Zusammenfassung von Der gute Gott von Manhattan

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Der gute Gott von Manhattan Buchzusammenfassung

Literatur­klassiker


Worum es geht

Eine Liebe gegen die Ordnung

Wenn es nach dem guten Gott von Manhattan geht, gibt es zwei Arten von Liebe: eine gesellschaftlich genormte, ruhige Form der Kameradschaft und eine ungesunde, alles verzehrende, romantische Liebe, die schon unzählige Liebende dahingerafft hat, darunter berühmte Figuren wie Romeo und Julia. Deshalb sieht er es als seine Aufgabe an, die von romantischer Liebe Befallenen kurzerhand in die Luft zu sprengen. Ingeborg Bachmann spielt in ihrem Hörspiel mit literarischen Bezügen und stellt die dramatischste Form der romantischen Liebe in ein manchmal ironisches, manchmal melancholisches Licht. Sollen wir vermeiden, uns so sehr zu verlieben, dass wir uns selbst vergessen? Oder ist dies vielleicht die einzig erstrebenswerte Form der Liebe? Wie wird Jan, der Überlebende, das Erlebte rückblickend bewerten? Wird der gute Gott wegen Mordes belangt? All diese Fragen bleiben offen. Diese Zwiespältigkeit, die auch Ingeborg Bachmanns Leben wie ein roter Faden durchzog, macht den Reiz des Hörspiels und seine ungebrochene Faszination aus. Fragen zu den gesellschaftskritischen Implikationen und der ästhetischen Gestaltung des Hörspiels werden noch heute rege diskutiert. In geschriebener und gespielter Form zählt Der gute Gott von Manhattan zu den eindrucksvollsten Stücken deutscher Literatur im 20. Jahrhundert.

Take-aways

  • Der gute Gott von Manhattan zählt zu Ingeborg Bachmanns berühmtesten Hörspielen.
  • Inhalt: Zwei junge Menschen, Jan und Jennifer, treffen sich in New York und verlieben sich Hals über Kopf ineinander. Solche Liebe ist wider die Natur, findet der gute Gott von Manhattan, er jagt Jennifer in die Luft und muss sich vor einem Richter verantworten.
  • Zentrales Motiv des Hörspiels ist der Gegensatz von romantischer Liebe und bürgerlicher Ordnung.
  • Auch antikapitalistische, antipatriarchalische und feministische Lesarten sind möglich.
  • Das Hörspiel wurde am 29. Mai 1958 im NDR, im SWF und im BR zeitgleich zum ersten Mal gesendet.
  • Im Text lassen sich viele Bezüge zum Werk Johann Wolfgang von Goethes ausmachen.
  • Ingeborg Bachmann arbeitete Anfang der 1950er-Jahre in Wien als Radioredakteurin.
  • Das noch junge Genre des Hörspiels erlebte im Nachkriegsdeutschland eine Blütezeit.
  • Bachmanns Hörspiel wurde mit dem renommierten Hörspielpreis der Kriegsblinden ausgezeichnet.
  • Zitat: „Ich glaube, dass die Liebe auf der Nachtseite der Welt ist, verderblicher als jedes Verbrechen, als alle Ketzereien.“
 

Zusammenfassung

Die Gerichtsverhandlung

In einem Gerichtssaal im sommerlich überhitzten New York wird ein Angeklagter vor den Richter geführt. Der Richter erfragt die Daten des Mannes, der wegen Mordes angeklagt ist. Er soll die 23-jährige Politikstudentin Jennifer mit einer Bombe umgebracht haben. Schon sechs Jahre zuvor hat es einen ähnlichen Fall gegeben, ebenfalls im Sommer: Zwei Menschen waren bei einem Sprengstoffattentat ums Leben gekommen. Nun wurde der Angeklagte am Tatort eines ähnlichen Falles gesehen und festgenommen.

„Ich sah eine Kette von Attentaten gegen Menschen, die niemand bekümmert hatten, ausgeführt von einem unauffindbaren Wahnsinnigen.“ (Richter, S. 12)

Der Mann stellt sich vor als „der gute Gott von Manhattan“, auch bekannt als „der gute Gott der Eichhörnchen“. In seiner Wohnung wurden große Mengen Nüsse als Futter für die Eichhörnchen der Stadt gefunden. Er nutzt die Nagetiere als Kundschafter und Briefträger. Seine Attentate bereitete er mit der Hilfe seiner zuverlässigsten Eichhörnchen Billy und Frankie vor. Die Morde waren immer zielgerichtet. Bei seinem letzten Anschlag ist jedoch eine Zielperson entkommen. Der junge Mann hatte geschworen, bei seiner Geliebten zu bleiben, und ist nach ihrem Tod dennoch abgereist – noch vor der Beerdigung. Auf Nachfrage des Richters ist der gute Gott bereit, die ganze Geschichte zu erzählen.

