Zusammenfassung von Das Prinzip Hoffnung

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Das Prinzip Hoffnung Buchzusammenfassung

Literatur­klassiker

  • Philosophie
  • Moderne

Worum es geht

Eine konkrete Utopie für eine bessere Welt

Viele sehnten sich im 20. Jahrhundert nach einer besseren, gerechteren Welt. Doch keiner hat sie so beredt in Worte gefasst und ihre Bedingungen und Möglichkeiten so systematisch erarbeitet wie Ernst Bloch in seinem Hauptwerk Das Prinzip Hoffnung. Als Bloch während des Zweiten Weltkriegs im US-amerikanischen Exil an dem Werk arbeitete, sollte der Titel zunächst „Dreams of a better life“ lauten: Hoffnung soll in die Wirklichkeit umgesetzt werden. Bloch spricht deshalb von der Hoffnung als einer „konkreten Utopie“. Er geht von den Wünschen und Tagträumen der Menschen aus, dem Ausdruck vielfältigster Hoffnungen. Die Hoffnung ist das den Menschen in seinen täglichen Geschäften leitende Prinzip, der individuelle Antrieb und das Wissen um das Potenzial, ein erfülltes, besseres Leben führen zu können, frei von Demütigung und Entfremdung. Dafür muss sich der Mensch noch nicht ausgeschöpfter Möglichkeiten bewusst werden, um diese schließlich realisieren zu können. Bloch hatte als Beispiel die Sowjetunion vor Augen, später dann die DDR und andere Staaten, in denen der Sozialismus Einzug gehalten hatte. Der zeitweise überzeugte Stalinist kritisierte aber bald die neuen Machthaber und entwickelte sich vom Staatsphilosophen zur Persona non grata. Das Prinzip Hoffnung ist der in der Philosophie des 20. Jahrhunderts einzigartige Versuch, die Hoffnung als Prinzip menschlichen Zusammenlebens aufzuzeigen und zugleich den Beweis zu erbringen, dass die Utopie keine Schimäre, sondern eine reale Möglichkeit ist.

Take-aways

  • Das Prinzip Hoffnung ist das Hauptwerk des Philosophen Ernst Bloch und gilt als die umfangreichste konkrete Utopie im 20. Jahrhundert.
  • In der Hoffnung sieht Bloch die Triebkraft für eine Verbesserung der menschlichen Lebensverhältnisse.
  • Der Mensch lebt im Zustand des „Noch-Nicht-Bewussten“. Tagträume zeigen ihm, welche Wünsche er für die Zukunft hat.
  • Aus den Wünschen lassen sich reale Möglichkeiten ableiten, um eine menschenwürdige Welt ohne Ausbeutung und Abhängigkeiten zu schaffen.
  • Die klassenlose Gesellschaft ist für Bloch die Voraussetzung für eine Humanisierung der Lebensbeziehungen.
  • Der „Kältestrom“ des Marxismus zerstört die Legitimation der Macht, sein „Wärmestrom“ emanzipiert den erniedrigten Menschen und gibt ihm seine Würde zurück.
  • Die vollkommene Geborgenheit einer Welt, in der man arbeitet, um zu leben, und nicht lebt, um zu arbeiten, nennt Bloch „Heimat“.
  • Bloch analysiert zahlreiche historische Sozialutopien, die den Wunsch der Menschen dokumentieren, nach ihrem freien Willen leben zu können.
  • Blochs Utopie ist allumfassend zu verstehen: Sie enthält die menschliche Arbeitswelt ebenso wie die Künste, die Technik, die Architektur und die Religion.
  • Die Tatsache, dass die Kulturgeschichte Mythen und Bilder hervorgebracht hat, die die Überwindung des Todes darstellen, beweist für Bloch die Macht der Hoffnung.
  • Das Prinzip Hoffnung brachte Bloch in der DDR in den Ruf, ein Utopist und Revisionist zu sein, und führte zu seiner Zwangsemeritierung an der Universität Leipzig.
  • Nach der Niederlage des Kommunismus drohte Bloch in Vergessenheit zu geraten, doch vor dem Hintergrund der Diskussion um soziale Gerechtigkeit wird sein Werk wieder vermehrt zitiert.
 

