Zusammenfassung von Der Untergang des Abendlandes

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Der Untergang des Abendlandes Buchzusammenfassung

Literatur­klassiker

  • Philosophie
  • Moderne

Worum es geht

Das Buch zum Zeitgeist nach dem Ersten Weltkrieg

Die Weltgeschichte als Geschichte des stetigen Fortschritts: Von der finsteren Barbarei der Vorzeit, über schmerzliche Kriege und lange Lernprozesse hat sich die Menschheit eine sichere Zivilisation erarbeitet und geht weiterhin einer glänzenden Zukunft entgegen, so die weit verbreitete Ansicht. Gegen solchen Fortschrittsoptimismus erhob Oswald Spengler wortgewaltig Einspruch. In seiner über 1000-seitigen Geschichtsphilosophie Der Untergang des Abendlandes legte er eine Art Lebenszyklustheorie der Hochkulturen vor: Alle Kulturen der Welt ähneln sich demnach in bestimmten Phasen; das ist ihre Homologie – ein Begriff, den Spengler der Biologie entlehnte. Der Clou dieses Verfahrens, für das er von den Fachwissenschaftlern stark kritisiert wurde: Es ließen sich Aussagen darüber machen, wie sich die Kultur des Abendlandes weiterentwickeln würde. Spengler kam zu dem niederschmetternden Ergebnis, das dem Buch den Titel gibt: Die Zeit des Abendlandes sei so gut wie abgelaufen, mit der modernen Zivilisation sei es in die letzte Phase des Verfalls eingetreten. Eine spannende These, die viel Staub aufwirbelte. Spenglers von Goethe und Nietzsche beeinflusstes Werk ist eines der wirkmächtigsten des 20. Jahrhunderts. Auch heute noch werden hin und wieder ähnliche Thesen geäußert, etwa von Samuel Huntington (Kampf der Kulturen).

Take-aways

  • Oswald Spenglers Hauptwerk löste Anfang des 20. Jahrhunderts heftige Diskussionen aus: Stand das Abendland wirklich kurz vor seinem Ende?
  • Spengler vergleicht die Entwicklung der historischen Hochkulturen mithilfe einer morphologischen (die äußere Form betreffenden) Methode.
  • Er wollte so die Sichtweise auf die Geschichte revolutionieren, doch dieses Vorgehen wurde in wissenschaftlichen Kreisen skeptisch beurteilt.
  • Spengler brandmarkt den Eurozentrismus der Geschichtswissenschaft.
  • Er glaubt nicht an ein lineares Geschichtsmodell der ständigen Weiterentwicklung, sondern an organische, zyklische Kulturphasen.
  • Bisher hat es acht Hochkulturen gegeben, die sich nach einem festgelegten Schema von Altersstufen entwickelt haben (Kindheit, Reife, Alter).
  • Bestimmte wichtige Entwicklungen in den verschiedenen Kulturen wurden jeweils in der gleichen Phase geleistet (Homologie).
  • Die letzte Phase der Kultur ist die Zivilisation, die von Dekadenz geprägt ist.
  • Das Abendland ist im 19. Jahrhundert in diese Phase eingetreten, sodass sein Untergang kurz bevorsteht.
  • Das Buch erschien 1918-1922. Wegen der Katastrophe des Ersten Weltkriegs sahen viele Leser Spenglers Thesen bestätigt.
  • Die Verkaufszahlen sprengten die kühnsten Prognosen, Spengler wurde zu einer Art "Intellektuellem des Jahres".
  • Diese Begeisterung wurde von den Fachwissenschaftlern nicht geteilt: Sie konnten Spengler etliche grobe Fehler nachweisen.
 

