Zusammenfassung von Das Prinzip Verantwortung

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Das Prinzip Verantwortung Buchzusammenfassung

Literatur­klassiker

  • Philosophie
  • Moderne

Worum es geht

Philosophisches Handbuch für eine aus den Fugen geratene Welt

Darf die Menschheit kollektiven Selbstmord begehen? Dass sie technisch dazu in der Lage ist, darüber bestehen bereits seit Jahrzehnten keine Zweifel. Die Philosophie hatte lange Zeit keine Antwort auf diese und andere Probleme des technologischen Zeitalters. Hans Jonas lieferte in seinem Hauptwerk von 1979 die philosophische Theorie zu den Bedrohungen durch die schier unbegrenzte Macht des Fortschritts. In Das Prinzip Verantwortung ruft er nach Zügeln, die die Menschheit von der Zerstörung ihrer selbst abhalten. Jonas zeigt auf, wieso die herkömmliche Ethik angesichts der großen Bedrohungen der Zivilisation nicht mehr hinreichend ist. Er kritisiert die Utopie des Marxismus, der genau wie der Kapitalismus auf der Ausbeutung der Natur beruht und die vergebliche Hoffnung auf einen besseren Menschen nährt. Der Philosoph hält diesem irrigen Wunschglauben das hässliche Bild des schlimmstmöglichen Endes entgegen. Nur durch die Furcht vor der Apokalypse könne die Menschheit zur Vernunft gebracht werden. Statt den Menschen mit Ernst Blochs „Prinzip Hoffnung“ untergehen zu sehen, nimmt Jonas ihn mit dem „Prinzip Verantwortung“ in die Pflicht. Jonas’ Verantwortungsethik legte den Grundstein für eine Debatte um die Zukunft der Welt, die bis heute nichts an Aktualität verloren hat.

Take-aways

  • Mit seinem Hauptwerk Das Prinzip Verantwortung erlangte der Natur- und Technikphilosoph Hans Jonas weltweite Anerkennung.
  • Das Buch ist der Entwurf einer Ethik im Zeitalter der modernen Technologien.
  • Im Gegensatz zu früher ist der Mensch heute in der Lage, mit der Technik die ganze Welt zu zerstören.
  • Da die bisherige Ethik dieser Bedrohung nicht gerecht wird, besteht in der Moderne ein ethisches Vakuum.
  • Der Mensch hat die moralische Pflicht, das Erbe der Zivilisation und den Planeten Erde zu bewahren.
  • Nötig ist dazu eine „Heuristik der Furcht“, die mit den schlimmstmöglichen Gefahren rechnet; Irrtümer sind nicht mehr erlaubt.
  • Die Menschheit hat kein Recht auf kollektiven Selbstmord, sie ist moralisch zum Dasein verpflichtet.
  • Weil die Menschheit mit ihrem Handeln bereits heute ihre Zukunft aufs Spiel setzt und darum weiß, steht sie in der Verantwortung.
  • Utopien, die naive Hoffnungen in einen besseren Menschen setzen, wie etwa der Marxismus, taugen angesichts der realen Gefahren nichts.
  • Dem „Prinzip Hoffnung“ von Ernst Bloch muss deshalb das „Prinzip Verantwortung“ entgegengestellt werden.
  • In Anbetracht der drohenden ökologischen Katastrophe sind eine zurückhaltende Anwendung der Technik und ein vorsichtiger Umgang mit den Ressourcen geboten.
  • Jonas’ Buch legte 1979 den Grundstein zu einer anhaltenden Debatte über den Umgang mit dem Fortschritt in Technik und Medizin.
 

