Zusammenfassung von Billard um halb zehn

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Billard um halb zehn Buchzusammenfassung

Literatur­klassiker

  • Roman
  • Nachkriegszeit

Worum es geht

Literarisch ambitionierte Vergangenheitsbewältigung

Billard um halb zehn ist die mehrere Generationen überspannende Geschichte einer großbürgerlichen kölnischen Familie: vom Beginn des 20. Jahrhunderts über Nazizeit und Zweiten Weltkrieg bis in die Nachkriegszeit. Geboten wird ein Spiegel dieser Epoche – allerdings ein zersplitterter Spiegel, denn Bölls Erzählweise ist alles andere als kontinuierlich. Darin zeigt sich der Einfluss des Amerikaners William Faulkner, des Pioniers der literarischen Moderne. Die Figuren sind teils Nazis, teils Mitläufer und Karrieristen und teils Nazigegner. Das Werk ist stark symbolisch aufgeladen, fast überfrachtet; entsprechend schwierig ist die Lektüre. Dem Leser begegnen zudem für Böll typische Subthemen wie Gesellschafts- und Politikkritik, hier vor allem im Hinblick auf die restaurativen Tendenzen der Adenauer-Zeit. Wie viele andere Werke der 50er-Jahre ist das Buch der sogenannten Trümmerliteratur zuzurechnen; es gilt als Klassiker dieses Genres.

Take-aways

  • Billard um halb zehn ist der literarisch ehrgeizigste Versuch Heinrich Bölls, den Umgang der Deutschen mit der Nazivergangenheit darzustellen.
  • Inhalt: Eine Abtei wird vom Vater, einem Architekten, gebaut, vom Sohn im Krieg gesprengt und unter Beteiligung des Enkels wiederaufgebaut. Die Mitglieder der Familie Fähmel und die Menschen in ihrem Umfeld stellen sich auf ganz unterschiedliche Weise zum Nationalsozialismus. Kurz vor dem Richtfest für die wiedererrichtete Abtei ist dies die zentrale Frage ihrer Existenz.
  • Die Rahmenhandlung vollzieht sich an einem einzigen Tag im Jahr 1958. Rückblenden reichen teilweise Jahrzehnte zurück.
  • Mit seiner diskontinuierlichen Erzählweise, die das Geschehen in nichtchronologische Sequenzen aufsplittert, folgte Böll dem Vorbild William Faulkners.
  • Zentral ist die symbolische Gegenüberstellung von Büffeln (Nazis) und Lämmern (Nichtnazis).
  • Der Aufbau, die Zerstörung und der Wiederaufbau der Abtei Sankt Anton stehen sinnbildlich für die deutsche Geschichte in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts.
  • Billard um halb zehn gehört zur sogenannten Trümmerliteratur, einer Literaturform der deutschen Nachkriegszeit.
  • Böll bringt seine Kritik an den restaurativen Tendenzen der Adenauer-Ära zum Ausdruck.
  • Das Buch stieß sowohl beim Publikum als auch bei der Kritik auf geteiltes Echo.
  • Zitat: „‚Ich werde nicht zur Einweihung kommen‘, dachte Robert, ‚weil ich nicht versöhnt bin (…), nicht versöhnt mit mir und nicht mit dem Geist der Versöhnung (…)‘“
 

Zusammenfassung

Gespräche beim Billard

Dr. Robert Fähmel betreibt als gelernter Architekt ein Büro, dessen Aufgabe strikt auf baustatische Berechnungen und deren Überprüfung beschränkt ist. Er hat die Firma von seinem Vater Heinrich Fähmel geerbt, der allerdings auch entwerfender Architekt war. Grundlage des Baustatikgewerbes ist äußerste Korrektheit und Präzision. Das passt zu Robert Fähmel, der immer makellos gekleidet und überaus höflich ist. Er kommt gemäß seinem präzise geregelten Tagesablauf nur morgens nach dem Kirchgang für eine Stunde ins Büro, um sich von seiner Sekretärin Leonore die ein- und ausgehenden Unterlagen zur Überprüfung und Unterschrift vorlegen zu lassen.