Das Kennenlernen

In der Grand Central Station, dem Hauptbahnhof, lernen sich zwei junge Menschen kennen. Sie sind mit dem Zug aus Boston nach New York gekommen. Die Frau, Jennifer, spricht den Mann, Jan, an, nachdem sie ihn während der Zugfahrt beobachtet hat. Sie hat ihn vorher schon einmal auf einer Feier gesehen und er hat schon damals ihr Interesse geweckt. Jan erklärt, dass er nur kurz in New York sei und von hier per Schiff nach Europa zurückkehren werde. Das Gespräch ist kurz und eigentlich schon beendet, als er beginnt, Jennifer Fragen zu stellen. Während sie sich Nüsse am Automaten holt, wird Jan von einem Eichhörnchen ein Brief zugesteckt, auf dem steht: „Sag es niemand!“ Zudem findet er darin die Ankündigung, dass er den Abend mit Jennifer „auf der himmlischen Erde“ verbringen werde. Die beiden beschließen, etwas essen zu gehen.

Die erste Nacht

Nach dem Essen besuchen Jennifer und Jan eine Bar und trinken etwas. Um zwei Uhr schlägt Jan vor aufzubrechen. Die beiden treffen eine Wahrsagerin, die ihnen aus der Hand lesen will. Sie weissagt Jan ein langes Leben und dass er „nie vergessen“ wird. In Jennifers Hand kann sie allerdings nichts lesen. Jan und Jennifer suchen nach einem Hotel – er gibt sich ihr gegenüber kühl.

„Und ich möchte Sie ein paar Stunden lang ansehn, kühle Schultern, kühles Gesicht, kühle runde Augen. Glauben Sie, dass das möglich ist?“ (Jan zu Jennifer, S. 20)

Im nächsten Hotel ist nur noch ein Zimmer im Erdgeschoss frei, das sie beziehen. Es ist ein Stundenhotel, die Luft ist stickig und das Zimmer schmutzig. Jan erinnert Jennifer daran, dass er in Kürze abreisen muss und dass sie eigentlich nichts voneinander wissen. Jennifer wird immer zögerlicher, Jan dagegen fordernd. Sie gibt seinem Drängen schließlich nach.

Am nächsten Tag

Die beiden schlafen bis zum Mittag. Der Ton zwischen ihnen ist nun kühl und distanziert. Sie machen sich auf, um frühstücken zu gehen, und verlassen das Hotel. Draußen stellen sie fest, dass sie keinen neuen Brief vom Eichhörnchen erhalten haben. Zu diesem Zeitpunkt hat der gute Gott die Verfolgung der beiden aufgenommen. Der Richter fragt, warum, schließlich sei ein Techtelmechtel zwischen Reisenden das Alltäglichste von der Welt. Der gute Gott stellt klar, dass er gegen derlei Vorfälle grundsätzlich nichts einzuwenden habe. Ihn störte aber, dass die Geschichte nach der gemeinsamen Nacht weiterging.

„Auch ich werde es vielleicht bedauern oder vergessen im besten Fall. Man weiß so wenig vorher. Und auch nachher. Eine Nacht ist zu viel und zu wenig.“ (Jan zu Jennifer, S. 28)

Jan ruft die Schifffahrtsgesellschaft an und erfährt, dass er in den nächsten Tagen wahrscheinlich nicht abreisen kann. Während das Großstadtleben um sie herum seinen geschäftigen Gang geht, verbringen Jan und Jennifer den Tag zusammen. Sie frühstücken, besuchen Bars, Kirchen und Geschäfte. Schließlich fragen sie im Atlantic Hotel nach einem Zimmer. Sie beziehen einen Raum im siebten Stock, dem höchsten Stockwerk, in dem noch etwas frei ist. Der Portier bietet an, ihnen Bescheid zu geben, sobald in noch höheren Stockwerken ein Zimmer verfügbar wird. Kaum im Zimmer angekommen, sinken die beiden sich wieder in die Arme. Sie verabreden, die gemeinsame Zeit zu genießen und sich dann ohne großes Aufheben zu verabschieden.

