben. Als in den 50er Jahren in Deutschland das Hörspiel einen wahren Boom erlebte und Frisch gebeten wurde, auch eines zu schreiben, beschloss er mangels neuer Ideen, die Burleske zu einem Hörspiel mit dem Namen Biedermann und die Brandstifter umzuarbeiten. 1953 wurde es erstmals gesendet. In dieser Version gab es noch keinen Chor, dafür trat der Verfasser selbst auf, um die Ereignisse zu kommentieren. Nach der Veröffentlichung seines zweiten Romans Homo faber (1957) formte Frisch das Hörspiel als „Fingerübung“ zu einem Bühnenstück um, das am 29. März 1958 in Zürich uraufgeführt wurde. Für die deutsche Uraufführung in Frankfurt am Main am 28. September 1958 ergänzte er das Stück um ein Nachspiel in der Hölle, bei dem sich die Brandstifter als Teufel entpuppen. Allerdings traf dieser Epilog auf wenig Gegenliebe: Selbst Frischs Verleger bemängelte, dass er doch ein missratenes „Schwänzchen am runden, geglückten Biedermann“ sei. Konsequenterweise wurde der Epilog kaum gespielt und in den Textausgaben nicht abgedruckt.

Wirkungsgeschichte

Das Besondere an Frischs Bühnenwerk ist, dass es eine klar umrissene Geschichte erzählt, aber im Grunde genommen sehr deutungsoffen ist. Entsprechend unterschiedlich waren die Reaktionen des Publikums auf die Erstaufführung im Jahr 1958. Das Schweizer Publikum fühlte sich von Frisch vor einer drohenden kommunistischen Invasion gewarnt, deutete das Stück also eher zukunftsorientiert. Ein Blick in Frischs Tagebücher von 1946 bis 1949 belegt, dass die Schweizer damit gar nicht so falsch lagen, versah der Autor seine Burleske doch mit Bemerkungen zur politischen Situation in der Tschechoslowakei von 1948: Er sah seine Hoffnung auf die Verquickung von Sozialismus und Demokratie durch die gewaltsame kommunistische Machtübernahme enttäuscht. Das deutsche Publikum hingegen interpretierte das Stück eher im Hinblick auf die deutsche Vergangenheit und betrachtete es als Gleichnis für die Machtübernahme Hitlers. Auch diese Lesart ist gerechtfertigt, wollte der Autor doch vor allem vor der Wiederholbarkeit der im Stück gezeigten Konstellation warnen. Frisch selbst sagte einmal, worum es gehe: „um die Darstellung eines durchschnittlichen Bürgers, der ein etwas schlechtes Gewissen hat ... und der ein gutes haben möchte, ohne irgendetwas zu verändern.“ Der Titel des Stücks wurde zum geflügelten Wort und fand besonders im Zusammenhang mit den rechtsradikalen Ausschreitungen in der Bundesrepublik nach der Wiedervereinigung Verwendung, um diejenigen zu rügen, die ohne Zivilcourage wegsahen, wenn Asylantenwohnheime angezündet wurden. Frisch selbst prägte die Bezeichnung vom „Bündnis des Lammes mit dem Wolf“: wegsehen, solange es einen selbst nicht betrifft, und danach verleugnen, dass man den Weltbrand mitverantworten muss.

Über den Autor

Max Frisch wird am 15. Mai 1911 als Sohn eines Architekten in Zürich geboren. Nach dem Gymnasium beginnt er ein Germanistikstudium, bricht es 1934 ab, arbeitet als freier Journalist, u. a. als Sportreporter in Prag, und verfasst Reiseberichte. Er ist vier Jahre mit einer jüdischen Kommilitonin liiert, die er heiraten will, um sie vor Verfolgung zu schützen, sie lehnt jedoch ab. Ab 1936 studiert er in Zürich Architektur, 1940 macht er sein Diplom. Ein Jahr später gründet er ein Architekturbüro und arbeitet gleichzeitig als Schriftsteller. Er heiratet 1942 seine ehemalige Studienkollegin Gertrud (Trudy) Constance von Meyenburg, mit der er drei Kinder hat. 1951 hält sich Frisch für ein Jahr in den USA und in Mexiko auf. 1954 erscheint sein erster Roman: Stiller. Das Buch ist so erfolgreich, dass Frisch sich nun ganz der Schriftstellerei widmen kann. 1955 löst er sein Architekturbüro auf und bereist die USA, Mexiko, Kuba und Arabien. 1958 erhält er den Georg-Büchner-Preis und den Literaturpreis der Stadt Zürich, ein Jahr später wird seine erste Ehe geschieden. 1960 zieht Frisch nach Rom, wo er fünf Jahre lang mit der Schriftstellerin Ingeborg Bachmann zusammenlebt – und die 23-jährige Studentin Marianne Oellers kennen lernt. 1961 wird das Theaterstück Andorra uraufgeführt, ein Gleichnis über die fatale Wirkung von Vorurteilen. 1964 erscheint der Roman Mein Name sei Gantenbein. Im Folgejahr übersiedelt Frisch zurück ins Tessin in die Schweiz. 1966 und 1968 unternimmt er größere Reisen in die UdSSR, 1970 folgt wieder ein längerer USA-Aufenthalt. Inzwischen hat er Marianne Oellers, mit der er jahrelang zusammengelebt hat, geheiratet. 1975 veröffentlicht Frisch die autobiografisch gefärbte Erzählung Montauk. Schweizkritische Schriften wie Wilhelm Tell für die Schule (1971) führen in seiner Heimat zu Widerspruch, in Deutschland findet er mehr Anerkennung. 1976 erhält er den Friedenspreis des Deutschen Buchhandels. Max Frisch stirbt am 4. April 1991 in Zürich an Krebs.

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    F. B. vor 2 Jahren
    Very gut. Nice Buch. It’s really good lesbar. My Deutsch ist nicht very Gut. I cum von England. England is very schön.

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