Zusammenfassung von Die Klage des Friedens

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Die Klage des Friedens Buchzusammenfassung

Literatur­klassiker

  • Politik
  • Renaissance

Worum es geht

Eine Grundschrift des Pazifismus

Krieg und Frieden, das ist ein zentrales und immer aktuelles Thema, das das Schicksal von Staaten und Menschen bestimmt. Der bedeutendste Gelehrte seiner Zeit, der Humanist Erasmus von Rotterdam, lässt in diesem schmalen Buch die Friedensgöttin Pax selbst eine Rede halten. Sie beklagt, dass sie nirgends einen ruhigen Platz findet, an dem sie ihre fruchtbare Wirkung für die Menschheit entfalten kann. Erasmus liest den Geistlichen und Herrschern seiner Zeit die Leviten, indem er ihnen ständig den Widerspruch vor Augen hält, sich zum christlichen Glauben zu bekennen und ihm entgegengesetzt zu handeln. Die vielen Gründe, die von Herrschern als Ursachen für Kriege genannt werden, geißelt er als kleinlich und nichtig. Seine scharfsinnigen Analysen und Fragen verdichten sich zu einer Anklage, mit der er dem Leser die völlige Absurdität des Krieges ins Bewusstsein ruft. Der kriegerischen Gegenwart stellt er die Utopie einer sich friedlich entwickelnden, vernünftig handelnden Gesellschaft entgegen. Frieden ist machbar, lautet die Botschaft von Erasmus. Seine Klage des Friedens ist der Form nach etwas für Genießer humanistischer Rhetorik, ihr Inhalt ist leider auch 500 Jahre nach ihrer Entstehung noch immer höchst aktuell.

Take-aways

  • Die Klage des Friedens ist eines der wichtigsten Werke des Humanisten Erasmus von Rotterdam.
  • In der 1517 erschienenen pazifistischen Schrift ist die Friedensgöttin Pax auf rastloser Suche nach Frieden.
  • Krieg ist zutiefst inhuman. Sowohl die menschliche Natur als auch die Vernunft fordern ein friedliches Miteinander, weil Krieg nur wenigen nutzt, aber vielen schadet.
  • Vor allem das Volk hat unter dem Krieg zu leiden: Durch die Zerstörung von Eigentum und fehlgeleitete Rüstungsausgaben wird es an seiner Entwicklung gehindert.
  • Zwischen Gelehrten und Geistlichen herrscht ebenso Streit wie zwischen Herrschern. Kleinliche Anlässe werden zu Kriegsgründen.
  • Das Ziel christlichen Strebens ist die höchste Einigkeit der Seelen untereinander und mit Gott. Dies ist der ewige Frieden.
  • Das Christentum verbindet die Menschen zu Brüdern. Umso verwerflicher ist die Unterstützung des Krieges mit Worten und Taten durch Geistliche.
  • Mit Kriegen schwächen sich die Christen gegenseitig und geben ein schlechtes Beispiel für Angehörige anderer Religionen.
  • Bündnisse und Verschwägerungen der Königshäuser haben sich als untaugliche Mittel erwiesen, den Frieden zu erhalten.
  • Herrscher sollen sich am Allgemeinwohl orientieren. Die materiellen und moralischen Kosten eines Krieges werden sie vom Nutzen des Friedens überzeugen.
  • Erasmus hat Die Klage des Friedens als Rede für einen Friedenskongress geschrieben, der aber nie stattfand.
  • Der Text wurde rasch aus dem Latein in alle europäischen Sprachen übersetzt. Viele Geistliche und Herrscher lehnten den Pazifismus jedoch ab.
 

Zusammenfassung

Natur und Vernunft fordern Frieden

Die Friedensgöttin Pax beklagt sich bei den Menschen: Ständig wird sie von ihnen vertrieben. Doch durch die Vertreibung des Friedens schädigen sich die Menschen selbst. Statt in den Genuss seiner Annehmlichkeiten zu kommen, verschaffen sie sich das Verderben des Krieges. Angesichts der Sicherheit und der Förderung aller guten Dinge, die der Frieden erst ermöglicht, und angesichts der Übel, die der Krieg mit sich bringt, kann niemand den Bekämpfern des Friedens Verstand zugestehen. Ihr Verhalten ist wahnsinnig. Diese Menschen sind auch deshalb zu beklagen, weil sie blind für ihr eigenes Unglück sind. Könnten sie es erkennen, wäre der erste Schritt zur Besserung getan.

