Zusammenfassung von Die Chronik der Sperlingsgasse

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Die Chronik der Sperlingsgasse Buchzusammenfassung

Literatur­klassiker

  • Gesellschaftsroman
  • Realismus

Worum es geht

Ein Bindeglied zwischen Spätromantik und früher Moderne

Als Die Chronik der Sperlingsgasse 1877 in zweiter, illustrierter Auflage erschien, wurde sie als Idylle, als sentimentale Heimatliteratur geschätzt – aber als solche auch völlig missverstanden. Die kleine, überschaubare Welt der titelgebenden Gasse bildet das ganze Leben ab. Glück und Leid, Leben und Tod liegen so eng beieinander, dass sie nicht voneinander zu trennen sind. Trotz aller heiteren und niedlichen Szenen und aller humoristischen und satirischen Einlagen ist der gesamte Text mit bedrückenden Schlaglichtern auf soziales Elend unterlegt. Armut, Krankheit und behördliche Willkür bestimmen den Alltag der einfachen Leute und formen ihr Schicksal. Nicht die Feier der Heimat ist das Thema der Chronik – ihr Verlust ist es: Auswanderung, Ausweisung und innere Emigration sind das Ergebnis der politischen und sozialen Umstände in Deutschland; die Besinnung auf Familie, Liebe und Freundschaft scheinen Raabe das einzig wirksame Gegengift – und ein Modell fürs Land. In der Darstellung der sozialen Frage fast schon dem Naturalismus zugehörig, in der Wahl der literarischen Mittel zum Teil noch der Romantik verpflichtet, fällt Raabes Erstling aus allen Schubladen. Und das macht ihn modern.

Take-aways

  • Die Chronik der Sperlingsgasse ist der erste und erfolgreichste Roman des deutschen Schriftstellers Wilhelm Raabe.
  • Inhalt: Ein alter Mann schreibt die Geschichte zu der Gasse unter seinem Fenster. Dabei berichtet er von der doppelten Familientragödie, durch die er eine Ziehtochter – das Glück seines Lebens – erhielt, und von ihrem Weg vom Waisenkind zur geliebten Frau des Nachbarsjungen.
  • Der Text ist nicht chronologisch erzählt. Er setzt sich aus Mosaikstücken, Perspektivwechseln, Vor- und Rückgriffen zusammen.
  • Das Buch steht stilistisch im Widerspruch zum damals aufkommenden literarischen Realismus.
  • Positive Kritiken zur Chronik veranlassten Raabe, trotz magerer Verkaufszahlen eine Existenz als freier Schriftsteller zu wagen.
  • Erst in der zweiten Auflage von 1877 setzte sich Die Chronik der Sperlingsgasse auch beim Publikum durch.
  • Der Text wurde lange Zeit als Idylle begriffen. Zeitkritische Bezüge wurden dabei weitgehend ignoriert.
  • Der kleine Schauplatz der Gasse steht exemplarisch für das ganze zeitgenössische Deutschland.
  • Raabe selbst äußerte sich zum verspäteten Erfolg seines Debüts wenig positiv. Seiner Auffassung nach hätte sein Alterswerk den Erfolg mehr verdient gehabt.
  • Zitat: „Ich weile in der Minute und springe über Jahre fort; ich male Bilder und bringe keine Handlung; ich breche ab, ohne den alten Ton ausklingen zu lassen: ich will nicht lehren, sondern ich will vergessen, ich – schreibe keinen Roman!“
 

Zusammenfassung

Ein alter Mann beginnt sein Lebenswerk

An einem regnerischen 15. November sitzt der alternde Schriftsteller Johannes Wachholder am Fenster seiner Wohnung in der Sperlingsgasse und grübelt melancholisch über die Schlechtigkeit der Welt, ihren Hunger und ihre Armut. Er greift sich einen alten Text von Matthias Claudius und findet auch hier trübe Herbststimmung. Als sich in den Regen jedoch der erste Schnee des Jahres mischt, ändert sich alles: Die Menschen im Viertel freuen sich, und auch Wachholder ist plötzlich voller Tatendrang. Er beschließt, eine Chronik zu verfassen: die Chronik der Sperlingsgasse. Keinen Roman will er schreiben, sondern eine Plauderei. Er will seine Einsamkeit und sein Alter bannen und in die Beobachtungen vor Ort Erinnerungen an sein Leben einflechten. Wachholder liebt die alten Stadtteile und ihre Bewohner. Große Kunstwerke erblickten in den Dachstuben solcher Viertel das Licht der Welt. Und hier soll auch ihm sich nun die große Welt zum „Traum- und Bilderbuch der Sperlingsgasse“ verdichten.

