Zusammenfassung von De rerum natura

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De rerum natura Buchzusammenfassung

Literatur­klassiker

  • Lehrgedicht
  • Römische Antike

Worum es geht

Der Vordenker der modernen Naturwissenschaft

Evolutionstheorie, Atomphysik, Genetik, Astrophysik – erstaunlich viele Themen, die in der westlichen Naturwissenschaft in den letzten 200 Jahren aufkamen, wurden schon vor 2000 Jahren von Lukrez angesprochen. Unweigerlich drängt sich bei der Lektüre von De rerum natura die Frage auf, wie weit die Naturwissenschaft heute wohl sein könnte, wenn nicht 1500 Jahre lang der Fortschritt vor allem durch die katholische Kirche eingeschränkt worden wäre. Erstaunlich modern ist auch die Methode, die in dem Werk vorgestellt wird: Ausgehend von genauer Naturbeobachtung werden Hypothesen aufgestellt und anhand der vorhandenen Daten geprüft und angepasst. Es ist nur schwer vorstellbar, dass noch viele Hundert Jahre nach Lukrez in der Scholastik Thesen nur aufgrund ihrer Übereinstimmung mit den Werken von Aristoteles für richtig oder falsch erklärt wurden. Auch wenn die Form des Lehrgedichts heute auf den einen oder anderen Leser abschreckend wirken mag – der Aufwand lohnt sich. Lukrez’ Darstellung der Atomlehre begeistert mit erstaunlichen Schlussfolgerungen, einleuchtenden Lebensweisheiten und mitreißender Sprache.

Take-aways

  • Das Lehrgedicht De rerum natura („Über die Natur der Dinge“) des römischen Dichters Lukrez ist die bedeutendste und eingängigste Darstellung der antiken Atomlehre.
  • Inhalt: Alle Dinge im Universum sind aus Atomen zusammengesetzt, woraus sich Erklärungen für die Eigenschaften der Gegenstände ableiten lassen. Da sich jedes Phänomen auf diese Weise begreifen lässt, ist der Rückgriff auf übernatürliche Ursachen nicht mehr nötig.
  • Lukrez stellte die Atomlehre in Form eines Gedichts vor, um ihre Überzeugungskraft zu verstärken.
  • Über Lukrez’ Leben ist fast nichts bekannt.
  • Seine wichtigsten Vordenker waren die griechischen Philosophen Epikur und Demokrit.
  • Die Lehre ist immer wieder bezweifelt worden, der poetische Wert von Lukrez’ Hauptwerk jedoch ist unbestritten.
  • Lukrez’ These, dass Naturwissenschaft Religion überflüssig macht, erregte später den Widerstand der katholischen Kirche.
  • Viele Thesen des Werks wurden von der modernen Naturwissenschaft bestätigt.
  • Das Lehrgedicht ist im Versmaß des Hexameters verfasst, das dem Dichter viele Freiheiten erlaubte.
  • Zitat: „Denn über den letzten Grund will dir von Himmel und Göttern / ich zu sprechen beginnen, will zeigen der Dinge Atome, / aus denen alles Natur erschafft, vermehret und nähret, / in die zugleich sie Natur dann wieder vernichtet und auflöst (…)“
 

Zusammenfassung

Welterklärung ohne Götter

Viele Menschen erklären Naturphänomene mit göttlichem Eingreifen. Dabei lassen sich diese Vorgänge auch mit wissenschaftlichen Methoden erklären. Man muss verstehen, dass alles in der Natur aus Atomen besteht. Diese setzen sich immer neu zusammen. Die Natur mit dem Verstand verstehen zu wollen, wird von manchen als frevelhaft angesehen. Darauf kann man entgegnen, dass auch im Namen der Religion oft Böses getan wird – zum Beispiel der Mord an Iphigenie, der die Götter beschwichtigen sollte. Wenn man verstehen lernt, wie das Leben entsteht und wie die Seele beschaffen ist, kann man den Aberglauben abschütteln und ohne Angst vor den Göttern sein Leben selbst in die Hand nehmen. Mit diesem Ziel sollen die Erkenntnisse der griechischen Gelehrten im Folgenden zusammengefasst werden.

