Zusammenfassung von Die Archetypen und das kollektive Unbewußte

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Die Archetypen und das kollektive Unbewußte Buchzusammenfassung

Literatur­klassiker

  • Psychologie
  • Moderne

Worum es geht

Von Märchen, Mythen und Mandalas

Während Sigmund Freud das Unbewusste in der individuellen Psyche des Menschen verortete, plädierte sein Gegenspieler C. G. Jung für ein kollektives Unbewusstes. Jung wandte sich also gegen eine personalistische Auffassung des psychischen Geschehens. In der Aufsatz- und Vortragssammlung Die Archetypen und das kollektive Unbewußte verweist er auf Märchen, Mythen und Mandalas und zieht Fallbeispiele aus seiner therapeutischen Praxis heran. Dadurch werden Jungs Thesen plastisch: Das kollektive Unbewusste mit seinen archetypischen Vorstellungen steht stark in Zusammenhang mit Bildern. Das teils mystisch gefärbte Vokabular und die verschlungenen Gedankengänge mit erheblichen Sprüngen erschweren die Lektüre. Nicht umsonst gilt Jung als der Mystiker unter den Vätern der Psychoanalyse. Seine Hypothesen haben ihm nicht nur viel Kritik eingebracht – unter anderem wurde ihm vorgeworfen, unwissenschaftliche Methoden anzuwenden –, sie stellen auch einen Meilenstein der Psychologie dar.

Take-aways

  • In Die Archetypen und das kollektive Unbewußte entwickelt C. G. Jung seine Theorie vom kollektiven Unbewussten, einer Art Menschheitsgedächtnis.
  • Inhalt: Unsere Fantasie, unsere Wahrnehmung und unser Denken werden von angeborenen Formprinzipien beeinflusst, dem kollektiven Unbewussten. Archetypen in Form von religiösen Vorstellungen oder Urbildern schlummern in allen Menschen, auch wenn das Bewusstsein sie ignoriert. In Produkten der Fantasie werden sie jedoch sichtbar.
  • Der Sammelband enthält Aufsätze und Vorträge aus den Jahren 1933 bis 1955.
  • Mit seinen Ausführungen zum kollektiven Unbewussten grenzt sich Jung von Sigmund Freuds Vorstellungen eines individuellen Unbewussten ab.
  • Er illustriert seine Theorien anhand von Fallstudien aus seiner therapeutischen Praxis.
  • Jung spannt interpretatorische Bogen von Märchen bis zu Mandalas, von der Religion bis zur Ethnologie.
  • Seine Ausführungen sind von einem Kulturpessimismus geprägt, dem zufolge der Westen im Unterschied zum Orient seine Spiritualität verloren habe.
  • Das Buch enthält Abbildungen von Mandalas und Bildern von Jungs Patienten: Bilder haben für Jung starke erkenntnisfördernde und sogar heilsame Kraft.
  • Jungs Hypothesen vom kollektiven Unbewussten wurden häufig als unwissenschaftlich kritisiert.
  • Zitat: „Das kollektive Unbewusste entwickelt sich nicht individuell, sondern wird ererbt.“
 

Zusammenfassung

Über die Archetypen des kollektiven Unbewussten

Bei Freud ist das Unbewusste der Sammelort der verdrängten oder vergessenen Inhalte des Individuums. Dieses Unbewusste gibt es zweifellos – es gibt jedoch auch ein angeborenes, überpersönliches Unbewusstes, das kollektive Unbewusste. Dieses enthält die sogenannten Archetypen, seit alters vorhandene Bilder, die sich auch in Märchen und Mythen, Visionen und Ritualen ausdrücken. Das Bewusstsein deutet das Unbewusste als etwas Abgekapseltes; es gehört jedoch zum Menschen wie sein Schatten. Der Mensch hat Angst vor dem Unbewussten, vor unbeherrschbaren Affekten. Er hat Riten erfunden, um die Dämme gegen die Gefahren des Unbewussten zu errichten. Auch Götter sind Archetypen des Unbewussten. Ein natürlicher Archetypus unter vielen ist die Anima, die sich als zauberisches weibliches Wesen, etwa in Form von Nixen oder Sirenen, manifestiert. Es gibt kein festes Inventar von Archetypen, vielmehr handelt es sich hierbei um Erlebniskomplexe, die je nach individuellem Schicksal eintreten.