Zusammenfassung

Das ethische Vakuum der Moderne

Die Ethik ging bisher davon aus, dass die Natur des Menschen und der Dinge im Grunde feststünde. Daraus ließen sich Grundsätze des richtigen Handelns ableiten. Ob eine Tat „gut“ oder „schlecht“ war, zeigte sich innerhalb kurzer Zeit; das menschliche Handeln hatte eine beschränkte Reichweite. Diese Voraussetzungen haben sich im Zeitalter der modernen Technologien geändert. Durch die technischen Möglichkeiten erhält das menschliche Handeln eine ganz neue Dimension. Seine Auswirkungen auf die Natur sind unabsehbar. Das Wissen über die Folgen des Tuns bleibt hinter der menschlichen Schaffenskraft zurück: Der „Homo faber“ ist über den „Homo sapiens“ hinausgewachsen. Anders als in früheren Zeiten ist der Mensch heute in der Lage, die ganze Welt zu zerstören. Kants individueller Imperativ genügt darum nicht mehr; die neuen ethischen Imperative sind kollektiver Art. Sie sollen verhindern, dass der Fortbestand der Menschheit gefährdet ist.

„Der endgültig entfesselte Prometheus, dem die Wissenschaft nie gekannte Kräfte und die Wirtschaft den rastlosen Antrieb gibt, ruft nach einer Ethik, die durch freiwillige Zügel seine Macht davor zurückhält, dem Menschen zum Unheil zu werden.“ (S. 7)

Der moderne Mensch ist zum Objekt der Technik geworden: Sie verlängert sein Leben, kontrolliert sein Verhalten, öffnet aber auch neue Möglichkeiten der Gesellschaftsveränderung. Aus alldem ergibt sich ein ethisches Vakuum in der Moderne: Da die Mächte des Handelns viel größer geworden sind (kollektiv, kumulativ und technologisch), lassen sie sich nicht mehr mit den Normen der klassischen Ethik fassen. Es muss eine neue Ethik geben, um die neuartigen Handlungsformen zu regulieren und zu ordnen.

Für eine neue Zukunftsethik

Es stellen sich nun zwei prinzipielle Fragen: Was sind die Grundlagen der Ethik? Und wie kann sie in der Gesellschaft durchgesetzt werden? Die eine Frage betrifft die Moral, die andere die Politik. Eine Wissenschaft, die die möglichen Fernwirkungen der Technik beschreibt, fehlt uns. Diese Wissenschaft müsste vor allem die Bedrohung des Menschen zum Inhalt haben. Zur Abschreckung muss ein Bild des Schlechten gemalt werden. Nur so erkennen die Menschen, was sie wirklich schätzen. Eine „Heuristik der Furcht“ ist nötig; wir müssen lernen, uns vor den Folgen unseres zerstörerischen Handelns zu ängstigen. Je unsicherer die Zukunftsprojektionen, desto größer ist die Denkpflicht – denn mit der Komplexität wächst auch die Bedrohung durch den schlimmstmöglichen Ausgang. Die schlechte Prognose hat Vorrang vor der Heilsprophezeiung, weil sich die Menschheit angesichts der nicht mehr umkehrbaren Effekte der Technologie keine Irrtümer erlauben darf. In der Anwendung von Techniken ist generell Bedächtigkeit geboten, da durch die Dynamik der kumulierten Effekte Korrekturen schwierig geworden sind. Das Wissen vom Möglichen reicht zwar nicht als Beweismittel für Vorhersagen aus, aber es genügt als philosophisches Denkexperiment. Die Politik fordert allerdings eine andere Beweislage und Prognostik, weshalb die Gefahr besteht, dass die Schlüsse der Ethik womöglich nicht rechtzeitig angewandt werden.

„Handle so, dass die Wirkungen deiner Handlung verträglich sind mit der Permanenz echten menschlichen Lebens auf Erden.“ (S. 36)

Das menschliche Handeln enthält immer ein Element der Wette. Die Ethik hat bisher geregelt, dass man um nichts wetten darf, was einem nicht gehört. Der Einsatz darf vor allem nicht das Leben anderer gefährden, es sei denn zur Abwehr des schlimmsten Übels. Die großen Wagnisse der Technologie werden also ausgeschlossen, weil damit fremde Interessen als Wetteinsatz verwendet werden. Im Gegensatz zum Einzelnen hat die Menschheit als Ganzes kein Recht auf Selbstmord, sondern eine unbedingte Pflicht zum Dasein. Das Vabanquespiel mit der Technik, bei dem es um das Wohl der Menschheit geht, ist darum ethisch unannehmbar. In der Zukunftsethik entfällt die Reziprozität, wonach jede Pflicht das Gegenstück eines Rechts ist: Man ist heute verantwortlich, ohne Anspruch auf Gegenleistung, so wie Eltern moralisch für ihre Kinder verantwortlich sind. Allein aufgrund ihrer Existenz hat die Menschheit eine Verantwortung für die Idee des Menschen. Ein kategorischer Imperativ gebietet, dass es Menschen gebe.

