Zusammenfassung von Das grüne Haus

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Das grüne Haus Buchzusammenfassung

Literatur­klassiker

  • Roman
  • Moderne

Worum es geht

Freuden und Leiden im peruanischen Alltag

In seinem zweiten und bekanntesten Roman verwebt Mario Vargas Llosa mehrere Geschichten zu einem großen Ganzen und zeichnet so ein reichhaltiges und überraschendes Bild des südamerikanischen Alltags. Die Geschichten spielen alle im Norden Perus, entweder im Dschungel oder in der Wüste. Nonnen verschleppen Indianermädchen, Polizisten suchen im Urwald nach Banditen, der Gouverneur schmuggelt Kautschuk und ein Fremder errichtet in einer Einöde ein Bordell: das grüne Haus. Zu Beginn des Buches findet sich der Leser reichlich desorientiert in einem Chaos wieder. Vargas Llosa erzählt seine Geschichten nicht chronologisch, sondern springt von einer Zeitebene zur anderen, zerstückelt die Erzählstränge, verteilt sie im Buch. Wie ein Puzzle muss man sich den Roman lesend zusammenbauen. Beinahe jeder Textteil hält eine Überraschung, eine Enthüllung bereit, und je besser man sich in den Wirrwarr zurechtfindet, desto mehr nimmt einen der Roman ein. Ein teilweise anstrengendes Leseabenteuer, das einen aber reich belohnt.

Take-aways

  • Das grüne Haus ist Mario Vargas Llosas zweiter Roman und gilt bei vielen Literaturkritikern als sein vielschichtigstes und wichtigstes Werk.
  • Der „totale Roman“ – ein Begriff, den Vargas Llosa selbst prägte – versucht, eine vollständige imaginäre Welt abzubilden.
  • Inhalt: Das grüne Haus von Anselmo ist für die Frauen und Geistlichen der Stadt Piura ein Schandfleck. Die Männer dagegen verbringen ganze Nächte in diesem Bordell, das für sie der Inbegriff von Kunst, Genuss und Vergnügen ist. Im Bordell selbst und in seiner Umgebung im Norden Perus kreuzen sich die Wege von indianischen Waisenmädchen, Banditen, Militärs, korrupten Politikern, Nonnen und Huren.
  • Der Begriff „Das grüne Haus“ steht nicht nur für das Bordell, sondern gleichzeitig auch für den Dschungel.
  • Im Zentrum stehen die Themen Leben, Überleben, Freundschaft, Liebe, Gewalt, Hass und die Gier nach Macht und Geld.
  • Der Leser erlebt eine ähnliche Desorientierung wie die Romanfiguren: Das Buch springt zwischen verschiedenen Perspektiven, Erzählformen und Zeiten hin- und her.
  • Vargas Llosa hat viele Eindrücke aus seiner Kindheit in den Roman einfließen lassen.
  • Das grüne Haus überzeugte sowohl das breite Publikum wie auch die Kritiker.
  • 2010 erhielt Vargas Llosa den Nobelpreis für Literatur.
  • Zitat: „Das Leben ist eine verbotene Sache nach der anderen.“
 

Zusammenfassung

Bonifacia wird verstoßen

Ein Motorboot gleitet über einen Fluss. Die darauf fahrenden Polizisten, die Guardias, dösen. Mit geschlossenen Augen harren auch die mitfahrenden Nonnen, die Madres, in der Hitze aus. Das Indianerdorf der Aguaruna im peruanischen Amazonas liegt da wie ausgestorben, stellt der Polizeiwachtmeister, genannt Sargento, fest. Dennoch: Die Gruppe entscheidet sich, an Land zu gehen und auf die Bewohner des Dorfes zu warten. Schließlich kommen sechs Aguaruna in einem Kanu angefahren. Die Madres begrüßen sie, die Guardias verstecken sich, die Aguaruna sind misstrauisch. Eine der Madres verteilt Geschenke. Und dann geht alles ganz schnell: Die Guardias und Madres entreißen den Aguaruna ihre Kinder, zerren zwei Mädchen aufs Boot und fahren davon.

