Zusammenfassung von Das Lied von Mio Cid

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Das Lied von Mio Cid Buchzusammenfassung

Literatur­klassiker

Qualitäten


Worum es geht

Vom Outlaw zum Nationalhelden

Der Cid hat, man erfährt nicht wie, den Zorn König Alfonsos von Kastilien auf sich gezogen und wird verbannt. Doch der Cid, im echten Leben Rodrigo Díaz, verwandelt sein hartes Los in eine Glückssträhne: Haufenweise schließen sich ihm wackere Mannen an, unfehlbar und scheinbar ungefährdet gewinnt er Schlacht um Schlacht und bedient sich am unermesslichen Reichtum der Mauren. Schließlich erobert er Valencia für sich und die Christenheit, besiegt noch schnell die Könige von Marokko und Sevilla und gewinnt schließlich durch eherne Loyalität und großzügige Geschenke die Gunst des Königs zurück. Er holt seine Familie zu sich, und als alles gut und schön sein könnte, verheiratet der König die Töchter des Cid mit zwei Infanten, die sich als geldgierige, verräterische Feiglinge erweisen. Die geschändeten Töchter zahlen den Preis, doch El Cid, all seine Gefolgsleute und selbst der König – ganz Spanien sozusagen – kommen zur Rettung ihrer Ehre zusammen. Wer den Cid bei seinem Gewaltritt durch die iberischen Lande geduldig begleitet, wird mit einem Showdown belohnt, der es mit jedem Justizkrimi aufnehmen kann.

Take-aways

  • Das Lied von Mio Cid gilt als spanisches Nationalepos.
  • Inhalt: Der Ritter Rodrigo Díaz, genannt Mio Cid, muss nach einem königlichen Bann das christliche Kastilien verlassen. Er zieht mit seinen Anhängern durchs maurische Spanien bis nach Valencia. Schlacht um Schlacht mehrt er seinen Reichtum, sein Gefolge und sein Ansehen, bis der König Gnade walten lässt und sogar die Töchter des Cid verheiratet. Als diese von ihren Männern missbraucht werden, stellt der Cid ihre Ehre wieder her.
  • Der Cid dürfte nach Don Quijote der bekannteste Spanier in der Literaturgeschichte sein.
  • Der Held ist eine historische Figur und eroberte Ende des elften Jahrhunderts Valencia.
  • Die Geschichte spielt vor dem Hintergrund der Reconquista, der christlichen Rückeroberung der iberischen Halbinsel von den Mauren.
  • Das Werk gibt einen Einblick in die mittelalterliche Gesellschaft, höfische Gepflogenheiten, Rechtspraxis und militärische Strategie.
  • Wichtigstes Motiv ist Ehre – die Ehre des Cid und die seiner Töchter.
  • Die Autorenschaft ist unklar, das Werk entstand wohl um die Wende vom 12. zum 13. Jahrhundert. Der am Ende signierende Per Abbat kann nur ein Kopist gewesen sein.
  • Der Stoff wurde 1961 von Hollywood mit Charlton Heston und Sophia Loren verfilmt.
  • Zitat: „Ach Campeador, zu guter Stunde gürtetet Ihr das Schwert! Aus Castiella zieht Ihr zu fremden Menschen, so ist Euer Geschick, groß ist Euer Gewinn.“
 