„Wenn mich unschuldig zu verjagen für die Sterblichen günstig wäre, würde ich nur beklagen, dass mir Unrecht und Härte zuteil wird. Nun aber verstopfen sie mit meiner Vertreibung sich selbst die Quelle alles menschlichen Glücks und verschaffen sich eine Flut von Unheil, da muss ich über das Unglück jener mehr Tränen vergießen als über meinen Schaden.“ (S. 45)

Die Friedensgöttin vergleicht das Verhalten der Menschen mit dem anderer Lebewesen. Es würde sie, die Göttin, nicht weiter bekümmern, von wilden Tieren ignoriert zu werden, weil denen ja schließlich der Geist und damit die Voraussetzung fehlt, die Vorzüge des Friedens wahrzunehmen. Ausgerechnet der Mensch aber, der mit Vernunft ausgestattet und empfänglich für göttlichen Geist, Wohlwollen und Freundschaft ist, räumt dem Frieden keinen Platz ein. In der Natur bringen widerstrebende Kräfte Gleichgewicht und Harmonie hervor. Die Tiere verhalten sich innerhalb ihrer eigenen Art weitgehend friedlich und bilden Gemeinschaften zu ihrem gegenseitigen Schutz. Selbst die gefühllosen Pflanzen sind zu ihrem Gedeihen aufeinander angewiesen.

„Hier ist offensichtlich, warum allgemein alles, was das gegenseitige Wohlwollen betrifft, als ‚menschlich’ bezeichnet wird, sodass das Wort ‚Humanität’ nicht schon unsere Natur darlegt, sondern die seiner Natur würdige Gesittung eines Menschen.“ (S. 50)

Der Mensch dagegen ist widersprüchlich. Mit Denkvermögen und Sprache hat er Anlagen, die ihn von anderen Lebewesen unterscheiden. Ebenso sind in ihm Tugend und ein friedliches Naturell angelegt. Die seiner Natur würdige Einstellung und Handlungsweise des Menschen ist die Humanität. Die ungleiche Verteilung von Begabungen wird durch das Bedürfnis nach Freundschaft ausgeglichen. Der natürlichen Schutzlosigkeit des Kindes wirkt die Elternliebe entgegen. Nur in Gemeinschaft kann sich der Mensch gegen wilde Tiere behaupten. Mit so vielen Gründen von der Natur zu Frieden und Eintracht gedrängt, zerstört der Mensch mit Streitlust und Kampfeswut alles. Statt dass die gemeinsame Bezeichnung "Mensch" als Grund zur Einigung ausreicht, ist das zum Krieg führende Böse stärker.

Die vergebliche Suche nach einem friedlichen Platz

Auf der Suche nach einem Ruheplatz findet die Friedensgöttin überall nur lärmenden Streit. Im Menschen kämpft die Vernunft mit den Leidenschaften, und auch die Leidenschaften an sich streben oft in verschiedene Richtungen. Die Bewohner einer Stadt sollten eigentlich durch gemeinsame Gefahr verbunden sein, doch tatsächlich sind alle durch Uneinigkeit verdorben. Von Fürsten erwartet die Göttin mehr Einsicht als vom gemeinen Volk, doch hinter der freundlichen Fassade der Fürstenhöfe lauern Verrat, Intrigen, Rivalitäten. Auch sie sind nicht der erhoffte friedliche Hafen, sondern sogar die Quellen der Kriege.

„Mit so vielen Mitteln lehrte die Natur Frieden und Eintracht, mit so vielen Lockungen lädt sie dazu ein, mit so vielen Stricken zieht sie, mit so vielen Gründen drängt sie dazu.“ (S. 51 f.)

