Zusammenfassung von Das Buch der Beispiele

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Das Buch der Beispiele Buchzusammenfassung

Literatur­klassiker

  • Geschichte
  • Mittelalter

Worum es geht

Der große Denker des arabischen Mittelalters

Ibn Khaldūn, der große Historiograf und Denker der mittelalterlichen arabischen Welt, leistet mit seinem Buch der Beispiele nichts weniger, als dass er die Geschichtsschreibung in den Rang einer Wissenschaft hebt. Lange vor Machiavelli beschreibt er die Mechanismen von Machteroberung und -erhalt und ruft mit ʿumrān, dem Studium der menschlichen Kultur, eine neue Disziplin ins Leben. Der weit gereiste und umfassend gebildete Jurist, Diplomat und Politiker beschreibt aus privilegierter Perspektive die nomadischen und sesshaften Kulturen Nordafrikas. Er legt sein Augenmerk nicht auf die offizielle Geschichte von Siegern und Machthabern, sondern zeigt die menschlichen Lebensweisen in ihrer ganzen Vielschichtigkeit. Im 14. Jahrhundert verfügte dieser Universalgelehrte bereits über ein auch aus heutiger Sicht beeindruckendes Wissen. In einer Epoche, da die Kulturräume Europas, Nordafrikas und der arabischen Welt von Zersetzung bedroht sind, ist Ibn Khaldūns Konzept der ʿasabīya, der einigenden Kraft innerhalb einer ethnischen Gruppe, alles andere als von gestern. Nicht zuletzt ist seine Wertschätzung des fruchtbaren kulturellen Klimas im Irak und in Syrien angesichts der Zerstörung dieser einst so blühenden Zivilisationen herzzerreißend.

Take-aways

  • Das Buch der Beispiele ist ein Monumentalwerk mittelalterlicher arabischer Geschichtsschreibung.
  • Inhalt: Das Studium der Geschichte der menschlichen Kultur liefert grundlegende Erkenntnis über das Entstehen und Vergehen von Zivilisationen. Nomadisches und sesshaftes Leben sind natürliche Kulturstufen. Macht ist regelmäßigen Zyklen unterworfen. Die Triebkraft hinter historischen Prozessen ist die ʿasabīya, das Zusammengehörigkeitsgefühl eines Stammes.
  • Nur der erste Band der Universalgeschichte Das Buch der Beispiele, die Muqaddima (Einführung), ist ins Deutsche übersetzt.
  • Ibn Khaldūn stand als Diplomat im Dienst der wichtigsten Herrscherhäuser seiner Zeit und kannte sich in Nordafrika bestens aus.
  • Er war einer der letzten Vertreter der rationalen islamischen Wissenschaftstradition, die seit dem zwölften Jahrhundert im Niedergang begriffen war.
  • Kein anderer Autor bietet so breites und fundiertes Wissen über die arabische Welt des Mittelalters.
  • Ibn Khaldūn arbeitet betont empirisch und gilt als Urvater der Soziologie.
  • Im 19. Jahrhundert wurde sein Werk für Kolonialisten wie auch für Reformpolitiker interessant.
  • Arabische Intellektuelle identifizieren sich stolz mit ihrem Vorläufer.
  • Zitat: „Ich hob den Schleier von den Zuständen, die sich in den Zeitaltern ändern.“
 

