Zusammenfassung von Briefe an Lucilius

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Briefe an Lucilius Buchzusammenfassung

Literatur­klassiker

  • Philosophie
  • Römische Antike

Worum es geht

Die Philosophie als Lebenshilfe

Um das Jahr Null vollzog sich im römischen Reich ein großer Umbruch: Aus einer jahrhundertealten Republik wurde in einem Strudel aus Intrigen, Machtkämpfen und Gewaltstreichen das römische Kaiserreich. Während dieser Zeit politischer Instabilität versuchten Philosophen wie Cato, Cicero oder Seneca beruhigend einzuwirken – erfolglos. Am deutlichsten fiel dieses Scheitern bei Seneca aus. Er war Mentor des jungen Kaisers Nero, fiel aber schließlich dem Verfolgungswahn seines Schülers zum Opfer. Ein paar Jahre vor seinem befohlenen Selbstmord, als Seneca bereits aus der Gunst des Tyrannen gefallen war, begann er einen ausgedehnten Briefwechsel mit seinem Freund Lucilius. Zweck der Briefe war die Darstellung und Einweisung in die philosophische Schule der Stoa. Senecas Version des Stoizismus kommt als erfrischend bodenständige Philosophie daher, die wahres Glück, moralische Vollkommenheit und Lebenssinn lehrt. Das geht mit Gesellschaftskritik einher, die durchaus aktuell geblieben ist und die Konsumwahn und egoistische Ausbeutung der Natur anprangert. Ein wirkmächtiges Buch, in dem sich das alltagspraktische Potenzial von Philosophie zeigt.

Take-aways

  • Die Briefe an Lucilius sind ein Hauptwerk des stoischen Philosophen Seneca.
  • Inhalt: Um unserem Leben Sinn und Wert zu verleihen, müssen wir uns in Anspruchslosigkeit üben und zur moralischen Vollkommenheit erziehen. Dazu müssen wir falsche Werte wie Genusssucht oder illusorische Ängste und Hoffnungen aufgeben und uns in Gleichmut üben.
  • Hauptgegenstand der Briefe ist die Suche nach einem moralisch vollkommenen Leben.
  • Seneca bekennt sich zur Stoa, einer philosophischen Schule des alten Griechenlands, die Anspruchslosigkeit, Gleichmut und moralisches Handeln lehrt.
  • Seneca war Mentor des römischen Kaisers Nero und als dessen Günstling einer der reichsten Männer Roms.
  • Er schrieb die Briefe an Lucilius nach seinem Rückzug aus der Politik und unter der drohenden Verurteilung durch Nero, kurz vor seinem Tod.
  • Die Briefsammlung als Darreichungsform philosophischer Lehren war in der Antike sehr populär. Berühmte Beispiele stammen von Platon, Epikur oder Cicero.
  • Senecas pragmatischer Philosophiebegriff hat immer die Veränderung tatsächlicher Lebenspraxis zum Ziel.
  • Die Briefe an Lucilius wurden in Spätmittelalter, Renaissance und früher Neuzeit stark rezipiert und sind daher wesentlich für die abendländische Geistesgeschichte.
  • Zitat: „Wir müssen uns eher auf den Tod als auf das Leben vorbereiten.“
 

Zusammenfassung

Die Philosophie führt uns zur moralischen Vollkommenheit

Wieso sollen wir uns der Philosophie zuwenden? Es ist ja so, dass uns die freien Künste großartige Fertigkeiten und beeindruckende Möglichkeiten lehren. Geometrie, Grammatik oder musikalische Komposition – sie alle verlangen nach Meisterschaft im Denken. Doch was können sie uns in Bezug auf moralische Vollkommenheit beibringen? Nichts. Einzig die Philosophie vermag uns hierüber Auskunft zu geben. Deshalb ist die Philosophie die wichtigste der freien Künste. Alle anderen sind lediglich Vorübungen zu ihr. Architektonische Meisterleistungen oder technologischer Fortschritt sind Leistungen menschlichen Scharfsinns und Ergebnisse unseres Überdrusses an der Natur – in unserer Suche nach Weisheit haben sie uns jedoch nicht geholfen. Dass wir leben, ist ein Geschenk der Götter. Richtig leben zu lernen, ist jedoch ein Geschenk der Philosophie. Daher ist die Philosophie höher zu achten als das Leben. Dieses ist uns durch die Geburt gegeben. Ein moralisch vollkommenes Leben müssen wir uns dagegen hart erarbeiten.

