Zusammenfassung von Die feinen Unterschiede

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Die feinen Unterschiede Buchzusammenfassung

Literatur­klassiker

  • Soziologie
  • Moderne

Worum es geht

Die gnadenlose Herrschaft des guten Geschmacks

Pierre Bourdieus Die feinen Unterschiede ist ein Meilenstein der Soziologie und mit seinem methodischen Ansatz, empirische Beobachtungen und Theorie miteinander zu verknüpfen, immer noch wegweisend. Die grundlegende Erkenntnis des Werks ist intuitiv sofort einsichtig: Zwischen der Position, die jemand in der Gesellschaft einnimmt, und seinem Lebensstil und seinen Vorlieben besteht ein Zusammenhang. Bourdieu zeigt aber, dass dieser Zusammenhang nicht so einfach ist, wie man es sich gewöhnlich vorstellt, weil nämlich unser Geschmack und unsere Vorlieben selbst Mittel sind, um unsere soziale Position zu behaupten und zu legitimieren. Es ist ein relativ düsteres Bild, das Bourdieu da von der Gesellschaft zeichnet: Überall kämpfen Individuen um ihre soziale Position, mit allen Mitteln des guten Geschmacks, selbst noch beim Musikhören. Wenn man einen Blick in seinen Social-Media-Account und den täglichen Newsfeed wirft, kann man nicht umhin, ihm Recht zu geben. 

Take-aways

  • Die feinen Unterschiede gilt als das Hauptwerk des Soziologen Pierre Bourdieu.
  • Inhalt: Unsere kulturellen Vorlieben und unser Geschmack sind das Ergebnis komplexer sozioökonomischer Prozesse. Die Geschmacksurteile der herrschenden Klasse sind vom Willen zur Distinktion geprägt – man will sich vom vulgären Massengeschmack absetzen. Um legitime Geschmacksurteile treffen zu können, braucht man kulturelles Kapital. Führt man kulturelles Kapital neben ökonomischem als weitere Dimension des Sozialraums ein, ergibt sich ein differenzierteres Bild der Gesellschaft. 
  • Bourdieu verknüpft in dem Werk quantitative und qualitative Verfahren der Sozialforschung mit kulturtheoretischen und philosophischen Auseinandersetzungen.
  • Sein Gegenstand ist die französische Gesellschaft der 1960er- und 1970er-Jahre.
  • Für Bourdieu basiert Herrschaft in modernen Gesellschaften nicht nur auf ökonomischer, sondern auch auf symbolischer Macht.
  • Mitte der 60er-Jahre war Bourdieu mit Studien zur Bildungssoziologie bekannt geworden.
  • Ab Ende der 60er-Jahre stand die Analyse kultureller Praktiken im Fokus seiner Arbeit.
  • Die feinen Unterschiede, 1979 erschienen, bildet eine Synthese aus zahlreichen Einzelstudien zu den kulturellen Praktiken der französischen Gesellschaft.
  • 1998 wurden das Buch von der International Sociological Association unter die zehn wichtigsten soziologischen Werke gewählt.
  • Zitat: „Auch kulturelle Güter unterliegen einer Ökonomie, doch verfügt diese über ihre eigene Logik.“
 