Der Begriff des kollektiven Unbewussten

Das kollektive Unbewusste ist ebenso wie das persönliche Unbewusste Teil der menschlichen Psyche. Es wurde jedoch nicht verdrängt, weil es nie bewusst war. Es wurde ererbt. Untrennbar damit verbunden ist der Begriff des Archetypus. Archetypen sind als Motive aus der Mythologie oder als sogenannte „représentations collectives“ aus der Religionswissenschaft bekannt. Man darf annehmen, dass Archetypen die unbewussten Abbilder bzw. die Grundmuster von Instinkten sind. Das Motiv der zwei Mütter, der zweifachen Abstammung oder der zweiten Geburt ist ein Archetypus, der zeitlich und räumlich weit verbreitet ist. Freud deutet ihn in seiner Betrachtung eines Bildes von Leonardo da Vinci zwar individuell, doch er kommt universell vor und ist daher bei der Diagnose von Neurosen zu berücksichtigen. Mögliche Quellen, um Archetypen auf die Spur zu kommen, sind die Wahnideen Geisteskranker oder die Träume aus der frühen Kindheit. Jedoch muss von Fall zu Fall abgeklärt werden, ob ein Symbol nur persönliche oder aber mythologische Bedeutung hat.

Über den Archetypus mit besonderer Berücksichtigung des Animabegriffes

Die herrschende materialistische Weltanschauung beschränkt die Psychologie gern auf einen Teilbereich, nämlich den der Neurosen, und blendet den größeren Rahmen der menschlichen Seele aus. Um die Anima zu untersuchen, muss man jedoch alle Gebiete der menschlichen Erfahrung einbeziehen – Religion, Mythologie, Literatur. Die Anima ist ein Archetyp. Archetypen in Form von religiösen Vorstellungen schlummern in jedem, auch wenn das Bewusstsein sie ignoriert. In überlieferten Visionen aus dem 15. Jahrhundert findet sich der Archetypus des Götterpaars. Manche möchten hierin das reale Elternpaar sehen, doch dieses gehört ja dem Bewusstsein an und kann darum keine Projektion sein. Projektionen, und damit auch die Anima, betreffen einen dem Subjekt unbewussten Inhalt. Die Seele eines Neugeborenen ist keinesfalls mit einem unbeschriebenen Blatt Papier gleichzusetzen, sondern in ihr befinden sich vererbte Instinkte – die Archetypen, die der Fantasie ihre Bahnen weisen. Sie wirken dort am stärksten, wo das Bewusstsein am wenigsten ausgeprägt ist, zum Beispiel bei Kindern.

Die psychologischen Aspekte des Mutterarchetypus

Der Mensch trägt schon bei der Geburt Urbilder in sich, die in Produkten der Fantasie sichtbar werden und die sein Denken, Fühlen und Handeln zeitlebens beeinflussen. Der Mutterarchetypus äußert sich in Form unzähliger Symbole, die positive oder negative Bedeutung haben können. Seine Eigenschaften sind das Gütige und Nährende, aber auch das Geheime, Finstere und Emotionale. Die kindliche Psyche wird nicht nur von der persönlichen Mutter, sondern auch von dem auf die Mutter projizierten Archetypus beeinflusst.

