Zusammenfassung von Der eindimensionale Mensch

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Der eindimensionale Mensch Buchzusammenfassung

Literatur­klassiker

  • Soziologie
  • Moderne

Worum es geht

Sklaverei in der Komfortzone

Man stelle sich eine Gesellschaft vor, die unter einer Glaskuppel lebt. Ihre Mitglieder arbeiten, schlafen, lieben und konsumieren in dieser künstlichen Welt. Natürlich läuft das Leben nicht immer friedlich ab: Es gibt schon mal Streit mit dem Nachbarn, dem Chef oder den Politikern. Aber dann greifen bewährte Mechanismen der Deeskalation und Konfliktlösung. Niemand käme auch nur im Traum darauf, einen Blick auf die andere Seite der Glaskuppel zu riskieren oder gar sie zu zertrümmern. Warum auch: Es geht allen doch ganz ausgezeichnet, selbst der Ärmste ist noch zufrieden. So ist das Leben in der Komfortzone. Das ist keine Science-Fiction à la Brave New World oder Matrix, sondern eine Gesellschaftsbeschreibung aus der Sicht von Herbert Marcuse. Seine Zeit: die 60er Jahre des 20. Jahrhunderts. Marcuse zeichnet das Bild einer Gesellschaft, die von den Annehmlichkeiten eines Systems – egal ob kapitalistisch oder sozialistisch – eingelullt wird und sich das gern gefallen lässt. Medien, Politik und Wirtschaft ziehen an einem Strang, um das Individuum zufriedenzustellen und zu unterdrücken. Die Konsumwelt aus Luxus, Medien und Waren ist getarnte Sklaverei. Eine beunruhigende Bestandsaufnahme des modernen Kapitalismus. Lediglich der manchmal recht unzugängliche Stil schützt den Leser davor, dass ihm angst und bange wird.

Take-aways

  • Der eindimensionale Mensch ist eines der wichtigsten Werke des Neomarxismus und der Kritischen Theorie.
  • Marcuse sieht den modernen Menschen als Gefangenen der Eindimensionalität: total eingebunden in wirtschaftliche, politische und geistige Unfreiheit.
  • Der Einzelne wird von Medien, Politikern und der Industrie bewusst manipuliert.
  • Protest ist kaum mehr möglich, weil der Wohlfahrtsstaat mit dem materiellen Mangel auch den revolutionären Reflex in der Bevölkerung eingedämmt hat.
  • Der Mensch ist Opfer der „repressiven Entsublimierung“: Seine wahren Bedürfnisse werden durch künstlich geschaffene Konsumbedürfnisse ersetzt.
  • Besonders die Arbeitswelt ist eine Herrschaftssphäre: Obwohl der technische Fortschritt kürzere Arbeitszeiten ermöglicht, nötigt man die Menschen zur Langzeitarbeit, um sie unter Kontrolle zu halten.
  • Die Sprache wird funktionalisiert und entartet zu einem Instrument der Verschleierung.
  • Eine Veränderung dieses herrschenden Systems ist nur durch Revolution möglich.
  • Neben Marx’ Kapitalismuskritik ist es vor allem Freuds Psychoanalyse, die Marcuse für seine eigene Theorie fruchtbar macht.
  • Die Neue Linke und die Studentenbewegung der 68er-Generation fühlten sich durch Marcuses Buch inspiriert.
  • Da Marcuse nicht nur das kapitalistische, sondern auch das sozialistische System kritisierte, fand er bei orthodoxen Marxisten wenig Anklang.
  • Im Film Matrix wird eine Welt gezeigt, wie sie Marcuse sah: Nur wenige können hinter die Fassade einer künstlich erzeugten Scheinexistenz schauen.
 

