Zusammenfassung von Der Prophet

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Der Prophet Buchzusammenfassung

Literatur­klassiker

  • Religion
  • Moderne

Worum es geht

Spirituelles Kultbuch

Der Prophet ist schon über 90 Jahre alt und immer noch höchst populär. Verse aus dem Werk werden bei unterschiedlichsten Gelegenheiten zitiert, und die konfessionsübergreifenden religiösen Maximen scheinen zeitlos. Dennoch scheiden sich an Khalil Gibrans Hauptwerk die Geister. Die einen verehren es als poetische Vision von höherer Bedeutung, die anderen halten es für eine Ansammlung banaler Allgemeinplätze. So mancher, der sich im Alter von 16 Jahren auf dem Weg zum Erwachsensein für die Werke von Hesse oder Coelho interessiert, macht auch mit Gibran nähere Bekanntschaft. Klar ist: Das Buch ist schlicht, eingängig und massenkompatibel, zugleich jedoch höchst poetisch. Dank seines ruhigen Rhythmus entwickelt es einen stetigen Sog. Quelle der Inspiration oder seichte Esoterik? Der Prophet ist ein Kultklassiker, der polarisiert.

Take-aways

  • Der Prophet gilt als Hauptwerk des libanesisch-amerikanischen Dichters Khalil Gibran und gehört zu den meistverkauften poetischen Werken der Literatur.
  • Inhalt: Der Prophet Al-Mustapha lebt seit zwölf Jahren in einer fremden Stadt. Bevor er nach Hause zurückkehrt, wird er von den Bewohnern gebeten, ihnen von den Geheimnissen des Lebens zu berichten. In 26 Reden gibt er ihnen Rat zu Themen wie Liebe, Tod, Freundschaft, Schuld oder Freiheit.
  • Das Buch lehnt sich in Stil und Sprache an die Evangelien an, ist aber auch von den britischen Romantikern beeinflusst.
  • Der Stil ist reich an Bildern, Allegorien und Paradoxa.
  • Aus dem Buch spricht der Pantheismus, die Überzeugung, dass das Göttliche im Menschen und der Schöpfung vorhanden ist und Mensch und Schöpfung göttlich sind.
  • Gibran identifizierte sich stark mit Jesus wie auch mit der Titelfigur seines Buches.
  • Der Autor wollte die arabische Literatur aus ihrer Erstarrung befreien und einen Dialog mit dem Westen anregen.
  • Der Prophet wurde in über 40 Sprachen übersetzt und verhalf Gibran zu Kultstatus.
  • Eine Renaissance erfuhr sein Werk in den 1960er-Jahren, als es zur Bibel der New-Age-Bewegung wurde.
  • Zitat: „Eure Kinder sind nicht eure Kinder. Sie sind Söhne und Töchter des Verlangens des Lebens nach sich selbst.“
 

Zusammenfassung

Die Ankunft des Schiffes

Der Prophet Al-Mustapha hat zwölf Jahre in der Stadt Orphalese verbracht und auf ein Schiff gewartet, das ihn zurück auf seine Heimatinsel bringen soll. Zwar war er in dieser Zeit sehr einsam, doch der plötzliche Abschied fällt ihm trotzdem schwer. Die Kunde von der Ankunft des Schiffes verbreitet sich. Die Menschen eilen an die Stadttore und drängen Al-Mustapha, zu bleiben. Der Prophet überlegt, welche Gaben er nun unter den geschäftigen Stadtbewohnern verteilen kann. Auf dem großen Platz vor dem Tempel tritt die Seherin al-Mitra auf ihn zu und wendet sich an ihn als Propheten Gottes. Sie bittet ihn – da er die Stadtbewohner so lange habe beobachten und ihre Träume habe begleiten können –, ihnen seine Wahrheit über das Leben zu offenbaren. Verschiedene Menschen der Stadt, unter anderem ein Bauer, ein Richter und eine Mutter, fordern den Propheten daraufhin auf, über die Themen zu sprechen, die ihnen wichtig sind.

Von der Liebe

Der Liebe soll jeder Folge leisten, der ihren Ruf verspürt. Sie krönt und kreuzigt den Menschen, sie kann befreien und zermürben. Kleinherzige suchen nur Lust und Frieden in der Liebe. Wer jedoch bereit ist, auch ihre schmerzhafte Seite anzunehmen, dem weist sie einen Weg ins Herz allen Lebens. Dabei können von der Liebe Auserwählte die Richtung nie lenken – die Liebe selbst lenkt und strebt nur nach der eigenen Erfüllung.