Über den Autor

Ibn Khaldūn kommt am 27. Mai 1332 in Tunis zur Welt. Er entstammt einem Clan mit Wurzeln in Andalusien, der im Zuge der christlichen Reconquista nach Nordafrika, auf das Gebiet des heutigen Tunesiens und östlichen Algeriens, zurückwich. Der Spross einer privilegierten Familie wird in Koranlehre, Jus, Philosophie, Mathematik und Logik ausgebildet. Bei der Pestepidemie 1348/49 sterben seine Eltern. Ibn Khaldūn geht nach Fez, wo er zehn Jahre bleibt und sein Studium mit verschiedenen öffentlichen Ämtern kombiniert. Mit nur 20 Jahren erhält er als Siegelbewahrer am Hof der Hafsiden Einblick in Regierungsgeschäfte. 1363 geht er an den Hof der Nasriden nach Granada. Muhammad V. beauftragt ihn wenig später, als Unterhändler einen Frieden mit Peter dem Grausamen von Kastilien auszuhandeln. Ibn Khaldūn schließt die Aufgabe erfolgreich ab und geht schließlich nach Nordafrika. Hier hat er intensiven Kontakt zu Nomaden. Die Einleitung (Muqaddima) zu seinem Hauptwerk, dem Buch der Beispiele, schreibt der Universalgelehrte 1377 im freiwilligen Exil im Fort Qalʿat Ibn Salāma. Zurück in Tunis, beendet er das Gesamtwerk. Er gerät in Konflikt mit den Machthabern und nutzt eine Pilgerfahrt nach Mekka als Vorwand, sich 1382 in Kairo niederzulassen; das Schiff, das seine Familie nachbringt, geht unter. Ibn Khaldūn wird Hochschullehrer. Auch wird er als Vertreter der malikitischen Rechtsschule zum Oberrichter in Kairo ernannt. Seine letzte Mission als Diplomat führt ihn nach Damaskus, wo er erneut Friedensverhandlungen führt: mit keinem Geringeren als dem mongolischen Eroberer Timur Lenk, der im Begriff steht, die Stadt zu erobern. Ibn Khaldūn stirbt am 17. März 1406 in Kairo.

 

Zusammenfassung

ʿasabīya, der soziale Kitt für Geschichte und Gesellschaft

Geschichtsschreibung ist eine universelle Wissenschaft, die von Menschen aller Völker, Generationen und Stände betrieben wird. Oberflächlich betrachtet ist sie nichts weiter als die Darstellung wichtiger Ereignisse nebst Ableitung von Lehren aus der Vergangenheit. In Wahrheit jedoch bietet sie tiefe Erkenntnis über den Lauf der Welt und das Wesen der Menschheit. Sie lässt das Gestern lebendig und verständlich werden, das das Heute bedingt und geprägt hat. Es kursiert jedoch viel historischer Unsinn – zum Beispiel die unwahrscheinliche Vertreibung der Seeungeheuer durch Alexander den Großen –, und der Wille zur Quellenkritik ist spärlich. Diese Muqaddima, das erste von drei Büchern, erforscht die kulturellen und zivilisatorischen Kreisläufe menschlicher Kultur, konkret jene der Araber und Berber im Maghreb. Zum Wesen einer Zivilisation zählen die Lebensweise und Herrschaftsform, die Art des Broterwerbs und die Wissenschaften. Kultur entsteht im Zusammenschluss der Menschen; das Zusammengehörigkeitsgefühl eines Stammes (ʿasabīya) ist dafür zentral.

„Doch innerlich besehen, besteht die Geschichte aus philosophischer Einsicht und kritischer Prüfung, aus genauer Begründung aller Dinge und ihrer Grundlagen sowie tiefem Wissen um das Wie und Warum der Geschehnisse. Deshalb ist sie fest in philosophischer Weisheit verwurzelt, wert und würdig, zu deren Wissenschaften zu gehören.“ (S. 30)

Die Geschichtsschreibung gibt wiederum Auskunft über das kulturelle Leben solcher Zusammenschlüsse. Die menschliche Kultur ist ihr Gegenstand, und ihr Fokus liegt auf der Vielzahl der Formen, die das menschliche Miteinander über Zeiten und Räume annimmt. Der Mensch unterscheidet sich vom Tier durch drei Charakteristika: erstens durch sein Denken, dem unter anderem die Fähigkeit zur Wissenschaft entspringt; zweitens durch seine Sehnsucht nach einer starken, zügelnden und kontrollierenden Macht; und drittens durch gezieltes und systematisches Wirtschaften zum Zweck des Lebensunterhalts. Diese drei Faktoren tragen zum Entstehen der spezifisch menschlichen Kultur (ʿumrān) bei. Ob diese eine nomadische oder eine sesshafte ist, ist zweitrangig, denn für alle Menschen gilt gleichermaßen die Notwendigkeit, dass sie sich zwecks Ernährung und Verteidigung mit anderen Menschen zusammenschließen. Indem die Menschen auf diese Weise gemeinsam das Überleben der Gattung sichern, verwirklichen sich auch die Weisheit und der Wunsch Allahs, mit den Menschen die Erde zu bevölkern.