Zusammenfassung

Die eindimensionale Gesellschaft

Der Mensch in der modernen Industriegesellschaft ist ein unglückliches Wesen. Er wird von gesellschaftlichen Kräften unterdrückt, die ein Interesse daran haben, seine Bedürfnisse in bestimmte Bahnen zu lenken. Durch den Einsatz von Medien, insbesondere der Werbung, aber auch der Politik, wird dem Einzelnen suggeriert, was er konsumieren, lieben oder hassen soll – ohne dass er eine Chance hat, diese Mechanismen als Manipulation zu erkennen. Die Menschen verinnerlichen diese Kontrolle in ihrem Bewusstsein. Die Bedürfnisse werden so beeinflusst, dass Unterschiede zwischen den Gesellschaftsschichten nivelliert werden und die Gesellschaft insgesamt zur homogenen, lenkbaren Masse wird. Dabei handelt es sich vorwiegend nicht um grundlegende menschliche Bedürfnisse (z. B. Nahrung), sondern um solche, die dem Konsumzwang entsprechen (z. B. Luxusgüter).

„Die wirksamste und zäheste Form des Kampfes gegen die Befreiung besteht darin, den Menschen materielle und geistige Bedürfnisse einzuimpfen, welche die veralteten Formen des Kampfes ums Dasein verewigen.“ (S. 24)

Jede Form von Widerstand zur Befreiung der Individuen wird verhindert. Den Menschen erscheint die Welt als eindimensionale Realität: Sie sind Teil des Systems und können nicht daraus ausbrechen. Sie werden mundtot gemacht, jede Mehrdimensionalität (d. h. der Ausbruch aus dem Status quo) ist unmöglich. Das System bedient sich der Technologie und der Wissenschaft, um Mensch und Natur auszubeuten.

Welfare and Warfare

Die fortgeschrittene Industriegesellschaft ist eine Gesellschaft der totalen Mobilisierung: Sie verbindet den Wohlfahrtsstaat mit dem Kriegsführungsstaat. Die Volkswirtschaften werden von großen Konzernen dominiert und sind in weltweiten militärischen Bündnissen miteinander verknüpft.

„Wir können wahre und falsche Bedürfnisse unterscheiden. ‚Falsch’ sind diejenigen, die dem Individuum durch partikuläre gesellschaftliche Mächte, die an seiner Unterdrückung interessiert sind, auferlegt werden: diejenigen Bedürfnisse, die harte Arbeit, Aggressivität, Elend und Ungerechtigkeit verewigen.“ (S. 25)

Die Unterschiede zwischen Arbeitern und Angestellten werden besonders hinsichtlich der Konsumgewohnheiten geringer, denn infolge des zunehmenden Wohlstands verschwindet das Proletariat. Die großen Parteien gleichen sich so stark an, dass jede Opposition quasi ausgehebelt wird. Selbst die kommunistischen Parteien verabschieden sich von dem Ziel, durch Revolution an die Macht zu kommen. Produktion und Beschäftigung heben den Lebensstandard nachhaltig. Seine innere Stabilität erhält das System mittels seiner starren Verwaltungsstrukturen und der fortwährenden Angst vor einem Nuklearkrieg.

Sozialen Wandel verhindern

Während der Arbeiter früher bis zur totalen körperlichen Erschöpfung ausgebeutet wurde, geht die moderne Entwicklung durch die zunehmende Automation in eine andere Richtung: Maschinen übernehmen nun schwere Arbeiten – doch der Mensch, der sie bedient, wird im Grunde selbst zur Maschine. Dabei geht es ihm finanziell besser. Er kann sich etwas leisten und glaubt, ein glückliches Leben zu führen. Mit steigendem Lebensstandard schwindet aber die Fähigkeit der Menschen, das kapitalistische System kritisch zu betrachten. Der gesellschaftliche Status und damit auch die Einstellung der ausgebeuteten Individuen verändern sich: Lebte der Proletarier in der Frühzeit der Industrialisierung im Elend und stand außerhalb der Gesellschaft, so sind die jetzigen Arbeiter in das System integriert. Die Maschinen bestimmen ihren Lebensrhythmus. Die arbeitende Klasse ist nicht länger die Negation der herrschenden Gesellschaft: Sie wurde ihr einverleibt. Die Existenz in Unfreiheit wird durch diverse Annehmlichkeiten verschleiert. Die Menschen befriedigen unechte Bedürfnisse: Sie erwerben Autos, Stereoanlagen, Fernseher und andere Dinge, über die sie sich definieren. Auf der anderen Seite fehlt ihnen aber jegliche Kontrolle über persönliche und politische Belange.