Zusammenfassung

Verbannung und Beutezug

Rodrigo Díaz, genannt Mio Cid, lässt seine Vasallen und Verwandten wissen: König Alfonso hat ihn verbannt: Innerhalb von neun Tagen muss er das Land verlassen. Wer schließt sich ihm an? Sein Cousin Álbar Fáñez spricht für alle: Durch besiedeltes und unbesiedeltes Land werden sie ihm folgen, Maultiere und Pferde, Reichtümer und Kleider opfern. So ziehen sie aus Bivar in Richtung Burgos, wo sie zwar Aufsehen erregen, sich ihnen aber keine Türe öffnet. Der König hat jedem, der dem Cid hilft, mit dem Verlust von Eigentum und Augenlicht gedroht. Martín Antolínez kommt mit Brot und Wein ins Lager vor der Stadt und schließt sich dem Cid an. Der ist zwar jetzt mittellos, aber durchaus listenreich: Er schickt Antolínez zu zwei reichen Juden, Rachel und Vidas. Betrügerisch verpfändet er ihnen sandgefüllte Kisten, deren Inhalt er als Gold anpreist, und ergaunert so den Grundstock für die Kriegskasse. Vor dem ersten Hahnenschrei bricht der Cid zu seiner Frau Ximena und den Töchtern Sol und Elvira im Kloster San Pedro de Cardeña auf. Der Abschied dort ist tränenreich, doch Fáñez mahnt den Cid, er solle sich zusammenreißen. Er sagt voraus, dass sich das Leid in große Freude verwandeln wird, und der Engel Gabriel stößt in einem Traum des Cid ins gleiche Horn: Nie sei ein Mann zu einem so günstigen Zeitpunkt losgezogen. Durch ganz Kastilien geht die Kunde, dass der Cid das Land verlässt. Sein Gefolge wächst stetig, schon sind es 300 Reiter. Sie verwandeln den Bann in einen Beutefeldzug, der über Castejón bis nach Guadalfajara und Alcalá führt. Sie fürchten die Mauren nicht, überlisten sie gekonnt und machen jede Menge Beute.

Die Mauren werden geschlagen

Der Cid nimmt sich stets ein Fünftel und verteilt den Rest großzügig auf seine Ritterschar und das Fußvolk, die mit ihm reich werden. Noch sind sie zu nah am Reich des Königs, den Cid ungebrochen als Herrn betrachtet und mit dem er nicht in Konflikt geraten will. Er verkauft das eroberte Castejón mitsamt Bevölkerung an die Mauren zurück und setzt um 3000 Silbermark reicher seinen Zug nach Südosten fort. Wo immer er auftaucht, stellen die Bauern aus Angst die Landwirtschaft ein. Alcocer zahlt freiwillig Tribut, doch trotz einer 15 Wochen dauernden Belagerung ergibt sich die Stadt nicht. Der Cid fingiert seinen Abzug, und als ihm die Belagerten nachstellen, nimmt er die schutzlose Burg im Handstreich. 300 Mauren tötet er, der Rest wird versklavt. Die Bewohner der umliegenden Städte Teca, Terrer und Calatayut fürchten, dass auch sie an den Cid fallen, ebenso die Flussebenen von Salón und Jiloca. Der zur Hilfe gerufene König Tamín von Valencia schickt ein Heer unter dem Kommando der maurischen Könige Fáriz und Galve, die Alcocer drei Wochen lang belagern. Zu Beginn der vierten Woche ziehen der Cid und seine Ritter in die Schlacht. Pero Vermúez, Bannerträger des Cid, hat strikte Anweisung, erst auf dessen Geheiß seinem Pferd die Sporen zu geben. Doch ihm gehen die Nerven durch. Der Cid rettet nicht nur ihm das Leben, sondern auch seiner rechten Hand Fáñez. Schließlich schlägt er König Fáriz, der blutend das Feld verlässt. Martín Antolínez schaltet König Galve aus – ein guter Tag für die Christenheit.

Geschenke für den König

König Fáriz überlebt und kauft Alcocer für 3000 Silbermark zurück. Auch an diesem Gewinn lässt der Cid Reiter und Fußvolk teilhaben. Er schickt Fáñez mit der Nachricht von der gewonnenen Schlacht zum König. Als Geschenk gibt er ihm 30 Pferde mit wertvollem Zaumzeug, Sätteln und Schwertern mit. Außerdem bezahlt Fáñez 1000 Messen, Gott zum Gefallen. Der Cid wiederum erweist sich als ein solch guter Herr, dass ihm die unterworfenen Mauren Tränen nachweinen, als er weiterzieht und sich über Daroca, Molina, Teruel und Celfa hermacht. Derweil wird Fáñez beim König vorstellig. Die 30 Pferde treffen durchaus dessen Geschmack, aber es ist noch zu früh, den Bann aufzuheben. Als ersten Schritt spricht der König Fáñez frei; dieser erhält Länder und Lehen zurück. Und alle, die sich dem Cid anschließen wollen, tun dies nun mit dem Einverständnis des Königs.