„Nicht ein einziges Mal, wenn sie ihm morgens zwischen halb neun und halb zehn gegenübersaß, hatte sie ihn bei intimen menschlichen Verrichtungen gesehen; beim Essen, beim Trinken; niemals einen Schnupfen an ihm bemerkt (...)“ (über Leonore und Robert, S. 10)

Nach dieser Stunde im Büro spielt Fähmel täglich um halb zehn Billard im nahe gelegenen Nobelhotel „Prinz Heinrich“. Dabei leistet ihm lediglich der hübsche Hotelboy Hugo Gesellschaft. Sie erzählen sich gegenseitig aus ihrem Leben: Robert Fähmel von seiner Jugend während der Nazizeit und von seiner Tätigkeit als Sprengtruppführer bei der Wehrmacht; Hugo von seinem Aufwachsen ohne Eltern und von den Demütigungen in der Schule, die er wegen seines Engelsgesichts über sich ergehen lassen musste.

„(...) wenn ich neben ihr im Bett lag, nachts, hörte ich sie oft murmeln, lange, sanft wie Wasser floss es aus ihrem Mund, stundenlang: wozuwozuwozu ...“ (Heinrich über Johanna, S. 19)

Wenn sich Fähmel im „Prinz Heinrich“ aufhält, ist er nur für ganz wenige Personen erreichbar: für seinen engsten Familienkreis sowie für einen gewissen Herrn Schrella. Am 6. September 1958 taucht im Büro ein sehr eindrucksvoller, mächtig wirkender und Zigarre rauchender Besucher auf: Dr. Nettlinger, möglicherweise ein hoher Ministerialbeamter, angeblich ein Schulkamerad Fähmels. Die überrumpelte Sekretärin Leonore lässt sich Fähmels Billardgeheimnis entlocken. Nettlinger begibt sich ins Hotel, will dringend zu Robert Fähmel vorgelassen werden. Doch der erfahrene Portier Jochen Kuhlgamme lässt sich weder beeindrucken noch bestechen. Erst der herbeigerufene Hoteldirektor führt Nettlinger ins Billardzimmer. Robert Fähmel entweicht jedoch durch einen Seitenausgang.

Familie Fähmel

Kurz nach Nettlinger erscheint, wie häufig am Vormittag, Fähmels 80-jähriger Vater im Büro. Anders als sein sozial gehemmter Sohn plaudert der alte Herr gern mit Leonore und lädt sie sogar für den Abend ins Café Kroner zu seiner Geburtstagsfeier ein. Heinrich Fähmel stammt aus einfachen Verhältnissen. Er hat sich 1907, als 29-Jähriger, gegen alteingesessene Konkurrenten durchgesetzt und einen spektakulären Großauftrag zum Bau der Abtei Sankt Anton im Kissatal erhalten. Dieser Auftrag wurde die Grundlage für seinen Ruhm und Reichtum.

„Der Portier witterte Unheil hinter dieser Gewohnheit, morgens zwischen halb zehn und elf in Gesellschaft immer desselben Boys Billard zu spielen; Unheil oder Laster; gegen Laster gab es einen Schutz: Diskretion (...)“ (S. 25)

Seine Frau Johanna lebt seit den 1940er-Jahren in einer Nervenheilanstalt. Sie stammt aus einer angesehen Notarsfamilie. Die Heirat mit Johanna besiegelte einst Heinrich Fähmels sozialen Aufstieg. Das Ehepaar verlor schon vor dem Ersten Weltkrieg zwei kleine Kinder durch Krankheit; zwei Brüder Johannas fielen im Ersten Weltkrieg; ihr Sohn Otto, Roberts jüngerer Bruder und der einzige Nazi in der Familie, fiel 1942 bei Kiew. Diese Verluste waren zu viel für Johanna. Sie verzweifelte am Sinn des Lebens und fragte wieder und wieder „wozuwozuwozu?“.