Zusammenfassung

Morphologie der Weltgeschichte: über die Methode

Hier wird erstmals der Versuch unternommen, Geschichte vorauszusagen. Dies kann man nur dann wagen, wenn man feststellt, dass der Ablauf, den wir „Geschichte“ nennen, keineswegs unendlich, sondern in festgelegten Phasen verläuft. Zu allen Zeiten wurden große Feldherren den Kriegern anderer Epochen gegenübergestellt: Napoleon etwa verglich man mit Cäsar und Alexander dem Großen. Aber die historischen Gleichnisse gingen noch weiter: Das Florenz der Renaissance wurde mit dem antiken Athen, Buddha mit Christus, der moderne Sozialismus mit dem Urchristentum verglichen. Solche Parallelen wurden nicht systematisiert. Genau das kann man aber tun, sofern man das richtige wissenschaftliche Instrument dafür zur Hand nimmt. Dieses ist die Morphologie, also die Lehre von den Gestalten oder Formen. Mit ihrer Hilfe lässt sich die Lage und Ausprägung jeder Epoche der Weltgeschichte vergleichen und einordnen. Hierfür muss man sich aber weniger der Logik von Ursache und Wirkung bedienen als vielmehr derjenigen der Zeit, die in jeder Epoche der Weltgeschichte eine andere „Seele“ erblickt. Nicht politische und historische Tagesereignisse machen die Logik der Zeit aus, sondern die großen Entwicklungen, die die Geschichte beeinflussen, die Dynamik des Schicksals. Geschichte muss so betrachtet werden, als sei sie etwas Fremdes, das sich mit dem Fernglas aus einer weit entfernten Überblicksstellung beobachten lässt.

Eurozentrismus und Linearität

Wir haben bislang die Geschichte aus einer sehr egozentrischen – und das bedeutet in diesem Fall: eurozentrischen – Perspektive gesehen. Altertum, Mittelalter und Neuzeit sind Begriffe für das abendländische Europa. Die großen Kulturen Chinas, Ägyptens, Mexikos oder der arabischen Welt haben wir zu Randglossen reduziert. Der Eurozentrismus der modernen Geschichtswissenschaft ist wie das ptolemäische Weltbild der Antike: Dort dreht sich die Sonne um die Erde, hier dreht sich die Weltgeschichte um Westeuropa. Es wird also Zeit für eine „kopernikanische Wende“, für die Anerkennung der Weltgeschichte als Ganzes und – so schmerzlich das auch ist – für die Anerkennung der Relativität der Geschichte. Zudem müssen wir uns vom linearen Geschichtsbild verabschieden: Wer würde annehmen, dass eine Raupe, die täglich weiterwächst, dies bis in alle Ewigkeit fortsetzen wird? Niemand. Doch wenn es um die Menschheit geht, sind wir seltsam verblendet und denken, hoffen, glauben, dass sich deren Entwicklung immer weiter fortsetzen wird und dass das Ergebnis sich womöglich immer verbessert. In Wahrheit haben wir es in der Geschichte mit mehreren Hochkulturen zu tun, die sich über die Erde verbreitet haben; jede von ihnen war einmalig und individuell, hat eigene Formen der Kunst entwickelt – und jede ist einmal zu Ende gegangen. Die Weltgeschichte gehorcht der organischen Lebendigkeit der Natur, wie sie Goethe beschrieben hat, nicht der toten Natur der wissenschaftlichen Rationalität Newtons. Die Geschichte der einzelnen Kulturen ist organisch, sie blüht, reift und vergeht. Sie ist kein Bandwurm, der mit jedem Jahrhundert und jeder Epoche neue Glieder ansetzt.

Kulturphasen

Insgesamt acht große Kulturen haben sich im Lauf der Geschichte herausgebildet: die babylonische, die ägyptische, die antike, die chinesische, die indische, die arabische, die mexikanische und die abendländische. Die Entstehung der hohen Kulturen ist ein Zufall. Sie haben sich vollkommen unmotiviert herausgebildet und sind keinesfalls das Ergebnis einer Entwicklung oder eines evolutionären Vorgangs. Die Kulturen sind wie Organismen: Jede hat verschiedene Altersstufen durchlaufen, die sich mit den Altersstufen des Menschen oder mit den Jahreszeiten vergleichen lassen:

  • Kindheit/Frühling: Die Kultur setzt sich mit ihren mystischen Wurzeln auseinander und beginnt, wie eine Blütenknospe zu wachsen. Man erkennt diesen Prozess beispielsweise in der Gotik, der frühhomerischen Dorik, der früharabischen Kunst und in den Werken der 4. Dynastie des alten Ägyptens. Die Kultur wächst, sie ringt mit sich selbst um Ausdruckskraft. Ihre Kunst ist primitiv, ihre Welt düster. Sie wird klarer, wenn sie in das nächste Stadium eintritt.
  • Reife/Sommer und Herbst: Die Formen werden strenger, aber entbehren nicht einer gewissen Leichtigkeit. Die Verworrenheit der Frühformen verschwindet zugunsten klarerer Linien: Romanische Kirchen, altchristliche Katakomben, die Hagia Sophia, die Bilder Tizians, die Werke Mozarts verkünden die gesteigerte Kraft und die Vollendung.
  • Alter/Winter: Schließlich bäumt sich die gealterte Kultur noch einmal auf. Im Klassizismus und in der Romantik sehnt sie sich nach vergangenen Epochen. Müde kehrt sie zurück zu den alten mythischen Formen, zu den spirituellen Wurzeln: Hatten sich zuvor Geist und Verstand ausgebreitet, entsteht nun eine „zweite Religiosität“.
„In diesem Buche wird zum ersten Mal der Versuch gewagt, Geschichte vorauszubestimmen.“ (S. 3)