„Ach Campeador, zu guter Stunde gürtetet Ihr das Schwert! Aus Castiella zieht Ihr zu fremden Menschen, so ist Euer Geschick, groß ist Euer Gewinn.“ (Rachel zu Cid, S. 29)

Nach drei Wochen stößt Fáñez mit 200 neuen Männern wieder zum Lager des Cid. Rund um Alcañiz hinterlassen sie verbrannte Erde. Viele Städte zahlen Schutzgeld und Tribute. Der Graf von Barcelona, Remont Verenguel, bläst zum Gegenangriff. Im Pinienwald von Tévar treffen die Heere aufeinander. Der Graf ist siegessicher und glaubt, er könne den Cid einfach ergreifen. Dieser lässt ausrichten, da er ihm ja nichts genommen habe, möge der Graf ihn in Frieden lassen. Weil dieser partout auf Streit aus ist, muss der Cid einmal mehr in die Schlacht. Er nimmt den Grafen gefangen und erbeutet das Schwert Colada im Wert von 1000 Mark. Der Gefangene tritt in den Hungerstreik. Der Cid lässt Verenguel und zwei seiner Edelleute ziehen, behält aber die Beute und lässt den Grafen wissen, dass er eine neue Konfrontation nicht scheut. Der Graf denkt aber nicht daran, sich dem Cid noch einmal in den Weg zu stellen, und auch der Cid hält sein Wort und stellt ihm nicht nach.

Die Belagerung von Valencia

Der Cid verlässt die Gebirgsregionen und orientiert sich Richtung Mittelmeer. Er gewinnt mehrere Orte rund um Valencia und nimmt die Festung Murviedro ein. Die Valencianer überrumpeln den Cid in einer Nachtaktion. Der Belagerte kann es ihnen nicht verdenken und rüstet sich in Gottes Namen mal wieder für eine Schlacht. Fáñez schlägt eine List vor: Mit 100 Rittern will er dem Gegner in den Rücken fallen, während der Cid von vorn angreift. Der Plan geht auf: Sie töten zwei Maurenkönige, setzen den Unterlegenen bis Valencia nach und verwüsten ganze Landstriche. Mit reicher Beute kehren sie nach Murviedro zurück. Drei Jahre lang erobern sie eine Stadt nach der anderen. Der Cid belagert schließlich auch Valencia selbst und schneidet die Stadt vom Nachschub ab. Während der angerufene König von Marruecos der hungernden Stadt nicht zu Hilfe kommt, rekrutiert der Cid bis nach Aragón und Navarra Soldaten zur Eroberung Valencias im Namen der Christenheit. Im zehnten Monat der Belagerung ergibt sich die Stadt kampflos. Unermessliche Reichtümer fallen an den Cid, sein Anteil beläuft sich auf 30 000 Mark, jeder Fußsoldat erhält ein Pferd. Als der König von Sevilla den Cid herausfordert, kommt es noch zu einer weiteren Schlacht, und dieser Sieg erweist sich als der einträglichste von allen.

Die Gnade des Königs

Der Cid, dessen Heer auf 3600 Mann angewachsen ist, schickt diesmal 100 Pferde an König Alfonso. Er lässt ausrichten, dass er sich nach wie vor als Vasall des Königs betrachtet, und bittet, Frau und Töchter zu sich holen zu dürfen. Nebenbei spendet er noch 1000 Mark in Silber für das Kloster San Pero und richtet in Valencia ein christliches Bistum ein, das der überaus kriegsfreudige Bischof Jerónimo besetzt. Der König sichert dem Boten Fáñez und den drei Frauen sicheres Geleit zu, nimmt sich gar persönlich der Sache an und stellt den Cid und dessen Leute unter seinen Schutz. Mehr noch: Er stellt es jedermann frei, dem Cid zu folgen – nicht ganz uneigennützig, denn er hat verstanden, dass damit mehr zu gewinnen ist als mit weiterer Ächtung. Fáñez entschädigt die betrogenen Juden Rachel und Vidas und stattet die Frauen für einen triumphalen Einzug in Valencia aus.

„Wer einem guten Herrn dient, der lebt immer in Wonne.“ (S. 95)

Im Frühling geht König Yúcef von Marruecos mit 50 000 Mann bei Valencia an Land. Der Cid sieht das Treiben gelassen: Die Schlacht wird ihm die Aussteuer für seine Töchter einbringen. Bischof Jerónimo führt den ersten Schlag gegen die Mauren, Fáñez fällt ihnen in altbewährter Manier in den Rücken. Mit nur 4000 Mann schlagen sie im Namen Gottes und des Apostels Santiago das maurische Riesenheer. Die Beute ist immens, allein der Cid bekommt 1500 Pferde, von denen er 200 abzwackt, um beim König für gute Stimmung zu sorgen. Der dankt, lässt sich endlich gnädig stimmen und reitet dem Cid sogar entgegen. Mit einem Bruderkuss söhnen sich die beiden aus.