„Wie es einen großen Unterschied gibt zwischen Habsucht und Geld, weil jene begehrt, dieses begehrt wird, so auch zwischen Philosophie und Weisheit. Diese nämlich ist das Ergebnis und ihre Belohnung; jene ist unterwegs, diese ist das Ziel der Reise.“ (S. 396)

Schon Sokrates verlangte, dass wir zuerst uns selbst erkennen, bevor wir die Natur und die Welt erforschen. Daher fordern wir von der Philosophie nicht modische, aber sinnleere Wortklaubereien, sondern wohlüberlegte und klare Wegweisungen zu einer Moral, die uns in unserer Lebenspraxis etwas nützt. Philosophie soll nicht unterhalten, sondern Unglücklichen und Leidenden mit Rat zur Seite stehen und sie heilen. Wenn etwa die platonische Schule über das „Sein des Seienden“ fabuliert, so ist das für uns letztlich nichts als Unterhaltung. Zwar eine gute, weil sie uns belehrt und nicht verblödet, aber für unsere Lebensführung völlig wertlos. Philosophie darf nicht zum bloßen Nachbeten von Zitaten einzelner Autoritäten werden, sondern sollte ein Handeln ermöglichen, das aus sich selbst heraus richtig und nicht von Vorbildern abhängig ist. Für den Stoiker ist Philosophie vor allem Moralphilosophie. Sie soll uns helfen, ein Leben im Angesicht des allzeit drohenden Todes zu führen, und sie soll uns Wege zur moralischen Vollkommenheit aufzeigen.

„Wir müssen uns eher auf den Tod als auf das Leben vorbereiten.“ (S. 204)

Nach Reichtum, Erfolg und Schönheit zu streben, ist sinnlos

Viele Menschen verbringen ihre Zeit damit, Geld, Ansehen oder Luxusgüter anzuhäufen oder hektisch durch die Welt zu reisen. Doch das sind letztlich bloß verschiedene Wege, um den Geist zu beunruhigen und ihn haltlos zu machen – die schlimmste Krankheit, die unser Gemüt befallen kann. Reisen hält uns im Bann stets neuer und unbekannter Orte. Doch wirklich durchdringen können wir sie gar nicht, weil wir bereits weiterhetzen. Auch unsere eigenen Probleme bekommen wir so nicht in den Blick, wenn wir ständig uns selbst davonlaufen. Eine ruhige und kontinuierliche Lebensführung dagegen erlaubt uns, uns selbst zu erforschen und zu erziehen. Das Streben nach Gütern und Luxus ist sinnlos. Denn weder Erfolg noch Reichtum, weder Schönheit noch Stärke halten der Vergänglichkeit und der Zeit stand. Wir erhalten sie aufgrund äußerlicher Zufälle und verlieren sie ebenso. Außerdem ist Gott selbst weder schön noch reich. Wenn wir also wie Gott werden, brauchen wir uns gar nicht um Äußerlichkeiten bemühen. Im Leben gibt es nur einen einzigen festen Wert: Vertrauen zu sich selbst. Wir erreichen es durch einen ausgeglichenen Lebenswandel und die Erziehung unseres Geistes, denn der Geist ist das göttliche Element in unserem menschlichen Körper.