Zusammenfassung

Die Hoffnung als lebenserhaltender Trieb

Die Nahrungssuche mit dem Ziel, den physischen Hunger zu stillen, ist der Grundtrieb der menschlichen Existenz. Der Hunger ist eine Metapher des Lebenstriebs, der Kraft des Einzelnen, sich selbst nicht nur am Leben zu halten, sondern auch an seinen Lebensbedingungen zu arbeiten und sie permanent zu verbessern. Diese Kraft findet ihren Ausdruck im Wunschdenken, in Tagräumen und Fantasien, die wiederum in Projekten künstlerischer, philosophischer und technischer Natur hervorscheinen: In diesen Projekten kommt das „Noch-Nicht-Bewusste“ zum Ausdruck. Damit ist das Potenzial des menschlichen Intellekts gemeint, über die Zukunft nachzudenken, sie zu gestalten und mit planerischer Kraft auf sie einzuwirken – zuerst auf das unmittelbare Umfeld des Einzelnen und später dann im Kollektiv auf die Welt als Ganze. Sigmund Freuds Traumdeutung und seine Schriften über das Unbewusste bilden hier einen Ausgangspunkt: Nach Freud ist das Unbewusste Vehikel verborgener Wünsche und Hoffnungen. Eine besondere Rolle kommt dabei den Tagträumen zu: Im Unterschied zu den Nachtträumen, in denen Verdrängtes in verschlüsselter Form wieder auftaucht, widerspiegeln die Tagträume sehr konkret die materiellen und mentalen Lebensbedingungen des Alltags sowie den Wunsch und die Hoffnung, diese durch konkrete Maßnahmen verbessern zu können.

Der Tagtraum greift vor

In den Augen von Freud ist der Tagtraum nur eine Entwicklungsstufe, die dem Nachttraum vorausgeht. Dem Tagtraum kommt aber eine ungleich höhere Bedeutung zu: Er zeichnet sich dadurch aus, dass er der Vorstellungskraft des Einzelnen einen hohen Grad an gestalterischer Freiheit lässt, weil er nicht wie der Nachttraum vergangenheitsbezogen im Triebleben wurzelt. Der Tagtraum artikuliert sich einerseits in zusammenhanglosen Wünschen und Schwärmereien, andererseits lässt er aber auch ein vernunftbezogenes Planen zu. Insofern hat er eine in die Zukunft vorgreifende Wirkung. In dem Maße, wie der Tagtraum vom Tagträumer kontrolliert wird, zeigt sich, dass dieser sich seiner Gestaltungsfreiheit durchaus bewusst ist. Er sieht sich selbst in der Lage, die Welt zu verbessern und „eine Fahrt ans Ende“ zu unternehmen. Das heißt, dass die sich im Tagtraum einstellenden Wünsche in einer Beziehung zu einem konkreten Ziel stehen, das möglicherweise utopisch, ganz sicher aber inhaltlich genau bestimmt ist. Der Tagtraum bedarf deshalb keiner Deutung wie der Nachttraum, hingegen muss er ggf. korrigiert und dann verwirklicht werden.

Leben im Zustand des Noch-Nicht-Bewussten

Aus der Tatsache, dass die Menschen die Fähigkeit besitzen, sich tagträumend künftige Entwicklungen zu wünschen und sie vorwegzunehmen, lässt sich ableiten, dass die menschliche Existenz nichts Fertiges oder Abgeschlossenes hat. Sie strebt vielmehr danach, sich in der Zukunft zu vollenden. Der Mensch lebt also im Zustand des „Noch-Nicht-Seins“ oder des „Noch-Nicht-Bewussten“. Das Sein des Menschen hat einen fragmentarischen Charakter, sein Bewusstsein ist bruchstückhaft. Das Sein ist unfertig – es hat aber davon Kenntnis und verwendet nun viel Energie darauf, sich zu vollenden. Die Entwicklung zur Vollendung bedarf des Anstoßes aus der Lebenspraxis. Der Einzelne kann zur Wurzel der Geschichte in dem Maße werden, wie er auf sein Lebensumfeld ständig reagiert und dieses schließlich selbst neu gestaltet. Von größter Bedeutung ist dabei, dass die historischen Gegebenheiten den Einzelnen tatsächlich zur Reaktion herausfordern und dieser die Herausforderung auch annimmt.