Zweck und Wert

Im Rahmen der Zukunftsethik muss nun das Verhältnis von Zwecken und Werten geklärt werden. Der Zweck antwortet auf die Frage nach dem „Wozu?“. Er kann frei von Werturteilen sein. Der Hammer beispielsweise ist für seinen Zweck und mit diesem geschaffen worden, der Zweck ist jedoch nicht in ihm, sondern steht nur dem Besitzer zur Verfügung. Der Gerichtshof wurde ebenfalls für einen Zweck geschaffen, ist aber, im Gegensatz zum Hammer, auch von ihm beseelt. Er funktioniert nur durch seinen Zweck. Beides sind eindeutig Zweckgebilde, die von dem Menschen für den Menschen geschaffen wurden. Anders z. B. das Verdauungsorgan: Es erfüllt einen immanenten und unwillkürlichen Zweck im Ganzen des lebenden Körpers. Das Leben hat im Körper einen Selbstzweck; daraus folgt, dass die Natur über das menschliche Bewusstsein hinaus einen Zweck hat und in sich Werte hegt. Als Nächstes muss nun untersucht werden, ob wir diesen Werten der Natur beipflichten müssen.

Das Gute, das Sollen und das Sein

Was also ist das Gute in der Natur, das bewirkt, dass das Sein zum Sollen wird und damit eine Handlung einfordert? Ein solches Gebot kann vom ureigenen Anspruch der Natur auf ihr Sein ausgehen. Im Zweck des Seins liegt eine grundsätzliche Selbstbejahung des Seins, dadurch ist das Sein gegenüber dem Nichtsein absolut besser. Da jedes Lebewesen sein eigener Zweck ist, ist die Selbstbejahung des Seins auch ein „Ja zum Leben“ und ein „Nein zum Tod“. Der kritische Punkt der Moraltheorie ist der Unterschied zwischen dem Wollen und dem Sollen. Es kommt dabei primär auf die Sache an, nicht auf den Willen: Moralität kann nie sich selbst zum Ziel haben; der Inhalt einer Handlung steht an erster Stelle. Die Menschen sind potenziell moralische Wesen, schon allein, weil sie zwischen moralisch und unmoralisch unterscheiden können. Etwas, das uns begegnet, hat einen Anspruch auf Existenz in sich und erzeugt in uns den Willen, es darin zu unterstützen – das ist das Gefühl der Verantwortung.

Theorie der Verantwortung

Verantwortung ist die Folge eines Kausalzusammenhangs: Ein Täter muss für seine Tat „antworten“. Dabei müssen die Taten nicht bewusst sein. Es gibt auch eine Verantwortung frei von Schuld, so wie z. B. Eltern für ihre Kinder haften. Zusätzlich zur bloßen Verantwortlichkeit enthält die Verantwortung ein Gefühl, dass man etwas tun soll: Der Mensch hat die Pflicht, sich einer Sache anzunehmen, weil es in seiner Macht steht. Gegen diese natürliche Verantwortung kann man sich nicht wehren. Unverantwortlich handeln kann nur, wer Macht über das Wohlergehen von anderen hat. Als Archetyp für die Verantwortung kann das neugeborene Kind gelten, dessen bloßes Atmen die Eltern verpflichtet, es zu umsorgen.

„Es ist die Vorschrift, primitiv gesagt, dass der Unheilsprophezeiung mehr Gehör zu geben ist als der Heilsprophezeiung.“ (S. 70)

Neben der natürlichen Verantwortung der Eltern gibt es eine nach Inhalt und Zeit begrenzte vertragliche Verantwortung, die man wie ein Amt annehmen und wieder ablegen kann. Die Verantwortung der Politik ist selbstgewählt und künstlich. Primär ist aber die Verantwortung von Mensch zu Mensch, eine Urverantwortung, die jeder Mensch selbst erfahren hat. Diese liegt in der bloßen Möglichkeit begründet, dass es eine Verantwortung geben könnte.

