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Der Mythos des Sisyphos

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Der Mythos des Sisyphos

Rowohlt,

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10 Take-aways
Text verfügbar

Was ist drin?

Fordert die Sinnlosigkeit und Endlichkeit des Lebens den Selbstmord – oder das Leben selbst?


Literatur­klassiker

  • Philosophie
  • Moderne

Worum es geht

Der Nihilismus, einmal ganz unnihilistisch

In seinem Essay Der Mythos des Sisyphos geht Albert Camus von Beginn an aufs Ganze: Ist es das menschliche Leben überhaupt wert, gelebt zu werden? Diese Frage eröffnet sein Buch. Zunächst scheint die Antwort wenig ermutigend. Denn für Camus ist der Befund der Moderne klar: Alle metaphysischen Sicherheiten sind zerstört, weder Gott noch hehre Ideale haben länger ihre Gültigkeit, das Leben ist endlich und vergänglich. Diesen nihilistischen Status quo nennt Camus „das Absurde“. Und würde das alles nicht schon genug Anlass zum Pessimismus geben, verfasste Camus diesen Essay auch noch zu Beginn des Zweiten Weltkriegs. Für Trübsinn oder Resignation gäbe es also Grund genug. Doch für Camus ist die Konsequenz dieser deprimierenden Situation eben gerade nicht die Selbstaufgabe, sondern im Gegenteil: eine Ethik der Menschlichkeit und Solidarität, ein Appell zum kreativen Schaffen und eine Einladung zum bewussten Leben. Das bis heute Inspirierende dieses Buches ist der Enthusiasmus und Schwung, mit dem Camus gerade aus dem Nihilismus die Mittel schöpft, um den Nihilismus zu überwinden und ein aktives, ja sogar glückliches Leben zu entwerfen.

Take-aways

  • Der Mythos des Sisyphos ist ein berühmter philosophischer Essay von Albert Camus.
  • Inhalt: Die Frage nach dem Sinn des Lebens ist die Grundfrage der Philosophie. Wenn die menschliche Existenz endlich ist, wir auf kein Leben nach dem Tod hoffen dürfen und einer irrationalen Welt hilflos gegenüberstehen – bleibt dann nur der Selbstmord? Nein, denn in der Auflehnung gegen das Absurde des Lebens kann der Mensch Freiheit, Sinn und Glück finden.
  • Der Essay erschien 1942 bei Gallimard in Paris.
  • Er war Teil einer Trilogie mit dem Bühnenstück Caligula und dem Erfolgsroman Der Fremde.
  • Mit dieser Trilogie schaffte Camus den Durchbruch in Frankreich.
  • Der Mythos des Sisyphos wird der Existenzphilosophie zugerechnet.
  • Camus entwickelt in diesem Buch seine eigene Philosophie des Absurden.
  • Der Essay wurde auch in Deutschland und in den USA ein Erfolg.
  • Das Buch ist eines der bekanntesten philosophischen Werke des 20. Jahrhunderts.
  • Zitat: „Wir müssen uns Sisyphos als einen glücklichen Menschen vorstellen.“

Zusammenfassung

Das Absurde und der Selbstmord

Selbstmord begehen oder weiterleben, das ist die wichtigste Frage im Leben eines jeden Menschen. Daher ist die Frage nach dem Sinn des Lebens auch die wichtigste Frage der Philosophie. Alle übrigen theoretischen Überlegungen sind absolut zweitrangig angesichts der Grundfrage, ob es sich überhaupt lohnt, weiterzuleben. Jeder einzelne Selbstmord mag durch spezifische Einzelgründe verursacht worden sein oder gar ein Stück weit unerklärlich bleiben. Aber letztlich wurzelt jeder Selbstmord in einer unüberwindlich tiefen Kluft zwischen einem Menschen und seinem Leben, seinen Mitmenschen, seiner Umwelt. Dieses Gefühl einer fundamentalen „Entzweiung“ zwischen einer Person und ihrem Leben ist das Gefühl des Absurden. Es stellt sich die Frage, wie dieses Gefühl des Absurden mit dem Selbstmord zusammenhängt. Denn offenbar gibt es keinen logischen Zwang, der von der Einsicht in die Sinnlosigkeit und Endlichkeit unseres Lebens direkt zur Handlung des Selbstmords führt. Viele lebensfrohe Menschen begehen Selbstmord, während andere, die die Absurdität des Lebens offen ansprechen, frohgemut sind.