Möglichkeiten ausschöpfen

Ob diese Herausforderung angenommen wird, hängt von der Fähigkeit des Einzelnen ab, die real-objektiven Möglichkeiten, welche die jeweiligen historischen Gegebenheiten in sich bergen, zu durchdringen und zu verstehen. Unter „real-objektiven Möglichkeiten“ sind die latent vorhandenen Chancen zu verstehen, die selbst in nachteiligsten Lebensumständen vorhanden sind. Die Auffassung der Kommunistischen Internationalen, dass historische Entwicklungen quasi „automatisch“ verlaufen, sich also gleichsam der Einwirkung Einzelner entziehen, ist abzulehnen, weil sie dafür sorgt, dass die Macht der Herrschenden zementiert wird. Stattdessen ist der Meinung von Karl Marx zu folgen, der im Proletariat das Subjekt der Geschichte gesehen hat.

„Ich rege mich. Von früh auf sucht man. Ist ganz und gar begehrlich, schreit. Hat nicht, was man will.“ (S. 21)

Hoffnung ist keine bloße Zuversicht, die mal stärker, mal schwächer entwickelt ist, sondern eine Form der Überzeugung, das Richtige zu tun. Die geschichtlichen Rahmenbedingungen stellen den Ort dar, an dem die Erfüllung von Hoffnung messbar wird. Allerdings ist auch der völlige Misserfolg geschichtlicher Entwicklungsprozesse nicht gänzlich ausgeschlossen. Das totale Scheitern, das „Nichts“ ist durchaus vorstellbar – doch widerspricht es dem Prinzip der Hoffnung, zu glauben, dass das „Nichts“ eintreffen könnte.

Kälte und Wärme des Marxismus

Der Marxismus und seine Zielsetzungen geben jedem Menschen das Instrumentarium an die Hand, mit dem er einschätzen kann, in welchem Entwicklungsstadium sich seine Lebensbedingungen befinden. Das höchste Ziel des Marxismus ist es, jeglicher Versklavung und Demütigung von Menschen ein Ende zu setzen. Den Schlüssel dazu sah Marx in der Aufhebung des Prozesses der Selbstentfremdung: Dem Arbeiter soll wieder das Produkt gehören, das er hergestellt hat, er soll seine Arbeitsleistung nicht mehr unter Wert verkaufen müssen. Der Marxismus gibt die Eckpunkte einer humanen Gesellschaft vor. Er bildet dabei einen „Kältestrom“ und einen „Wärmestrom“, mit denen die gesellschaftlichen Veränderungen herbeigeführt werden. Der Kältestrom bekämpft und entzaubert die Argumente, die den Mächtigen als Legitimation ihrer ausbeuterischen Tätigkeit dienen. Der Wärmestrom stellt die Selbstachtung des erniedrigten Menschen wieder her, indem er ihn emanzipiert.

„Keiner hat sich diesen drängenden Zustand ausgesucht, er ist mit uns, seit wir sind und indem wir sind. Leer und daher gierig, strebend und daher unruhig geht es in unserem unmittelbaren Sein her.“ (S. 49)

Die Mechanismen der Macht beruhen u. a. auf der Aufrechterhaltung des schönen Scheins. Darin ist auch die Kunst eingeschlossen, die die Welt mit unfertigen oder gar verlogenen Argumenten darstellt und interpretiert. Das gilt vornehmlich für diejenige Kunst, die ihren Ursprung in den Fürstenhäusern hat. Erst Friedrich Engels hat eine realistische Kunst gefordert, die typische, also charakteristische Situationen – und nicht zuletzt das Leiden der Massen – abbildet.