„Das kollektive Unbewußte entwickelt sich nicht individuell, sondern wird ererbt. Es besteht aus präexistenten Formen, Archetypen, die erst sekundär bewußt werden können und den Inhalten des Bewußtseins fest umrissene Form verleihen.“ (S. 56)

Der Archetypus der Mutter ist grundlegend für den sogenannten Mutterkomplex. Dieser äußert sich bei Jungen und Mädchen unterschiedlich: bei Jungen zum Beispiel in Homosexualität und Don-Juanismus, was aber auch als verstärkter Sinn für Ästhetik, als Ausdauer und revolutionärer Geist begriffen werden kann. Die Übersteigerung des Weiblichen äußert sich in negativer Form bei denjenigen Frauen, deren einziges Ziel das Gebären ist. Bei Töchtern solcher Mütter kommt es nicht selten zu einer Überhöhung des Eros und zu Eifersucht auf die Mutter bzw. zum Wunsch, die Mutter zu übertrumpfen. Tritt dies nicht ein, so ist eine lähmende Identifizierung der Tochter mit der Mutter möglich; die Tochter ist dann ein hilfsbedürftiges Anhängsel der Mutter mit Minderwertigkeitsgefühlen. Denkbar ist auch eine Abwehr der Übermacht der Mutter. All diese Ausprägungen können auch positive Aspekte haben.

Über Wiedergeburt

Man kann fünf Formen der Wiedergeburt unterscheiden: Metempsychosis, also eine Seelenwanderung mit kontinuierlicher Persönlichkeit, Reinkarnation, Auferstehung mit Wesenswandlung, Wiedergeburt mit oder ohne Wesensveränderung und die Teilnahme an einem Wandlungsvorgang wie einem Ritus. Die Wiedergeburt entzieht sich unseren Sinnen, sie ist nur psychisch erfahrbar, und sie beruht auf den Archetypen. Man kann Erlebnisse der Transzendenz des Lebens – wie in der Eucharistie – von subjektiven Wandlungen unterscheiden. Bei letzterer Erlebnisgruppe äußert sich die Wiedergeburt etwa in einem „Seelenverlust“, also in Lethargie, Unlust und Ausfallerscheinungen. Ebenso ist es möglich, dass die Wiedergeburt eine innere Strukturänderung der Persönlichkeit zur Folge hat oder dass sich ein Individuum nach einem kollektiven Wandlungserlebnis mit einer Gruppe identifiziert.

Zur Psychologie des Kindarchetypus

Bislang wurde die Mythenbildung nur auf „völkerpsychologischer“ Ebene bzw. in separaten Disziplinen wie der Ethnologie und der Philologie untersucht. Mythologische Motive sind jedoch strukturelle Elemente der unbewussten Psyche des Einzelnen. Mythen sagen etwas über unbewusste seelische Vorgänge aus; sie werden nicht erfunden, sondern erlebt und sind die lebendige Religion eines Stamms. Archetypen haben keinen direkten Bezug zu Vater und Mutter, Sonne und Mond, Feuer und Wasser und dergleichen; vielmehr sind sie ein sprachliches Gleichnis.

„Wie aber Archetypen als Mythen völkergeschichtliches Vorkommen haben, so finden sie sich auch in jedem Individuum und wirken immer dort am stärksten, (...) wo das Bewußtsein am engsten oder schwächsten ist und wo daher die Phantasie die Gegebenheiten der Außenwelt überwuchern kann.“ (S. 82)

Der Kindarchetypus kommt in Religion, Literatur und Psychopathologie vor, am deutlichsten im sogenannten Individuationsprozess, das heißt in der allmählichen Bewusstwerdung von vorbewussten Vorgängen, etwa in Form von Träumen. Das Kindmotiv steht dabei für gewisse Aspekte der eigenen vorbewussten Kindheit, die vergessen wurden, jedoch kollektiv sind. Der Archetypus kann sich in vier verschiedenen Ausgestaltungen zeigen: in der Verlassenheit des Kindes – beispielsweise wird es von der Natur genährt und geschützt –, in der Unüberwindlichkeit des Kindes, das übermenschliche Kräfte hat, in einem Hermaphroditismus, wobei Gegensätze vereinigt werden, und im Kind als Anfangs- und Endwesen, das ein Symbol für das vorbewusste und nachbewusste Wesen der Menschen darstellt.