„Ich bin alt und müde; es ist die Zeit, wo die Erinnerung an die Stelle der Hoffnung tritt.“ (S. 15)

Am 30. November, einem Regentag, zieht ein Mann in die gegenüberliegende Wohnung, in der einst Wachholder selbst und danach sein Freund, der Doktor Wimmer, gewohnt haben. Der Erzähler überlässt sich dem Ton des Regens und seinen Erinnerungen. Er findet sich in seinem Heimatort Ulfelden wieder und sieht sich als Kind mit seinen Freunden Franz Ralff und Marie unter einem Holunderstrauch. Marie war seine und Franz’ große Liebe. Die Erinnerungen springen ins Jünglingsalter: Wachholder studierte Philosophie in der großen Stadt, Franz kam als Maler aus Italien zurück, und auch Marie war da. Die Männer warben um das geliebte Mädchen. Franz gewann sie für sich. Sie heirateten, bekamen eine Tochter – und immer war Wachholder als Freund in der Nähe, nahm teil am Familienleben als heimlich Liebender. Der Regen endet und mit ihm Wachholders erstes Blatt der Chronik.

Die Schatten der Vergangenheit

Es ist der 2. Dezember, Jahrestag des Todes von Wachholders geliebter Marie. Am Vormittag des traurigen Tages kommt der neue Nachbar von gegenüber aus Wachholders alter Wohnung und stellt sich vor: Ulrich Strobel ist Karikaturist und bittet Wachholder, ihm für den Winter einen Job bei einer Lokalzeitung zu vermitteln. Wachholder sagt ihm seine Unterstützung zu. Nach Strobels Abgang überlässt er sich traurigen Gedanken. Tags darauf schreibt er seine Erinnerungen an die Beerdigung der geliebten Toten nieder: Die gesamte Nachbarschaft war fassungslos und in Trauer, denn Marie war überall beliebt gewesen. Auf dem Leichenzug zum Friedhof begegnete man Arm und Reich, Jung und Alt. Das ganze Panorama des städtischen Lebens zog vorbei, bis die Erde auf Maries Sarg fiel.

„Einem Wässerchen will ich diese Chronik vergleichen, einem Wässerchen, welches sich aus dem Schoß der Erde mühevoll losringt und, anfangs trübe, noch die Spuren seiner dunklen, schmerzensvollen Geburtsstätte an sich trägt.“ (S. 28)

Wachholder hat Nachricht von der Zeitschrift seines alten Freundes Wimmer: Man ist interessiert an Strobels Karikaturen. Er geht hinüber zu seiner alten Wohnung, um den Zeichner zu informieren. Beim Erklimmen der Stufen lässt er die schönen Abende Revue passieren, die er hier mit Franz und Marie verbracht hat. In Strobels – ehemals seiner eigenen – Wohnung empfängt ihn kreatives Chaos. Es entspinnt sich ein Gespräch über die Gepflogenheiten und Vorlieben der Zeit. Man raucht Zigarren und beobachtet eine Balletttänzerin und ihr Kind, die über Wachholders jetziger Wohnung aus dem Fenster herausgelehnt mit den fallenden Schneeflocken spielen.

Eine doppelte Familientragödie

Es ist der 10. Dezember. Wachholder schreibt nieder, was er drei Monate nach Maries Tod von Franz Ralff erfahren hat. Dieser war nach einer Kindheit in der Waldhütte seines Onkels zum Schulmeister nach Ulfelden gezogen, wo er Wachholder und Marie, die Tochter des Schulmeisters kennenlernte. Franz erlebte seine späte glückliche Kindheit in der Stadt, bis ihn als Neunzehnjährigen der Ruf erreicht, sein Onkel liege auf dem Sterbebett und müsse ihm etwas mitteilen. Franz eilte in den Wald und erfuhr hier vom Onkel und dessen Freund Burchhard, dass er, Franz Ralff, der uneheliche Sohn des Grafen von Seeburg und der Schwester des Onkels, Luise, sei. Burchhard hatte sich seinerzeit Hoffnungen gemacht, die schöne Luise zu heiraten. Doch in dessen kriegsbedingter Abwesenheit verführte der Graf Luise. Sie brachte einen Sohn, Franz, zur Welt und war, als Burchhard zurückkehrte, nur noch ein Schatten ihrer selbst. Burchhard erfuhr von der Schande, schwor Rache, doch der Graf war geflohen. Luise wurde eines Tages im Teich gefunden – ertrunken. In ihrer Hand hatte sie einen Ring mit dem Wappen des Grafen von Seeburg.

