Zusammenfassung von Der Tod in Rom

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Der Tod in Rom Buchzusammenfassung

Literatur­klassiker

  • Künstlerroman
  • Nachkriegszeit

Worum es geht

Ein Meister aus Deutschland im Italienurlaub

Den Titel seines letzten Romans hat Wolfgang Koeppen treffend gewählt, enthält er doch die beiden großen Motive des Werks: Rom bildet die Bühne der Handlung, einer kunstvoll verschachtelten Story um die Familien Judejahn und Pfaffrath. Zugleich ist es der Sehnsuchtsort der Nachkriegsdeutschen, die mit dem Baedeker in der Hand vor der eigenen, nationalsozialistisch belasteten Vergangenheit in die Bilderbuchvergangenheit der Ewigen Stadt entfliehen. Rom ist ein historischer Kreuzungspunkt der großen abendländischen Strömungen und schließlich eine gigantische Metapher für die Geburt des Neuen aus den Ruinen des Alten, für die Anwesenheit des Todes im Leben. Der Tod indes lugt hinter jeder Marmorsäule hervor, aus den großen Werken der Kunst ragt seine knöcherne Hand, halb verhungerte Straßenkatzen kämpfen um Fischreste. Und dann ist da natürlich Gottlieb Judejahn, Hitlers Henker, eine der eindrucksvollsten Fleischwerdungen des Todes in der deutschsprachigen Literatur. Der Tod in Rom ist keine leichte Kost und in seiner scheinbar maßlosen Morbidität schwer zu verdauen. Doch das Gesunde, Leichte war in Deutschland im Jahr 1954 eben nur zu haben, wenn man die Augen vor der Wirklichkeit verschloss, in deren Abgründe man nur kurz zuvor geblickt hatte.

Take-aways

  • Der Tod in Rom von Wolfgang Koeppen ist ein Meilenstein der deutschen Nachkriegsliteratur.
  • Inhalt: Im Rom der frühen 50er-Jahre kreuzen sich die Wege und Schicksale der Familien Pfaffrath und Judejahn. Beide haben in der Nazizeit Schuld auf sich geladen, die sie nun verdrängen. Nur die Söhne, Siegfried Pfaffrath und Adolf Judejahn, stellen sich der Vergangenheit. Jeder auf seine Weise.//
  • Der Tod in Rom //ist der letzte Teil von Koeppens sogenannter „Trilogie des Scheiterns“.
  • Koeppen zeichnet das beängstigende Bild einer deutschen Demokratie, die durch Seilschaften alter Nazis und das Fortleben der Obrigkeitshörigkeit bedroht ist.
  • In Der Tod in Rom gibt es keinen eindeutigen Protagonisten. Die Handlung ist auf ein kunstvoll zusammengestelltes Figurenensemble verteilt.
  • Dazu bedient sich Koeppen der Montagetechnik; die verschiedenen Handlungsstränge werden abwechselnd vorangetrieben.
  • Koeppens Grundton ist sehr pessimistisch, seine Schreibweise voll düsterer Bilder und Allegorien.//
  • Der Tod in Rom ist Koeppens letzter Roman. In den folgenden Jahrzehnten machte er sich einen Namen als der „große Schweiger“ der deutschen Nachkriegsliteratur.
  • //Der Roman wurde von der Kritik beinahe einhellig abgelehnt. Man warf Koeppen zwanghafte Schwarzmalerei vor.
  • Zitat: „Rom war auf Erschlagenen aufgebaut, selbst die Kirchen standen auf blutbesudelter Erde, kein Tempel, keine Basilika, kein Dom war ohne vergossenes Blut zu denken. Aber Rom ist herrlich, die Tempel sind herrlich; wir bewundern die Hinterlassenschaften der Macht, wir lieben sie, wenn die Machthaber tot sind.“
 