„Es gibt nur ein wirklich ernstes philosophisches Problem: den Selbstmord. Sich entscheiden, ob das Leben es wert ist, gelebt zu werden oder nicht, heißt auf die Grundfrage der Philosophie antworten.“ (S. 11)

Die Erkenntnis, dass es das Absurde gibt, ist alles andere als originell. Die meisten Menschen kennen die Erfahrung des Absurden. Die Philosophen beschäftigen sich hauptsächlich damit – vor allem seit der Moderne. Sie untersuchen alle, auf ihre je eigene Art, die Erfahrung des Absurden: nämlich dass wir als denkende Menschen nach Sicherheit, Klarheit und absoluten Gründen suchen – und dass die Welt diesen Anspruch konsequent frustriert. Wir wissen nichts, weder über die innere Logik der Welt noch über das Wesen unserer Mitmenschen oder uns selbst. Wir kennen nur die Mauern, die uns umgeben und die uns von der Einsicht in die Wahrheit der Welt abhalten.

Die Lehre des Absurden

Das Absurde existiert nur in der Spannung zwischen zwei Polen, zum Beispiel zwischen den Erwartungen des Menschen und den Tatsachen der Welt, an denen sie scheitern. Dieser Schwebezustand zwischen Mensch und Welt ist äußerst anstrengend. Die meisten Menschen, die das Absurde erfahren, retten sich durch einen „Sprung“ aus dieser düsteren, bedrückenden Leere. Sie flüchten sich vor dem Absurden in falsche Sicherheiten oder in Betriebsamkeit. Das gilt auch für die Philosophen. Alle modernen Existenzphilosophen haben das Absurde gekannt – und es verdrängt. Entweder ließen sie die Ansprüche der Vernunft fahren und wurden gläubig. Oder sie ignorierten die Irrationalität der Welt und hielten an der Allmacht der Vernunft fest. In beiden Fällen gaben sie die Spannung zwischen Mensch und Welt auf, aus der das Absurde besteht. Diese Flucht vor dem Absurden bedeutet den „philosophischen Selbstmord“. Und genauso wie der echte Selbstmord ist das keine angemessene Antwort auf das Absurde, weil es das Absurde umgeht, vor ihm davonläuft.

Stattdessen muss man dem Absurden „ins Auge sehen“. Und das heißt: weiterleben, die Ansprüche der Vernunft nicht aufgeben und sie trotzig gegen die irrationale Welt stellen. So entstehen aus dem hoffnungslosen Absurden drei positive Konsequenzen. Die erste ist die permanente Auflehnung, ohne Hoffnung, aber auch ohne Resignation. Die zweite Folge ist die Einsicht in wirkliche Freiheit. Denn das Absurde erschüttert alle falschen Ziele und relativiert alle Scheinwerte, indem es zeigt, dass es nur eine einzige Realität gibt: den Tod. Und das führt zur dritten Lehre des Absurden: dass es darum geht, sein Leben so intensiv wie möglich zu leben, jeden Augenblick so klar und bewusst wie möglich zu erfahren.

Eine Ethik des Absurden

Für einen Menschen, der sich dem Absurden stellt und im Absurden lebt, ist eines klar: Er kann sich nicht auf ein Morgen, auf die Zukunft oder gar die Ewigkeit verlassen. Hoffnung und Warten sind ebenso wenig seine Sache wie das Schaffen für die Nachwelt. Der absurde Mensch lebt ohne Illusionen im Hier und Jetzt. Er weiß, dass keine höhere Gewalt die Taten der Menschen überwacht. Er lebt nach dem Motto „Alles ist erlaubt“. Wenn es darum geht, so intensiv wie möglich zu erleben, ist jede Erfahrung und jede Handlung gleich viel wert. Wichtig ist nur, dass sie so bewusst und klar wie möglich erfahren wird.

