Zusammenfassung von Deutsche Geschichte des 19. und 20. Jahrhunderts

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Deutsche Geschichte des 19. und 20. Jahrhunderts Buchzusammenfassung

Literatur­klassiker

  • Geschichte
  • Nachkriegszeit

Worum es geht

Eine literarische Geschichtsschreibung

Zwei Seelen wohnten in Golo Manns Brust: einerseits der wissenschaftliche Historiker, der im amerikanischen Exil zu akademischen Würden gekommen war; andererseits der Literat, der Sohn Thomas Manns, der sich nach schriftstellerischem Erfolg sehnte. Mit Deutsche Geschichte des 19. und 20. Jahrhunderts brachten beide Seelen im Einklang eine packend und bildreich erzählte und zudem stilistisch herausragende Kulturgeschichte Deutschlands hervor. 1958 erschienen, brach das Werk mit dem bleiernen Schweigen der Adenauer-Ära hinsichtlich der NS-Zeit. Die strenge Geschichtswissenschaft mochte Distanz und Wertfreiheit in der Darstellung fordern – aber wie konnte man über historische Ereignisse wie den Holocaust oder den totalen Vernichtungskrieg schreiben und dabei neutral bleiben? Golo Mann sah sich in der Tradition eines Erziehers der Öffentlichkeit, eines philosophischen Historikers: Er musste interpretieren, deuten, werten. Der Erfolg gab ihm recht. Auch so kann Geschichte sein: halb Charakterstudie, halb Politthriller; ein Lesevergnügen ebenso wie ein anregendes und informatives Wissenschaftsbuch.

Take-aways

  • Golo Manns Deutsche Geschichte des 19. und 20. Jahrhunderts ist eines der erfolgreichsten Geschichtsbücher der Nachkriegszeit.
  • Inhalt: Die Ideen der Französischen Revolution – Liberalismus, Demokratie und Nationalismus – prägen die deutsche Geschichte des 19. Jahrhunderts. Langsam lösen sie die Regierungsform des absolutistischen Monarchismus ab. In den beiden Weltkriegen des 20. Jahrhunderts treten die Schattenseiten des Nationalismus zutage.
  • Die Darstellung beginnt mit der Französischen Revolution 1789 und endet in den 1950er-Jahren.
  • Golo Mann schrieb das Werk zwischen 1956 und 1957 in einem Hotel am Bodensee.
  • Das Buch, 1958 von der Büchergilde Gutenberg verlegt, wurde ein Riesenerfolg.
  • Es brach mit dem Schweigen über die NS-Zeit während der Adenauer-Ära.
  • Für Golo Mann war Nationalgeschichtsschreibung nur im Kontext einer gesamteuropäischen Perspektive möglich.
  • Mann wurde dafür kritisiert, zu unwissenschaftlich, literarisch und wertend zu schreiben.
  • In den moralischen Wertungen des historischen Materials folgt Mann seinem großen Vorbild Tacitus.
  • Zitat: „Die Staaten dienten keiner Nation zur Selbstverwirklichung. Die Nation hatte keinen Staat.“
 

Zusammenfassung

Geistige und politische Revolutionen

In der Epoche, die unmittelbar an die Umwälzungen der Französischen Revolution anschloss, blieb Deutschland passiv. Es beteiligte sich zwar am Kampf gegen Napoleon, doch der wurde hauptsächlich von England, Russland und Österreich betrieben. Erst gegen Ende der Befreiungskriege entwickelte Preußen so etwas wie politische Handlungsmacht. Die Folgen und Wirkungen der Französischen Revolution sollten aber die deutsche Geschichte des 19. Jahrhunderts nachhaltig prägen. Die Revolution stellte dem alten Europa drei neue Ideen entgegen: Liberalismus, Demokratie und Nationalismus. Auch wenn die Teilnehmer des Wiener Kongresses zunächst eine restaurative Rückkehr zum alten Europa betrieben – diesen Ideen sollte die Zukunft gehören.