Über den Autor

Wolfgang Koeppen wird am 23. Juni 1906 als uneheliches Kind in Greifswald geboren. Der Vater erkennt den Sohn nie an, deshalb verbringt dieser seine Kindheit nur in der Obhut der Mutter, zunächst in Ortelsburg in Ostpreußen. Mit 13 Jahren kehrt er nach Greifswald zurück. Um Geld zu sparen, muss der ehemalige Gymnasiast die Mittelschule besuchen, die er ohne Abschluss verlässt. 1919 beginnt er eine Buchhändlerlehre und hört Vorlesungen an verschiedenen Universitäten, vor allem in den Fächern Theaterwissenschaft und Literaturgeschichte. Stationen als Dramaturg in Würzburg (1926) und Feuilletonredakteur beim Berliner Börsen-Courier folgen. Neben Theater-, Film- und Literaturkritiken entstehen auch erste literarische Arbeiten. Ende 1933 muss Koeppen seinen Redakteursposten aufgeben. Er reist nach Italien und siedelt ein Jahr später in die Niederlande über. Zuvor erscheint sein erster Roman Eine unglückliche Liebe (1934) und ein Jahr später Die Mauer schwankt. 1938 kehrt Koeppen nach Deutschland zurück, weil er sich im Ausland keine Existenzgrundlage hat schaffen können. In Berlin schreibt er Drehbücher für die UFA, zieht dann in die Nähe des Starnberger Sees und nach München um, wo er unter anderem für Bavaria Film arbeitet. Von 1951 bis 1954 erscheinen seine drei Romane Tauben im Gras, Das Treibhaus und Der Tod in Rom, die als „Trilogie des Scheiterns“ den Autor in der literarischen Welt bekannt machen. Koeppen schreibt in der Folge, gefördert durch den als Kulturredakteur beim Süddeutschen Rundfunk arbeitenden Alfred Andersch, vermehrt Reiseliteratur: Ende der 50er- und Anfang der 60er-Jahre veröffentlicht er nach längeren Reisen Berichte über Russland, die USA und Frankreich. 1962 wird Koeppen der Büchner-Preis verliehen. Der Autor schreibt nur noch wenig, erst 1971 wagt er sich an den Prosaband Romanisches Café und 1976 an den autobiografischen Roman Jugend. Koeppen, von der Kritik oft als großer Schweiger der deutschen Literatur bezeichnet, veröffentlicht bis zu seinem Tod vor allem kleinere Schriften, Erzählungen und weitere Reiseberichte. Er stirbt am 15. März 1996 in München.

 

Zusammenfassung

Ein Gespenst aus der Vergangenheit ...

Der Avantgarde-Komponist Siegfried Pfaffrath ist zu einem Musikkongress in Rom gereist. Eines seiner Werke soll unter dem Dirigenten Kürenberg aufgeführt werden. Siegfried sitzt in einem Straßencafé und beobachtet die Umgebung. Eine schwarze Limousine mit arabischen Kennzeichen kommt zum Stehen. Ein bulliger älterer Mann mit blauer Sonnenbrille steigt aus. Es ist Gottlieb Judejahn, Siegfrieds Onkel, den er allerdings nicht erkennt. Judejahn war ein hohes Tier unter Hitler, ein SS-General, „Diener des Todes“. Bei Kriegsende hat er sich rechtzeitig abgesetzt, alle Welt hält ihn für tot. Inzwischen steht er als Militärexperte im Dienst eines arabischen Staates. In Rom soll er Kriegsgerät kaufen. Außerdem ist er mit Siegfrieds Vater verabredet, Friedrich Wilhelm Pfaffrath, seinem Schwager, der ebenfalls nach Rom gekommen ist. Vater Pfaffrath war vor 1933 Oberpräsident einer Provinz, profitierte unter Hitler und ist nun wieder in einem Regierungsamt, demokratisch gewählt zwar, doch antidemokratisch gesinnt, ein obrigkeitshöriger Mitläufer. Ihm hat Judejahn nun ein briefliches Lebenszeichen gegeben. Pfaffrath steht noch immer unter dem Bann des einst mächtigen Schwagers und will sich für dessen Rückkehr einsetzen. Judejahns Frau Eva ist mit den Pfaffraths nach Rom gekommen. Dass ihr Mann lebt, verwirrt sie allerdings mehr, als dass es sie freut: Für sie war Judejahn ein gefallener germanischer Heros, ein Märtyrer für die deutsche Sache. Als Mensch aus Fleisch und Blut, aller Macht beraubt, bedeutet er ihr nichts mehr.