Über den Autor

Pierre Bourdieu wird am 1. August 1930 in dem kleinen Dorf Denguin im Südwesten Frankreichs geboren. Der junge Bourdieu fällt in der Schule bald durch hohe Intelligenz auf und wird darum von 1941 bis 1947 auf das Lycée Louis Barthou im 14 Kilometer entfernten Pau geschickt. Spätestens jetzt begreift Bourdieu, was es bedeutet, aus einfachen Verhältnissen zu kommen: Seine Familie kann sich kein Auto leisten, der junge Pierre muss im Gegensatz zu den anderen Kindern die ganze Woche im Lycée bleiben. 1951 gelingt ihm die Aufnahme in die Elitehochschule École Normale Supérieur, wo er bis 1954 Philosophie im Hauptfach studiert. Während seiner Stationierung im Algerienkrieg ab 1955 beginnt er, sich intensiv mit der algerischen Gesellschaft auseinanderzusetzen und sein ethnologisches und soziologisches Interesse zu entwickeln. 1960 nach Frankreich zurückgekehrt, wendet sich Bourdieu der Bildungs- und Kultursoziologie zu. In der Studentenrevolte von 1968 werden Bourdieus Bildungsstudien zu einem wichtigen Bezugspunkt. Sein Hauptwerk Die feinen Unterschiede (La distinction), in das die jahrzehntelange Analyse kultureller Praktiken eingeflossen ist, erscheint 1979. Zwei Jahre später wird er an den Lehrstuhl für Soziologie an das Collège de France berufen. International werden Bourdieus Werke ab den 1980er-Jahren immer stärker rezipiert. In den 1990er-Jahren bezieht er politisch Stellung gegen neoliberale Tendenzen, solidarisiert sich mit streikenden Bahnarbeitern, unterstützt die Arbeitslosenbewegung und wird Mitgründer des globalisierungskritischen Bündnisses Attac. Bourdieu stirbt am 23. Januar 2002 in Paris. 

 

Zusammenfassung

Geschmacksurteil und feine Unterschiede

Die wissenschaftliche Analyse des Konsums kultureller Güter widerlegt die verbreitete Annahme, dieser Konsum beruhe auf spontanen und individuellen Geschmacksentscheidungen. Unsere kulturellen Vorlieben sind vielmehr das Ergebnis komplexer sozioökonomischer Prozesse. Welche Art von Musik wir hören, ob wir uns eher für avantgardistische Kunst oder für Sportveranstaltungen interessieren – unsere kulturellen Aktivitäten hängen maßgeblich von unserer sozialen Herkunft und unserer Ausbildung ab. Verschleiert wird die wahre Natur dieser Prozesse der Geschmacksbildung von einer Ideologie, die den individuellen Geschmack zu einer Naturgabe veredeln will. Für den „Mann von Welt“ ist es unvorstellbar, den eigenen, exquisiten Geschmack – sei es für bestimmte Kunstwerke oder die Wohnungseinrichtung – nicht als Ausdruck seiner Individualität und seines inneren Adels zu interpretieren.

„Auch kulturelle Güter unterliegen einer Ökonomie, doch verfügt diese über ihre eigene Logik.“ (S. 17)

Die herrschende Klasse zeichnet sich neben ihrer ökonomischen Macht durch ihr ästhetisches Urteilsvermögen aus: Sie bestimmt, welche Kunstwerke als legitim und kulturell maßgebend und welche als populär und daher minderwertig gelten. Das Vermögen, ästhetische Urteile zu fällen, selbst wenn sie nur alltägliche Dinge wie die Wohnungseinrichtung betreffen, hebt Individuen voneinander ab, es verleiht Klasse und betont das Anderssein. Im sozialen Gefüge einer Gesellschaft legitimiert dieses Vermögen Rangunterschiede, da eben nicht jeder über den legitimen Geschmack verfügen kann. Die Geschmacksurteile der herrschenden Klasse sind darum wesentlich vom Willen zur Distinktion geprägt, also zur Kenntlichmachung von Unterschieden – Unterschiede, die den eigenen Rang im sozialen Raum beweisen und bekräftigen. Kunstwerke eignen sich hierfür ganz besonders, da ihre Unterteilungen in Epochen, Stilrichtungen, Komponisten usw. die Erzeugung einer endlosen Reihe von Unterscheidungsmomenten erlauben.