Die ewigen Bausteine

Weder kann etwas aus nichts entstehen noch alles aus allem. Alle Dinge bestehen aus bestimmten Samen, den Ursprungskörpern, in die sie sich am Ende auch wieder auflösen. Diese Baustoffe sind ewig und unvergänglich – veränderbar und sterblich sind nur die Gegenstände, zu denen sie sich zusammensetzen. Welche Formen die Atome annehmen, ist nicht beliebig: Die Grundbausteine setzen sich auf verschiedene Weisen zusammen, ungefähr so, wie Buchstaben je nach Kombination ganz unterschiedliche Wörter bilden. Wenn man nun zweifelt, dass es so etwas Unsichtbares wie Atome gibt, muss man nur bedenken, dass wir auch Gerüche oder Wasserdampf nicht sehen können, aber sehr wohl ihre Existenz anerkennen. Steine nutzen sich ab, wenn ständig Menschen darüberlaufen – obwohl man nicht sieht, wie die kleinen Teile abgetragen werden. Die Atome sind umgeben von Leere, die auch zwischen den Gegenständen ist. Wäre alles massiv, ohne Zwischenräume, wäre Bewegung unmöglich. Weil in allen Gegenständen auch Leere ist, können Geräusche durch Wände und kann Kälte in den Körper dringen. Wenn man diese Grundannahmen einmal verstanden hat, kann man sich auch andere Phänomene leicht erklären.

Zeit und Raum

Zeit existiert nicht an sich, sondern ergibt sich aus dem, was den Dingen widerfährt. Im Raum verteilen sich Körper und Leere, und jeder Ort kann nur von einem von beiden eingenommen werden. Die Gegenstände können aber Leere in sich haben. Je mehr sie davon besitzen, desto lockerer ist ihre Struktur. Der Raum ist unendlich. Das ergibt sich schon allein daraus, dass eine Grenze, an der er endet, nicht vorstellbar ist. Hätte das All Grenzen, würden die Gegenstände an einem tiefen Punkt zur Ruhe kommen – nur im unendlichen Raum kann alles so in Bewegung bleiben, wie wir es wahrnehmen. Seit unvordenklichen Zeiten haben sich die Ursprungskörper durch den Raum bewegt und unendlich viele Zusammensetzungen und Ordnungen ausprobiert, bis sich das jetzige Bild gefunden hat.

Bewegung

In der Natur ist alles immer in Bewegung. Dinge entstehen und vergehen, um Platz für Neues zu schaffen. Da sich die Körper ständig bewegen, müssen sie unweigerlich auch zusammenstoßen. Sie werden von anderen getroffen und angestoßen. Dabei verhalten sie sich je nach ihrer Dichte unterschiedlich. Die Bewegung geht von den Ursprungskörpern aus und setzt sich auf der Ebene der Gegenstände fort, die auch wir wahrnehmen können. Ein Großteil der Bewegung wird durch die Schwerkraft verursacht: Die Naturbeobachtung zeigt, dass alles senkrecht zu Boden fällt. Überall zeigt sich der Zusammenhang von Ursache und Wirkung. Unter den gleichen Bedingungen folgt immer das eine auf das andere. Nur der freie Wille scheint etwas Besonderes zu sein: Hier entsteht die Anfangswirkung in der Seele, die dann den ganzen Körper beeinflusst. Durch diesen Willen können wir uns äußeren Einflüssen entgegenstellen und Schlägen oder der Schwerkraft trotzen.

Atome und ihre Eigenschaften

Die Natur zeigt eine ungeheure Vielfalt, die sich aus den verschiedenen Zusammensetzungen der Ursprungskörper ergibt. Tiere und Pflanzen existieren in allen möglichen Formen. Daneben gibt es Erscheinungen wie Blitz und Feuer, die ganz eigene Eigenschaften haben. Licht zum Beispiel besteht aus feineren Atomen als Regen, denn es kann durch dünnes Horn hindurchscheinen. Atome können entweder rund und glatt oder rau sein. Im zweiten Fall verfilzen sie eher miteinander und ergeben zum Beispiel bitteren Geschmack. Es sind zwar unzählige Kombinationen von Atomen möglich, aber es gibt auch Grenzen: Nicht alles kann mit allem verknüpft werden. Die Dinge unterscheiden sich nicht nur durch ihre Baustoffe, sondern auch durch deren Anordnung und Zwischenräume.