Klimazonen formen die Mentalität der Menschen

Je nach der Klimazone, in der sie leben, unterscheiden sich die Menschen in ihrer Mentalität. Die Welt lässt sich von Norden nach Süden in sieben Landstriche einteilen: Harmonisch, gar vollkommen sind und leben die Bewohner der drei mittleren, gemäßigten Zonen. Zu ihnen zählen unter anderem die Völker des Maghreb, des Jemen, Indiens, Chinas, Griechenlands, Galliens und Roms. Im Irak und in Syrien herrscht das ausgeglichenste Klima: Diese Länder bieten ideale Bedingungen für menschliche Kultur und bilden deren Zentrum. Ein heiteres Wesen ist Ausdruck eines „animalischen Lebensgeistes“, der sich bei wärmeren Temperaturen ausbreitet, während Traurigkeit aus der Verdichtung dieses Lebensgeistes infolge kühlerer Bedingungen entsteht.

„Der Satan der Lüge wird mit der Flamme philosophischer Einsicht befehdet.“ (S. 31)

Je nachdem wie sie ihren Lebensunterhalt verdienen, unterscheiden sich die Menschen in Nomaden und Sesshafte. Die nomadische Lebensweise setzt den Fokus auf die Deckung der Grundbedürfnisse. Wohlstand über dieses Minimum hinaus führt zu Sesshaftigkeit. Die Menschen leben nun in Städten und erfreuen sich wachsender Bequemlichkeit. Die Städter differenzieren sich über ihre Kleidung, die Architektur ihrer Häuser, die Qualität ihrer Güter, die Raffinesse ihrer Küche, während die Nomaden in Lebensweise und Ansprüchen beschränkt und einfach sind. Sesshafte und Nomaden sind naturgegebene Gruppen und voneinander abhängig. Das Nomadentum ist älter und archaischer als das städtische Leben, doch ohne diese Kultur im offenen Land hätten sich die Städte niemals entwickeln können. Nomaden neigen mehr dem Guten zu, da ihre Seelen noch näher am Urzustand sind, während die Städter durch die Vielzahl der Einflüsse und die zersetzende Wirkung eines Lebens im Luxus eher verdorben sind. Das sesshafte Leben stellt den Höhepunkt der menschlichen Entwicklungsstufen dar und ist doch zugleich der Beginn des Niedergangs, da die Bequemlichkeit dieses Lebens korrumpiert und verweichlicht.

Die Araber sind ein Stamm von Räubern und Banditen

Nomaden müssen notgedrungen auf sich selbst vertrauen. Sie führen stets Waffen, sind mutig und tapfer und bleiben auch nachts wachsam. Ihre Widerstandskraft schwindet jedoch in dem Maße, wie sie sich den Normen der Stadtbewohner unterordnen. Die wildeste Gruppe stellen die Kamelzüchter dar, die zwar Weideflächen in Ebene und Hochland nutzen, sich mit ihren Tieren aber immer wieder in die Wüste zurückziehen. Verglichen mit der Zivilisation der Sesshaften sind sie in Lebensweise und Mentalität wie wilde Tiere. Zu ihnen zählen die nomadischen Berber und Araber. Sie herrschen im flachen Land, wo sie auf wenig Gegenwehr stoßen, dringen aber niemals in die schwer zu erobernden Gebirgsregionen vor. Sie decken ihre täglichen Bedürfnisse durch Raubzüge und verschwinden dann in die Wüste. Ihre zerstörerische Macht treibt ganze Zivilisationen in den Ruin. Wo sie einfallen, profitieren sie von den vorhandenen Gütern, kümmern sich jedoch nicht um gesellschaftliche Ordnung, sodass die Unterworfenen in Anarchie gestürzt werden. Beispiele für solchen Kulturverfall sind Syrien, Jemen und das Perserreich.

