Zusammenfassung von Die Konstruktion der gesellschaftlichen Wirklichkeit

Suchen Sie das Buch?
Wir haben die Zusammenfassung! Erfassen Sie die Kernaussagen in nur 10 Minuten.

Die Konstruktion der gesellschaftlichen Wirklichkeit Buchzusammenfassung

Literatur­klassiker

  • Philosophie
  • Moderne

Worum es geht

Ein Philosoph mit Peitsche und Pistole

„Ich habe nichts dagegen, wenn die Leute mir widersprechen. Es ist schade, dass sie diese Fehler machen, aber ich gebe mir alle Mühe, sie zu korrigieren.“ John Searles augenzwinkernde Bemerkung in einem Fernsehinterview 1999 bringt die Weltsicht des streitlustigen Amerikaners auf den Punkt: „Der Cowboy unter den Philosophen“, wie Die Zeit ihn nannte, kämpft wenn nötig mit Peitsche und Pistole gegen das – in seinen Augen – postmoderne Papperlapapp unserer Zeit und für seinen Begriff von Wahrheit. Gemäß diesem erschaffen wir gesellschaftliche Tatsachen wie Geld oder Regierungen zwar selbst. Das tun wir jedoch nicht als Einzelne, sondern im Kollektiv, und deshalb ist etwa die Anerkennung institutioneller Macht keine reine Ansichtssache. Searles Kritiker bemühten sich, die logischen Fallstricke seiner Argumentation offenzulegen – und kriegten dafür immer wieder die Peitsche des Philosophen zu spüren.

Take-aways

  • John Searles 1995 veröffentlichtes Werk Die Konstruktion der gesellschaftlichen Wirklichkeit gilt als moderner Philosophieklassiker.
  • Inhalt: Wie lassen sich gesellschaftliche Tatsachen erklären? Was macht zum Beispiel einen Fetzen Papier zu Geld? Worauf beruht die Legitimation einer Regierung? Die Antwort lässt sich auf eine einfache Formel bringen: „X zählt als Y in K“. Aus rohen Fakten (X) werden in einem bestimmten Kontext (K) gesellschaftliche Tatsachen (Y), zum Beispiel Ehen, Fußballspiele oder Cocktailpartys. Entscheidend ist die Annahme einer Wirklichkeit, die unabhängig von unserem Bewusstsein existiert.
  • Das Buch ist ein Gegenentwurf zu radikal konstruktivistischen Thesen, nach denen die gesamte Realität in unserem Kopf entsteht.
  • Soziale Tatsachen sind weder beliebig noch relativ, sondern beruhen gemäß Searles Theorie auf kollektiver Übereinkunft.
  • Wenn diese infrage gestellt wird, drohen Institutionen zu zerfallen.
  • Berühmt wurde Searle für seine Debatten mit Jacques Derrida und Noam Chomsky.
  • Searle beruft sich für seine Theorien auf den gesunden Menschenverstand.
  • Kritiker warfen ihm grobe Vereinfachung und intellektuelle Borniertheit vor.
  • Seine Befürworter schätzen ihn als jemanden, der den Unsinn in der Philosophie beim Namen nennt.
  • Zitat: „In gewissem Sinn gibt es Dinge, die nur existieren, weil wir glauben, dass sie existieren. Ich denke dabei an Dinge wie Geld, Eigentum, Regierungen und Ehen.“
 