Die ästhetische Einstellung

Im Gegensatz zum populären Geschmack der Massen wurzelt der legitime Geschmack in den Prinzipien der reinen Ästhetik. Reine Ästhetik – und die daraus hervorgehende ästhetische Einstellung der Individuen – bedeutet als Beurteilungsgrundlage von kulturellen Werken zunächst die bewusste Distanzierung von den gewöhnlichen, ethischen Einstellungen des Alltags. Wer über eine genuin ästhetische Einstellung verfügt, beurteilt darum zum Beispiel ein Gemälde nicht auf Grundlage des Inhalts, also des Dargestellten, sondern auf Grundlage seiner Darstellungsweise, der Form. Der populäre Geschmack steht dem diametral gegenüber: Er leitet sich aus den Wahrnehmungsschemata des alltäglichen Lebens her. Bei der Betrachtung eines Fotos, auf dem die Hände einer alten Frau zu sehen sind, reagierte ein Arbeiter mit folgenden Worten: „Die hat aber komisch verkrüppelte Hände (…) Die hat hart arbeiten müssen, die Oma. Man könnte glauben, dass sie Rheuma hat (…) Na ja, das rührt mich, wenn ich die Hände dieser armen Frau sehe (…)“. Ein höher gebildeter Ingenieur hingegen reagierte so: „Ich finde, dass das ein sehr schönes Foto ist. Es ist ganz Symbol der Arbeit (…) Es bringt mich auf die alte Bedienstete von Flaubert (…)“.

„Wider die charismatische Ideologie, die Geschmack und Vorliebe für legitime Kultur zu einer Naturgabe stilisiert, belegt die wissenschaftliche Analyse den sozialisationsbedingten Charakter kultureller Bedürfnisse (…)“ (S. 17)

Der Ingenieur enthält sich bei seinem Urteil jeder ethisch grundierten Teilnahme. Er argumentiert abstrakt, indem er den symbolischen Charakter des Bildes hervorhebt, und er stellt ästhetische Bezüge zu anderen künstlerischen Werken her. Der Arbeiter hingegen fällt gar kein ästhetisches Urteil. Er bezieht sich in seiner Reaktion ausschließlich auf den konkreten Gegenstand des Fotos und dessen realen, lebensweltlichen Bedeutungsgehalt. An diesen Aussagen lässt sich erkennen, wie der Erwerb einer rein ästhetischen Einstellung an die Befreiung aus den Zwängen des ökonomisch Notwendigen gebunden ist. Erst die gesicherten materiellen Existenzbedingungen erlauben es, jene vornehme Distanz einzunehmen, aus der sich die naive Identifizierung mit dem „menschlichen“ Gehalt eines Kunstwerks verbietet. Die ästhetische Einstellung ist darum als Facette eines Verhaltens zu sehen, das einerseits Distanz zu den Zwängen und Nöten der materiellen Welt voraussetzt, andererseits die Akkumulation von kulturellem Kapital.

Kulturelles Kapital und seine Erwerbsformen

Möchte man ein künstlerisches Werk historisch richtig einordnen und ästhetische Bezüge zu anderen Werken herstellen, um nicht in den Modus des naiven Betrachters zu verfallen, muss man über kulturelles Vorwissen verfügen. Im sozialen Raum nimmt dieses Wissen die Form von Kapital an, da es Handlungsspielräume eröffnet und zur Bewahrung und Verbesserung der sozialen Position dienen kann. Die zwei Hauptfelder zur Vermittlung von kulturellem Kapital sind Familie und Bildungsinstitutionen. In der Art und Weise, wie in ihnen kulturelles Kapital erworben wird, unterscheiden sie sich fundamental voneinander. Wer schon im Schoß der Familie den ungezwungenen Umgang mit legitimer Kultur verinnerlicht, dem wird die Gewissheit, im Besitz der kulturellen Legitimität zu sein, zur zweiten Natur. Hingegen mag sich ein Gelehrter mit einer sozial schwächeren Herkunft zwar in Schule und Universität ein umfangreiches kulturelles Wissen erworben haben, doch klebt an solchem schulischen Wissen auch immer der Makel des „Pedantischen“. Kulturelles Kapital ist also nicht nur eine Summe von Kenntnissen, es umfasst auch Manieren, Umgangsformen usw. Die Art, wie kulturelles Kapital erworben wurde, bestimmt maßgeblich den effektiven Nutzen, den es in verschiedenen gesellschaftlichen Feldern entfalten kann.