„Nichts möchte ich Dir daher lieber empfehlen als (…) alles nach den natürlichen Bedürfnissen zu messen, deren Befriedigung kostenlos ist oder billig (…)“ (S. 619)

Weder Gott noch die Natur verlangen von uns mühevolle Arbeit und das Anhäufen von Reichtum. Für all unsere Bedürfnisse hat die Natur gesorgt: Wenn wir Durst empfinden, brauchen wir nur Wasser zu trinken, und er vergeht. Dass wir darüber hinaus edle Getränke aus goldenen Bechern trinken, ist reiner Luxus und überflüssig. Wir sollten der Natur gemäß leben und auch unser Hab und Gut auf das Maß der Natur beschränken. Denn alles Streben nach Reichtum, äußerlichem Erfolg oder Schönheit ist eine sichere Quelle des Unglücks. Diese Dinge machen nie zufrieden, sondern fordern immer mehr Geld, Erfolg oder Schönheit. Ehrgeiz und Genusssucht sind Lebensweisen, die zwar vielen Menschen als Lebenszweck erscheinen. Sie versprechen Befriedigung und Ruhe, doch in Wirklichkeit sind es Genüsse, die uns nach der Sättigung hungrig und unbefriedigt zurücklassen – wie ein Getränk, das unseren Durst nicht stillt, sondern uns mit jedem Schluck durstiger werden lässt. So bleibt der Reiche trotz seines Geldes durstig nach mehr Geld – und er bleibt unglücklich. Der Reiche hat seinen Reichtum nicht. Vielmehr hat der Reichtum ihn: Er hat vom Reichen Besitz ergriffen, wie ein bösartiges Fieber den Kranken befällt und im Griff hält.

Moralische Vollkommenheit ist das höchste Gut

Viele Philosophen behaupten, es gebe eine Hierarchie der Güter. Sie behaupten etwa, Freude sei ein höheres Gut als tapfer ertragene Folter oder Krankheit. Doch für uns Stoiker sind alle diese Güter gleichwertig und einem einzigen höchsten Gut untergeordnet. Der moralisch Vollkommene wird ebenso moralisch vollkommen sein, wenn er Freude empfindet, wie wenn er Folter erleidet. Moralische Vollkommenheit ist nicht steigerbar, sie kann nicht erweitert oder verringert werden. Sie ist von äußeren Umständen unabhängig. Ob ein Mensch reich oder arm ist, krank und hässlich oder schön und gesund, ändert nichts an seiner moralischen Vollkommenheit bzw. Mangelhaftigkeit. Natürlich suchen wir Menschen Freude und meiden Schmerz. Doch Freude oder Leiden sind wie Folter oder Reichtum rein körperliche Güter, die vom Zufall abhängen. Sie können vermehrt oder vermindert werden und sind deshalb Scheingüter gegenüber der unbedingten und vollkommenen Moralität.

„Jeder, der sich Zufälligem hingibt, schafft sich einen gewaltigen und unentwirrbaren Stoff für Beunruhigung: Der einzige Weg für einen, der auf sicheren Boden gelangen will, ist der, Äußerliches zu verachten und mit dem sittlich Vollkommenen zufrieden zu sein.“ (S. 272)

Affekte, Begierden und Leidenschaften sind körperlich, wir empfinden sie in unserem Gemüt, in unserem Magen und in unserem Herzen. Liebe und Hass, Freude und Trauer beeinflussen unsere Körperhaltung und Mimik, unsere Muskelspannung und Verhaltensmuster. Da sie uns antreiben und in uns wirken, sind sie körperlich. Tugenden wie Laster sind gleichermaßen körperlich: Weisheit und moralische Vollkommenheit ebenso wie Habsucht und Grausamkeit. Alle Emotionen haben einen natürlichen Ursprung in unserem Körper, sie dienen der Lust und der Selbsterhaltung. Doch sie haben einen problematischen Hang zur Maßlosigkeit und dazu, reiner Selbstzweck zu werden. Daher müssen wir unsere Begierden und Leidenschaften zügeln. Der Weise strebt maximale Selbstkontrolle an: Ob Liebe zu oder Angst vor einem anderen Menschen – er hütet sich vor beiden und versucht, sie gleichermaßen auf Distanz zu halten. Nun meinen die meisten, zu solch einer Leistung seien sie gar nicht fähig. Hinter dieser Behauptung steckt aber, dass sie ihre Laster lieben und insgeheim an ihnen festhalten wollen. Hätten diese Menschen genug Selbstvertrauen und guten Willen, würde ihnen die Verbannung ihrer Laster gelingen.