Nur Stämme mit starkem Zusammenhalt überleben

Was in den Städten durch staatliche Herrscher geregelt und durch Mauern geschützt wird, leisten im offenen Land die Stammesoberen durch ihre Autorität und einigende Kraft. Die Lagerplätze müssen die Stammesmitglieder selbst schützen, Motivation und Kampfgeist ziehen sie aus der ʿasabīya. Dies ist die Grundlage: Der Mensch ist zum Kampf geboren, doch ohne den stärkenden Einfluss der ʿasabīya besitzt er keine Widerstandskraft. Nomadische Gemeinschaften werden durch Blutsbande und Bündnisse ebenso wie durch sozialen Druck zusammengehalten. Endpunkt aller Wandlungen und Entwicklungen der verschiedenen Stämme ist das Königtum. Ebenso wie es innerhalb der Stämme Personen mit besonderer Autorität gibt, etabliert sich auch im Verhältnis der Stämme untereinander eine bestimmte ʿasabīya als überlegen, der sich die anderen unterordnen. Die siegreiche Gruppierung entwickelt immer stärkeren Ehrgeiz, bis sie in Zielen und Stärke einer Dynastie gleichkommt. Unter bestimmten Bedingungen kann sie eine andere Dynastie entmachten und dann ein vollständiges Königtum errichten.

„Auf diese Weise prägten sich in Al-Andalus die Gewerbe aus und erreichten alle ihre Arten Vollkommenheit (…) Ihre Eigenart prägte jene Zivilisation und verschwand erst, als auch diese völlig zerstört war. So ist es auch mit der Farbe, die im Stoff haften bleibt (auch wenn dieser zerrissen wird).“ (S. 223)

Der Weg dorthin ist jedoch reich an Hindernissen. So sind zum Beispiel ein luxuriöses Leben oder der Zwang, sich anderen unterordnen zu müssen, kontraproduktiv. Übermäßiger Luxus führt stets zur Dekadenz. Auch die übermäßige Wildheit der Araber mindert deren Fähigkeit zum Regieren. Steuern, eine Spielart der Unterdrückung, haben ebenfalls eine schwächende Wirkung. Das Exil des Volkes Israel in der Wüste ist ein gutes Beispiel dafür, wie durch göttlichen Ratschluss einem dekadenten, verweichlichten Volk im Verlauf einer Generation wieder Standfestigkeit und Widerstandskraft eingepflanzt werden kann. Die ʿasabīya ist der Schlüssel zur Herrschaft. Nur auf dieser Grundlage können Königtum und große Dynastien entstehen oder errungen werden.

Die Zyklen der Macht

Einflussreiche Geschlechter sind ebenso vergänglich wie alle anderen Dinge auf dieser Erde. In der Regel dauert ihre Macht etwa vier Generationen. Ihr Entstehen und Vergehen folgt einem naturgegebenen Rhythmus: Die erste Phase besteht aus Machteroberung und Triumph; der Herrscher ist vollkommen im Einklang mit seinem Stamm, der ihm zum Sieg verholfen hat. In der zweiten Phase grenzt sich der Machthaber zur Festigung seiner Position von der Gruppe ab und schließt sie von der Herrschaft aus. Er verhält sich autoritär, privilegiert die Familie und macht sich die einstigen Helfer zu Feinden. Mit neuen Helfern sichert er seine Macht, die er in einer dritten Phase voller Bequemlichkeit und Müßiggang auskostet. Er verwaltet, erhebt Steuern, errichtet Prunkbauten. Söldner und Diener werden großzügig für ihre Gefolgschaft entlohnt. Die vierte Phase wahrt noch den Frieden und den Status quo, schlägt schließlich aber in eine fünfte Phase von Zügellosigkeit und Missbrauch um, in der alle Verdienste der Vorgänger zunichtegemacht werden. Tyrannei führt zum Ruin der menschlichen Kultur. Aufschwung und Niedergang – dies ist der natürliche Lauf der Dinge, der alle trifft, Individuen wie Zivilisationen gleichermaßen.