Von der Ehe

Das Bündnis zwischen zwei Menschen währt ein ganzes Leben. Doch in ihrer Vereinigung sollen sie sich auch gegenseitig Raum geben, ihre Eigenständigkeit erhalten und sich nicht aneinander fesseln. Sie sollen zwar zusammen sein, doch in einigem Abstand voneinander stehen, damit sich keiner im Schatten des anderen befindet.

Von den Kindern

Kinder sind nicht der Besitz der Eltern, sondern eigenständige Wesen. Eltern müssen ihren Kindern Raum geben, sich zu entfalten und neue Wege einzuschlagen, denn das Leben kennt kein Zurück.

Vom Geben

Hab und Gut sind nur materielle Güter – erst wer von sich selbst gibt, gibt wirklich viel. Und nur wer wenig besitzt und alles gibt, wird vom Leben immer genug bekommen, um etwas zu verschenken. Göttliches zeigt sich durch diejenigen, die geben können, ohne Freude, Schmerz oder Tugendhaftigkeit zu empfinden. Es ist irrelevant, ob der Beschenkte die Gabe wirklich verdient hat oder nicht, denn auch das Empfangen und Annehmen bedeutet Mut. Nur das Leben gibt wahrhaftig, die Menschen sind lediglich Zeugen.

Vom Essen und Trinken

Auch wenn der Mensch nicht von Luft und Licht leben kann, soll er Tiere mit Ehrfurcht melken oder töten, um Durst und Hunger zu stillen. Er muss sich bewusst sein, dass die gleiche Macht, mit der er tötet, auch ihn sterben lassen wird. Schon wenn er einen Apfel ist, sollte er sich den Schöpfungszyklus vor Augen halten.

Von der Arbeit

Arbeit ist die Verwirklichung eines Traums, der auf natürliche Weise zum Menschen gehört. Es gibt keine höher- oder minderwertige Arbeit. Das Leben erblüht durch Antrieb, Wissen, Arbeit und Liebe. Wer keine Lust bei der Arbeit empfindet, kann hierdurch sogar Schaden anrichten und soll lieber betteln gehen.

Von der Freude und vom Leid

Freude und Leid entspringen derselben Quelle; je intensiver das eine, desto intensiver ist auch das andere. Der Grund für vergangenes Leid ist heute Grund zur Freude, und umgekehrt.

Von den Häusern

Das Haus ist wie ein erweiterter Körper des Menschen. Es steht auch für den Wunsch nach Bequemlichkeit – eine Falle, die aus Menschen Marionetten macht. Häuser sollen keine Grabstätten oder Geheimnishüter sein, keine Anker, sondern solide und hohe Masten. Eine Heimat in Freiheit hat der Mensch immer unter dem Firmament.

Von den Kleidern

Mit ihren Kleidern wollen die Menschen ihre persönliche Freiheit ausdrücken, doch Kleider können diese auch einschränken. Oft verdecken sie das Schöne am Menschen, nicht jedoch das Hässliche. Es wäre gut, manchmal barfuß zu gehen und die Haare dem Wind zu überlassen.

Vom Kaufen und Verkaufen

Die Erde bringt Früchte in Hülle und Fülle hervor. Wenn die Menschen diese tauschen, haben sie von allem Nötigen mehr als genug. Gegenseitige Zuneigung und Solidarität ist aber unerlässlich. Wichtig ist, dass jeder seinen Beitrag zu einem Handel leistet und niemand leer ausgeht.

Von Schuld und Sühne

Begeht ein Mensch Unrecht, dann tut er das auch gegenüber sich selbst. Er ist nicht nur Täter, sondern zu einem Teil auch Opfer – immer muss untersucht werden, wo die Wurzel seines Tuns liegt. Dabei zeigt sich meist: Gut und Böse sind schwer voneinander zu trennen. Somit sind Übeltäter keine Fremden, sondern Menschen wie alle anderen. Wird über ein Vergehen geurteilt, so müssen für alle die gleichen Maßstäbe gelten. Letztlich können die Menschen dem Unschuldigen keine Reue auferlegen und dem Schuldigen keine Last abnehmen.

