Zusammenfassung von Der Weg zur Knechtschaft

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Der Weg zur Knechtschaft Buchzusammenfassung

Literatur­klassiker

  • Ökonomie
  • Moderne

Worum es geht

Freie Marktwirtschaft als Voraussetzung für Demokratie

Als 1944 Hayeks Der Weg zur Knechtschaft erschien, war in Großbritannien, wie auch in anderen westlichen Ländern, die Theorie einer staatlich gelenkten Volkswirtschaft sehr populär. Angesichts der Kriegsschäden und der bedrückenden wirtschaftlichen Situation wurden dem Staat zunehmend ökonomische Kompetenzen zugesprochen. Für Hayek, einen Vertreter der Österreichischen Schule der Nationalökonomie, war das inakzeptabel: Staatliche Eingriffe in die Wirtschaft, selbst wenn sie in bester Absicht geschahen, fürchtete er als den ersten Schritt zur sozialistischen Planwirtschaft und letztlich zur Diktatur. Mit seinem Appell in Buchform hoffte der Professor der London School of Economics die Intellektuellen in Großbritannien umzustimmen und auf den Weg der angelsächsischen, liberalen Tradition zurückzuführen. Klar und anschaulich legt Hayek dar, warum Marktwirtschaft und Demokratie, wirtschaftliche, politische und persönliche Freiheit seiner Meinung nach unlösbar verbunden sind. Ob man diese Ansicht teilt oder nicht: Hayeks Argumentation muss man kennen, um kompetent über Liberalismus diskutieren zu können.

Take-aways

  • Friedrich August von Hayeks Der Weg zur Knechtschaft ist ein Klassiker des Neoliberalismus.
  • Am Ende des Zweiten Weltkriegs sah der Österreicher Hayek seine englische Wahlheimat durch schleichenden Sozialismus und Keynesianismus bedroht.
  • Mit seinem Plädoyer für Freiheit und Marktwirtschaft hoffte er, die öffentliche Meinung zu ändern.
  • Staatliche Eingriffe in die Wirtschaft, selbst wenn sie in bester Absicht geschehen, führen laut Hayek zu Planwirtschaft und Diktatur.
  • Kommunismus und Faschismus sind für ihn verschiedene Spielarten des Kollektivismus und zwangsläufig totalitär.
  • Der Nationalsozialismus in Deutschland war keine Gegenreaktion auf den Sozialismus, sondern dessen logische Folge.
  • Planwirtschaft und Marktwirtschaft, sozialistische und demokratische Ordnung schließen einander grundsätzlich aus.
  • Die Rolle des Staates ist es, Rechtsnormen und Rahmenbedingungen zu schaffen, innerhalb derer sich freier Wettbewerb entfalten kann.
  • Das Buch machte Hayek schlagartig berühmt und beeinflusste Ludwig Erhard, den „Vater der sozialen Marktwirtschaft“.
  • 1974 erhielt Hayek den Nobelpreis für Wirtschaftswissenschaften.
  • In den 1980er Jahren beriefen sich Margaret Thatcher und Ronald Reagan in ihrem Streben nach Privatisierung auf Hayeks Theorie.
  • Bis heute ist Hayek umstritten: Er wird von gemäßigten Liberalen gefeiert, von Linksintellektuellen und Marktradikalen kritisiert.
 

Zusammenfassung

Der Sozialismus bedroht England

Wir können nicht in die Zukunft blicken, aber wir können aus der Vergangenheit lernen, um Fehler zu vermeiden. Die Situation in Großbritannien Mitte der 1940er Jahre weist Ähnlichkeiten zu der Entwicklung Deutschlands während des Ersten Weltkriegs auf, eine Entwicklung, die den Boden für die nationalsozialistische Herrschaft bereitete. Seit dem Ende des 19. Jahrhunderts hat sich auch England allmählich vom Prinzip der freien Wirtschaft verabschiedet, dem Kernstück der abendländischen Tradition des Individualismus. Der Sozialismus, inzwischen eine Grundüberzeugung der meisten Menschen, ist eine große Gefahr für die bestehende Gesellschaftsordnung. Zwar haben die Sozialisten durchaus hehre Ideale: Freiheit, Gerechtigkeit und Wohlstand. Aber sie erreichen das Gegenteil: Knechtschaft und Elend.