Der soziale Raum und der Raum der Lebensstile

Der Konsum kultureller Güter mit hoher Legitimität, der weitestgehend der herrschenden Klasse vorbehalten ist, wird durch eine magische Barriere von den ordinäreren Genüssen niederer Klassen getrennt. Um die systematischen Zusammenhänge aufzuzeigen, die zwischen der objektiven Klassenlage im sozialen Raum und den kulturellen Praktiken, also den verschiedenen Lebensstilen, bestehen, muss diese Barriere niedergerissen werden. Scheinbar Unvergleichbares, wie Musik- und Gaumenvorlieben, bevorzugte Literatur und Lieblingsfrisur, können dann zusammen in den Blick geraten. Für die Konstruktion objektiver Klassen bedarf es der Bestimmung jener Gruppe von Akteuren, die gleichartigen Lebensbedingungen unterworfen sind. Indem diese Klassen durch ihre Berufsbezeichnungen gekennzeichnet werden, soll ausgedrückt werden, dass die praktischen Handlungen von Akteuren in erster Linie von ihrer Stellung in den gesellschaftlichen Produktionsverhältnissen abhängen. Das Datenmaterial, das zur Konstruktion des sozialen Raums herangezogen wurde, basiert auf mehreren Erhebungen von 1963 bis 1972 und bezieht sich unter anderem auf Freizeitbeschäftigungen, Ausbildung und Berufsqualifikation, Berufsgruppe und Schulabschluss des Vaters sowie Einkommenshöhe.

„Der Ästhetizismus (…) beinhaltet eine Art moralischen Agnostizismus und steht damit in krassem Gegensatz zur ethischen Einstellung, die gerade die Kunst dem Leben und dessen Werten unterordnet.“ (S. 90)

Die Grunddimensionen des sozialen Raums werden durch Volumen und Struktur des Kapitals definiert. Das Kapitalvolumen bezeichnet dabei das Gesamtvolumen des Kapitals, das heißt die Summe aus kulturellem und ökonomischem Kapital. Die Kapitalstruktur ergibt sich aus dem spezifischen Verhältnis dieser Kapitalformen zueinander. So haben Handelsunternehmer und Industrielle auf der einen sowie Hochschullehrer und Kunstproduzenten auf der anderen Seite gemeinsam, dass sie über viel Kapital verfügen – in der Darstellung des sozialen Raums in Form eines Diagramms sind sie darum oben positioniert. Jedoch unterscheiden sie sich danach, wie ihr Kapital zusammengesetzt ist. Bei Ersteren überwiegt ökonomisches, bei Letzteren kulturelles Kapital. Die Kapitalstruktur wird im Diagramm des sozialen Raums durch die horizontale Positionierung ausgedrückt: je weiter links, desto mehr kulturelles, je weiter rechts, desto mehr ökonomisches Kapital. Es fällt dabei auf, dass die Kapitalstruktur in der Mittelklasse die gleiche Symmetrie aufweist wie in der herrschenden Klasse: Auch hier ist von den Volksschullehrern zu den mittleren Industrieunternehmern eine Abnahme des kulturellen bei gleichzeitiger Steigerung des ökonomischen Kapitals zu verzeichnen.

„Der Habitus ist nicht nur strukturierende (…), sondern auch strukturierte Struktur (…).“ (S. 279)

Um die Korrespondenz zwischen der Struktur des sozialen Raums sowie der Struktur des Raums der Lebensstile zu erfassen, kann man nun, wie mit einem Transparentpapier, über das erste Diagramm ein zweites Diagramm der kulturellen Praktiken legen, das aus derselben Erhebung hervorgeht. Sofort wird erkennbar, dass soziale Positionen mit bestimmten kulturellen Vorlieben korrespondieren. So ist der Besitz eines Klaviers am meisten Sache der Freiberufler, das Wandern ist vor allem leitenden Angestellten und Lehrern des Sekundarbereichs eigen und das Schwimmen ist in der Mitte zwischen dem neuen Kleinbürgertum und den Ingenieuren angesiedelt. Auf diese Weise wird jede Gruppe von einem Ensemble der wichtigsten  – und also distinktivsten – Merkmale ihres Lebensstils charakterisiert.