„Denn über den letzten Grund will dir von Himmel und Göttern / ich zu sprechen beginnen, will zeigen der Dinge Atome, / aus denen alles Natur erschafft, vermehret und nähret, / in die zugleich sie Natur dann wieder vernichtet und auflöst (…)“ (S. 11)

Weil wir gesehen haben, dass die vorhandenen Dinge das Ergebnis unzähliger zufälliger Kombinationen sind, und weil erkannt wurde, dass der Raum unendlich ist, kann man den Schluss ziehen, dass es noch viele andere Welten gibt – manche davon ähnlich wie unsere. Noch etwas folgt aus dem zuvor Erkannten: Da alle Dinge altern und sterben, muss auch das All eines Tages mürbe werden und zugrunde gehen.

Was ist die Seele?

Mancher behauptet, Krankheit oder Schmach seien schlimmer als der Tod. Wenn es aber darauf ankommt, siegt meist doch der Lebenswille. Die Angst vor dem Tod ist eine der wichtigsten Motivationen: Menschen lassen sich zu Habsucht, Neid und Hass hinreißen und vergessen Anstand und Freundschaft. Um die Todesangst zu bekämpfen, muss man zunächst das Verhältnis von Körper und Seele verstehen. Die Seele ist ein Teil von uns, genauso wie unsere Körperteile. Sie besteht ebenfalls aus Atomen, allerdings aus sehr feinen und beweglichen. Wenn der Körper stirbt, verlassen die Teilchen den Körper und verteilen sich. Damit stirbt auch die Seele.

„Also kehret zurück kein Ding ins Nichts, sondern alle / kehren durch Trennung zurück in die Ursprungskörper des Stoffes.“ (S. 25)

Wäre die Seele, wie manche glauben, unsterblich, würde sie sich dem Tod nicht widersetzen, sondern sich freuen, die Hülle hinter sich zu lassen. Und wie sollte dieses Weiterleben auch aussehen? Ohne Sinne kann die Seele nichts wahrnehmen und ohne Körper nichts empfinden. Aus alldem folgt, dass die Seele sterblich ist wie der Körper. Wenn aus unseren Bestandteilen neue Körper und Seelen entstehen, vielleicht sogar in genau derselben Anordnung wie in unserem jetzigen Leben, haben wir zu diesen anderen Leben doch keine Verbindung, keine Erinnerung.

„Weiter zudem: wo Stoff in Fülle dazu doch bereit ist, / wo vorhanden der Raum, weder Ding noch Ursache hindert / irgend, müssen natürlich Vorgänge sein und Dinge entstehen.“ ( S. 161)

Man sollte das Leben genießen und es verlassen wie ein zufriedener, satter und dankbarer Gast. Wir haben das Leben nur vorübergehend, unsere Bausteine werden nach unserem Tod für anderes gebraucht. Wer Strafe und Leiden nach dem Tod fürchtet, wer rastlos durchs Leben streift und immer nach etwas Besserem sucht, macht sich das Leben selbst schwer. Große Denker wie Epikur, Homer oder Demokrit haben nach einem langen, erfüllten Leben den Tod willkommen geheißen – ihnen sollten wir nacheifern.

Dinge und Abbilder

Alle Dinge projizieren ununterbrochen Abbilder, die sich wie äußere Schichten von ihnen ablösen. Diese bestehen aus ganz feinen Atomen, die in alle Richtungen abgesendet und zum Beispiel vom menschlichen Auge empfangen werden. So erhalten wir einen Eindruck von der Oberfläche der Dinge. Das Gesehene muss anschließend noch vom Geist analysiert werden, denn manchmal sind unsere Sinne Täuschungen unterworfen. Grundsätzlich müssen wir jedoch unserer Wahrnehmung vertrauen – wer postuliert, dass uns die Sinne meistens trügen, greift eines der Fundamente menschlicher Erkenntnis an. Manchmal haben wir das Gefühl, dass ein Bild vor uns ersteht, nur weil wir an etwas denken. Dann filtern unsere Augen aus den unzähligen verfügbaren Abbildern gezielt eines heraus, das zu unserem Gedanken passt. Ganz ähnlich ist es, wenn wir träumen.