„Schaffe weiter, Proletarier, auch dein Weib liegt zu Hause sterbend; schaffe weiter, du hast keine Zeit zu verlieren; der Tod ist schnell, aber du mußt schneller sein, Mann der Arbeit, wenn du sie in ihren letzten Stunden vor dem Hunger schützen willst.“ (S. 33)

Franz lebte nach dieser Offenbarung nur noch so lange, wie er für die Fertigstellung eines Gemäldes von Marie brauchte. Als das lebensechte Bild vollendet war, starb auch Franz, vor Kummer. Wachholder blieb mit Elise, der Tochter seiner Jugendliebe und seines Freundes, allein zurück.

„Ich weile in der Minute und springe über Jahre fort; ich male Bilder und bringe keine Handlung; ich breche ab, ohne den alten Ton ausklingen zu lassen: ich will nicht lehren, sondern ich will vergessen, ich – schreibe keinen Roman!“ (S. 90)

Nach einem vergnüglichen Heiligabend auf dem Weihnachtsmarkt und beim Punsch in Wachholders Wohnung mit Strobel, der Balletttänzerin und deren Sohn erhält Wachholder am Neujahrstag Post aus Italien. Es ist ein Brief von Elise. Wachholder lässt die Erinnerung an die Zeit nach dem Tod von Elises Eltern wieder aufleben. Aus der Trauer musste damals zum Wohl des Kindes schnell wieder ein normaler Alltag werden. Also zog Wachholder nach gegenüber, in die Wohnung seiner verstorbenen Freunde, und kümmerte sich von da an mithilfe des Kindermädchens Martha, die sich auch schon um Marie gekümmert hatte, um die kleine Elise. Wachholder wurde nun Elises Ersatzvater und nahm die Rolle vollständig an. Elise wurde schnell zum Liebling der Nachbarschaft. Sie freundete sich mit Wachholders Nachmieter, Doktor Wimmer, und dessen Hund an.

„Die Geschichte eines Hauses ist die Geschichte seiner Bewohner, die Geschichte seiner Bewohner ist die Geschichte der Zeit, in welcher sie lebten und leben, die Geschichte der Zeiten ist die Geschichte der Menschheit, und die Geschichte der Menschheit ist die Geschichte – Gottes!“ (S. 112)

Einer alten Mappe mit dem Titel „Ein Kinderleben“ entnimmt Wachholder verschiedene Erlebnisse mit Elise: Er wachte über sie am Krankenbett, tröstete sie und beobachtete, wie das heranwachsende Kind seiner Mutter immer ähnlicher wurde. Als eines Tages Elises Kanarienvogel starb, beerdigten sie ihn neben dem Grab von Elises Eltern. Elise schlief traurig auf der Bank neben Wachholder ein. Eine schöne ältere Frau bat dort gerührt, das Kind küssen zu dürfen. Am selben Tag hatte Wimmer wegen lästerlicher Zeitungstexte seine Ausweisung aus der großen Stadt erhalten. Wimmer, der sogar den begleitenden Polizisten noch beleidigte, tauchte unter und hinterließ Wachholder einen Abschiedsbrief. Kurz darauf machten Wachholder, Elise und ihr Lehrer Roder einen Ausflug ins Umland. Am Waldrand trafen sie auf den ausgewiesenen Wimmer, der sich mit halb ernstem Pathos von der Stadt verabschiedete und seinem imaginären Nachfolger alles Gute wünschte. Zusammen verbrachte man einen wunderschönen Tag im Wald. Es stellte sich heraus, dass Roder den Doktor schon seit der Schule kannte. Auch dort war Wimmer schon unangenehm aufgefallen. Man entdeckte Roders schriftstellerische Fähigkeiten in einem alten Manuskript, das er bei sich trug, und Elise träumte einen lustigen Traum. Die kleine Gesellschaft beschloss den Tag bei Tanz und Umtrunk in einem Waldgasthaus und verabschiedete Wimmer nach München, wo er einen Onkel und eine Cousine hatte.