Regieren mit dem rechten Maß

Die Nachkommen eines Mannes, der an die Macht gekommen ist, verlieren die ursprüngliche Mühsal aus dem Blick, sie verweichlichen und vergessen, was zur Führung von Menschen vonnöten ist. Dabei entspricht das Königtum einem naturgegebenen Zustand, denn die menschliche Natur verlangt nach einem Herrscher, der das Chaos ordnet und Streit schlichtet. Nicht jeder Mensch oder Stamm hat jedoch das Zeug zur königlichen Herrschaft; wer zum Beispiel seine Grenzen nicht zu schützen weiß, kann nur als unvollkommener König gelten. Herrschaft wird einerseits anhand rationaler weltlicher Normen, andererseits durch religiöse Gesetze ausgeübt. Politik auf religiöser Basis ist sowohl im Leben als auch im Jenseits förderlich. Der Kalif oder Imam ist der Statthalter des Propheten auf Erden und leitet das Volk im Sinne Allahs.

Architektur, Städtebau, Siedlungskultur

Monumentale Architektur und Städtebau sind Kennzeichen des sesshaften Lebens und seiner Bequemlichkeiten. Für den Bau von Städten braucht man Arbeitskräfte, die entweder gezwungen oder finanziell entlohnt werden. Ist eine Dynastie groß und von langer Dauer, kann sie Arbeitskräfte aus allen Landesteilen heranziehen. Es entstehen prächtige Städte wie Bagdad, das einst mehr als 65 000 öffentliche Bäder zu bieten hatte. Man kann jedoch nicht aus der Pracht und Größe von Bauwerken auf die Kraft und Körpergröße ihrer Erbauer schließen, vielmehr ermöglichen Hebel und andere Werkzeuge die gewaltigen Ausmaße. Sobald einem Stamm das Königtum zufällt, ist er gezwungen, große Städte einzunehmen oder zu errichten, und so zieht Regentschaft immer die Ansiedlung der Menschen in der Stadt nach sich. Hier führen sie ein bequemes Leben, können aber andererseits die zu erwartenden Angriffe ihrer Rivalen besser abwehren. Dynastien sind deshalb in aller Regel älter als die Ortschaften und Städte; die Zahl der Ortschaften und die Lebensweise der Völker eines Landstrichs lassen wiederum Rückschlüsse auf die Herrschaftsverhältnisse zu. Wo eine Dynastie an ihr Ende kommt, gehen auch ihre Städte zugrunde. In den Berber-Gegenden des Maghreb gibt es kaum Städte, einfach weil die Berber – als Nomadenvolk – mit den Gewerben wenig vertraut sind und das Leben in den Städten verachten.

Natürliche und unnatürliche Wege zum Lebensunterhalt

Ihren Lebensunterhalt verdienen Menschen durch Jagd, Landwirtschaft oder Arbeit in einem Gewerbe, wozu sowohl gewerbsmäßiges Schreiben wie auch Handwerk oder Tierzucht zählen. Diese Arten gelten als natürlicher Lebenserwerb – unnatürlich dagegen ist der Lebensunterhalt aus Steuereinkommen dank politischer Herrschaft sowie ein Leben als Diener, insofern dies der stolzen menschlichen Natur zuwiderläuft. Mit den Dienern gibt es außerdem ein unauflösliches Problem, insofern sie prinzipiell inkompetent sind: Menschen, die vertrauenswürdig und kompetent sind, gehen besseren Tätigkeiten nach; wer dagegen auf eine Tätigkeit als Diener angewiesen ist, taugt von vornherein nicht, sonst wäre er nicht in dieser Position. Wer in der Gesellschaft angesehen ist, steht in der Regel auch finanziell gut da – mit Ausnahme der religiösen Führer, die keine großen Reichtümer anhäufen, weil sie sich nicht um des Geldes willen bei reichen Machthabern anbiedern.