„Alles ist erlaubt – das bedeutet nicht, dass nichts verboten wäre. Das Absurde gibt den Folgen dieser Handlungen nur ihre Gleichwertigkeit.“ (S. 90)

Der absurde Mensch schöpft alles, was ihm widerfährt, voll und ganz aus, gute wie schlechte Ereignisse. Er ist kein Hedonist, denn es geht nicht darum, so lustvoll wie möglich zu leben, sondern darum, so bewusst wie möglich zu erleben. Ebensowenig ist der absurde Mensch amoralisch. Dass alles erlaubt ist, es also keine Schuld gibt, heißt nicht, dass es keine Verantwortung gibt. Der absurde Mensch weiß, dass er für seine Handlungen die Konsequenzen zu tragen hat. Aber er findet den Grund für sein Handeln, sei es tugendhaft oder nicht, nicht mehr in einem allmächtigen Gott oder in ewigen Idealen. Es kann kein moralisches System des Absurden geben. Im Absurden zu leben und zu handeln heißt, sich in konkreten Umständen so hellsichtig und klar wie möglich zu verhalten. Der absurde Mensch hat keine ewigen, unerschütterlichen Wahrheiten, auf die er sich berufen und auf denen er sich ausruhen kann. Er muss geistesgegenwärtig sein und seine Reaktionen, Wertungen und Handlungen im Umgang mit anderen Menschen entwerfen. Es gibt also keine Moral des Absurden, aber es gibt anschauliche Beispiele von Menschen, die durch ihr Handeln beweisen, dass sie im Absurden leben.

Der absurde Mensch

Es gibt Menschen, deren Verhalten von einer tiefen Akzeptanz des Absurden zeugt. Diese Menschen haben sich die Sinnlosigkeit und Endlichkeit ihres Lebens eingestanden und für sich positiv gewendet. Es sind Menschen, die sich selbst voll ausschöpfen und sich darin üben, sich selbst zu überwinden. Zum Beispiel Don Juan, der sich bewusst der Verführung verschreibt und damit die absurde Ethik beweist: Gerade weil er die romantische Illusion einer lebenslangen Liebe nicht länger glaubt, wechselt er von Affäre zu Affäre und kostet das Glück der frischen Liebe voll aus. Ein anderes Beispiel ist der Schauspieler, der auf der Bühne in so viele Charaktere und Schicksale schlüpft wie möglich. Jede neue Rolle bedeutet ihm eine neue Existenz und einzigartige, neue Erfahrungen, die er so intensiv wie möglich erfahren will. 

„Der Liebhaber, der Komödiant und der Abenteurer spielen das Absurde. Aber ebenso gut, wenn sie es wollen, der Keusche, der Beamte oder der Präsident der Republik. Es genügt zu wissen und nichts zu maskieren.“ (S. 119)

Das bedeutet aber nicht, dass jeder Liebhaber und jeder Schauspieler ein Abbild des absurden Menschen ist – oder dass man nur als Don Juan oder Komödiant das Absurde leben kann. Jeder Mensch kann ein Mensch des Absurden werden, sobald er die religiösen Hoffnungen ablegt und beginnt, für die Menschen zu leben. Beziehungen, Freundschaften und Liebschaften sind ihm alles. Er glaubt nicht an hehre Ideale, sondern an die körperliche, konkrete Existenz in der Welt. Klarsichtigkeit und der Widerstand gegen die Vergänglichkeit der Zeit zeichnen ihn aus.

Der schaffende Mensch

Das wesentlichste Merkmal eines Menschen, der mit dem Absurden lebt, ist die Schöpfung. Indem er etwas schafft, ringt er der Irrationalität und Endlichkeit des Lebens seine Würde ab. Etwas zu erschaffen ist „die absurde Freude par excellence“. Es ist die einzige Möglichkeit, das einmal Erfahrene zu bewahren. Hierin sind sich Künstler und Denker des Absurden gleich: Ihr Ziel besteht darin, die Welt zu beschreiben, Erfahrungen zu sammeln und festzuhalten. Absurde Kunstwerke genügen sich selbst, sie verweisen auf keine höhere Bedeutung außerhalb ihrer selbst. Sie können in allen Kunstgattungen entstehen. Am besten funktioniert die Vermittlung der absurden Grundlosigkeit in der Musik.

