Zusammenfassung von Das andere Geschlecht

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Das andere Geschlecht Buchzusammenfassung

Literatur­klassiker

  • Philosophie
  • Nachkriegszeit

Worum es geht

Die Geburt des modernen Feminismus

Simone de Beauvoir war eine der bekanntesten Philosophinnen im Frankreich der Nachkriegszeit. Gemeinsam mit ihrem Partner Jean-Paul Sartre verkörperte sie die intellektuelle Strömung des Existenzialismus. Diesem blieb de Beauvoir in ihrer philosophischen Arbeit stets eng verbunden. Doch in ihrem Frausein entdeckte sie um 1947 eine bis dahin nur unzureichend untersuchte Eigenschaft, die es nun zu analysieren galt. In kaum mehr als einem einzigen Jahr schrieb sie das fast 1000 Seiten starke Buch Das andere Geschlecht, in dem sie die kulturelle Situation und die subjektive Erfahrungswelt der Frau behandelte. Ihre schonungslose Analyse löste bei Erscheinen 1949 einen Skandal aus. Die französische Gesellschaft, gleich welchen politischen Lagers, war noch nicht bereit, offen über selbstbestimmte Sexualität und gleichberechtigte Geschlechterrollen zu diskutieren. In dieser Hinsicht hat Das andere Geschlecht Standards gesetzt. Prominente Feministinnen sowie die gesamten Gender Studies berufen sich auf dieses Buch, das als eines der Hauptwerke der Frauenbefreiung gilt.

Take-aways

  • Das andere Geschlecht gilt als das philosophische Hauptwerk der französischen Philosophin Simone de Beauvoir.
  • Inhalt: Seit Urzeiten gilt der Mann als Norm. Die Frau wird an ihm gemessen und als das Unterlegene, das Unwesentliche oder das Andere des Mannes betrachtet. Doch der passive Charakter der Frau ist nicht biologisch, sondern sozial begründet und wird ihr von Kindheit an anerzogen.
  • Das 1949 erschienene Buch wurde zum Standardwerk der zweiten Welle des Feminismus.
  • Seine Veröffentlichung löste einen Skandal aus.
  • Das über 900 Seiten starke Werk gilt noch heute als Grundlagenwerk für Feminismus und Gender Studies.
  • De Beauvoir stützt ihre Thesen auf biologische, psychologische und ethnologische Forschungsliteratur.
  • In Frankreich und in den USA wurde Das andere Geschlecht ein Verkaufsschlager.
  • Simone de Beauvoir und ihr Partner, der Philosoph Jean-Paul Sartre, waren in Frankreich die philosophischen Stars der Nachkriegszeit.
  • Sartres Existenzialismus prägte de Beauvoirs feministische Arbeit.
  • Zitat: „Man kommt nicht als Frau zur Welt, man wird es.“

Zusammenfassung

Was ist eine Frau?

Von Frauen wird überall erwartet, dass sie sich wie Frauen benehmen. Ob sie diesem Standard genügen, darüber urteilt die ganze Gesellschaft. Doch was ist eine Frau? Was ist ihr Wesen? Seltsamerweise wird diese Frage nur in Bezug auf Frauen gestellt. Kein Mann würde jemals auf die Idee kommen, sich als Mann zu rechtfertigen. In vielen Sprachen ist sogar das Wort für „Mann“ mit dem für „Mensch“ identisch. Der Mann ist stets der Normalfall. An ihm wird die Frau gemessen. In Bezug auf ihn ist sie nur das Andere, meist das Mangelhafte und Unwesentliche. Hierin ist die Position der Frau vergleichbar mit der Position der Juden, der Sklaven oder der Schwarzen. Doch anders als bei diesen, hat sich die Unterdrückung der Frauen nicht historisch entwickelt, sondern war durch die ganze Geschichte hindurch konstant. Auch leisten die Frauen kaum Widerstand – unter anderem, weil das Verhältnis zwischen Mann und Frau weitaus komplexer ist als etwa das zwischen einem Sklaven und seinem Herrn.

Doch wie und weshalb ist die Frau überhaupt zum Anderen des Mannes geworden? Und wie kann es ihr gelingen, wieder unabhängig und selbstbestimmt zu werden?