Während am Ende des 18. Jahrhunderts in Frankreich die politische Revolution tobte, vollzog sich in Deutschland eine Revolution des Geistes. Nachdem Deutschland ab 1600 einen kulturellen Abstieg durchgemacht und an der kulturellen Entwicklung Europas nicht mehr teilgenommen hatte, stieg es im Zeitalter der Aufklärung, unter Friedrich dem Großen, zur europäischen Kulturmacht auf.

„Als einen bloßen Zufall wird man es doch nicht verstehen, dass, während Frankreich sein politisches Drama zum Besten gab (…), eine nie gekannte Fülle geistigen Talents an allen Ecken Deutschlands aufbrach (…)“ (S. 83)

Genies wie Friedrich Schiller, Johann Wolfgang Goethe, Wilhelm von Humboldt, Immanuel Kant oder Johann Gottlieb Fichte veränderten den Lauf der Literatur und der Philosophie nachhaltig. Den Höhepunkt erlebte diese Entwicklung in Georg Wilhelm Friedrich Hegel, dem philosophischen Napoleon, der die gesamte Geschichte und das ganze Denken der Menschheit in einem einzigen, allumfassenden Ideensystem zu erklären versuchte.

Aufbruch in die Moderne

Bis zum Beginn des 19. Jahrhunderts war Europa technisch und zivilisatorisch nahezu noch auf dem Stand des Mittelalters. Ab 1816 setzte jedoch ein fundamentaler Veränderungsprozess ein, der sich in Industrialisierung und Urbanisierung, im Aufstieg des Bürgertums sowie in einem enormen Bevölkerungswachstum zeigte. In Deutschland beschleunigte der Ausbau der Eisenbahn während der 1840er- und 1850er-Jahre die Modernisierung ungemein. Das gesamteuropäische Friedensprojekt des Wiener Kongresses scheiterte an den nationalistischen Interessen der Großmächte England, Österreich und Russland. Preußen und Österreich begannen um die Vormachtstellung im Deutschen Bund zu ringen. Sowohl eine Zoll- und Zensurgrenze als auch Fürst Metternichs Abneigung gegen alle Veränderung trennten Österreich immer stärker vom restlichen Deutschen Bund, insbesondere vom modernen und weltoffeneren Preußen.

„Was Metternich und seine Bundesgenossen den Deutschen boten, war Ruhe und Ordnung (…). Es war so lange donnernde Geschichte gewesen, jetzt sollte eine Zeit keine sein und der Einzelne nichts anderes mit den Gesetzen zu tun haben, als ihnen zu gehorchen.“ (S. 124)

1834 sicherte Preußen seine Vormachtstellung, indem es einen Zollverband mit den süddeutschen Staaten – unter Ausschluss Österreichs – einging. Demokratie und Wirtschaftsliberalismus wurden vom regierenden Absolutismus unterdrückt. Die Philosophie politisierte sich nach Hegels Tod unter den Junghegelianern, am wirkmächtigsten durch Karl Marx und Friedrich Engels.

1848 ereignete sich in Preußen, Süddeutschland und Österreich eine bürgerliche Revolution mit dem Ziel, die Vormacht der Aristokratie zu brechen und verfassungsgetragene Parlamente, allgemeine Wahlen und Justizreformen einzuführen. Diese Revolution fand zunächst friedlich statt, der bürgerliche Liberalismus wollte seine Forderungen durch die absolutistische Monarchie bewilligen lassen. So trat am 18. Mai 1848 die Nationalversammlung des Deutschen Bundes in Frankfurt zusammen und wählte den Fürsten Johann von Österreich zum Reichsverweser. Doch im Lauf des nächsten Jahres wurde klar, dass Aristokratie und Heer faktisch nach wie vor die Macht innehatten – und auch bestrebt waren, sie zu behalten. Als in Süddeutschland, Dänemark und Osteuropa der Nationalismus immer stärker wurde, griffen die Armeen Preußens und Österreichs ein: Sie besetzten Schleswig-Holstein und lösten den föderalistischen Slawenkongress in Prag auf. Bei dieser Gelegenheit setzten sie auch den demokratischen Bewegungen in Berlin und Wien ein blutiges Ende.