Der Krieg und die Sperlingsgasse

Am eiskalten 25. Januar geht Wachholder hinunter zur Tischlerfamilie Karsten und findet dort seinen Nachbarn Strobel, der hier oft sitzt, um Familie und Gesellen zu porträtieren. Großmutter Margarete Karsten, die Dutzende Bewohner der Sperlingsgasse hat kommen und gehen sehen, beginnt auf Wunsch Strobels hin zu erzählen, wie es in den Befreiungskriegen zuging. Franzosen waren 1806 im Haus einquartiert und Margaretes Mann prophezeite ihnen, dass sie nicht länger als zwölf Jahre bleiben würden. Die Franzosen machten sich über ihn lustig. Der Krieg ging hin und her. Eines Tages zog der ältere Sohn der Karstens gegen die Franzosen und starb in einer siegreichen Schlacht. Ein Jahr später wurde ein verwundeter Franzose in den Ort gebracht. Es war einer derjenigen, die damals in der Sperlingsgasse einquartiert gewesen waren. Die Karstens nahmen ihn auf und pflegten ihn gesund. Schon bald zog der zweite Sohn in den Krieg. Auch er starb in einer Schlacht nahe Paris. Beide Söhne erhielten eine Ehrentafel in der Kirche. Zunächst war Vater Karsten stolz darauf, doch immer mehr bedrückte ihn die Tafel. Als die Kirche nach einem Blitzschlag abbrannte, äußerte er sich erleichtert darüber, dass sie nun den Anblick der Tafel nicht mehr ertragen müssten.

„Neue Gesichter sind aufgetaucht, neue Fäden schlingen sich wundersam in unser Leben und damit heute an diesem regnichten, windigen Februartage auch in diese Blätter.“ (S. 127)

Die alte Frau Karsten beendet ihre Geschichte. Alle sind betreten. Selbst Strobel ist der Humor vergangen. Ein Geselle sagt, er wisse, warum der alte Karsten die Tafel nicht mehr sehen konnte. Alle in der Stube wissen es.

Neue Familienangelegenheiten

1842 zogen Helene Berg und ihr Sohn Gustav in das Haus Sperlingsgasse Nummer 12​​​​. Gustav war ein Lausebengel. Immer für einen Streich gut, freundete er sich mit der damals 13-jährigen Elise an. Helene war auch die Frau, die auf dem Friedhof die schlafende Elise geküsst hatte. Eines Tages, als Elise Helene den Ring mit dem Siegel der Seeburgs zeigte, stellte sich heraus, dass Helene die letzte Nachfahrin des alten Grafengeschlechts war. Sie war – wie auch Franz Ralff – ein Kind des Grafen Seeburg, der nach seinem Verschwinden aus Ulfelden damals nach Italien gegangen war und sich verheiratet hatte. Helenes Mutter starb bei der Geburt, der Graf wurde depressiv und starb ebenfalls bald. Helene heiratete einen Arzt, zog mit ihm in die große Stadt, wo sie den gemeinsamen Sohn Gustav bekam. Der Arzt starb und Helene und Gustav lebten nun alleine in direkter Nachbarschaft zu Elise, Gustavs Cousine. Wachholder warf den Ring in einen Fluss und begrub damit die Vergangenheit. Es entsteht ein familiärer Umgang der Bergs mit Wachholder und Elise. Gustav und Elise werden später ein Paar.

„Ich glaube an keine Offenbarung als an die, welche wir im Auge des geliebten Wesens lesen; sie allein ist wahr, sie allein ist untrüglich; in dem Auge der Liebe allein schauen wir Gott ‚von Angesicht zu Angesicht‘.“ (S. 155)

1841 schon erreichte ein Brief des Doktor Wimmer die Sperlingsgasse. Der exilierte Freund berichtete darin von seiner Ankunft in München und seinem Werdegang zum Redakteur der Zeitschrift seines Onkels und zum Verlobten seiner Cousine. Roder, der mittlerweile nach Amerika ausgewandert ist, Elise und Wachholder freuten sich sehr über den Brief. Als Wachholder ihn jetzt, am 28. Februar, wieder liest, ist Strobel bei ihm und macht sich über die selbstgefällige Bürgerlichkeit Wimmers lustig.

Der Tag endet tragisch: Das Kind der Balletttänzerin liegt im Sterben und man hat der Mutter nicht erlaubt, von ihrem Auftritt fernzubleiben – es ist der Geburtstag der Königin. Wachholder wird zum todkranken Kind hinaufgeholt und muss erleben, wie die verzweifelte Mutter noch im Bühnenkostüm hereinstürzt. Das Kind stirbt in ihren Armen.