Wie der Liberalismus an seinem Erfolg scheiterte

Die gesamte europäische Geschichte der Neuzeit lief auf eine Befreiung des Individuums hinaus. Der politischen Befreiung folgten nach und nach die freie Entfaltung der Wissenschaft und des Gewerbes sowie ein allgemeiner Wirtschaftsaufschwung, der die Menschen in ihrem Glauben an die eigenen Möglichkeiten bestärkte. Das Prinzip des Liberalismus, dem zufolge wir uns so weit wie möglich auf die spontanen Kräfte der einzelnen Gesellschaftsmitglieder verlassen sollten, erwies sich als erfolgreich. Allerdings stieg der Wohlstand für viele zu langsam. Die Menschen begannen, den Fortschritt als selbstverständlich hinzunehmen und waren nicht mehr bereit, sich mit noch bestehenden Missständen abzufinden. Allmählich setzte sich die Auffassung durch, die freie Marktwirtschaft könne den gewachsenen materiellen Ansprüchen nicht genügen. Statt auf die unpersönlichen, anonymen Marktmechanismen zu vertrauen, setzte man zunehmend auf eine bewusste, kollektive Lenkung der gesellschaftlichen Kräfte. Von Deutschland, dem Zentrum dieser geistigen Entwicklung, breitete sich an der Wende zum 20. Jahrhundert die Theorie des Sozialismus aus und verdrängte die in England geborenen Ideale des Liberalismus.

Liberalismus und Sozialismus sind unvereinbar

Für die liberalen Theoretiker der Neuzeit bedeutete Freiheit die Befreiung des Individuums von der Despotie und Willkür anderer. Die Sozialisten im 19. Jahrhundert verstanden dagegen unter Freiheit die Befreiung der Menschen aus dem Zwang der Umstände, also eine Freiheit von physischer Not, und letztlich die gleichmäßige Verteilung von Besitz. Immer mehr Liberale wandten sich dem Sozialismus zu, weil sie sich von ihm größere Freiheit versprachen, ohne zu sehen, dass beide Prinzipien sich grundsätzlich ausschließen. Erst in jüngerer Zeit begann man zu erkennen, dass der demokratische Sozialismus eine Illusion ist. Der Begriff des Sozialismus bezeichnet nicht nur die Ideale der sozialen Gerechtigkeit, Gleichheit und Sicherheit, sondern auch die Methode, mit der die meisten Sozialisten diese Ziele erreichen wollen. Dazu zählt neben der Abschaffung des Privateigentums an Produktionsmitteln auch die Schaffung eines Planwirtschaftssystems. Die volkswirtschaftlichen Produktivkräfte sollen bewusst und zentral gelenkt, die Konkurrenz der Individuen ausgeschaltet werden.

„Schritt für Schritt haben wir jene Freiheit der Wirtschaft aufgegeben, ohne die es persönliche und politische Freiheit in der Vergangenheit nie gegeben hat.“ (S. 31)

Der Liberalismus dagegen möchte von den Kräften des Wettbewerbs bestmöglichen Gebrauch machen. Der Staat ist in diesem Konzept nicht untätig, aber er beschränkt seine Aktivität darauf, den rechtlichen Rahmen für freie Konkurrenz zu schaffen. Dies, indem er Produktionsmethoden regelt (z. B. durch das Verbot, bestimmte giftige Substanzen zu benutzen), Arbeitsschutzbedingungen und Arbeitszeiten bestimmt oder Sozialfürsorge organisiert. Seine Aufgabe ist es, den Wettbewerb aufrechtzuerhalten und ihn mit einem Maximum an Nutzen arbeiten zu lassen. Einen Mittelweg zwischen freiem Wettbewerb und Zentralsteuerung, zwischen Liberalismus und Kollektivismus gibt es nicht. Verfechter der Planwirtschaft argumentieren, die Überlegenheit von Großbetrieben gegenüber Kleinbetrieben und die höhere Ergiebigkeit der Massenproduktion würden zwangsläufig jeden Wettbewerb vernichten und zu Monopolbildung führen. Tatsächlich aber sind Monopole keineswegs das unvermeidliche Ergebnis des technischen Fortschritts oder des Kapitalismus. Vielmehr entstehen sie durch Absprachen der Industrie hinter dem Rücken der Konsumenten, und nicht selten werden sie sogar durch staatliche Maßnahmen begünstigt.