„In einer endlosen Kette von Hochverratsprozessen endete die deutsche Revolution, die anders hatte sein wollen als andere Revolutionen; freundlich, tolerant, gesetzlich. Es ist ihr übel bekommen.“ (S. 231)

Die bürgerliche Revolution scheiterte, doch die Politisierung der Bevölkerung blieb ebenso wie die Parlamente bestehen.

Die deutsche Einigung

Die 1850er-Jahre wurden dominiert von der Globalisierung – mit Ausnahme von Deutschland begannen die Großmächte Europas mit einer massiven Kolonialisierung –, vom Konflikt zwischen Napoleon III. und Russland sowie von einem als kulturelle Krise empfundenen Verfall traditioneller Werte- und Glaubenssysteme. Österreich erlebte unter Ministerpräsident Felix Prinz zu Schwarzenberg und Kaiser Franz Joseph I. eine katholische Diktatur, die Zensur führte ein strenges Regiment. Preußen gab sich eine Verfassung, die aber wenig an den realen Machtverhältnissen änderte. Das darin vorgesehene Drei-Klassen-Wahlrecht erkannte dem Adel bedeutend mehr Gewicht zu als den Stimmen der Arbeiter oder Bürger.

„Die Staaten dienten keiner Nation zur Selbstverwirklichung. Die Nation hatte keinen Staat.“ (S. 269)

Die Diskussionen der Zeit drehten sich darum, dass den Staaten Preußen oder Österreich keine Nation entsprach, während die deutsche Nation in keinem Staat vereint war. Neidisch verfolgte man die Vereinigung Italiens zum Nationalstaat. Diesem Vorbild wollte Deutschland nacheifern, war sich aber noch uneinig, ob eine großdeutsche Lösung mit Österreich oder doch eine kleindeutsche Lösung  ohne Österreich verfolgt werden sollte. Als 1862 Otto von Bismarck Staatsminister unter dem preußischen König Wilhelm I. wurde, waren die Weichen in Richtung einer deutschen Einigung gestellt.

Dabei war sie eigentlich keine politische Einigung – dazu war der Parlamentarismus im Deutschen Bund viel zu machtlos –, sondern eine Einverleibung der süddeutschen Kleinstaaten durch Preußen. Preußen ging es dabei weniger um das Pathos der „Nation“ – davon hielt Bismarck herzlich wenig –, als um die Ausbootung Österreichs aus dem Deutschen Bund. Dies gelang zunächst im kurzen Sommerkrieg von 1866, der das Ende des Deutschen Bundes bedeutete. Bismarck gründete den Norddeutschen Bund und rückte vom Ministerpräsidenten zum Bundeskanzler auf. Die süddeutschen Staaten waren nun – mit Frankreich und Österreich – von Feinden umgeben und suchten den Anschluss an Preußen. Bismarck band sie zunächst durch ein gemeinsames Zollparlament an Preußen. Dann tat der aus nichtigem Anlass erklärte, sauber vorbereitete und erfolgreich geführte Krieg gegen Frankreich 1870 ein Übriges: In der Euphorie des Sieges bekannten sich die süddeutschen Waffengenossen gern zu Preußen. Am 1. Januar 1871 trat das Deutsche Reich in Kraft. Allgemeine, freie Wahlen wurden abgehalten und Bismarck stieg zum Fürsten auf. Er befand sich damit im Zenit seiner Macht.

Die große Veränderung

Gegen Ende des 19. Jahrhunderts wurde die Industrialisierung zur dominierenden gesellschaftlichen Triebkraft. Kunst und Kultur hingegen stagnierten. Deutschland stieg von einem hinterwäldlerischen Agrarland zur weltweit zweitgrößten Produktionskraft auf. Die soziale Frage wurde immer drängender, Arbeiterschaft und Sozialdemokratie lösten den Adel als politische Macht ab. In den 1880er-Jahren wurde ein Sozialversicherungssystem eingeführt. Die Lage der Arbeiter blieb dennoch unreguliert und prekär. Bismarck hielt wenig vom Parlament, arbeitete aber mit den Parteien zusammen, wo er sie für seine Zwecke brauchen konnte.