„Für den absurden Menschen geht es nicht mehr um Erklärungen und Lösungen, sondern um Erfahrungen und Beschreibungen.“ (S. 125)

Kann das Absurde auch im Roman bestehen? Diese Frage ist spannend, denn Romane sind intellektuelle Projekte und tendieren deshalb dazu, zu erklären und zu begründen. Doch das absurde Kunstwerk darf gerade nicht erklären. Die großen Romanciers – Proust, Kafka, Balzac – umgehen diese Gefahr: Sie schreiben in Bildern, nicht in thesenhaften Beweisführungen, und sie beschreiben gelebte Erfahrung, nicht theoretische Analysen. Große Romane lösen die Grundlosigkeit des Beschriebenen nicht in Hoffnungen oder Illusionen auf. Sie beharren auf der „Entzweiung“ und „Auflehnung“ als Kernelemente der Erfahrung. 

Das absurde Kunstwerk

Als Künstler verhält sich der Mensch wahrhaft absurd. Es kostet viel Mühe, Konzentration und Disziplin, ein Kunstwerk zu erschaffen. Der Künstler tut dies, obwohl er genau weiß, dass sein Werk sofort der Vergänglichkeit verfallen wird. Der Ruhm wird entweder ganz ausbleiben oder nur kurz sein, die Nachwelt wird ihn früher oder später vergessen. Im Absurden zu leben fordert deshalb vor allem Klarsichtigkeit, Geduld und Disziplin. Es gilt, die Spannung aufrechtzuerhalten, der Sinnlosigkeit trotzig die Stirn zu bieten und sich gegen die Vergänglichkeit aufzulehnen. Gleichzeitig darf das Absurde nicht durch Hoffnungen auf späteren Erfolg oder Ruhm in der Nachwelt aufgegeben werden. Der absurde Mensch ist sich bewusst, dass sein Schaffen vergeblich bleibt und schon bald der Bedeutungslosigkeit anheimfällt. Indem der Künstler das mit klarem Bewusstsein tut, ist er dem absurden Menschen am nächsten: Er weiß, dass es vergeblich ist, und trotzdem beginnt er jeden Tag von Neuem damit, zu schaffen.

Das absurde Kunstwerk muss frei sein von Doktrinen und allgemeinen Wahrheiten. Stattdessen muss es konkret, mannigfaltig und aufrührerisch sein. Es verleugnet nichts von seiner Nutz- und Sinnlosigkeit. Und gerade in diesem von aller Hoffnung befreiten Schaffen leistet der absurde Mensch dem Absurden Widerstand. Durch diese Praxis schafft er es, sein trauriges Schicksal aktiv und positiv zu gestalten. In letzter Konsequenz weiß der Künstler, dass noch nicht einmal sein Werk selbst notwendig ist – er könnte es genauso gut bleiben lassen, da er auch die Sinnlosigkeit dieser Aktivität klar sieht. Erst in dieser Einsicht lebt und arbeitet der Mensch voll und ganz auf der Höhe der absurden Herausforderung.

Der Mythos des Sisyphos

Sisyphos gilt als Inbegriff des weisen Menschen. Er erhielt von den griechischen Göttern die härteste Strafe, die sie für einen Menschen finden konnten: eine sinnlose und endlose Arbeit. Tag für Tag musste Sisyphos einen schweren Stein einen steilen Berghang hochschieben. Sobald er am Gipfel angekommen war, rollte der Stein den Berg wieder hinab und Sisyphos musste von Neuem beginnen. Ohne Aussicht, jemals mit der Aufgabe fertig zu werden. Über die Gründe für seine Strafe sind die Quellen uneinig. Doch immer geht es darum, dass Sisyphos die Götter verachtet, leidenschaftlich am Leben hängt und den Tod ablehnt. Sisyphos steht für den Menschen, der das Leben liebt, sich gegen den Tod auflehnt – und der in dieser Situation nicht auf die Versprechen eines ewigen Lebens zurückgreifen kann.