... und Schatten der Vergangenheit

Eva und die Pfaffraths wohnen in einer von Deutschen bevorzugten Herberge. Dorthin macht sich Judejahn auf den Weg. Unterwegs trinkt er einen Scotch in einem Lokal und ahnt nicht, dass es sich dabei um eine Schwulenbar handelt. Die Kassiererin Laura weckt mit ihrem bezaubernden Lächeln sein Interesse, doch ohne Uniform ist er zu unbeholfen, um etwas zu wagen. Im Hotel der Pfaffraths angekommen, sieht er sich zunächst in der Lobby um. Das Panorama deutscher Biederkeit, das sich ihm bietet, ruft in Judejahn, dem einst so mächtigen Staatsdiener, zweierlei hervor: Verachtung und das demütigende Gefühl, nicht dazuzugehören. Unverrichteter Dinge macht er sich davon. Später ruft er seinen Schwager an und verlegt das Treffen auf den nächsten Tag.

„Es war einmal eine Zeit, da hatten Götter in der Stadt gewohnt. Jetzt liegt Raffael im Pantheon begraben, ein Halbgott noch, ein Glückskind Apolls, doch wie traurig, was später sich ihm an Leichnamen gesellte, ein Kardinal vergessener Verdienste, ein paar Könige, ihre mit Blindheit geschlagenen Generale, in der Karriere hochgediente Beamte, Gelehrte, die das Lexikon erreichten, Künstler akademischer Würden. Wen schert ihr Leben?“ (S. 7)

Siegfried ist beim Ehepaar Kürenberg zum Essen. Es stellt sich heraus, dass Ilse Kürenberg aus derselben Stadt kommt wie er. Der Dirigent Kürenberg erzählt, auch er sei früher dort gewesen, am Theater. Er fragt, ob Siegfried zufälligerweise mit dem Regierungsrat Pfaffrath verwandt sei. Jetzt erinnert sich Siegfried: Als Kind hat er mitbekommen, wie Kürenberg bei seinem Vater vorstellig wurde, um sich für den Juden Aufhäuser einzusetzen, Kürenbergs inhaftierten Schwiegervater. Vergeblich. Siegfried begreift: Ilse ist Aufhäusers Tochter. Nach dem Essen kehrt er in sein Hotel zurück. Dort erwartet ihn ein Besucher. Es ist Adolf, Judejahns Sohn und Siegfrieds einstiger Schulkamerad. Adolf trägt das Gewand eines Geistlichen, ist allerdings noch nicht zum Priester geweiht. Erst von ihm erfährt Siegfried, dass seine eigenen und Adolfs Eltern in Rom sind. Wie Siegfried ist auch Adolf das schwarze Schaf seiner Familie, doch während Siegfried alle Brücken abgebrochen hat, mag Adolf diesen letzten Schritt nicht gehen. Er glaubt an die Möglichkeit der Erlösung. Sie verabreden sich für den nächsten Tag auf der Engelsbrücke.

Noch mehr Gespenster

Gottlieb Judejahn kehrt in eine Kellerspelunke ein. Hier, bei deutschem Essen und deutschem Bier, lernt er zwei zwielichtige Landsleute kennen, die sich als ehemalige Soldaten einer Todesschwadron entpuppen. Judejahn gibt sich ihnen dennoch nicht zu erkennen. Später steigt er zu den beiden in den Wagen und befiehlt ihnen, Kurs auf den Bahnhof zu nehmen. Doch er erkennt bald, dass die Typen ihn ausrauben und umbringen wollen. Da kehrt er plötzlich den General heraus und staucht seine ehemaligen Untergebenen zusammen. Die gehorchen in alter Gewohnheit, erkennen „die Stimme ihres Herrn“ und lassen Judejahn aussteigen. Auf dem Weg mit dem Taxi zurück ins Hotel fährt Judejahn noch einmal an der Schwulenbar vorbei, wo die schöne Kassiererin gerade Feierabend macht. Doch Judejahn traut sich wieder nicht. Mit der Begründung, Laura könnte eine „Judensau“ sein, lässt er von seinem Vorhaben ab, sie mit ins Hotel zu nehmen.