Das höchste Gut

In einer bedeutenden Quelle der ostasiatischen Philosophie, im Taoteking des Laotse, findet sich ein Pendant zum marxistischen Wärmestrom: Das Tao ist der „Archetyp des höchsten Gutes“. Es ist die Erfahrung einer unübertroffenen Geborgenheit, einer wahrhaft guten Existenz, der gegenüber selbst der Tod seinen Schrecken verliert. In dieser Existenz lebt man nicht, um zu arbeiten, sondern arbeitet, um zu leben. Hier manifestiert sich das „wahre Wesen“, die Erfüllung des Wünschens nach Vollendung, nach Heimat – dem Ort, an dem der Erfüllung Suchende noch nicht gewesen ist. Wenn christliche Mystiker ihre Erfahrungen Gottes beschrieben, klang das ähnlich. Aber von einer mystischen Abwendung von der Welt, mit dem Wunsch etwa, nichts mehr wünschen zu wollen, ist nichts zu halten. Der „Archetyp des höchsten Gutes“ lebt in allen Menschen, in ihm wurzeln alle Tagträume und Utopien. Doch der Geist des Menschen soll nicht nur weltabgewandt am „Herd der Innerlichkeit“ leben, sondern auch am „Herd des Objekts“: Es geht darum, die Kraft des höchsten Gutes nach außen zu tragen, um eine bessere Gesellschaft zu gestalten.

Soziale Utopien

In der künstlerischen Produktion der Menschheit ebenso wie in der Tatsache, dass der Mensch philosophiert, dass er Mythen zugetan ist, Erfindungen macht und Visionen entwickelt, ist ein Ausdruck des Wünschens zu erkennen, ein „Vorschein“ eines Zustandes der Vollendung. Die historischen Sozialutopien von Diogenes und Platon über Augustinus und Joachim di Fiore bis hin zu Thomas Morus, Charles Fourier und Michail Bakunin treten allesamt – obwohl zu ganz unterschiedlichen Zeitpunkten in der Zivilisationsgeschichte entstanden – den Beweis an, dass die Menschen nie mit dem Erreichten zufrieden waren, sondern sich nach einem Leben sehnten, in dem alle Menschen ihrem freien Willen folgen können, ohne sich in wirtschaftliche oder politische Abhängigkeit von anderen begeben zu müssen. Entsprechend weit ist dann auch der Begriff der Utopie zu verstehen: Sie bleibt nicht auf jene Nischen beschränkt, die von Träumen besetzt werden, auch geht es nicht nur um die beste Verfassung der Gesellschaft. Vielmehr umfasst die Utopie die menschliche Arbeitswelt ebenso wie die Künste, die Technik, die Architektur und die Religion. Utopie ist nicht das Nirgendwo, sondern eine Triebkraft, die dem Menschen ebenso wie der Materie eigen ist und die sich gegen das nicht Fertige und Verunsichernde, gegen das Ungerechte und Menschenunwürdige wendet.

Begrenzte Arbeitszeit und Gleichberechtigung

Schon bei Laotse findet man die Vorstellung, die Arbeit als Befriedigung der Grundbedürfnisse des Lebens, nicht aber als Profitmaximierung zu begreifen. Dies zeigt sich auch im wirklich freien Arbeiten eines Handwerkers, dessen Haus Heim und Werkstatt zugleich ist. Dieser Handwerker verkauft das von ihm hergestellte Produkt – und nicht seine Arbeitskraft – und hat zugleich die Chance, während eines zeitlich begrenzten Arbeitstages zu sich selbst zu finden. Vom Sozialismus ist zu erwarten, dass er der Arbeit den Charakter der Fron nimmt, weil die klassenlose Gesellschaft die menschliche Arbeit ohne Entfremdung möglich macht. Der Arbeiter fühlt sich dann nicht mehr als Ware, sondern entwickelt eine starke Identifikation mit dem Ergebnis seiner Leistung und wird dabei glücklicher. In der deutschen Literatur lassen sich für diese Situation der Geborgenheit aufgrund idealer Arbeitsbedingungen zahlreiche Beispiele finden: die Bauernromane von Johann Peter Hebel und Jeremias Gotthelf etwa. Nicht unerheblich ist dabei übrigens auch, dass in dieser bäuerlichen Arbeitswelt Frauen keine untergeordnete Rolle spielen, sondern den Männern gleichgestellte Partnerinnen sind.