„So entsteht ein Muster eindimensionalen Denkens und Verhaltens, worin Ideen, Bestrebungen und Ziele, die ihrem Inhalt nach das bestehende Universum von Sprache und Handeln transzendieren, entweder abgewehrt oder zu Begriffen dieses Universums herabgesetzt werden.“ (S. 32)

Die herrschende Klasse ist heute nicht mehr Eigentümerin der Produktionsmittel, sondern sie besteht aus angestellten Direktoren. So werden Herrschaftsformen in Bürokratie überführt. Der einzelne Arbeiter oder Angestellte kann negative Gefühle wie Hass und Aggressionen nicht länger auf tradierte Feindbilder lenken. Statt auf herablassende Fabrikbesitzer trifft er auf freundliche Chefs, die wie er selbst Opfer einer großen Maschinerie sind. Dabei bedingen sich Bürokratie und Technik gegenseitig: Die Maschinerie und ihre Verwalter begeben sich in zunehmende Abhängigkeit. Waffenkonzerne brauchen Militärs, um ihre Interessen durchzusetzen. Militärs brauchen die Konzerne, um hoch entwickelte Waffen zu erhalten. Die Gesellschaft gerät so in einen Teufelskreis, der sich ständig erweitert.

Die repressive Entsublimierung

Nach Sigmund Freud bedeutet Sublimierung, dass der Mensch seine primitiven Triebe, die allein dem Lustgewinn dienen, überwindet. Kultur und Zivilisation können nur erreicht werden, indem elementare Triebe (z. B. der Sexualtrieb) in höhere, Werte schaffende umgewandelt werden. In der totalitären Gesellschaft wird diese Sublimierung jedoch durch starke Kontrollmechanismen wieder aufgehoben. Durch den enormen Leistungsdruck wird der Einzelne entsublimiert. Der Mensch wird zum bloßen Arbeitstier, und seine Triebe werden auf den Konsum umgeleitet. Die repressive Entsublimierung bedeutet gewissermaßen eine Duldung des menschlichen Triebverhaltens mit dem Ziel der Unterdrückung. Sex ist aus dem Bereich der Scham hervorgetreten und wird in Werbung, Fernsehen, ja sogar bei der Kleiderordnung vor allem der weiblichen Angestellten offen zur Schau getragen. Das sublime erotische Moment der Libido wird weitgehend ausgeklammert, die Darstellung des Sexuellen – innerhalb tolerierter Grenzen – stellt keinen Tabubruch mehr dar.

Die Entfremdung der Kunst

Auch Kunst und Literatur werden zu Konsumgütern. Man erwirbt Kunstwerke, um andere zu beeindrucken. Bücher verkommen zu Trophäen. Die Menschen verlieren die Fähigkeit, Gehörtes und Gelesenes zu verinnerlichen, und übersetzen es bloß in praktische, rationale Begriffe. Viele Romane und Bilder, die noch aus der vorindustriellen Gesellschaft stammen, zeigen Menschen, die im Einklang mit der Natur wandern, in Kutschen fahren und Zeit zum Nachdenken haben. Diese Werke stehen im Widerspruch zur heutigen, hoch entwickelten Industriegesellschaft, sie sind unvereinbar mit ihr. Dennoch werden sie massenweise reproduziert und zu vertrauten Begleitern des Alltags. Sie werden, wie die Menschen, dem System einverleibt. Heute existieren Werke mit ganz unterschiedlicher kritischer Zielsetzung nebeneinander. Grundsätzlich ist es zwar durchaus gutzuheißen, dass heute jeder leicht Zugriff auf klassische Werke hat – aber diese Pluralität ist Manipulation und „Weichspüler“ zugleich. Kunst und Literatur, ursprünglich als Aufbegehren und Protest gemeint, verkommen zu angenehmen Konsumartikeln.