„Ich werde von der Vergangenheit im Präsens und von der Gegenwart im Imperfektum sprechen, ich werde Märchen erzählen und daran glauben, Wahres zu einem Märchen machen und zuerst – die bekritzelten Blätter des Meisters Strobel der Chronik anheften!“ (S. 173)

Elise wuchs zur jungen Frau heran, Gustav wurde Maler und lernte im benachbarten Atelier eines Künstlers. Wachholder lässt einen schönen Tag aus dieser Zeit Revue passieren. Man machte zu viert einen Ausflug zum Tanz im Wasserhof. Wachholder und Helene begleiteten Elise und Gustav auf die Veranstaltung. Dort kam es zu allerlei turbulenten Verwicklungen auf und neben der Tanzfläche. Doch Gustav konnte mit Charme und Witz die Situation beruhigen und alles löste sich in Wohlgefallen auf.

„(…) die wahre, lautere Quelle jeder Tugend, jeder wahren Aufopferung ist die traurig süße Vergangenheit mit ihren erloschenen Bildern, mit ihren ganz oder halb verklungenen Taten und Träumen.“ (S. 183)

Wachholder beschließt, die soeben geschriebenen Chronikblätter zu Helene hinüberzubringen und mit ihr über Gustav und Elise zu sprechen.

Nachbarschaftliche Beiträge

14. März – Strobel ist bei Wachholder und moniert gut gelaunt das Durcheinander der bisherigen Chronik. Wachholder erinnert ihn daran, dass er doch selbst etwas zur Chronik beitragen wollte; nun sei der Moment gekommen. Wachholder geht und überlässt Strobel die Fortführung seiner Chronik. Als er zurückkommt, findet er tatsächlich Aufzeichnungen von seinem Nachbarn. Unter dem Titel „Strobeliana“ nimmt er sie in seine Chronik auf: Nachdem Strobel sich über das aktuelle Wetter, einen Ausspruch auf der Gasse und eine Fliege in Wachholders Stube Gedanken gemacht hat, stellt er fest, dass er selbst die Sprunghaftigkeit der bisherigen Blätter übernimmt und an dieser Art des Schreibens sogar Gefallen findet.

„Wie so viele Herzen fast brechen wollten, um ein neues Glück aufsprießen zu lassen! Das ist die große, ewige Melodie, die der Weltgeist greift auf der Harfe des Lebens und welche die Mutter im Lächeln ihres Kindes, der Denker in den Blättern der Natur und Geschichte wahrnimmt.“ (S. 205)

Strobel erzählt eine Geschichte aus seiner Vergangenheit. Er erlebte einst in Braunschweig am Weserufer einen eindrücklichen Tag: hier ein protestantischer Gottesdienst, am westfälischen Ufer drüben eine katholische Prozession. Hier eine Mutter, die nicht in die Kirche ging, weil sie sich um ihre Kinder kümmern musste, und dort auf der Weser ein Schiff voller Auswanderer auf dem Weg zur Nordsee. Strobel lässt, den Tacitus zur Hand, die historischen Stätten der Umgebung auferstehen: Die Schlacht am Teutoburger Wald mischt sich in seine Beobachtungen vor Ort, das Leid der einst Kämpfenden mischt sich mit dem Unglück der Auswanderer. Strobels Tag in Braunschweig endete in schlechter Stimmung. Durch plötzlichen Krach in der Sperlingsgasse wird Strobel schnell ins Hier und Jetzt zurückgeholt. Er beendet seine Eintragung und verflucht den von ihm geschriebenen Nonsens.

Traum und Abschied

21. März – Wachholder lobt die Erinnerung. Sie ist das Prinzip, das den Anfang des Menschen mit dessen Ende verbindet. Für nichts auf der Welt würde er auf die Erinnerung an seine unerfüllte Liebe verzichten, selbst wenn dadurch der Schmerz verschwände. Er beschreibt einen Abend, an dem Elise und Gustav – sich unbeobachtet wähnend – einander am Fenster seiner Wohnung ihre Liebe gestanden. Anschließend unternahmen die beiden mit ihm und Helene einen Spaziergang im Mondschein. Am Springbrunnen auf dem Schlossplatz erzählte Elise einen Traum. Darin entpuppte sich ein Mondstrahl als ein Gewimmel geflügelter, durchsichtiger Wesen. Elise selbst verwandelte sich in eines von ihnen und besuchte mit ihnen kranke Nachbarn, um sie zu heilen. Die Lichtgeister gerieten durch misstönende Hausmusik in der Nachbarschaft in Gefahr, wurden gerettet – und der Traum war zu Ende. Später am Abend bricht ein Gewitter los, doch die Spaziergänger erreichen gerade noch rechtzeitig das Haus in der Sperlingsgasse.