Kann es zum Austausch zwischen den Kulturen kommen? Diese Frage lässt sich eindeutig mit Nein beantworten. Die Seelen der verschiedenen Kulturen sind undurchlässig für andere Strömungen. Es besteht eine Art Trennwand, sodass kein Vertreter der einen Kultur die Vertreter der anderen ganz und gar verstehen kann. Jede Form von Verständnis für eine fremde Kultur ist ein Trugbild, ist nur ein selbst gezimmertes Abbild des anderen.

Homologie und Gleichzeitigkeit

Es ist dem Universalgenie Johann Wolfgang von Goethe zu verdanken, dass uns heute der Unterschied zwischen den biologischen Fachbegriffen Homologie und Analogie bewusst ist. Beide Begriffe leiten sich aus der Morphologie ab. Homologie bezeichnet die stammesgeschichtlich nachgewiesene Entsprechung von Organen bei Lebewesen: Beispielsweise sind die menschlichen Arme, die Flügel eines Vogels und die Flossen eines Delfins homolog. Sie erfüllen zwar völlig unterschiedliche Funktionen, entsprechen sich aber hinsichtlich ihrer Lage und evolutionären Entwicklung. Funktionale Entsprechungen (z. B. die Flügel eines Vogels und die Flügel einer Fliege oder die Lunge eines Elefanten und die Kiemen eines Fisches) werden dagegen als Analogien bezeichnet.

„Aber ‚die Menschheit’ hat kein Ziel, keine Idee, keinen Plan, so wenig wie die Gattung der Schmetterlinge oder der Orchideen ein Ziel hat. ‚Die Menschheit’ ist ein zoologischer Begriff oder ein leeres Wort.“ (S. 28)

Der Begriff der Homologie lässt sich auch auf die geschichtliche Forschung anwenden. So kann man Ereignisse und Zeitperioden einer Kultur identifizieren, die – der relativen Lage nach – einer anderen Kultur entsprechen. Daraus lässt sich eine Form von Gleichzeitigkeit ableiten. Diese ist natürlich nicht wortwörtlich gemeint, sondern relativ: So betrachtet sind beispielsweise Pythagoras und Descartes Zeitgenossen, weil sich die antike und die abendländische Mathematik in der gleichen relativen Zeitspanne innerhalb ihrer Kultur entwickelten. Weitere Beispiele belegen die Homologievermutung: Ionische Kunst und Barock finden zur „gleichen“ Zeit statt; der bedeutendste antike Bildhauer Polyklet ist ein „Zeitgenosse“ Johann Sebastian Bachs; Alexander der Große und Napoleon treten in der gleichen Phase auf die Weltbühne; und auch die Städte Alexandria, Bagdad und Washington entstehen „gleichzeitig“. Die Betrachtung der Weltgeschichte als Homologie eröffnet sogar die Möglichkeit einer Art von „Geschichtspaläontologie“, also der Rekonstruktion verschollener Kulturen – und die Voraussage des Endes bestehender Kulturen.

Die Seele der Kultur

Der Lebensquell großer Kulturen ist ihre Seele. Dies ist ein metaphysisches Phänomen, weshalb auch die Geschichtswissenschaft eher metaphysisch als naturwissenschaftlich arbeiten muss. Denn die Naturwissenschaft kann lediglich kausale Gesetze finden oder Daten erheben, kurz: etwas schon Dagewesenes erfassen. Geschichte ist jedoch etwas ganz anderes als ein Kausalprinzip; sie ist vom Schicksal abhängig. Deswegen haben Naturwissenschaft und Geschichtswissenschaft ganz unterschiedliche Erkenntnisgrundlagen.