Kontrolle der Sprache

Um den Gegensatz zwischen gesellschaftlicher Realität und dem persönlichen Empfinden des Einzelnen aufzuheben, wird auch die Sprache auf die Eindimensionalität zurückgestuft. Satzbau und Vokabular schrumpfen zusammen. Der Slang regiert. Sprache wird funktionalisiert. So bringen Begriffe und Namen für bestimmte Vorgänge keine anderen assoziativen Bedeutungen hervor als genau diejenigen, die öffentlich erwünscht sind. Widersprüche innerhalb der Gesellschaft werden so nicht mehr wahrgenommen oder sogar für die Propaganda verwendet. Paradoxe Bezeichnungen wie „saubere Bombe“ oder „harmloser atomarer Niederschlag“ etwa sind Ausdrücke, die zu keinerlei Protesten führen. Begriffe, die in keinem direkten Zusammenhang stehen, werden miteinander verbunden. Beispiel: Nationale Verteidigung und Kommerz haben eigentlich nichts miteinander zu tun. Doch interessiert es den Zeitungsleser durchaus, dass ein Atom-U-Boot 120 Millionen US-Dollar kostet und ein Luxusbunker über ein Fernsehgerät und einen Teppich verfügt. Gern werden in der Politik Abkürzungen verwendet, um negative Assoziationen zu verhindern. So denkt man beim Stichwort „NATO“ nicht unbedingt daran, dass es bei dieser Organisation um Verträge zwischen den Ländern am Nordatlantik geht. Und niemand kommt auf die Idee zu fragen, warum dann Griechenland und die Türkei Mitglieder sind. Die funktionale Sprache dient der Normierung aller Menschen. Bedeutungen hinter den Begriffen werden systematisch geschrumpft und verschwinden aus dem Bewusstsein.

Individualisierung gesellschaftlicher Probleme

Um die Widersprüche zwischen Schein und Wirklichkeit zu vertuschen, verfügt das System über Mechanismen, mit denen der Einzelne unterstützt wird. Die Beziehungen der Menschen untereinander im Produktionsprozess werden mithilfe von Fachleuten wie Soziologen oder Psychologen verbessert. Ein angenehmes Betriebsklima und gute Beziehungen der Geschäftsleitung zur Belegschaft sind nun mal produktiver. Beschwerden von Arbeitern sind meist allgemein gehalten und richten sich nie gegen die Grundfesten des Systems. So klagte einmal ein Arbeiter über einen zu geringen Stücklohn. Als er dazu befragt wurde, stellte sich heraus, dass seine Frau im Krankenhaus lag und er die Arztrechnungen nicht bezahlen konnte. In dieser besonderen Situation also reichte sein Lohn nicht aus. Das Unternehmen zahlte die Rechnungen aus einem Fonds für Härtefälle. Der Arbeiter wurde so zu der Erkenntnis gebracht, dass sein Lohn in der Regel in Ordnung ist. Er, der Arbeiter X im Werk Y der Firma Z, hat scheinbar also ein ganz spezielles Problem, das nichts mit einer Ausbeutung der Arbeiterklasse zu tun hat. Indem Fachleute helfen, drängende Probleme der einzelnen Menschen zu lösen, zementieren sie die Grundfesten der Unterdrückung.