„Daher müssen die biologischen Gegebenheiten im Licht eines ontologischen, ökonomischen, sozialen und psychologischen Zusammenhangs untersucht werden.“ (S. 62)

Oft wird die Unterordnung der Frau biologisch gerechtfertigt: Frauen seien eben schwächer als Männer. Tatsächlich aber tritt die Geschlechterdifferenz in der Natur erst bei sehr hoch entwickelten Säugetieren deutlich hervor. Auffällig ist dabei, wie stark die Frau durch ihren Körper von sich selbst entfremdet ist: Menstruation und Schwangerschaft, also das Leben der Spezies, drängen sich ins Leben der Frau und bestimmen ihren Alltag. Doch so wichtig diese biologischen Fakten sind, erklären sie nicht, wieso die Frau als das Andere des Mannes gewertet wird. Werte und Meinungen sind immer gesellschaftlicher Natur. Hier können Psychoanalyse und historischer Materialismus helfen. Sie lehren, dass alle physischen Faktoren unterschiedlich gedeutet werden können, nämlich sozial, ökonomisch, psychologisch oder historisch.

Die Geschichte der Frau

In den Gesellschaften der Urzeit waren die Männer aktiv: Sie jagten, erfanden Werkzeuge, trotzten Gefahren, führten Kriege. Die Frauen dagegen blieben passiv: Sie gebaren Kinder und kochten. Die Männer gestalteten die Welt und schufen Werte, während die Frauen einfach nur die Art fortpflanzten. Als die Menschen sesshaft wurden und anfingen, Ackerbau zu betreiben, wurden Frauen wichtiger. In sesshaften Gesellschaften sind Eigentum und Erbschaft bedeutsam – Kinder sind dazu der Schlüssel. Doch auch hier waren die Frauen von Beginn an stets dem Anderen zugehörig: Sie wurden als Göttinnen betrachtet oder als Quelle des Bösen in die Unterwelt verbannt. In beiden Fällen blieben sie vom Mann bestimmt. Ab der Bronzezeit verschärfte sich dieses Narrativ, da die Männer nun Werkzeuge erfanden, Technik entwickelten und aktiv die Natur gestalteten. Alle zivilisierten Gesellschaften sind patriarchal geordnet. Frauen sind darin Eigentum des Mannes und bleiben selbst besitzlos.

„(…) die gesamte Geschichte der Frauen wurde von Männern gemacht.“ (S. 179)

Im antiken Griechenland wurden die Frauen zu Hause eingesperrt und streng überwacht, während die Männer polygam lebten. Im Christentum wurde die Frau zur Quelle der Sünde, zum Inbegriff fleischlicher Versuchung. Allerdings sind die Männer auch auf die Frauen angewiesen: ohne sie stürbe die Menschheit aus, indem sie Kinder austragen, sichern sie die männliche Erbfolge. Hierin steht ihnen ein positives Rollenbild offen – insofern sie sich den Männern unterwerfen. Dann werden sie zum „tugendsamen Weib“, wie es sich schon in der Bibel findet.

Je stärker das Bürgertum gesellschaftlich dominierte, desto weniger Rechte wurden den Frauen zugestanden. Den Höhepunkt bildet das 19. Jahrhundert. Erst die industrielle Revolution und der Klassenkampf der Arbeiterklasse beförderten eine Emanzipation der Frau. Zum ersten Mal seit der Vorzeit durften Frauen wieder arbeiten. Allerdings wurden sie viel schlechter bezahlt und stärker ausgebeutet als Männer. Nach und nach eroberten sie sich jedoch Rechte: Sie durften am öffentlichen Leben teilnehmen und Karriere machen. Doch nach wie vor sollen Frauen primär Hausfrau und Mutter sein. Nach wie vor definieren sie sich so, wie die Männer sie haben wollen.

