Zusammenfassung von Der Begriff des Politischen

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Der Begriff des Politischen Buchzusammenfassung

Literatur­klassiker

  • Politik
  • Moderne

Worum es geht

Die Unterscheidung von Freund und Feind und das Opfer des Lebens

Carl Schmitt war ein scheußlicher Mensch: opportunistisch, antisemitisch und sich niemals für eine Intrige zu schade. Als „Kronjurist“ des Dritten Reichs lieferte er kurzerhand die rechtliche Begründung nach, als Hitler seine Konkurrenten ermorden ließ, und die Nürnberger Rassengesetze nannte er eine „Verfassung der Freiheit“. Warum sollte man sich mit so einem Menschen intellektuell auseinandersetzen? Nach der Lektüre von Der Begriff des Politischen weiß man es. Denn trotz allem zeigt sich Schmitt hier nicht nur als begnadeter Stilist, sondern entwickelt auch auf wenigen Seiten eine historisch-begriffliche Analyse des Politischen in unserer Welt, die es noch immer in sich hat. Die politische Welt existiert demnach nur, wenn Menschen die Unterscheidung von Freund und Feind treffen und diese Entscheidung Grund genug ist, ihr Leben im Kampf gegen den Feind zu opfern. Ob man Schmitts Diktum Glauben schenkt oder nicht: Es ist faszinierend und unheimlich, wie einfach seine Definition ist, wie viele Phänomene er damit schlüssig deuten kann und welche Konsequenzen er daraus zieht. Wir müssen Schmitt lesen, weil seine politische Theorie Realität nicht nur beschreiben, sondern auch erzeugen kann.

Take-aways

  • Der Begriff des Politischen ist die bedeutendste politische Abhandlung des umstrittenen Staats- und Verfassungsrechtlers Carl Schmitt.
  • Inhalt: Der Begriff des Politischen beschreibt den Intensitätsgrad einer Beziehung zwischen Völkern oder anderen Menschengruppen. Die zwei Pole dieser Beziehung werden durch den Freund auf der einen, den Feind auf der anderen Seite markiert. Politisch handeln heißt, Freund und Feind zu unterscheiden. Ein Staat existiert als politische Einheit, solange er diese Unterscheidung treffen und im Ernstfall den Feind bekämpfen kann. Politische Ordnungen gehen staatlichen Ordnungen voraus.
  • Der Begriff des Politischen wurde 1927 zunächst als Aufsatz in einer Zeitschrift veröffentlicht, 1932 dann erstmals in Buchform.
  • Schmitt beweist darin einen ausgeprägten Sinn für die Macht von Bildern und Mythen, die er in seiner Begriffsanalyse wirkungsvoll einsetzt.
  • Auch für Laien entwickelt die Abhandlung darum eine beinah unheimliche Suggestionskraft.
  • In der Rezeptionsgeschichte wird Der Begriff des Politischen oft als Schlüssel zu Schmitts Gesamtwerk angesehen.
  • Der Liberalismus erscheint in der Abhandlung als das große Gegensystem zu Schmitts Theorie des Politischen.
  • Als Schmitt die Abhandlung schrieb, war er kurz davor, sein akademisches Hauptwerk, die Verfassungslehre, zu vollenden.
  • 1933 trat Schmitt in die NSDAP ein – ob aus Opportunismus oder aus Überzeugung, ist bis heute umstritten.
  • Zitat: „Die spezifische politische Unterscheidung, auf welche sich die politischen Handlungen und Motive zurückführen lassen, ist die Unterscheidung von Freund und Feind.“
 

Zusammenfassung

Die Unterscheidung von Freund und Feind als Definition des Politischen

Eine klare Definition des Begriffs des Politischen ist selten. Noch seltener kommt sie ohne Bezugnahme auf den Begriff des Staates aus. Im allgemeinen Sprachgebrauch fallen beide Begriffe mitunter ganz zusammen, sodass staatliche Angelegenheiten als per se politisch erscheinen und politische Angelegenheiten wiederum in erster Linie als staatlich gelten. Offensichtlich führt diese Gleichsetzung zu keiner befriedigenden Begriffsbestimmung des Politischen selbst, zumal die Bezugnahme auf den Staat einen real existierenden Staat ja bereits als gegeben voraussetzt. Tatsächlich kann der Staat – in welcher Form er auch immer erscheint – nur als eine konkrete historische Verwirklichung des politischen Status eines Volks begriffen werden. So wie das Politische selbst eine Voraussetzung des Staates darstellt, geht auch sein Begriff dem des Staates voraus.