„Dort gewann er Colada, das mehr wert ist als tausend Mark Silber; dort siegte er in dieser Schlacht, wodurch er seinem Barte Ehre verlieh.“ (über den Cid, S. 111)

Diego und Ferrando, Infanten von Carrión, halten um die Hände der Töchter des Cid an. Dem schmecken diese Verbindungen zwar nicht, doch er überlässt die Entscheidung dem König, der damit auch die Verantwortung für die Ehe übernimmt. Fáñez wird zum Paten dieser Hochzeiten ernannt und vermählt im Namen des Königs die Töchter mit den Infanten. Jerónimo gibt den kirchlichen Segen, dann kann 15 Tage lang pompös Hochzeit gefeiert werden.

Die Infanten

Zwei Jahre sind seit der Hochzeit ins Land gegangen. Eines Tages, während der Cid schläft, befreit sich ein Löwe aus seinem Käfig. Während der Cid von seinen Männern geschützt wird, nehmen die Infanten Reißaus. Die Sache endet glimpflich: Der Löwe neigt sein Haupt zahm vor dem Cid. Doch die leicht kränkbaren Infanten sind verschnupft ob der eigenen Schmach. Dann steht neuer Krieg ins Haus: König Bucar aus Marruecos lagert mit 50 000 Zelten vor Valencia. Der Cid wittert reiche Beute, die Infanten dagegen haben nicht damit gerechnet, dass sie eines Tages würden kämpfen müssen. Der Cid stellt Leibwächter für sie ab, doch Pero Vermúez will lieber anständig kämpfen, als den Babysitter zu spielen. Die Schlacht beginnt. Bischof Jerónimo ist ganz vorn mit dabei bei diesem gottgefälligen Gemetzel. Als sich die Infanten nach der Schlacht brüsten, Bucar getötet zu haben, lachen die Vasallen sie aus und machen sie zum Gespött der Kompanie. Beleidigt beschließen die beiden, nach Carrión zurückzukehren. Der Cid stattet sie für die Rückkehr in ihre Länder reich aus und schenkt ihnen die Schwerter Colada und Tizón. Aus einem unguten Gefühl heraus gibt er den Töchtern seinen Neffen Félez Muñoz zum Schutz mit.

„Der Cid erreicht den Bucar drei Armlängen weit vom Meer, hoch erhob er Colada, einen gewaltigen Hieb hat er ihm gegeben, die Karfunkel des Helms hat er ihm zerspalten, er zerschnitt ihm den Helm, und, alles andere überwunden, bis zur Hüfte ist das Schwert gedrungen.“ (S. 249)

In einer einsamen Gebirgsgegend schänden die Infanten die Töchter, peitschen sie aus und lassen sie nackt, schutzlos und halb tot im Wald zurück. Der vorausgeschickte Muñoz hat eine Ahnung, nimmt unbemerkt den Weg zurück und findet die Mädchen. Eilig bringt er sie zu einem Gefolgsmann des Fáñez, der sie gesund pflegt. Als der Cid in Valencia von der Schmach erfährt, schickt er 200 Männer zur Rettung seiner Töchter. Seine Skepsis ist berechtigt gewesen, doch die Schande fällt auf den König zurück, der für die Ehe gebürgt hatte. Der Cid schwört Rache, aber es soll keine blutige sein. Der König möge einen Hoftag einberufen und die Infanten in einer Gerichtsverhandlung zur Rechenschaft ziehen. Der König entspricht der Bitte und ruft Adlige der ganzen iberischen Halbinsel in Toledo zusammen – unter Androhung eines Banns. Das gilt insbesondere für die Infanten, die lieber vom Hoftag beurlaubt werden würden.