Der Mythos des Weiblichen

Die Frau als das Andere ist mythisch aufgeladen. Im Laufe der Geschichte wurde sie immer wieder zum Gegenstand religiöser Verehrung. Es gibt viele verschiedene Figuren des Anderen. Zentral ist jedoch, dass die Frau immer nur in der Position des Anderen gesetzt bleibt. Damit ist sie seit Urzeiten in eine Grauzone, in einen mythischen Nebel getaucht, der zutiefst ambivalent ist: Frauen sind das absolut Andere, die Natur, aber eben auch Menschen. Sie sind böse, aber auch überlebensnotwendig. Der Mann sucht ihre Anerkennung und Zustimmung, gleichzeitig sollen sie rein passive Beute seiner Verführungskünste sein.

Frauen sind vor allem eine Projektionsfläche für die Wünsche und Ängste von Männern. Daher bleiben sie immer mehrdeutig, stets Mutter und Hure in einem, anziehend und zugleich verdächtig. Für Männer ist es seit jeher wichtig, gegen die Natur zu rebellieren: Sie wollen ihre Existenz ganz aus sich selbst heraus schaffen. Daher verachten sie das Weibliche, denn es erinnert sie an ihre eigene Fleischlichkeit.

„(…) jeder zum Thema Frau aufgebaute Mythos erhebt den Anspruch, sie vollständig zu erfassen (…): Die Folge ist, dass es eine Vielzahl von unvereinbaren Mythen gibt und dass die Männer grüblerisch vor den sonderbaren Inkohärenzen in der Idee der Weiblichkeit stehen.“ (S. 319)

Überall in der Literatur findet man mythisch aufgeladene Beschreibungen der Frau. Ob sie wie bei Montherlant als minderwertig oder wie bei Claudel oder Breton positiv komplex dargestellt wird – stets ist ihre Funktion dieselbe: Frauen sind einzig dazu da, Männern ihr Wesen und Potenzial zu erschließen, indem sie ihnen als Anderes dienen, von dem sie sich abgrenzen können. Jedes dieser Beschreibungen will das Weibliche als Ganzes bestimmen. Da es jedoch mehrere weibliche Archetypen gibt, widersprechen die Beschreibungen einander. Daraus entsteht der populärste Mythos über die Frau: Sie sei ein Geheimnis. Auch heute noch bleibt die Frau in der mythischen Ambivalenz gefangen: Im Privaten soll sie geheimnisvoll und anders bleiben, in der Öffentlichkeit aber oder im Beruf soll sie selbstbestimmt wie ein Mann auftreten – eine unmögliche Forderung, von der sich die Frauen noch befreien müssen.

Wie man eine Frau wird

Das gesellschaftliche Bild der Frau entbehrt einer biologischen Grundlage. Geschaffen wird es durch die Forderungen, Erwartungen und Urteile, mit denen eine männlich geprägte Gesellschaft der Frau begegnet. Wie wird man also eine Frau? Als Kinder unterscheiden sind Mädchen und Jungen kaum voneinander. Sie sehen einander ähnlich und spielen die gleichen Spiele. Doch die Erwachsenen begegnen den Kindern unterschiedlich: Während sie dem Penis des Jungen mit Wohlwollen und Anerkennung begegnen, behandeln sie die Geschlechtsorgane des Mädchens mit Herablassung. Jungen können ihren Penis greifen und als Spielzeug benutzen, sich in ihm teilweise entfremden und sich so auch durch ihn verkörpern. Mädchen können das nicht, sie müssen sich über ein passives Objekt, etwa über eine Puppe, verkörpern.

Die wesentliche Eigenschaft einer Frau, ihre Passivität, wird ihr aktiv anerzogen. Frauen und Mädchen müssen Hausarbeit verrichten, dürfen keinen Sport üben, sollen sich schon früh für den männlichen Blick angenehm kleiden und frisieren.