„Der Untergang des Abendlandes, so betrachtet, bedeutet nichts Geringeres als das Problem der Zivilisation.“ (S. 43)

Die Seele einer Kultur manifestiert sich in einem Ursymbol. Es gibt verschiedene Ursymbole, die sich vor allem durch die Beziehung der Kultur zum Raum auszeichnen. Dies soll anhand einiger Beispiele erklärt werden:

  • Die antike Kultur wird von einer apollinischen Seele beherrscht. Sie ist eine Kultur des Engen, Kleinen, Verwinkelten, Statischen. Ihre Kunst ist die Kunst des nackten Körpers, der olympischen Götter, die Begrenzung von Konturen auf der Leinwand. Politisch-geografisch ist sie gekennzeichnet durch die vereinzelten, griechischen Stadtstaaten.
  • Die abendländische Kultur ist die Kultur des unendlichen Raums, des faustischen Strebens. Ihre Architektur zeichnet sich durch die in den Himmel aufragenden Kathedralen des hohen Mittelalters aus, ihre Malerei durch den gewaltigen Raum, der von Licht und Schatten gestaltet wird. Ihre Politik ist von Eroberung und der Ausdehnung in den Raum geprägt.
  • Die russische Kultur steht im Kontrast zur abendländischen und ist der Symbolik der großen Ebene verhaftet. In der russischen Kultur ist es fast schon unsinnig, sich nach dem Himmel zu recken; sie bleibt immer mit beiden Füßen fest auf dem Erdboden.

Abgesang auf die Zivilisation

Was wir als Zivilisation bezeichnen, ist keinesfalls der Anfangspunkt einer Entwicklung, sondern vielmehr deren Endpunkt. Was in der griechischen Antike Kultur war, wurde in der römischen Antike zur Zivilisation ausgebaut. Mit anderen Worten: Die Seele der Kultur verwandelte sich in Geist und besiegelte damit ihren Untergang. Dieser Übergang fand in der Antike im 4. Jahrhundert statt und im Abendland im 19. Jahrhundert. Wir leben also im Zeitalter der Zivilisation – und dies bedeutet, der Untergang des Abendlandes steht kurz bevor.

Dekadenz und Verfall

In der Frühzeit einer Kultur sammeln sich die Kräfte, sie erreichen ihren schöpferischen Höhepunkt und treten schließlich in die Phase der Zivilisation ein, wo sie verfallen oder durch bestimmte Mittel – wie die Ausdehnung eines Reiches mittels des Imperialismus – noch eine Zeit lang am Leben gehalten werden. Zivilisation bedeutet vor allem: Herrschaft der Städte. Sie sind die Keimzellen der Denaturierung. Was Rom für die Antike war, sind London, Berlin und New York für den gegenwärtigen [Anmerkung von getAbstract: nach Ende des Ersten Weltkriegs] Zustand des Abendlandes. Angesichts der geballten Bedeutung der Großstädte verkommt alles andere zur Provinz. In den Metropolen verteilt sich die wabernde Masse der Menschen. Geld regiert diese städtische Welt, die sich immer weiter hineinsteigert in Künstlichkeit und Vergänglichkeit und die ihr eigenes Ende regelrecht heraufbeschwört. Dekadenz macht sich breit, auch im politischen System. Vorbei sind die Zeiten, da sich die Demokratie gegen den Absolutismus durchsetzen konnte. Der heutige Parlamentarismus ist eine junge, geradezu geschichtslose Einrichtung, die bereits ins Schwanken gerät. Geld ist der bestimmende Faktor der Zivilisation – und zugleich ihr Sargnagel. Denn hinter der Fassade des demokratischen Systems, das immer mehr nur noch die Aufgabe hat, das einfach Volk einzulullen und in Sicherheit zu wiegen, entwickeln sich die wirklichen Machtstrukturen der reifen Kultur: der Cäsarismus.

Der Cäsarismus

Der Cäsarismus reift meist in den versteckten, hinteren Reihen des Parlaments. Die Macht verlagert sich auf eine bestimmte Gruppe oder eine Einzelperson, die schließlich das Ruder in die Hand nimmt. Wohlgemerkt bleibt das System des Parlamentarismus zum Schein noch intakt, doch es gibt bereits einen Kaiser oder Cäsaren. Wie der berühmte römische Imperator es einmal ausgedrückt haben soll: Die Republik ist ein Nichts, ein bloßer Name ohne Körper und Gestalt. Der Cäsarismus ist innerlich form- und schrankenlos, obwohl er nach außen hin den Deckmantel der legitimierten Herrschaft trägt. Jetzt verwandelt sich die Kultur zurück ins Primitive, das Formvollendete wird in den Urzustand gestoßen. Das Urwüchsige, Rassische, Grobe, das Gesetz des Stärkeren bricht sich Bahn. Die Welt wird beherrscht von Riesenreichen, an deren Spitze ein Cäsar steht und die dereinst aufeinandertreffen werden, um die Vormachtstellung zu erringen.