Edle Vorbilder und Anspruchslosigkeit sind Wegweiser für richtiges Handeln

Mit Blick auf das richtige Handeln ist die Absicht wichtig, nicht das Ergebnis. Wie für den Künstler das Malen wertvoller ist als das Gemälde, so ist auch für den Weisen das moralische Tun wertvoller als dessen Konsequenz. Er wird eine moralisch gute Handlung trotz aller Mühen, Gefahren oder Nachteile vollziehen, eine moralisch schlechte Handlung aber weder für Ruhm, Geld oder Macht. Wir sollten stets so denken und handeln, als ob uns ein strenger Aufpasser oder ein weiser Berater über die Schulter sieht und uns beurteilt. Denn Böses denken und tun wir Menschen immer dann, wenn wir uns unbeobachtet, allein und sicher fühlen. Am besten wählt man sich ein edles Vorbild wie Cato, Scipio oder Epikur und macht sich regelmäßig bewusst, dass sie einen beobachten. Ihre Anwesenheit wird einen nicht nur von Bösem abhalten, sondern auch nach und nach zu einem edlen und weisen Menschen machen. Ihr Vorbild weist den Weg zur moralischen Vollkommenheit.

Ein anderer Weg dorthin ist Anspruchslosigkeit: das Wissen um die Vergänglichkeit aller äußerlichen Güter, das uns zum Rückzug auf die Naturnotwendigkeiten veranlasst. Das Stillen von Hunger und Durst oder der Schutz vor Kälte ist immer möglich und durch leichte Mittel zu erzielen. Anspruchslosigkeit ist der eigentliche Reichtum. Damit ist übrigens keineswegs gemeint, dass wir stillos oder schäbig herumlaufen, dass wir arm oder hässlich werden sollen. Doch wir sollten die Pflege unseres Körpers auf das Nötigste reduzieren; die Pflege unseres Geistes ist viel wichtiger. Mehrere Tage pro Monat sollte man fasten, auf allen Luxus verzichten und nur von Wasser und billigstem Brot leben. Dadurch lernt man, auf Reichtum zu verzichten und Armut nicht als Bedrohung zu sehen.

„Ich bin größer und zu Größerem geschaffen, als Sklave meines Körpers zu sein, den ich jedenfalls nicht anders anschaue als irgendeine Fessel, die meiner Freiheit angelegt ist. (…) Verachtung des eigenen Körpers bedeutet sichere Freiheit.“ (S. 218)

Demut schützt den Philosophen vor Gewalt

Wir sind unseren eigenen Schwächen gegenüber blind und müssen sie mühsam abschütteln, um Schritt für Schritt Moralität zu erlernen. Demut ist daher das wichtigste Ziel des Weisen. Außerdem muss er sich drei Hauptübeln gegenüber bewähren: Krankheit, Armut und Gewalt. Die letzte Gefahr, etwa von Mächtigen oder einem wütenden Mob angegriffen zu werden, ist am dringlichsten. Daher sollte der Weise unter allen Umständen Aufsehen vermeiden. Außerdem darf er weder Hass, Missgunst noch Verachtung der anderen auf sich ziehen. Dazu gelangt man durch die Philosophie. Jeder, der sie unaufgeregt und insgeheim ausübt, wird seinen Mitmenschen als heilig gelten und daher vor ihren gewalttätigen Übergriffen sicher sein.