Planwirtschaft vs. Rechtsstaat

Kollektivistische Gesellschaftssysteme, seien sie nun kommunistisch oder faschistisch, richten die Wirtschaft nach einem einzigen Zweck aus, der als „Gemeinwohl“ bezeichnet wird. Sie berufen sich dabei auf einen vollständigen, allgemein verbindlichen Moralkodex – der in einer Gesellschaft aus freien Individuen mit unterschiedlichen Bedürfnissen aber gar nicht existiert. Eine an einem einzigen Ziel orientierte Volkswirtschaft lässt sich durch parlamentarische Mehrheitsentscheidungen nicht steuern und erfordert notwendigerweise Zwangsmaßnahmen. Wirtschaftliche Planung wird zunehmend an Spezialausschüsse oder Einzelpersonen delegiert, was zur Aushöhlung des demokratischen Systems und letztlich in die Diktatur führt. Zu einem Rechtsstaat gehört, dass die Regierung in allen ihren Handlungen an Normen gebunden ist, die im Voraus festgelegt und bekannt gegeben sind. Für die Wirtschaft bedeutet das: Innerhalb bestimmter Richtlinien und Rechtsnormen können die Menschen ihre individuellen Ziele verfolgen. In der Planwirtschaft dagegen müssen je nach Interessenlage und Umständen kurzfristige Entscheidungen getroffen werden, wobei am Ende die Privatmeinung eines Einzelnen entscheidet, welche Interessen wichtig sind. Der Staat wird parteiisch und zwingt dem Volk seine Werteskala auf, statt die Menschen in der Verfolgung ihrer eigenen Ziele zu unterstützen. Die Konsequenzen sind Rechtsunsicherheit und Willkürherrschaft.

„Was tatsächlich die Sozialisten auf der Linken und auf der Rechten zusammenführt, ist die gemeinsame Feindschaft gegen die Konkurrenz und ihr gemeinsamer Wunsch, sie durch eine gelenkte Wirtschaft zu ersetzen.“ (S. 63)

Viele Intellektuelle, die jede Art politischer Diktatur ablehnen, befürworten gleichwohl die Planwirtschaft. Sie schätzen ökonomische Fragen gering und erkennen nicht, dass das Kommando über den Wirtschaftssektor zu einer Lenkung unseres Privatlebens führt. Als allmächtiger Monopolist entscheidet der Staat darüber, welche Güter und Leistungen wir zu welchen Preisen und Bedingungen erhalten, welchen Beruf wir wählen, welchen Lohn wir erhalten. Wie in einer großen Organisation wird alles standardisiert, kalkuliert, reguliert. Der Einzelne muss sich mitsamt seinen Neigungen dem Gemeinwohl unterordnen. Mag Planwirtschaft auch zu einer gerechteren Güterverteilung führen, so nur zum Preis der persönlichen Freiheit. In der freien Marktwirtschaft hat der Arme zwar schlechtere Startchancen als der Reiche, aber ob auch er reich wird, hängt nicht von der Gunst der Herrschenden ab. Er kann seine Arbeitsstelle wechseln, seine Freizeit nach eigenen Wünschen gestalten und seine eigenen Anschauungen vertreten, ohne dafür vom Staat belangt zu werden.