Zum psychologischen Aspekt der Kore-Figur

Es ist unmöglich, das eigentliche Wesen der aus der griechischen Mythologie entstammenden Kore-Figur zu abstrahieren; sie lässt sich nur in lebendiger Form verstehen. Kore ist häufig mit der Figur der Demeter verquickt. Sie kann sowohl als Mutter als auch als hilfloses, unschuldiges Mädchen auftreten. Somit hat sie Anteil an der mütterlichen wie auch an der töchterlichen Seele. Wie Beispiele illustrieren, kommen archetypische Bilder der Kore oder der Demeter in Träumen oder in der aktiven Imagination vor. Sie spiegeln hier ähnliche Motive und Zusammenhänge wie in der Mythologie.

Zur Phänomenologie des Geistes im Märchen

Die Psychologie kann insofern nicht den Spielregeln der Naturwissenschaft folgen, als ihre Aussagen nicht durch Tatsachen bewiesen werden können. Die Psychologie kann also Vorkommnisse nur beschreiben, ordnen und auf Gesetzmäßigkeiten hin untersuchen. Es gibt keinen archimedischen Punkt in der Psychologie. Das Wort „Geist“ ist nach kulturgeschichtlicher und landläufiger Auffassung äußerst vieldeutig und kann höchst Unterschiedliches bezeichnen: rationales Denken, Gott, den Zeitgeist, einen Totengeist, die Seele eines Verstorbenen oder auch den Alkohol. Im Gegensatz zum Christentum, das den Geist als guten Gott auffasst, nimmt das Urphänomen des Geistes den Menschen gefährlich in Besitz. Der Geist ist in der Lage, sich in Träumen oder in der Meditation zu offenbaren. Er ist archetypischer Natur und äußert sich zum Beispiel als alter Weiser, als Knabe oder als Tier in Mythen und Märchen.

Zur Psychologie der Tricksterfigur

Der Trickster ist eine Gestalt in der indianischen Mythologie, die Analogien zum mittelalterlichen Karneval aufweist. Sie ist eine tierisch-göttliche Doppelnatur, deren Züge sich etwa in der Figur des Teufels wiederfinden. Auch in der Parapsychologie – bei Poltergeistern, Schamanen oder Medizinmännern – gibt es Phänomene, die Züge des Tricksters aufweisen. Im Trickster spiegelt sich eine frühe, elementare Bewusstseinsstufe; er ist kein bloßes historisches Überbleibsel, sondern ein Vorläufer des Heilbringers. Der Trickstermythos besitzt psychotherapeutische Wirkung, denn er hält höher entwickelten Individuen den früheren Zustand vor Augen.

Bewusstsein, Unbewusstes und Individuation

Das Unbewusste der Psyche hat kein Zentrum und keine Systematik, dennoch ist es Realität und kann sich jederzeit manifestieren. Lange bevor es ein Ichbewusstsein gab, gab es bereits psychische Prozesse. Die Psyche ist die Summe von Ichbewusstsein und Unbewusstem, die sich gegenseitig nicht unterdrücken oder schädigen dürfen. Individuation bedeutet eine Harmonisierung oder ein Zusammenschmieden der beiden inkongruenten Hälften der Psyche. Es ist ein Prozess, der aus dem Konflikt der beiden hervorgeht. Für die Individuation gibt es kein Patentrezept. Eine ernst gemeinte Psychotherapie zielt auf jene Harmonisierung ab, wobei der Arzt den Prozess lediglich begleiten kann.

Zur Empirie des Individuationsprozesses

In den 1920er-Jahren begegnete Jung in den USA einer Frau, die sich viel mit Psychologie beschäftigt hatte. Auf einer Reise nach Europa, ins Land ihrer Mutter, begann diese Frau zu malen. Auf einem Fantasiebild geht ihr Unterkörper in einen Felsen über, sodass sie gefangen ist. In einer Serie von Bildern malte sie ihren Weg der Befreiung. Dieser Weg ist immer individuell und nicht voraussehbar. Das Unbewusste hat bereits eine Lösung vorgesehen, die weder Arzt noch Patient von vornherein kennen. Diese Lösung lautet Individuation: Sie ist der Wandlungsprozess, der das menschliche Haften am Unbewussten löst.