Wahre Freude kommt aus unserem Inneren

Bei jeder Arbeit, jeder Mühe müssen wir prüfen, ob sie wirklich unumgänglich ist – oder ob wir sie frei gewählt haben. Viele beklagen die Mühen ihres Karriereweges und die Risiken ihrer Geldgeschäfte oder sorgen sich um ihre Beziehungen. Doch sie alle leiden an selbst gewählten Hoffnungen und Idealen. Um frei und glücklich zu werden, müssten diese Menschen einfach nur ihre selbst gewählte Knechtschaft aufgeben. Sich von äußeren Umständen, von der Meinung anderer oder vom Zufall abhängig zu machen, bringt niemandem Glück. Stoiker sind keineswegs Feinde der Freude. Ganz im Gegenteil: Sie streben danach, jeden Tag so viel Freude zu empfinden wie möglich. Es soll jedoch wahre Freude sein, die aus dem Inneren kommt und nachhaltig und dauerhaft wirkt – nicht die oberflächliche Belustigung der breiten Masse. Dauerhafte Freude entstammt einem guten Gewissen, einem ruhigen und gleichmäßigen Lebenswandel und dem richtigen Handeln. Alle Genüsse sollten in Maßen genossen werden, denn Übermaß schadet anderen und uns selbst. Zunächst überflüssige Luxusgüter werden durch Gewöhnung plötzlich unentbehrlich und machen uns abhängig. Wahre Freude besteht einzig in der Erhebung der Seele durch innere Güter und Wahrheiten. Was wir im Alltag oft als Freude bezeichnen – etwa Liebe oder Weingenuss – ist nicht eigentliches Glück, weil es einerseits nicht dauerhaft ist und andererseits schnell zur Quelle von Unglück werden kann.

Der Weise lebt für sich und fürchtet den Tod nicht

Die Essenz von Weisheit ist die Übereinstimmung von Wort und Tat: Unsere Handlungen sollten unserer Rede entsprechen. Unser Leben sollte auf festen Überzeugungen beruhen, dann stimmen wir jederzeit mit uns selbst überein. Der Weise ist zunächst einer, der es versteht zu leben – und zwar für sich zu leben. Er hat sich frei gemacht von Ängsten, Illusionen und Abhängigkeiten. Denn die Quelle unseres Unglücks sind kaum reale Verluste, sondern unsere Angst vor einem möglichen Verlust. Der Weise stirbt so, wie er geboren wurde: frei von allen eingebildeten Sorgen. Gut sterben heißt gern sterben. Nichts geschieht dem Weisen gegen seinen Willen, denn er arrangiert sich mit allem, was ihm zustößt, und akzeptiert es als notwendig.

Was uns Menschen von den Tieren unterscheidet, ist die Vernunft. Sie ist unsere Bestimmung und unsere Natur, unabhängig davon, ob wir Sklave oder Kaiser sind. Sie zur Vollkommenheit auszubauen und damit unserer Natur gemäß zu leben, ist der Sinn des Lebens. Freilich sind die tatsächlich Weisen äußerst selten. Wie der Phönix werden sie nur alle 500 Jahre geboren. Dennoch weisen sie uns die Richtung. Denn nur Weisheit kann uns wahre und dauerhafte Freude bescheren.