„Wirtschaftliches Kommando ist nicht nur das Kommando über einen Sektor des menschlichen Lebens, der von den übrigen getrennt werden kann; es ist die Herrschaft über die Mittel für alle unsere Ziele.“ (S. 123)

Entweder Freiheit oder Sicherheit Wirtschaftliche Freiheit, die eine Vorbedingung politischer Freiheit ist, bedeutet nicht die Befreiung von wirtschaftlichen Sorgen, sondern die Freiheit der Wirtschaftsbetätigung, mit allen Risiken und in Eigenverantwortung. In der Marktwirtschaft, wie wir sie kennen, kann jedem Einzelnen ein Minimum an Nahrung, Obdach und Kleidung garantiert werden. Auch kann der Staat die Individuen mit einer Sozialversicherung in der Vorsorge für die Wechselfälle des Lebens unterstützen, ohne dass gleich die Freiheit des Einzelnen bedroht würde. Ein garantiertes unveränderliches Einkommen für alle aber führt dazu, dass die Menschen den Maßstab für den gesellschaftlichen Nutzen ihrer Arbeit verlieren. Sie sind nicht mehr bereit, ihr Bestes zu geben und Verantwortung zu übernehmen, weil sie sich dadurch keinen materiellen Vorteil mehr erarbeiten. Aus alldem folgt: Entweder gewährt ein System dem Individuum Freiheit – einschließlich des persönlichen Risikos – oder wirtschaftliche Sicherheit. Einen Mittelweg gibt es nicht. Obwohl die meisten Menschen nicht bereit wären, ihre Freiheit zu opfern, verleiht die englische Regierung durch feste Preise bzw. Löhne immer mehr Gruppen das Privileg eines sicheren Einkommens und untergräbt damit das Prinzip der Marktwirtschaft. Das allgemeine Streben nach Sicherheit führt allmählich zu einem Wandel der Gesellschaft. Freier Unternehmergeist und Gewinnmaximierung werden verunglimpft und von einer Beamten- und Behördenmentalität verdrängt.

Kollektivistisches Denken führt zum Totalitarismus

Man hört oft die Meinung, eine Diktatur könne zum Guten wie zum Schlechten führen, je nachdem, wer die Macht innehabe. Die Geschichte belehrt uns eines Besseren: Die sozialistischen Parteien bereiteten in Italien und Deutschland den Boden für die faschistische Diktatur, indem sie die Massen an politische Organisationen halbmilitärischen Charakters gewöhnten. Die Faschisten brauchten das Prinzip nur noch auszubauen und ihre Macht auf kleine, fest organisierte Gruppen mit einer simplen Weltanschauung zu stützen. Diese lassen sich leicht lenken und einigen sich eher auf Feindbilder als auf positive Aufgaben. Jede Art von Kollektivismus neigt zur Ausgrenzung der „anderen“ – sei es eine Nation, Rasse oder Klasse. Die Menschenwürde des Einzelnen ergibt sich in diesem Fall allein aus seiner Mitgliedschaft im Kollektiv und nicht aus seiner Eigenschaft als Mensch. Das Individuum wird zum Werkzeug im Dienst der Gemeinschaft und kennt keine eigenen moralischen Normen und humanitären Ideale mehr. Pflicht, Gehorsam und Opferbereitschaft gelten als Tugenden, während Zivilcourage, Toleranz und Freundlichkeit verschwinden. In kollektivistischen Systemen gerät die Macht zum Selbstzweck. Der Kapitalismus dagegen sorgt für eine Verteilung der Macht auf viele und bietet so wirksamen Schutz vor dem Totalitarismus.

„Unsere Generation hat eben vergessen, dass das System des Privateigentums die wichtigste Garantie für die Freiheit ist, und zwar nicht nur für diejenigen, die Eigentum besitzen, sondern auch fast ebenso sehr für die, die keines haben.“ (S. 138)

Totalitäre Regime beeinflussen durch Propaganda das Denken der Menschen und bewirken so eine Gleichschaltung aller Köpfe, der sich selbst die Intelligentesten nicht ganz entziehen können. Um diese Politik zu rechtfertigen, werden pseudowissenschaftliche Theorien aufgestellt und Dinge behauptet, die sich zu einem Mythos verdichten. Worte wie „Freiheit“, „Recht“, „Gleichheit“ oder „Gesetz“ werden zu Propagandazwecken in ihr Gegenteil verkehrt, sodass sie schließlich völlig inhaltsleer sind. Der totalitäre Staat unterdrückt jede öffentliche Kritik, verfälscht Nachrichten und überwacht die Wissenschaften und Künste. Die Wahrheit wird zu etwas autoritativ Vorgeschriebenem, das man glauben muss.