Der Habitus

Es wäre nun noch ein drittes Schema einzuführen, das den Zusammenhang und die Wechselwirkungen zwischen der objektiven Klassenlage und den Lebensstilen beschreibt. Dieses Schema repräsentiert den theoretischen Raum des Habitus. Der Habitus ist das systematische und klassenspezifische Prinzip des Handelns, Wahrnehmens und Denkens sozialer Individuen. Möchte man eine Analogie heranziehen, könnte man sagen: Der Habitus ist wie eine Handschrift, die ungeachtet aller Unterschiede in Größe, Material und Farbe der Schreibunterlage oder des Schreibmaterials immer typische, erkennbare Spuren hinterlässt. Der Habitus bewirkt, dass die Gesamtheit der Praxisformen eines Akteurs systematischen Charakter tragen und sich systematisch von Praxisformen eines anderen Lebensstils unterscheiden. So liegt zum Beispiel der Arbeitsmoral eines alten Kunsttischlers, den ästhetischen Ansprüchen, die er an seine Arbeit stellt, und der Vorliebe für Pflege und Geduld ein System von Dispositionen zugrunde, das sich ebenso auf sein Weltbild, sein sprachliches Ausdrucksvermögen und seine Art, sich zu kleiden, erstreckt. Um sich also nicht in der Vielzahl und Buntheit der Praktiken zu verlieren, gilt es, die Lebensstile als systematische Produkte des Habitus zu begreifen und den Habitus wiederum als einheitsstiftendes Erzeugungsprinzip.

Herrschende Klasse, Kleinbürgertum, Arbeiterklasse

Die empirische Analyse kultureller Praktiken der Oberklasse zeigt den Antagonismus der Lebensstile zwischen Unternehmern auf der einen und Hochschullehrern und Künstlern auf der anderen Seite. Den Habitus der kulturell reicheren und ökonomisch ärmeren Fraktion kann man auf den Begriff des asketischen Aristokratismus bringen. Beim Besuch von Theatern, Ausstellungen oder Filmen suchen Intellektuelle zum Beispiel das Maximum an kultureller Leistung zu den geringsten ökonomischen Kosten. Diese Aneignungsweise von Kunst zielt auf den symbolischen Ertrag des künstlerischen Werks selbst. Für die herrschende ökonomische Fraktion hingegen ist der Theaterabend ein Anlass zur Demonstration kostspieliger Ausgaben: Sie kleiden sich vornehm, kaufen die teuersten Plätze und speisen nach der Vorstellung ausgiebig. Hier zeigt sich, dass Distinktionsgewinne bei ein und derselben kulturellen Praxis auf sehr unterschiedliche Art erzielt werden können.

„Der Besuch von Theatern, Ausstellungen oder wertvollen Filmen hat für die gestandenen oder angehenden Intellektuellen aufgrund seiner Häufigkeit (…) nicht das geringste Außergewöhnliche: Sie suchen gewissermaßen ein Maximum an ,kultureller Leistung‘ zu den geringsten ökonomischen Kosten (…)“ (S. 420)

Das Verhältnis des Kleinbürgertums zur Kultur ist von einem Abstand zwischen den tatsächlichen Kenntnissen und der Anerkennung dieser Kultur geprägt. Das Kleinbürgertum zeichnet sich daher durch einen besonderen Bildungseifer aus, der häufig mit einer Ergebenheit gegenüber den legitimen Praktiken und Werken der Kultur verbunden ist sowie mit dem gleichzeitigen Gefühl der Unzulänglichkeit gegenüber diesen Praktiken und Werken. Weil es ihm an ästhetischem Urteilsvermögen fehlt, ist der Kleinbürger dafür anfällig, mittlere Kultur mit legitimer Kultur zu verwechseln, also zum Beispiel Operetten für „ernste Musik“ zu halten, Populärwissenschaft als Wissenschaft aufzufassen usw. Distinktionsgewinne erzielt das Kleinbürgertum vor allem durch die bewusste Abgrenzung gegen den „vulgären“ Geschmack der unteren Klassen.