Über den Autor

John R. Searle wird am 31. Juli 1932 in Denver geboren. Sein Vater ist Elektroingenieur und seine Mutter Ärztin. Nach zwei Jahren an der University of Wisconsin geht Searle 1952 mit einem Rhodes-Stipendium nach England, an die University of Oxford, wo er bei John Austin und Peter Strawson studiert. 1959 erlangt er den Doktorgrad. Noch im selben Jahr wird er 27-jährig als Professor an die philosophische Fakultät der kalifornischen University of Berkeley berufen, der er seitdem angehört. 1964 schließt er sich als einer der ersten Lehrkräfte dem studentischen Free Speech Movement an und engagiert sich gegen den Vietnamkrieg. Angesichts der zunehmenden Radikalisierung der Studentenbewegung distanziert er sich jedoch bald von dieser und wechselt die Seiten. Als Sonderassistent für Studentenangelegenheiten hilft er, die Ordnung auf dem Campus wiederherzustellen. Sein akademisches Hauptinteresse gilt der Theorie der Sprechakte. Sein frühes Hauptwerk Sprechakte (Speech Acts) erscheint 1969. Anfang der 1970er-Jahre gerät er in einen polemischen Schlagabtausch mit dem französischen Dekonstruktivisten Jacques Derrida: Die beiden werfen einander mangelndes Verständnis vor. Mit dem 1983 veröffentlichten Werk Intentionalität (Intentionality) verbindet Searle nach eigenen Worten seine Sprachphilosophie mit seiner Philosophie des Geistes. Mithilfe des berühmten Gedankenexperiments vom „chinesischen Zimmer“ versucht er zu beweisen, dass Computer niemals Bewusstsein erlangen können. Er argumentiert, dass diese zwar perfekt Symbole manipulieren, jedoch niemals deren Bedeutung verstehen könnten. In Die Konstruktion der gesellschaftlichen Wirklichkeit (The Construction of Social Reality) untersucht er 1995, wie es um die Realität von Dingen wie Eigentum, Regierungen oder Cocktailpartys bestellt ist. Der Philosoph verteidigt seinen naiven Realismus gegen relativistische und konstruktivistische Ansichten. 2010 erweitert er seine Überlegungen mit Wie wir die soziale Welt machen (Making the Social World) um eine Philosophie der Macht.

 

Zusammenfassung

Institutionelle Tatsachen und kollektive Intentionalität

Es gibt „institutionelle“ und „rohe“ Tatsachen: Erstere, zum Beispiel Geld oder Eigentum, beruhen auf gesellschaftlicher Übereinkunft. Letztere, wie die Existenz von Eis und Schnee auf dem Mount Everest, sind davon unabhängig. Die institutionelle Wirklichkeit ist dermaßen komplex, dass wir unter ihr zusammenbrächen, wenn wir anfingen, ernsthaft über sie nachzudenken. Das tun wir deshalb nur selten. Im Alltag unterscheiden wir stattdessen zwischen objektiven und subjektiven Wahrheiten. Schmerzen sind subjektiv, weil ihr Charakter vom Wahrnehmenden abhängt. Berge hingegen sind in ihrer Existenz objektiv, wenngleich sie auch subjektiven Urteilen („herrlich“, „bedrückend“) unterliegen.

„Wir leben in genau einer Welt, nicht in zwei oder drei oder siebzehn.“ (S. 7)

Ein Ding wie ein Schraubenzieher hat sowohl „naturimmanente Eigenschaften“ – seine Masse oder seine chemische Zusammensetzung – als auch „beobachterrelative Eigenschaften“, also solche, die wir ihm aufgrund seiner Funktion zuschreiben: Immanent ist ein Stein ein Stein; beobachterrelativ kann er als Briefbeschwerer dienen. Für Menschen und einige Tiere ist die Welt keineswegs eine bloße Ansammlung von Molekülen. Sie besteht aus Stühlen, Gärten oder Spielzeug, und auch natürlichen Phänomenen wie Bäumen oder Flüssen schreiben wir Funktionen zu. Alle Funktionen hängen von den Interessen der Nutzer und Beobachter ab und sind Teile eines Systems, das Ziele, Zwecke und Regeln definiert. Manche Funktionen entstehen rein zufällig. So hat sich Geld wahrscheinlich zu einem Mittel des Tauschens und der Wertspeicherung entwickelt, ohne dass das je ein erklärtes Ziel Einzelner war.