Macht England die deutschen Fehler?

Der Nationalsozialismus war nicht, wie häufig behauptet wird, die Gegenreaktion eines starken kapitalistischen Bürgertums auf das Fortschreiten des Sozialismus; vielmehr ist er eng mit diesem verwandt. Rechte und Linke waren sich einig in ihrem kollektivistischen Streben, ihren wirtschaftlichen Ansichten und ihrer gemeinsamen Opposition gegen den Liberalismus.

„Es ist unwahrscheinlich, dass in einer Gesellschaft, die die Freiheit gewöhnt ist, viele Menschen bereit sein würden, die Sicherheit bewusst um diesen Preis zu erkaufen.“ (S. 166)

Aus Sicht der Engländer erscheint der Nationalsozialismus als irrationale, typisch deutsche Bewegung, die im eigenen Land unmöglich wäre. Doch die Verhältnisse im England der 40er ähneln erschreckend der Entwicklung in Deutschland wenige Jahrzehnte zuvor. In der Verherrlichung des Staates und der Begeisterung für Organisation und Planung gleicht sich die öffentliche Meinung in England der deutschen an und droht darüber typisch englische, liberale Anschauungen zu verlieren. Die Bewegung zum Totalitarismus, die von Intellektuellen mitgetragen wird, erhält ihren stärksten Impuls von den beiden großen Interessengruppen: dem organisierten Kapital und der organisierten Arbeiterschaft. Die Hauptgefahr geht von der industriellen Monopolbildung aus, die allmählich unter das Kommando des Staates gerät und mit Hinweis auf den angeblichen Nutzen für die Allgemeinheit und auf höhere Löhne auch von der Linken unterstützt wird. Die demokratischen Arbeiterführer, die gegen den freien Wettbewerb und damit unwissentlich für die Zerstörung der Demokratie eintreten, erkennen nicht, dass es nur zwei Möglichkeiten gibt: entweder eine Ordnung unter der unpersönlichen Disziplin des Marktes oder eine, die vom Willen weniger Menschen beherrscht ist.

Sittlichkeit beschränkt sich auf den nahen Lebensbereich

Es gibt eine weit verbreitete Weigerung, sich ökonomischen Notwendigkeiten unterzuordnen, die man nicht versteht; sie entspringt einem fehlgeleiteten Rationalismus. Das Bestreben, die Kräfte der Gesellschaft beherrschen zu wollen wie die Naturkräfte, führt aber unvermeidbar zur Zerstörung derselben und ihres moralischen Fundaments. Außerhalb der eigenen Verantwortung und des persönliches Gewissens gibt es weder Gut noch Böse. Je näher uns Menschen stehen, desto eher sind wir zu Opfern bereit. Je größer aber der Wirtschaftsbereich ist, je weiter er von der Familie und Nachbarschaft auf das ganze Land und zuletzt auf andere Völker ausgedehnt wird, desto unvermeidlicher sind Zwang und Gewalt. Die Demokratie funktioniert daher am besten in kleinen Staaten mit einem hohen Maß an politischer Selbstverwaltung.