„Warum, warum machten sie das mit Schrella, stellten ihm ein Bein, wenn er zur Pause die Treppe hinunterging; er schlug mit dem Kopf auf die stählerne Treppenkante, der Stahlbügel der Brille bohrte sich ins Ohrläppchen und viel zu spät kam Wackes mit dem Erste-Hilfe-Kasten aus dem Lehrerzimmer.“ (S. 52)

Während des Ersten Weltkriegs verteilte Johanna Lebensmittel an Arme. Ihre eigenen Kinder hielt sie knapp. Während der Nazizeit machte sie keinen Hehl aus ihrer Abneigung gegen die Nazis, und im Zweiten Weltkrieg wollte sie unbedingt mit Juden in Transportzügen wegfahren. Um sie vor sich selbst zu schützen, kam sie in das Sanatorium in Denklingen, wo sie nach wie vor lebt.

Lämmer und Büffel

Robert Fähmel, Nettlinger und Schrella waren in den 1930er-Jahren Schul- und Sportkameraden. Schrella stammte aus einfachen Verhältnissen und wurde in der Schule, vor allem beim Sport, körperlich und seelisch gedemütigt. Insbesondere Nettlinger machte sich einen Spaß daraus, Schrella einen Schlagball direkt ins Gesicht zu werfen. Bei einem Schlagballspiel im Juli 1935, an dem Robert und Schrella beteiligt waren und das sie dank eines sehr guten Schlags von Robert gewannen, ging ein Ball unauffindbar verloren. Auf dem Heimweg mussten sich Robert und Schrella vor Nettlinger und seiner Nazibande verstecken.

„(...) Nettlinger erwartete mich vor dem Café Zons; sie brachten mich in die Wilhelmskuhle, schlugen mich mit der Stacheldrahtpeitsche (...)“ (Robert, S. 70)

Später nahm Schrella Robert mit zur Versammlung einer antifaschistischen Widerstandsgruppe. Diese Gruppe bestand aus Leuten, die geschworen hatten, „nie vom Sakrament des Büffels zu essen“. Sie verübten ein dilettantisches Bombenattentat auf den verklemmt schwulen Sportlehrer und Nazianhänger Ben Wackes, der eigentlich Bernhard Wakiera hieß. Das Attentat misslang. Nettlinger beschuldigte Robert, an dem Attentat beteiligt gewesen zu sein, und misshandelte ihn und Schrella mit einer Stacheldrahtpeitsche. Nettlinger war es aber auch, der Robert die Flucht ermöglichte. Robert und Schrella tauchten in Holland unter. Der Bombenwerfer, der 17-jährige Lehrling Ferdinand Progulske, wurde ermordet. Wakiera stieg in der Nazizeit zum Polizeipräsidenten auf. Er herrschte nach Willkür, unter anderem, indem er einen polnischen Kriegsgefangenen, der die Hand gegen ihn erhoben hatte, zum Tod verurteilen ließ. Auch nach dem Krieg gehört er, selbst nach Meinung Nettlingers, zu den „Unbelehrbaren“. Nettlinger selbst ist Demokrat geworden und hat politisch Karriere gemacht.

Im Exil

In ihrem Exil in Holland teilten sich Schrella und Robert Fähmel ein Zimmer. Sie spielten auch oft gemeinsam Billard. Vor ihrer Flucht hatte Robert eine Beziehung zu Schrellas Schwester Edith gehabt. Den gemeinsamen Sohn Joseph zog Edith bis zu Roberts Rückkehr allein auf. In dieser Zeit bat sie Roberts Vater Heinrich um finanzielle Unterstützung, der ihr diese auch gewährte.