Zum Text

Aufbau und Stil

Die überlieferte Fassung der Briefe an Lucilius besteht aus 124 Briefen, die ungleichmäßig auf 20 Bücher verteilt sind. Weder die Briefe noch die Bücher sind mit Titeln überschrieben. Die Briefform war zu Senecas Zeit eine etablierte Literaturform, Beispiele reichen von den Briefen Platons und Epikurs bis zu Ciceros beliebter Sammlung Briefe an Atticus. Bei diesen literarischen Briefsammlungen handelt es sich weniger um einen tatsächlichen, intimen und autobiografischen Briefverkehr als um philosophisch-belehrende Briefe. Das Privatleben der Absender nimmt nur eine Nebenrolle ein, die Antwortschreiben der Empfänger sind üblicherweise gar nicht in den Sammlungen enthalten. Auch die Briefe an Lucilius beziehen sich kaum spezifisch auf Lucilius. In ihnen spricht Seneca ganz allgemein als Lehrer für ein breites Publikum. Seine Briefe behandeln philosophische Fragen der Lebensführung, des moralischen Handelns und der ethischen Geisteshaltung. Sie schließen nur selten thematisch aneinander an und dürften wohl auch nur bedingt direkt auf Briefe von Lucilius antworten. Da es sich also weniger um einen echten, chronologischen Briefwechsel handelt als vielmehr um ein literarisches Werk, stellt sich die Frage, ob und inwiefern Seneca die Briefe kompositorisch angeordnet hat. Eindeutig sichtbar ist eine Entwicklung von eher kurzen und einfachen Briefen, die stets mit knappen Deutungen eines Epikur-Zitats enden, hin zu immer komplexeren, längeren und anspruchsvolleren Briefen in den letzten Büchern. Die Frage der Anordnung ist für die Interpretation wichtig, wird aber wohl nie ganz geklärt werden können. Denn wir wissen, dass die Sammlung ursprünglich mindestens zwei Bücher mehr umfasst hat. Wie viele Briefe aber verloren gegangen sind, ist unklar.

Interpretationsansätze

  • Seneca gehört der philosophischen Schule der Stoa an. In seinen Briefen bezeichnet er sich wiederholt als Verteidiger der Stoa gegenüber anderen Schulen wie dem Epikureismus oder Platonismus. Seneca zählt neben Marc Aurel und Epiktet zu den wichtigsten Vertretern der jüngeren Stoa, die ihre Wirkung während der römischen Kaiserzeit entfaltete.
  • Senecas philosophischer Ansatz ähnelt dem modernen Pragmatismus. Anstelle ausgeklügelter Argumente und weltfremder Spekulation hat er stets ausschließlich den konkreten Nutzen der Philosophie für ein gutes und glückliches Leben im Auge.
  • Senecas philosophische Ausführungen weisen starke autobiografische Einflüsse auf. Die Erfahrung der Verbannung und noch stärker das drohende Todesurteil durch Nero beeinflussen Senecas asketische Haltung der Abkehr von äußeren Umständen, des Rückzugs aus der Öffentlichkeit und der rein innerlichen moralischen Wahrheit.
  • Den damaligen Lebensumständen entsprechend ist ein ausgeprägtes Todesbewusstsein zum Dreh- und Angelpunkt des Stoizismus nach Seneca. Schon der erste Brief widmet sich der Vergänglichkeit und Kürze des Lebens und auch in den restlichen Büchern bildet die Allgegenwart des Todes eine thematische Konstante.
  • Innerhalb der römisch-antiken Welt bildet Senecas Egalitarismus eine Ausnahme. Während die griechische wie die römische Gesellschaft sehr stark von Hierarchien etwa zwischen Griechen und Barbaren oder Bürgern und Sklaven orientiert war, plädiert Seneca für die Gleichheit aller Menschen, unabhängig von ihrer Herkunft oder sozialen Klasse.
  • Senecas Briefe belegen die hohe Anschlussfähigkeit der Stoa an das Christentum. Senecas geradezu mönchische Werte wie Anspruchslosigkeit, Lossagung von körperlichen Genüssen und Streben nach sittlicher Vollkommenheit fanden tatsächlich im römischen Urchristentum starken Zuspruch.