„Man kommt nicht als Frau zur Welt, man wird es. Keine biologische, psychische oder ökonomische Bestimmung legt die Gestalt fest, die der weibliche Mensch in der Gesellschaft annimmt.“ (S. 334)

Bis zur Pubertät erleben sich Mädchen durchaus als autonomes Subjekt. Doch das Frauwerden widerfährt ihnen wie ein unerwartetes Ereignis. Sie empfinden es als gewalttätigen Übergriff. Die monatliche Menstruation bricht wie ein Fluch über sie herein. Der als schmerzhaft erwarteten Entjungferung blicken sie mit Angst entgegen. Während Jungen mit ihrer Sexualität experimentieren dürfen, werden Mädchen streng überwacht und lernen, sich für ihre Sexualität zu schämen. Häufig fügen sich pubertierende Mädchen auch selbst Schaden zu. Das tun sie, um sich einerseits auf die mit dem Sex verbundenen Schmerzen vorzubereiten, und andererseits, weil ihnen als Frau keine Form des aktiven Protests gegen die kommende Ohnmacht offensteht. Ein Grundproblem der weiblichen Sexualität bleibt, dass die Selbstaufgabe der Frau durch keinen starken, konkreten sexuellen Genuss belohnt wird. Ein klarer Abschluss des Begehrens wie die Ejakulation des Mannes fehlt der Frau.

Die Rollen der Frau

Der weibliche Charakter wird durch die Geschichte hindurch mit bemerkenswerter Gleichförmigkeit beschrieben: Frauen gelten etwa als hinterlistig, unmoralisch, ohne Sinn für Schönheit oder Wahrheit. Diese Konstanz liegt darin begründet, dass sich die Situation der Frauen kaum verändert hat. Frauen haben keine eigene Identität. Nur hier finden sie Achtung und Anerkennung, gleichzeitig lehnen sie diese aber auch ab und möchten eine eigene Frauenwelt entwerfen. Ein Weg dazu ist die Homosexualität. Lesbische Frauen stehen Männern meist feindselig gegenüber und meinen, nur mit Frauen Wesen und Glück der Weiblichkeit erreichen zu können.

Ehefrauen sind heute unabhängiger als früher, doch nach wie vor sind sie von ihrem Mann stärker abhängig als der von ihnen. Die traditionellen Vorstellungen von der Ehe sind tief verwurzelt: Die Ehe sei ein Dienst am Mann, der Mann Herr und Gebieter. Dass Frauen in der Ehe mehr Autonomie erhalten, liegt auch im Interesse der Männer: Wo diese ihren Frauen Selbstverwirklichung versagen und ihr Tätigkeitsfeld auf den Haushalt beschränken, werden die Frauen eben zynisch und bösartig.

„Es ist (…) absurd, (…) durch Vergleiche entscheiden zu wollen, ob die Frau dem Mann überlegen, unterlegen oder ebenbürtig ist: Ihre Situationen sind grundverschieden.“ (S. 780)

Es ist sinnlos, vom Mann an sich oder von der Frau an sich zu reden oder sie zu vergleichen. Auch sind ihre Situationen grundverschieden. Männer und Frauen verfügen über gleich viel Freiheit. Doch für Frauen besteht Freiheit einzig darin, ihre unfreie Situation in einer von Männern gemachten Welt abzulehnen und zu bekämpfen. Diese Befreiung kann nur kollektiv und ökonomisch geschehen. Individuelle Befreiungsversuche sind zum Scheitern verurteilt. So versucht die Narzisstin, sich zum Mittelpunkt der Welt zu machen, was nicht selten im Verfolgungswahn endet. Sie will sich als Frau zum Selbstzweck machen und bleibt abhängig vom Urteil anderer. Die Liebende und die Mystikerin hingegen versuchen, an der männlichen Autonomie teilzuhaben, indem sie sich einem Mann oder einem als Mann gedachten Gott völlig unterwerfen.

Die unabhängige Frau

Frauen haben viele bürgerliche Freiheiten erhalten: Sie dürfen wählen und sind nicht mehr zum Gehorsam in der Ehe verpflichtet. Doch ohne wirtschaftliche Unabhängigkeit ist das zu wenig. Noch immer müssen Frauen sich in einer männlichen Welt behaupten. Ihre beruflichen Möglichkeiten sind begrenzt, meist bleiben sie finanziell von Männern abhängig. Echte Freiheit und gleichberechtigte Arbeit können Frauen nur im Sozialismus erreichen.