„In gewissem Sinn gibt es Dinge, die nur existieren, weil wir glauben, dass sie existieren. Ich denke dabei an Dinge wie Geld, Eigentum, Regierungen und Ehen.“ (S. 10)

„Kollektive Intentionalität“ bedeutet, Werte und Wünsche mit anderen zu teilen. So verhalten sich zum Beispiel zwei Boxer, die gegeneinander antreten, kollektiv intentional – im Gegensatz zum kriminellen Schläger, der jemanden in einer dunklen Gasse überfällt. Kollektive Intentionalität entspringt dem Wunsch, etwas gemeinsam zu tun. Man kann das auch „gesellschaftliche Tatsache“ nennen. Eine Unterform davon stellt die „institutionelle Tatsache“ dar. Sie bedarf der Institutionen, die von Menschen geschaffen werden. Anders als rohe Tatsachen existieren institutionelle Tatsachen nur in Abhängigkeit der Sprache.

X zählt als Y in K

Zwischen einfachen gesellschaftlichen Tatsachen wie Faustkämpfen und institutionellen Tatsachen wie Eigentum oder Ehe liegt ein großer Schritt. Für Letztere gilt die Formel: X zählt als Y in K. Am Beispiel von Geld lässt sich das gut nachvollziehen. Ursprünglich wurde Warengeld in Form von werthaltigem Gold und Silber verwendet. Später nahmen Bankiers Einlagen in Form von Gold entgegen und gaben dafür auf Papier gedruckte Zertifikate aus, die jederzeit gegen Gold eingetauscht werden konnten. Schließlich kam jemand auf den genialen Gedanken, dass man die Zertifikate unbegrenzt erhöhen könne, ohne dafür Gold zu hinterlegen. Damit sind wir beim heutigen Papiergeld. Es ist wie Magie: Scheinbar beliebige Papierschnipsel (X) zählen als Geld (Y) in einem bestimmten sozialen Kontext (K), über den eine kollektive Übereinkunft besteht. Sobald aber konstitutive Regeln existieren, kann auch gegen sie verstoßen werden. Falschgeld wäre dafür ein Beispiel, Hyperinflation ein anderes. Entscheidend ist, dass die Institution des Geldes sich durch fortwährenden Gebrauch nicht abnutzt, sondern vielmehr verstärkt.

Was Institutionen stärkt und schwächt

Die Theorie institutioneller Tatsachen unterscheidet zwischen drei Elementen:

  1. Die Schaffung der Institution: Institutionelle Tatsachen entstehen aus gesellschaftlichen oder rohen Tatsachen; dies geschieht zum Beispiel durch Spiele oder Sprechakte. Die bewusste Äußerung „Ich verspreche, dich zu besuchen“ etwa konstituiert das Versprechen, jemand zu besuchen.
  2. Ihre fortdauernde Existenz: Eine hinreichende Zahl von Menschen muss das weitere Bestehen institutioneller Tatsachen anerkennen und akzeptieren.
  3. Ihre Repräsentation: Statusindikatoren wie Pässe, Führerscheine, Uniformen, Zeremonien, Roben oder Eheringe helfen, diese Akzeptanz aufrechtzuerhalten.
„Tatsächlich ist eine Bedingung dafür, dass etwas ein Wort ist, dass es denkbar ist.“ (S. 83)

Die Neigung vieler Menschen zum Ethnozentrismus ist ein Beispiel für die schwindende Akzeptanz institutioneller Tatsachen, wie sie in staatlichen Strukturen zum Ausdruck kommen.

Sprache konstituiert Wirklichkeit

Damit Sprache institutionelle Tatsachen herstellen kann, muss es eine Übereinkunft über Wörter oder Symbole geben. Man braucht zum Beispiel keine Sprache, um Hunger zu verspüren, aber man braucht sie, um das Gefühl anderen mitzuteilen. Dabei gibt es sprachabhängige und sprachunabhängige Gedanken. Sprachabhängig ist der Gedanke, dass „Ich habe Hunger“ ein deutscher Satz ist. Sprachunabhängig ist das Gefühl des Hungers. Institutionelle Tatsachen sind unter anderem deshalb sprachabhängig, weil einige Gedanken so komplex sind, dass es unmöglich wäre, sie ohne Symbole zu denken. Andere Gedanken, etwa über Punkte in einem Footballspiel, können ohne kollektive Übereinkunft gar nicht existieren. Ein Mensch kann zwar ohne Sprache wahrnehmen, dass ein Mann mit einem Ball eine Linie übertritt. Die Punkte, die er dadurch erzielt, erschließen sich ihm dadurch aber nicht.