„Der Begriff des Staates setzt den Begriff des Politischen voraus.“ (S. 19)

Der Versuch, das Politische zu definieren, muss daher an einer anderen Stelle ansetzen: bei den Kriterien, die politisches Denken und Handeln letztlich begründen. In anderen Bereichen sind uns diese Kriterien geläufig: etwa die Unterscheidung zwischen Gut und Böse im Bereich des Moralischen, die Unterscheidung zwischen schön und hässlich im Bereich des Ästhetischen oder die Unterscheidung zwischen rentabel und nicht rentabel im Bereich des Ökonomischen. Die Selbstständigkeit dieser Bereiche entspringt der Tatsache, dass sie sich aufgrund ihrer je spezifischen und nicht aus anderen Bereichen ableitbaren Kriterien eindeutig abgrenzen lassen. Auf welcher essenziellen Unterscheidung beruhen nun aber Handlungen, die wir als politisch bezeichnen? Sie beruhen auf der Unterscheidung von Freund und Feind. Der Feind im politischen Sinn muss weder böse noch hässlich sein und es kann sich sogar rentieren, mit ihm geschäftlich in Beziehung zu stehen.

Krieg als politische Erscheinungsform der Feindschaft

Die Unterscheidung zwischen Freund und Feind entsteht vor dem Hintergrund der möglichen kriegerischen Auseinandersetzung: Der Feind wird erst dort zum Feind, wo im Konfliktfall mit ihm die reale Möglichkeit des Krieges besteht. Er ist also keineswegs mit einem ökonomischen Konkurrenten oder einem  Diskussionsgegner gleichzusetzen. Auch ist er vom privaten Feind zu unterscheiden, der aus individuell-psychologischen Gründen gehasst wird. Nur der öffentliche Feind, verstanden als eine Gesamtheit von Menschen, die im Konfliktfall zum Äußersten bereit ist, kann als Feind im politischen Sinn gelten.

„Eine Begriffsbestimmung des Politischen kann nur durch Aufdeckung und Feststellung der spezifisch politischen Kategorien gewonnen werden.“ (S. 25)

Die Unterscheidung von Freund und Feind ist nicht normativ, wertend oder rein theoretisch zu verstehen. Man kann den Krieg als barbarisch ablehnen und auf eine Welt hoffen, in der die Gruppierung der Völker nach Freund und Feind obsolet geworden ist. Dennoch wird man das Vorhandensein dieser Unterscheidung und die reale Bedeutung, die diese Kategorien für jedes politisch existente Volk haben, nicht abstreiten können. Daraus sollte nun nicht abgeleitet werden, dass der Krieg der wesentliche Inhalt oder Zweck der Politik sei und jede politische Handlung folglich als Kampfhandlung angesehen werden müsste. Der Krieg ist nicht der Zweck des politischen Handelns. Jedoch ist seine reale Möglichkeit die notwendige Bedingung für die Existenz einer politischen Sphäre, die erst durch das Bewusstsein dieser Möglichkeit und das entsprechend beeinflusste menschliche Denken und Handeln entstehen kann. Eine Welt, die den Krieg als Möglichkeit nicht mehr kennt, wäre folglich eine entpolitisierte Welt. Der Krieg ist außerdem stets ein politisches Mittel; auch wenn der Auseinandersetzung irgendwo religiöse, ökonomische oder ethnische Gegensätze zugrunde liegen, werden diese notwendigerweise politisch, sobald sie stark genug sind, um Menschen nach Freund und Feind zu gruppieren.