Von den Gesetzen

Menschen lieben es, Gesetze zu machen. Doch diese entspringen immer einer individuellen Perspektive und können in einer anderen Sichtweise gänzlich verschieden sein – so als stünde man mal mit dem Rücken, mal mit dem Gesicht zur Sonne.

Von der Freiheit

Der Mensch ist nur dann wirklich frei, wenn er aufhört, die Freiheit als Erfüllung zu betrachten. Die Menschen wollen die Freiheit erlangen und der Unfreiheit entgehen, doch sie verkennen, dass beide in ihrem Inneren verflochten sind.

Von Vernunft und Leidenschaft

Der Mensch soll die ihm eigene Vernunft und Leidenschaft schätzen lernen und versuchen, sie in Balance zu halten. Überlässt er allein der Vernunft die Herrschaft, engt er sich ein; lässt er die Leidenschaft regieren, zerstört er sich selbst. Da Gott in der Vernunft ruht und sich in der Leidenschaft regt, soll der Mensch ihm darin folgen.

Vom Schmerz

Der Schmerz gehört zum Leben wie die Freude und hilft dabei, das Leben zu verstehen. Er ist als Medikament zu betrachten, das von Gott verabreicht wird und das kranke Ich kuriert.

Von der Selbsterkenntnis

Auch wenn der Mensch im Stillen die Geheimnisse des Lebens kennt, giert er danach, sie ausgesprochen zu hören. Doch das Ich lässt sich nicht wiegen oder ausmessen. Seine Grenzenlosigkeit muss Teil der Erkenntnis sein.

Vom Lehren

Kein Lehrer kann dem Menschen etwas offenbaren, was er nicht unbewusst schon ahnt. Alles muss individuell erfahren werden. So verhält es sich mit dem Verständnis des Weltalls oder auch dem Gespür für Rhythmus und Musik. Letztlich ist jeder in seinem Wissen über Gott und die Erde ganz auf sich gestellt.

Von der Freundschaft

Eine Freundschaft ist wie ein fruchtbares Feld, das den Hunger zu stillen weiß – auch denjenigen nach Frieden. Freunde sollen sich offen begegnen und vorbehaltlos ihre Gedanken und Wünsche teilen. Auch sollen sie sich nur das Beste geben, was sie zu bieten haben.

Vom Reden

Wer redet, zeigt, dass er mit seinen Gedanken nicht im Reinen ist. Oft vernichtet Reden gar das Denken und dient nur der Zerstreuung. Bisweilen enthüllen Worte eine Wahrheit, die der Sprecher selbst nicht versteht. Dann wieder gibt es Menschen, die die Wahrheit, die sie in sich tragen, nicht in Worte fassen können. Freiheit der Gedanken herrscht nur in der Stille.

Von der Zeit

Die Zeit ist unermesslich und lässt sich nicht in Gestern, Heute und Morgen einteilen. Sie ist kein Strom, dessen Fließen man betrachten kann. Wie die Liebe ist die Zeit unteilbar und unbeweglich.

Vom Guten und Bösen

Das Böse ist nichts anderes als das hungernde und dürstende Gute. Denn in der Not nimmt sich das Gute ohne Skrupel, was es bekommen kann. Das Gute zeigt sich zum Beispiel, wenn ein Mensch eins ist mit sich selbst – doch wer das nicht ist, ist deshalb nicht böse. Die Sehnsucht nach einem höheren Ich macht das Gutsein aus, und diese Sehnsucht haben alle, nur in unterschiedlicher Ausprägung.

Vom Beten

Der Mensch soll nicht nur in der Not beten, sondern auch dann, wenn er voller Freude ist. Wer nur betet, um etwas zu erbitten, dem wird nichts gegeben. Gott hört nicht auf Worte. In der Stille, im eigenen Herzen, findet jeder sein Gebet.

Von der Sinnenfreude

Sinnenfreude darf nicht mit Freiheit verwechselt werden, sie ist nur ein Lied darüber. Man soll sich früherer Sinnenfreuden mit Dankbarkeit erinnern. Wer sich eine Lust versagt, verlagert sein Verlangen vielleicht in dunkle Ecken seiner Seele. Ein Vorbild ist die Lust der Insekten und Blumen: Die einen sammeln den Honig, die anderen geben ihn her, und für beide ist es eine Lust.