„Wir müssen uns Sisyphos als einen glücklichen Menschen vorstellen.“ (S. 160)

Er lebt das absurde Leben. Zum tragischen Helden wird er in den Stunden, in denen er vom Gipfel hinabsteigt und in denen er über seine Existenz nachdenkt. Er denkt an seinen Stein und seine Arbeit. In diesem klaren Blick auf sein Leben gehört sein Schicksal ganz und gar ihm selbst. Ohne Illusionen weiß er um seinen sicheren Tod und erkennt, dass er allein durch sein Handeln in der verbleibenden Zeit sich selbst ein Leben gestalten und Erfahrungen schaffen kann. Durch diese Klarheit wird aus dem Absurden eine Freude, sogar ein Glück.

Zum Text

Aufbau und Stil

Der Mythos des Sisyphos ist ein philosophischer Essay – und dabei ein sehr gutes Beispiel für einen Essay. Denn einerseits stellt die Textgattung des Essays Argumente vor, doch andererseits darf die Sprache, anders als etwa im wissenschaftlichen Artikel, durchaus bildlich oder subjektiv werden. Die stilistische Bandbreite, die der Essay ermöglicht, kam Albert Camus besonders entgegen. Denn er war nicht nur Philosoph, sondern arbeitete auch als Journalist, Literat und Bühnendramaturg. Im Mythos des Sisyphos finden sich daher neben kritischen Analysen von Philosophen auch Interpretationen von literarischen Klassikern oder subjektive Berichte in der persönlichen Erzählung. All diese unterschiedlichen Perspektiven und Stile drehen sich um denselben inhaltlichen Kern: eine Auslotung des Gefühls oder Klimas des Absurden – und seine Konsequenzen für den Lebensalltag des Menschen.

Zunächst stellt Camus die Situation des Absurden dar, die für ihn aber gar nicht mehr nachgewiesen oder erklärt werden muss. Das Absurde sei ohnehin allgemeiner Konsens in Philosophie wie Lebenswelt. Danach geht er der Frage nach, wie sich der Mensch im Alltag verhalten sollte, wenn er das Absurde ernst nimmt und akzeptiert. Hierbei dienen ihm vor allem literarische Figuren und das künstlerische Arbeiten als Hauptbezugspunkte. Camus selbst betont in seinem Buch immer wieder, dass es ihm weniger darum gehe, eine Theorie des Absurden vorzulegen, als darum, eine Stimmung zu vermitteln. Dieser Aufgabe kommt sein literarisches Talent entgegen, da Gefühle und praktische Lebenseinsichten besser in bildlicher Sprache vermittelbar sind als in allgemeinen Begriffen.

Interpretationsansätze

  • Der Titel des Essays bezieht sich auf den antiken griechischen Mythos des Sisyphos. Dieser Mythos findet sich in den beiden klassischen Epen Homers, der Ilias und der Odyssee. Er beschreibt die göttliche Strafe des Königs Sisyphos, der auf ewig die immer gleiche, anstrengende Arbeit verrichten muss: einen Stein bergauf zu schieben, der anschließend wieder hinunterrollt.
  • Mit der Kategorie des Absurden bezeichnet Albert Camus die moderne Krise der Metaphysik. Um 1900 hatte sich in der Philosophie der Konsens durchgesetzt, dass die traditionellen übersinnlichen Gewissheiten wie Gott oder ewige Ideen an Glaubwürdigkeit eingebüßt haben. Berühmt wurde in diesem Zusammenhang Nietzsches Ausspruch „Gott ist tot“.
  • Der philosophische Hauptbezugspunkt für Camus ist die Existenzphilosophie. Er bespricht deren Hauptvertreter wie Martin Heidegger, Karl Jaspers und vor allem Sören Kierkegaard ausgiebig. Daneben entwirft er jedoch eine eigene Position des Absurden, die nicht auf diese Vorbilder reduziert werden kann.
  • Die spezifische Existenzphilosophie Albert Camus hat einen starken Bezug zum Pragmatismus. Die Lösung der existenziellen Fragen des Lebens kann für Camus nicht in theoretischen Überlegungen liegen, sondern nur im praktischen Handeln und Verhalten.