Über Mandalasymbolik

Mandalas – das Wort stammt aus dem Sanskrit und bedeutet „Kreis“ – sind kultische Kreiszeichnungen. Sie finden sich beispielsweise an Außenwänden und auf Fußböden in Südindien und sind im tibetischen Buddhismus verbreitet. Es gibt formale Parallelen zwischen individuellen Mandalas von Patienten und kollektiven Mandalas, unter anderem aus China und Ägypten. Auffällig sind ähnliche Motive wie Sterne, Blumen, Schlangen, die Quadratur des Kreises und Vierheiten. Individuelle Mandalas, wie sie von Patienten im Lauf der Bewusstmachung des Unbewussten spontan produziert werden, stellen eine wichtige Etappe des Heilungsprozesses dar. Das Malen wird von den Patienten als beruhigend erfahren und hilft ihnen, Ordnung in ihr psychisches Chaos zu bringen. Die von ihnen spontan gezeichneten Mandalas stellen häufig verschiedene Phasen des Individuationsprozesses dar. Die sehr ähnlichen Symbole deuten auf ein kollektives Unbewusstes hin.

Mandalas

Mandalas können gezeichnet, gemalt, plastisch geformt oder – zum Beispiel in Derwischklöstern – getanzt werden. Sie kommen ebenso in Träumen oder bei Schizophrenen vor. Während sie im tibetischen Buddhismus Meditation und Konzentration unterstützen, dienen sie Patienten mit psychischen Störungen nachweislich zur Heilung: Die strenge Bildordnung kompensiert das psychische Durcheinander. Mandalas sind so ein instinktiver Selbstheilungsversuch der Natur. Ihnen liegen archetypische Motive zugrunde.

Zum Text

Aufbau und Stil

Die 13 Kapitel von Die Archetypen und das kollektive Unbewußte sind größtenteils Vortragstexte. Sie entstanden in einem Zeitraum von mehr als 20 Jahren und beziehen sich nur indirekt aufeinander. Sie sind analytisch strukturiert, die Thesen werden mit lebhaften Beispielen untermauert. In Jungs bilderreichem Schreibstil spiegelt sich seine Haltung zur Thematik wider: Er wehrt sich gegen scharfe Abgrenzungen und strikt definierte Begriffe, da ja auch der Archetypus keine bestimmbare Form habe, nur in Projektionen erscheine und sich bestenfalls paraphrasieren lasse. Man bekommt den Archetypus, mit anderen Worten, nie ein für alle Mal zu fassen, da er ständig andere Gestalt annimmt und nach immer neuen Deutungen verlangt. Entsprechend vage und dunkel bleiben viele von Jungs Ausführungen. Er pflegt ein mystisch gefärbtes Vokabular und seine verschlungenen Gedankengänge können erhebliche Sprünge aufweisen – nicht umsonst ist Jung als der Mystiker unter den Vätern der Psychoanalyse bezeichnet worden.

Interpretationsansätze

  • C. G. Jung geht von einem kollektiven Menschheitsgedächtnis aus, das im Gegensatz zum individuellen Gedächtnis vorgeburtlich ist. Die menschliche Seele ist demnach keine Tabula rasa, sondern immer schon vorgeprägt. Fantasie, Wahrnehmung und Denken werden von diesen angeborenen Formprinzipien – dem kollektiven Unbewussten – beeinflusst. Diese Prinzipien können sich im Einzelnen auf unterschiedliche Weise realisieren.
  • Archetypen sind für Jung autonome Urbilder, die vorbewusst in der menschlichen Psyche vorhanden sind; sie sind an sich unanschaulich, offenbaren sich aber in Mythen, Märchen und Träumen. Erst aus ihrer Wirkung wird ihre Existenz deutlich. Aus diesem Grund muss man sorgfältig zwischen dem Archetypus als solchem und seinen Manifestationen unterscheiden.
  • Für Jung ist das Ziel einer Psychotherapie die Individuation, die Ganz- oder Selbstwerdung des Menschen. Beim Individuationsprozess wird versucht, die bewusste und unbewusste Hälfte der Psyche, die miteinander im Widerstreit liegen, zur Deckung zu bringen.
  • Diese Vorstellungen von Jung besiegelten den Bruch mit Freud. Indem in Jungs Konzept der Individuation Bewusstes und Unbewusstes in Harmonie gelangen, grenzt er sich bewusst von Freud ab, der seelische Prozesse als kausale Folge aus früheren Ereignissen betrachtet.
  • Ein Großteil von Jungs Interpretationen basiert auf Bildern. Ähnlich wie Freud Inspiration aus der Literatur bezieht, haben für C. G. Jung Bilder starke erkenntnisfördernde Kraft. Er sieht sie zudem als Heilmittel an.
  • Jungs Ausführungen sind von einem Kulturpessimismus geprägt, demzufolge der Westen, unter anderem durch den Bildersturm und seine Verarmung hinsichtlich Symbolen, seine Spiritualität verloren habe. Im Orient sei eine solche dagegen noch vorhanden. Jung wendet sich vehement gegen das Entmythologisieren, gegen die Entseelung der Materie und gegen eine rationalistische und materialistische Weltanschauung. Er insistiert, dass der Mensch trotz aller vermeintlichen zivilisatorischen Fortschritte noch immer ein Dschungelbewohner sei und dass allein die Psychologie zur Selbsterkenntnis führe.