Von der Schönheit

Je nach Erfahrung haben die Menschen ein gänzlich anderes Bild von der Schönheit. Für die Enttäuschten und Verletzten ist die Schönheit gütig und sanft; für die Leidenschaftlichen dagegen liegt sie in Schrecken und Erschütterung. Hiermit beschreiben Menschen nur ihre unbefriedigten Bedürfnisse. Dabei ähnelt die Schönheit einem stets blühenden Garten. Sie ist Leben und Ewigkeit und ein Spiegelbild des Menschen.

Von der Religion

Alles Handeln und Denken ist auch Religion. Sie ist kein abgetrennter Bereich, sondern mit allem verbunden. Wer seine Moral nur stolz nach außen trägt, sollte lieber gar keine haben. Und wer sein ganzes Leben nach Sitten und Geboten ausrichtet, sperrt sich nur ein. Die Religion zeigt sich nicht im Gottesdienst, sondern im täglichen Leben. Denn Gott ist überall: bei den spielenden Kindern, in den Wolken und in der Natur.

Vom Tod

Das Geheimnis des Todes liegt im Herzen des Lebens, denn Leben und Tod sind untrennbar miteinander verbunden. Der Mensch weiß aufgrund seiner Hoffnungen und Wünsche bereits viel über das Jenseits. Durch den Tod wird er von seiner Rastlosigkeit befreit. Er bedeutet letztlich nichts anderes als ungehindertes Suchen nach Gott.

Der Abschied

Es ist Abend geworden. Die Seherin al-Mitra dankt dem Propheten, der sich an Bord des Schiffes begibt. Ein letztes Mal wendet er sich an die Menschen von Orphalese: Sie sollen sich stets bewusst sein, dass sie mehr sind als vergängliche Körper. Und falls sie seine Worte als rätselhaft empfunden haben, sollen sie nicht versuchen, sie zu klären, denn alle Dinge sind am Anfang nebelhaft, nicht aber am Ende.

Zum Text

Aufbau und Stil

Der Prophet ist in 26 kurze Kapitel, die Reden des Propheten, sowie in ein Einführungs- und ein Schlusskapitel eingeteilt. Die Rahmenhandlung spielt weder an einem realen Ort, noch ist sie einer klaren historischen Zeit zugeordnet. Jede Episode ist nach dem gleichen Schema aufgebaut: Ein Stadtbewohner gibt dem Propheten Al-Mustapha ein Stichwort vor, das mit dem jeweiligen Stand der Person zusammenhängt: Ein Richter fragt etwa nach Schuld und Sühne, ein Weber nach Kleidung, ein Priester nach der Religion. Daran schließt sich eine Art Predigt oder Unterweisung des Propheten an. Eine besondere Rolle hat nur die Priesterin al-Mitra, die mit ihren Fragen das erste Kapitel über die Liebe und das letzte Kapitel über den Tod einleitet und die als Einzige neben dem Propheten einen Namen hat. Jesus-gleich lehrt Al-Mustapha die Menschen, die sich um ihn versammelt haben, Weisheiten über das Leben. Die Sprache ist sehr bildhaft: Neben Metaphern werden auch zahlreiche Vergleiche und Paradoxa verwendet.