„Dies alles kann das tiefsitzende Misstrauen (…) der Unterdrückten gegenüber der politischen Sprache nur verstärken, jener Sprache, die wie alles Symbolische auf der Seite der Herrschenden steht (…).“ (S. 726)

Die einzige ausdrückliche Geschmacksnorm der unteren Klasse bildet das Konformitätsprinzip, das jeden Versuch, aus der Reihe zu tanzen, sanktioniert. Bezüglich bestimmter Phänomene der legitimen Kultur heißt es dann: „So was ist nicht für unsereins.“ Was über das Notwendige hinausgeht, wird als Verschwendung empfunden, und da die Aneignung von kulturellen Gütern keine Distinktionsgewinne verspricht, legt man das Geld lieber „auf die hohe Kante“. Es bildet sich ein Notgeschmack heraus, in dem das, was dem Konformitätsprinzip entspricht, begrüßt und der Mangel internalisiert wird.

Das politische Urteil

Ebenso wenig wie Kultur und Geschmack lassen sich politische Haltungen auf eine quasinatürliche Anlage zurückführen, die ihren Ausdruck in der „persönlichen Meinung“ jedes Einzelnen findet. Auch die politische Meinungsbildung unterliegt sozialen Mechanismen, deren Funktionsweise man an den Ergebnissen politischer Meinungsumfragen nachvollziehen kann. Hier zeigt sich zum Beispiel, dass sich das Antwortverhalten der sozial tiefer stehenden Klasse bedeutend ändert, wenn politische Fragen in eine alltäglichere Sprache übersetzt werden. Indem der politische Diskurs eine scharfe Trennung zwischen Ethos und Logos vollzieht, also zwischen praktischer Erfahrung und systematischer Begrifflichkeit, schließt er all jene sozialen Gruppen aus, die nicht über die legitimen Ausdrucksmöglichkeiten verfügen.

Zum Text

Aufbau und Stil

Pierre Bourdieus Die feinen Unterschiede ist ein höchst umfangreiches Werk. Auf über 900 Seiten entwirft der Autor eine sowohl inhaltlich als auch formal komplexe Argumentationsstruktur. Bourdieu verknüpft eine Reihe quantitativer und qualitativer Verfahren der Sozialforschung mit kulturtheoretischen und philosophischen Auseinandersetzungen. Im ersten der drei Hauptteile beispielsweise untersucht er fakten- und zahlenreich die Beziehung zwischen "legitimem Geschmack" und schulischer Bildung. Parallel dazu entwickelt er eine Theorie dieses legitimem Geschmacks in Anlehnung an Immanuel Kants Überlegungen zur ästhetischen Urteilskraft. Diese Gleichzeitigkeit von anspruchsvoller Theorie und empirischer Analyse ist eines der Kernmerkmale des Werks. Die empirische Ausrichtung zeigt sich dabei auch an der Fülle von Diagrammen, Statistiken, Fotos und grafisch hervorgehobenen Interviewausschnitten, die das Buch durchziehen – es ist voll von lebensgesättigten Zeugnissen der französischen Gesellschaft der 1960er- und 1970er-Jahre. Sie stellen eine angenehme und oft unterhaltsame Abwechslung dar, denn die ellenlangen Nebensatzkonstruktionen Bourdieus können auch die Konzentration des geneigtesten Lesers manchmal erschöpfen.