15. April – Strobel will wieder auf Wanderschaft gehen. Er steht mit Stock und Hut in der Gasse und bittet Wachholder, zum Abschied ein Stückchen mit ihm zu gehen. Sie besuchen eine arme Familie, die ebenfalls auf gepackten Sachen sitzt. Strobel wird sie nach Hamburg begleiten, von wo sie nach Amerika reisen wollen. Am ersten Mai, dem Jahrestag der Hochzeit von Elise und Gustav, macht Wachholder den letzten Eintrag seiner Chronik. Das Paar lebt jetzt glücklich in Rom und lässt Helene und Wachholder durch Briefe an ihrem Glück teilhaben. Die alte Martha ist gestorben und neben Maries Grab beigesetzt. Der Chronist beendet sein Werk kurz nach Mitternacht mit Grüßen an die kleine Gasse, das große Vaterland und an die Liebe.

Zum Text

Aufbau und Stil

Die Chronik der Sperlingsgasse besteht aus 21 Eintragungen, die sich vom 15. November bis zum 1. Mai erstrecken. Innerhalb dieser Zeit werden Ereignisse aus einem Zeitraum von drei Generationen und etwa 60 Jahren berichtet. Die meisten dieser Erzählungen werden vom fiktiven Erzähler Johannes Wachholder in der Ich-Perspektive vorgetragen. Es finden sich aber auch fremde Eintragungen, etwa von der Hand des Zeichners Strobel, zudem Briefe, wiedergegebene Erzählungen und andere Aufzeichnungen Wachholders aus früheren Zeiten. Die Ereignisse sind nicht chronologisch, sondern in Vor- und Rückgriffen erzählt, die an die Gegenwart gebunden werden. Auf diese Weise ergibt sich eine Collage verschiedener Geschichten, die sich erst nach und nach zum Gesamtbild zusammenfügen. Der Text verwendet gelehrte Zitate oder Andeutungen sowie lateinische Sinnsprüche. Er verweist zudem auf aktuelle und historische politische Ereignisse. Die Figurenrede enthält oft Ironie und auch der Erzähler arbeitet damit. An mehreren Stellen wird der Leser direkt angesprochen und mit „wir“ in die allgemeinen Aussagen eingebunden. Vereinzelt wird in der Figurenrede sozial und regional bedingte Mundart wiedergegeben. Beim Text des Erzählers wechselt der Autor zudem immer wieder ins Präsens.

Interpretationsansätze

  • Der Roman lässt sich als Gegenposition zum Realismus lesen, der etwa ab 1848 als literarische Strömung aufkam. Seine mosaikartige Struktur, die sehr präsente Figur des Erzählers, die direkte Leseranrede und eine Sprache, die mit Pathos nicht spart, knüpfen eher an romantische Traditionen an. 
  • Der Text macht das Erinnern zum Thema: Wachholders Erzählen springt zwischen den Zeiten hin und her und spiegelt so den psychischen Prozess des Erinnerns wider als eine Reihe ungeordneter Gedankensprünge. Damit behauptet der Text die Unmöglichkeit des linearen Erzählens – und wird dadurch modern.
  • Ein weiteres Motiv ist das Phänomen der Urbanisierung. Raabe liefert mit seiner Chronik einen der ersten deutschsprachigen Texte, der die Großstadt als psychischen Faktor beschreibt. Es geht bei ihm weniger um Beschreibung der sichtbaren Merkmale der Stadt als um die emotionale Wirkung, die sie auf den Menschen haben.
  • Eingebettet in die Geschichte finden sich viele zeitkritische Kommentare. Vom harten Schicksal der Auswanderer über die Lächerlichkeit der Ordnungsbehörden bis zum unfreien Leben der kleinen Leute wird immer wieder auf die Restaurationspolitik nach der gescheiterten Revolution von 1848 angespielt.
  • Der Roman verfolgt eine nationalistische Agenda. Die Figuren  – allen voran der Erzähler Wachholder – betonen mehrfach, dass es bei allen politischen Verwerfungen der Zeit vor allem darum geht, die deutsche Einheit nicht aus den Augen zu verlieren. Der Text lässt sich so auch als Appell lesen: Es gilt, die Kleinstaaterei zu beenden und einen gesamtdeutschen Nationalstaat mit liberaler Prägung zu gründen. Als Vorbild dafür dient das Modell der Nachbarschaft.
  • Raabe weist dem Wetter eine transzendentale Rolle zu; es ist die Verbindung von Welt und Mensch. Die Erzählungen heiterer Begebenheiten der Vergangenheit verknüpft er mit heiterem Wetter in der Erzählgegenwart, die düsteren Geschichten mit Kälte, Regen und Sturm. Das betont die Eingebundenheit des Menschen in den natürlichen, göttlichen Zusammenhang.
  • In dem Roman zeigt sich das Große im Kleinen: Anhand der Sperlingsgasse entwickelt Raabe ein Panorama der gesamtdeutschen Verfassung nach der gescheiterten Revolution von 1848. Die gesellschaftlichen Umstände und landesweiten Umbrüche finden sich im Schicksal der einfachen Leute wieder.