„(...) ich brachte es nicht fertig, Nettlinger die Tür zu weisen und diesem Wakiera das Betreten von Ottos Zimmer zu verbieten, sie brachten das Sakrament des Büffels in mein Haus, verwandelten den Jungen, den ich liebte, in einen Fremden, den Kleinen, den ich mit auf Baustellen nahm, mit auf die Gerüste.“ (Heinrich, S. 151)

Robert kehrte nach zwei Jahren nach Deutschland zurück und heiratete Edith. Seine Verwicklung in das Attentat auf Wakiera wurde ihm als Jugendsünde verziehen. Er machte dann während des Zweiten Weltkriegs als Offizier und Fachmann für Sprengungen eine steile Karriere bei den Wehrmachtspionieren. Edith kam 1942 bei einem Fliegerangriff ums Leben. Der stets aufmüpfige Schrella musste Holland wegen einer politischen Dummheit verlassen und ging ins Exil nach England. Robert, der in der Nachkriegszeit ansonsten keinerlei gesellschaftlichen Umgang pflegt und sehr zurückgezogen lebt, betrachtet seinen Schwager Schrella nach wie vor als seinen besten Freund.

Aufräumen im Büro

Bei seinem morgendlichen Besuch im Büro fordert Heinrich Fähmel die Sekretärin Leonore zum Sichten und Aufräumen alter Unterlagen auf. Währenddessen spricht er mit ihr – wieder einmal – über sein früheres Leben. Auch er ist, wie sein Sohn Robert, ein Gewohnheitsmensch, dessen Tag mit Frühstück im Café Kroner beginnt und dann wie ein Uhrwerk abläuft. Obwohl es ihm mittlerweile nicht mehr besonders zusagt, bestellt er jeden Tag Paprikakäse zum Frühstück, weil er das auch an jenem Tag getan hat, als er den Zuschlag für sein erstes Großprojekt erhielt. Der Zuschlag zum Bau der Abtei nach Fähmels Plänen ging auf den seinerzeit ebenfalls noch recht jungen Abt zurück, der ihn gegen Widerstände innerhalb seines Ordens durchdrückte und damit alteingesessene Architekturbüros vergrätzte. Heinrich schildert Leonore die konkreten Abläufe am Tag der Entscheidung über den Wettbewerb und die Stimmung unter den anwesenden konkurrierenden Architekten.

Schrellas Rückkehr

Schrella kehrt erst nach 20 Jahren wieder zurück – just am Vorabend des 6. September 1958. Er wird bei der Einreise nach Deutschland kurz inhaftiert, weil er noch auf alten Nazifahndungslisten steht. Doch durch die Intervention Nettlingers, der ein hoher Ministerialbeamter ist, wird er am nächsten Morgen wieder freigelassen. Nettlinger holt ihn persönlich ab und erzählt ihm, dass er Robert Fähmel am Vormittag im Hotel „Prinz Heinrich“ zu erreichen versucht habe.

Er lädt Schrella zum Mittagessen ins Hotel ein und sie unterhalten sich über die Ereignisse in der Nazizeit, als sie feindlichen Lagern angehörten. Bei seinem Aufbruch nach dem Essen weist Schrella das Hotelpersonal, den Portier Jochen Kuhlgamme und den Boy Hugo an, Robert über seine Anwesenheit in der Stadt zu benachrichtigen. Von Kuhlgamme erfährt Schrella von der geplanten Geburtstagsfeier für Heinrich Fähmel am gleichen Abend im Café Kroner.