Wenn die Erwerbskultur die Zivilisation überdauert

Wo sesshafte, städtische Kulturen lange bestehen, gibt es eine Vielfalt traditioneller Gewerbe, die auch einem Rückgang der Zivilisation bzw. der Bevölkerungszahl trotzt. Das sieht man zum Beispiel in Al-Andalus, wo sich eine handwerkliche und künstlerische Hochkultur bis zum Schluss gegen den Niedergang der dortigen Zivilisation behaupten konnte. Eine vergleichbar dauerhafte Blüte erreichten nur noch die Dynastien im Irak, in Syrien und Ägypten. Al-Andalus wurde übrigens auch deshalb eine Hochburg der Schriftkultur und des Buchgewerbes, weil es ein Merkmal städtischer Kultur ist, wissenschaftliche Schriften und offizielle Aufzeichnungen zu verfassen. Diese wurden zunächst auf Pergament, dann in zunehmendem Maß auf Papier festgehalten, und um diese Praxis herum entwickelten sich die Gewerbe der Hersteller, Kopisten und Buchbinder. Schreiben schult den Verstand und schärft den Intellekt, da es den Schreibenden daran gewöhnt, zwischen abstrakten Begriffen, gesprochener Sprache und deren schriftlicher Repräsentation hin- und herzupendeln. Dieses Denken in Zeichen ist die nützlichste aller Fertigkeiten, denn auf dieselbe Weise erlangt man auf dem Weg theoretischer Spekulation Wissen über Unbekanntes.

Zum Text

Aufbau und Stil

Das Buch der Beispiele ist ein Geschichtswerk, richtet aber sein Augenmerk zugleich in soziologischer Manier auf menschliche Kultur und gesellschaftliche Strukturen. Zudem betont der Autor die Wichtigkeit philosophischer Einsicht. Das komplette Werk besteht aus drei Bänden, von denen die Einleitung – die sogenannte Muqaddima – den bedeutsamsten Teil darstellt. Sie ist in sechs inhaltlich klar strukturierte Kapitel mit zahlreichen Unterabschnitten gegliedert: Das erste Kapitel behandelt allgemein Zivilisation und Geografie, das zweite die ländlich-nomadische Bevölkerung, das dritte die Grundlagen und Zyklen politischer Macht, das vierte das sesshafte Leben in den Städten, Kapitel fünf und sechs beschreiben die damals verbreiteten Gewerbe, Wissenschaften und Künste. Der Text folgt keiner allgemeinen, stringent durchgehaltenen Argumentation, sondern wiederholt oft bestimmte Motive und Beispiele. Die Unterabschnitte sind meist kurz, bisweilen jedoch erstrecken sich die Schilderungen historischer Episoden über etliche Seiten. Die Sprache ist klar, konkret und leicht verständlich. Der Text beginnt mit einer Anrufung Gottes, und zahlreiche Kapitel wie auch das Gesamtwerk enden mit dem Lob der Weisheit Allahs.