Der Hoftag in Toledo

Die Infanten schmieden ein Komplott gegen den Cid. Als hätte der es geahnt, reist er mit fünf Tagen Verspätung an und schickt Fáñez voraus. Der König reitet ihm zum Geleit entgegen. Trotzdem tritt der Cid umgeben von einer Hundertschaft auf: Sie sind bis an die Zähne bewaffnet, habe ihre Schwerter geschliffen und tragen Rüstungen unter den Gewändern. Die Infanten haben keine Chance, dem Cid zu nahe zu kommen. Der König beruft zwei rechtskundige Grafen zu Richtern. Dann beginnt der Prozess. Der Cid tritt vor: Die Schändung seiner Töchter sei Sache des Königs. Er will jedoch seine wertvollen Schwerter zurück. Die Infanten atmen erleichtert auf und glauben, dass sie so billig davonkommen. Tizón geht an Pero Vermúez, Colada an Martín Antolínez. Der Cid fordert zudem 3000 Mark in Gold und Silber zurück, doch die Infanten haben das Geld längst verprasst. Also sollen sie ihn in Erbgütern und Naturalien entschädigen. Weil ihr Eigentum nicht ausreicht, müssen sie andere anpumpen und ziehen Spott, Schmach und Schande auf sich.

„Und du bist zwar schön, doch ein Feigling. Zunge ohne Hände, wie wagst du es, zu sprechen!“ (Pero Vermúez zum Infanten Ferrando, S. 331)

Schließlich äußert der Cid seinen Schmerz: Wenn sie die Mädchen nicht hätten haben wollen, fein – aber warum mussten sie ihnen Gewalt antun? Die Infanten sagen, die Mädchen seien ihrer nicht würdig gewesen. Da können die Mannen des Cid nicht mehr an sich halten. Vermúez, nicht gerade ein Mann vieler Worte, nennt die Infanten Lügner. Er streicht ihre Aufwertung durch den Cid heraus und erinnert sie an ihr Versagen, als sich der Löwe befreit hatte. In der Schlacht gegen die Mauren habe er, Pero, Ferrando das Leben gerettet. Martín Antolínez nimmt Diego aufs Korn und demontiert ihn in gleicher Manier. Da wird der Hoftag jäh unterbrochen: Gesandte der Prinzen von Navarra und Aragón halten um die Hände der Töchter an, die damit in absehbarer Zeit Königinnen sein werden.

„Heute sind die Könige von Spanien seine Verwandten, allen wird Ansehen zuteil wegen dem, der zu guter Stunde geboren wurde. Geschieden ist er aus dieser Welt, Mio Cid der Campeador, am Pfingsttag. Möge er von Christus Vergebung erlangen!“ (S. 367 f.)

Fáñez kann es trotzdem nicht auf sich beruhen lassen und fordert die Schufte für den nächsten Morgen zum Duell heraus. Die Feiglinge sind aber so schnell nicht bereit zum Kampf; erst drei Wochen später begegnet man sich in den Auen von Carrión. Martín Antolínez, Pero Vermúez und Muño Gustioz werden als Duellanten auserkoren, und als sie pünktlich antreten, lassen die Infanten nochmals zwei Tage auf sich warten und wollen dann auch noch die beiden Schwerter des Cid vom Kampf ausgeschlossen wissen. Dem König reißt der Geduldsfaden: Sie sollen jetzt endlich kämpfen wie Männer. Gegen ein dreilagiges Kettenhemd richtet die Lanze von Vermúez wenig aus, als er jedoch Tizón zieht, ergibt sich Ferrando kampflos. Diego tritt gegen Antolínez an, der ihn mit der flachen Seite von Colada touchiert, woraufhin Diego das Feld verlässt. Gustioz tritt gegen Assur Gonçález an, einen nahen Verwandten der Infanten, und so kommt es zum einzigen ernst zu nehmenden Kampf. In diesem wird Assur schwer verwundet. Die Ehre der Töchter ist wiederhergestellt, und man kann in Verhandlungen mit den Prinzen eintreten.