„In allen Senkrechten und Geraden der Stadt war Leben, und der wütende Hymnus begann wieder, auf die Arbeit, den Lohn und größren Gewinn. Die Schornsteine röhrten und standen da wie Kolonnen eines wiedererstandenen Ninive und Babylon (…)“ (guter Gott, S. 33)

Der gute Gott erklärt, dass diese Vereinbarung scheitern musste, dass die ersten Zeichen für den Fehlschlag schnell zu sehen waren – im Lächeln der beiden zum Beispiel.

Die zweite Nacht

Um Mitternacht verlassen Jan und Jennifer das Hotel und machen einen Spaziergang durch Manhattan. Sie sprechen über die Stadt und malen sich eine mögliche Zukunft aus. Schließlich erhalten sie wieder einen Brief vom Eichhörnchen, diesmal mit der Ankündigung, dass sie sich heute Nacht auf dem Broadway treffen werden.

„Ich werde neugierig auf dein nasses Haar und deinen nassen Mund, deine Wimpern voll Tropfen. Du wirst ganz hell und weiß und vernünftig sein, und wir werden einander nichts vorwerfen.“ (Jan zu Jennifer, S. 36)

Der gute Gott bemängelt, dass die beiden von diesem Zeitpunkt an gegen die Ordnung zu verstoßen begannen. Der Richter möchte wissen, welches Motiv hinter seinem Anschlag steckte. War er neidisch oder lehnte er die Verbindung ab? Der gute Gott bittet um Geduld.

Der dritte Tag

Am dritten Tag gehen Jan und Jennifer in den Central Park und sehen dort eine Puppentheateraufführung der Eichhörnchen Billy und Frankie. Auf dem Programm stehen die berühmten tragischen Liebesgeschichten der Literatur – ein grausiges Spektakel, wie Billy und Frankie meinen. Gezeigt werden unter anderem die Schicksale von Orpheus und Eurydike sowie von Romeo und Julia. Jan und Jennifer sehen sich das Stück an und sind begeistert von der Inszenierung der Eichhörnchen. Sie finden einen weiteren Brief, in dem sie aufgefordert werden, heimzugehen.

„Jetzt waren sie beim Spielen. Spielten: Liebe.“ (guter Gott, S. 40)

Der Richter kann die Empörung des Angeklagten noch immer nicht nachvollziehen: Er hält das Verhalten des jungen Paares für ganz natürlich. Der gute Gott findet daran nichts Natürliches. Diese Art von Liebe widerspreche der Schöpfung und nehme sich selbst viel zu ernst.

Der erste Abschied

Jan und Jennifer sprechen über die Zukunft: Er könnte Briefe schreiben, meint er, voller Floskeln, aber er werde es nicht tun. Er behauptet, seine Gefühle spielten in dieser Sache keine Rolle. Dann erfährt er, dass er mit dem nächsten Schiff abreisen kann. Jan und Jennifer packen ihre Koffer und bereiten sich auf den Abschied vor. Sie gehen den Gang hinunter, fahren mit dem Lift, gehen auf die Straße und reden sich ein, sich ganz leicht voneinander trennen zu können. Als Jennifer dann tatsächlich geht, rennt Jan ihr hinterher, verliert sie jedoch aus den Augen. Als er sie endlich findet, macht er ihr schwere Vorwürfe, weil sie ihn verlassen hat, und droht ihr sogar Gewalt an, falls sie ihn noch einmal zurücklässt. Sie machen sich auf den Weg zurück ins Hotel: In der Zwischenzeit ist im 30. Stock ein Zimmer frei geworden. Sie küssen sich auf der Straße – ohne einen Gedanken daran zu verschwenden, wie sie auf andere wirken.