„Der Übergang von der Kultur zur Zivilisation vollzieht sich in der Antike im 4., im Abendland im 19. Jahrhundert.“ (S. 44)

Die Morphologie hat gezeigt, dass jede Kultur ein Reich von 1000 Jahren ist. Und die Zeit des Abendlandes ist fast abgelaufen, sein Untergang steht bevor.

Zum Text

Aufbau und Stil

Wer das Inhaltsverzeichnis von Spenglers Buch aufschlägt, um sich in dem 1200-seitigen Wälzer zu orientieren, wird enttäuscht: Der Aufbau der zwei Teile – 1918 und 1922 erschienen – stiftet mehr Konfusion als Klarheit. Der erste Teil zu fünf Kapiteln ist mit „Gestalt und Wirklichkeit“ betitelt, der zweite zu sechs Kapiteln mit „Welthistorische Perspektiven“. Spengler wünschte sich Systematik für sein groß angelegtes Unternehmen, er war aber ein intuitiver, sprunghafter Schreiber, und das merkt man dem Buch auf jeder Seite an. Von der Geschichte zur Metaphysik, vom „Sinn der Zahlen“ zur Schicksalsidee, von der Naturwissenschaft über die bildenden Künste bis zur Kulturkritik geht die ausschweifende Gedankenreise. Was dem modernen Leser ebenso wie schon Spenglers Zeitgenossen auffällt, ist die Beliebigkeit, mit der der Autor sein Riesenwerk aufbaut: Anekdotenhafte Einsprengsel, Wiederholungen und philosophische Exkurse kennzeichnen den Stil, einheitliche Definitionen oder gar ein Glossar mit den wichtigsten Begriffen sucht man vergeblich. Spenglers Sprache ist – in der Nachfolge Nietzsches – rauschhaft, meist eher literarisch oder zumindest philosophisch als wissenschaftlich; ohne Vorwarnung schwingt sich Spengler von der Darstellung nüchterner Sachverhalte zu gewagten Assoziationen auf. Kurz: Keine leichte Kost, aber dennoch faszinierend zu lesen.

Interpretationsansätze

  • Der Untergang des Abendlandes ist der Prototyp des Kulturpessimismus. Unter diesem Sammelbegriff werden Theorien der Kulturkritik zusammengefasst, die für die aktuelle Entwicklung einer Kultur nur eine Richtung prognostizieren: den Verfall. Kein Wunder, dass das Werk kurz nach dem Ersten Weltkrieg eine gewaltige Wirkung entfaltete.
  • Spenglers Werk ist nicht nur Kultur-, sondern auch Philosophiekritik. Es wendet sich vehement gegen die Froschperspektive der zeitgenössischen Philosophie und spricht ihr jede praktische Bedeutung ab. Frühere Philosophen seien Staatsdenker und -lenker gewesen und hätten in der Politik oder immerhin in der Wissenschaft etwas bewegt, während die neuere Philosophie zur „Katheder- und Winkelphilosophie“ degeneriert sei. Auch darin sieht Spengler ein Zeichen des Verfalls.
  • Spenglers Universum kreist um einen Fixstern: Johann Wolfgang von Goethe. Dessen naturwissenschaftliche Forschungen sind das Vorbild für seine Vision. Doch Spengler geht noch weiter: Die Morphologie, von Goethe 1795 als Ordnungsbegriff für die Biologie eingeführt, wendet er auf die Geschichte an – was ihm von Fachhistorikern immer wieder als völlig unzulässig und unwissenschaftlich angelastet wurde.
  • Spengler vertritt ein zyklisches Geschichtsverständnis: Die Weltgeschichte ist nicht zielgerichtet, sondern besteht aus einem steten Werden und Vergehen. Damit lehnt er sich an Nietzsches Lehre von der „ewigen Wiederkunft des Gleichen“ an und bekämpft das traditionelle Geschichtsverständnis etwa des Christentums oder Hegels.
  • Einer der stärksten Einwände gegen Spengler betrifft seine These, dass die einzelnen Kulturen in sich geschlossene Welten seien, zwischen denen keine Verständigung möglich sei. Dagegen spricht etwa, dass der Wandel der Epochen häufig durch Berührungen mit anderen Kulturen stattgefunden hat.