Nach diesen Enttäuschungen wendet sich Pax den Gelehrten zu. Doch hier wird sie ein weiteres Mal enttäuscht: Statt zur Erhebung und Vollendung des Menschen beizutragen, verschwenden Philosophen und Theologen ihre Energie auf Streitereien. Auch wenn sie ihren Zwist nicht mit Kriegswaffen austragen, zerfleischen sie sich doch mit Worten. Von den Auseinandersetzungen der Gelehrten enttäuscht, erscheint die Religion als letzter Rettungsanker. Die Farbe des Friedens, das Weiß, leuchtet in den Gewändern der Geistlichen, und auch das Kreuz ist ein Symbol des Friedens. Doch der Schein einer innerlich durch gleiches Streben verbundenen Gemeinschaft trügt: Priester streiten untereinander und mit dem Bischof. Die Ordensgemeinschaften sind verfeindet und werden nur durch die Ablehnung des Fremden zusammengehalten. In den Klöstern herrschen Hass und Zank unter den Brüdern und Schwestern.

Der Frieden als zentrale christliche Botschaft

Die Essenz der christlichen Lehre ist die Forderung nach Nächstenliebe. Christus hat mit seinem Leben ein Vorbild an Liebe gegeben. Stets lehrte er die Nächstenliebe als wichtigste Eigenschaft. Wo kein Frieden ist, kann auch Gott nicht sein. Das vollkommene Glück wird in der Heiligen Schrift als Frieden bezeichnet. Wer dem Krieg dient, dient dem Gegenspieler Christi. Christus hat mit dem Gruß "Friede sei mit euch" nicht Waffen und Krieg, sondern die Botschaft des Friedens gepredigt. Ja, er empfahl sogar, die Feinde zu lieben. Wer mit anderen in Frieden lebt, erreicht letztlich die Einheit mit Gott. Der Frieden ist die Bedingung, die Einheit der Lohn. Der gemeinsame Glaube ist ein starkes Band, das die Christen zu Brüdern macht. Brüder aber sollen sich nicht töten. Viele Menschen nennen sich Christen, obwohl sie in ihrem Verhalten den christlichen Prinzipien widersprechen.

„Der gemeinsame Name Mensch müsste schon genügen, dass Menschen sich einigten.“ (S. 52)

Christus fordert Sanftmut und Demut, er lehrt, Böses mit Gutem zu vergelten. Und nun berufen sich ausgerechnet diejenigen Herrscher auf Christus, die jede Versöhnung ablehnen und Kriege aus nichtigen Anlässen führen. Das Symbol des Kreuzes ist vor Christus wertlos, wenn mit ihm Kriege geführt werden; das Abendmahl dagegen wird er als sein Symbol anerkennen. Denn es ist das Symbol der Einheit von Mensch und Gott sowie der Eintracht zwischen den Menschen. Während unter nichtchristlichen Völkern die Freundschaft, die auf einem gemeinsamen Essen gründet, heilig ist, ist das Abendmahl für viele Christen eine leere Zeremonie, denn gleichzeitig mit seiner Feier planen sie Krieg gegen andere Christen.

„Wohin soll ich mich wenden, nachdem ich immer nur leere Worte erfahren musste. Was bleibt übrig, als allein der heilige Anker Religion?“ (S. 55)

Für alle Menschen gilt, dass sie geboren werden, altern und sterben müssen. Alle Christen haben dieselbe Religion, dieselben Sakramente und dasselbe Ziel im himmlischen Jerusalem, wo der ewige Frieden herrscht. Angesichts dieser Gemeinsamkeiten ist die Härte der Herzen sehr zu beklagen. Während das Unglück sogar die Bösen verbindet, kann weder Unglück noch Glück die Christen verbinden.

Kleinliche Kriegsgründe

Innerhalb der letzten Jahre ist kein Landstrich nicht mit Christenblut befleckt worden. Die Kämpfe der Christen untereinander sind schrecklicher als die der Heiden und wilden Tiere. Sie kämpfen aus den niedrigsten Motiven: aus Ehrsucht, Zorn und Gier nach Besitz. Alle Kriege der letzten Zeit wurden ausschließlich um der Herrscher willen geführt. Kein Unrecht ist ihnen zu klein, um als Kriegsgrund zu dienen. Oft machen sie den Anspruch auf die Herrschaft über ein anderes Land geltend. Dabei ist es unwichtig, welche Person ein Land regiert, da doch das Wohl des Volkes das eigentliche Ziel sein sollte. Das Volk aber muss unter den Kriegen leiden. Auch deshalb ist das Verhalten der Herrschenden unentschuldbar. Viele Menschen profitieren sogar von Zwistigkeiten. Eintracht wäre ihre Schwächung, und so unternehmen sie alles, um durch die Förderung von Uneinigkeit ihre eigene Macht zu festigen. Oft behaupten die Herrschenden, sie seien zum Krieg gegen ihren Willen gezwungen worden. Doch hinter dieser fadenscheinigen Begründung sind Zorn, Ehrgeiz und Torheit die wahren Auslöser des Krieges. Keine Rechtfertigung eines Krieges ist als Notwendigkeit anzuerkennen. Gott wird sich nicht täuschen lassen. Selbst so genannte "gerechte Kriege" sind schlimmer als ein ungerechter Frieden.