„Hältst du gut das erkannt, so zeigt in der Folge zugleich sich, / dass befreit die Natur, der herrischen Zwingherrn entledigt, / selber, von sich aus, spontan, ohne Götter alles vollführet.“ (S. 163)

Unsere Fähigkeiten und Sinne sind folgendermaßen entstanden: Die Organe waren zuerst da, und im Lauf der Zeit haben sich Anwendungsmöglichkeiten ergeben. Die Menschen haben also eine Zunge besessen, lange bevor sie sprechen konnten. Aus dem Bedürfnis nach Kommunikation hat sich als Lösungsweg die Sprache ergeben. Handlungen entstehen, indem der Geist durch ein empfangenes Bild oder einen Eindruck angeregt wird, dann den Entschluss fasst, zu handeln, und schließlich dem Körper die Ausführung befiehlt.

Liebe und Fortpflanzung

Besonders wirksam ist die Auswahl der Bilder durch unseren Geist, wenn wir verliebt sind. Doch Liebe führt nur zu Enttäuschung und Schmerz, daher sollte man, sobald sich erste Gefühle entwickeln, diese zu unterdrücken versuchen. Die Hoffnung, das Verlangen nach Liebe stillen zu können, indem man mit dem oder der Auserwählten zusammen ist, erweist sich oft als trügerisch. Vielmehr entsteht durch die Erfüllung des Wunsches nur noch mehr Gier. Frisch verliebte Paare haben nur Augen füreinander und können sich auf nichts anderes mehr konzentrieren. Arbeit und andere Beziehungen leiden darunter. Diese schlimmen Folgen hat die Liebe schon, wenn sie erwidert wird. Wird sie das nicht, ist das Leid noch viel größer. Deswegen sollte man Liebe vermeiden und stattdessen auf Vergnügen setzen.

„Erstens sag ich, die Seele, die Geist wir oftmals benennen, / drin des Lebens Rat und Lenkung hat ihren Wohnsitz, / ist vom Menschen ein Teil nicht minder als Hand oder Fuß und / Augen als Teile des ganzen Lebewesens bestehen.“ (S. 177)

Beim Geschlechtsverkehr vermischen sich die Samen des Mannes und der Frau. Mal setzt sich das eine, mal das andere durch, oder beide mischen sich – je nachdem sehen die Kinder dann ihrem Vater, ihrer Mutter oder beiden ähnlich. Dabei werden Haare oder Stimme von bestimmten Samen beeinflusst.

Wie entstand die Welt?

Die Menschen sollten sich nicht vor den Göttern fürchten, sondern daran arbeiten, ihr Leben zu verbessern, indem sie ihre Laster bekämpfen. Von den Philosophen können sie lernen, Faulheit, Ängste und Hochmut zu überwinden. Die Götter haben mit alldem nichts zu tun: Warum sollten sie sich für die Menschen interessieren? Wenn wir versuchsweise annehmen, dass sie die Welt geschaffen haben – wie sind sie auf die Idee gekommen? Wie haben sie für all dies einen Plan entwickelt? Warum gibt es Böses in der Welt? Warum sind so große Teile der Erde unbewohnbar und die Menschen durch Dürre, Krankheiten und Raubtiere bedroht? Es ist viel nachvollziehbarer anzunehmen, dass die Natur durch unzählige Zufälle entstanden ist. Atome sind aufeinandergetroffen, haben sich zusammengefunden und durch Aufprall wieder getrennt, bis schließlich einige von ihnen so gut zusammenpassten, dass sie Meer, Gestirne, Tiere und alles andere formten.

Geschichte der Menschheit

Die Natur schafft immer neue Dinge, Wesen und Kombinationen, von denen einige sich durchsetzen und andere wieder aussterben. Die Menschen lebten zu Anfang ganz anders als heute, entwickelten sich aber immer weiter. Sie brachten die Sprache hervor, lernten, Feuer zu nutzen, fanden sich zu Gesellschaften zusammen, trieben Landwirtschaft, machten Fortschritte in der Medizin und der Herstellung von Werkzeugen und Waffen und erfanden schließlich das Geld. Weil sie noch nicht verstanden, wie die Natur funktioniert, erklärten sie sich die Welt um sie herum mit dem Handeln der Götter und gründeten Religionen. Naturphänomene flößen den Menschen so viel Ehrfurcht ein, dass es eine natürliche Reaktion ist, dahinter göttliches Wirken zu vermuten. Das heutige Leben ist nicht unbedingt besser als das Leben in früheren Zeiten: Statt ums nackte Überleben kämpfen die Menschen heute gegeneinander, sind zerfressen von Neid und Habsucht und verwöhnt vom Luxus.