Knabenliebe am Tiberufer

Tags darauf wird Judejahn von den Pfaffraths in seinem Hotelzimmer besucht. Als sie ihm erzählen, dass sein Sohn Priester werden will, wird er so wütend, dass er die Verwandten mit wüsten Beschimpfungen überschüttet: Wegen Leuten wie ihnen sei das Dritte Reich untergegangen. Dann zeigt er ihnen schadenfroh Siegfrieds Bild in der Zeitung. Damit will er Pfaffrath treffen. Aus irgendeinem Grund lässt er nicht von der Vorstellung ab, Siegfried sei ein drittklassiger Geiger.

„Die Zeitungen meldeten noch am Abend Judejahns Tod, der durch die Umstände eine Weltnachricht geworden war, die aber niemand erschütterte.“ (S. 187)

Im Konzerthaus findet derweil in Abwesenheit des Komponisten die letzte Probe statt. Siegfried kommt gerade noch rechtzeitig, um den Schlussakkord zu hören. Ihm graut vor der Aufführung, er ist ohne Glauben an seinen Wert als Komponist, als Mensch, überhaupt ohne jeden Glauben. Später geht er zur Engelsbrücke, wo er sich mit Adolf verabredet hat. Während er auf ihn wartet, beobachtet er von der Brücke aus, wie am Ufer des Tibers zwei verkommene Burschen einen schönen Knaben zu Boden stoßen. Der Anblick ruft in ihm Erinnerungen an seine Jugend im Kader-Internat wach, an die „Welt leiblicher Gemeinsamkeit“ mit den Kameraden. Einer der Burschen lockt ihn mit einer obszönen Geste. Siegfried folgt ihnen in ein Badeschiff. Dort geht er mit dem schönen Knaben in ein Separee, zieht ihm die Badehose aus und erfreut sich an seiner Schönheit. Er wagt es nicht, ihn zu berühren. Einer der Burschen kommt nackt und vom Tiberwasser triefend herein. Der schöne Knabe flieht. Mit einer Mischung aus Selbsthass, Abscheu und Begierde küsst Siegfried den von Pickeln entstellten Burschen.

Vater und Sohn in den Katakomben

Adolf besichtigt die Kellerverliese in der Engelsburg. Der Anblick der Folterwerkzeuge, die Gegenwart vergangener Qual stärkt ihn in seinem Glauben. Er sinkt auf die Knie und betet für die Erlösung der Menschheit. Judejahn, sein Vater, hatte die gleiche Idee und besichtigt ebenfalls die Kerker der Engelsburg. Adolf beobachtet ihn voller Schrecken, zeigt sich aber nicht. Judejahn ist hier, wo einst Schmerz und Tod regierten, ganz in seinem Element. Im tiefsten Verlies, wo er sich unbeobachtet wähnt, verrichtet er seine Notdurft. Adolf ist von diesem Anblick entsetzt. Draußen, vor dem Eingang zur Burg, trifft er Siegfried und berichtet ihm voller Wut von seinem Erlebnis. Siegfried ist nach einem Bad im Tiber euphorisch. Er fühlt sich frei, wie neugeboren. In seinem Überschwang lädt er Adolf auf ein Eis ein. Sie unterhalten sich über den richtigen Umgang mit der Vergangenheit. Als Siegfried brüsk erklärt, alle Hoffnung auf das Gute im Menschen aufgegeben zu haben, fragt ihn Adolf nach der Motivation seines künstlerischen Schaffens. Siegfried weiß keine Antwort. Das gibt ihm zu denken. Er bereut, dass er sich Adolf gegenüber so unversöhnlich gezeigt hat, und schenkt ihm seine Eintrittskarte für das Konzert.