Interpretationsansätze

  • Ibn Khaldūn ist ein früher Vertreter der empirischen Methode. Jedem Abschnitt stellt er eine prägnante Aussage als Postulat voran, die er in der darauffolgenden empirischen Beweisführung anhand von Beispielen – daher der Titel des Buches – belegt. Er propagiert das Lernen an der Realität und zieht Lehren aus der Geschichte.
  • Zentral ist das Konzept der ʿasabīya: Es geht dabei um das fundamentale Band menschlicher Zusammenschlüsse und um die treibende Kraft hinter dem Lauf der Geschichte. Der Begriff bezeichnet das menschliche Zusammengehörigkeitsgefühl ebenso wie die entsprechende Gruppe. ʿasabīya ist gleichermaßen sozialer Kitt wie Treibstoff gesellschaftlicher Entwicklungen, und die Stärke seiner Ausprägung gibt Aufschluss über die Stärke der Zivilisation selbst.
  • Neu am Buch der Beispiele ist die Rationalität der Betrachtungen. Nicht nur göttliches Gesetz regelt das Zusammenleben, sondern auch bestimmte politische und gesellschaftliche Normen, die in der Natur der Menschen liegen oder die diese sich selbst geben. Ibn Khaldūn ist in aufklärerischer Mission unterwegs gegen Irrtümer und Unwahrheiten. Obwohl er Prophetie und religiöses Gesetz als Basis der islamischen Welt anerkennt, stellt er mit Blick nach Griechenland, Rom oder Spanien fest, dass der Islam nicht die einzig mögliche gültige Lebensform ist.
  • Ibn Khaldūn ist einer der Urväter der Soziologie und der politischen Theorie. Gesellschaft und Kultur sind für ihn gleichbedeutende soziale Phänomene. Er war sich bewusst, dass er mit ʿumrān, der Wissenschaft von der Kultur, eine neue Disziplin erschuf. Er widmet sich den verschiedenen Kulturstufen und Lebensstilen und studiert das Zusammenleben der Menschen in sozialen Organisationen. Er analysiert Machtverhältnisse und politische Prozesse und beschreibt treffend den zyklischen Charakter von Herrschaftsstrukturen.
  • Ibn Khaldūns Werk war für die damalige Zeit so umfassend, tief greifend und weitreichend, dass es getrost als Weltgeschichte gelten kann. Mit seinem Mammutwerk ist er für die arabische Welt bis heute der Denker schlechthin. Er war der letzte Exponent der rationalen islamischen Wissenschaftstradition, die seit dem zwölften Jahrhundert im Niedergang begriffen war.

Historischer Hintergrund

Aufstieg und Niedergang von Dynastien im Maghreb

Die Lebensjahre des Propheten Mohammed und die Zeit unmittelbar nach seinem Tod 632 n. Chr. gelten als goldene Ära des Islam, geprägt von Harmonie und allgemeinem Einklang mit den Gesetzen Allahs. Das Kalifat der Umayyaden (661 bis 750) brachte die größte Ausdehnung des jungen islamischen Reiches, von Kleinasien im Osten über die gesamte arabische Halbinsel, den Maghreb, Spanien und nach Norden hinauf bis zu den Pyrenäen.

Die Gegend des Maghreb (wörtlich „Westen“, im übertragenen Sinn auch „Sonnenuntergang“ – sie umfasst das Gebiet der heutigen Staaten Tunesien, Algerien, Marokko, Libyen und Mauretanien) kam schon im siebten Jahrhundert unter islamische Herrschaft. Arabische Expansionspolitik und die Ausbreitung der islamischen Religion begünstigten den extrem profitablen Transsaharahandel mit Salz, Gold, Elfenbein und Sklaven; die nomadischen Berber ließen sich jedoch kaum bändigen. Die arabische Sprache verbreitete sich nur mühsam, und die staatliche Kontrolle über diese schon von den Römern als barbarisch angesehene Region blieb immer lückenhaft.

Im östlichen Teil des Maghreb stellten die Hafsiden, ein sunnitischer Berber-Clan, von 1229 bis 1574 das Herrscherhaus. Sie waren eine von drei berberischen Dynastien, die Nordafrika zu jener Zeit beherrschten und einen grundlegenden Wandel gesellschaftlicher Strukturen brachten. Innerhalb von etwa 300 Jahren gingen sie an einer Dynamik politischer Krisen und wirtschaftlichen Verfalls, von Rivalität und gegenseitiger Vernichtung zugrunde.