„Es ist beschämend, daran zu denken, aus welch geringen, welch läppischen Gründen christliche Fürsten die Menschheit in den Krieg treiben.“ (S. 70)

Ein Kriegsgrund liegt oft bereits dann vor, wenn es einem Nachbarland besser geht als dem eigenen. Deshalb ist Frankreich so oft das Ziel von Angriffen. Unter allen Reichen ist es das größte, mächtigste, am weitesten entwickelte und nicht zuletzt das einigste. Die Gesetze werden respektiert wie sonst nirgends, es hat die berühmteste Universität, die Religion ist unangetastet. Deshalb zieht es Neid und Begehrlichkeiten seiner weniger entwickelten Nachbarn auf sich.

„Kaum kann je ein Friede so ungerecht sein, dass er nicht besser wäre als selbst der gerechteste Krieg.“ (S. 80)

Eine besonders unrühmliche Rolle als Kriegstreiber und Friedensverhinderer spielen viele Geistliche und Theologen. Statt auf die christliche Forderung nach Frieden hinzuwirken, verdrehen sie das Wort Gottes zu Kriegszwecken. In jeder Nation behaupten sie, Gott auf ihrer Seite zu haben, und missbrauchen ihre Autorität dem Volk gegenüber, um es zum Krieg aufzustacheln. Sie machen sich zum Handlanger der Krieg Führenden und vernachlässigen ihre eigentliche Aufgabe. Etliche Geistliche verdanken ihren Aufstieg in der kirchlichen Hierarchie, zum Bischof oder gar Kardinal, nur dem Umstand, dass sie selbst Krieg führen. Es ist absurd, wenn beide Kriegsgegner im Zeichen des Kreuzes kämpfen - weil Christus schlecht gegen Christus kämpfen kann. Brudermord wird im Krieg zwischen Christen zur Heldentat. Der Papst wäre als Stellvertreter Christi eigentlich zum Friedensstifter berufen - wenn ihn nicht selbst weltliches Machtkalkül beherrschen würde.

Die Bilanz von Krieg und Frieden

Die weltlichen Herrscher und die Priester sollten einträchtig auf Frieden drängen. Alle sollten die unberechenbaren Folgen eines einmal entfesselten Krieges bedenken. Sie sollten genau abwägen, was der Frieden bringt und der Krieg kostet und ob der Preis eines Krieges den ungewissen Sieg wert ist. Abgesehen von den zerstörten Städten und Feldern und den vernichteten Menschenleben werden auch die Sitten in Mitleidenschaft gezogen, denn Kriege werden von und mit Verbrechern geführt, die sich auf ihr Handwerk des Mordens, Brandstiftens und Vergewaltigens verstehen. Moral und Disziplin gehen im Krieg verloren. Die Staatskassen werden geleert, das Volk beraubt, die Redlichen zu Verbrechen angestiftet. Nach dem Ende des Krieges dauern die Folgen an: Die Wissenschaften verlieren an Bedeutung, der den Frieden fördernde und Wohlstand bringende Handel ist beschränkt.