Zum Text

Aufbau und Stil

Das Lied von Mio Cid ist ein Epos im Stil der altfranzösischen Heldendichtung. Es besteht aus 152 sogenannten Tiradas, Versserien von unterschiedlicher Länge, die in drei ungefähr gleich langen Gesängen gebündelt sind. Vorangestellt ist eine rekonstruierte Prosafassung eines verloren gegangenen Teils der Saga, dann beginnt der erste Gesang mit der Verbannung des Cid. Der zweite schildert die Eroberung Valencias und die Doppelhochzeit. Im dritten folgen die Schändung der Töchter und die ultimative Wiederherstellung ihrer Ehre als künftige Königinnen. Auffallend im Text sind formelhafte Phrasen, die häufig wiederkehren und mit denen vor allem der Cid beschrieben wird. Diese sogenannten epischen Epitheta finden sich beispielsweise in der Betonung des Bartwuchses und in den Formulierungen „der zu guter Stunde Geborene“ oder „zu guter Stunde gürtetet Ihr das Schwert“. Die Formel „Mio Cid“ (mein Herr, vom Arabischen sīdi), eigentlich eine respektvolle Anredeform, verwandelt sich durch den häufigen Gebrauch in den Figurennamen. Das Epos endet mit einer abschließenden Bemerkung des Kopisten Per Abbat, datiert auf Mai 1245 (1207 heutiger Zeitrechnung).

Interpretationsansätze

  • Der Cid ist der Inbegriff eines charismatischen Führers. Aus seiner Verbannung macht er das Beste. Seine Tapferkeit auf dem Feld zahlt sich buchstäblich aus: Die Beute macht den Cid und seine stetig wachsende Gefolgschaft reich. Er erobert Valencia als eigenen Stammsitz, und als seine Töchter in die Königshäuser von Navarra und Aragón einheiraten, spielt er in der obersten Liga des spanischen Adels mit.
  • Rodrigo Díaz ist eine historische Figur. Auch Ramon Berenguer, Graf von Barcelona, und Álvar Fáñez haben wirklich gelebt. Andere Figuren, wie Pero Vermúez, haben zwar existiert, es ist aber keine Verbindung zum Cid oder den geschilderten Ereignissen belegt.
  • Das Epos zeichnet sich durch eine präzise Schilderung der mittelalterlichen Gesellschaft aus. Das betrifft Dinge wie die Gesellschaftsordnung, militärische Strategie, Geldwerte und Ausrüstung. Die Wege des Cid quer durch Spanien lassen sich exakt nachvollziehen. „Ira regis“, der königliche Zorn, war ein anerkannter Rechtsakt. Konkrete Rechtstexte und die übliche Praxis von Hof- und Gerichtstagen bilden die Grundlage insbesondere des dritten Gesangs. Dieser Realismus steht, trotz zahlreich vorhandener Fiktionalisierungen, im Kontrast zur Fantastik anderer Heldendichtungen jener Zeit.
  • Wichtigstes Leitmotiv ist die Ehre. Zwei Mal geht sie verloren (Verbannung des Cid, Schändung der Töchter), zwei Mal wird sie um ein Vielfaches gesteigert wiedergewonnen. Bei aller Gewalt auf dem Feld verhält sich der Cid doch stets besonnen, ehrenhaft, loyal und dem mittelalterlichen Rechts- und Gesellschaftssystem verpflichtet. Er lässt sich nicht von niederen Impulsen hinreißen, sondern ist von Menschlichkeit und Mäßigung, Stärke und Weisheit geleitet. Das Tricksen gehört dazu und gilt als militärische Qualität.
  • Das Lied von Mio Cid spielt zur Zeit der Reconquista auf der iberischen Halbinsel. Dass die Erfolge gegen die Mauren gottgewollt seien, betont der Text auffallend häufig. Cid erobert für die Christenheit Stadt um Stadt von den Mauren zurück – im Namen Gottes und des Apostels Santiago (zu Deutsch Jakobus), der nicht nur Schutzpatron des berühmten Jakobsweges ist, sondern auch bis heute als „Maurentöter“ der spanische Nationalheilige. 
  • Die formelhafte Anrede „Mio Cid“ (mein Herr, vom Arabischen sīdi) ist eine respektvolle Anredeform. Sie verwandelt sich durch den häufigen Gebrauch in den Figurennamen des Rodrigo Díaz. Dieser Anrede wurde auch auf andere christliche Feldherren seiner Zeit übertragen, was eine Ehrerbietung bedeutete. Dass Díaz zu Lebzeiten auch bereits als „Campeador“ (Feldkämpfer) angesprochen wurde, ist für das Jahr 1098 belegt, als er eine Urkunde mit „Rudericus Campidoctor“ unterzeichnete. Die Kombination beider Ehrenformeln als „Cid Campeador“ erscheint um das Jahr 1200 herum in der aragonesischen Heldendichtung und wird im Lied von Mio Cid endgültig etabliert. 