Hoffnung über den Tod hinaus

Der Tod ist eine „Nicht-Utopie“. Gegen ihn, so scheint es auf den ersten Blick, hat auch die Hoffnung keine Chance. Der Tod, das Verlassen der Zeit, ist das einzige gesicherte Wissen, das der Mensch von der Zukunft hat. Dennoch begehrt er gegen die Unausweichlichkeit des Sterbens auf und will weiterhin in der Hoffnung leben, stärker als der Tod zu sein. So entwirft der Mensch Mythen und Bilder der Überwindung des Todes: Bei Homer ist der Tod ein Zwillingsbruder des Schlafes; bei Hesiod wohnen beide gemeinsam am Eingang der Unterwelt; die Christen in Korinth tauften selbst ihre Toten; und im barocken Trauerspiel überleben die Toten als Statuen, um als Allegorien auf einen weit über ihre eigene Existenz hinausgehenden Sinn zu verweisen. Der Wunsch nach Unsterblichkeit hat noch viele andere Bilder und Texte hervorgebracht – und war gerade in dieser Produktivität stärker als der Tod. Das Überleben der Gattung Mensch, jene urtümliche Kraft, sich nicht selbst aufzugeben trotz des Wissens um den Tod, ist das philosophiegeschichtlich wichtigste Urbild von Hoffnung.

Trost und Hoffnung des Marxismus

Der Kampf für ein Ende von Erniedrigung und Knechtschaft ist bei Marx keine Form der Wohltätigkeit des Herzens. Vielmehr muss aus Gemüt, Gewissen und dem Wissen um die gesellschaftlichen Zustände ein sozialistisches Bewusstsein entstehen, das stärker ist als das individuelle. Das sozialistische Bewusstsein kann sich auch bei Menschen der herrschenden Klasse einstellen, nämlich in der Erkenntnis der Gleichheit aller. Allein eine tätige Menschlichkeit kann eine heimatliche Zukunft schaffen. Das Ziel, Menschlichkeit zu verwirklichen, richtet sich zunächst an die Gesellschaftsschicht, die ihrer am meisten bedarf: das Proletariat. Arbeiterinnen und Arbeiter stellen zwar das Maximum möglicher Entfremdung, das „Nichts“ mithin, dar, andererseits ist das „Nichts“ die notwendige Voraussetzung, um die Utopie der Gleichheit in die Realität umzusetzen und die Zukunft zur „Heimat“ zu machen. Die Welt als „Heimat“ ist in der Realität schon angelegt – nämlich als Kehrseite der gegenwärtigen Entmenschlichung. Darin liegt der radikale Handlungscharakter der Marx’schen Philosophie begründet – eine Besonderheit, die das Bürgertum, gewohnt an den bloßen Betrachtungscharakter der Philosophie, nie akzeptiert hat. In der Anweisung zu handeln und die Welt besser zu gestalten liegt das dem Marxismus eigene Potenzial an Hoffnung und Trost.