Dunkle Geschäfte

Gottlieb Judejahn trifft einen Waffenhändler namens Austerlitz, um mit ihm Geschäfte zu machen. Austerlitz weiht ihn in die Machenschaften gewisser Kreise ein, alter Nazi-Kader, die den Umsturz des neuen demokratischen Systems betreiben. Judejahn spürt die Verlockung, mitzumischen. Doch dazu müsste er sich in die verhasste Abhängigkeit von seinem Schwager begeben. Nur er kann ihm die Rückkehr nach Deutschland ermöglichen. Austerlitz gibt Judejahn zum Abschied eine Pistole mit in den Kauf. Um Laura zu sehen, lässt sich Judejahn zur Schwulenbar fahren. Die Bar ist noch geschlossen, Laura ist aber schon da. Diesmal spricht Judejahn sie an. Laura, von der mächtigen Limousine beeindruckt, lässt sich zu einer Spritztour einladen. Doch unterwegs verwandelt sich Judejahns Geilheit in Abscheu. Er steigert sich in die Vorstellung hinein, Laura sei Jüdin, „eine Aussaugerin, eine Blutverderberin“. Prompt erklärt er die Fahrt für beendet und setzt Laura wütend wieder an der Bar ab. Doch ihr Lächeln besänftigt ihn, und so verabredet er sich für später mit ihr.

Ein Familienidyll ohne Familie

Adolf sucht seine Mutter in ihrem Hotelzimmer auf. Die macht aus ihrer Verachtung keinen Hehl. Für sie ist Adolf ein undeutscher, entarteter Weichling und überdies mit dem Feind im Bund, der Kirche. Ihr Gott heißt Adolf Hitler. Der Katholizismus ist für sie Teil jener Front aus Feiglingen, Bolschewiken und Juden, die Hitlers Fall herbeigeführt haben. Adolf hat den Hasstiraden seiner Mutter nichts entgegenzusetzen. Nun kommt auch noch sein Vater dazu. Sofort ergibt sich Eva Judejahn seinem Herrschaftsanspruch. Ohne Adolf weiter zu beachten, knüpfen die beiden an früher an. Sie sind sich einig: Nur durch Verrat konnte der Krieg verloren gehen: „Die Juden sind schuld“. Judejahn befiehlt seiner Frau, nach Deutschland zurückzukehren, und verspricht ihr, er werde den Kampf fortführen. Adolf steht hilflos dabei und betet. Judejahn macht sich einen Spaß daraus, dem verachteten Sohn Geld aufzudrängen: Er soll sich ein Mädchen nehmen.

Das Konzert: alle im selben Raum

Siegfried ist Zaungast bei der Aufführung seiner eigenen Symphonie. Auf seinem Platz in der Loge sitzt Adolf, neben Ilse Kürenberg. Siegfried bemerkt die Ironie: der Sohn des Henkers neben der Tochter des Gehenkten. Er selbst verfolgt das Konzert voller Pessimismus aus dem Hintergrund. Auch Judejahn Senior ist gekommen. Er weiß, dass er hier die Pfaffraths treffen wird, und hofft, seinen Schwager demütigen zu können, indem er Zeuge der Familienentartung wird. Er ist jedoch ohne Frack und hat sich, die Kleiderordnung missachtend, an der Einlasskontrolle vorbeigedrängt. Nun fühlt er sich als Fremdkörper unter lauter Herausgeputzten. Unter dem sozialen Druck verwandelt er sich in den „kleinen Gottlieb“, den von einem brutalen Vater geprügelten Jungen, der er einst war. Doch dann besinnt er sich seiner späteren Macht und wird wieder zum SS-General. Das Publikum besteht für ihn plötzlich nur noch aus „Pack und Laffen“, aus Juden, die in die Gaskammer gehören. Die Reaktion des Publikums auf das Konzert ist zwiespältig: Die jungen Leute auf der Galerie pfeifen, das bürgerliche Parkett klatscht. Man ruft nach dem Komponisten. Doch Siegfried bleibt in Deckung. Erst später sucht er Kürenberg im Künstlerzimmer auf. Dort kommen alle zusammen: die Kürenbergs, die Pfaffraths, Judejahn, Adolf und Siegfried. Der fühlt sich bedrängt und sucht mit Adolf das Weite. Auch die Kürenbergs hält es nicht: Ilse wittert die Gespenster der Vergangenheit.