Empirische Wissenschaft

Durch genaue Beobachtung können wir viel über die Natur lernen – zum Beispiel, dass Donner und Blitz gleichzeitig entstehen, doch der Schall langsamer ist als das Licht und wir deswegen zuerst den Blitz sehen. So kann man für verschiedene Phänomene Thesen aufstellen und diese gegeneinander abwägen. Immer zeigt sich ein klarer Ursache-Wirkungs-Zusammenhang, der aufgedeckt werden kann. An dessen Stelle göttliches Wirken anzunehmen, ist unlogisch: Blitze haben zum Beispiel selten ein klares Ziel. Würden die Götter sie schicken, sollte man meinen, dass sie gezielt Ungläubige oder schlechte Menschen treffen würden. Auch andere Phänomene wie Erdbeben, Regenbögen, Vulkanausbrüche, Magnetismus, Krankheiten oder Stürme lassen sich naturwissenschaftlich erklären. Immer spielt dabei die Beschaffenheit der Atome eine Rolle.

Zum Text

Aufbau und Stil

Lukrez’ Lehrgedicht De rerum natura besteht aus sechs „Büchern“, die jeweils größere Themenkomplexe behandeln: Das erste Buch geht auf Fragen nach Raum, Zeit und Materie ein, während im zweiten die Atome und ihre Eigenschaften im Mittelpunkt stehen. Das dritte Buch behandelt das Leben und die Seele, im vierten dreht sich alles um die Sinneswahrnehmung. Das fünfte Buch geht auf die Entstehung der Welt und die menschliche Kulturgeschichte ein und das sechste schließt mit einem Blick auf verschiedene Naturphänomene. Lukrez argumentiert sachlich und belegt seine Schlüsse mit detaillierten Naturbeobachtungen. Meist geht er von einer abergläubischen Annahme aus, liefert dann die naturwissenschaftliche Erklärung und entkräftet anschließend zusätzlich die mythische Erklärung. Oft wird der gleiche Gedanke immer wieder neu formuliert (die Sterblichkeit der Seele wird in 28 Versionen bewiesen): Lukrez nimmt mehrere Anläufe, um ein Phänomen vollkommen zu durchdringen, und lässt den Leser an diesem schrittweisen Erkenntnisgewinn teilhaben. Zu dichterischer Höchstform läuft Lukrez in den Proömien auf: Diese sehr poetischen Einleitungen zu den einzelnen Büchern greifen oft religiöse und literarische Themen auf, die er mit stilistischer Meisterschaft verarbeitet und vertieft. Das gesamte Lehrgedicht ist im Versmaß des Hexameters verfasst. Diese Versform bietet viele Freiheiten und erlaubt es dem Dichter, seinen Stil immer dem Thema anzupassen.

Interpretationsansätze

  • Das Werk ist eine verständliche Zusammenfassung und Darstellung der Atomtheorie, die keinen geringeren Anspruch hat, als die gesamte Natur zu erklären – von Vulkanausbrüchen über Krankheiten bis zu den Umlaufbahnen der Planeten.
  • Lukrez erweckt wiederholt den Anschein, er würde die Lehre Epikurs eins zu eins übernehmen und sie lediglich in neue, schöne Worte kleiden, damit man sie besser aufnehmen kann. Das ist jedoch nicht richtig: Er entwickelt die epikureische Lehre weiter, verbindet sie mit anderen Theorien und überträgt sie wo nötig auf römische Verhältnisse.
  • Den Menschen unabhängig von Göttern und Religion zu machen, darin sieht Lukrez das Ziel der Naturlehre. Er hat gesehen, wie „die fehlende Kenntnis der Ursachen zwingt, die Welt mit der Götter Macht zu verknüpfen“, und will die Menschen durch Aufklärung von diesem Zwang befreien.
  • Der Dichter bleibt bei der Darstellung der Theorie kein nüchterner Beobachter, sondern fühlt mit, wird leidenschaftlich und lässt den Leser seine Begeisterung für die Natur und deren Ergründung spüren.
  • Lukrez zufolge hat sich die Menschheit seit ihren frühen Tagen nicht unbedingt zum Besseren entwickelt: Starb man früher durch wilde Tiere oder Hunger, bringt man sich nun gegenseitig im Krieg oder heimtückisch mit Gift um. Eine der Hauptkrankheiten der Gesellschaft ist für Lukrez die Habgier, die er immer wieder anprangert und der er jene bescheidene Haltung entgegenstellt, die sich aus der epikureischen Ethik ergibt.
  • Viele Thesen, die sich bei Lukrez finden, wurden erst in den letzten 200 Jahren bestätigt: Von den Grundzügen der Vererbungslehre und der Evolutionstheorie bis hin zur Sprachwissenschaft wirken Lukrez’ Erklärungsansätze überraschend modern.