„Ich habe nicht gezeigt, dass es eine reale Welt gibt, sondern nur, dass man auf ihre Existenz festgelegt ist, wenn man mit jemandem redet.“ (S. 203)

Viele gesellschaftliche Einrichtungen, egal ob Eigentum, Staatsbürgerschaft, Ehe, Kathedralen, Führerscheine, Regierungen oder Kriege werden durch Sprechakte bzw. schriftliche Verträge geschaffen, die wiederum Menschen, Gebäuden, Objekten usw. bestimmte Funktionen zuweisen. Diese institutionellen Strukturen ermöglichen es uns, etwas zu besitzen, ohne es ständig mit uns herumtragen zu müssen, oder durch die Ehe an eine Person gebunden zu sein, ohne permanent mit ihr zusammen zu sein. Institutionelle Tatsachen funktionieren nur so lange, wie das System der Statusfunktionen und Machtbeziehungen akzeptiert wird. Dabei genügt es nicht, Gewalt anzudrohen, um Macht zu erhalten: Der Zusammenbruch der Sowjetunion 1989 hat bewiesen, dass mit dem Glauben an das staatliche Gewaltmonopol auch dessen Wirksamkeit verschwindet.

Fähigkeiten im Hintergrund

Die meisten Menschen sind sich der konstitutiven Regeln ihrer Institutionen – etwa der Sprache, des Eigentums, des Geldes, der Ehe – nicht bewusst. Da aber das Unbewusste in der Philosophie nur unzureichend erklärt ist, kann dieses Phänomen als „Hintergrundfähigkeit“ bezeichnet werden. Ein Beispiel hierfür ist unsere Fähigkeit, Sprache kontextuell zu verstehen. Wenn man mir aufträgt, einen Kuchen und das Gras zu schneiden, werde ich nicht mit dem Rasenmäher über den Kuchen und mit dem Kuchenmesser über das Gras herfallen, obwohl der Satz selbst keine Anweisungen enthält, wie ich vorgehen soll. Das sagt mir schlicht meine Kenntnis darüber, wie die Welt funktioniert. Hintergrundfähigkeiten sind für institutionelle Tatsachen entscheidend. Das Geld ist ein anderes Beispiel: Dessen konstitutive Regeln sind den meisten Menschen unbekannt. Aber sie wissen, wie sie es als Tauschmittel einsetzen können, was der Unterschied zwischen Falschgeld und richtigem Geld ist und dass es in der Regel viel mehr wert ist als das Papier, auf dem es gedruckt ist.

Wie realistisch ist die Wirklichkeit?

Die bisherigen Aussagen beruhen auf zwei voneinander zu trennenden Annahmen: erstens, dass eine von uns unabhängige Wirklichkeit existiert, und zweitens, dass wahre Aussagen im Allgemeinen den Tatsachen entsprechen. Beide Annahmen sind in der Philosophie zunehmend aus der Mode gekommen. Es ist höchste Zeit, sie zu verteidigen.

„Tatsachen bedürfen nicht der Aussagen, um zu existieren, aber Aussagen bedürfen der Tatsachen, um wahr zu sein.“ (S. 225)

Anders als von vielen Antirealisten behauptet, bedeutet Realismus nicht, dass „richtige“ oder „falsche“ Begriffe und Ansichten zur Beschreibung der Wirklichkeit existieren. Er sagt nur aus, dass die Wirklichkeit völlig unabhängig von menschlichen Repräsentationen existiert. Aus der Tatsache, dass unsere Vorstellung von der Außenwelt konstruiert ist, folgt nicht, dass diese Welt selbst konstruiert ist. Der Realismus ist sehr gut mit dem Begriffsrelativismus vereinbar: Dieser geht davon aus, dass jedes System von Repräsentationen auf Konventionen beruht und dadurch willkürlich ist. Verschiedene Begriffssysteme erzeugen scheinbar inkonsistente Beschreibungen von ein und derselben Wirklichkeit. Die wirkliche Welt bleibt davon jedoch völlig unberührt.