„Der Sargento wirft einen Blick auf Madre Patrocinio, und die fette Schmeißfliege sitzt immer noch da. Das Motorboot hopst auf den trüben Wellen dahin, zwischen zwei Mauern aus Bäumen, die einen stickigen, heißen Dunst ausatmen.“ (S. 7)

Auch Bonifacia hat früher in einem Indianerdorf gelebt. Der Kautschukschmuggler und Gouverneur Julio Reátegui hat sie als kleines Mädchen zu den Nonnen nach Santa María de Nieva gebracht, um sie zu christianisieren. Die Stadt im Dschungel liegt eingebettet zwischen zwei großen Flüssen, auf den Hügeln steht die Mission. Die grünäugige Bonifacia wird von den Nonnen großgezogen; im Unterschied zu anderen Mündeln darf sie auch als Erwachsene in der Mission bleiben. Die junge Frau verrichtet einfache Arbeiten, u. a. passt sie auf die schlafenden Mündel auf. Die neuen Indianermädchen tun Bonifacia leid, sie erinnern sie an ihr eigenes Schicksal. Eines Abends lässt sie alle entfliehen. In ihrer unbändigen Wut verstoßen die Madres Bonifacia. Die junge Frau findet Unterschlupf im Haus des Lotsen Adrián Nieves und seiner Frau Lalita.

Ein Fremder kommt in die Stadt

Eines Tages kommt ein Mann auf einem Maultier in der Stadt Wüstenstadt Piura im Norden Perus an. Er steigt ab, nimmt die Zügel seines Tieres in die Hand und überquert die Alte Brücke. Auf dem Hauptplatz legt sich der junge Mann erschöpft schlafen. Die Stadtbewohner beobachten ihn neugierig, wundern sich, wer das ist. Als er nach langem Schlaf erwacht, heißen sie ihn willkommen. Der Ankömmling mietet sich bei einem Stadtbewohner ein. Anselmo, so heißt der Fremde, sitzt oft auf der Terrasse des einzigen Hotels und lädt die Vorbeigehenden zum Trinken ein. Er spricht gut über die Stadt und ihre Bewohner. Seine joviale Art wird geschätzt, schnell macht er sich beliebt. Im Unterschied zu anderen Fremden wird Anselmo Piura nie wieder verlassen.

„Wie ein kleines Tier warst du, und wir haben dir hier ein Heim, eine Familie und einen Namen gegeben. Und einen Gott haben wir dir auch gegeben.“ (Oberin zu Bonifacia, S. 63)

Wenn abends der Wind zu wehen beginnt und der Sandregen über die Stadt prasselt, spielt sich das Leben in den Häusern ab. Die Fremden langweiligen sich in der Bar des einzigen Hotels. Sie möchten Weiber und nächtliches Vergnügen. Anselmo kauft Land, jenseits der Alten Brücke gegenüber der Stadt Piura. Niemand kann das verstehen. Was will der Mann dort mitten in der unbewohnten Wüste bauen? Abends würde er dort völlig isoliert sein.

Ein Soldat desertiert im Dschungel

Als junger Mann wird Adrián Nieves in einem Dorf im peruanischen Amazonasgebiet von Militärs mit einem Lasso eingefangen und zwangsrekrutiert. In der Garnison Borja wird er gedrillt, bis er als Lotse eines Tages den Befehl erhält, einen Vorgesetzten über die Flüsse in dessen Heimatort zu begleiten. Im Indianerdorf Urakusa macht der kleine Trupp Halt und übernachtet in den leer stehenden Hütten. Am nächsten Morgen werden die Militärs von den Aguaruna angegriffen. Sie verprügeln den Vorgesetzten. Nieves dagegen kann fliehen und entscheidet sich, zu desertieren.

„Purer Mist, die Landkartenmacher haben keine Ahnung, dass das Amazonasgebiet wie eine geile Frau ist, hält nie still. Hier ist alles in Bewegung, die Flüsse, die Tiere, die Bäume.“ (Aquilino, S. 72)

Der Lotse lässt sich tagelang auf einem selbst gebastelten Floß treiben. Plötzlich mündet der Fluss in eine Lagune, in deren Mitte sich eine Insel befindet. Auf ihr leben der Japaner Fushía und seine Frau Lalita, mit ihnen die kriegerischen Huambisa-Indianer. Nieves bleibt und hilft Fushía bei dessen Raubzügen gegen andere Indianerstämme und gegen Kautschukzwischenhändler. Während dieser Zeit verliebt sich Nieves in Lalita. Eines Nachts fliehen sie gemeinsam nach Santa María de Nieva, wo sie ein neues Zuhause aufbauen. Später stellt sich heraus, dass Nieves ein Kautschukbandit gewesen ist; er kommt ins Gefängnis.