Interpretationsansätze

  • Der Prophet lehnt sich in Stil und Sprache an die christlichen Evangelien an. So stellt Gibran sein Buch bereits stilistisch in einen religiösen Kontext. Gibran verwendet typische Gleichnisse, Allegorien und Paradoxa, Redewendungen wie „Wahrhaftig, ich sage euch“ und rhetorische Fragen. Die Lebensweisungen des Propheten berühren Themen, die auch die Evangelien dominieren. Das Gebet, das der Prophet im Kapitel „Vom Beten“ rezitiert, ähnelt dem Vaterunser.
  • Es bestehen thematische Parallelen zu Nietzsches Also sprach Zarathustra, in dem ein Weiser nach jahrelanger Abgeschiedenheit zu den Menschen spricht. Während bei Gibran allerdings Gott das Endziel aller Dinge und Reflektionen ist, wird dieser bei Nietzsche für tot erklärt.
  • Unter dem Eindruck englischer Romantiker wie William Blake brach Gibran mit den erstarrten Formen der arabischen Literatur seiner Zeit und begründete eine neue Romantik. Gibran hat selbst Illustrationen angefertigt, und sein bildnerisches Werk ist wie bei Blake eng mit seinem literarischen verwoben.
  • Aus dem Buch spricht der Pantheismus: In den Reden des Propheten zeigt sich die Überzeugung, dass das Göttliche im Menschen und der Schöpfung vorhanden ist und dass Mensch und Schöpfung göttlich sind.
  • Das Schiff, das den Propheten zurück in seine Heimat bringt, deutet möglicherweise auf Khalil Gibrans Exilstatus in den USA und auf die Sehnsucht nach seinem Heimatland hin.
  • Der Prophet kann als Reaktion auf die Auswirkungen des Ersten Weltkriegs verstanden werden. Gibran verfolgte das Kriegsgeschehen genau und war ebenso empört wie verzweifelt darüber, dass sich das Osmanische Reich der Ressourcen des Libanon bemächtigte, während die Einwohner Beiruts Hunger litten und die Gegner der osmanischen Okkupation mit Gewalt zum Schweigen gebracht wurden.
  • Offenbar findet eine starke Identifikation des Autors mit dem Propheten statt. Dazu passt, dass Al-Mustapha, der Auserwählte, auch der Beiname war, den May Ziade, eine Intellektuelle aus Kairo, Khalil Gibran in ihrem Briefwechsel gab.

Historischer Hintergrund

Der Libanon als Spielball der Mächte

Mehr als 300 Jahre lang war der Libanon, Khalil Gibrans Heimat, eine Provinz des Osmanischen Reichs. Dort angesiedelt waren viele Maroniten, eine christliche Glaubensgemeinschaft, die den Papst als Oberhaupt anerkennt und der auch Gibrans Familie angehörte. Nach Pogromen der Minderheit der Drusen gegen die Christen im Jahr 1860 setzten die Europäer die Unabhängigkeit des Libanon durch. Die Verwaltung hatte weiterhin ein osmanischer Gouverneur inne, der allerdings von den europäischen Mächten bestätigt werden musste. Der Sturz des osmanischen Sultans Abdülhamid II. im Jahr 1909 durch die Jungtürken verhalf dem Libanon dann zu neuer Blüte. Beirut galt bald als „Paris des Nahen Ostens“. Die Handelsaktivitäten und die zahlreichen Missionen machten das Land bekannt für seine Weltoffenheit.

Im Ersten Weltkrieg verlor der Libanon seine Selbstständigkeit wieder und wurde unter osmanische Militärverwaltung gestellt. Die Osmanen unterdrückten die Nationalbewegung, die im Libanon besonders stark war. Zwischen 1916 und 1918 kam es zu einer Hungersnot – ausgelöst durch eine Seeblockade, die die Entente-Mächte über die osmanische Küste verhängt hatten. Rund 100 000 der damals im Libanon lebenden 450 000 Menschen verloren infolge von Hunger und Seuchen ihr Leben. In den USA, wo sich zahlreiche Exil-Libanesen aufhielten, kam es zu Protesten und Hilfsaktionen.

Das Hauptziel der libanesischen Auswanderer, zu denen auch Gibran zählte, war Boston, das um 1900 das intellektuelle Zentrum der USA war. Hier trafen sich Künstler und Schriftsteller, reiche und einflussreiche Mäzene, Verleger und Wirtschaftslenker.

Entstehung

Die Ursprünge des Buches Der Prophet reichen womöglich bis in Khalil Gibrans Kindheit zurück: Beim Besteigen eines Bergs zog er sich eine Schulterverletzung zu und musste 40 Tage mit ausgebreiteten Armen liegen; dies soll zu seiner starken Identifikation mit Jesus beigetragen haben.

Im Exil in den USA lernte Gibran 1904 bei einer Ausstellung seiner Bilder Mary Haskell kennen. Sie war zehn Jahre älter als er, stammte aus einer begüterten Familie, leitete eine Mädchenschule und unterstützte regelmäßig mittellose Künstler. Diese progressive Feministin, die seine Mäzenin, Vertraute und Herausgeberin wurde, unterstützte ihn finanziell. Beflügelt wurde sein Schreiben außerdem von seinem Parisaufenthalt 1908, da um diese Zeit zahlreiche syrisch-libanesische Dissidenten in die französische Hauptstadt flüchteten.