„Wenn nur jeder seinen Affekten dient, wird das Gemeinwesen zugrunde gerichtet, und der Einzelne erlangt damit ebenfalls nicht, wonach er in böser Absicht trachtete.“ (S. 81)

Wenn die Herrscher nun dennoch meinen, im Interesse ihres Staates Krieg führen zu müssen, sollten sie an die römischen und griechischen Herrscher der Antike denken, die bereit waren, sogar ihre Söhne zu opfern, um Frieden und Wohlstand im Staat zu erhalten. Und wenn weder Empfindung noch das Pflichtgefühl sie zur Vernunft bringt, sollte sie doch wenigstens die Schande, die ihre christliche Ehre befleckt, von einem Krieg abhalten. Denn kann man den Feinden des Christentums einen größeren Dienst erweisen, als wenn die Christen sich gegenseitig zerfleischen und so ihre Sache schwächen? Den Türken etwa ist dieses Schauspiel nicht nur eine Genugtuung, sie werden auch kaum zum christlichen Glauben zu bekehren sein, wenn sie sehen, was Christen sich gegenseitig antun.

Lösungsvorschläge der Friedensgöttin

Zur Vermeidung von Kriegen sollten sich die Herrschenden strikt am Wohl des Staates orientieren. Echter Frieden kann nicht durch Heiraten und Bündnisse erreicht werden, weil diese Mittel nur zu neuem Streit führen. Die Herrscher sollten nicht ihren Leidenschaften folgen, sondern wie weise Familienväter handeln. Durch andauernden Frieden wird eine Blüte erreicht, die jeder Krieg allein schon deshalb verhindert, weil er Geld verschlingt, das zur Entwicklung des Gemeinwesens fehlt. Die Energien sollten nicht darauf gerichtet sein, einen Staat mit Waffen auszurüsten, sondern eine Armee überflüssig zu machen.

„Königlich ist es, keine persönlichen Leidenschaften zu kennen und alles nach dem Staatswohl zu bewerten.“ (S. 84)

Und wenn ein Krieg gar nicht mehr zu verhindern ist? Dann sollten auch seine Verursacher die Folgen spüren, denn bisher tragen die Herrscher ihre Kriege auf den Schultern der Bevölkerung aus. Der Wechsel der Herrschaft über ein Land ist eines der Übel, das Krieg erzeugt. Kinder von Königen sollten nur innerhalb der Landesgrenzen heiraten, und wenn es doch zu einer Verbindung mit Nachbarn kommt, sollte keine Thronfolge aus dieser Verbindung abgeleitet werden. Die Herrscher sollten ihre Landesgrenzen einvernehmlich und unveränderlich festlegen. Dann könnten sie ihre ganze Energie darauf richten, ihr eigenes Land bestmöglich zu entwickeln. Die logische Folge wäre eine allgemeine Blüte aller Staaten. Jeder Herrscher sollte sich von weisen, unparteiischen Leuten beraten lassen. Krieg sollte, wenn überhaupt, nur auf einstimmigen Beschluss des Volkes angefangen werden. Manchmal muss der Frieden auch erkauft werden.

„Krieg wird aus Krieg gesät, Rache verursacht wieder Rache. Nun möge Gnade Gnade gewinnen, Wohltat zu Wohltat einladen, und der möge als der Königlichste angesehen werden, welcher von seinen Rechtsansprüchen am meisten wird nachgelassen haben.“ (S. 100)

Armselig und nichtig sind die Gründe für Streit angesichts des Todes. Das Ziel des christlichen Lebens ist die höchste Einigkeit der Seelen untereinander und mit Gott. Doch wer im Leben nicht nach christlichen Grundsätzen handelt, wird es beim Jüngsten Gericht schwer haben, vor dem Urteil Gottes zu bestehen. Christus als der König der irdischen Herrscher ruft zum Frieden auf. Diesem Ruf müssen die Fürsten im Interesse aller Menschen folgen. Um den Kreislauf von Gewalt und Rache zu durchbrechen, sollte der bisher praktizierte Kriegsunsinn dem Schicksal angelastet und eine Amnestie für frühere Übeltaten erlassen werden. Die Zeit ist günstig für die Chance zu einem dauerhaften Frieden. Die wichtigsten europäischen Herrscher scheinen zur Einigung bereit. Alle zusammen sollten erproben, wozu Versöhnlichkeit und Wohltätigkeit führen, wenn das Allgemeinwohl über die persönlichen Affekte gestellt wird. Christus wird den Friedfertigen beistehen, sie werden ihm willkommen sein.