Der Staat als maßgebliche politische Einheit

Der politische Charakter des Staates beruht auf seiner Macht, die Freund-Feind-Unterscheidung vorzunehmen und über das Eintreten des Konfliktfalls zu entscheiden. Solange der Staat in diesem Sinn souverän ist, bildet er die maßgebende politische Einheit. Problematisch wird diese Einheit, wenn innerhalb des Staates andere Gegensätze die Intensität erreichen, die zur Freund-Feind-Gruppierung notwendig ist. Der zunächst ökonomische Gegensatz von Klassen im marxistischen Sinn verwandelt sich etwa in dem Augenblick in einen politischen Gegensatz, in dem die eine Klasse der anderen den Kampf ansagt. Hier zeigt sich, dass das Politische kein eigenes Sachgebiet markiert, sondern vielmehr den Intensitätsgrad einer Beziehung zwischen verschiedenen Kräften.

Die Entscheidung über Krieg und Feind

Das „jus belli“ des Staates bezeichnet ein mehrfaches Recht: zum einen das Recht, den Feind zu bestimmen und über das Eintreten des Konfliktfalls zu entscheiden. Zum anderen das Recht, im Kampf gegen den Feind von den Angehörigen des eigenen Volkes Todes- und Tötungsbereitschaft zu fordern – und damit auch, die Menschen der gegnerischen Seite zu töten. Einzig und allein politischen Gemeinschaften kommt eine solche Verfügungsgewalt über das physische Leben ihrer Mitglieder zu. Darum auch verwandelt sich eine religiöse Gemeinschaft genau dann in eine politische, wenn sie Feinde bestimmen und von ihren Mitgliedern Todesbereitschaft im Kampf gegen diesen einfordern kann.

„Die spezifisch politische Unterscheidung, auf welche sich die politischen Handlungen und Motive zurückführen lassen, ist die Unterscheidung von Freund und Feind.“ (S. 25)

Die Entscheidung über den Feind und das Eintreten des Konfliktfalls kann weder im Voraus noch im Nachhinein in Form von Idealen, Proklamationen oder sonstigen Normativitäten begründet werden. Das Töten von Menschen hat ausschließlich einen existenziellen, das heißt auf eine konkrete Situation bezogenen Sinn. Alle normativen Konstruktionen, die vermeintlich gute und gerechte Gründe nennen, einen Krieg zu führen, verschleiern, dass es nur einen einzigen guten und gerechten Grund gibt, Krieg zu führen: einen Feind zu haben.

„Feind ist nur eine wenigstens eventuell, d. h. der realen Möglichkeit nach kämpfende Gesamtheit von Menschen, die einer ebensolchen Gesamtheit gegenübersteht.“ (S. 27)

Kein Volk und kein Staat kann der Logik des Politischen entkommen. Denn ein Volk, das, aus welchen Gründen auch immer, die Unterscheidung von Freund und Feind nicht mehr trifft, wird damit zwar seine eigene politische Existenz verlieren, es wird aber durch diesen Verzicht keineswegs das Politische selbst auslöschen können. Ein anderes Volk, das Kraft und Willen hat, wird an seine Stelle treten und die Aufgabe übernehmen; Feinde, die nicht bestimmt wurden, werden dann diktiert.

Die Welt ist keine politische Einheit, sondern ein politisches Pluriversum

Die Existenz des Politischen in der Welt setzt die Möglichkeit von Feindschaft voraus. Ein Staat als politische Einheit kann also nur in einer pluralistischen Staatenwelt existieren, in der die Möglichkeit der Freund-Feind-Unterscheidung durch die Existenz anderer ebenfalls politischer Staaten gegeben ist. Ein „Weltstaat“ ist ein Widerspruch in sich, da ein Staat, der die Menschheit als Ganzes einen würde, seines politischen Charakters voll und ganz entledigt wäre. Die Menschheit kann per Definition keinen Feind haben, da niemand außerhalb von ihr steht. Wenn Kriege heute dennoch in ihrem Namen geführt werden, dann kann sich dahinter nur die Absicht verbergen, dem Feind die Menschlichkeit abzusprechen. Ihrem Anspruch nach zeichnen sich gerade solche Kriege durch die furchtbarste Unmenschlichkeit aus.