„Sie gaben einem Verlangen, das von der Schöpfung nicht so gedacht sein kann, mit einer Laune nach, die ernsthafter war als jeder Ernst, und schwuren sich Gegenwart und sonst nichts, mit jedem Blick, jedem heftigen Atemzug und jedem Griff in das hinfälligste Material der Welt, dieses Fleisch, das vor Traurigkeit bitter schmeckte und in dem sie gefangen lagen, verurteilt zu lebenslänglich.“ (guter Gott über Jan und Jennifer, S. 46)

Der Richter und der gute Gott sind sich einig, dass der gesunde Menschenverstand bei dem Paar nicht mehr wirkt. Sie befinden sich nun weit entfernt von der restlichen Welt. Die Liebe hat sie in Besitz genommen. Sie ziehen sich in ihr Zimmer und ihre eigene Welt zurück. Die Eichhörnchen bringen Briefe und erkunden die Lage. Sie haben einen Plan, wie sie das Paar foltern wollen, den sie mit dem guten Gott besprechen müssen. Der gute Gott sieht sich mit seinem Handeln im Recht und wirft dem Gericht vor, ihn für eine Einzelvernichtung anzuklagen, während man Massenvernichtung durchgehen lässt. Er hat nicht aus Lust, sondern aus Überzeugung gemordet.

Vergangenheit und Zukunft

Jan und Jennifer verlieren sich inzwischen immer mehr in ihrer Liebe. Sie erkennen ihren eigenen Wahnsinn durchaus, können aber partout nichts dagegen tun. Jennifer bittet Jan, von seinem Leben zu erzählen. Er sieht nicht ein, warum das wichtig sein sollte – seine Geschichte, seine Ideen und lange Beschreibungen seiner Heimat sagen nichts darüber aus, wer er ist. Auch die Frage, ob und wie viele andere Frauen es vor Jennifer gab, hält er für sinnlos. Schließlich gebe es so viele Fassungen dieser Geschichte, dass sie nichts Greifbares mehr aussagen könne.

„Ich glaube, dass die Liebe auf der Nachtseite der Welt ist, verderblicher als jedes Verbrechen, als alle Ketzereien.“ (guter Gott, S. 80)

Jennifer will von Jan wissen, ob es jemand gibt, der auf ihn wartet, und ob er dieser Person von ihr, Jennifer, erzählen werde. Er sagt, dass er erwartet wird und dass er schweigen wird – schließlich haben die Eichhörnchen es ja so befohlen. Für ihn sind Geschichten belanglos – das, was sie jetzt miteinander teilten, zeige ihnen doch wirklich, wer sie seien. Was bringt es, über alle möglichen entfernten und willkürlich gewählten Themen zu reden? Jennifer fühlt sich angegriffen und weist darauf hin, dass sie ihm nur näherkommen möchte. Er macht sich über sie lustig und zieht sie damit auf, dass sie am Ende nebeneinanderher leben werden, verbunden nur durch Kinder oder Sorgen. Er will diese vertraute Kameradschaft nicht, das erträgliche und tröstliche Miteinander, eine geplante Zukunft. Unterdessen werden Billy und Frankie schon unruhig. Sie wollen endlich die Bombe legen. Zuvor sorgen sie aber dafür, dass das Paar in einen noch höheren Stock, den 57., zieht. Sie schreiben wieder einen Brief.

Außerhalb jeder Ordnung

Jan ist verändert. Auch er will nun alles über Jennifer wissen, jedes Detail ihres Körpers kennen. Sie wollen keine Geheimnisse mehr voreinander haben und vollständig ineinander aufgehen. Sie schwören sich ewige Liebe, bis zu ihrem gemeinsamen Ende und noch darüber hinaus. Sie wollen nicht mehr schlafen und sich nie mehr trennen. Sie haben jeden Halt in der Welt verloren und die letzte Grenze überschritten.

„Ich brenne bis in meine Eingeweide vor Liebe und verbrenne die Zeit zu Liebe, in der er hier sein wird und noch nicht hier ist.“ (Jennifer, S. 88)

Etwas Ähnliches war auch den anderen Opfern des guten Gottes passiert. Sie alle hatten mit ihrer Liebe gegen die Ordnung der Welt und die Konventionen verstoßen. Für den guten Gott ist diese Art von Liebe der Feind, das schlimmste Übel der Welt. Er hält es für gerecht, solche Liebenden in die Luft zu sprengen und sie so den Sternen näher zu bringen. Der Richter widerspricht: Schließlich gebe es auch gesetzte glückliche Paare. Das sei etwas völlig anderes, meint der gute Gott: eine freundschaftliche Interessengemeinschaft, die die Ordnung nicht gefährdet. Jene andere Form, die brandgefährliche, sei nur deshalb so wenig bekannt, weil er, der gute Gott, sie so erfolgreich ausmerze.