Fushía nimmt ein schlimmes Ende

Fushía will immer nur eines: reich werden. Schon früh gerät der Japaner auf Abwege und muss in Brasilien eine Haftstrafe absitzen. Er bricht aus dem Gefängnis aus und flüchtet über Manáus nach Iquitos in Peru. Auf seiner Flucht lernt er Aquilino kennen, der sein treuer Freund wird. In der Kleinstadt Iquitos arbeitet Fushía für den Gouverneur Reátegui: Er verpackt Kautschuk in Kisten und beschriftet sie mit „Tabak“. Auf diese Weise wird der Rohstoff aus dem Land geschmuggelt. Als jemand die Schmuggler verpfeift, muss Fushía fliehen, Reátegui bleibt unentdeckt. Fushía nimmt seine Geliebte Lalita mit auf die Flucht. Wie hübsch sie damals gewesen sei, erzählt er seinem Freund Aquilino auf einer der vielen Flussfahrten, damals habe sie noch keine Pickel gehabt, die Nutte.

„Eines heißen Tages, früh am Morgen, im Dezember, kam ein Mann in Piura an.“ (S. 75)

Auf einer Insel nahe der Grenze zu Ecuador lassen sich Fushía und Lalita nieder. Er behandelt sie immer schlechter, beleidigt und schlägt sie. Von der Insel aus überfällt Fushía mithilfe der Huambisa-Indianer andere Indianerstämme und Reáteguis Zwischenhändler. Fushía hasst den Gouverneur, der immer glimpflich davonkommt. Auf seinem Boot transportiert Aquilino die gestohlene Ware in verschiedene Städte und verkauft sie. Mit dem Geld kauft er Nahrungsmittel, Alkohol und Werkzeuge, die er zur Insel bringt. Fushía erkrankt an Lepra. Nachdem Lalita ihn eines Nachts verlässt, bringt Aquilino den schwerkranken Fushía zu einer am Fluss gelegenen Leprastation, in der er bis zu seinem Tod dahinvegetiert.

Das grüne Haus wird gebaut

Viele Wochen baut Anselmo an einem Haus. Die Arbeiten beginnen am Morgen und dauern bis zum allabendlichen Sandregen. In der Nacht verschlingt die Wüste das eben Gebaute. Am nächsten Tag muss fast alles wieder neu errichtet werden. Die Stadtbewohner fragen sich, wann Anselmo sich geschlagen geben wird. Er tut es nicht. Als das Haus schließlich fertig ist, malt er es grün an. Die Leute taufen es sogleich das grüne Haus. Als Anselmo sechs Betten, sechs Spiegel und sechs Waschbecken kauft, brodelt die Gerüchteküche. Der Pfarrer, Padre García, wettert von der Kanzel. Nach einer kurzen Reise kehrt Anselmo mit Freudenmädchen zurück. Trotz aller Proteste etabliert sich sein Bordell schnell. Die Musik, die man bis in die Stadt hört, lockt die Männer über die Alte Brücke – und sie bleiben bis zum Sonnenaufgang.

Das grüne Haus brennt nieder

Antonia überlebt als Kleinkind einen Raubüberfall. Bis sie allerdings gerettet wird, liegt sie in der Sonne am Boden, und Aasgeier picken ihr Zunge und Augen aus. Die Wäscherin von Antonias Eltern, Juana Baura, adoptiert das Mädchen. Wenn Juana arbeiten geht, setzt sie das blinde Mädchen auf den Hauptplatz Piuras auf eine Bank und holt sie später wieder ab. Die Stadtbewohner hegen für Antonia besondere Gefühle. Sie umsorgen sie, führen sie spazieren oder laden sie auf ein Eis ein. Anselmo verliebt sich in das blinde und stumme Waisenmädchen. Er entführt Antonia und versteckt sie im Bordell. Sie wird schwanger und stirbt bei der Geburt ihres ersten Kindes, genannt die Chunga. Nun teilt Anselmo schluchzend der Wäscherin mit, dass Antonia bei ihm gelebt habe und gestorben sei. Nach der Beerdigung ziehen die entsetzten Piuraner geleitet vom Padre García zum grünen Haus und brennen es nieder. Anselmo rettet die Chunga im letzten Moment vor den Flammen. Von nun an lebt er im Armenviertel Mangachería. Er verwahrlost und versucht seinen Kummer im Alkohol zu ertränken. Seine Tochter wächst bei der Wäscherin Juana Baura auf.