Historischer Hintergrund

Europa am Vorabend des Zweiten Weltkriegs

Nach dem Ersten Weltkrieg fand Europas Macht- und Staatengefüge die Balance nur mühsam wieder. Die jungen Demokratien standen großen Fliehkräften gegenüber: Sie wurden sowohl vom Sozialismus herausgefordert, der seit der Russischen Revolution 1917 in der Sowjetunion real existierte, als auch vom Faschismus, der sich bald nach dem Kriegsende 1918 gebildet hatte und in Italien und Deutschland an die Macht kam. Zudem erhöhte die schwere Wirtschaftskrise von 1929 die Akzeptanz der Massen für radikale Lösungen. Deutschland hatte immer offener eine imperialistische Außenpolitik verfolgt und besetzte 1938 Österreich und die Tschechoslowakei. Die übrigen Staaten Europas erkannten die Gefahr für den Frieden, wollten einen neuerlichen Krieg aber verhindern. England und Frankreich waren wirtschaftlich angeschlagen und wollten die enormen Kosten für die Mobilisierung und Aufrüstung ihrer Streitkräfte nicht tragen. Sie brauchten Zeit, um den Rüstungsvorsprung Deutschlands aufzuholen. Die sogenannte Appeasementpolitik war daher die Strategie der Wahl, um einen Krieg zu verhindern. Da aber Deutschland von seiner Expansionspolitik nicht mehr abrückte und 1939 Polen angriff, sahen sich Frankreich und England gezwungen, erneut den Krieg zu erklären. Es war der Auftakt zum Zweiten Weltkrieg, der weit brutaler werden und mehr Opfer fordern sollte, als der bereits apokalyptische Erste Weltkrieg.

Entstehung

Im Herbst 1939 lebte Albert Camus in Algerien. Er war Mitherausgeber von Le Soir républicain. Außerdem begann er in diesem Herbst mit der Arbeit an einer Trilogie, die er selbst „meine drei Absurden“ nannte: dem Theaterstück Caligula, dem Roman Der Fremde und dem Essay Der Mythos des Sisyphos. Mit dem Mythos-Buch begann er am 7. Oktober 1939. Von Anfang an war es als philosophischer Begleittext zu Der Fremde gedacht. Sein Hauptziel bestand darin, die für Camus zentrale Kategorie des Absurden zu erklären. Durch den Kriegsausbruch wurde die Zensur immer schärfer und Camusʼ Zeitschrift schon im Januar 1940 verboten. Die nun frei gewordene Zeit widmete er seiner Trilogie. Über den Jahreswechsel hatte er den Versuch aufgegeben, eine systematische philosophische Abhandlung zu erarbeiten. Camus verlegte sich auf das, was ihm ohnehin mehr Freude machte: einen persönlichen, bildhaft-literarischen Essay. Im Lauf des Jahres 1940 arbeitete er parallel an Der Fremde und am Mythos, wobei ihm der Roman viel leichter von der Hand ging. Am 21. Februar 1941 schloss er den Mythos ab – als letztes Buch der Trilogie.

Die Suche nach einem Verleger zog sich bis zum Herbst hin. Camus hatte noch nie außerhalb Algeriens veröffentlicht. Nun stand in Aussicht, dass der Verlag Gallimard alle drei Bücher in Paris herausgeben könnte. Den Ausschlag gab das positive Urteil des Schriftstellers André Malraux. Im Februar 1942 ging Der Fremde in Druck. Beim Mythos gab es jedoch ein Problem: Ein Kapitel über das Werk Franz Kafkas würde unmöglich die deutsche Zensur im besetzten Frankreich passieren. Camus ersetzte das Kapitel durch eine Analyse Dostojewskis und Der Mythos des Sisyphos erschien im Oktober 1942.