Verlust der Kritikfähigkeit

Der Mensch bewegt sich im Rhythmus der Maschinen. Sein ganzes Dasein ist auf die rasche Befriedigung materieller Bedürfnisse ausgerichtet. Gerade weil der Lebensstandard so stark angestiegen ist, ihm die Bedürfnisbefriedigung also weitgehend gelingt, verliert er jegliche Kritikfähigkeit gegenüber dem herrschenden System, das ihn jedoch nach wie vor ausbeutet. Selbst das Denken und die Philosophie sind von der Repression betroffen: Vorherrschend sind Empirismus und Positivismus, die durch ihre Methodik den Status quo immer nur bestätigen und bekräftigen. Kritisches, revolutionäres Denken wird unterdrückt.

„Das eindimensionale Denken wird von den Technikern der Politik und ihren Lieferanten von Masseninformation systematisch gefördert.“ (S. 34)

Die Menschen werden zu harter Arbeit gezwungen, die durch den Einsatz der modernen Technologie längst nicht mehr notwendig wäre. Vielmehr könnte durch die genaue Bestimmung der Arbeitsmenge, die zur Grundsicherung aller notwendig ist, und durch die Unterordnung aller Ressourcen unter dieses Ziel ein Zustand erreicht werden, in dem keiner mehr Existenzängste haben müsste.

Revolution ist der einzige Ausweg

Diejenigen gesellschaftlichen Gruppen, welche die Kontrolle über die Produktionsmittel innehaben, bestimmen das Leben aller Menschen. Während sie selbst also frei sind, versklaven sie die anderen. Die Freiheit des Menschen von materieller Not, Angst und Einschränkung, also ein wahrhaft befriedetes Dasein, ist deshalb innerhalb des jetzigen gesellschaftlichen Systems unmöglich. Eine bloße Evolution (Entwicklung) kann keine Veränderung herbeiführen, denn sie ist selbst repressiv und dient der Manipulation der Massen. Freiheit für alle kann daher nur durch eine Revolution (Umwälzung) ausgelöst werden. Dies setzt voraus, dass die Menschen ein Bewusstsein für ihren Zustand entwickeln. Wird das Bewusstsein aber immer durch die Erfordernisse der herrschenden Klassen bestimmt, ist es unfrei. Nur als Negation der Gesellschaft, d. h. als Ablehnung der bestehenden Zustände, kann es überhaupt ein freies Bewusstsein geben.

„Was den Westen angeht: Die früheren Konflikte in der Gesellschaft werden unter der doppelten (und auf Wechselseitigkeit beruhenden) Einwirkung von technischem Fortschritt und internationalem Kommunismus modifiziert und geschlichtet.“ (S. 41)

Der technische Fortschritt, also die Voraussetzung, die ursprünglich den Massenkonsum und zugleich die Unterdrückung des Einzelnen hervorgebracht hat, sollte allerdings auch bei einer Revolution erhalten bleiben. Die Technologie selbst kann und soll als Basis für eine neue Gesellschaft dienen. Der politische Unterdrückungsapparat muss allerdings vernichtet werden, die Ressourcenverschwendung und die Produktion um jeden Preis müssen aufhören.

Aussicht auf Befreiung?

In der neuen Gesellschaft kann der freie Mensch seine wahren Lebensbedürfnisse befriedigen. Es geht nicht mehr um Profit, sondern um echte Werte wie Humanität, Gerechtigkeit und Freiheit. Doch wer führt die Revolution herbei? Es sind die Ausgestoßenen der Gesellschaft: Arbeitslose, Arbeitsunfähige und Menschen, die wegen ihrer ethnischen Zugehörigkeit verachtet werden, ebenso kritische Intellektuelle, die die Perversion des gegenwärtigen Systems erkannt haben. Indem diese Gruppierungen eine „absolute Weigerung“ gegenüber dem System durchführen, soll dieses mitsamt seinen Institutionen ausgehöhlt und subversiv in ein neues System überführt werden.