Die dritte Generation der Fähmels

Begegnung in Denklingen

Nach dem Tod von Edith hat Robert Fähmel nicht wieder geheiratet. Seine beiden Kinder sind Joseph und die nach Roberts Rückkehr geborene Ruth. Joseph ist mittlerweile 22 Jahre alt. Er hat ebenfalls Architektur studiert und arbeitete bis vor Kurzem am Wiederaufbau der Abtei Sankt Anton mit. Im nächsten Monat soll das Richtfest stattfinden. Das wird von seinem Großvater Heinrich natürlich gern gesehen. Doch kürzlich hat Joseph anhand von zufällig freigelegten Überresten entdeckt, dass sein eigener Vater die Sprengung der Abtei geleitet hat. Darauf kündigte er seine Mitarbeit an deren Wiederaufbau. Er überlegt, den Architektenberuf aufzugeben und wird von Selbstmordgedanken umgetrieben. Er macht sich zum Entsetzen seiner Freundin Marianne einen Spaß daraus, mit dem Auto auf Baustellenabsperrungen zuzurasen, auf die Warnschilder mit den Totenschädeln, und erst unmittelbar davor abzubremsen.// // Robert und Heinrich Fähmel, Sohn und Vater, haben ein sehr distanziertes Verhältnis. Sie treffen sich nach vielen Jahren zu einer Aussprache in der Gaststube des Bahnhofs Denklingen, in dem Ort, wo sich das Sanatorium befindet, in dem Johanna Fähmel immer noch lebt. Während Robert auf seinen Vater wartet, erinnert er sich an das Verhör, dem er als Kriegsgefangener unterzogen wurde. Die amerikanischen Offiziere konnten nicht verstehen, dass Robert den absurden Befehl seines Vorgesetzten, eines offenbar verrückten Generals, ausgeführt hatte, die Abtei so kurz vor Kriegsende noch zu sprengen. Diese Sprengung hatte für die Deutschen keinerlei militärischen Wert, was Robert erkannte. Robert behielt in dem Verhör für sich, dass die Sprengung für ihn ein auch ein Akt persönlicher Rache war, weil er vor Ausbruch des Zweiten Weltkriegs einmal miterlebt hatte, wie einige Mönche der Abtei bei einer Sonnwendfeier Nazilieder gegrölt hatten und weil er des übermäßigen Stolzes des Vaters auf dessen Jugendwerk überdrüssig war. Als er und Otto Kinder waren, wurden allzu oft Sonntagsausflüge zu der Abtei unternommen, auf denen man ihnen die Erbauung immer wieder erklärt hatte.

Die Feier

Joseph, Marianne und Ruth gehen ins Café Kroner, wo sie erfahren, dass die Geburtstagsfeier kurzfristig abgesagt wurde, und zwar von Großmutter Johanna. Sie werden stattdessen ins nahe gelegene Hotel „Prinz Heinrich“ gebeten. Die Inhaber des Cafés sind untröstlich, weil sie für ihren jahrzehntelangen Stammgast Heinrich Fähmel eine Baumkuchen-Nachbildung der Abtei Sankt Anton gebacken haben. Auch die Sekretärin Leonore ist unterwegs ins Hotel und nimmt den Umweg über das Café Kroner. Sie hat einen Brief von einem der Mitarbeiter Robert Fähmels dabei, der darin in alarmierendem Ton auf eine falsche statische Berechnung hinweist.

„Wir hatten ja damals noch keine Ahnung, Robert, dass eine Handbewegung das Leben kosten kann; Wakiera ließ einen polnischen Kriegsgefangenen zum Tode verurteilen, weil er die Hand gegen ihn erhoben hatte; nur die Hand erhoben, nicht mal zugeschlagen hatte der Gefangene.“ (Johanna, S. 167 f.)

Im Hotel unterhält sich Robert unterdessen mit seinem alten Freund Schrella. Da fällt anderswo im Hotel ein Schuss. Johanna Fähmel, Heinrichs geistesgestörte Ehefrau und Roberts Mutter, ist anlässlich der Geburtstagsfeier auch in die Stadt und ins Hotel gekommen. Sie hat soeben von einem Fenster aus auf einen Minister geschossen, der einen zufällig gleichzeitig vor dem Hotel stattfindenden Aufmarsch von Rechtsradikalen begrüßt hat. Ursprünglich wollte sie Nettlinger erschießen, den sie beschuldigt, ihren zweiten Sohn Otto zum Nazi gemacht zu haben.

„Vielleicht hatte er es getan, weil ein halbes Dutzend Mönche damals zur Sonnwendfeier den Kosakenhügel hinaufgezogen waren und dort oben, als das Feuer aufloderte: Es zittern die morschen Knochen angestimmt hatten (...)“ (über Robert, S. 205 f.)