Anthropologischer Ansatz politischer Theorien

Jede Staatstheorie sowie auch jede Form von politischer Theorie operiert – ob bewusst oder unbewusst – mit einer anthropologischen Grundannahme über den Menschen; bei den einen ist er von Natur aus gut, bei den anderen von Natur aus böse. Dass jeder Optimismus über die menschliche Natur allerdings für eine echte politische Theorie einen ungünstigen Ausgangspunkt bildet, liegt im Wesen des Politischen selbst begründet. Denn ebenso wie die Theologie ihre Existenzberechtigung verliert, wenn sie den Menschen nicht mehr als erlösungsbedürftiges Wesen ansieht, verlieren politische Theorien ihren Sinn, wenn sie es dem Menschen nicht mehr möglich machen, potenziell gefährlich zu sein und damit zum Feind zu werden. Eine Welt, die von ausschließlich guten Menschen bevölkert wird, braucht weder Priester noch Politiker. So ist es denn auch folgerichtig, dass alle wesentlichen und echten politischen Theorien – etwa die von Hobbes und Machiavelli – sich in dieser Frage keiner Illusion hingeben: Die Feindschaft zwischen Menschengruppen sehen sie als eine reale Möglichkeit und die Fähigkeit des Menschen zum Bösen, etwa im Naturzustand, ist für sie erwiesen.

Entpolitisierung durch die liberale Polarität von Ethik und Ökonomie

Der Liberalismus hat seine politischen Gegner – den absolutistischen Staat und den Feudalismus – historisch besiegt. Dennoch hat sich in seinem Namen keine eigene, positive Theorie des Staates wie des Politischen herausbilden können. Das liegt im individualistischen Kern liberalen Denkens begründet, der das Politische negiert. Individuelle Freiheit ist im liberalen Denken von politischer Macht grundsätzlich gefährdet, weswegen liberale Politik nie mehr leisten kann als die Einhegung politischer Macht zugunsten individueller Freiheit. Die Bildung einer politischen Einheit widerspricht ihr, da eine solche Einheit im Konfliktfall vom Einzelnen das Opfer des Lebens fordert – eine Forderung, die aus rein individualistischer Perspektive letztlich nicht begründbar ist. Denn ein Individuum wäre wohl kaum souverän, wenn es nicht selbst über sein Leben entscheiden könnte.

„Denn zum Begriff des Feindes gehört die im Bereich des Realen liegende Eventualität eines Kampfes.“ (S. 31)

Im Zuge der Loslösung von der unterdrückenden Staatsgewalt hat der Liberalismus alle vormals politischen Begriffe in der Polarität von Ethik und Ökonomie, Geist und Geschäft aufgelöst. Der „Kampf“ verwandelt sich im Liberalismus zur „Diskussion“ auf der geistigen Seite, zur „Konkurrenz“ auf der ökonomischen. Die Festlegung eines Status zwischen Krieg und Frieden weicht einer unendlichen Dynamik von „Konkurrenz“ und „Diskussion“. Aus „Staat“ wird „Gesellschaft“: auf ethischer Seite im Sinne von Menschheit, auf ökonomischer Seite im Sinne eines einheitlichen Produktions- und Verkehrssystems.

„Das Politische kann seine Kraft aus den verschiedensten Bereichen des menschlichen Lebens ziehen, aus religiösen, ökonomischen, moralischen und andern Gegensätzen (...)“ (S. 36)

Der Sinn all dieser Auflösungen besteht darin, Staat und Politik, die liberales Denken nur als Gewalt begreifen kann, den Ordnungen von Individualismus, Recht und Wirtschaft zu unterwerfen. In konkreten Situationen bedürfen aber auch abstrakte Begriffe der politischen Sphäre. Der ökonomische Imperialismus etwa hat ein ganzes Inventar entpolitisierter Begriffe zur Machtausübung hervorgebracht, die nur eingesetzt werden, um ihre kriegerische Essenz zu verschleiern: Kredit- und Rohstoffsperre, Zerstörung der fremden Währung usw. Auch die liberale Ideologie, wie sehr sie auch darum bemüht sein mag, wird das Politische nicht aus der Welt schaffen können.