Nicht mehr zu retten

Jan kann sich nicht mehr von Jennifer trennen. Er will seine Fahrkarte zurückgeben und dann zu ihr zurückkehren. Die beiden sind wahnsinnig vor Liebe und wollen nur noch füreinander leben.

„,Gehen Sie. (…) Niemand wird Sie aufhalten.‘ – ,Die Anklage?‘ – ,Bleibt aufrechterhalten.‘“ (Richter und guter Gott, S. 94)

Der gute Gott ist sich sicher, dass die beiden nicht mehr gerettet werden konnten. Sie hätten sich davon nicht mehr erholt. Der Richter stimmt ihm zu.

Als Jan fort ist, besucht der gute Gott Jennifer und bringt ihr ein Paket. Sie berichtet ihm von ihrer Liebe, erzählt ihm, dass Jan bald wieder da sein werde und dass sie ihn sehnsüchtig erwarte. Der gute Gott fragt nach den Briefen. Sie bestätigt, dass niemand von ihnen weiß. Unterdessen trinkt Jan auf dem Rückweg von der Schifffahrtsgesellschaft in einer Bar einen Whiskey, um auf andere Gedanken zu kommen. Dann ist eine Explosion zu hören. Die Eichhörnchen sind zufrieden mit der Explosion an sich, aber unzufrieden mit ihrem Ergebnis, denn Jan ist davongekommen. Sie fürchten den Zorn ihres Meisters.

Der Richter erkennt, dass Jan nur überlebt hat, weil er sich eine halbe Stunde Zeit zum Nachdenken genommen hat und so wieder in die Ordnung der Welt zurückkehrte. Jan wird noch lange leben, aber das Erlebte nie vergessen. Der Richter lässt den guten Gott gehen, will die Anklage aber dennoch aufrechterhalten.

Zum Text

Aufbau und Stil

Das Hörspiel besteht aus 29 Szenen, die abwechselnd Dialoge zwischen dem Richter und dem guten Gott einerseits sowie Jan und Jennifer andererseits wiedergeben. Bachmann verhandelt das Thema auf zwei Zeitebenen: Der Richter versucht in der Gegenwart herauszufinden, wie es zu dem Sprengstoffanschlag des guten Gottes auf Jennifer gekommen ist; in der Vergangenheit spielt die entsprechende Erzählung des guten Gottes, mit der er sein Handeln rechtfertigt. Zusätzlich gegliedert wird das Hörspiel durch den Einsatz eines Chors, der zwischen den Akten zu Wort kommt. Diese Zwischenspiele wirken im Gegensatz zur oft sehr klaren Sprache der Dialoge rätselhaft und schwer interpretierbar. Bachmanns Stil ist variantenreich: Das geschäftige Treiben in New York wird mit beinahe atemlos bildreicher Sprache beschrieben, während die handelnden Personen untereinander oft kurze, aber vieldeutige Rede pflegen.

Interpretationsansätze

  • Der Dualismus von Himmel und Erde zieht sich durch das gesamte Hörspiel: Im ersten Brief der Eichhörnchen steht, dass Jan und Jennifer den Abend „auf der himmlischen Erde“ verbringen werden. Dieser Name geht zurück auf die indianische Bezeichnung „Mannahatta“ für das Gebiet des heutigen Manhattan. Je mehr sich die Hauptfiguren ineinander verlieben, desto höher liegt ihr Hotelzimmer. Am Ende, kurz vor Jennifers Tod, sind sie der Erde vollkommen entrückt.
  • Bachmann spielt bürgerliche Ordnung gegen romantische Liebe aus. Immer wieder kontrastiert sie Jan und Jennifer in ihrer Liebesekstase mit „ordentlichen“ Paaren, die wegen der Kinder oder wirtschaftlicher Vorteile und aus Freundschaft zusammen sind.
  • Einige Interpreten sehen in Bachmanns Hörspiel auch eine Stellungnahme gegen den Kapitalismus mit seinen Konformitätszwängen. Eine andere Lesart findet in Der gute Gott von Manhattan feministische, antipatriarchalische Positionen.
  • Für das Hörspiel lassen sich zahlreiche literarische Einflüsse, Bezüge und Zitate ausmachen. Die Gliederung durch den Chor und der dramatische Aufbau des Hörspiels stehen etwa in der Tradition der griechischen Tragödie. Eichhörnchen werden auch von dem Dichter Wilhelm Lehmann als Götterboten dargestellt.
  • Die Identität des guten Gottes bleibt im Dunkeln: Ist er wirklich eine übernatürliche Kraft, der Gegenspieler der personifizierten und mystifizierten Liebe? Oder nur ein wahnsinniger Attentäter? Manche Interpreten sehen in der Gerichtsverhandlung auch einen inneren Monolog Jennifers, die sich rückblickend fragt, warum ihre Liebe zu Jan scheitern musste.
  • Fantastische Elemente wie die sprechenden Eichhörnchen geben dem sonst realistisch wirkenden Hörspiel eine unwirkliche Anmutung und lassen den Hörer mit der Frage nach der Deutung des Gehörten allein.
  • Es lassen sich zahlreiche Bezüge zu Goethe herstellen. So findet sich die Zeile „Sag es niemand!“ auch in dessen Gedicht Selige Sehnsucht und Jans Schicksal wird mit Anspielungen an Faust erzählt. Im guten Gott sehen manche eine Neuinterpretation des Mephisto.