„Er fühlte (…), dass der Stier bei den Hörnern zu packen sei, dass man im Machtkampf nicht gewinnen könne gegen die großen Tendenzen der Zeit, Nationalismus und Demokratie. Man konnte sie ausnutzen, beherrschen, betrügen, man konnte sie nicht mehr unterdrücken.“ (über Bismarck, S. 352 f.)

Zur Sozialdemokratie allerdings stand Bismarck im scharfen Gegensatz. Der Konflikt mündete in den Sozialistengesetzen von 1878, kraft derer die Sozialistische Arbeiterpartei, die später zur SPD werden sollte, verboten wurde. Hierin erwies sich der deutsche Parlamentarismus als bloßer Schein.

Europa erlebte einen langen Frieden, Kriege wurden in den Kolonialgebieten in Übersee ausgefochten. Die europäische Diplomatie erarbeitete ein komplexes und fein ausbalanciertes Netzwerk aus Verträgen, Koalitionen und Zusicherungen. Von den deutschen Verträgen blieb jedoch letztlich nur der Verteidigungspakt mit Österreich. Um 1900 hatte Deutschland tatsächlich keinen anderen Verbündeten mehr. In zahlreichen kleinen internationalen Krisen setzte es konsequent auf eine „Politik des Risikos“: Statt auf Verhandlungen und Kompromisse verließ Deutschland sich zunehmend auf seine militärische Macht und darauf, dass Russland, England und Frankreich vor einer Eskalation zurückschrecken würden.

„Einmal in das politische Spiel geraten, hatte Deutschland, die neueste, bald die stärkste europäische Macht, seine Nachbarn in Angst gejagt. Es hatte nichts getan, um die Bildung des Ringes um es herum zu verhindern, bevor er sich geschlossen hatte (…)“ (S. 564)

Die Wahrscheinlichkeit eines Krieges nahm zu. Insbesondere im Vielvölkerstaat Österreich drängten die verschiedenen Volksgruppen auf Autonomie. Auf dem Balkan strebten Serben, Kroaten und Slowenen nach Einigkeit in Form eines selbstständigen Jugoslawien. Davon fühlte sich Österreich stark bedroht.

Erster Weltkrieg und Weimarer Republik

Als der österreichische Thronfolger Franz Ferdinand im Juni 1914 in Sarajevo von serbischen Nationalisten ermordet wurde, drängte ein kleiner, aber einflussreicher Kreis übermütiger preußischer und österreichischer Diplomaten den Kaiser zu einem Rachekrieg gegen Serbien. Ein letztes Mal setzte man die Politik des Risikos in Szene, doch diesmal war außer England niemand mehr ernsthaft am Frieden interessiert.

„Der Mechanismus der Julikrise (…) ist einfach. (…) Das System der Allianzen. Das Schwächerwerden der deutschen Allianz, die Gefährdung Österreich-Ungarns von außen und innen. Die allgemeine Bereitschaft zum Krieg (…)“ (S. 585)

Im August 1914 trat Österreichs Kriegserklärung an Serbien eine Lawine weiterer Kriegserklärungen los – die Völker Europas jubelten. Doch bereits nach sechs Wochen waren alle hochtrabenden und ausgefeilten Strategien der Militärs gescheitert. Die Fronten verhärteten sich und veränderten sich im äußerst verlustreichen Hin und Her von Angriffen und Gegenangriffen nur mehr unwesentlich. In Deutschland verlor der Adel all seine Macht an die Generäle Erich Ludendorff und Paul von Hindenburg. Diese sprachen vom totalen Krieg, von Sieg oder Untergang. 1917 scheiterten die Hoffnungen der Generäle – der schrankenlose U-Boot-Krieg und eine wilde West-Offensive –, Arbeiter und die Kriegsmarine streikten. Am 6. November 1918 begannen Friedensverhandlungen, die deutsche Monarchie verlor auf einen Schlag alle Macht, die Republik wurde ausgerufen.