Zum Text

Aufbau und Stil

Erasmus hat seine Anklage gegen den Krieg in Form einer Rede geschrieben, die er der Friedensgöttin Pax in den Mund legt. Die Klage des Friedens ist ein kurzer Text von nur etwa 50 Seiten. Die Rede beginnt mit einer allgemeinen Betrachtung der natürlichen Grundlagen des Menschen und anderer Lebewesen, um so die Absurdität gegenseitigen Tötens schärfer hervortreten zu lassen. Erasmus stellt den Verheerungen des Krieges immer wieder die segensreichen Wirkungen des Friedens gegenüber. Dabei beschreibt er die Verhältnisse seiner Zeit nur selten konkret und konzentriert sich eher darauf, den Widerspruch zwischen christlicher Lehre und praktizierten Kriegen unter verschiedenen Aspekten herauszuarbeiten. Den Adressaten seiner Rede redet er vorrangig mit dem Stilmittel der rhetorischen Frage ins Gewissen. Ganze Abschnitte bestehen aus Fragen, mit denen er die gewohnten Ansichten und Verhaltensweisen zu erschüttern versucht. Erasmus’ Sprache ist nicht immer einfach, in der vorliegenden Übersetzung aber dennoch flüssig zu lesen. Verschiedene Aspekte nimmt er im Lauf der Rede mit zunehmender Konzentration und Intensität immer wieder auf, um am Schluss in einem leidenschaftlichen Appell die geistlichen Würdenträger und weltlichen Herrscher aufzurufen, gemeinsam am Frieden zu arbeiten. Die abschließende Mahnung in Bezug auf das Jüngste Gericht, vor dem sie mit ihren Taten dem Friedensfürsten Christus gefallen müssen, ist nicht in Form einer Strafe androhenden Bußpredigt, sondern eher subtil gehalten.

Interpretationsansätze

  • Erasmus entwirft die Utopie eines vernünftigen Staatswesens. In ihm ordnet der Herrscher seine eigenen Ambitionen dem Wohl des Volkes unter. Dieses Allgemeinwohl besteht in einem dauerhaften Frieden, denn nur in ihm können Handel, Kultur und Wissenschaft zu ihrer vollen Blüte kommen.
  • Erasmus’ Vorschlag, die Grenzen der Länder einvernehmlich und unveränderlich festzulegen, ist die Vision einer Friedensordnung, in der die europäischen Länder durch die christlichen Wurzeln und das Interesse an einer gemeinsamen Entwicklung von Handel und Wissenschaft verbunden sind. Erst ein halbes Jahrtausend später hat Europa diese Vision in die Tat umgesetzt.
  • Erasmus lässt zwar die heidnische Friedensgöttin Pax sprechen, argumentiert aber dennoch in erster Linie aus christlicher Sicht: Das Ziel des christlichen Lebens ist die Einheit der Seelen untereinander und mit Gott. Die Christen als Glieder eines einzigen Körpers, der christlichen Gemeinschaft, sind aufeinander angewiesen. Durch die Gemeinsamkeit des Glaubens sind sie Brüder. Ihr Kampf untereinander ist daher unnatürlich, widersinnig und widerspricht der zentralen christlichen Botschaft vom Frieden.
  • Dem herrschenden Wahnsinn der Kriege hält Erasmus sein Verständnis von Humanität entgegen. Er verbindet Elemente der Antike mit solchen des Christentums zu einem humanistischen Menschenbild, in dem einzig ein friedliches Miteinander ein dem Menschen gemäßes Verhalten ist.
  • Die Schrift hat eine politische Stoßrichtung: Zur Zeit der Entstehung im Jahr 1517 sah Erasmus, wie andere idealistisch gestimmte Zeitgenossen, für einen kurzen geschichtlichen Moment die Chance auf einen dauerhaften Frieden im immer wieder von Kriegen gebeutelten Europa. Erasmus’ Ansehen als europaweit anerkannter Gelehrter wollte er dafür einsetzen, den Friedenswillen zu stärken. Ohne bestimmte Konflikte seiner Zeit beim Namen zu nennen, weist er die Mächtigen immer wieder auf menschlich-vernünftige und christliche Prinzipien hin, die alle den Frieden fordern.