Politiker in zwielichtigen Angelegenheiten

Gouverneur Julio Reáteguis zeigt sich unbesorgt, obwohl ihm seine Kollegen versichern, die Aguaruna in Urakusa weigerten sich, weiterhin mit ihnen Handel zu treiben. Der Gouverneur beutet die Indianerstämme der Region aus. Er zwingt sie, ihm den Kautschuk und die Felle, die er dann teuer weiterverkauft, zu Spottpreisen zu überlassen. Jetzt wollen sie selber damit handeln. Doch Reátegui unterdrückt den Aufstand der „Nacktärsche“ rasch: In Urakusa knüpft er sich mithilfe von Militärs der Garnison Borja einen Aguaruna nach dem anderen vor. Sie werden verprügelt, und die Soldaten vergreifen sich an den Indianerfrauen.

„Es gibt Dinge, die tun mehr weh als der Schnaps, Lituma.“ (Josefino, S. 127)

Später werden Reáteguis Geschäfte von Banditen behindert. Auch dagegen will er rasch vorgehen. Die Zustimmung aus der Hauptstadt Lima kommt zwar erst nach seiner Amtszeit als Gouverneur, er kann sich allerdings auf seinen ergebenen Freund Don Fabio verlassen, den neuen Gouverneur von Santa María de Nieva. Dieser schickt sogleich Soldaten und Polizisten los. Die Truppe, darunter auch der Sargento, fährt den Fluss Santiago hoch, um die Kautschukdiebe festzunehmen. Sie finden Fushías Insel aber menschenleer vor; die Hütten sind von Urwaldpflanzen überwuchert. Der Sargento ist froh, dass er sich nicht mit den Banditen herumschlagen muss. Der Sargento ist verliebt: Im Haus von Lalita und dem Lotsen Nieves in Santa María de Nieva hat er die von den Nonnen verstoßene Bonifacia kennengelernt. Nach seiner Rückkehr heiraten sie und ziehen nach Piura, wo der Sargento Lituma genannt wird und Bonifacia wegen ihrer Herkunft den Namen „Selvática“, die Wilde, trägt.

Mit Musik zurück ins Leben

Anselmo fasst erst wieder Fuß, als er sich mit dem Jüngling Alejandro und dem „Bullen“, einem Lastwagenfahrer, anfreundet. Alejandro spielt Gitarre und komponiert melancholische Liebeslieder, die Anselmo auf seiner Harfe spielen lernt. Der Bulle begleitet die beiden auf einer Kiste, auf welcher er den Rhythmus schlägt. Die drei werden unzertrennlich, bilden eine Kapelle. Anselmo wäscht sich wieder, kleidet sich anständig und ändert seine Umgangsformen. Erst spielt das Musiktrio nur im Armenviertel Mangachería, dann wird es auch in Piura angeheuert, etwa auf Hochzeiten der noblen Gesellschaft. Piura ist mittlerweile eine große Stadt geworden, mit vielen Freudenhäusern und Kinos. Als Anselmos Tochter, die Chunga, erwachsen ist, gründet sie ein neues grünes Haus. Dort beschäftigt sie die Kapelle des mittlerweile alt gewordenen Don Anselmo.

Lituma spielt Russisches Roulette

In jungen Jahren ist Lituma ein Vagabund: Er und seine drei Freunde, die „Unbezwingbaren“, wie sie sich nennen, arbeiten nicht, gehen jeden Abend aus, trinken, besuchen das grüne Haus, kaufen sich Frauen. Aber eines Tages entscheidet sich Lituma, Polizist zu werden. Seine Freunde können das nicht verstehen. Später wird der bereits ausgebildete Ordnungshüter an den Amazonas versetzt, nach Santa María de Nieva, wo er Bonifacia kennenlernt.

„Ein Angriff auf die Moral bereitet sich in dieser Stadt vor.“ (Padre García, S. 147)

Der mit seiner Frau nach Piura zurückgekehrte Sargento Lituma, der sich in einer Hütte im Armenviertel Mangachería einquartiert hat, wird eines Abends von den drei alten Freunden besucht. Glücklich, wieder vereint zu sein, reden die vier „Unbezwingbaren“ über die guten alten Zeiten und trinken auf Bonifacia.