Der Vertrag von Versailles zielte darauf ab, alle Kriegsteilnehmer auszusöhnen, bewirkte aber das genaue Gegenteil. Die Sieger diktierten Deutschlands Grenzen und astronomisch hohe Reparationszahlungen. Hugo Preuß gab der Weimarer Republik eine zeitgemäße Verfassung – doch die Gesellschaft war noch zu sehr in der Kaiserzeit gefangen und zu gespalten, um die demokratischen Mittel positiv einzusetzen. Kommunisten, die NSDAP sowie die Reichswehr – fest in der Hand kaiserlicher Generäle – verachteten die Demokratie. Einzig die Sozialdemokratie glaubte an sie, doch die hatte ab 1920 keine eigenständige Regierungsmacht mehr. Obwohl Reparationszahlungen und Währungskrise die Wirtschaft schwer belasteten, war Deutschland 1928 dennoch wieder auf dem wirtschaftlichen Niveau von vor dem Krieg. Die Wirtschaftskrise von 1929 beendete den Aufschwung jedoch abrupt.

„Die erste neue Republik ist an der Wirtschaftskrise von 1930 gescheitert, und man kann nicht mit Bestimmtheit sagen, dass ohne diese sie auch gescheitert wäre.“ (S. 711)

Der Zweite Weltkrieg

1932 löste Reichspräsident Paul von Hindenburg gleich zweimal das Parlament auf. Die letzten drei Reichsregierungen unter Heinrich Brüning, Franz von Papen und Kurt von Schleicher scheiterten. Gleichzeitig etablierte sich die NSDAP unter Adolf Hitler als politische Macht. Im Januar 1933 sollte Hitler als Kanzler einer von der Deutschnationalen Volkspartei (DNVP) geführten Regierung gezähmt werden, aber die NSDAP begann sofort mit der Machtergreifung. Schlag auf Schlag und ohne auf nennenswerte Gegenwehr demokratischer oder zivilgesellschaftlicher Kräfte zu treffen, wurde die Republik bis August 1934 zu einer totalitären Diktatur umgebaut. Nun konzentrierte sich Hitler auf seinen außenpolitischen Plan, den Vertrag von Versailles rückgängig zu machen, die großdeutsche Lösung umzusetzen und in Osteuropa Lebensraum für das deutsche Volk zu erobern. Offiziell hielt er Friedensreden, höhlte aber alle Friedensverträge Stück für Stück aus. Die deutschen Invasionen der 1930er-Jahre – des Rheinlands, Österreichs, Böhmens und Mährens – blieben infolge der Appeasement-Politik Englands unbeantwortet. Die strategische Milde endete erst 1939 mit dem deutschen Einmarsch in Polen. Am 3. September 1939 erklärten England und Frankreich Deutschland den Krieg.

Bereits 1938 hatte Hitler die alte Militärspitze abserviert und sich selbst zum Oberbefehlshaber gemacht. Gegen den Rat seiner Generäle ließ er wahnwitzige Pläne in die Tat umsetzen – und schien zunächst Recht zu behalten. Die Invasionen der Beneluxstaaten und die Besetzung Frankreichs waren blendende Erfolge. Nachdem England sich in der Luftschlacht behauptet hatte, griff Hitler Russland an, dessen militärische Stärke er jedoch völlig unterschätzte.

„Nie in der uns bekannten Geschichte hat ein historisches Individuum so genau das getan, was es sich zum Ziel gesetzt hatte; eine Erfahrung, die das Selbstvertrauen des Menschen zum Verrückten und Gotteslästerlichen steigern musste.“ (über Hitler, S. 839)

Zwischen 1942 und 1943 verließ ihn sein Glück, die Offensive geriet ins Stocken. Starrsinnige Durchhalteparolen führten zu fürchterlichen Verlusten. Nun wurde der hochtrabende Vernichtungskrieg zum verrückten Verteidigungskrieg. Zuletzt wünschte Hitler seinem Volk die totale Vernichtung, insofern es sich als zu schwach zur Abwehr des Feindes zeigte. Am 8. Mai 1945, eine Woche nach Hitlers Selbstmord in Berlin, kapitulierte Deutschland bedingungslos. Schon bald zerfiel die Allianz der Siegermächte. Das besetzte Deutschland wurde, dem beginnenden Kalten Krieg zwischen den USA und der Sowjetunion entsprechend, in zwei eigenständige Staaten geteilt.