Zwei Menschen finden und verlieren sich

Judejahn bleibt mit den Pfaffraths allein zurück. Mit seinem Schwager bespricht er die Möglichkeit einer Rückkehr nach Deutschland. Siegfried und Adolf ziehen durch die Straßen und landen schließlich in der Schwulenbar. Adolf ist sofort hin und weg von Lauras Lächeln, die schöne Kassiererin bemerkt das und beschließt, sich auf den jungen Geistlichen einzulassen und ihn mit zu sich zu nehmen. Da taucht Judejahn auf, die Pfaffraths im Schlepptau. Er ist ja mit Laura verabredet. Doch die vertröstet ihn auf den nächsten Tag. Als Judejahn begreift, dass er im Begriff ist, von seinem eigenen Sohn ausgestochen zu werden, packt ihn die Wut. Die lässt er dann aber an den Pfaffraths aus. Siegfried hat derweil alles klargemacht: Laura erklärt sich bereit, sich von ihm und Adolf nach Hause begleiten zu lassen. Unterwegs verabschiedet Siegfried sich und lässt die beiden allein. Doch es kommt zu nichts Ernstem; Adolf, von der Courage verlassen, flieht. Am nächsten Tag sucht er eine Kirche auf, um dort zu beichten.

Der Tod in Rom

Nach dem Aufwachen macht Judejahn dort weiter, wo er am Vorabend aufgehört hat, und lässt sich Champagner bringen, gegen den Kater. Dann begibt er sich zum Treffen mit Laura. Die verspätet sich, was Judejahn in Rage versetzt. Schließlich kommt sie doch. Judejahn bringt sie in ein Hotel in der Nähe des Bahnhofs. Hier nimmt er Laura mit Gewalt. Sie gibt sich – halb angewidert, halb lüstern – dem brutalen Fremden hin. Als sie anschließend aufsteht, um sich zu waschen, überkommt Judejahn der Judenhass: Laura soll sterben. Er greift nach Austerlitz’ Pistole und geht ans Fenster, um vor der Tat nur kurz Luft zu holen. In einem gegenüberliegenden Fenster sieht er Ilse Kürenberg im Bademantel: Noch eine Jüdin! Judejahn dreht durch, feuert das gesamte Magazin auf die Gattin des Dirigenten ab, trifft sie aber erst mit dem letzten Schuss. Dann läuft er auf die Straße, nun ganz wahnsinnig. Es verschlägt ihn in das Museum der Diokletiansthermen. Ein letztes Mal kreuzt sich sein Weg mit dem seines Sohnes, der hier römische Marmorgöttinnen betrachtet und dabei an Laura denkt. Judejahn, in höchster Erregung, sieht „nackte Judenweiber“, fantasiert von Gaskammern und Endlösung – und kollabiert. Adolf läuft zu ihm. Plötzlich wird ihm klar, dass die Hölle auf den Vater wartet. Das kann er nicht zulassen. Panisch läuft er los, um einen Priester zu holen. Judejahn ist bewusstlos. Der Priester erteilt ihm dennoch die Sterbesakramente und spricht ihn, bevor er stirbt, von seinen Sünden los.

Zum Text

Aufbau und Stil

In Der Tod in Rom greift Koeppen die fragmentierte Erzählweise aus Tauben im Gras, dem ersten Roman seiner Nachkriegstrilogie, wieder auf: Träger der Handlung ist kein einzelner Protagonist, wie in Das Treibhaus, dem zweiten Teil, sondern ein Ensemble von Figuren, deren Schicksale Koeppen auf kunstvolle Weise miteinander verknüpft. Die Handlung schreitet stückweise voran, in kurzen Abschnitten, die jeweils eine der Figuren in den Mittelpunkt rücken. Allerdings erhalten zwei Charaktere deutlich mehr Raum als der Rest des Ensembles: Siegfried Pfaffrath und Gottlieb Judejahn. Besonders Siegfried wird hervorgehoben, indem sein Part schlagartig in die Ichperspektive wechselt, während sonst in der dritten Person erzählt wird.

Die einzelnen Abschnitte sind teils hart und übergangslos montiert, teils durch dichterische Kunstgriffe miteinander verfugt. Mehrfach wendet Koeppen eine „Enjambement“ genannte Technik an: Der Beginn eines Abschnitts greift ein Wort oder Motiv auf, mit dem der vorige Abschnitt endet, stellt es allerdings in einen neuen Zusammenhang oder gibt ihm eine neue Gestalt. Wie schon in Tauben im Gras gibt es auch in Der Tod in Rom ein zentrales Ereignis, bei dem sich die Wege aller Beteiligten kreuzen. Hier ist es die Aufführung von Siegfrieds Symphonie. Koeppens Sprache in Der Tod in Rom ist ungemein bildreich und voller Anspielungen auf Mythos, Geschichte und Religion; selbst unscheinbarste Details sind mit Bedeutung aufgeladen.