„Über das individuelle Recht zum Selbstmord lässt sich reden, über das Recht der Menschheit zum Selbstmord nicht.“ (S. 80)

Im Unterschied zum organischen Wachstum in der Natur hat die Geschichte von Gesellschaften kein vorgezeichnetes Ziel. Die Menschheit ist immer schon da und nie erst herbeizuführen. Auch kann die Zukunft nur beschränkt vorausgesagt werden. Dem Menschen bleibt stets Spielraum, um Unvorhergesehenes zu schaffen. Das System des Marxismus, eine umfassende spekulative Theorie, steht und fällt mit der Geschichte. Das meiste von dem, was im Marxismus wirklich passierte, wurde nicht vorausgesehen.

„Niemals darf Existenz oder Wesen des Menschen im Ganzen zum Einsatz in den Wetten des Handelns gemacht werden.“ (S. 81)

Das menschliche Handeln hat sich so verändert, dass die Verantwortung heute ganz neue Inhalte und Zeitspannen umfasst. Sie stand bisher nicht im Zentrum der ethischen Theorie, weil Wissen und Macht beschränkt waren und das Ziel jeder Herrschaft die Dauerhaftigkeit war. In der Moderne hingegen sorgen die Dynamik, das größere Wissen und die gesteigerte Macht des Menschen dafür, dass Kants Leitsatz „Du kannst, denn du sollst“ umgekehrt werden muss: „Du sollst, denn du tust, denn du kannst“.

Gefährdete Zukunft und Fortschrittsgedanke

Im Zeitalter einer allmächtig gewordenen Zivilisation ist die erste Pflicht des menschlichen Verhaltens, die Zukunft der Menschheit zu sichern. Der Mensch hat das Gleichgewicht der Evolution gestört. Das Bacon’sche Ideal, über die Natur zu herrschen, ist längst erfüllt. Aber gerade durch das Übermaß an Erfolg der Technik droht die ökologische Katastrophe. Anstatt den Menschen zu befreien, hat die Unterdrückung der Natur ihn selbst verknechtet.

„Und selbst der klarste Zweck der Kernwaffen im eventuellen Gebrauch – nämlich Vernichtung – verrät nicht, dass der Zweck ihrer Anhäufung der Nichtgebrauch ist.“ (S. 113)

Kann der Marxismus diesem Problem besser begegnen als der Kapitalismus? Die marxistische Bedürfniswirtschaft ist wohl weniger verschwenderisch in der Verteilung der Güter. Weitere Vorteile sind die totale Regierungsgewalt mit der Möglichkeit, auch Unpopuläres durchzusetzen, sowie ein Hang zu Moralismus und Askese. So scheint der Marxismus für die drohende Gefahr besser gewappnet zu sein. Doch genau wie der Kapitalismus sind auch die kommunistischen Systeme auf dem Maximierungsmotiv aufgebaut und betreiben einen Technikkult. Die größte Gefahr geht davon aus, dass der Marxismus auf der Utopie aufbaut, der „eigentliche Mensch“ komme erst noch. Von diesem utopischen Ideal müssen wir uns verabschieden. Fortschritte in Zivilisation und Technik haben immer einen Preis: Wissenschaftlicher Fortschritt führt zur Zerstückelung des Wissens, technischer Fortschritt zu moralischen Dilemmas. Die ideale Gesellschaft gibt es nicht, jedes System hat Vor- und Nachteile. So haben freiheitliche Systeme einen Kompromisscharakter, weil sie auch dem Schlechten Freiheiten geben. Ein realistisches Bild des „bestmöglichen Staates“ ist aber dem ideologischen „Wolkenkuckucksheim“ vorzuziehen. Die „pragmatische Utopie“ taugt als Leitbild für die politische Praxis – im Gegensatz zur Utopie des Marxismus, der sie im Ernst herbeiführen will.