„Die Autorität, die der Greis sich im Inneren gewann, seine stetige, unbedingt zuverlässige (…) Haltung gegen außen gehören mit zu dem Prozess der europäischen ‚Integrierung‘, der Einfügung Westdeutschlands in eine westeuropäisch-atlantische Gemeinschaft. Hier war sein Erfolg (…)“ (über Adenauer, S. 1003)

1949 entstanden die BRD und die DDR mit zwei sehr unterschiedlichen Schicksalen: Während die BRD das Wirtschaftswunder und die rasche Aufnahme in die politischen und wirtschaftlichen Bündnisse der Westmächte schaffte, blieb die DDR eng an die Sowjetunion gebunden.

Zum Text

Aufbau und Stil

Deutsche Geschichte des 19. und 20. Jahrhunderts ist eine außergewöhnliche Verbindung aus Geschichtswissenschaft und Literatur. Golo Mann hegte sein Leben lang literarische Ambitionen und diese schriftstellerische Neigung belebt das Werk außerordentlich. Allerdings ist Manns Geschichte dadurch weniger eine neutrale Chronologie und trägt mehr Züge einer Erzählung, die von Spannungsbögen, wertenden Charakterisierungen und bildreichen Beschreibungen geprägt ist. Eben das wurde Mann immer wieder vorgeworfen – insbesondere von der strengen Geschichtswissenschaft. Doch für die Leser ist Manns spannungs- und ideenreiche Sprache ein Glücksfall und macht das 1000 Seite starke Werk zu einer gleichermaßen informativen wie mitreißenden Leseerfahrung. Das Buch ist in zwölf Kapitel unterteilt, die in chronologischer Abfolge spezifische Zeitabschnitte behandeln. Das erste Kapitel gibt in groben Zügen die deutsche Kulturentwicklung bis zum 18. Jahrhundert wieder. Ab dem zweiten Kapitel beginnt die eigentliche Geschichtsdarstellung, mit der nachrevolutionären Epoche 1789 bis 1815. Das zwölfte und letzte Kapitel, das die Nachkriegsgeschichte darstellt, verlässt etwa in den späten 1950er-Jahren die historische Entwicklung und geht zu abschließenden allgemeinen Bemerkungen über.

Interpretationsansätze

  • Die Geschichtswissenschaft hat für Golo Mann einen pädagogischen Auftrag. Mehrmals betont er in seinem Werk die erzieherische und aufklärende Aufgabe des Historikers einer kritischen Öffentlichkeit gegenüber.
  • Mann setzt in seinem Werk seine bereits in den späten 1930er-Jahren formulierte Kritik der Nationalgeschichtsschreibung um. Die Geschichte einzelner Nationen lasse sich nur in einer gesamteuropäischen Perspektive verstehen und müsse stets die Entwicklungen in Nachbarländern und globalen Machtzentren berücksichtigen.
  • Mann präsentiert die deutsche Geschichte vor allem als eine Geistesgeschichte. Die Darstellung philosophischer und politischer Ideen nimmt den meisten Platz ein, wird aber durch Wirtschafts-, Militär- und Technikgeschichte ständig ergänzt.
  • Eine der großen Leistungen des Werks besteht im Bruch mit der Geschichtslosigkeit der Adenauer-Ära. Es ist eines der ersten deutschsprachigen Geschichtswerke, das die unmittelbare Vergangenheit – die Zeit des Nationalsozialismus und Zweiten Weltkriegs – thematisiert.
  • Golo Mann war nicht nur Historiker, sondern auch promovierter Philosoph, weshalb Moral und Anthropologie einen starken Einfluss auf seine Geschichtsschreibung ausüben. Seinem großen Vorbild Tacitus folgend, nehmen moralische Wertungen des historischen Materials viel Platz ein, was dem Objektivitätsideal der Geschichtswissenschaft widerspricht.