Historischer Hintergrund

Das maurische Spanien, ein Eldorado für Glücksritter

Im Jahr 711 überwanden Berber aus Nordafrika die Meerenge von Gibraltar und läuteten damit den Anfang vom Ende des Westgotenreiches auf der iberischen Halbinsel ein. Ihr Vormarsch war atemberaubend: In nur acht Jahren unterwarfen sie quasi die gesamte Fläche des heutigen Spaniens. Der erste Sieg einer christlichen Streitmacht gegen die muslimischen Eindringlinge war die Schlacht von Covadonga im Jahr 722, auf das landläufig auch der Beginn der sogenannten Reconquista, der christlichen Rückeroberung Spaniens, datiert wird. Diese dauerte 700 Jahre und endete 1492 mit der Eroberung Granadas durch die katholische Königin Isabella I. von Kastilien und den katholischen König Ferdinand II. von Aragón.

Der Begriff der Reconquista wurde zur Bezeichnung einer ganzen Epoche, während der christliche und muslimische Reiche nebeneinander bestanden. Diese bekriegten einander nicht immer gegenseitig, sondern waren auch in interne Streitigkeiten verwickelt und verbündeten sich gelegentlich mit Partnern aus dem andersgläubigen Lager. Ab dem Ende des elften Jahrhunderts drangen die christlichen Heere in Kerngebiete des maurischen Reiches ein (zum Beispiel Toledo im Jahr 1085), woraufhin die empfindlich getroffenen Mauren die kriegerischen Almoraviden, einen nordafrikanischen Berberstamm, ins Land riefen. Diese übernahmen in der Folge die Herrschaft im muslimischen Teil Spaniens. 

König Alfonso VI. erlitt 1086 in der heutigen Extremadura, dem damaligen Grenzland am Duero-Fluss („Extremos del Duero“), eine herbe Niederlage, konnte aber den wichtigen Weg zwischen Sevilla und Granada unter Kontrolle bringen und die große Moschee von Toledo in eine christliche Kirche umwandeln. Damit begann eine Phase, in der die Kämpfe eine stark religiöse Aufladung im Sinne eines Dschihad bzw. Kreuzzuges für die ganze Christenheit erfuhren. Der Apostel Santiago (zu Deutsch Jakobus) wurde als „Maurentöter“ zu einem Nationalheiligen. Etliche Ritterorden gründeten sich, und aus ganz Europa folgten Kämpfer den Aufrufen der Päpste.

Die kastilische und aragonesische Gesellschaft jener Zeit war geprägt von einem „espíritu de frontera“, einer Mentalität des Grenzlandes, die durch die anhaltenden kriegerischen Auseinandersetzungen und die darauffolgenden Grenzverschiebungen geprägt war. Während jener Zeit standen sich auch ein privilegienreicher, jedoch wenig liquider kastilischer Altadel und eine neue Klasse kämpferischer und mobiler Abkömmlinge des Kleinadels gegenüber, die in den Grenzgebieten Reichtum und sozialen Aufstieg suchten.

Entstehung

Das Lied von Mio Cid basiert auf der Lebensgeschichte des Rodrigo Díaz, bekannt als Campeador (Feldkämpfer) und später als El Cid. Er wurde wahrscheinlich zwischen 1045 und 1050 im heutigen Vivar del Cid nahe Burgos geboren und starb 1099 in Valencia. Der Cid war ein kastilischer Ritter mit eigenem Heer, er stand im Lauf seines Lebens im Dienst verschiedener christlicher wie auch muslimischer Herrscher und kämpfte in Söldnermanier stets im eigenen wirtschaftlichen Interesse. Ab dem Ende des elften Jahrhunderts dominierte er den Osten der iberischen Halbinsel und war Herrscher über ein autonomes Reich, das keinem König unterstand. Seine Herrschaft über Valencia wird auf 1094 datiert. Was das Epos betrifft, so gibt die vom Kopisten angegebene Jahreszahl 1245 (1207 nach heutiger Zeitrechnung) einen Anhaltspunkt: Spätestens in diesem Jahr muss das Epos entstanden sein. Zahlreiche Details im Text sind frühestens ein halbes oder Dreivierteljahrhundert nach dem Tod des Cid belegbar, und auch die juristischen Gepflogenheiten der Handlung sprechen für eine Entstehung zum Ende des zwölften Jahrhunderts. Das erhaltene Manuskript besteht aus 74 Pergamentblättern, die in Holz und Leder gebunden wurden. Diese Kopie entstand im 14. Jahrhundert, möglicherweise im Kloster San Pedro de Cardeña. Sie hat eine wahre Odyssee hinter sich und befindet sich heute in der spanischen Nationalbibliothek.