Bei der schließlich doch noch stattfindenden Geburtstagsfeier schätzt Heinrich Fähmel sich glücklich, weil er am gleichen Tag seine Frau zurückerhalten, in Schrella einen Sohn und in Hugo, den Robert adoptiert hat, einen Enkel erhalten hat. Dann schneidet er die vom Café gelieferte Baumkuchen-Abtei an.

Zum Text

Aufbau und Stil

Die äußere Handlung von Billard um halb zehn umfasst nur einen einzigen Tag. Die innere Handlung umspannt drei Generationen einer Architektenfamilie und damit fast 60 Jahre: die Zeit von 1907, als Heinrich Fähmel in Köln ankommt und seinen ersten großen Bauauftrag erhält, bis zu seinem 80. Geburtstag, dem Tag der äußeren Romanhandlung. Die Chronologie ist aufgebrochen. Man liest also keine durchgehende Erzählung, sondern es gibt eine Rahmenhandlung sowie, darin eingewoben, lange, oft monologisierende Rückblenden. Diese sind meist so aufgebaut, dass man zunächst nicht weiß, wer gerade spricht. Zudem ist auch hier die zeitliche Reihenfolge über den Haufen geworfen: Die Rückblenden bieten Erinnerungen aus ganz verschiedenen Lebensphasen der jeweiligen Figur. Es wird sozusagen wiedergegeben, was ihr gerade einfällt. Diese Erzähltechnik ist als Stream of Consciousness bekannt; Böll bezog sich damit auf das Vorbild William Faulkners. Die Ereignisse in den Rückblenden werden aus der Perspektive unterschiedlicher Erzähler wiedergegeben, sodass die gleiche Binnengeschichte einer Rückblendensequenz durchaus mehrmals geschildert wird.

Interpretationsansätze

  • Aufbau, Zerstörung und Wiederaufbau der Abtei Sankt Anton durch verschiedene Angehörige der Familie Fähmel stehen sinnbildlich für die deutsche Geschichte in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts.
  • In der Figur des Robert Fähmel porträtiert Böll den Typus des Mitläufers: In seiner Jugend noch in eine Widerstandsaktion gegen die Nazis verwickelt, wird Robert später deren Funktionsträger und zerstört als solcher sogar das Werk seines Vaters. Er wird als seelenloser Perfektionist dargestellt, mit einem ausgeprägten Sinn für Zahlen und äußerliche Ordnung. Er gehört zur gleichen Generation wie Heinrich Böll, deren Erfahrungen sich in den seinen spiegeln.
  • Überdeutlich ist im Roman die Symbolik von Büffel und Lamm: Die Büffel sind die Nazis, die Lämmer deren Opfer. Die Büffel streben teils auch nach dem Krieg wieder nach Macht, die Lämmer werden als selbstständig denkend und handelnd aufgefasst. Die Gruppe der Büffel umfasst Mitläufer bis hin zu sadistischen Tätern. Böll distanzierte sich später von dieser schematischen Symbolik.
  • Symbol für den restaurativen Wiederaufbau der Bundesrepublik, teilweise sogar in Kontinuität zur NS-Zeit, ist der Wiederaufbau der Abtei „nach alten Plänen“. Böll stand dieser Entwicklung kritisch gegenüber.
  • Nur zwei Figuren stehen für eine optimistische Sicht der Zukunft: Johanna Fähmel, die weder als Jugendliche noch als Erwachsene ein zahmes Lamm ist und die am Ende auf den Minister schießt, der einst ein Nazimitläufer war; sowie der Hotelboy Hugo, der als Kind als „Lamm Gottes“ verspottet wurde und am Ende, aufgrund seiner Adoption, für eine gewaltlose Zukunft der Familie Fähmel steht.
  • Das Billardspiel mit seiner vielfältigen Kombinatorik ist ein Sinnbild für die zersplitterte Erzähltechnik des Buches.