Zum Text

Aufbau und Stil

Blochs Prinzip Hoffnung gehört zu den umfangreichsten Werken der westlichen Philosophiegeschichte. Es besteht aus drei Bänden, hat über 1600 Seiten und ist in fünf Abschnitte mit insgesamt 55 Kapiteln unterteilt. Manche der Kapitel sind so umfangreich, dass sie, auch von ihrem gedanklichen Aufbau her, als eigenständige Bücher gelten könnten. Tatsächlich ist das rund 500 Seiten lange Kapitel über die diversen historischen Sozialutopien bereits 1946 als Buch in New York erschienen. Bloch verzichtet darauf, ausdrücklich auf die Verwobenheit der einzelnen Kapitel hinzuweisen; im Grunde stellt jedes Kapitel eine eigenständige Brücke zu Blochs Hauptbotschaft her: der Rehabilitierung und politischen Fruchtbarmachung des Utopiegedankens. Blochs Bildung ist von enzyklopädischer Breite, was ihm erlaubt, sich in einem Atemzug zugleich zu den Vorsokratikern und Hegel, der Alchemie und Hoffmanns Erzählungen, dem Messianismus, der Kunstphilosophie Schellings, Mozarts Opern und Fouriers Utopien zu äußern. Blochs Stil ist mal von irritierender Verschlossenheit, was zuweilen die Lektüre mühsam macht, dann wieder von großer Suggestivkraft, nicht zuletzt aufgrund Blochs pathetischer Sprache. Nicht selten scheint es der Autor dem Leser überlassen zu wollen, sich beim Gang durch die Ideengeschichte der Menschheit wie in einem Laden zu bedienen und das für sich Passende herauszusuchen. Die Poesie von Blochs Sprache, aber auch die Esoterik seines Denkens haben immer wieder Leser verführt, dieses scheinbar schwer zu bezwingende Mammutwerk in Angriff zu nehmen.

Interpretationsansätze

  • Bloch stützt sich auf Sigmund Freuds Trieblehre: Das Triebleben des Menschen (Geschlechts-, Nahrungs-, Selbsterhaltungs-, Machttrieb etc.), das Freud in seiner persönlichkeitsbildenden Funktion analysierte, ist für Bloch Voraussetzung für die Wünsche und Zukunftsträume der Menschen – und somit für das Prinzip Hoffnung.
  • Bloch erkennt zwei Qualitäten der Hoffnung: Einerseits ist sie ein Pfeiler unserer innersten Identität, andererseits ist sie eine Reaktion des Menschen auf die äußere Welt, auf Leid und Not. Sie will entsprechend die Welt humanisieren.
  • Einen großen Teil seines umfangreichen Werkes widmet Bloch der Schilderung der wichtigsten Sozialutopien der Menschheitsgeschichte. Auf diese Weise will er nachweisen, dass es immer schon zum Wesen des Menschen gehört hat, die wirtschaftliche Abhängigkeit von anderen so gering wie möglich zu halten und seine Geschicke selbst zu lenken.
  • Blochs Philosophie ist sehr stark auf die Zukunft ausgerichtet: Der Mensch vereint in sich nicht nur die bereits realisierten Möglichkeiten all dessen, was die Geschichte aus ihm gemacht hat, sondern auch diejenigen, die er in Zukunft noch realisieren kann.
  • Bloch steht in der Tradition des utopischen Sozialismus, der von Marx und Engels kritisiert wurde, stellt aber den Sozialutopien der Geschichte keine eigene, neue gegenüber. Er sieht im Marx’schen Kommunismus das Instrument, um die kollektive Hoffnung auf eine bessere Welt in die Realität umzusetzen. Bloch ist jedoch ein untypischer, undogmatischer Marxist, der u. a. stark metaphysisch denkt und der das „Noch-Nicht-Sein“ zum Wesen des Menschen erklärt.