Historischer Hintergrund

Kriege im Zeitalter der Renaissance und des Humanismus

Erasmus lebte in der Blütezeit der Renaissance und des Humanismus. Seine Zeitgenossen waren Künstler und Gelehrte wie Albrecht Dürer, Raffael, Michelangelo und Leonardo da Vinci. Das Zeitalter der Renaissance verstand sich als Abkehr vom überwiegend kirchlich geprägten Mittelalter. Die Bezeichnung (wörtlich: "Wiedergeburt") bedeutet die Hinwendung zu den antiken Wurzeln und Idealen in Philosophie und Kunst. Das Welt- und Menschenbild veränderte sich innerhalb relativ kurzer Zeit stark. Der Mensch wurde zum Maß aller Dinge erhoben. Das Individuum mit seinen Bedürfnissen und Beziehungen rückte in den Mittelpunkt des wissenschaftlichen und künstlerischen Interesses. Die Erfindung des Buchdrucks durch Johannes Gutenberg ermöglichte die schnelle und massenhafte Verbreitung neuer Ideen. Der Humanismus war die Weltanschauung dieser Epoche. Er war insbesondere eine Abkehr von kirchlich dominierter Wissenschaft und Bildung. Viele Schriften griechischer Philosophen wurden wiederentdeckt und in lateinischer Übersetzung der Forschung zugänglich gemacht. Die lateinische Sprache verband die Gelehrten Europas und ihre meisterliche Beherrschung galt als hohe Kunst. Die Bildung wurde zu einer Art Selbstzweck, unabhängig von Nützlichkeitserwägungen. Ausgehend von Italien, insbesondere von Florenz, verbreitete sich der Humanismus in ganz Europa.

1453 endete der Hundertjährige Krieg mit der Niederlage Englands und der Stärkung Frankreichs als Großmacht. Im gleichen Jahr hörte das Byzantinische Reich unter dem Ansturm der Osmanen endgültig auf zu existieren. 1492 wurden die islamischen Mauren aus Spanien vertrieben. Die europäischen Großmächte stritten weiterhin um die Vorherrschaft in Italien. Der Papst vertrat als Herrscher über den Kirchenstaat auch weltliche Interessen. Nahezu zeitgleich mit der Veröffentlichung der Klage des Friedens schlug Martin Luther im Herbst 1517 seine Thesen an die Kirchentür von Wittenberg. Die Spaltung des Christentums in katholische und protestantische Staaten war in den nächsten Jahrhunderten Auslöser für zahllose Kriege. Der von Erasmus noch so gepriesene Fürst Karl wurde als Karl V. 1519 zum Kaiser des Heiligen Römischen Reiches Deutscher Nation. Gleichzeitig König von Spanien, herrschte er über ein Weltreich, "in dem die Sonne niemals untergeht". Diese Herrschaft festigte er mit zahlreichen Kriegen. Als der Papst sich gegen ihn stellte, eroberten seine Truppen 1527 Rom und vernichteten außer Tausenden von Menschenleben auch unzählige Kunstwerke.

Entstehung

Im Jahr 1517 war Erasmus 51 Jahre alt. Mit seiner Fassung des Neuen Testaments in griechischem und lateinischem Textvergleich hatte er die wohl produktivste Phase seines Lebens abgeschlossen. Zu dieser Zeit sah er eine realistische Chance für eine Friedensordnung in Europa: Im burgundischen Cambrai sollte ein Friedenskongress mit den wichtigsten Herrschern Europas stattfinden, und Erasmus sollte als in ganz Europa anerkannter Gelehrter im Auftrag des damals 17-jährigen Herzogs von Burgund und späteren Kaisers Karl V. eine Rede dazu halten. Erasmus setzte seine Friedenshoffnungen auf eine junge Generation von Herrschern: vor allem auf Karl von Burgund. Doch die Bemühungen um eine europäische Friedensordnung scheiterten, der Friedenskongress von Cambrai fand nie statt. Die vermutlich im Frühjahr 1517 abgeschlossene Klage des Friedens sollte ursprünglich zusammen mit Thomas Morus’ Utopia veröffentlicht werden, dies kam jedoch nicht zustande. Im Dezember 1517 erschien das Werk in einem gesonderten Band, illustriert mit Holzschnitten von Hans Holbein d. J.