Historischer Hintergrund

Rom im Zeitalter der Bürgerkriege

Die Jahre 133 bis 30 v. Chr. waren in Rom von zahlreichen Umstürzen und der gleichzeitigen Expansion des Reiches in alle Himmelsrichtungen geprägt. In Rom kam es zu Auseinandersetzungen zwischen der Partei der Optimaten und jener der Popularen. Deren starke Männer waren die Konsuln und Feldherren Sulla und Marius. Sulla nahm im Jahr 88 und erneut 82 Rom ein, errichtete eine Diktatur und ließ seine politischen Gegner massenhaft ermorden. Im Jahr 79 legte er seine Diktatur nieder. Er starb ein Jahr später.

Nach Sullas Tod bildeten Pompeius, Crassus und Julius Cäsar, der unter Sulla zum geachteten Feldherrn aufgestiegen war, das sogenannte Triumvirat, ein inoffizielles Machtbündnis, das es ihnen erlaubte, am Senat vorbei den Staat zu regieren. Unter Cäsars Regie wurden ständig Pläne zur Errichtung einer neuen Diktatur geschmiedet. In einem großen Feldzug eroberte Cäsar in den folgenden Jahren Gallien und dehnte das römische Herrschaftsgebiet bis nach Britannien aus. Ab 49 führte er seine Truppen gegen Rom und gegen seine ehemaligen Bundesgenossen. Ein weiterer Bürgerkrieg begann. Nach seinem Sieg 45 ließ sich Cäsar zum Diktator auf Lebenszeit erklären. Im Jahr darauf wurde er ermordet. Doch die römische Republik war unwiderruflich zu Ende: Unter Cäsars Nachfolger Augustus begann die Kaiserzeit.

In Zeiten politischer Wirren– Putschversuche, Intrigen, sogar offene Straßenschlachten beherrschten das Bild – waren die Redner in Rom wichtige Figuren. Allen voran Marcus Tullius Cicero, der mit seinen Reden sowie seinen Schriften zu Rhetorik und Philosophie enormen Einfluss auf das Leben und Denken in Rom hatte. Die Ära war zudem die Hochzeit der römischen Prosa, Philologie und Rechtswissenschaft. Die prägenden philosophischen Tendenzen waren der Epikureismus und die Stoa; aber auch Aberglaube und diverse Heilslehren erlebten eine Blüte.

Entstehung

Lukrez war ein Jünger des griechischen Philosophen Epikur. Diesen verehrte er fast wie einen Gott und pries ihn überschwänglich. Von ihm übernahm er große Teile seiner Naturlehre, aber auch vieles seiner Ethik. Wichtige Vordenker für die von Lukrez dargestellte Lehre waren außerdem Demokrit und Leukipp. Lukrez’ Anspruch war kein geringerer als die Darstellung der ganzen Natur und ihrer inneren Zusammenhänge. Seine Lehre lebt stark von der Ablehnung anderer Thesen, allen voran der von Heraklit vertretenen Annahme, der Grundstoff von allem sei das Feuer, sowie der Lehre des Aristoteles. Seinen hämischen Spott ergoss er zum Beispiel über die Thesen des griechischen Denkers Anaxagoras.

Was die poetische Form betrifft, stand Lukrez in der Tradition der großen griechischen und römischen Dichter: Wie Hesiods Werke und Tage und alexandrinische Gedichte hatte auch De rerum natura den Anspruch, eher trockene Themen in schöne Verse zu kleiden. Lukrez’ wichtigstes Vorbild war jedoch der griechische Dichter Empedokles. Daneben werden auch die Römer Catull und Ennius Einfluss auf seinen Stil gehabt haben.