Historischer Hintergrund

Europa und seine Wissenschaften im Umbruch

Die Erfindung der Psychoanalyse durch Sigmund Freud Ende des 19. Jahrhunderts bedeutete eine Zäsur für die medizinische Fachwelt, die Wissenschaften, aber auch für Kultur und Gesellschaft. Zwar sind verschiedene von Freuds Vorstellungen bis heute umstritten, doch hatten sein Modell der dreiteiligen psychischen Struktur (Es, Ich und Über-Ich) und seine Methode der hermeneutischen Interpretation wegweisenden Einfluss auf ein neues Menschenbild.

Bereits Emile Durkheim hatte wenige Jahre zuvor den Begriff des Kollektivbewusstseins in die Soziologie eingeführt und damit die Gesamtheit aller religiösen Überzeugungen und Gefühle einer bestimmten Gesellschaft bezeichnet. Als Sitz des kollektiven Willens ist bei Durkheim das kollektive Bewusstsein eine Instanz, die sich in kollektiven Handlungen oder Reaktionen manifestiert und Abweichungen durch Strafe ahndet. Durkheims Schüler, der französische Soziologe Maurice Halbwachs, entwickelte in den 1920er-Jahren die Theorie des kollektiven Gedächtnisses. Er versuchte, die Rolle der Vergangenheit im Leben von Gruppen und Gesellschaften zu erklären. Das individuelle Gedächtnis kann seiner Ansicht nach nicht ohne sozialen Bezugsrahmen existieren: Es entsteht erst durch die Interaktion und Kommunikation eines Kollektivs.

Als die Nationalsozialisten 1933 in Deutschland die Macht übernahmen, entstand durch eine aus Nationalismus, Rassismus, Antisemitismus und Militarismus gespeiste Propaganda und Ideologie sowie aus dem bedingungslosen Führerkult um Hitler ein massenpsychologisches Phänomen in einer völlig neuen Dimension. Die Nazis nutzten das Bedürfnis nach sozialer Gemeinschaft, indem sie einen pseudoreligiösen Massenkult mit eigenen Symbolen und Ritualen schufen.

Entstehung

C. G. Jung war für einige Jahre ein glühender Verfechter der damals unpopulären Lehren von Sigmund Freud gewesen. Wissenschaftliche Differenzen führten 1912 jedoch zum Bruch zwischen den beiden. Mit dem Begriff des kollektiven Unbewussten, den Freud vehement ablehnte, ging Jung eigene Wege und distanzierte sich explizit von freudschen Vorstellungen.

Nachdem C. G. Jung 1913 seine Lehrtätigkeit an der Universität Zürich aufgegeben hatte, arbeitete er als Therapeut in seiner eigenen Praxis und begab sich auf ausgedehnte Reisen nach Amerika, Afrika und Indien. Die Erfahrungen seiner Reisen flossen in seine Vorstellungen vom Begriff des kollektiven Unbewussten und der vielfältigen Ausprägungen von Archetypen ein.