Auch in der Sexualität steht Frauen dieselbe Freiheit zu wie dem Mann. Noch ist ihre Sexualität männlich dominiert: Egal wie intelligent oder unabhängig sie sind, sie bleiben passive Beute. Noch immer haben es Männer leichter, ihre sexuellen Vorstellungen auszuleben. Sexualität sollte zu einer völlig gleichberechtigten, freien Interaktion werden. Frauen wie Männer sollten deshalb aufhören, in Kategorien wie Eroberung oder Niederlage, Dominanz und Unterlegenheit zu denken.

„(…) erst wenn die Versklavung der einen Hälfte der Menschheit (…) einmal abgeschafft ist, wird die ‚Unterteilung‘ der Menschheit ihre authentische Bedeutung offenbaren, wird das von zwei Menschen gebildete Paar seine wahre Gestalt finden.“ (S. 899)

In beruflicher Hinsicht müssen Frauen ihren Minderwertigkeitskomplex überwinden: Sie stehen sich noch selbst im Weg, glauben nicht genug an sich und sind bereits mit mittelmäßigen Erfolgen zufrieden. Männer wiederum müssen akzeptieren, dass Frauen ab nun auf Augenhöhe mit ihnen leben wollen. Das zu akzeptieren, fällt vielen Männern schwer. Sie würden Frauen lieber weiterhin als Untergebene behandeln und ihre Privilegien genießen.

Dass die Frau vom Mann unterworfen wurde, war ein notwendiger Teil der Kulturgeschichte, doch hätte diese Entwicklung auch in einer Zusammenarbeit der Geschlechter enden können. Dass das nicht passiert ist, daran ist der Nutzen schuld, den der Mann aus dem Dasein eines Anderen gewonnen hat. Der wichtigste Aspekt der Befreiung der Frauen ist sicherlich der wirtschaftliche. Doch damit die Emanzipation Erfolg hat, müssen sich auch die Werte und Denkmuster unserer Kultur verändern. Das bedeutet nicht, dass es zwischen Frau und Mann keinerlei Unterschiede mehr gäbe.

Zum Text

Aufbau und Stil

Das andere Geschlecht erschien ursprünglich in zwei Einzelbänden. Diese Zweiteilung findet sich auch in allen neueren Ausgaben. Der erste Teil widmet sich Fakten und Mythen zum Wesen der Frau. Hier bespricht und interpretiert de Beauvoir biologische, soziologische und psychologische Forschungsergebnisse zum Thema Körper und Geist der Frau. Dabei zeigt sie vor allem auf, wie wenig das „Wesen“ der Frau natürlich vorgegeben ist und wie stark es dagegen durch den Mann geformt wurde. Außerdem stellt die Autorin eine Kulturgeschichte der Frau seit der Urzeit vor und analysiert die Rolle der Frau in Mythos und Religion. Der zweite Teil ist fast doppelt so lang wie der erste und mit „Gelebte Erfahrung“ überschrieben. Während der erste Teil eher theoretisch ist, nimmt der zweite teils eine autobiografische Perspektive ein. Er untersucht die Sozialisation der Frau. Das letzte Kapitel mit dem Titel „Die unabhängige Frau“ enthält de Beauvoirs Vorstellungen von der emanzipierten Frau und rief besonders heftige Reaktionen hervor. De Beauvoirs Stil ist einerseits stark durch die Philosophie geprägt; sie schreibt wissenschaftlich und scheut keine theoretischen Exkurse. Gleichzeitig schafft sie es, anschaulich zu bleiben. Für eine philosophische Lektüre liest sich Das andere Geschlecht verhältnismäßig einprägsam.

Interpretationsansätze

  • De Beauvoirs Buch ist durch den Existenzialismus beeinflusst. Auch der philosophische Einfluss ihres Mannes Jean-Paul Sartre wird deutlich. De Beauvoir übernimmt die existenzialistische Grundthese, der Mensch könne sich auf keine vorgegebene Natur berufen und müsse sich in radikaler Freiheit eine eigene Identität entwerfen.
  • Der theoretische Feminismus ist der andere Haupteinfluss. De Beauvoir beruft sich auf bekannte Feministinnen wie Virginia Woolf oder Olympe de Gouges und stellt die Frage der Frauenemanzipation ins Zentrum ihrer Studie.
  • Methodologisch orientiert sich das Buch an der Phänomenologie. Diese philosophische Schule meint, objektiv-wissenschaftliche Beschreibungen könnten nicht die volle Wahrheit eines Phänomens einfangen und sollten daher um Beschreibungen subjektiver Innenwahrnehmung ergänzt werden.
  • Teils argumentiert das Buch biologistisch. De Beauvoir leitet aus körperlichen Eigenschaften der Frau bestimmte psychische Dispositionen des Frauseins ab, womit sie aber ihrer existenzialistischen Grundüberzeugung widerspricht.