Zum Text

Aufbau und Stil

Schon der auf ein biblisches Motiv anspielende Titel Der Weg zur Knechtschaft (eine Umkehrung des Weges aus der Knechtschaft, also des Auszugs der Israeliten aus Ägypten) deutet darauf hin, dass es sich bei Hayeks Werk weniger um eine streng wissenschaftliche Studie als vielmehr um eine programmatische Schrift handelt. Die dem Buch vorangestellten Zitate von David Hume und Alexis de Tocqueville drücken die klare Absicht aus, den Liberalismus des 18. und 19. Jahrhunderts gegen die sozialistischen Tendenzen des Zeitgeists zu verteidigen. In 15 Kapiteln, die sich jeweils in längere Abschnitte untergliedern, entwickelt Hayek seine Fundamentalkritik an Sozialismus und Planwirtschaft im Geist des Liberalismus und der angelsächsischen Aufklärung. Seine Sprache ist klar und einfach, die Argumentation auch für den wirtschaftlichen Laien leicht nachvollziehbar. Die Beispiele, mit denen er seine Theorie untermauert, sind dem Alltag entnommen und zeigen, dass es nicht nur um abstrakte Prozesse und ökonomische Modelle geht, sondern um das Leben Einzelner, um persönliche, grundlegende Interessen und Bedürfnisse.

Interpretationsansätze

  • Der Weg zur Knechtschaft verbindet scharfe Kritik an aktuellen wirtschaftlichen und sozialpolitischen Entwicklungen im Großbritannien der 1940er Jahre mit grundsätzlichen Betrachtungen über das Verhältnis von Individuum und Staat. Für Hayek steht wie für alle Liberalen der Einzelne im Vordergrund; kollektive Gebilde wie der Staat werden als notwendiges Übel angesehen, die die Freiheit des Individuums einschränken.
  • Hayeks Sozialismuskritik wendet sich vor allem an die Intellektuellen seiner Generation, die in bester demokratischer Absicht sozialistische Tendenzen verfolgten und dabei nach Meinung des Autors die Bedrohung der Freiheit nicht erkannten. Deshalb die dem Buch vorangestellte, provokante Widmung „Den Sozialisten in allen Parteien“.
  • Die Zwänge und Ungerechtigkeiten, denen der Einzelne in der Marktwirtschaft unterworfen ist, werden von Hayek keineswegs bestritten. Aber seiner Ansicht nach lässt sich Ungerechtigkeit leichter ertragen, wenn sie das Ergebnis anonymer, marktgesteuerter Kräfte ist, als wenn andere Menschen, etwa Vorgesetzte oder Vertreter staatlicher Behörden, sie auslösen. Polemisch formuliert: Den Weg in die sozialistische Knechtschaft lehnt Hayek ab, den in die Knechtschaft des Marktes beschreitet er freudig.
  • Zum menschlichen Wesen gehört neben Egoismus auch die Fähigkeit zur Empathie. Freier Wettbewerb ist für Hayek durchaus mit humanitären Verpflichtungen und sogar mit einem System der Sozialfürsorge vereinbar, womit den Armen und Schwachen in der Gesellschaft ein Mindestlebensstandard gesichert werden soll.
  • Obgleich er für freien Wettbewerb wirtschaftlicher Kräfte plädiert, ist Hayek ausdrücklich kein Befürworter einer Laisser-faire-Politik, sondern vertritt einen Ordoliberalismus: Er ist für einen gesetzlich festgelegten Rahmen, innerhalb dessen der Einzelne sich nach seinem eigenen Willen und Können frei bewegen kann.
  • Kritiker werfen Hayek eine gewisse antidemokratische Tendenz vor: Er misstraue den Menschenmassen und unterstelle ihnen, sich leicht von (sozialistischen) Ideen verführen und bevormunden zu lassen. Darum sei Hayeks Beharren auf dem Liberalismus als einzig richtigem Weg ironischerweise selbst bevormundend und unliberal.

Historischer Hintergrund

Europa am Ende des Zweiten Weltkriegs

In den 1930er und 1940er Jahren stand Europa im Bann zweier Diktaturen unterschiedlicher Prägung: dem Nationalsozialismus in Deutschland und dem Kommunismus in Russland. Auch in Italien und Spanien waren faschistische Regime an der Macht. Trotz der Spannungen zwischen Großbritannien, den USA und der Sowjetunion vereinigten sich die drei Staaten 1941mit dem Ziel, Nazideutschland gemeinsam zu bezwingen.