Kritik der Utopie

Die Utopie ist eine weltliche Form der Heilslehre. Sie ist unbrauchbar, weil sie von einer messianischen Verwandlung des Menschen ausgeht. Die Metaphorik des „Aufstands der Verdammten“ ist überholt, weil sich die Klassenkampfsituation verlagert hat: Die „Verdammten der Erde“ leben in der Dritten Welt, während die Industrienationen zu Wohlfahrtsstaaten geworden sind. Ein Klassenkampf unter den Nationen aber ist ein Irrweg, weil er die explosive Gefahr eines Weltkriegs oder des Terrorismus birgt. Eine vernünftige Antwort auf die neue Klassenkampffrage wäre ein Konsumverzicht in den überentwickelten Ländern – aus reinem Selbstinteresse. Die marxistische Utopie, die die Bedürfnisse aller durch die Technik befriedigen möchte, stößt an ihre natürlichen Grenzen. Nahrung, Rohstoffe und Energien sind beschränkt und mehrheitlich nicht erneuerbar. Selbst wenn unbegrenzte Energie zur Verfügung stehen würde, hätte dieser Verbrauch nach den Gesetzen der Physik einen Treibhauseffekt zur Folge. In der Energiewirtschaft ist deshalb ein bedächtiges Vorgehen und Bescheidenheit im Fortschritt gefordert. Die Utopie, das unbescheidene Ziel par excellence, muss man sich aus dem Kopf schlagen.

„Diese Art Verantwortung und Verantwortungsgefühl, nicht die fomal-leere ‚Verantwortlichkeit' jedes Täters für seine Tat, meinen wir, wenn wir von der heute fälligen Ethik der Zukunftsverantwortung sprechen.“ (S. 175)

Auch als positiver Traum ist die Utopie, wie sie Ernst Bloch in Das Prinzip Hoffnung fordert, gefährlich. Das Reich der Freiheit ohne Arbeit, von dem Karl Marx träumte, erweist sich als lähmendes Nichtstun. Die Muße verliert ihren Reiz, wenn sie obligatorisch wird. So wie Festen jede Lust abgeht, wenn sie alltäglich gefeiert werden, ist die generelle Utopie eines irdischen Paradieses sinnlos. Es ist also ein Irrtum, dass die Freiheit dort beginnt, wo die Notwendigkeit aufhört. Die „Humanisierung“ der Natur ist nichts als schöngeredete Ausbeutung und entspringt dem Wunderglauben. Der anthropologische Grundfehler der „Ontologie des Noch-nicht-Seins“ Blochs steckt darin, dass sie von einer Veränderung des menschlichen Wesens ausgeht. Doch während das menschliche Wissen wächst, bleibt seine Natur zweideutig, sowohl gut als auch böse. So nötig eine Verbesserung der Bedingungen ist, so unnötig ist dafür der Köder der Utopie. Es braucht die Einsicht, dass die Existenz des Menschen ihr eigener Zweck ist.

„Kant sagte: Du kannst, denn du sollst. Wir müssen heute sagen: Du sollst, denn du tust, denn du kannst, das heißt dein exorbitantes Können ist schon am Werk.“ (S. 230 f.)

Als Alternative für das Modell der Utopie bietet sich eine Ethik der Verantwortung an, die dem galoppierenden Vorwärts die Zügel anlegt. Dem „Prinzip Hoffnung“ von Ernst Bloch wird das „Prinzip Verantwortung“ gegenübergestellt. Wenn die Verantwortung nicht wahrgenommen wird, ist die Angst vor dem schlimmstmöglichen Ausgang hilfreich. In Ehrfurcht vor dem, was der Mensch war und ist, erscheint die Verantwortung für die Zukunft als Ziel des Menschen.