„Wenn ein Mann und eine Frau aufeinander aus sind, hält sie niemand zurück. Da wird ihnen heiß, so als ob sie Feuer im Leib hätten.“ (Aquilino, S. 232)

Nach einiger Zeit in Piura tötet Lituma beim Russischen Roulette einen Gast des grünen Hauses. Er kommt dafür ins Gefängnis. Bonifacia bleibt allein zurück, zudem ist sie von ihm schwanger. Sie treibt ab und unter dem Einfluss der anderen drei Unbezwingbaren fängt sie an, sich im grünen Haus zu prostituieren. Als Lituma nach einigen Jahren aus der Haft in Lima entlassen wird, kehrt er nach Piura zurück und erfährt: Bonifacia ist Nutte geworden. Erst rächt er sich an Josefino, der die Hauptverantwortung dafür trägt: Er verprügelt ihn vor dem grünen Haus. Mit der Zeit findet sich Lituma mit dem Geschehenen ab und lässt sich von Bonifacia, die als Prostituierte recht gut verdient, unterhalten.

Der alte Don Anselmo stirbt im Bordell

Doktor Zevallos und Padre García werden ins grüne Haus gerufen. Eben noch hat Don Anselmo vergnügt auf seiner Harfe gespielt und plötzlich ist er zu Boden gefallen, berichtet Bonifacia. Während im oberen Stockwerk der Arzt und der Padre den sterbenden Mann pflegen, warten unten Musikanten und Freudenmädchen auf Nachricht. Die Stimmung ist bedrückt, auch die sonst bissige Chunga wirkt verängstigt. Padre Garcías Zähne klappern, als er die Treppe herunterkommt, verstört blickt er um sich. Die Musiker und Prostituierten fangen an zu seufzen und schluchzen und umarmen sich. Doktor Zevallos kommt die Treppe herunter und versichert den Anwesenden, Don Anselmo sei in Frieden mit Gott gegangen.

Zum Text

Aufbau und Stil

Beginnt man mit der Lektüre von Das grüne Haus, fühlt man sich erst völlig verloren, ohne jegliche Orientierung. Auf wenigen Seiten werden immer neue Szenen, neue Darsteller, neue Namen und Schauplätze eingeführt. Damit nicht genug: Vargas Llosa spielt mit verschiedenen Erzählperspektiven, Erzähltechniken und Zeitebenen, manchmal in ein und demselben Absatz. So springt er von der Gegenwart in die Vergangenheit und zurück, blickt in die Zukunft, lässt zeitliche Lücke klaffen oder überblendet nahtlos. Nur allmählich entdeckt der Leser die Haupterzählstränge. Das Buch besteht aus vier großen Kapiteln und einem Epilog, wobei in sämtlichen fünf Teilen die verschiedenen Fäden immer wieder aufgenommen werden – als Erzählfragmente, die sich der Leser wie ein Puzzle zusammensetzen muss, bis er am Ende ein ganzes Bild vor sich hat: einen vollständigen Roman. Dessen Sprache ist opulent und farbig; Passagen mit langen, komplex aufgebauten Sätzen wechseln sich mit prägnanten, an ein Filmdrehbuch erinnernden Dialogen ab. Die Geschichten spielen an zwei Hauptschauplätzen im Norden Perus: im Urwald und in der Wüste.