Zum Text

Aufbau und Stil

Marcuse hat sein Hauptwerk selbst als „Studien“ bezeichnet. Es handelt sich um eine soziologische Abhandlung mit philosophischen und psychologischen Zügen: Wer Marx und Freud kennt, wird Marcuses Gesellschaftskritik besser verstehen. Neben einer einleitenden Vorrede und einer abschließenden Abwägung möglicher Alternativen zur herrschenden Gesellschaft dominieren zwei Abschnitte das Buch: Der erste handelt von der Gesellschaft, der zweite vom Denken, der Sprache und der Philosophie. Beide Teile stehen unter dem Gesichtspunkt der von Marcuse konstatierten Eindimensionalität. Der Autor beobachtet und deutet, hält sich aber mit konkreten Lösungsvorschlägen eher zurück – abgesehen davon, dass er eine Revolution herbeisehnt. Einige knappe Lösungsansätze bleiben dem verhältnismäßig kurzen dritten Abschnitt überlassen. Marcuses Stil ist schwierig: Er neigt zu Wiederholungen, seine Ausführungen winden sich vorwärts und rückwärts, manchmal schreibt er sehr klar, an anderen Stellen wirft er dem Leser scheinbar aus dem Zusammenhang gerissene, assoziativ wirkende Sätze hin, deren Bedeutung sich eher erahnen als verstehen lässt. Marcuse richtet sich in seiner Abhandlung bewusst gegen die funktionalistische Sprache. Vermutlich ist sein eigener Stil insofern als bewusste Opposition zu „aufgeräumter“ Ausdrucksweise zu werten.

Interpretationsansätze

  • Marcuse setzt die Marx’sche Kapitalismuskritik fort und passt sie den veränderten Umständen an: Die Arbeiter bzw. Proletarier sind nicht mehr die Hoffnungsträger für die Revolution, denn diese ehemaligen Underdogs sind inzwischen ins kapitalistische System integriert worden. Ungehorsam und Protest werden durch das wachsende Konsumangebot im Zaum gehalten. Marcuse sieht darum wenig Hoffnung auf Veränderung.
  • Denkt man die von Marcuse skizzierte Gesellschaftsentwicklung zu Ende, ergibt sich eine ungeheuerliche Schlussfolgerung: Die so genannte liberale Gesellschaft ist ein versteckter Totalitarismus.
  • Viele von Marcuses Beobachtungen über die Verschleierung durch Sprache sind auch heute noch aktuell. Dies zeigt z. B. die moderne Kriegsberichterstattung. Insbesondere im Ersten Golfkrieg wurde vermittels Sprache und Livebildern suggeriert, es handle sich um einen „sauberen Krieg“ mit geringen „Kollateralschäden“, der dank seiner „Smart Bombs“ und Hightech-Waffen keine zivilen Opfer mehr fordere.
  • Marcuse ist selbst Teil der Gesellschaft, die er kritisiert. Da stellt sich natürlich die Frage, wie er der allumfassenden Verblendungsmaschinerie entkommen konnte. Er würde vermutlich antworten: durch die Kritische Theorie. Diese stellt für ihn das „fortgeschrittenste Bewusstsein der Menschheit“ dar, im Gegensatz zu Empirismus und Positivismus, die immer nur – eindimensional – das Bestehende untersuchen, ohne Alternativen aufzuzeigen.
  • Marcuses Gesellschaftskritik berücksichtigt noch nicht die Realität der Globalisierung, der globalen wirtschaftlichen Konkurrenz. Darum ist seine Theorie für die heutigen Globalisierungskritiker von geringer Bedeutung.