Wirkungsgeschichte

Der Cid ist heute ein spanischer Nationalheld und nach Don Quijote der bekannteste Spanier der Literaturgeschichte. Die Geschichte wurde über Jahrhunderte in den gebildeten Zirkeln des Landes tradiert, aber auch über die straßentauglichen, „Romanceros“ genannten Volksballaden. Einen Höhepunkt an literarischer Qualität erreichte die Rezeption und Weiterentwicklung in den Dramen des 16. Jahrhunderts. Im 17. Jahrhundert schwappte die Thematik über die Pyrenäen nach Frankreich und inspirierte eine ganze Reihe barocker Werke, darunter Le Cid von Pierre Corneille, bevor sich schließlich deutsche Romantiker, vor allem Johann Gottfried Herder, des Stoffes annahmen.

Die Story rief auch Hollywood auf den Plan: Eine Verfilmung aus dem Jahr 1961 war mit Charlton Heston und Sophia Loren hochkarätig besetzt. Eine Zeichentrickversion von 2003 erhielt einen Goya als bester Animationsfilm. In Valencia ist die Avenida del Cid nach dem Campeador benannt, in Zentralspanien heißt ein Ort El Poyo del Cid, was bereits im Epos erwähnt wird. Wer mobil ist, kann die Wege des Cid selbst erkunden: Die Website caminodelcid.org bietet Wegbeschreibungen für Autofahrer, Radler und Wanderer. Das Manuskript von Das Lied von Mio Cid gilt heute in Spanien als Nationalheiligtum und ist in der virtuellen Bibliothek des spanischen Kulturinstituts Instituto Cervantes einsehbar.

Über den Autor

Über den (oder die) Verfasser des Lieds von Mio Cid gibt es keine gesicherten Erkenntnisse. Die Forschung diskutiert verschiedene einander widersprechende Theorien, doch keine davon fußt auf einer soliden Datenbasis. Am Ende des Textes steht der Name Per Abbat, der daher als Autor ins Spiel gebracht wurde. Diese Theorie wurde jedoch vielfach kritisiert, denn die Formulierung eines solchen „Explicit“ ist typisch für mittelalterliche Kopisten, die ihre Arbeit signierten. Im Allgemeinen erkennen die Kritiker an, dass das Epos von Anfang an schriftlich (im Gegensatz zur oralen und sängerischen Tradition) von einer hochgebildeten Person mit speziellen Kenntnissen in Rechtslehre und Latein verfasst worden sein muss. Eine andere These besagt, dass es sich um einen oder mehrere Angehörige des Klerus gehandelt haben könnte, die das Werk nur wenige Jahrzehnte nach dem Tod des Cid verfassten und gemeinschaftlich weiterentwickelten. Sie könnten in der kastilischen Stadt Medina (heute Medinaceli, Provinz Soria) gelebt haben, da sich die geografischen Angaben zu dieser Gegend als besonders exakt erwiesen. Dasselbe gilt jedoch auch für die Gegenden von Calatayud und das Becken des Jiloca. Ortskenntnis, Realismus und das Verhältnis von Historie und Fiktion sind wichtige Argumente in der Debatte um Autorenschaft und Entstehungsdatum des Werks. Auch die Möglichkeit, dass sich das literarische Epos aus einer kürzeren Version weiterentwickelte, die ursprünglich nur die realen Fakten wiedergab, wurde vorgebracht; dem widerspricht aber, dass der Text wie aus einem Guss erscheint. Vieles deutet darauf hin, dass es sich um eine Einheit aus der Feder eines einzigen Autors handelt, der offenbar mit dem traditionellen wie auch dem französischen Epos – damals en vogue – vertraut war.


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