Als Friedrich August von Hayeks Der Weg zur Knechtschaft 1944 in London erschien, zeichnete sich bereits ein Sieg der Alliierten über das nationalsozialistische Deutschland ab. Die Wirtschaft der durch den Krieg geschwächten Länder war am Boden und ließ in Großbritannien und den USA, aber auch in anderen westlichen Ländern den Ruf nach massiver staatlicher Intervention laut werden. In Amerika hatte Franklin D. Roosevelt schon in den frühen 1930er Jahren ein umfangreiches Reformwerk („New Deal“) zur Überwindung der Folgen der Weltwirtschaftskrise von 1929 eingeleitet. Es sah Produktions- und Ausfuhrbeschränkungen, Preisabsprachen und die Festsetzung von Mindestlöhnen vor. In Großbritannien begann die neu gewählte Labour-Regierung unter Premierminister Clement Attlee unmittelbar nach Kriegsende mit der Umgestaltung des Wirtschafts- und Sozialsystems. Zu den Maßnahmen zählte neben der Verstaatlichung wichtiger Wirtschaftsbereiche auch die Schaffung einer Gesundheits- und Arbeitslosenversicherung.

Entstehung

Ab den frühen 30er Jahren lehrte Friedrich A. von Hayek, der 1938 nach der deutschen Annexion Österreichs die britische Staatsbürgerschaft annahm, als Professor Nationalökonomie an der London School of Economics. Schon zu dieser Zeit hatte er sich durch seine Geld- und Konjunkturtheorie über die Universität hinaus einen Ruf verschafft und galt als schärfster Rivale des Cambridger Ökonomen John Maynard Keynes. Dessen Forderung nach staatlicher Intervention in das Wirtschaftsgeschehen und nach einer zentral gelenkten Geld- und Beschäftigungspolitik setzte Hayek sein Konzept einer wettbewerbsorientierten, allein durch die Kräfte des Marktes gesteuerten Wirtschaft entgegen. Mit Der Weg zur Knechtschaft hoffte Hayek die westlichen Siegermächte aufzurütteln, denen er eine Abkehr von den eigenen politischen Idealen vorwarf, und sie zu ihrer liberalen, marktwirtschaftlichen Tradition zurückzuführen.

Obwohl er während der Entstehung des Werks in Großbritannien lebte und sich der angelsächsischen Tradition eng verbunden fühlte, war Hayeks Denken in hohem Maß von der Österreichischen Schule der Nationalökonomie geprägt. Diese von Carl Menger gegründete und von Hayeks Freund und Lehrer Ludwig von Mises fortgeführte Richtung der Wirtschaftswissenschaft lehnte jede Form von Sozialismus und Planwirtschaft strikt ab.

Wirkung

Der Weg zur Knechtschaft, Hayeks erfolgreichstes Buch, machte den Autor 1944 schlagartig berühmt und wurde schon bald in viele westeuropäische Sprachen übersetzt. Bereits 1945 erschien in der Schweiz die erste deutschsprachige Ausgabe mit einem Vorwort des Liberalen Wilhelm Röpke. Vor allem im Kreis der Freiburger Ordoliberalen, dem neben Röpke und Walter Eucken auch Ludwig Erhard angehörten, wurde das Buch enthusiastisch aufgenommen. In den 50er Jahren beeinflussten Hayeks Theorien maßgeblich den Wiederaufbau der Bundesrepublik Deutschland und die Wirtschaftspolitik Ludwig Erhards. Allerdings provozierte der liberale Vordenker Hayek, der in der Öffentlichkeit oft als Verkünder einer ungezügelten Herrschaft des Marktes wahrgenommen wurde, auch heftigen Widerspruch und den Vorwurf sozialer Kälte. Und: Kritik kam nicht nur aus linksintellektuellen Kreisen, sondern auch von noch radikaleren Liberalen, die Hayek wegen seiner Forderung nach einem staatlich gesicherten Mindestlebensstandard eine sozialdemokratische Tendenz unterstellten.