Interpretationsansätze//

  • Der Tod in Rom ist als Studie des autoritären Charakters in der Tradition von Heinrich Manns Der Untertan// zu lesen. Im NS-Schergen Judejahn ist der brutale Machtmensch dargestellt, der von oben empfangene Erniedrigung nach unten weitergibt; sein Schwager Pfaffrath dagegen entspricht dem Typus des obrigkeitshörigen Mitläufers.
  • Das Buch ist aber auch ein Künstlerroman. Anhand der Hauptfigur, des Komponisten Siegfried Pfaffrath, philosophiert Koeppen über Bedingungen und Möglichkeiten der Kunst in einer vom Tod beherrschten Welt.
  • Mit Der Tod in Rom erweist Koeppen Thomas Manns Der Tod in Venedig seine Reverenz. Abgesehen von der offensichtlichen Bezugnahme durch den Titel gibt es auch inhaltliche Parallelen zwischen den beiden Romanen; zum Beispiel ist hier wie da die Hauptfigur Künstler und Päderast.
  • Der Tod in Rom ist von Giovanni Battista Piranesis Kupferstichen beeinflusst, die den Autor schon als Kind faszinierten. Besonders die Carceri, Piranesis labyrinthische Darstellungen antiker römischer Gefängniskatakomben, scheinen wieder und wieder auf: konkret in den Verliesen der Engelsburg, die Judejahn und Adolf besichtigen, oder abstrakt als Gefängnismetaphorik: der Leib als Kerker der Seele, die Vergangenheit, der man nicht entkommen kann.
  • Der Tod ist allgegenwärtig: symbolisch und konkret, als permanente Bedrohung, als Untergang, als Verfall, als Wurzelgrund des Lebendigen, als Teil des Doppelwesens Eros und Thanatos und nicht zuletzt als tatsächliches Sterben.

Historischer Hintergrund

Wohin mit der Vergangenheit?

1945, nach Kriegsende, trafen sich die Siegermächte zur Potsdamer Konferenz und berieten über die Zukunft Deutschlands. Daraus ging der Alliierte Kontrollrat als oberste Regierungsinstanz für die besetzten Gebiete hervor, mit der Aufgabe, eine Staatsbildung anhand der „4 D“ (Demokratisierung, Denazifizierung, Demilitarisierung, Dezentralisierung) voranzutreiben. 1949, mit Gründung der BRD auf dem von den Westmächten besetzten Gebiet, war ein großer Schritt in diese Richtung getan. Dieses Grundgesetz, unter dem Einfluss der Westmächte und natürlich mit Hinblick auf das schmähliche Ende der Weimarer Republik formuliert, stellte die junge deutsche Demokratie auf ein solides rechtliches Fundament.

Eine solche Absicherung erwies sich als bittere Notwendigkeit: Die Einwurzlung demokratischer Werte in der deutschen Gesellschaft war alles andere als selbstverständlich. Anfängliche Bemühungen der Alliierten, die ehemaligen Eliten zu bestrafen und politisch zu neutralisieren, blieben auf halbem Weg stecken. Von der schieren Masse der Fälle überfordert, übertrugen die Alliierten die Aufgabe der Entnazifizierung an deutsche Instanzen, deren Wirken bald darauf hinauslief, dass sich Belastete gegenseitig reinwuschen. Auch die Politik trug zum Versanden der Aufarbeitung bei. Die Millionen ehemaliger Soldaten, Funktionäre und Mitläufer stellten ein riesiges Wählerpotenzial dar, zudem war ihre Integration mit Hinblick auf eine drohende Spaltung der Gesellschaft ein unabweisliches Gebot. Mit der wirtschaftlichen Erholung der BRD in den 50er-Jahren kam die Aufarbeitung der Vergangenheit ganz zum Stehen. Zwar zeigte die Adenauer-Regierung nach außen uneingeschränkte Bereitschaft zur Sühne, doch allgemein machte sich eine „Schlussstrichmentalität“ breit; man wollte jetzt nach vorn und nicht länger zurück schauen.