Angriffe gegen den Realismus

Es gibt unzählige Versuche, den sogenannten externen Realismus zu widerlegen. Hier zwei der wichtigsten:

  • Das verifikationistische Argument: Wir können die Welt nur über unsere Erfahrungen wahrnehmen, folglich gibt es bestenfalls eine Wirklichkeit von Wahrnehmungs-erfahrungen. Doch selbst wenn man das skeptizistische Argument zu Ende denkt, wir also alle nur Gehirne in Tanks wären oder permanent halluzinierten, würden wir uns zwar über die Wirklichkeit täuschen, diese könnte aber unabhängig davon existieren.
  • Das „Ding an sich“-Argument: Wir können das Verhältnis zwischen unseren Repräsentationen der Wirklichkeit und der äußeren Realität nur von unserem eigenen Standpunkt aus überprüfen. Die göttliche Perspektive ist eine Illusion. Folglich kann es nur einen internen Realismus geben. Auch hier gilt: Selbst wenn wir annehmen, dass jede Erkenntnis in einem System anderer Erkenntnisse erfolgt, so folgt daraus nicht, dass die Erkenntnis einer von dieser Erkenntnis unabhängigen Wirklichkeit unmöglich ist.

Wirklich ist nicht gleich wahr

Das Problem ist folgendes: Seit jeher versuchen Philosophen, Wahrheit und Wirklichkeit zusammenzubringen – ein aussichtsloses Unterfangen. Es gibt unendlich viele subjektive Gesichtspunkte und Begriffssysteme zur Repräsentation der Welt, die uns umgibt. Folglich gibt es keine absolute Wahrheit. Eine unabhängig davon existierende Wirklichkeit gibt es aber schon. Alle Versuche, diese zu beweisen, haben einen Makel: Sie setzen voraus, was zu beweisen ist. Eher sollte man den externen Realismus als selbstverständlich wahrgenommenen Hintergrund sehen, ohne den ein Großteil unseres Denkens und unserer Sprache gar nicht existieren könnte. Er ist also keine empirisch nachweisbare These, sondern Bedingung dafür, bestimmte Thesen überhaupt verstehen zu können, also die Voraussetzung für Sprechakte über öffentliche Phänomene. Beispielsweise beruht das normale Verständnis des Satzes „Mein Hund hat Flöhe“ auf einer externen Wirklichkeit, in der Flöhe nicht größer sind als Hunde. Eine öffentliche Sprache kann also ohne eine öffentliche Welt gar nicht existieren.

Tatsachen und Wahrheit

Gemäß der Korrespondenztheorie der Wahrheit sind Aussagen genau dann wahr, wenn sie den Tatsachen entsprechen. Gegner dieser Theorie führen oft die sogenannte Zitattilgung ins Feld: Danach geschehe hier nichts anderes, als dass die Anführungszeichen im zweiten Satzteil entfernt würden, nach dem Muster: Der Satz „Der Schnee ist weiß“ gilt genau dann, wenn der Schnee weiß ist. Das wäre eine Tautologie. Der Einwand beruht jedoch auf einem falschen Verständnis der Korrespondenztheorie. Tatsachen sind gerade nicht komplexe Ereignisse und Objekte, und Wahrheit ist nicht deren möglichst getreue Abbildung durch eine Aussage. Vielmehr sind Tatsachen die Bedingung dafür, eine Aussage wahr zu machen, übrigens auch in der Negation: Dass es keine dreiköpfigen Katzen gibt, ist ebenso eine Tatsache wie jene, dass die Katze auf der Matratze liegt. Aussagen können auch annähernd wahr sein, etwa die, dass die Erde 150 Millionen Kilometer von der Erde entfernt ist. Die Zitattilgungs- und Korrespondenztheorie widersprechen einander nicht.