Historischer Hintergrund

Zwischen den Weltkriegen

Am 5. Oktober 1918, kurz vor dem Ende des Ersten Weltkriegs, unterbreiteten Reichskanzler Maximilian von Baden und die Oberste Heeresleitung den Gegnern ein Waffenstillstandsangebot. Der amerikanische Präsident Woodrow Wilson forderte jedoch darüber hinaus eine Abdankung des Kaisers Wilhelm II. Daraufhin erteilte General Ludendorff und später die Seekriegsleitung eigenmächtig den Befehl zur Fortführung der Kämpfe. Die Folge: Matrosenaufstände und die Novemberrevolution, welche zur Beseitigung des monarchischen Systems in Deutschland führten. Maximilian von Baden verkündete am 9. November 1918 die Abdankung des Kaisers und übertrug die Regierungsgeschäfte an den Vorsitzenden der stärksten Reichstagsfraktion, Friedrich Ebert von der SPD. Die provisorische Regierung einigte sich auf die Demokratie als zukünftige Staatsform. Im August 1919 trat die Weimarer Verfassung in Kraft. Die junge Republik stand aber von Anfang an auf wackligen Füßen. Zu schmachvoll war für weite Teile der Bevölkerung der Versailler Friedensvertrag mit seinen immensen Reparationszahlungen und Gebietsverlusten, zu ohnmächtig erschien der Parlamentarismus. Später kamen die Besetzung des Ruhrgebiets durch die Franzosen und die galoppierende Inflation hinzu. Viele deutsche Intellektuelle, darunter auch Spengler, träumten von einer „konservativen Revolution“. Ihnen schwebte ein autoritärer Staat vor, der von einer geistig-politischen Elite geführt werden sollte. Mit diesen Ideen wurde der Weg für die Machtübernahme der Nazis 1933 geebnet, auch wenn sich die Anhänger der konservativen Revolution (zu denen zeitweise Ernst Jünger, Thomas Mann, Carl Schmitt u. a. zählten) vom Populismus und vom Rassenhass der Nazis abgrenzten.

Entstehung

Nach seinem Umzug von Hamburg nach München 1910 reifte in Spengler die Idee, ein Buch zu schreiben, in dem er seine bisherigen Kenntnisse der Mathematik, Geschichte, Naturwissenschaft, Kunst und Philosophie zusammenbringen konnte. Eine Anregung erfuhr er von dem italienischen Philosophen Giambattista Vico aus dem frühen 18. Jahrhundert, dessen zyklisches Geschichtsbild er übernahm. Außerdem bediente er sich bei Friedrich Nietzsches Gedanken der „ewigen Wiederkehr des Gleichen“. Bei der Verfertigung des Buches ging es Spengler körperlich und seelisch schlecht, wie seine Briefe bezeugen. Als der Krieg ausbrach, kamen noch materielle Engpässe hinzu. Spenglers Depressionen wechselten sich ab mit euphorischen Momenten, in denen er seinem Buch eine Wirkung wie ein „Bergrutsch in einem flachen Teich“ bescheinigte, es als „epochemachend“ lobte und gleichzeitig einräumte, es werde „allerdings höchst unpopulär und der halbgebildeten Herde unserer Literaten unzugänglich“ sein. Spengler schloss sich der nationalen Rechten an, weil er den Parlamentarismus ablehnte („Parlamentarismus ist die Methode, dass man den Zeitungsleser zu dem Glauben erzieht, dass er – in Masse – souverän ist“). Seine Idee für Deutschland war eher ein konservatives Staatswesen im „Geiste Preußens“, wie er es im Dezember 1919 in Preußentum und Sozialismus vertrat und 1924 in einer Art Regierungsprogramm mit dem Titel Neubau des Deutschen Reiches ausbaute.