Historischer Hintergrund

Der Sozialismus als Utopie des 20. Jahrhunderts

Als Ernst Bloch sein Hauptwerk Das Prinzip Hoffnung in den 50er Jahren in der DDR publizierte, erschien der Kommunismus nach den Schrecken des von den Nazis entfesselten Weltkriegs in den Ländern Osteuropas vielen als eine vernünftige Alternative. In den 60er Jahren wurden nicht nur linke Studentenorganisationen in Westeuropa, sondern auch die Befreiungsbewegungen der vormals kolonisierten Länder in aller Welt von der Euphorie eines Systemwechsels ergriffen. Die Niederschlagung des Prager Frühlings 1968 durch die Sowjetunion bewirkte nicht etwa eine Abkehr vom Sozialismus, sondern eine Diskussion um einen Sozialismus mit menschlichem, demokratischem Antlitz. Mitten in die politischen Auseinandersetzungen um die Hoffnung auf ein besseres Leben, dessen Sinn nicht allein in der Arbeit als Mittel zur Gewinnmaximierung liegt, stieß Ernst Bloch mit seinem Prinzip Hoffnung. Blochs eigenwilliger marxistischer Ansatz schien die logische Folge des ewigen Wunsches der Menschheit nach einem gerechteren Leben zu sein. So wurde das Bloch’sche Denken auch für Nichtmarxisten und Befürworter eines demokratischen Sozialismus attraktiv. Der Nährboden war günstig: Erstmals nach 1945 übernahm in den 70er Jahren eine sozialdemokratisch geführte Regierung in der Bundesrepublik die Verantwortung. Bedeutende politische Weichenstellungen wurden getätigt: für größere Chancengleichheit, etwa im Bildungswesen, und für die Mitbestimmung der Arbeiter in den Unternehmen. Zudem zogen sich damals die alten bürgerlichen Eliten aus Verwaltung, Wirtschaft und Politik zurück – ein Generationenwechsel fand statt. Willy Brandts Forderung aus dem Jahr 1969, „Mehr Demokratie wagen“, kann seine geistige Nähe zu Blochs Forderung „Möglichkeit verwirklichen“ kaum verleugnen.

Entstehung

1906, ein Jahr nachdem Bloch das Philosophiestudium im weltstädtischen München aufgenommen hatte, zog es ihn an die Universität der verschlafenen Kleinstadt Würzburg. Dort gelangte er zu einer Erkenntnis, die er selbst immer wieder als sein „philosophisches Schlüsselerlebnis“ bezeichnete. Es war die Entdeckung des „Noch-Nicht-Bewussten“, die Erkenntnis, dass die Menschheit bislang immer nur über ihre Herkunft philosophiert hatte, nicht aber über das Entwicklungspotenzial, das in ihrer Zukunft steckt. Bloch war der Meinung, dass die marxistische Utopie einer klassenlosen Gesellschaft ein in der Geschichte bereits vorhandenes Versprechen war, das seiner Konkretisierung harrte. Aus dieser Erkenntnis heraus entstand 1918 Blochs große Abhandlung Geist der Utopie, in dem die wesentlichen Entwicklungslinien seines gesamten Schaffens bereits angelegt sind. Das Prinzip Hoffnung schrieb Bloch erst viel später, nämlich in der US-amerikanischen Emigration zwischen 1938 und 1947. Das Buch sollte noch während des Zweiten Weltkriegs unter dem Titel „Dreams of a better life“ in der Oxford University Press publiziert werden. Dazu kam es jedoch nicht: In der angelsächsischen Öffentlichkeit wurde zunehmend befürchtet, dass nach dem Sieg über die Nazis die Sowjetunion der nächste gemeinsame Gegner der Alliierten sein würde. Da konnte dem Marxismus nur ein kleines Potenzial zuerkannt werden. Immerhin kam ein Vorabdruck des Abrisses der Sozialutopien 1946 in New York unter dem Titel Freiheit und Ordnung heraus. Vollständig wurde das dreibändige Prinzip Hoffnung erst zwischen 1954 und 1959 im Aufbau-Verlag in der DDR publiziert. Noch vor dem Wechsel Blochs in die BRD übernahm Suhrkamp im Jahr 1959 das erneut überarbeitete Manuskript.