Historischer Hintergrund

Die soziale Frage und die Auswanderung

In den zehn Jahren von 1847 bis 1857 wanderten rund 1,5 Millionen Deutsche aus. Allein im Entstehungsjahr der Chronik der Sperlingsgasse, 1854, waren es 200 000. Die Gründe dafür lagen in der Gesamtsituation Deutschlands. Die großen Hoffnungen, die sich an die Revolution von 1848 geknüpft hatten, waren nicht erfüllt worden. Schritt für Schritt kassierte der Adel die zunächst eingeräumten Mitspracherechte des Bürgertums wieder ein. Und da den reichen und einflussreichen Bürgern mehr Rechte belassen wurden als dem Rest der Bevölkerung (in Preußen besonders durch das Drei-Klassen-Wahlrecht), hatte man die Bourgeoisie auf seiner Seite. Revolutionäre Bestrebungen im Großbürgertum verebbten, die Kapitalisten arrangierten sich mit den Mächtigen. Verlierer dieser Entwicklung waren die besitzlosen Stände, unter anderem das Industrieproletariat. Unter menschenunwürdigen Bedingungen hausten Familien in schnell gebauten, viel zu kleinen Wohnungen. Erwachsene und oft auch Kinder mussten unter Bedingungen arbeiten, die sie krank machten und die Lebenserwartung drastisch verringerten. Tägliche Arbeitszeiten zwischen 12 und 14 Stunden waren die Regel, vereinzelt lagen sie sogar darüber. Wer es sich leisten konnte, wanderte aus.

Unter den Millionen Auswanderern waren auch viele bürgerliche Intellektuelle und politisch Verfolgte, die nach dem Scheitern der Revolution um ihre Existenz fürchten mussten. Es dauerte noch bis in die 1860er-Jahre, bis sich die Arbeiterbewegung in Parteien zu organisieren begann. Ein Meilenstein hierbei war die Gründung des Allgemeinen Deutschen Arbeitervereins (ADAV) 1863 durch Ferdinand Lassalle, aus dem sich später die SPD entwickelte. Erst jetzt konnten die Bedingungen für die Arbeiter allmählich verbessert werden.

Entstehung

Wilhelm Raabe zog 1854 von Wolfenbüttel nach Berlin – nach einer abgebrochenen Buchhändlerlehre in Magdeburg und ohne Abitur. In Berlin besuchte er als Gasthörer an der Universität Vorlesungen in Philosophie, Geografie, Literatur und Kunstgeschichte. Er fand in der großen Stadt kaum Anschluss und fühlte sich einsam. Am 15. November 1854, dem Tag, den er später als seinen „Tag der Federansetzung“ bezeichnete, begann Raabe seine Chronik der Sperlingsgasse, die er zum Teil während der Vorlesungen im Hörsaal schrieb.

Raabe bot das fertige Werk unter dem Pseudonym Jakob Corvinus dem Verleger Franz Stage in Berlin an. Der hatte große Bedenken: Die Chronik entsprach weder dem Muster des langen, in vielen Einzelteilen gut verkäuflichen Romans noch dem vorherrschenden Lesergeschmack, der nach einer chronologisch erzählten Geschichte verlangte. Stage veröffentlichte die Chronik nur gegen Zahlung eines Druckkostenzuschusses in Höhe von 50 Talern und zu der Bedingung, dass Raabe die Textkorrektur selbst besorgte. Als Honorar gestand er dem Autor 50 Freiexemplare seines Buches zu. An literarischen Einflüssen Raabes sind Henry Fielding, Laurence Sterne, Charles Dickens und vor allem der namentlich im Text genannte Jean Paul zu nennen.