Das Zeitalter der Neutralisierung und Entpolitisierung

Die europäische Geistesgeschichte hat seit dem 16. Jahrhundert vier wesentliche Schritte gemacht: von der Theologie des 16. Jahrhunderts zur Metaphysik des 17. Jahrhunderts, über den Humanismus und Moralismus des 18. Jahrhunderts bis schließlich zur Ökonomie des 19. Jahrhunderts. Diese Stufenfolge ist nicht notwendigerweise im Sinne eines positiven Fortschritts zu verstehen. Ob es sich bei ihr um einen Auf- oder einen Abstieg handelt, ist Ansichtssache. Zentral dabei ist allerdings die Tatsache, dass die geistigen Eliten Europas im Lauf von vier Jahrhunderten vier verschiedene Sachgebiete als Zentrum der menschlichen Existenz ausmachten.

„Der Staat als maßgebende politische Einheit hat eine ungeheure Befugnis bei sich konzentriert: die Möglichkeit, Krieg zu führen und damit offen über das Leben von Menschen zu verfügen.“ (S. 43)

Die vier Schritte der europäischen Geistesgeschichte betreffen aber nicht nur die intellektuelle Auseinandersetzung mit der menschlichen Existenz, sie haben auch das Wesen des Staates verändert. Denn auch der Staat und mit ihm das Politische beziehen ihre Kraft und Legitimation aus diesen wechselnden Zentralgebieten. Als die Religion im 16. Jahrhundert noch als Zentrum der menschlichen Existenz galt, war sie auch die bestimmende Kraft in allen kriegerischen Freund-Feind-Gruppierungen, da sich Staaten des 16. Jahrhunderts in erster Linie religiös legitimierten.

„Dadurch, daß ein Volk nicht mehr die Kraft oder den Willen hat, sich in der Sphäre des Politischen zu halten, verschwindet das Politische nicht aus der Welt. Es verschwindet nur ein schwaches Volk.“ (S. 50)

Ein wichtiger zweiter Aspekt der beschriebenen Stufenfolge ist der folgende: Jeder Schritt von einem Gebiet in das nächste war zugleich von der Suche motiviert, einen neutralen Boden der Verständigung zu finden, auf dem Konflikte und Streitigkeiten endgültig beigelegt werden könnten. Das verlassene Gebiet – etwa die Theologie – wurde im selben Zuge politisch neutralisiert. Die Dialektik dieser Entwicklung besteht nun aber darin, dass sich auch auf dem Boden des neu gefundenen neutralen Gebiets bald Konflikte entwickelten, die neue Freund-Feind-Gruppierungen mit sich brachten.

„Die Menschheit als solche kann keinen Krieg führen, denn sie hat keinen Feind, wenigstens nicht auf diesem Planeten.“ (S. 51)

Der heute verbreitete Glaube an die Technik ist als vorläufig letzter Schritt in dieser Stufenfolge zu verstehen: Man glaubt, hier nun endlich neutralen Boden gefunden zu haben. Etwas Neutraleres als die Technik lässt sich schlicht nicht vorstellen. Doch die Neutralität der Technik trügt: Als Instrument und Waffe jedem zugänglich, kann sie niemals neutral sein. Und im Gegensatz zu den bisherigen Gebieten lässt sich aus der Technik selbst keine einzige kulturelle, geistige oder moralische Schlussfolgerung ableiten. Der Neutralisierungsprozess der europäischen Kultur ist auf dem Boden der Technik zwar an ein Ende gelangt, doch die Entpolitisierung ist ausgeblieben. Woher das Politische auf diesem neuen Boden aber seine Kräfte beziehen wird und welche Freund-Feind-Gruppierungen dann die entscheidenden sein werden, bleibt abzuwarten.