Historischer Hintergrund

Deutschland in der Nachkriegszeit

Nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs im Mai 1945 wurde Deutschland von Frankreich, England, den USA und der Sowjetunion besetzt. Relativ zufällig wurden die Gebiete der neuen Bundesländer definiert. Mit dem Beginn des Kalten Krieges zwischen westlicher Demokratie und dem Sozialismus der Sowjetunion entstanden 1949 aus den besetzten Gebieten zwei neue Staaten: die BRD aus den Zonen der westlichen Alliierten, die DDR aus der sowjetischen Zone. Die junge Bundesrepublik Deutschland machte zunächst eine Findungsphase durch. Die mit der Regierungszeit des ersten Bundeskanzlers Konrad Adenauer – 1949 bis 1963 – verbundene Aufbruchstimmung des erfolgreichen Wiederaufbaus und des behaglichen Neo-Biedermeiers stand dabei im spannungsvollen Widerspruch zum Schrecken über die vor Kurzem von Deutschen begangenen Verbrechen. Ende der 1950er-Jahre schwankte die Bundesrepublik zwischen bleiernem Schweigen und Verdrängen der jüngsten Geschichte einerseits und einem Verlangen – insbesondere der jüngeren Generation –, sich mit dem Schrecken des Nationalsozialismus zu beschäftigen. 1958 erzielte das zuvor kaum beachtete Tagebuch der Anne Frank plötzlich eine Auflage von 500 000 Stück. Gleichzeitig erschütterte eine Welle antisemitischer Vandalismusakte die BRD. In den Schulen und an den Universitäten endete die unterrichtete Geschichte oft mit dem Ersten Weltkrieg. Erst 1962 wurde die Behandlung des Nationalsozialismus zum verpflichtenden Schulstoff. Die ersten historischen Quellensammlungen und biografischen Darstellungen über die NS-Zeit kamen aus dem Ausland.

Entstehung

Golo Mann war ab 1947 Assistant Professor sowie Associate Professor für Geschichte am Claremont College in Kalifornien. Während er diese Lehrtätigkeit noch einige Zeit weiterführte, lebte er ab 1954 zeitweise wieder in Europa. Zurück in der alten Welt irritierten ihn sowohl die behagliche Geschichtsvergessenheit der Adenauer-Ära in Deutschland als auch die verkürzten Urteile über Deutschland seitens einiger internationaler Historiker. Insbesondere die Reduzierung der gesamten deutschen Geschichte auf den Nazismus, wie sie der Historiker Alan J. P. Taylor betrieb, verärgerte Golo Mann und brachte ihn zu der Überzeugung, eigenhändig eine deutsche Geschichte schreiben zu müssen. Die Gelegenheit, sein Vorhaben in die Tat umzusetzen, erhielt er bereits 1953. In diesem Jahr, als er den Umzug von den USA in die Schweiz vorbereitete, erhielt er eine Anfrage der Büchergilde Gutenberg. Für einen Vorschuss von 6000 Mark bat der Verlag Golo Mann darum, die bereits drei Bände umfassende Deutsche Geschichte von Ricarda Huch mit einem vierten Band zu vervollständigen und abzuschließen. Huch hatte ihr Geschichtswerk in den 1930er-Jahren verfasst, es deckte die deutsche Geschichte bis zum Jahr 1806, dem Ende des Heiligen Römischen Reiches, ab. Mann nahm den Auftrag der Büchergilde an und schrieb das etwa 1000 Seiten starke Werk äußerst zügig zwischen 1956 und 1957, überwiegend während seiner Aufenthalte im Gasthaus Zur Krone in Altnau am Bodensee. Unterbrochen wurde seine Arbeit nur durch kurze Reisen in die USA, wo er seiner Lehrverpflichtung nachkam.