Interpretationsansätze

  • Inwiefern moderne westliche Gesellschaften Klassengesellschaften sind, ist seit Mitte des 20. Jahrhunderts in der Soziologie eine umstrittene Frage. Bourdieu bezieht mit seinem Werk eindeutig Stellung: Auch die moderne Gesellschaft ist eine Klassengesellschaft. Aber diese Klassen konstituieren sich nicht nur durch ihre  ökonomischen Ressourcen, sondern auch durch ihre kulturellen Praktiken.
  • Für Bourdieu basiert Herrschaft in modernen Gesellschaften nicht nur auf ökonomischer, sondern auch auf symbolischer Macht. Indem er also die legitime Kultur – und damit die Kultur der Herrschenden – einer umfassenden Kritik unterzieht, kritisiert er auch die subtilen symbolischen Herrschaftsmethoden moderner Gesellschaften.
  • Bourdieu, der selbst aus einfachen Verhältnissen stammte, setzte sich zeitlebens kritisch mit seiner eigenen Rolle als Intellektueller auseinander. Für Bourdieu sind Intellektuelle keineswegs „freischwebend“ oder „klassenlos“, wie es teilweise ihrem Selbstverständnis entspricht. In Die feinen Unterschiede zeigt er, welchen spezifischen Standpunkt Intellektuelle im sozialen Gefüge einnehmen – und warum sie zur herrschenden Klasse gehören.
  • Die theoretischen Konzepte, die hinter den Begriffen „Habitus“, „Feld“ und „Kapital“ stehen, entwickelte Bourdieu in mehreren Arbeiten in den 1970er-Jahren, also bereits vor Die feinen Unterschiede. Die empirischen Daten gehen sogar auf Studien bis in das Jahr 1963 zurück. In diesem Werk geht es Bourdieu also weniger um die Herleitung als vielmehr um die Anwendung seiner theoretischen Ideen. In vielerlei Hinsicht ist das Werk als eine Synthese seiner vielfältigen Forschungsinteressen zu verstehen.
  • Mit seinem Habitus-Konzept versucht Bourdieu, den Dualismus zwischen strukturalistischer Gesellschaftstheorie und individualistischer Handlungstheorie zu überwinden. Er verwirft damit sowohl strukturalistische Vorstellungen, die den Menschen ausschließlich als gesellschaftlich determiniert beschreiben, als auch die existenzialistische Bestimmung des Menschen als „zur Freiheit verdammt“ im Sinne Jean-Paul Sartres. 

Historischer Hintergrund

Frankreichs engagierte Intellektuelle

Spätestens seit der französische Schriftsteller Émile Zola 1898 mit einem offenen Brief Einspruch gegen die Verurteilung des zu Unrecht des Hochverrats beschuldigten Offiziers Alfred Dreyfus erhob, ist die Figur des kritisch engagierten Intellektuellen aus dem öffentlichen Leben in Frankreich nicht mehr wegzudenken. Mehr als jeder andere verkörperte Jean-Paul Sartre in den 1950er- und 1960er-Jahren diese Spezies von Intellektuellen, indem er öffentlichkeitswirksam Partei für antikoloniale und linke Bewegungen ergriff und gegen die Menschenrechtsverletzungen des französischen Militärs im Algerienkrieg demonstrierte. Sartres Solidarität mit kommunistischen und rebellischen Bewegungen ging so weit, dass er 1974 sogar den RAF-Terroristen Andreas Baader im Gefängnis besuchte, was nicht nur in bürgerlichen Kreisen Befremden auslöste. 

Anfang der 1960er-Jahre verbreitete sich im Umkreis des Ethnologen Claude Lévi-Strauss erstmals des Konzept des Strukturalismus als ein Gegenentwurf zu Sartres dominierendem Existenzialismus. Anders als bei Sartre war das Verhältnis der Strukturalisten zur kommunistischen Bewegung – und auch zu den Studentenrevolten von 1968 – von widersprüchlichen Dynamiken geprägt. Die avantgardistische Zeitschrift Tel Quel zum Beispiel, zu deren Autoren führende Vertreter der strukturalistischen Bewegung wie Roland Barthes und Michel Foucault gehörten, sagte sich 1971 von der Kommunistischen Partei Frankreichs los und unterstützte fortan den Maoismus. Schon 1976 endete aber diese Unterstützung und in einer Ausgabe von 1977 wurden die Vorzüge des Individualismus in den USA gepriesen. Der endgültige Bruch zwischen der Kommunistischen Partei Frankreichs und den Intellektuellen erfolgte 1979, als deren Parteichef die Invasion sowjetischer Truppen in Afghanistan befürwortete.