Wirkungsgeschichte

Als der erste Band von Der Untergang des Abendlandes im September 1918 erschien, stand die bedingungslose Kapitulation des Deutschen Reiches und damit das Ende des Ersten Weltkriegs kurz bevor. So bekam der Titel von Spenglers Buch eine ganz konkrete, gegenwartsgeschichtliche Bedeutung. Spengler selbst freute sich über diese Interpretation gar nicht, denn er wollte in seinem Werk keinesfalls eine bloß gegenwartsbezogene Kritik erkannt wissen. Zu seiner Genugtuung avancierte er 1919 zu einer Art „Intellektuellem des Jahres“. Prominente aller Couleur äußerten sich über ihre Spengler-Lektüre. Zu ihnen gehörten der Soziologe Georg Simmel („wichtigste Geschichtsphilosophie seit Hegel“), der Schriftsteller Hermann Hesse („sehr entzückt“), der Philosoph Walter Benjamin („ein trivialer Saukerl“) und der Journalist und Dichter Kurt Tucholsky, der Spengler abwertend als „Karl May der Philosophie“ bezeichnete. Vor allem die Fachgelehrten stürzten sich auf die kunsthistorischen oder naturwissenschaftlichen Fehler, die Spengler auf den über 1000 Seiten seines Werks unterlaufen sind. Der „Spengler-Streit“ wurde in Sonderausgaben bekannter Fachzeitschriften ausgetragen, in denen die Fachkollegen das Mammutwerk Stück für Stück auseinandernahmen. Dennoch blieb das Buch ein Publikumserfolg und gehört heute zu den Klassikern der kulturkritischen Geschichtsphilosophie. Die Werke des britischen Historikers Arnold J. Toynbee wie auch des amerikanischen Politologen Samuel Huntington (Kampf der Kulturen) wurden von Spengler beeinflusst.

Über den Autor

Oswald Spengler wird am 29. Mai 1880 in Blankenburg im Harz geboren. Als Kind fällt er durch Panikattacken und Nervosität auf. Seine spätere Leidenschaft für Geschichte zeigt sich schon früh: Bereits mit 15 Jahren macht er sich Notizen zu zwei fiktiven Reichen: „Afrikasien“ und „Großdeutschland“. Nach dem Besuch eines pietistischen Gymnasiums in Halle schreibt er sich 1899 an der dortigen Universität ein und studiert Naturwissenschaften und Mathematik. Einzelne Semester verbringt er auch an den Universitäten von Berlin und München. Vor allem in den Künstlervierteln von München fühlt Spengler sich wohl, das Universitätsleben hingegen langweilt ihn: Er lernt nur den nötigsten Stoff, sodass er gerade so durch die Prüfungen kommt. Nach dem Staatsexamen und der Dissertation über den griechischen Philosophen Heraklit, die erst im zweiten Anlauf von der Prüfungskommission akzeptiert wird, arbeitet er als Gymnasiallehrer. 1910 stirbt Spenglers Mutter. Das Ereignis stellt eine Zäsur in seinem Leben dar: Er gibt die Lehrtätigkeit auf und zieht aus dem ihm verhassten nasskalten Klima Hamburgs nach München. Materiell und psychisch instabil macht er sich hier an die Verfertigung seiner großen Schrift Der Untergang des Abendlandes. 1919 bricht der von seinem Buch ausgelöste „Spengler-Streit“ aus und Spengler lehnt den Ruf der Universität von Göttingen ab: Er wolle sich ganz auf sein Werk konzentrieren. In den folgenden Jahren veröffentlicht er mehrere historische und politische Schriften, darunter Preußentum und Sozialismus (1919), Neubau des Deutschen Reiches (1924) und Der Mensch und die Technik (1931). 1923 wird er Zeuge des Münchner Hitlerputsches und wird 1925 von SA-Mitglied Gregor Strasser zur Mitarbeit an den Nationalsozialistischen Monatsheften aufgefordert. Spengler lehnt ab. Die „Lösung des Antisemitismus“ der Nationalsozialisten bezeichnet er als primitiv, dennoch wählt er 1932 die NSDAP („Hitler ist ein Dummkopf, aber die Bewegung muss man unterstützen“). 1933 kommt er mehreren Angeboten der Nationalsozialisten (u. a. einem Ruf an die Universität Leipzig) nicht nach. Spätestens 1934 verwandelt sich seine latente Verachtung von Hitlers Partei in Hass. 1935 tritt er vom Vorsitz des Nietzsche-Archivs zurück, weil ihm die einseitige Auslegung des von ihm so verehrten Philosophen durch die Nazis missfällt. Zuvor hat ihn das Reich aber schon zur Persona non grata erklärt. Am 8. Mai 1936 stirbt Spengler in München an Herzversagen.


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