„Meiner Ansicht nach führt der traditionelle Gegensatz, den wir zwischen Biologie und Kultur machen, ebenso in die Irre wie die traditionelle Opposition zwischen Körper und Seele.“ (S. 234)

Deutlich wird das auch, wenn man sich vorstellt, eine Sprache für ein sprachloses Wesen entwerfen zu müssen. Neben Begriffen wie „Hund“ und „Katze“ sowie einer Syntax müsste man Wege finden, eine Anpassung zwischen dem Gesagten und der Wirklichkeit auszudrücken. Befehle können beispielsweise befolgt und Versprechen gehalten werden. Beide Sprechakte, Befehl wie Versprechen, haben zum Ziel, die Welt so zu verändern, dass sie sich dem Befohlenen und Versprochenen anpasst. Bei den Aussagen ist es umgekehrt: Diese müssen so angepasst werden, dass sie mit einer unabhängig existierenden Wirklichkeit übereinstimmen. Je nach Erfolg dieser Operation werden sie dadurch wahr oder falsch. Eine Aussage ist genau dann wahr, wenn man ihr vertrauen kann.

Zum Text

Aufbau und Stil

Die Konstruktion der gesellschaftlichen Wirklichkeit ist in neun Kapitel unterteilt. Zunächst definiert der Autor einige philosophische Grundbegriffe, anschließend entwickelt er seine Theorie der institutionellen Tatsachen und diskutiert in einem Exkurs die für diese Theorie notwendigen Bedingungen – wie den Realismus und die Korrespondenztheorie der Wahrheit. Über weite Strecken argumentiert der Amerikaner sehr konkret, frei nach seinem Motto: „Was man nicht klar sagen kann, versteht man selbst nicht.“ Hohe Gedankenflüge unterlegt er mit alltäglichen Beispielen aus der Welt des Sports, der Geldwirtschaft, der Ehe oder der Politik. Vereinzelt spricht aus dem Text Searles konservative Gesinnung, etwa wenn er besorgt auf Entwicklungen wie die „ethnische Tribalisierung“ von Gesellschaften verweist oder gegen vermeintlich beliebige philosophische Ansichten polemisiert. Allerdings sollte man sich von dem manchmal saloppen Stil nicht täuschen lassen: Searle setzt ein gewisses philosophisches Grundverständnis voraus. Er knüpft an bestehende Debatten an und reflektiert, befürwortet oder widerlegt die Thesen seiner Fachkollegen, sodass es für Laien nicht immer einfach ist, ihm zu folgen.

Interpretationsansätze

  • Der Hauptakzent des Werks ist bereits im Titel ablesbar: Nach Searles Ansicht konstruieren wir die gesellschaftliche Wirklichkeit mithilfe von Sprechakten, wobei wir die Existenz einer physischen Realität stillschweigend voraussetzen. Searle richtet sich jedoch vehement gegen die Annahme einer universellen Konstruktion der Wirklichkeit durch den Menschen. Er ist gerade kein Konstruktivist, sondern ein Realist.
  • Searle ist nach eigener Aussage ein Vertreter des naiven Realismus: Danach existiert die Wirklichkeit unabhängig von unseren Wahrnehmungen. Skeptizistische Erkenntnistheorien, die die Philosophie vom 17. Jahrhundert bis heute geprägt haben, hält er für einen katastrophalen Fehler. In einem Interview sagte er: „Wenn ich meine Hand hochhebe, sehe ich wirklich meine Hand. Kant glaubte das nicht. Er meinte, dass man nur ihre Erscheinung wahrnehmen könne.“
  • Searle appelliert gern an den gesunden Menschenverstand in der Philosophie und fragt: Wie kann jemand, der nur die Existenz des eigenen Bewusstseins anerkennt, mit anderen reden? Die Antwort: Gar nicht, es sei denn, er gesteht seinen Irrtum ein.
  • Seine Version der Korrespondenztheorie der Wahrheit vervollständigt das Bild: Demnach sind wahre Aussagen keine exakten Abbildungen von Tatsachen, vielmehr sind Tatsachen eine notwendige Bedingung dafür, dass eine Aussage wahr sein kann.
  • Gemäß Searles Theorie müssen wir nicht eine von der physischen Welt abgekoppelte Sphäre der Normen und Werte annehmen, sondern die soziale Realität wird, ausgehend von der physischen Realität, geformt durch kollektive Intentionalität.
  • Die Gemeinschaft muss die konstitutiven Regeln und Statusfunktionen sozialer Fakten anerkennen und an sie glauben, damit Regierungen, Universitäten, Sportwettkämpfe oder die Geldwirtschaft funktionieren können. Diese kollektive Übereinkunft verhindert, dass die Konstruktion gesellschaftlicher Wirklichkeit beliebig wird.
  • Sprache ist selbst eine soziale Institution, indem sie rohe Fakten wie das Ausstoßen bestimmter Laute (X) innerhalb einer Sprachgruppe (K) in Bedeutung (Y) verwandelt. Zugleich ist sie die notwendige Bedingung für die Konstruktion gesellschaftlicher Tatsachen: Durch Sprechakte wie zum Beispiel Deklarationen wird ein Sachverhalt allein dadurch erschaffen, dass er postuliert und von anderen Menschen verstanden wird.