Wirkungsgeschichte

Die Chronik der Sperlingsgasse war zunächst kein Publikumserfolg – im Gegenteil: Die geringe Auflage ließ sich trotz guter Kritiken nicht recht verkaufen. Trotzdem verleitete der Zuspruch der Rezensenten Raabe dazu, sich von Berlin nach Wolfenbüttel zurückzuziehen und fortan als freier Schriftsteller sein Glück zu versuchen. Die Chronik gelangte erst in der Wiederauflage durch den Verleger Grote 1877 zu ihrem Durchbruch. Die illustrierte Neuauflage war eher nach dem Geschmack des Publikums und wurde – im Kontrast zu den in der Zwischenzeit entstandenen Werken Raabes – als leichtes idyllisches Erstlingswerk gelesen und geschätzt. Auch passte der Roman in die Euphorie nach der Reichsgründung von 1871. Die Chronik wurde in der Folge zu Raabes meistgelesenem Buch. Zu dessen Lebzeiten erreichte sie eine Gesamtauflage von 70 000 Exemplaren. Raabe selbst ärgerte sich im Nachhinein, dass seine von ihm höher geschätzten Spätwerke hinter diesem Erfolg zurückblieben.

Raabes Erstling hinterließ sogar Spuren im Berliner Stadtbild: 1931 benannte man die Spreegasse, die Raabe als Vorbild für seine Sperlingsgasse nahm, tatsächlich in Sperlingsgasse um. Posthum stieg der Absatz der Chronik erheblich. Ebenfalls im Jahr 1931 wurde die Chronik anlässlich des 100. Geburtstages des Autors in nur drei Monaten rund 120 000 Mal verkauft. Später musste Raabes Gesamtwerk eine Instrumentalisierung durch den Nationalsozialismus über sich ergehen lassen. Federführend war dabei die „Gesellschaft der Freunde Wilhelm Raabes“, die sich 1911 gründete und immer mehr nationalistische und antisemitische Aspekte in Raabes Werk entdecken zu haben behauptete. Erst in den 1960er-Jahren fand eine umfassende Revision Raabes in der deutschen Literaturwissenschaft statt. Nun wurde auch das Frühwerk neu bewertet. Die Chronik wird mittlerweile als wegweisend für Raabes folgende Arbeit und als fast schon moderner, zeitkritischer Text eingeschätzt.

Über den Autor

Wilhelm Raabe wird am 8. September 1831 in Eschershausen im Herzogtum Braunschweig als Sohn eines Juristen geboren. Seine Mutter macht ihn bereits im Alter von fünf Jahren mit Robinson Crusoe bekannt. Ein starker Einfluss ist zudem der Großvater August Raabe, der als schriftstellernder Postrat die Fantasie des Jungen anregt. 1845 stirbt der Vater, die Mutter siedelt mittellos mit den Kindern nach Wolfenbüttel über. Wilhelm versagt auf dem Gymnasium, das er nach der siebten Klasse ohne Abschluss verlässt. Gelobt wird er lediglich für seine zeichnerischen Fähigkeiten und sein sprachliches Talent. Es folgt eine Buchlehre in Magdeburg, die er jedoch nach einem Selbstmord in seinem Bekanntenkreis 1853 verstört abbricht, um zu seiner Mutter nach Wolfenbüttel zurückzukehren. 1854 geht er nach Berlin, um als Gasthörer ohne Abitur Philologie zu studieren. Dort schreibt er ab November 1854 seinen ersten Roman Die Chronik der Sperlingsgasse, der 1856 veröffentlicht wird. Beim Publikum, vor allem aber auch bei der Kritik, ist der Roman ein Erfolg. Raabe entschließt sich, als freier Schriftsteller zu leben. Im Juli 1862 heiratet er Bertha Leiste, mit der er nach Stuttgart zieht. Das Paar bekommt vier Töchter. Um die Familie zu ernähren, ist Raabe enorm produktiv und schreibt im Lauf seines Lebens über 80 Romane, Novellen und Erzählungen. Bekannt werden vor allem Die schwarze Galeere (1861) und Der Hungerpastor (1864). Im Juli 1870 zieht die Familie nach Braunschweig. Die Werke des Autors werden künstlerisch anspruchsvoller, der literarische Erfolg seiner Anfangsjahre bleibt zunehmend aus. Mit Stopfkuchen (1891) sieht Raabe sein Lebenswerk vollendet. Er schreibt nicht mehr viel und widmet sich verstärkt der Malerei. Am 15. November 1910 stirbt er.


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