Wirkungsgeschichte

1518 erschienen in vielen europäischen Städten weitere lateinische Ausgaben der Querela Pacis. Die ersten deutschen Übersetzungen wurden 1521 in Augsburg und Zürich veröffentlicht. 1520 wurde eine spanische Übersetzung in Sevilla gedruckt und vom Inquisitor auf den Index der verbotenen Bücher gesetzt. Der erste französische Übersetzer, der Humanist Louis de Berquin, wurde 1529 als Ketzer verbrannt. Zu Erasmus’ Lebzeiten wurde die pazifistische Position von vielen weltlichen und kirchlichen Herrschern abgelehnt. In Kriegszeiten kamen immer wieder Neuauflagen der Klage des Friedens heraus: während des Dreißigjährigen Krieges (1618-1648) ebenso wie später im englischen Sprachraum anlässlich etlicher Konflikte.

1935 wurde Stefan Zweigs Triumph und Tragik des Erasmus von Rotterdam veröffentlicht. Darin rühmt der Pazifist Zweig Erasmus als streitbaren Freund des Friedens und ersten bewussten Europäer. Die Auseinandersetzung mit der Schrift zieht sich als roter Faden durch die Geschichte des Pazifismus. So gelobten vor dem Ersten Weltkrieg die Anführer des französischen und des deutschen Sozialismus, Jean Jaurès und August Bebel, am Grab des Erasmus in Basel Solidarität und Frieden. Albert Schweitzer berief sich in seiner Rede zur Verleihung des Friedensnobelpreises 1954 auf Erasmus. Die Auswirkungen der Klage des Friedens auf den weiteren Verlauf der Geschichte sind bekanntlich begrenzt - dies aber ist nicht Erasmus vorzuwerfen.

Über den Autor

Erasmus von Rotterdam wird am 27. Oktober 1466 oder 1469 (das genaue Datum ist umstritten) als Sohn eines Priesters und einer Arzttochter in Rotterdam geboren. Nachdem seine Eltern kurz nacheinander sterben, wird er zum Eintritt in den Augustinerorden gedrängt. Zunächst besucht er die Klosterschule in Herzogenbusch und lebt dann einige Jahre in einem Augustinerkloster. Bereits dort studiert er das klassische Altertum. Die Unfreiheit des Mönchslebens ist ihm zuwider. 1492 wird er zum Priester geweiht und im Jahr darauf Sekretär des Bischofs von Cambrai. Zwischen 1495 und 1499 studiert er in Paris Philosophie, Theologie, Griechisch und Hebräisch. Auf einer Reise durch England lernt er um 1500 Thomas Morus kennen, mit dem ihn eine lebenslange Freundschaft verbindet. Ihm widmet er sein 1511 erschienenes Werk Encomium moriae (Lob der Narrheit), in dem er auf ironische Weise gegen verbreitete Irrtümer und für vernünftige Anschauungen eintritt. Von 1506 bis 1509 hält er sich in Italien auf, in Turin promoviert er zum Doktor der Theologie. Ab 1514 lebt Erasmus überwiegend in Basel. 1516 bringt er dort eine textkritische (d. h. durch Vergleich mehrerer Fassungen gewonnene) griechische Ausgabe des Neuen Testaments und eine lateinische Übersetzung heraus. Im selben Jahr veröffentlicht er die Institutio Principis Christiani (Die Erziehung des christlichen Fürsten) und widmet sie dem späteren Kaiser Karl V., damals noch Herzog von Burgund, dessen Berater er im gleichen Jahr wird. Geistlichen Ämtern, die ihm angeboten werden, zieht er stets seine Unabhängigkeit vor. Mit seinem 1524 veröffentlichten Werk De Libero Arbitrio (Vom freien Willen) bricht er mit Luther: Im Gegensatz zum Reformator beharrt Erasmus auf der von Gott gegebenen Fähigkeit, sich zwischen Gut und Böse zu entscheiden. 1529 flieht er vor der Reformation aus Basel nach Freiburg. 1535 kehrt er nach Basel zurück, wo er am 12. Juli 1536 an Typhus stirbt. Schon zu Lebzeiten hat sich Erasmus den Ruf erworben, der größte Gelehrte seiner Zeit zu sein. Als Zeichen der Wertschätzung für den bedeutenden Humanisten und Begründer der modernen Philologie wird er, obwohl Katholik, im protestantischen Basler Münster beigesetzt.


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