Interpretationsansätze

  • Die Bezeichnung „das grüne Haus“ kann man nicht nur auf das gleichnamige Bordell beziehen, sondern auch auf den peruanischen Dschungel.
  • Vargas Llosas erklärtes Ziel war es, eine möglichst vollständige imaginäre Welt aufzubauen, die autonom und selbstständig funktioniert. Ein solches Gebilde entdeckte der peruanische Autor in Tolstois Krieg und Frieden, in Thomas Manns Der Zauberberg und in Joanot Martorells Tirant lo Blanc. Vargas Llosa prägte dazu den Begriff des „totalen Romans“. Bis 1969 folgte er in seinen Werken diesem literarischen Ideal.
  • Die vielen Erzählstränge und der dauernde Wechsel von Ort, Zeitebene und Erzählperspektive verursachen im Kopf des Lesers ein Chaos. Vargas Llosa erzeugt so beim Leser eine ähnliche Desorientierung, wie sie die Romanfiguren in den Wirren der Geschehnisse erleben.
  • Vargas Llosa bedient sich selten eines allwissenden Erzählers, sondern benutzt als literarisches Mittel gern den Dialog. Damit kreiert er zeitweise schon fast filmische Sequenzen. Das Publikum findet sich mitten in der Geschichte wieder und taucht darin ein.
  • Der Roman ist gleichzeitig fantastisch und realistisch: Obwohl die Geschichten in Das grüne Haus teilweise übertrieben wirken, zeichnet Vargas Llosa ein glaubhaftes Bild des peruanischen Alltags.
  • Vargas Llosa stellt den Menschen als Opfer dar. Er gilt als kritischer Kommentator der politischen und sozialen Verhältnisse in Peru, und wie in anderen Werken fließt seine Gesellschaftskritik auch in Das grüne Haus ein. So betont er etwa Standesunterschiede und zeichnet ein drastisches Bild von der Ausbeutung der Kautschukarbeiter und der Unterdrückung der Eingeborenen. Die Gesellschaft ist aber nicht allein schuld am Schicksal der Menschen; sie scheitern ebenso an sich selber, an den Beziehungen, die sie miteinander eingehen, und nicht zuletzt an der Übermacht der Natur.

Historischer Hintergrund

Unterdrückte Indianer

In Das grüne Haus werden Geschichten erzählt, die sich teilweise über mehrere Jahrzehnte hinziehen. Ihr zeitlicher Rahmen reicht von der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts bis in die 1960er Jahre hinein. Zu Beginn des 20. Jahrhunderts waren die Staaten Südamerikas zwar durchschnittlich seit einem Jahrhundert unabhängig von den früheren Kolonialmächten Spanien und Portugal. Dennoch waren die gesellschaftlichen, politischen und ökonomischen Strukturen der einzelnen Länder noch nicht gefestigt. Dörfer und Städte wuchsen rasant, Demokratien und Diktaturen wechselten einander ab, Weiße und Indianerstämme kämpften um Land.

Die indigenen Völker hatten fast keine Rechte und wurden nicht selten wie Tiere behandelt. Oft verweigerte ihnen die Obrigkeit sogar den Zugang zu den Städten. In intellektuellen peruanischen Kreisen bildete sich das Bewusstsein heraus, dass die miserable Behandlung der indigenen Bevölkerung eine nationale Schande sei. 1924 wurde die sozialdemokratische Bewegung APRA gegründet, die u. a. gegen die Unterdrückung der Eingeborenen kämpfte. Die Partei war in Peru zeitweise verboten.

Im Zweiten Weltkrieg verbündete sich Peru mit den Alliierten, weshalb das südamerikanische Land plötzlich keinen Kautschuk mehr an Kriegsgegner Deutschland verkaufen dufte. Darunter litt die peruanische Wirtschaft als Ganzes – und insbesondere wiederum die indigene Unterschicht.

Entstehung

Als Student in Lima hatte Mario Vargas Llosa die Chance, eine Expedition von Anthropologen in den peruanischen Urwald zu begleiten. Diese seine erste und entscheidende Reise in den Dschungel führte dazu, dass er wenige Jahre später in Paris den Entschluss fasste, Das grüne Haus zu schreiben. Vorerst aber zog er 1958 für seine Doktorarbeit nach Madrid. Dort entschied er, dass er hauptberuflich Schriftsteller werden wollte. Er lebte die nächsten Jahre vorwiegend in Europa. Für seinen zweiten Roman – Das grüne Haus – reiste er 1964 zurück nach Peru, um vor der Niederschrift seines Werkes das Leben, die Natur und die Menschen im Dschungel zu studieren. Den anderen Schauplatz des Romans, die Küstenstadt Piura, konstruierte er mithilfe seiner Kindheitserinnerungen: Zwei Jahre hatte Vargas Llosa bei seinen Großeltern in Piura gelebt.

Im dem 1971 erschienenen Büchlein Historia secreta de una novela – „Geheime Geschichte eines Romans“ – schildert Vargas Llosa, wie Das grüne Haus entstand. Er berichtet etwa über seine Kindheit: Damals existierte in Piura tatsächlich ein grünes Haus, das für den kleinen Vargas Llosa stets ein Mysterium war. Die Erwachsenen verboten den Kindern, sich diesem Haus zu nähern.