In den 80er Jahren beriefen sich Margaret Thatcher und Ronald Reagan in ihrer Privatisierungspolitik auf Hayeks Schriften. In Deutschland zählten neben Ludwig Erhard auch Franz Josef Strauß und Otto Graf Lambsdorff zu den Anhängern von Hayeks Wirtschaftstheorie. Neue Aktualität hat das Werk in jüngster Zeit durch die Entstehung globaler Märkte erlangt: Forderungen nach einer staatlichen oder gar überstaatlichen Regulierung der entfesselten Wirtschaft, wie sie von Globalisierungskritikern erhoben werden, würde Hayek wohl heute genau wie zu seiner Zeit zurückweisen.

Über den Autor

Friedrich August von Hayek wird am 8. Mai 1899 in Wien geboren. Sein Vater ist Arzt und Professor für Botanik an der Universität Wien. Hayek wächst in einem intellektuell stimulierenden Umfeld auf. Nach einem Kriegseinsatz als Artillerieoffizier beginnt er 1918 ein Studium der Rechtswissenschaft, das er 1921 mit der Promotion beendet. 1923 erlangt er zusätzlich in Staatswissenschaften den Doktortitel. Durch seine Arbeit im Österreichischen Abrechnungsamt lernt er seinen späteren Mentor und Freund Ludwig von Mises kennen. Dieser vermittelt ihm ein Stipendium für einen Studienaufenthalt in den USA. Nach seiner Rückkehr gründet Hayek mit Mises 1927 das Österreichische Konjunkturforschungsinstitut. Er wird dessen Direktor und erhält 1929 die Habilitation der Universität Wien. Trotz bescheidener Forschungsmittel findet Hayek mit der Arbeit des Instituts bald internationale Beachtung. 1931 wird er der erste ausländische Ökonomieprofessor an der London School of Economics. Seine Arbeiten bringen ihn bald in Opposition zu den Lehren von John Maynard Keynes, der umfassende Interventionen des Staates in die Wirtschaft befürwortet. 1947 gründet Hayek zusammen mit 35 anderen liberalen Denkern, darunter Milton Friedman, Ludwig von Mises und Karl Popper, die einflussreiche Mont Pelerin Society. Ab 1950 ist er für zwölf Jahre Professor an der University of Chicago, wo er u. a. mit Milton Friedman zusammenarbeitet. 1962 übernimmt er bis zu seiner Emeritierung die Nachfolge des Lehrstuhls von Walter Eucken an der Universität Freiburg, um in der Folge als Gastprofessor an der Universität Salzburg zu lehren. 1974 erhält Hayek den Nobelpreis für Wirtschaftswissenschaften. Mittlerweile ist er in Deutschland hoch geschätzt. Er kehrt nach Freiburg zurück und ist von dort aus auch politisch beratend tätig. 1985 erhält er die seltene britische Auszeichnung „Companion of Honour“, 1991 die höchste US-amerikanische zivile Auszeichnung, die „Presidential Medal of Freedom“. Hayek stirbt am 23. März 1992 in Freiburg und ist in Wien begraben.


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    N. G. vor 1 Jahr
    Hayek ist kein Vertreter des Neoliberalismus, sondern der Österreichischen Schule. Neoliberalismus ist eine komplett andere Denkrichtung.
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      Andreas Neisser vor 1 Jahr
      "Neoliberalismus" ist zwar ein umstrittener Begriff, doch dass Hayek als Vertreter oder Vordenker dieser Strömung bezeichnet werden kann, dafür gibt es viele gute Gründe, die zum Teil auch im Abstract genannt werden.

      Lesen Sie als Beleg bitte auch den Wikipedia-Artikel "Neoliberalismus":
      "Neoliberalismus ist die Bezeichnung einer breiten und heterogenen theoretischen Strömung, zu der die Freiburger Schule (Ordoliberalismus) und die Chicagoer Schule, aber auch Vertreter der Österreichischen Schule wie Friedrich August von Hayek gerechnet werden, obwohl die Abgrenzung der einzelnen Schulen und die Zuordnung einzelner Personen strittig ist."

      Sowie den Wikipedia-Artikel "Friedrich August von Hayek":
      "Hayek zählt zu den wichtigsten Denkern des Liberalismus im 20. Jahrhundert und gilt manchen Interpreten als wichtigster Vertreter des Neoliberalismus, auch wenn er sich selbst nie so bezeichnete."