Zum Text

Aufbau und Stil

Die rund 400 Seiten von Das Prinzip Verantwortung sind in sechs Kapitel aufgeteilt, die aus mehreren Unterkapiteln bestehen. Das erste Kapitel beschreibt die veränderte Ausgangslage für die Ethik in einer Zeit, in der durch Technik alles machbar erscheint. Die Kapitel zwei bis vier widmen sich philosophischen Grundfragen wie der nach dem Sein, dem Guten und dem Sollen. In diesem Teil ist das Werk hochtheoretisch und in seiner moralphilosophischen Wortwahl, die mitunter an den Versuch eines Gottesbeweises erinnert, streckenweise mühsam. Viel konkreter und packender schreibt der Autor wieder im fünften Kapitel, in dem er das Verhängnis des Fortschrittsglaubens in der Moderne analysiert. Im letzten Kapitel liefert Jonas eine teils polemische Kritik der Utopie und dabei insbesondere von Ernst Blochs Das Prinzip Hoffnung. Hier gewinnt die Sprache enorm an Schärfe und Tempo. Nachdem Jonas im Exil jahrzehntelang nur auf Englisch publiziert hatte, entschloss er sich angesichts seines vorgerückten Alters dazu, das Buch in seiner deutschen Muttersprache zu schreiben und so schneller damit fertig zu werden. Selbstkritisch berichtet Jonas im Vorwort, ihm sei bei Vorträgen ein „archaisches“ Deutsch nachgesagt worden und seine Sprache sei stellenweise „altfränkisch“ – eine durchaus zutreffende Einschätzung. Die Behandlung eines höchst zeitgemäßen Gegenstandes in einem nicht zeitgemäßen Philosophie- und Sprachstil ist allerdings vom Autor ausdrücklich gewollt.

Interpretationsansätze

  • Das Prinzip Verantwortung ist, wie es im Untertitel heißt, der „Versuch einer Ethik für die technologische Zivilisation“. Die bisherige Ethik beurteilt Jonas als unzureichend für die globalen Herausforderungen, die für die Menschheit zunehmend bedrohlich sind. In der Moderne sei eine Ethik gefragt, die der gesteigerten Zerstörungsmacht des Menschen und den weit in die Zukunft reichenden Folgen seines Tuns gerecht werde.
  • Dem kategorischen Imperativ Kants setzt Jonas einen ökologischen Imperativ entgegen: „Handle so, dass die Wirkungen deiner Handlungen verträglich sind mit der Permanenz echten menschlichen Lebens auf Erden.“ Nötig sind demzufolge insbesondere ein Verzicht auf Konsum und ein vorsichtiger Umgang mit den Früchten des Fortschritts.
  • Das Prinzip Verantwortung ist schon dem Titel nach ein Gegenentwurf zu Ernst Blochs Das Prinzip Hoffnung aus den 50er Jahren. Mit Blick auf die unkontrollierbaren Bedrohungen der Menschheit kritisiert Jonas die modernen Utopien und plädiert stattdessen für die geistige Haltung einer „Heuristik der Furcht“: Nur wer sich das Schlimmste ausmalt, kann das Gute für kommende Generationen erhalten.
  • Weil die Ereignisse in unserer komplexen Welt kaum vorherzusagen sind und es immer ein Worst-Case-Szenario geben kann, rät die „Heuristik der Furcht“, nichts zu unternehmen und alles beim Alten zu belassen. Sie hat die Tendenz, uns zur Passivität im Umgang mit Wissenschaft und Technik zu verführen.
  • Hans Jonas zählt sich zu den Postmarxisten: Um eine ideologiefreie Wertphilosophie bemüht, kritisiert er sowohl den Marxismus als auch den Kapitalismus, die beide auf der gleichen Ausbeutung der Natur beruhen.
  • Obwohl die Auseinandersetzung mit dem mittlerweile nur noch historisch interessanten Marxismus breiten Raum einnimmt, ist das Werk nach wie vor aktuell: Die Ethik der Verantwortung bietet eine philosophische Hilfestellung im Umgang mit Fragen der Energieverteilung, Gentechnik oder Klimaveränderung.