Historischer Hintergrund

Studentenproteste und Neue Linke

Die Studentenbewegung Ende der 60er Jahre, das Aufbegehren der Intellektuellen, die Proteste, Aktionen, Demos und Sit-ins entsprachen ganz Marcuses Forderung nach einer Revolution gegen das Establishment, also gegen das von ihm als repressiv gebrandmarkte Gesellschaftssystem. Marcuse war weniger pessimistisch als die beiden berühmtesten deutschen Vertreter der Kritischen Theorie, Theodor W. Adorno und Max Horkheimer: Er wollte einen Umsturz und begrüßte den Protest. Seine Veröffentlichungen wurden zum Evangelium der Studentenbewegung und Marcuse selbst zu einem ihrer Säulenheiligen. Die Wurzeln der Protestbewegung lagen in den USA: Dort rebellierten Jugendliche, allen voran die Studenten, gegen den Vietnamkrieg (der übrigens in Vietnam „der amerikanische Krieg“ heißt), die Diskriminierung der Schwarzen und die repressive Gesellschaft. Die Hauptforderung war: Freiheit von gesellschaftlicher, politischer und sexueller Bevormundung und Unterdrückung. Teile der Protestbewegung formierten sich innerhalb der so genannten Neuen Linken. Ihre Mitglieder sahen sich als Opposition zur „alten Linken“, in Deutschland z. B. zur SPD. Diese war 1966 mit der CDU/CSU die Große Koalition eingegangen. In diesem Parlament fehlte eine ernst zu nehmende Kontrolle durch die Opposition. Besonders umstritten waren die 1968 verabschiedeten Notstandsgesetze, die im Krisenfall die Grundrechte einschränken konnten. Regierungsgegner äußerten sich in der Außerparlamentarischen Opposition (APO).

Entstehung

Im Jahr 1958 erhielt Herbert Marcuse eine feste Anstellung an der Brandeis-Universität im amerikanischen Bundesstaat Massachusetts. Dies war eine mutige Entscheidung des Rektors Abram Sachar, denn schließlich bezog sich Marcuse in seinen Veröffentlichungen auf die marxistische Theorie. Auch wenn sich Marcuse gegenüber dem real existierenden Kommunismus in der Sowjetunion kritisch äußerte, konnte doch allein der Umstand, während des Kalten Krieges einen marxistisch orientierten Politikwissenschaftler an einer amerikanischen Universität einzustellen, als Risiko gewertet werden. Marcuse war bei seinen Studenten sehr beliebt. Während er in Boston an Der eindimensionale Mensch arbeitete, verschärfte sich seine öffentlich geäußerte Kritik an der amerikanischen Gesellschaft: „Als ich in den 30er Jahren in dieses Land gekommen bin, lag der Geist der Hoffnung in der Luft. Jetzt aber erkenne ich hier einen Militarismus und eine Unterdrückung, die Erinnerungen an den Naziterror wachrufen.“ Im fertigen Buch sieht er folgerichtig beide Systeme – den Kapitalismus und den Sowjetsozialismus – als defizitär an. Als die Kubakrise das Land erschütterte und ein Atomkrieg die Welt bedrohte, waren aus der Brandeis-Universität prokubanische Stimmen zu vernehmen. Die eher konservativen Geldgeber der Universität drohten daraufhin damit, den Geldhahn zuzudrehen. Eine der Professorinnen beendete eine Vorlesung mit den Worten: „Es lebe Fidel! Zur Hölle mit Kennedy!“ Sie musste ihren Hut nehmen. Marcuse, der die Freiheitsforderung seines Buches ernst nahm, tadelte zusammen mit anderen Vertretern der Universität die Einmischung des Rektors in die akademische Freiheit. Das kostete ihn die Festanstellung. Die Veröffentlichung des Buches und seine Begleitumstände waren für Marcuse in beruflicher Hinsicht insofern nicht besonders glücklich.