Während des Ersten Weltkriegs verfasste Gibran verschiedene Kapitel des Propheten unter dem vorläufigen Titel „Die Ratschläge“. Zwischen 1919 und 1923 schrieb er unermüdlich an dem Manuskript, da sein amerikanischer Verleger auf die Fertigstellung drängte. Das Buch wechselte mehrmals den Titel, bevor es 1923 als Der Prophet erschien.

Wirkungsgeschichte

Der Prophet wurde von der Kritik positiv aufgenommen. Der Erfolg machte den Autor sogar derart prominent, dass er von Franklin Roosevelt eingeladen wurde, kurz bevor dieser US-Präsident wurde. Später wurde das Werk insbesondere durch seine Bedeutung für die Gegenkultur und die New-Age-Bewegung der 1960er-Jahre ein weltweiter Kassenschlager. Der Prophet wurde bis heute in über 40 Sprachen übersetzt. Der Erfolg führte dazu, dass Gibran heute als einer der meistverkauften Poeten nach William Shakespeare und Laotse gilt.

Der schottische Pädagoge Alexander Sutherland Neill, der Begründer der demokratischen Schule Summerhill, stellte seinem Buch Theorie und Praxis der antiautoritären Erziehung das vielleicht berühmteste Zitat aus Der Prophet, „Eure Kinder sind nicht eure Kinder“, voran.

Gibrans Werk wird manchmal der Kategorie Esoterik zugeordnet und der Autor als Person häufig zum orientalischen Guru stilisiert. Die akademische Welt beschäftigt sich bis heute kaum mit dem Dichter und dessen Büchern. Einträge in Literaturlexika fehlen, wissenschaftliche Untersuchungen seines Werks sind Mangelware. In jedem Fall entzieht er sich den geläufigen Klassifizierungen.

Über den Autor

Khalil Gibran wird am 6. Januar 1883 im Nordlibanon in eine Familie syrisch-maronitischen Glaubens hineingeboren. Als er mit elf Jahren stürzt, trägt er eine komplizierte Schulterverletzung davon, die ihn sein Leben lang prägen wird. Sein Vater kommt 1891 wegen angeblichen Betrugs ins Gefängnis; die Mutter wandert 1895 mit ihren vier Kindern in die USA aus. In Boston wird Gibran von dem Dandy, Fotografen und Verleger Fred Holland Day gefördert, der ihn auch mit den Werken der britischen Romantiker vertraut macht. 1898 fährt Gibran zu seinem Vater in den Libanon und besucht dort drei Jahre lang das Gymnasium. Im März 1902 kehrt er aufgrund einer schweren Erkrankung seiner Schwester in die USA zurück. In rascher Folge sterben in den nächsten Monaten seine Schwester, sein Halbbruder und seine Mutter. Gibran lernt Mary Haskell, die Leiterin einer Mädchenschule, kennen, die sein künstlerisches Talent wertschätzt und ihn sowohl finanziell als auch ideell fördert. Dank ihrer Unterstützung studiert Gibran ab 1908 in Paris Literatur und Kunst. 1912 lässt er sich in New York nieder. Bei Ausbruch des Ersten Weltkriegs ruft er Christen und Muslime im Libanon zum Widerstand auf und organisiert humanitäre Hilfe. 1918 erscheint sein erstes Buch in englischer Sprache: The Madman (Der Narr). 1920 gründet Gibran mit anderen libanesischen und syrischen Intellektuellen eine literarische Vereinigung, die die arabische Literatur aus ihrer Erstarrung befreien und einen Dialog zwischen Intellektuellen aus Orient und Okzident in Gang bringen will. 1923 veröffentlicht er sein Hauptwerk The Prophet (Der Prophet). Er führt einen Briefwechsel mit der ägyptischen Autorin May Ziade, die er allerdings nie trifft; die Briefe werden später publiziert. In New York spricht Gibran dem Alkohol stark zu und kämpft mit der Einsamkeit. Am 10. April 1931 stirbt er mit nur 48 Jahren an Leberzirrhose. Sein Leichnam wird in den Libanon überführt und in seinem Geburtsort beigesetzt.


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    J. H. vor 5 Monaten
    Sehr hilfreich!
    Ich finde dieses Buch ist wunderschön geschrieben und ein gutes Gefühl für die Umwelt.