Historischer Hintergrund

Die Nachkriegszeit in Österreich

Nach dem Zweiten Weltkrieg war Österreich von den Alliierten besetzt und, wie Deutschland, in vier Besatzungszonen (britisch, französisch, sowjetisch und US-amerikanisch) aufgeteilt. Wien war, wie Berlin, zu einer Vier-Sektoren-Stadt erklärt worden. 1945 und 1948 konnte sich bei den Wahlen zum Nationalrat die bürgerliche ÖVP durchsetzen. In dem von den westlichen Besatzungsmächten kontrollierten Gebieten trat der Marshallplan in Kraft, mit dem Ziel, das Land beim Wiederaufbau zu unterstützen. Allerdings sorgte die ungleiche Verteilung der Mittel für Unmut, der schließlich im Oktober 1950 zu Streiks führte. 1955 erhielt Österreich seine vollständige Souveränität zurück, allerdings unter der Bedingung, dass „immerwährende Neutralität“ im Grundgesetz verankert werden müsse.

Die folgenden Jahre waren geprägt von einem immensen wirtschaftlichen Aufschwung, einem Wirtschaftswunder ganz ähnlich dem in Deutschland. 1955 trat Österreich der UN und 1956 dem Europarat bei. Als es 1956 in Ungarn zum Aufstand der Bevölkerung gegen die sowjetische Besatzungsmacht kam, nahm Österreich unzählige Flüchtlinge auf und unterstützte den Nachbarstaat mit humanitärer Hilfe, jedoch unter Bewahrung seiner neutralen Haltung. Innenpolitisch waren die 1950er- und 1960er-Jahre von gemäßigten Strömungen geprägt. Nach den Erfahrungen des Österreichischen Bürgerkriegs, bei dem sich in den 1930er-Jahren die rechten Schutzbündler mit sozialdemokratischen Gruppen Straßenschlachten geliefert hatten, war man auf eine ausgewogene Machtverteilung zwischen konservativen und sozialistischen Kräften bedacht.

Entstehung

Ingeborg Bachmann arbeitete Anfang der 1950er-Jahre als Radioredakteurin bei dem Sender Rot-Weiß-Rot in Wien und kam so mit dem zu dieser Zeit besonders populären Genre des Hörspiels in Kontakt. Hörspiele waren in den 1920er-Jahren aufgekommen und hatten schnell ein großes Publikum gefunden. In den 1930er-Jahren wurden sie in solchem Umfang produziert, dass sich die Sender zu einer Reduzierung entschlossen. Die wohl bekannteste Anekdote rund um das Genre kreist um das Hörspiel Krieg der Welten von H. G. Wells: Viele Hörer nahmen die Geschichte für bare Münze und glaubten tatsächlich, New York werde von Aliens angegriffen, und gerieten in Panik.

Im Europa der Nachkriegszeit, als viele Theater und Kinos noch zerstört und unbenutzbar waren, erlebte das Hörspiel eine Blüte: Die rund 500 gesendeten Hörspiele allein in Deutschland zeichneten sich durch minimale Klangeffekte und eine Konzentration auf die innere Welt der Protagonisten aus. Berühmtester und fruchtbarster Schöpfer im Bereich des sogenannten „Worthörspiels“ war Günter Eich.