Wirkungsgeschichte

Deutsche Geschichte des 19. und 20. Jahrhunderts erschien im Oktober 1958 bei der Büchergilde Gutenberg. Die ersten Monate vergingen ohne nennenswertes Echo. Golo Mann ging resigniert davon aus, dass sich von seinem Buch kaum mehr als 30 Exemplare verkaufen würden. Doch dann setzte eine Welle positiver bis überschwänglicher Rezensionen in den Medien der bürgerlichen, konservativen und liberalen Mitte der Gesellschaft ein. Die FAZ, Die Zeit und andere lobten das Buch als literarisch gelungen, sehr gut lesbar und in der historischen Bewertung um größtmögliche Gerechtigkeit und Differenzierung bemüht. Einmütig wurde die Thematisierung des Dritten Reichs als besondere Innovation Golo Manns gewürdigt. Negative Rezensionen erhielt das Buch hauptsächlich in der DDR, wo Golo Mann vorgeworfen wurde, den Marxismus zu scharf zu kritisieren – was ihm ein etwa 30-jähriges Lesungsverbot in der DDR einbrachte.

Das Werk wurde eines der erfolgreichsten deutschsprachigen Geschichtsbücher, vergleichbar mit den Erfolgen von Oswald Spenglers Untergang des Abendlandes oder Egon Friedells Kulturgeschichte der Neuzeit. Die Hardcover-Ausgabe erhielt mehrere Neuauflagen und wurde hunderttausendfach verkauft. 1961 erschien eine gekürzte Taschenbuchausgabe für das junge Publikum, die nur die Kapitel zu den Jahren 1919 bis 1945 enthielt und 550 000 Mal verkauft wurde. Erst 1992 kam eine Taschenbuchausgabe des gesamten Buches auf den Markt. 1991 überarbeitete Golo Mann sein Werk ein letztes Mal und fügte ein neues Vorwort sowie Kapitel zur Ära Adenauer und den Folgejahren ein. 2007 erschien eine mehr als 40 Stunden lange ungekürzte Hörbuchversion im Diogenes Verlag.

Über den Autor

Golo Mann (eigentlich Angelus Gottfried Thomas Mann) wird am 27. März 1909 in München geboren. Er ist das dritte von sechs Kindern von Thomas und Katia Mann. Der Junge scheitert daran, seinen Namen „Angelus“ richtig auszusprechen – die resultierende Verballhornung „Golo“ bleibt ihm sein Leben lang als Vorname erhalten. 1932 erlangt er bei Karl Japsers in Heidelberg das Doktorat der Philosophie. Im Mai 1933 verlässt Golo Mann Deutschland und geht ins Exil nach Paris, Zürich, Prag, Rennes. 1940 emigriert er nach Amerika. Mann versucht, in New York, danach in Kalifornien als Publizist Fuß zu fassen. 1946 erscheint sein erstes Buch, die Biografie Friedrich von Gentz, 1958 folgt sein großer Erfolg, das Geschichtswerk Deutsche Geschichte des 19. und 20. Jahrhunderts. Mit der Herausgabe der Propyläen-Weltgeschichte (1958 bis 1965) und der ordentlichen Professur für politische Wissenschaften an der Technischen Hochschule Stuttgart 1960 erlebt Manns akademische Karriere als Historiker ihren Höhepunkt. Ab 1965 zieht er sich aus der Universität zurück und lebt als freier Autor und Publizist in Kilchberg bei Zürich. Er erhält zahlreiche Auszeichnungen wie den Georg-Büchner-Preis oder den Goethe-Preis der Stadt Frankfurt. 1971 erscheint Wallenstein. Sein Leben erzählt von Golo Mann. Mann engagiert sich zeitlebens in der Politik, zunächst für sozialistische Anliegen, später für Willy Brandt und schließlich für Franz Josef Strauß. 1986 erscheint der erste Band der unvollendeten Autobiografie Erinnerungen und Gedanken. Golo Mann leidet zeit seines Lebens immer wieder an schweren Depressionen, die er durch teils problematischen Medikamenten- und Alkoholgebrauch im Zaum zu halten versucht. Golo Mann stirbt am 7. April 1994 in Kilchberg.


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