Historischer Hintergrund

Frankreichs Vierte Republik

Wie ganz Europa lag Frankreich am Ende des Zweiten Weltkriegs wirtschaftlich am Boden. Im Herbst 1945 gründete eine provisorische Regierung die Vierte Republik. Das Besondere an dieser Regierung war, dass sie fast die gesamte politische Bandbreite Frankreichs abbildete – und dass diese Mischung für ein paar Jahre recht gut harmonierte. In ihr waren Kommunisten, Sozialisten und Christdemokraten vertreten. Der im August 1944 inoffiziell eingesetzte Regierungschef Charles de Gaulle blieb im Amt und trug als Gesicht der Résistance viel zur Einigung Frankreichs bei. Die Regierung baute das Sozialsystem aus, verstaatliche Banken, Kraftwerke und Mobilitätsunternehmen. Diese französische Variante des New Deal ruhte auf einer breiten politischen Basis und ihre Maßnahmen verbesserten das Leben der Bevölkerung. Doch die politische Einhelligkeit verflog schließlich doch. Vor allem de Gaulle machte aus den Christdemokraten eine Partei der konservativ-nationalistischen Rechten. Die Dreiparteienregierung zerbrach 1947. Bis zur Auflösung der Vierten Republik 1958 wurde Frankreich nur mehr von äußerst instabilen Regierungskoalitionen geführt. Während die französische Politik bereits relativ säkular war, blieben christliche Werte in der Gesellschaft tief verwurzelt. Die Vierte Republik war sehr konservativ, Frauen wurden als Mütter und Köchinnen geradezu verehrt, alleinerziehende oder berufstätige Frauen hingegen verachtet und diskriminiert.

Entstehung

1947 begann Simone de Beauvoir eine umfangreiche Studie über die Frau vorzubereiten. Dazu soll sie ihr Lebenspartner Jean-Paul Sartre angeregt haben. Eifrig sammelte de Beauvoir in der Pariser Nationalbibliothek wissenschaftliche Studien aus Bereichen wie Biologie, Soziologie oder Ethnologie. Sie las sich in religiöse und mythologische Texte ein, interviewte Frauen aus ihrem Umfeld und tauschte sich mit Intellektuellen wie Jacques Lacan oder Claude Levi-Strauss aus. Während einer Lesetour durch die USA 1947 studierte sie die Rolle der Frauen in Amerika – und kam zum Schluss, dass amerikanische Frauen viel prüder und konservativer waren als französische. Innerhalb von nur 14 Monaten schloss sie ihre Studie ab. Und das, obwohl sie privat eine schwierige Zeit durchmachte: Einerseits war de Beauvoir schwer gekränkt und eifersüchtig, weil Sartre seiner jüngsten Affäre übermäßig viel Zeit widmete. Andererseits hatte sie selbst im Frühjahr 1947 den Schriftsteller Nelson Algren kennen und lieben gelernt. Allerdings behielt ihre Treue zu Sartre die Oberhand: De Beauvoir lehnte einen Heiratsantrag Algrens ab und passte die Beziehung zu diesem streng den Bedürfnissen und Zeitplänen Sartres an.