Neben seinen eigenen Erinnerungen hat Mario Vargas Llosa die Werke des Franzosen Gustave Flaubert und des Amerikaners William Faulkner als Inspirationsquellen für den Roman genannt. Wie Vargas Llosa spielen auch diese beiden Schriftsteller mit wechselnden Erzählperspektiven.

Wirkungsgeschichte

Als Das grüne Haus 1966 auf den Markt kam, konnten sich nicht alle Kritiker mit der Sprache und dem desorientierenden Aufbau anfreunden. Die Leser aber stellten sich der Herausforderung und machten das Buch zu einem durchschlagenden Erfolg. 1967 wurde dem Autor in Venezuela der international anerkannte Romanpreis Rómulo Gallegos überreicht sowie der peruanische Literaturpreis Premio Nacional de Novela. Das Werk wurde in mehrere Sprachen übersetzt.

Der Erfolg von Das grüne Haus war mitverantwortlich für das Entstehen des so genannten „lateinamerikanischen Booms“. Von 1965 bis in die 1980er Jahre hinein erhielten zahlreiche südamerikanische Autoren wichtige internationale Literaturpreise. Der Nobelpreis etwa ging 1967 an Miguel Angel Asturias, 1971 an Pablo Neruda und 1982 an Gabriel García Márquez. Südamerikanische Literatur wurde plötzlich weltweit gelesen, während die Autoren zuvor mit ihren Werken kaum den Lebensunterhalt bestreiten konnten. Dadurch erlebte der Literaturbetrieb in vielen lateinamerikanischen Ländern einen Aufschwung. Innerhalb der lateinamerikanischen Gesellschaft wuchsen das Prestige und der Einfluss von Schriftstellern beträchtlich.

Über den Autor

Mario Vargas Llosa kommt am 28. März 1936 in Arequipa im Süden Perus zur Welt. Man sagt dem kleinen Mario, sein Vater sei gestorben – in Wahrheit haben sich seine Eltern vor seiner Geburt getrennt. Der Junge wächst erst in Bolivien und dann bei seinen Großeltern in Piura im Norden Perus auf. Als sein totgesagter Vater plötzlich auftaucht, ist das für den Zehnjährigen ein traumatisches Erlebnis. Von nun an lebt er bei seinen wieder vereinten Eltern in Lima und besucht dort die Kadettenschule. Sein Vater ist sehr autoritär. Lesen und Schreiben bieten dem Jungen Zuflucht. Bereits als Jugendlicher schreibt er Artikel für Zeitungen und Zeitschriften. Nach dem Literatur- und Jurastudium widmet er sich dann vorwiegend dem Journalismus. Bereits mit wenig mehr als 20 Jahren gewinnt er Preise. 1958 bekommt er ein Stipendium, um in Madrid eine Doktorarbeit zu schreiben. In den folgenden Jahren lebt er vorwiegend in Europa: in Madrid, Barcelona und Paris. Er arbeitet als Journalist, Spanischlehrer, Übersetzer und Schriftsteller. Mit seinem Roman Die Stadt und die Hunde (La ciudad y los perros, 1963) wird er erstmals einem größeren Publikum bekannt, und mit Das grüne Haus (La casa verde, 1965) schafft der gut 30-Jährige den Durchbruch. 1966 erhält er einen Lehrauftrag an der Universität in London, später auch an Universitäten in den USA und in Puerto Rico. 1974 zieht er wieder nach Peru, doch Auslandsaufenthalte und Reisen gehören weiterhin zu seinem Leben. Vargas Llosas politische Überzeugungen wandeln sich über die Jahre stark. Anfangs gefallen ihm revolutionäre Ideen, er ist fasziniert von Kuba und Fidel Castro. Mit der Zeit wird aus dem Kommunisten allerdings ein liberaler Demokrat, wie er sich selbst nennt. Er lehnt sowohl extrem linke als auch extrem rechte Ideologien entschieden ab und wird zum Verfechter bürgerlicher Werte und kapitalistischer Prinzipien. 1990 kandidiert er für die peruanischen Präsidentschaftswahlen. Als Kandidat der konservativen Frente Democrático unterliegt er in der Stichwahl seinem Gegner Alberto Fujimori. Vargas Llosa wendet sich wieder der Literatur zu. 2010 erhält er den Nobelpreis für „seine Analyse der Machtstrukturen mit messerscharfen Bildern“.


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