Wirkungsgeschichte

Das Prinzip Hoffnung brachte Bloch in der DDR den Ruf ein, Utopist und Revisionist zu sein, und wurde damit zu einem Grund für den Bruch zwischen der Staatsführung und dem Philosophen. Ab 1961, als Bloch nach dem Bau der Mauer nicht mehr in die DDR zurückgekehrt war, machte Das Prinzip Hoffnung ihn in der Bundesrepublik zu einer Leitfigur der Studentenbewegung. Zur gleichen Zeit öffnete sich auch einige evangelische Theologen wie Helmut Gollwitzer und Dorothee Sölle einer Philosophie der Hoffnung. Die katholische Seite hingegen bezeichnete Blochs Hauptwerk als eine „Philosophie ohne Hoffnung“. Ablehnend war das Echo auch in bürgerlichen Gelehrtenkreisen, und nur der Respekt vor der Tatsache, dass Bloch die DDR aus eigenem Willen verlassen hatte, bewahrte ihn wahrscheinlich vor einer grundsätzlicheren Auseinandersetzung. 1978 erschien posthum ein Ergänzungsband von Bloch zur Gesamtausgabe seiner Werke mit dem Titel Tendenz – Latenz – Utopie, in der viele auch eine Verteidigungsschrift seiner Philosophie sahen. Eine unmittelbare Reaktion im Sinne eines Gegenentwurfs, der sogar an Blochs Titel anknüpft, stellt Hans Jonas’ 1979 erschienenes Werk Das Prinzip Verantwortung dar. Jonas warf Bloch vor, die Augen vor den ethischen Anforderungen der technologischen Zivilisation zu verschließen. Diese kehre die Vorzeichen um, indem sie den Einzelnen in die moralische Verantwortung für das Kollektiv nehme und nicht umgekehrt. Spätestens nach der historischen Niederlage des Marxismus ist es um Blochs Hoffnungsphilosophie ruhiger geworden. Nichtsdestoweniger gehört Das Prinzip Hoffnung heute zu den meistzitierten Buchtiteln überhaupt. Die Diskussion um den Abbau sozialer Leistungen des Staates unter dem Druck der Globalisierung könnte Blochs Hauptwerk wieder mehr Gehör verschaffen.

Über den Autor

Ernst Bloch wird am 18. Juli 1885 in Ludwigshafen geboren. Er entstammt einer Familie jüdischen Glaubens und wächst in kleinbürgerlichen Verhältnissen auf. Schon früh ist er von den Schriften Schellings fasziniert. Er studiert in München und Würzburg Philosophie und schließt 1908 mit einer Promotion über Heinrich Rickerts ab. In den folgenden Jahren gehört Bloch in Heidelberg zum Kreis um Max Weber. Von 1917 bis 1919 lebt der Pazifist aus Protest gegen den Ersten Weltkrieg als Emigrant in der Schweiz. Dort schließt Bloch sein 1918 veröffentlichtes erstes großes Werk Geist der Utopie ab, worin er sich zum ersten Mal als undogmatischer Marxist profiliert, der sich auch an Themen der religiösen Offenbarung orientiert. In den 20er Jahren arbeitet er als freier Publizist in Berlin, von wo aus er nach der Machtergreifung der Nazis emigriert, zuerst wieder in die Schweiz, dann nach Wien und Prag. In jener Zeit entsteht ein dunkler Fleck in Blochs Biografie: Gegenüber seinen Freunden Georg Lukács und Theodor W. Adorno verteidigt er vehement Stalins Schauprozesse, eine Position, die Bloch erst 1956 im Zuge der Entstalinisierung der Sowjetunion aufgeben wird. 1938 emigriert er in die USA und beginnt dort die Arbeit an Das Prinzip Hoffnung. Mit hohen Erwartungen an den sozialistischen Neuaufbau kehrt Bloch 1949 in die DDR zurück, wo er eine Professur in Leipzig erhält. Das Prinzip Hoffnung erscheint in drei Bänden zwischen 1954 und 1959 in der DDR. Dort wird Bloch wie ein Staatsphilosoph behandelt – bis er die Staatsführung wegen der Unterdrückung des Ungarnaufstandes 1956 offen kritisiert. Das wird zum äußeren Anlass des Bruches. 1957 wird er zwangsemeritiert. Als Walter Ulbricht 1961 die Mauer errichten lässt, entschließt sich Bloch, der DDR den Rücken zu kehren, und nimmt eine Gastprofessur in Tübingen an. Dort stirbt er am 4. August 1977.


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