Wirkungsgeschichte

Das andere Geschlecht erschien 1949 beim renommierten Verlag Gallimard unter dem Originaltitel Le Deuxième Sexe. Erste Vorabdrucke in der Zeitschrift Les Temps Modernes hatten 1948 einen enormen Skandal ausgelöst. Die konservative und fromme Öffentlichkeit sah in de Beauvoirs Buch eine Provokation. Die Autorin hatte es gewagt, die heiligen Kühe des Bürgertums anzugreifen: die Ehe, das Verbot von Verhütung oder Abtreibung und natürlich die unterwürfige Rolle der Frau als Hausfrau und Mutter. Der Vatikan, Spanien und die Sowjetunion setzten Das andere Geschlecht auf die schwarze Liste. Passanten beschimpften de Beauvoir auf offener Straße, alte Weggefährten wie Albert Camus in Rezensionen. Selbst die kommunistische Linke verurteilte das Buch: Es sei zu bürgerlich und dekadent. Dennoch wurde Das andere Geschlecht zum Verkaufsschlager. Allein in der ersten Woche gingen 20 000 Exemplare über den Ladentisch. Schon 1951 erschien eine deutsche, 1953 eine englische Übersetzung. Anders als in Frankreich wurde das Buch in den USA ernsthaft debattiert – wenn auch nicht immer positiv. Die Kritik betonte vor allem einen Mangel an Wissenschaftlichkeit. De Beauvoir vermische Definitionen und Wertungen. Das breite Publikum war hier gnädiger. Hausfrauen, Intellektuelle und Psychologen schrieben de Beauvoir, um ihr für die aufrüttelnde Kampfschrift zu danken. In den folgenden Jahrzehnten wurde klar, wie wegweisend Das andere Geschlecht war. Im Zuge der zweiten Welle der internationalen Frauenbewegung ab 1968 wurde es zur Bibel des Feminismus. Feministinnen wie Alice Schwarzer oder Kate Millett beriefen sich auf de Beauvoir. 1974, zum 25. Erscheinungsjubiläum des Buches, widmete die Zeitschrift L’Arc de Beauvoir eine Sondernummer. 1984 produzierte Josée Dayan eine vierteilige Fernsehreihe über die Situation der Frauen, die sie Le deuxième sexe betitelte, und in der neben de Beauvoir viele andere Feministinnen zu Wort kamen. Freilich gab es auch von feministischer Seite Kritik, nicht zuletzt an de Beauvoirs unterwürfiger Rolle gegenüber Sartre. Noch heute gilt Das andere Geschlecht als Grundlagenwerk der feministischen Theorie und der Gender Studies.

Über den Autor

Simone Lucie Ernestine Marie Bertrand de Beauvoir wird am 9. Januar 1908 in Paris geboren und wächst wohlbehütet in einer bürgerlichen Familie auf. Während ihres Philosophiestudiums lernt sie 1929 Jean-Paul Sartre kennen, mit dem sie für den Rest ihres Lebens eine überaus enge, aber auch konfliktreiche Arbeits- und Liebesbeziehung verbinden wird. Nach dem Zweiten Weltkrieg wird sie – gemeinsam mit Sartre – zum Aushängeschild des Existenzialismus, der intellektuellen Modeströmung Frankreichs. Das Paar gründet die Zeitschrift Les Temps Modernes und veröffentlicht existenzialistische Literatur. De Beauvoirs erste drei Bücher werden zu durchschlagenden Erfolgen: der Roman Sie kam und blieb (L’invitée, 1943), ihre Sammlung philosophischer Essays Soll man de Sade verbrennen? (Pyrrhus und Cineas, 1944) sowie der Résistance-Roman Das Blut der anderen (Le Sang des autres, 1945). 1949 löst sie mit dem feministischen Werk Das andere Geschlecht einen Skandal aus. De Beauvoir reist viel und landet 1954 mit Die Mandarins von Paris (Les Mandarins) ihren größten Erfolg: Der Roman wird mit dem renommierten Prix Goncourt ausgezeichnet. Während der 1960er-Jahre wird de Beauvoir an der Seite Sartres zu einer der führenden politischen Intellektuellen Frankreichs. Sie verfasst eine vierteilige Autobiografie und veröffentlicht 1970 den Essay Das Alter (La Vieillesse). Zu dieser Zeit beginnt sie, sich auch politisch für die Sache des Feminismus zu engagieren. Sie gründet und unterstützt zahlreiche Initiativen und Organisationen für Frauenrechte. Am 14. April 1986 stirbt sie an den Folgen einer Leberzirrhose.

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