Ende der 1930er-Jahre erklärte Jung in einem Interview, Hitler sei von Inhalten des kollektiven Unbewussten beeinflusst. Diese psychologische Erklärung des Nationalsozialismus wie auch seine leicht missverständlichen Ausführungen zum sogenannten jüdischen Problem trugen ihm den Vorwurf ein, er sympathisiere mit dem Regime. In Die Archetypen und das kollektive Unbewußte sind jedoch Aufsätze zu finden, die er offensichtlich unter dem bedrückenden Eindruck der totalitären Herrschaft der Nazis bzw. ihres Erbes verfasst hat. Er schreibt von der „Dämonie des Geistes“, der Verführung des Menschen und gibt sich verzweifelt angesichts der „schauerlichen Progression des Weltgeschehens“.

Wirkungsgeschichte

C. G. Jungs Werke wurden in alle großen Weltsprachen übersetzt und haben weltweit für viel Resonanz gesorgt. Doch gerade Jungs Thesen vom kollektiven Unbewussten und den Archetypen werden in der akademischen Psychologie häufig als unwissenschaftlich kritisiert, da bezweifelt wird, dass psychisches Geschehen vererbt werden könne. Anhänger der Frankfurter Schule haben zudem kritisiert, dass der Begriff eine kritisch-analytische Untersuchung gesellschaftlicher Strukturen und ihrer Ideologien verhindere und einen Rückfall von der Aufklärung in den Mythos bedeute.

Für die Religionswissenschaft eröffnen Jungs Begriffe jedoch einen überkonfessionellen, psychologischen Zugang zu religiöser Erfahrung. Sie definieren das kollektive Unbewusste als einen Bereich, aus dem alle Religionen unabhängig von Ort und Ausrichtung ihre Bilder und Symbole schöpfen. Aus dieser Perspektive ist auch Gott – oder das Göttliche im Menschen – nur ein Archetypus.

Über den Autor

Carl Gustav Jung wurde am 26. Juli 1875 als Sohn eines Dorfpfarrers im Schweizer Kanton Thurgau geboren. Früh zeigte er sich empfänglich für die Macht des Unbewussten, er erlebte seine Träume als überaus real und rang oft verzweifelt mit ihrer Auslegung; durch sie fühlte er sich mit dem Göttlichen verbunden, zugleich aber getrennt von seinen Mitmenschen. „Meine ganze Jugend kann unter dem Begriff des Geheimnisses verstanden werden“, sagte er später. Ab 1895 studierte er in Basel Medizin. 1900 trat er in Zürich eine Stelle in der psychiatrischen Klinik Burghölzli an, wo er erstmals mit den Schriften Sigmund Freuds in Berührung kam. 1907 besuchte er Freud in Wien; eine intensive Freundschaft entstand, die jedoch 1912 mit der Veröffentlichung von Jungs Wandlungen und Symbole der Libido abrupt endete. Darin wich Jung entscheidend von Freuds Theorien ab, was dieser ihm nicht verzieh. 1913 legte Jung seine akademische Karriere auf Eis und widmete sich ganz der mythologischen Erforschung seiner inneren Bildwelt. Die folgenden vier Jahre bezeichnete er später als die wichtigste Zeit seines Lebens. Es folgten Reisen nach Afrika, Indien und zu den Pueblo-Indianern in Nordamerika. Jung erhoffte sich eine Außenperspektive auf die abendländische Welt. Mittlerweile war er als Begründer der analytischen Psychologie weltberühmt. Als die Nazis seine Lehren in ihrem Sinn ausdeuteten, versäumte Jung, sich entschieden dagegen auszusprechen, und ließ sich sogar zu Gerede über psychologische Unterschiede zwischen Juden und Germanen hinreißen. Erst 1936 erwachte er aus seiner Verblendung; 1939 wurden seine Werke von den Nazis verboten. Bis zu seinem Tod am 6. Juni 1961 blieb Jung äußerst produktiv und legte in zahlreichen Schriften seine Ideen zur Psychologie des Unbewussten sowie zu religiösen und kulturellen Themen nieder.


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