Zum Text

Aufbau und Stil

Der Begriff des Politischen wurde 1927 zunächst als Aufsatz in der Zeitschrift Archiv für Sozialwissenschaften und Sozialpolitik veröffentlicht. Der zur Buchform erweiterten Fassung von 1932 fügte Schmitt noch die geschichtsphilosophische Betrachtung „Das Zeitalter der Neutralisierungen und Entpolitisierungen“ hinzu, die die Argumentation des Aufsatzes unterstützt. Für die Neuausgabe von 1963, die heute als Standardfassung gilt, schrieb Schmitt ein umfangreiches Vorwort, in dem er die grundlegende Fragestellung der Schrift noch einmal historisch umreißt. Ans Ende der Neuausgabe stellte er außerdem drei „Corollarien“ – Schlussfolgerungen aus bereits bewiesenen Sätzen. Mit der Benennung der drei kleinen Texte als „Corollarien“ unterstrich Schmitt den Anspruch seiner Theorie, auch auf neuere historische Entwicklungen anwendbar zu sein. Geschrieben ist Der Begriff des Politischen, insbesondere der Hauptteil, in einem durch und durch rhetorischen Stil. Schmitt versteht es, den Leser durch prägnante Formulierungen und martialische Wendungen in seinen Bann zu ziehen. Er verfügt über einen ausgeprägten Sinn für die Macht von Bildern und Mythen, die er in seiner Begriffsanalyse wirkungsvoll einsetzt. Auch für Laien entwickelt der Text darum bis heute eine beinah unheimliche Suggestionskraft. 

Interpretationsansätze

  • Der Begriff des Politischen wird oft als Schlüssel zu Schmitts Gesamtwerk angesehen. Deutlicher noch als in anderen Schriften sind hier einige seiner Glaubenssätze formuliert, die als Fundament auch für seine Verfassungs- und Staatslehre von zentraler Bedeutung sind.
  • In Der Begriff des Politischen erscheint der Liberalismus als das große Gegensystem zu Schmitts politischer Theorie. Nach seiner Ansicht hat der Liberalismus historisch die Auflösung und Neutralisierung politischer Begriffe und Kategorien in Gang gesetzt, ohne selbst eine positive politische Theorie formulieren zu können.
  • Schmitt konzipierte seine Positionen und Begriffe auch als Antwort auf die historische Situation Deutschlands in den Zwischenkriegsjahren. Diese war für ihn insbesondere durch zwei Stichworte gekennzeichnet: „Versailles“, das durch den umstrittenen Friedensvertrag für Fremdherrschaft stand, und „Genf“, das als Sitz des Völkerbunds für die „geistige Unterwerfung“ unter das Recht der Sieger stand. Mit seiner Schrift versuchte er, völkerrechtliche Institutionen als Instrumente der politischen Herrschaft zu entlarven.
  • Eine Welt, in der die Unterscheidung von Freund und Feind nicht mehr notwendig ist, ist für Schmitt eine entpolitisierte Welt. Er macht keinen Hehl daraus, dass er sie nicht für erstrebenswert hält. Denn in einer endgültig pazifizierten Welt, in der von keinem Menschen mehr das Opfer des Lebens verlangt werden könnte, ginge für Schmitt der Ernst des menschlichen Lebens verloren.

Historischer Hintergrund

Die konservative Revolution

Der Begriff „konservative Revolution“ wird heute als Sammelbegriff für eine geistig-politische Strömung der deutschen Rechten verwendet, die sich nach dem Ersten Weltkrieg und dem darauffolgenden Zusammenbruch des Kaiserreichs in der Weimarer Republik formierte. Ihre Akteure wurden jedoch weniger durch eine geschlossene ideologische Weltanschauung verbunden als vielmehr durch die Ablehnung moderner Ideen wie Liberalismus, Parlamentarismus und Egalitarismus. Anstelle des konfliktbeladenen Parteienstaates der Weimarer Republik befürworteten viele ihrer Vertreter, wie Edgar Julius Jung, einen von Eliten geführten autoritären Staat, der die befürchtete „Auflösung der abendländischen Menschheit“ verhindern und eine „neue abendländische Einheit unter deutscher Führung“ begründen sollte, wie Jung es 1932 beschrieb. 