Historischer Hintergrund

Die intellektuelle Szene in der jungen BRD

Die Liste der Teilnehmer des Schriftstellertreffens Gruppe 47 liest sich wie ein komplettes Who’s who der deutschen Nachkriegsliteratur. Wichtig bei den Veranstaltungen der Gruppe 47 waren aber nicht nur die Schriftsteller, sondern auch die eingeladenen Kritiker und Pressevertreter. Zu den bekanntesten dieser Gäste zählen Marcel Reich-Ranicki, Walter Jens, Rudolf Augstein, Joachim Kaiser und Fritz J. Raddatz. Sie alle prägten das geistige Klima und die Themen der Nachkriegszeit entscheidend mit. Aufschlussreich ist aber auch die Liste derjenigen, die nicht zum Umfeld der Gruppe gehörten: unter anderem Thomas Mann, Arno Schmidt, Ernst Jünger, Friedrich Dürrenmatt und Max Frisch. Zu sagen, die Trennlinie zwischen diesen beiden Gruppen verlaufe entlang der politischen Trennlinie zwischen Links und Rechts oder zwischen Konservativ und Liberal, wäre eine unzulässige Vereinfachung. Sicher ist, dass gehobene Sprachkunst im Umfeld der Gruppe 47 zumindest zeitweise einen schwierigen Stand hatte. So fiel beispielsweise Paul Celan bei seiner Lesung 1952 gnadenlos durch.

Im Umfeld der Gruppe 47 wurde sicher keine Gesinnung vorgegeben, aber man wollte doch einen Schlussstrich unter die Vergangenheit ziehen und versuchte, sich von allem abzugrenzen, was irgendwie einen Anklang an die Nazizeit haben könnte. Dementsprechend herrschte eine kritische Grundstimmung gegenüber den restaurativen Tendenzen der Adenauer-Ära, in der viele ehemalige Nazis und Nazimitläufer sowie konservativ Gesinnte das Kommando im Staat, in der Wirtschaft, in der Justiz und an den Universitäten wieder übernommen hatten. Auch das eng mit der Adenauer-Erhard-Ära verbundene Wirtschaftswunder mit seinem Konsumismus und die starke Anlehnung an die USA wurden kritisch gesehen. In der Gesellschaft herrschten noch Autoritätshörigkeit und engherzige, kirchlich geprägte Moralvorstellungen, die sich wenig von der auch in der Nazizeit gängigen bürgerlichen Alltagsmoral unterschieden. Die gegenüber einem solchen Establishment kritische Grundhaltung kristallisierte sich in den intellektuellen Milieus der Zeit.

Entstehung

Aus intellektueller Kritik wurde im Lauf der 1960er-Jahre Protest. Die Tendenz der Protestbewegung war auf jeden Fall politisch zunehmend linksorientiert und verlangte auch nach Engagement. Heinrich Böll geriet in die Rolle des linken Vorzeigeintellektuellen. 1969 schloss er sich einer von Günter Grass gegründeten Wählerinitiative an. Im gleichen Jahr wurde Willy Brandt erstmals zum Kanzler gewählt. 1970 wurde Böll Präsident des deutschen P.E.N.-Clubs.

Nach einer Periode rasch aufeinanderfolgender Veröffentlichungen Anfang der 50er-Jahre ließ Böll sich mit der Niederschrift von Billard um halb zehn etwas Zeit. Er begann damit 1955. Schon 1957 waren die Leser und Kritiker gespannt. Man wusste, dass Böll ein ambitioniertes Manuskript in Arbeit hatte, und hoffte auf einen „Roman des Jahrzehnts“.

Eine der auslösenden Ideen für den Roman war ein Fememord an vier jungen Kommunisten durch rechte Schläger 1934. Böll hatte hierzu ursprünglich eine Kurzgeschichte geplant, baute das Motiv aber dann als Keimzelle in den Roman ein. Ebenfalls einen nachhaltigen Eindruck hinterließ bei Böll der Anblick des Genter Altars der Brüder van Eyck mit seiner komplexen Allegorie des Gotteslamms auf der zentralen Tafel.