Ingeborg Bachmann verfasste Der gute Gott von Manhattan 1957. Sie hatte zuvor bereits vier Hörspiele veröffentlicht. Der gute Gott von Manhattan war ihr letzter Beitrag zum Genre. Bachmann lebte zu dieser Zeit in München, arbeitete als Dramaturgin für das Bayerische Fernsehen und hatte sich bereits einen Namen als Lyrikerin gemacht. Mit dem Preis der renommierten Literatenvereinigung Gruppe 47 kam 1953 die kritische Würdigung; eine Titelstory im Spiegel 1954 ließ auch eine breitere Öffentlichkeit auf Ingeborg Bachmann aufmerksam werden.

Grundlage für die Figur des guten Gottes sind gleich zwei Verbrecher, die zur Zeit der Entstehung des Hörspiels ihr Unwesen trieben: Werner Boost, der in Düsseldorf mehrere Liebespaare umbrachte, sowie ein Bombenattentäter in New York. Es ist davon auszugehen, dass auch persönliche Erlebnisse in die Geschichte einflossen. Ende der 1950er-Jahre hatte die Dichterin den Schweizer Autor Max Frisch kennengelernt und eine stürmische Affäre mit ihm begonnen.

Wirkungsgeschichte

Der gute Gott von Manhattan wurde am 29. Mai 1958 zum ersten Mal gesendet. NDR, SWF und BR strahlten das Werk damals zeitgleich aus. 1959 erhielt Bachmanns letztes Hörspiel den renommierten Hörspielpreis der Kriegsblinden. Insgesamt wurde es viermal für den Rundfunk produziert. Adaptionen für das Theater folgten. Die Verfilmung von Klaus Kirschner mit Mathieu Carrière in der Rolle des Jan wurde 1977 im Fernsehen ausgestrahlt.

Über die Autorin

Ingeborg Bachmann kommt am 22. Juni 1926 in Klagenfurt zur Welt. Den Einmarsch von Hitlers Truppen erlebt sie als Elfjährige. Die Todesangst bewirkt einen tiefen Einschnitt in ihre Kindheit und wird ihr gesamtes Leben und Werk beeinflussen. Mit dem Schreiben beginnt sie nach eigener Aussage „in einem Alter, in dem man Grimms Märchen liest“. Nach dem Krieg studiert sie in Wien Philosophie, Psychologie und Germanistik. Ab 1950 arbeitet Bachmann als Redakteurin beim Österreichischen Rundfunk. Sie publiziert erste Gedichte. 1952 verliebt sie sich in den gleichaltrigen Komponisten Hans Werner Henze, für den sie verschiedene Opernlibretti schreibt (unter anderem Der Prinz von Homburg und Der junge Lord). 1953 erhält sie für ihre Lyrik den Preis der Gruppe 47 und wird auf einen Schlag berühmt. Ihre bekanntesten Gedichtbände sind Die gestundete Zeit (1953) und Anrufung des Großen Bären (1956). Bachmann geht als freie Schriftstellerin nach Italien und lebt abwechselnd in Zürich und Rom. Zwischen 1958 und 1963 unterhält sie eine turbulente Liebesbeziehung mit Max Frisch, die schließlich an der verletzten Eitelkeit des Schriftstellers und an der radikalen Unbedingtheit von Bachmanns Liebe scheitert. In den 1960er-Jahren wendet sich die einstige Lyrikerin und Hörspielautorin ganz der Prosa zu. Sie wird mehrfach ausgezeichnet, unter anderem mit dem Georg-Büchner-Preis 1964 und dem Großen Österreichischen Staatspreis für Literatur 1968. Drei Jahre später erscheint Malina, der erste Teil einer geplanten Romantrilogie, deren weitere Teile, die nur als Fragmente erhalten sind, Der Fall Franza (postum veröffentlicht 1976) und Requiem für Fanny Goldmann (1979) heißen. In der Nacht vom 25. auf den 26. September 1973 nimmt die Schriftstellerin Schlafmittel und legt sich ins Bett, das von einer brennenden Zigarette in Brand gesteckt wird. Bachmann stirbt am 17. Oktober an den schweren Verbrennungen. Der seit 1977 in Klagenfurt in einer mehrtägigen Live-Veranstaltung verliehene Ingeborg-Bachmann-Preis zählt zu den bedeutendsten Literaturpreisen im deutschsprachigen Raum.


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