Historischer Hintergrund

Die Schattenseiten des Fortschritts

In den 1970er Jahren befand sich die Welt mitten im Kalten Krieg der beiden Großmächte USA und Sowjetunion. Diese vertraten zwei unterschiedliche Wirtschaftssysteme, Kapitalismus und Kommunismus, und lieferten sich, beide mit verbündeten Staaten im Schlepptau, einen Wettkampf um die Macht. Im Kalten Krieg fand ein atomares Wettrüsten zwischen Ost und West statt und es wurden zahlreiche so genannte Stellvertreterkriege geführt, in denen sich die USA und die Sowjetunion auf fremden Territorien indirekt bekämpften, so beispielsweise im Vietnamkrieg, der 1973 mit dem Rückzug der USA zu Ende ging. Im gleichen Jahr flammte der Konflikt im Nahen Osten neu auf, als Israel im Jom-Kippur-Krieg gegen Syrien und Ägypten kämpfte. Dieser Konflikt mündete in ein Öl-Embargo der arabischen Länder gegenüber den Israel-freundlichen Staaten des Westens. Die dadurch ausgelöste weltweite Ölkrise führte den Industriestaaten erstmals die große Abhängigkeit vom Erdöl vor Augen und weckte ein Bewusstsein für die Endlichkeit der Energieressourcen. Nach dem jahrzehntelangen Aufschwung in der Folge des Zweiten Weltkriegs zeichneten sich in den 1970er Jahren vermehrt die Schattenseiten des technologischen Fortschritts ab. Obwohl der technische Fortschritt weiterhin schier explodierte, etwa in der Raumfahrt oder in der Weiterentwicklung des Computers, gab es in verschiedenen Bereichen Rückschläge. Im März 1979 ereignete sich in Harrisburg im amerikanischen Bundesstaat Pennsylvania der bis dahin größte Zwischenfall in einem Atomkraftwerk, als es in einem Reaktor zu einer Kernschmelze kam. Umweltkatastrophen wie die DioxinVerseuchung um eine Chemiefabrik im italienischen Seveso 1976 oder erste Fälle von Ölpest durch havarierte Tankschiffe förderten das Bewusstsein für die Verletzlichkeit der Natur. In verschiedenen Ländern wurden Ende des Jahrzehnts Umweltschutzbewegungen gegründet. Während die 70er Jahre im Westen von einer gesellschaftlichen Liberalisierung geprägt waren, verbreitete sich zugleich ein Gefühl der Besorgnis angesichts der Bedrohung durch Kriege, Umweltzerstörung und den internationalen Terrorismus.

Entstehung

Der aus Nazideutschland schon 1933 emigrierte Hans Jonas lebte seit 1955 in den USA, wo er u. a. an der New School for Social Research in New York lehrte. Dort setzte sich der Philosoph vermehrt mit den Naturwissenschaften auseinander. Die Rahmenbedingungen waren günstig: Die zahlreichen aus Europa emigrierten Wissenschaftler und Künstler am Lehrinstitut befruchteten sich gegenseitig in ihren interdisziplinären Forschungen. In den 60er Jahren publizierte Hans Jonas eine Reihe philosophischer Überlegungen zu Biologie und Technik. Mehrere Teile von Das Prinzip Verantwortung veröffentlichte er zwischen 1973 und 1977 als Aufsätze in US-amerikanischen wissenschaftlichen Zeitschriften. Für die Niederschrift des Werks – nicht in Englisch, sondern in Deutsch, seiner Muttersprache – zog sich Jonas in die Abgeschiedenheit einer Villa in Beth Jizchak (Israel) zurück, wo er die ersten Kapitel verfasste. Ihm wurde dafür ein akademisches Urlaubsjahr durch zwei Stiftungen finanziert. In seinem Vorwort vom Juli 1979 dankt der Autor Freunden in Israel und in der Schweiz, wohin er sich während der Jahre der Entstehung des Werkes immer wieder zu Arbeitsklausuren zurückzog. Das Prinzip Verantwortung erschien erstmals 1979 im Insel Verlag in Frankfurt am Main.

Hans Jonas ergänzte die Analysen seines Hauptwerks 1985 durch die Studie Technik, Medizin und Ethik, in der er praktische ethische Maßstäbe ermittelte, vor allem im Bereich der Humanbiologie und der Medizin. Außerdem stellte er darin das Dogma der Freiheit von Wissenschaft und Forschung in Zweifel und forderte mehr Bewusstsein dafür ein, dass nicht alles technisch Machbare auch in die Tat umgesetzt werden muss.