Als wesentlicher Bezugspunkt der konservativen Revolution gilt Oswald Spenglers kulturphilosophisches Hauptwerk Der Untergang des Abendlandes. Der darin unternommene Versuch, die Kulturgeschichte Europas metaphysisch zu deuten, ist in seinem teils bewussten Irrationalismus für die gesamte konservative Revolution charakteristisch. Gegen die Entzauberung der Welt durch Rationalisierung brachten die Akteure der konservativen Revolution Begriffe wie „Schicksal“, „Tiefe“ und „Eigentlichkeit“ in Stellung. Obwohl sich einzelne Akteure der konservativen Revolution vom Nationalsozialismus distanzierten, wird die Strömung heute von der Mehrheit der Historiker als intellektueller Wegbereiter des Nationalsozialismus betrachtet.

Entstehung

Carl Schmitt habilitierte sich 1916 mit der staatsphilosophischen Monografie Der Wert des Staates und die Bedeutung des Einzelnen und trat 1920 seine erste Lehrtätigkeit in München an. Das Erleben von Ausnahmezustand und Bürgerkrieg am Ende des Ersten Weltkriegs motivierten ihn zur rechtshistorischen Erforschung dieser Phänomene. Seine 1921 publizierte Monografie Die Diktatur verschaffte ihm seinen ersten Ruf als Professor für Staatsrecht an die Universität Greifswald. Im selben Jahr folgte der Ruf an die Universität in Bonn, deren juristische Fakultät als besonders innovativ galt. Kaum in Bonn angekommen, erlebte Schmitt hautnah den im Januar 1923 beginnenden „Ruhrkampf“, einen Höhepunkt der politisch-militärischen Spannungen anlässlich der alliierten Reparationsforderungen an Deutschland. Rückblickend sollte Schmitt seinen politisch-publizistischen Kampf gegen „Weimar – Genf – Versailles“ – als Synonyme für die Zwischenkriegsordnung – auf dieses Jahr datieren.

Die Bonner Jahre waren Schmitts produktivste Schaffensperiode. Dort entstanden grundlegende Schriften wie Die geistesgeschichtliche Lage des heutigen Parlamentarismus und Römischer Katholizismus und politische Form. Auch Schmitts bekanntester Text – Der Begriff des Politischen – entstammt dieser Zeit. Als Schmitt diese Abhandlung schrieb, stand er kurz davor, sein akademisches Hauptwerk, die Verfassungslehre, zu vollenden. Die zeitliche Nähe der Entstehung von Der Begriff des Politischen und der Verfassungslehre ist kein Zufall: Schmitts These vom Vorrang des Politischen ist ein zentraler Gedanke in beiden Werken. Die Abhandlung war ursprünglich für eine Vortragsreihe an der Deutschen Hochschule für Politik in Berlin verfasst worden, die im Mai 1927 stattfand. Als Aufsatz erschien sie kurz darauf in der Zeitschrift Archiv für Sozialwissenschaften und Sozialpolitik. 1932 erschien Der Begriff des Politischen erstmals als eigenständige Veröffentlichung, 1963 dann in der letzten von Schmitt verantworteten Neuausgabe.