Wirkungsgeschichte

„Die Resonanz in Berlin war für mich eigentlich überraschend. Ich hatte, bevor ich nach Europa kam, davon nichts gewusst, da ich keine deutschen Zeitungen in den USA lese. Ich war überrascht, in welcher Weise hier das, was ich geschrieben habe und wofür ich stehe, bekannt ist“, berichtete Herbert Marcuse in einem Interview, als er 1969 nach Europa kam. Die Rezeption seiner Werke in seiner alten Heimat Deutschland verblüffte ihn und schmeichelte ihm. Die Veröffentlichung von Der eindimensionale Mensch polarisierte die Leser: In seinem Buch sprach er die Fehlentwicklungen beider großer Gesellschaftsordnungen an, was auch denjenigen linken Zeitgenossen gefiel, die mit der Entwicklung des Sozialismus und der Sozialdemokratie nicht zufrieden waren. Die eher orthodoxen Marxisten lehnten Marcuses Analyse der fortgeschrittenen Industriegesellschaft dagegen ab. Von den Medien wurde Marcuse zur „Vaterfigur der Neuen Linken“ gemacht, was ihm nicht wirklich gefiel. Er beschwerte sich bei einer Kundgebung in einer amerikanischen Universität darüber, dass viele Studenten lieber Bibliotheken anzünden würden, als sich intellektuell mit der gesellschaftlichen Lage zu beschäftigen: „Es gibt keinen Widerspruch zwischen Intelligenz und Revolution“, warnte er. Nach seinem Tod verebbte das Interesse an Marcuses Schriften zwar, seine Spuren lassen sich aber bis heute verfolgen. Ein Film, der in den letzten Jahren sogar zeitgenössische Philosophen zur Diskussion angeregt hat, ist Matrix (1999) von den Brüdern Larry und Andy Wachowski. Der Science-Fiction-Film zeigt eine Menschheit, die von Maschinen beherrscht in einer Art zweiter Realität lebt. Diese Scheinwirklichkeit spiegeln die Maschinen ihnen vor, um sie ruhigzustellen. Nur einige wenige Auserwählte können die Fassadenwelt durchbrechen, die „wahre“ Realität erkennen und ihre Mitmenschen in einer Revolution befreien – ganz im Sinne von Herbert Marcuse.

Über den Autor

Herbert Marcuse wird am 19. Juli 1898 in Berlin geboren. Mitten im Ersten Weltkrieg macht er sein Abitur und wird danach sofort zum Militärdienst eingezogen. Wegen eines Augenleidens muss er jedoch nicht an die Front. Ein Jahr vor Kriegsende wird er Mitglied der SPD, 1918 wählt man ihn in den Berlin-Reinickendorfer Soldatenrat, nach dem Vorbild der russischen Räte (Sowjets). Nach der Ermordung Karl Liebknechts und Rosa Luxemburgs 1919 tritt er aus der SPD aus. In Berlin und Freiburg studiert er Germanistik, Philosophie und Nationalökonomie. Er promoviert 1922 in Freiburg. Nach einer Zeit als Buchhändler in Berlin wird er 1929 Assistent von Martin Heidegger in Freiburg, von dem er sich aber wegen dessen Engagement für die Nationalsozialisten abwendet. 1933 wechselt er zum Frankfurter Institut für Sozialforschung. Da er jüdischer Abstammung ist, emigriert er noch im selben Jahr zunächst in die Schweiz, dann in die USA, wo er 1940 eingebürgert wird. Während des Zweiten Weltkriegs arbeitet er für das „US Office of Strategic Services“, einen Vorläufer der CIA, und wertet Berichte über Deutschland aus. 1952 beginnt er politische Theorie in Columbia und Harvard zu lehren. Von 1954–1965 lehrt er an der Brandeis-Universität in Waltham, Massachusetts, und schließlich, bereits im Rentenalter, in San Diego an der Universität von Kalifornien. Marcuse widmet sich in seinen Veröffentlichungen insbesondere der Kritik an der kapitalistischen Gesellschaft. Dabei verbindet er die Theorien von Karl Marx und Sigmund Freud, u. a. in Eros and Civilization (Triebstruktur und Gesellschaft, 1955) und in One-Dimensional Man (Der eindimensionale Mensch, 1964). Marcuses Arbeit findet ihren Widerhall in den Studentenprotesten, die er aktiv unterstützt. In den 60er und 70er Jahren hält er zahlreiche Vorträge vor Publikum in ganz Europa. Am 29. Juli 1979 stirbt er während eines Besuchs in Starnberg. Seine Asche wird erst 2004 auf den Dorotheenstädtischen Friedhof in Berlin überführt.


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