Wirkungsgeschichte

Die Veröffentlichung von Der Fremde im Frühjahr 1942 schlug hohe Wellen. Die Kritiken waren gespalten, das Buch verkaufte sich rasant. Von dieser Popularität profitierte auch Der Mythos des Sisyphos, der ein halbes Jahr später veröffentlicht wurde. Albert Camus schaffte mit diesen Veröffentlichungen den Durchbruch. Das brachte ihm nicht nur Wohlwollen ein. Auffallend kühl fiel etwa die Rezension Jean-Paul Sartres aus, der zwar den Fremden lobte, aber am Mythos kaum ein gutes Haar ließ: Camus sei ein guter Literat, aber kein guter Philosoph. Er habe die Existenzphilosophen, die er zitierte, nicht verstanden, und das Absurde, um das es ihm ging, käme im Roman fiel besser zum Ausdruck als in seiner Theorie.

Als der Existenzialismus nach dem Krieg in Frankreich zur Modeströmung wurde, profitierte Camus trotzdem. Denn in den Augen der Öffentlichkeit war er genauso Existenzialist wie Sartre oder Simone de Beauvoir – unabhängig davon, dass sich zwischen ihnen bereits der Bruch abzeichnete und Camus selbst den Mythos des Sisyphos als „anti-existenzialistisches“ Buch bezeichnete. Das Buch wurde 1950 ins Deutsche und 1955 ins Englische übersetzt. In den USA wurde Camus als mutigster französischer Autor der Gegenwart gefeiert. Das Publikum sah im Mythos des Sisyphos ein Sinnbild der Moderne, der Nachkriegsgesellschaft und sogar der Menschheit an sich. Der Essay ist heute nicht nur die bekannteste Schrift von Albert Camus, sondern auch eines der bekanntesten philosophischen Werke des 20. Jahrhunderts.

Über den Autor

Albert Camus wird am 7. November 1913 im nordalgerischen Mondovi geboren. Algerien ist damals eine französische Kolonie. Camus’ Vater ist einfacher Landarbeiter. Der Besuch des Gymnasiums wird Camus nur durch die intensiven Bemühungen eines seiner Lehrer ermöglicht. Bereits als 20-Jähriger heiratet Camus eine aus bürgerlichen Verhältnissen stammende, morphiumabhängige junge Frau. Die Ehe wird jedoch bald wieder geschieden. Der Beginn seiner beruflichen Tätigkeit vom Anfang bis weit in die 1930er-Jahre hinein ist beschwerlich und unstet. Er arbeitet als Lehrer, Journalist, Theaterautor und Schauspieler. Nebenbei schreibt er eine Diplomarbeit in Philosophie. Am Zweiten Weltkrieg kann er aus gesundheitlichen Gründen (Tuberkulose) nicht teilnehmen. 1940 heiratet er erneut. Weil die Zeitung, bei der er arbeitet, verboten wird, kann er in Algerien nicht länger allein seinen Lebensunterhalt bestreiten und siedelt kurzzeitig nach Frankreich über. 1941 kehrt er nach Algerien zurück, aber nicht zuletzt die Arbeit im französischen Widerstand bindet ihn immer stärker an Paris. 1942 erscheinen seine ersten beiden wichtigen Werke: Der Fremde (L’Étranger) und Der Mythos des Sisyphos (Le Mythe de Sisyphe). 1943 wird Camus Lektor bei Gallimard, dem Verlag, dem er zeit seines Lebens verbunden bleibt. 1947 erscheint der Roman Die Pest (La Peste), durch den Camus auch einem größeren Publikum bekannt wird. 1951 folgt die Essaysammlung Der Mensch in der Revolte (L’Homme Révolté). Camus zählt zu den bedeutendsten literarischen Figuren im Frankreich der Nachkriegszeit. Er und Jean-Paul Sartre gelten als herausragende Vertreter des Existenzialismus, sie sind eine Zeit lang auch persönlich befreundet. Ganz in der Tradition vieler französischer Schriftsteller bezieht Camus in den 1950er-Jahren Stellung zu vielen politischen Fragen: natürlich im Hinblick auf die französische Kolonialpolitik, besonders in Algerien, aber auch zum Beispiel zum Arbeiteraufstand in Ostberlin. Camus ist ein vehementer Gegner der Todesstrafe und gilt in den späten 1950er-Jahren vielen als das literarische Gewissen Frankreichs. 1957 erhält er den Literaturnobelpreis. Am 4. Januar 1960 kommt Camus bei einem Autounfall ums Leben.

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