Entstehung

„Zur Entstehungsgeschichte meines Romans Der Tod in Rom ist wenig zu sagen“, schrieb Wolfgang Koeppen 1954 in der Zeit. „Ich war in Rom, und der Roman fiel mir dort ein. Ich war nach Rom gereist, um an einem anderen Buch zu arbeiten. Der Tod in Rom verdrängte das andere Buch.“ Etwas mehr lässt sich vielleicht doch sagen: Mit Tauben im Gras (1951) und Das Treibhaus (1953) hatte Koeppen von sich reden gemacht. Sein Verleger drängte auf ein weiteres Werk. Koeppen schien mit der Idee eines Schelmenromans schwanger gegangen zu sein. Doch dann reiste er im April 1954 zu einem Treffen der Schriftstellervereinigung Gruppe 47 nach Rom, obwohl ihn mit diesem Kreis nur lose Bande verknüpften. Letztlich nahm er an der Tagung nicht einmal teil, sondern verbrachte stattdessen zwei Wochen mit der Erkundung der Ewigen Stadt. Dabei kam ihm die Idee zu Der Tod in Rom. Gleich schwenkte er auf den neuen Einfall um. „Als ich aus Rom abreiste“, schrieb er später, „hatte ich den Roman im Kopf. Er musste nur noch geschrieben werden.“ Dazu blieb allerdings nicht mehr viel Zeit, denn der Verlag rechnete damit, Koeppens neues Werk Ende September auf der Frankfurter Buchmesse präsentieren zu können. Koeppen war es zum Glück gewohnt, unter Zeitdruck zu arbeiten; schon die beiden Vorgängerromane waren innerhalb weniger Wochen entstanden. Auch das Manuskript zu Der Tod in Rom wurde rechtzeitig fertig. Damit hatte Koeppen nun doch seinem früheren Vorsatz zuwidergehandelt: Eigentlich hatte er nicht schon wieder die unbewältigte deutsche Vergangenheit und die restaurativen Tendenzen der jungen Bundesrepublik zum Gegenstand eines Romans machen wollen.

Wirkungsgeschichte

Mit Der Tod in Rom ist nicht nur die sogenannte „Trilogie des Scheiterns“ abgeschlossen, der Roman markiert auch das Ende von Koeppens Tätigkeit als Romanschriftsteller überhaupt. Von hier nahm Koeppens Image als „großer Schweiger“ der deutschen Literatur seinen Ausgang. In einem berühmt geworden Artikel in der Zeit mutmaßte 1961 der Literaturkritiker Marcel Reich-Ranicki, Koeppens Verstummen sei eine Reaktion auf das größtenteils negative Echo der Kritik. Hatten sich an Tauben im Gras und Das Treibhaus noch die Geister geschieden, fand Der Tod in Rom nur noch bei sehr wenigen Rezensenten Gnade. Selbst liberale Feuilletons warfen dem Autor krankhafte Schwarzseherei vor, ganz zu schweigen von den Polemiken konservativer Kritiker. Deren teils heftige Schmähungen untermauerten Koeppens Auffassung, der Geist des Faschismus lebe unter der Wirtschaftswunderfassade der jungen BRD fort. Reich-Ranickis These blieb indes nicht unwidersprochen. Andere Beobachter des Literaturbetriebs wagten die Frage, ob Koeppen mit seinem letzten Roman vielleicht einfach auf dem von ihm eingeschlagenen Weg die Grenzen des literarisch Möglichen erreicht habe. Eine breite Rezeption des Romans in der BRD erfolgte nicht. Der Tod in Rom war, kommerziell gesehen, ein Blindgänger. Auf etwas größeres Interesse stieß der Roman in den Ländern des Ostblocks; hier schien man, von den Erfahrungen des letzten Krieges geprägt, dem Szenario einer Wiederkehr deutschen Großmachtstrebens durchaus eine gewisse Wahrscheinlichkeit beizumessen. Folglich sah man in Koeppen eben keinen gemütskranken Alarmisten, sondern einen sensiblen Mahner.


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