Wirkungsgeschichte

Billard um halb zehn erschien 1959, im gleichen Jahr wie Die Blechtrommel von Günter Grass und Mutmaßungen über Jakob von Uwe Johnson. Die Kritik war zwiespältig. Böll wurde als Moralist gelobt, weniger als Erzähler. Die Zeit meinte, Böll habe seine übergroßen literarischen Ambitionen nicht bewältigt. Böll arbeitete in seinen Werken gern und oft mit komplexer Symbolik. Das Vorhaben, einen Bewusstseinsstrom-Roman mit der aus einer älteren Romantradition stammenden überbordenden Symbolik zu kombinieren, erschien manchen als nicht gelungen. Im Übrigen wurde das Buch auch als Auseinandersetzung mit dem Katholizismus gesehen. Böll galt damals als prononciert katholischer Schriftsteller. Sein anschließender Roman Ansichten eines Clowns wurde wegen seiner Kirchenkritik sogar zum Skandalbuch.

Billard um halb zehn, vielleicht als literarischer Neuanfang gedacht, bildet aus heutiger Sicht eher den Abschluss der Trümmerliteratur, zu der Böll zweifellos bedeutende Beiträge geliefert hat. Von da an konnte man ein Nachlassen von Bölls literarischer Produktivität konstatieren. Erst Gruppenbild mit Dame brachte ihn 1971 wieder auf die Höhe seines literarischen Schaffens. Im Jahr danach erhielt er auch den Nobelpreis für Literatur. Billard um halb zehn wurde 1965 durch das Filmemacher-Paar Straub-Huillet verfilmt.

Über den Autor

Heinrich Böll wird am 21. Dezember 1917 in Köln geboren, wo er erst die katholische Volksschule und anschließend das staatliche Gymnasium besucht. Er beginnt eine Ausbildung zum Buchhändler, wird dann jedoch für ein Jahr zum Reichsarbeitsdienst eingezogen. Kurz nach Aufnahme eines Studiums der Germanistik und der klassischen Philologie wird er 1939 in die Wehrmacht einberufen. Im Krieg wird er mehrfach verwundet. Ab 1944 manipuliert Böll seine Krankheits- und Urlaubsscheine, um nicht mehr an die Front zu müssen. 1945 gerät er in amerikanische Kriegsgefangenschaft. Nach seiner Entlassung nimmt er die literarische Arbeit wieder auf und kann 1947 eine erste Erzählung im Rheinischen Merkur veröffentlichen. Buchpublikationen und Rundfunksendungen folgen. In vielen Texten setzt sich Böll mit der NS-Vergangenheit und den gesellschaftlichen Verhältnissen im Deutschland der Nachkriegszeit auseinander. 1951 erhält er den Literaturpreis der Gruppe 47. Bölls kritische Haltung gegenüber der katholischen Kirche in Deutschland schlägt sich in seinem Roman Ansichten eines Clowns nieder, der 1963 erscheint. Ab 1964 hält Böll Vorlesungen an der Goethe-Universität Frankfurt, 1971 wird er zum Vorsitzenden des P.E.N.-Clubs, der internationalen Schriftstellervereinigung, gewählt. 1972, nachdem im Spiegel sein Artikel Will Ulrike Gnade oder freies Geleit? publiziert wurde, in dem er sich für einen fairen Prozess für Ulrike Meinhof einsetzte, wird Böll als RAF-freundlicher „Ziehvater des Terrorismus“ öffentlich verunglimpft. Im gleichen Jahr erhält er den Literaturnobelpreis. 1974 erscheint sein Roman Die verlorene Ehre der Katharina Blum, eines seiner bekanntesten Werke. 1976 tritt er aus der katholischen Kirche aus. In den folgenden Jahren engagiert er sich in der Friedensbewegung. Heinrich Böll stirbt am 16. Juli 1985 in seinem Haus in Langenbroich. An seiner Beerdigung nehmen viele Prominente teil, unter anderem der damalige Bundespräsident Richard von Weizsäcker.


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