Historischer Hintergrund

Das Ende der römischen Republik

Im letzten vorchristlichen Jahrhundert vollzog sich eine wesentliche Veränderung des römischen Reichs hinsichtlich der Staatsform: Aus der jahrhundertealten Republik wurde nach politischen Turbulenzen und Bürgerkriegen ein Kaiserreich, das vor allem in seiner Entstehungsphase vorwiegend von Despoten geführt wurde. 60 v. Chr. bildete sich das sogenannte erste Triumvirat aus Gaius Iulius Caesar, Gnaeus Pompeius Magnus und Marcus Licinius Crassus – drei erfolgreichen Heerführern und eiskalten Machtpolitikern, die sich verbündeten, um den römischen Senat schrittweise zu entmachten. Eine Zeit politischer Instabilität begann. Den zahllosen Intrigen und brutalen Machtkämpfen fielen nacheinander alle Triumvirn zum Opfer. Nach der Ermordung Caesars 44 v. Chr. bildeten Octavian, Marcus Antonius und Marcus Lepidus ein zweites Triumvirat, dem es ähnlich erging. Der einzige Unterschied war, dass Octavian das allgemeine Gemetzel überlebte: 27 v. Chr. begann mit seiner Ausrufung zum Prinzeps eine neue, monarchische Herrschaftsform. Octavian trug fortan den Ehrennamen Augustus.

In dieser Phase des Umbruchs versuchten die römischen Philosophen und Literaten, sich stärker in die Politik einzubringen – allerdings stets zu ihrem Nachteil. Cato und Cicero, zwei Verteidiger der Republik, fielen dem römischen Bürgerkrieg zum Opfer. Ovid wurde aus Rom verbannt und starb in Tomis am Schwarzen Meer.

Entstehung

Aus seiner Verbannung nach Korsika, wo Seneca den Briefwechsel als literarische Form und die Stoa als philosophische Schule für sich entdeckte, wurde er 54 n. Chr. durch Agrippina, die Gattin des Kaisers Claudius, nach Rom zurückgeholt und zum Lehrer und Mentor ihres Sohnes Nero gemacht. Als Claudius starb, leitete Seneca gemeinsam mit dem Prätorianerpräfekten Sextus Afranius Burrus für eine Weile die Regierungsgeschäfte für den minderjährigen Thronfolger. Doch als Nero 59 n. Chr. seine Mutter ermordete und immer stärker dem Größenwahn verfiel, wurde klar, dass Seneca allen mäßigenden Einfluss auf den jungen Kaiser verloren hatte. Auch wenn Nero die beiden Pensionierungsgesuche Senecas in den Jahren 62 und 64 n. Chr. ablehnte, zog sich Seneca weitgehend aus den Geschehnissen am Hof zurück. Er verbrachte seine Zeit in Rom oder auf seinen Landgütern und begann, sein philosophisches Werk zu schreiben. Dass er beim paranoiden Herrscher in Ungnade gefallen war und dass Nero über Leichen ging, war Seneca klar. Dass seine philosophische Ethik in der Praxis kolossal gescheitert war, schmerzte ihn.

Die Briefe an Lucilius entstanden zwischen Dezember 62 und Herbst 64 n. Chr., also kurz vor Senecas Tod. Parallel dazu arbeitete er an seinen Naturwissenschaftlichen Untersuchungen. In seinem Briefwechsel mit Gaius Lucilius ging es hingegen ganz um die sinnvolle Einrichtung des Lebens, um die Suche nach dem wahren Glück und die Erlangung moralischer Vollkommenheit durch Unabhängigkeit von äußeren Umständen, materiellen Gütern oder der Meinung der Öffentlichkeit. Senecas Briefpartner war – wie Seneca selbst – Mitglied des Ritterstands und Prokurator der Provinz Sizilien. Die beiden Männer waren bereits jahrelang befreundet, und da Lucilius etwa zehn Jahre jünger war, nahm ihr Briefwechsel den Charakter einer Lehrer-Schüler-Unterweisung an.