Entstehung

Ab Anfang der 1960er-Jahre untersuchte Pierre Bourdieu die gesellschaftlichen Reproduktionsweisen des Bildungssystems in Frankreich. Gemeinsam mit seinem Kollegen Jean-Claude Passeron veröffentlichte er 1964 das Buch Die Erben. Studenten, Bildung und Kultur. Bourdieu und Passeron konnten darin zeigen, dass der Erfolg im französischen Bildungssystem maßgeblich von der familiären Sozialisation abhing und damit also keineswegs Chancengleichheit herrschte. Für die Studenten, die an der Revolte 1968 in Paris teilnahmen, wurde das Buch zu einem wichtigen Referenzpunkt. Bourdieu erlangte so Ende der 1960er-Jahre in Frankreich weite Bekanntheit.

Neben seinen Untersuchungen zum Bildungssystem beschäftigte sich Bourdieu von Mitte der 1960er-Jahre an auch zunehmend mit den sozialen Bedingungen des Kulturkonsums, etwa in einer Studie zur sozialen Gebrauchsweise der Fotografie, die 1965 erschien. Ab 1969 leitete Bourdieu das Centre de sociologie de lʼéducation et de la culture in Paris. Ihm gelang es dort, eine Gruppe von talentierten und motivierten Forschern um sich zu scharen. Teamarbeit hatte seinen Forschungsstil schon längere Zeit geprägt: Die meisten Veröffentlichungen der 1960er-Jahre waren in Kollektivarbeit entstanden. Die Analyse kultureller Praktiken in ihrer unterschiedlichen Legitimität stand ab Ende der 1960er-Jahre im Fokus seiner Arbeit. Die Synthese dieser zahlreichen Einzeluntersuchungen zu einer umfassenden Strukturanalyse der Gegenwartsgesellschaft mündete schließlich 1979 in der Veröffentlichung von Die feinen Unterschiede.

Wirkungsgeschichte

Die Resonanz auf Die feinen Unterschiede fiel in den dominanten Richtungen der Soziologie zunächst eher verhalten und häufig negativ aus. Bourdieu hatte sich mit seinem Ansatz gleich zu mehreren wissenschaftlichen Fronten quergestellt: Die Marxisten konnten mit der Auflösung des ökonomischen Klassenbegriffs nichts anfangen, und Anhänger von kulturkritischen Theorien glaubten, durch die Nivellierung der Lebensstile sei der Klassenbegriff veraltet. Zudem passte sein Ansatz, Theorie und Empirie gleichberechtigt als Quelle wissenschaftlicher Erkenntnis zu gebrauchen, in kein bisher gekanntes Schema. So wurde das Buch paradoxerweise entweder als „theorielos“ oder „überkomplex“ abgelehnt.

In den 1980er-Jahren gewann Bourdieus Ansatz jedoch immer mehr Anhänger und seine Methoden und Konzepte befruchteten „querdenkende“ Disziplinen, die den Gegensatz zwischen objektivistischer und subjektivistischer Klassenanalyse überwinden wollten. Vor allem der Begriff des Habitus und das dahinterstehende Konzept machten in nahezu allen Gebieten der Geisteswissenschaft eine furiose Karriere. Bei einer Umfrage der International Sociological Association 1998 nach den 100 wichtigsten soziologischen Werken erreichte Die feinen Unterschiede den sechsten Platz. Für Bourdieu bedeutete das Werk den endgültigen Durchbruch: 1981 wurde er auf den Lehrstuhl für Soziologie am Collège de France berufen – eine der höchsten akademischen Positionen, die ein Wissenschaftler in Frankreich erreichen kann.


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