Wirkungsgeschichte

Das Prinzip Verantwortung ist das bekannteste Werk des Moralphilosophen Hans Jonas. Das Buch machte ihn weit über die Fachkreise hinaus bekannt und löste eine leidenschaftliche Debatte über die Folgen des technischen Fortschritts und die aktuelle Situation der Menschheit aus. Als einer der ersten Philosophen gab Jonas eine Antwort auf die Gefahren der modernen Technik. Heute wird deshalb jede neue Erkenntnis in den Naturwissenschaften auf ihre ethische Unbedenklichkeit geprüft und der Mensch sieht sich mehr denn je mit der Forderung konfrontiert, zukünftigen Generationen eine lebenswerte Umwelt zu hinterlassen. Das Prinzip Verantwortung hat tatsächlich eine Besinnung in weiten Kreisen der Gesellschaft bewirkt – und das können sich die allerwenigsten philosophischen Fachbücher auf die Fahnen schreiben. Hans Jonas, der unter Theologen und Philosophen schon zuvor als origineller Denker geschätzt wurde, gelangte als Begründer der Verantwortungsethik zu Weltruhm. Kritisiert wurde er jedoch für sein Bemühen, moralische Handlungsnormen metaphysisch zu begründen. Auch einzelne Aspekte seiner Einschätzung des Marxismus waren umstritten. Anlässlich der Verleihung des Friedenspreises des Deutschen Buchhandels 1987 hob Jonas die politische Dimension der Verantwortungsethik hervor und zeigte die Notwendigkeit von Konsumverzicht und einer Einschränkung des freien Marktes auf.

In der Diskussion um Umweltschutz, Biotechnologie, Genforschung und medizinische Fortschritte allgemein liefert die Jonas’sche Verantwortungsethik bis heute anhaltende Impulse. An der Freien Universität Berlin wurde 1998 das Hans Jonas-Zentrum zur Erforschung der Fragen der Zukunftsverantwortung gegründet.

Über den Autor

Hans Jonas wird am 10. Mai 1903 als Sohn eines Textilfabrikanten in Mönchengladbach geboren. Nach dem Abitur studiert er Philosophie, Theologie und Kunstgeschichte in Freiburg, Berlin, Heidelberg und Marburg. Er ist Schüler der Philosophen Edmund Husserl und Martin Heidegger sowie des Religionswissenschaftlers Rudolf Bultmann. In dessen Seminar lernt er die Philosophin Hannah Arendt kennen, mit der er eine lebenslange Freundschaft pflegt. 1928 promoviert er mit einer Dissertation über den Begriff der Gnosis. Jonas wird in den folgenden Jahren zunehmend klarer, dass er als Jude nicht in Deutschland bleiben kann. 1933 emigriert er nach London, 1935 siedelt er nach Palästina über. Im Zweiten Weltkrieg ist er Mitglied der britischen, 1948/49 Artillerieoffizier in der israelischen Armee. 1949 zieht er nach Kanada, wo er als Professor in Montreal und Ottawa arbeitet. 1955 folgt der Umzug nach New York, wo er an der New School for Social Research forscht und lehrt. Gastprofessuren führen ihn u. a. nach Princeton, Chicago und München. Nach frühen Arbeiten zur spätantiken und frühmittelalterlichen Philosophie wendet sich Jonas Problemen der Naturphilosophie zu. Später rückt die Ethik in einer naturwissenschaftlich-technisch geprägten Welt in den Fokus seiner Arbeit. 1979 erscheint sein bekanntestes Werk Das Prinzip Verantwortung. Das Buch löst eine lebhafte und dauerhafte Debatte über die Zukunftsverantwortung von Forschung und Technik aus. 1987 erhält Jonas den Friedenspreis des Deutschen Buchhandels und wird Ehrenbürger seiner Heimatstadt Mönchengladbach. Hans Jonas stirbt am 5. Februar 1993 in New York. Als sich sein Todestag zum zehnten Mal jährt, erscheint posthum Jonas’ Autobiografie Erinnerungen.


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