Lukrez richtet sich mit seinem Gedicht direkt an seinen Freund Memmius, den er von der epikureischen Lehre überzeugen will. Es könnte sich um den Feldherrn Gaius Memmius gehandelt haben, der dieser Lehre skeptisch gegenüberstand und auch von römischer Literatur nicht viel hielt. Hinweise im Werk legen nahe, dass es nicht vollendet wurde. So bricht etwa das sechste Kapitel ohne logischen Schluss ab, und einige Abschnitte wirken, als wäre eine abschließende Bearbeitung ausgeblieben.

Wirkungsgeschichte

Lukrez gilt als Begründer des lateinischen Lehrgedichts. Werke wie die Georgica des Vergil oder die Ars Amatoria des Ovid entstanden vor dem Hintergrund seines Schaffens. Von frühen christlichen Autoren scharf angegriffen, im Mittelalter in Vergessenheit geraten und während der Renaissance wiederentdeckt, entfaltete sein Werk in der frühen Neuzeit enorme Wirkung und beeinflusste Künstler wie Sandro Botticelli und Schriftsteller wie Michel Montaigne. Dieser Einfluss wurde von der Kirche nicht gern gesehen und zog zahlreiche Anfeindungen gegen Lukrez und seine Lehre nach sich. Im Zusammenhang mit der deutschen Übersetzung von De rerum natura von Karl Ludwig von Knebel setzte sich dessen Freund Johann Wolfgang von Goethe intensiv mit Lukrez auseinander. Auch Denis Diderot, Karl Marx und Albert Einstein beschäftigten sich nachweislich mit seinem Werk.

Das Urteil des Philologen Gottfried Hermann, Lukrez sei „gottlos, aber göttlich“, fasst die Wirkung von De rerum natura über die Jahrhunderte sehr gut zusammen. Die Kritiker waren sich immer einig, dass Lukrez ein bedeutendes Stück Literatur hinterlassen hatte – seine Botschaft wurde dagegen weniger begeistert aufgenommen. Bis im 20. Jahrhundert die Grundzüge seiner Theorie durch die Atomphysik bestätigt wurden, entnahmen die Generationen dem Lehrgedicht einfach jene Abschnitte, die sich ins jeweilige Weltbild einfügen ließen.

Über den Autor

Lukrez, eigentlich Titus Lucretius Carus, wird vermutlich zwischen 99 und 94 v. Chr. geboren. Über das Leben des römischen Dichters und Philosophen liegen nur wenig verlässliche Informationen vor. Der Großteil muss aus späteren Quellen und zum Teil aus seinem Werk erschlossen werden. Eine kurze Darstellung von Lukrez’ Leben geht auf den Kirchenvater Hieronymus zurück, dessen Aussagen jedoch umstritten sind. Laut Hieronymus litt Lukrez an einer Geisteskrankheit. Womöglich wurde dieses Gerücht verbreitet, um die von Lukrez vertretene Lehre in Verruf zu bringen. Lukrez soll zahlreiche Bücher geschrieben haben, die laut Hieronymus von Cicero herausgegeben wurden. Heute liegt uns nur eines seiner Werke vor: De rerum natura. Das Werk wird in einem zeitgenössischen Brief von Cicero erwähnt und gelobt – dieses Schriftstück gilt heute als die einzige zuverlässige Quelle zu Lukrez’ Leben und Werk. Als erklärter Anhänger des griechischen Philosophen Epikur will Lukrez dessen Atomlehre in einem Lehrgedicht verkünden. Damit setzt er sich zugleich über die Anweisung Epikurs, der Philosoph solle nicht dichten, hinweg. Als Angehöriger der Oberschicht besitzt er genug, um sein Leben ganz in den Dienst der Philosophie zu stellen. Lukrez lebt in einer hochpolitischen Zeit, hält sich aus den Machtkämpfen in Rom jedoch heraus. In der Blütezeit der Rhetorik ist der dichtende Naturphilosoph ein Außenseiter – wohl auch deshalb finden sich nur wenige Bemerkungen zu ihm. Lukrez stirbt zwischen 55 und 53 v. Chr., vermutlich im Alter von rund 45 Jahren.


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