Wirkungsgeschichte

Bereits kurz nach seinem Tod galt Seneca als einer der wichtigsten Schriftsteller der römischen Kultur – stilistisch wie philosophisch. Gegen Ende des römischen Reichs wurde er insbesondere von den frühen christlichen Autoren wie Tertullian oder Lactantius wohlwollend rezipiert. An dieser Nähe zwischen Christentum und Stoizismus sollte sich in der weiteren Geistesgeschichte nicht mehr viel ändern. Die Briefe an Lucilius sind einer der wichtigsten erhaltenen Texte der Stoa und eines der wenigen Werke der lateinischen Literatur, die nicht erst in der Renaissance wiederentdeckt wurden, sondern auch nach dem Zerfall des römischen Reichs bekannt blieben. Diese Konstanz in der Wirkungsgeschichte machte die Briefe Senecas neben jenen Ciceros zum Grundstock der aufkommenden Bibliotheken und Universitäten Europas und zu einer bedeutenden Alternative zur kirchlich-monastischen Ethik.

Lange Zeit wurden die Briefe an Lucilius nicht als Einheit, sondern in zwei oder sogar drei unabhängigen Sammlungen tradiert. Die ältesten erhaltenen Manuskripte datieren aus dem neunten Jahrhundert, erst ab dem zwölften Jahrhundert wurden alle Briefe als Einheit erfasst und 1475 erstmals abgedruckt. Erasmus von Rotterdam veröffentlichte sie 1529 erneut, Michel de Montaigne nahm sie als Vorbild für seine berühmten Essais und Justus Lipsius adaptierte sie in seinem Neostoizismus. Bis zu den Aufklärern Denis Diderot, Jean-Jacques Rousseau und Edward Gibbon reichte Senecas Einfluss, danach verblasste seine Wirkmacht im europäischen Denken. In der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts kam es in Philosophie und Literaturwissenschaft jedoch zu einer Wiederentdeckung Senecas.

Über den Autor

Lucius Annaeus Seneca wird um das Jahr 1 n. Chr. in Cordoba, damals Hauptstadt der römischen Provinz Baetica, geboren. Er stammt aus einem wohlhabenden Elternhaus, sein Vater ist ein angesehener Rhetoriker. Senecas Ausbildung in Rom ist umfangreich. Nach einem längeren Aufenthalt in Ägypten aus gesundheitlichen Gründen wird er im Jahr 31 in Rom Quästor und erarbeitet sich in der Regierungszeit von Kaiser Tiberius einigen Ruhm. Nach dessen Tod verbannt dessen Nachfolger Claudius Seneca für acht Jahre auf die Insel Korsika. Grund ist der von Claudius’ Frau Messalina erhobene Vorwurf eines Ehebruchs von Seneca mit einer Rivalin Messalinas am Hof. Claudius’ zweite Frau Agrippina holt Seneca aus der Verbannung nach Rom zurück und macht ihn zum Lehrer ihres Sohnes Nero. Als dieser im Alter von 17 Jahren Kaiser wird, ist Seneca einer der mächtigsten Männer im Staat. Der Beginn von Neros Regentschaft geht als „glückliches Jahrfünft“ in die Geschichte ein. Gemeinsam mit Sextus Afranius Burrus, dem Leiter der Prätorianergarde, verwaltet Seneca das Reich und wird dabei zu einem der reichsten Männer Roms. Er ist weithin geachtet und verfasst eine Reihe philosophischer Dialoge und Briefe, die der griechischen Schule der Stoiker verpflichtet sind. Zudem schreibt er die einzigen heute noch vollständig erhaltenen Tragödien der römischen Antike. In ihnen entwickelt er seine stoische Philosophie am Beispiel griechischer Charaktere wie Ödipus, Medea oder Herkules. Nach der von Nero befohlenen Ermordung Agrippinas, in die Seneca verwickelt gewesen sein soll, zieht er sich Stück für Stück aus dem politischen Leben zurück und verfasst sein Spätwerk, unter anderem naturwissenschaftliche Betrachtungen. Im Zuge der Pisonischen Verschwörung gegen Nero wird Seneca des Verrats beschuldigt und vom Kaiser zum Selbstmord aufgefordert. Seneca fügt sich in sein Schicksal und stirbt von eigener Hand im Jahr 65 n. Chr.


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