Weiter im Westen, auf der iberischen Halbinsel, lief seit der Schlacht von Covadonga im Jahr 722 die christliche Wiedereroberung von Al-Andalus, dem islamisch beherrschten Teil Spaniens. Im 14. Jahrhundert war von dem einst stolzen Emirat Córdoba, jenem kulturellen Zentrum und Hort islamischer Philosophie, wo eine der weltgrößten Bibliotheken stand, wo Juden und Araber friedlich koexistierten und gemeinsam an einer gewaltigen Moschee bauten, nur noch ein ärmlicher Rest übrig. Wenige Monate bevor Christoph Kolumbus von Andalusien aus die neue Welt entdeckte, eroberten die „Katholischen Könige“ Isabella und Ferdinand im Januar 1492 mit Granada den letzten arabischen Posten in Westeuropa zurück.

Entstehung

In der arabisch-islamischen Geschichtsschreibung des Mittelalters waren die Grenzen zwischen Historiografie, Geografie und Literatur fließend. Geschichte war nicht Teil des Schulkanons und galt nicht im strengen Sinn als Wissenschaft. Ibn Khaldūn war durch politische Missionen viel herumgekommen, bei nordafrikanischen Herrschern stand er aufgrund seiner guten Beziehungen zu Berberstämmen und seines diplomatischen Geschicks in hohem Ansehen. Er kannte also den Gegenstand seiner Betrachtungen – das Reich des Maghreb, von Granada bis Tunis – aus eigener Erfahrung. Um 1375 war er der Politik mit ihren häufig wechselnden Allianzen überdrüssig und begab sich für drei Jahre unter den Schutz eines Berberstamms. Die Einleitung zum Buch der Beispiele schrieb er in der Zurückgezogenheit der algerischen Bergwelt in nur fünf Monaten. Nicht zuletzt die guten Bibliotheken von Tunis lockten ihn jedoch bald in die Stadt zurück, und innerhalb von sieben Jahren brachte er sein dreibändiges Gesamtwerk zum Abschluss.

Wirkungsgeschichte

Ibn Khaldūn erlangte schnell den Status eines Klassikers aus der glorreichen Ära islamischer Hochkultur. Speziell die Osmanen hatten ein handfestes Interesse an seiner Lehre von Entstehung, Reifung, Verfall und Untergang von Herrschaftssystemen. Anfangs kursierten diverse Abschriften der Muqaddima, von denen eine aus dem Jahr 1402 einen Vermerk ihres Verfassers trug, sie sei die beste. Ins Türkische übersetzt wurde sie erstmals 1730. Ein ägyptischer Verleger druckte sie 1857, im selben Jahr erschien in Paris eine wissenschaftliche Ausgabe, die in Europa bis heute als Standardausgabe gilt. Die englische Version des deutschstämmigen Orientalisten Franz Rosenthal von 1958 ist besonders wichtig aufgrund von Erläuterungen, Werktreue und der Darstellung von Varianten. Vollständig ins Deutsche übersetzt ist das Buch der Beispiele noch immer nicht. Napoleon führte 1798 mit seinem Ägyptenfeldzug der arabischen Welt ihre Unterlegenheit schmerzlich vor Augen, was unter anderem eine neue Wertschätzung des eigenen Kulturerbes in der Person Ibn Khaldūns zur Folge hatte. Auch europäische Kolonialisten widmeten sich Ibn Khaldūn eingehend: Als Frankreich etwa Algerien eroberte, brauchte es Informationen über dessen Geschichte und Gesellschaft. Auch die ersten Soziologen inspirierte Ibn Khaldūn. Er bleibt bis heute einflussreich in Theorien zu Konflikten und Zivilisationszyklen. Für arabische Politik- und Sozialreformer bot und bietet Ibn Khaldūn wichtige Impulse für die Analyse sozialer Konflikte. Das Vokabular der Muqaddima ging in den Wortschatz der islamisch-arabischen Intellektuellen ein, die sich stolz mit Ibn Khaldūn identifizieren.


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