Wirkungsgeschichte

Der Begriff des Politischen ist eine der am meisten rezipierten politischen Theorien des 20. Jahrhunderts – und mit Sicherheit die am intensivsten diskutierte Schrift Carl Schmitts. Wie eindrucksvoll sie auf Zeitgenossen gewirkt haben muss, zeigt ein Brief, den der Schriftsteller Ernst Jünger 1930 nach der Lektüre an Schmitt sendete: „Der Rang eines Geistes wird heute durch sein Verhältnis zur Rüstung bestimmt. Ihnen ist eine besondere kriegstechnische Erfindung gelungen: eine Mine, die lautlos explodiert.“

Prägenden Einfluss hatte die Schrift auf den deutschamerikanischen Philosophen Leo Strauss, der sich Schmitts Bestimmung des Politischen – im Sinne der Freund-Feind-Unterscheidung – aneignete und in seiner eigenen politischen Philosophie weiterentwickelte. Über Strauss, der von 1949 bis 1968 an der Universität Chicago politische Philosophie lehrte, gelangten wesentliche Ideen aus dem Kosmos von Schmitts politischem Denken in die akademische und politische Sphäre der USA. Einigen politisch hochrangigen Vertretern der nach Strauss benannten konservativen Denkschule – den sogenannten Straussianern – wird bis heute eine Affinität zu Schmitts politischer Theorie nachgesagt. Das akademische und politische Interesse an Straussʼ und Schmitts Lehren bestand im Übrigen auch in China schon länger und soll seit der Machtübernahme von Xi Jinping deutlich gewachsen sein.

Auch eine Rezeption von Schmitts politischer Lehre durch dezidiert linke politische Theoretiker lässt sich seit den 1980er-Jahren feststellen. Der französische Philosoph Jacques Derrida etwa griff Schmitts Freund-Feind-Konzeption des Politischen unter umgekehrten Vorzeichen auf: Statt von einer Politik der Feindschaft auszugehen – wie er es in Schmitts Denken konstatierte –, versuchte er in seinem 2002 erschienenen, gleichnamigen Buch, die Voraussetzungen und Möglichkeiten einer „Politik der Freundschaft“ auszuloten.

Über den Autor

Carl Schmitt wird am 11. Juli 1888 im sauerländischen Plettenberg geboren und katholisch erzogen. Er studiert Jura in Berlin, München und Straßburg und wird 1910 promoviert. 1916 heiratet er eine angebliche spanische Tänzerin, die sich später als Hochstaplerin herausstellt; die Ehe wird 1924 zivilrechtlich annulliert. Seine zweite Ehe schließt er 1925. Schmitt verfasst einige literarische Texte und hat Kontakt zu mehreren Dichtern. Nach seiner Habilitation lehrt er an verschiedenen Universitäten und veröffentlicht Schriften wie Politische Romantik (1919) oder Die Diktatur (1921), die ihn aufgrund ihrer sprachlichen Brillanz berühmt machen. 1927 erscheint in einer Zeitschrift die staatstheoretische Abhandlung Der Begriff des Politischen. Während der Weimarer Republik sucht Schmitt nach einer Macht, die in den chaotischen Verhältnissen Ordnung schaffen könnte. Ab 1930 baut er Kontakte zu dem späteren Kanzler Kurt von Schleicher auf und ist mit anderen Bekannten Schleichers in geheime Pläne für eine veränderte Verfassung involviert. Die Reichsregierung unter Franz von Papen vertritt er erfolgreich in einem Prozess gegen das Land Preußen. 1933 tritt er in die NSDAP ein – ob aus Opportunismus oder aus Überzeugung, ist bis heute umstritten. Jedenfalls verteidigt Schmitt das Führerprinzip und die Nürnberger Rassengesetze von 1935 und unterstützt es, dass jüdische Kollegen ihre Arbeit verlieren. Seine Professur in Berlin erhält er aus staatspolitischen Gründen. 1936 wendet sich plötzlich das Blatt: Schmitt wird von einem SS-nahen Blatt als Opportunist gebrandmarkt und fällt in Ungnade, behält aber seine Professur. Nach der deutschen Kapitulation 1945 wird er verhaftet, in den Nürnberger Prozessen aber nicht verurteilt, weil kein Straftatbestand festgestellt werden kann. Er wird aus dem Staatsdienst entlassen, zieht sich in seine Heimatstadt zurück und veröffentlicht teilweise unter einem Pseudonym. Vom Nationalsozialismus distanziert er sich nie. Schmitt stirbt am 7. April 1985 in Plettenberg.


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