Historischer Hintergrund

Gibt es die Realität?

Ist objektive Erkenntnis überhaupt möglich? Dieses Problem treibt die Philosophie seit ihren Anfängen um. Schon um 500 v. Chr. postulierte der antike griechische Philosoph Xenophanes, dass das, was der Mensch wahrnimmt, nur Schein sei. Für die geistlichen und weltlichen Machthaber war das natürlich eine bedrohliche Vorstellung. Sie legten in den folgenden Jahrhunderten Wert darauf, dass allein sie den Schlüssel zur absoluten Wahrheit in der Hand hielten. Erst mit Beginn der Aufklärung meldeten sich die Skeptiker erneut zu Wort: „Ich denke, also bin ich“, proklamierte René Descartes 1637, und George Berkeley bezweifelte knapp 100 Jahre später, dass eine vom Denken unabhängige Wirklichkeit überhaupt existiere. Immanuel Kant schließlich lehrte, dass unmittelbare Erkenntnis nicht möglich sei, sondern dass alle Erkenntnis nur unsere Vorstellungen von Wirklichkeit erfasse.

Der radikale Konstruktivismus, der in den 1970er-Jahren aufkam, stützt sich auf die kognitionsbiologische und -psychologische Forschung. Einer seiner Begründer, der chilenische Neurobiologe Humberto Maturana, bringt die Idee folgendermaßen auf den Punkt: „Wir erzeugen die Welt, in der wir leben, buchstäblich dadurch, dass wir sie leben.“ Die Annahme einer vom Beobachter unabhängigen Wirklichkeit wird nach dieser Theorie hinfällig, ebenso wie die Vorstellung von überlegenen politischen oder religiösen Ideologien. Vertreter des Realismus entgegnen, dass diese Sicht der Beliebigkeit Tür und Tor öffne und dass die Konstruktivisten selbst mit einem Absolutheitsanspruch aufträten, der ihrer eigenen These widerspreche.

Entstehung

John Searle ist seit jeher für seine Streitlust bekannt. Abweichende Meinungen bezeichnet er schon mal als „schlichtweg dumm“ oder „schlimmstenfalls gefährlich“. Als junger Philosophieprofessor an der kalifornischen University of Berkeley sympathisierte er zu Beginn der 1960er-Jahre zunächst mit den Zielen der Studentenbewegung, doch als diese in ihren Forderungen immer weiter ging und den Universitätsbetrieb zum Stillstand brachte, schlug er sich auf die Seite der Universitätsleitung und ging aktiv gegen die rebellierenden Studenten vor. In den 1970er-Jahren kritisierte Searle die Arbeiten des renommierten US-Linguisten Noam Chomsky und des französischen Dekonstruktivisten Jacques Derrida. In den 1990er-Jahren legte er sich immer wieder mit linken Aktivisten und Postmodernisten an, denen er einen Angriff auf den westlichen Wissenschaftskanon sowie auf das Streben nach Objektivität und Wahrheit vorwarf.

Philosophie sei nichts anderes als „immer wieder mit dem Kopf gegen eine Mauer zu schlagen und mit scheinbar widersprüchlichen Ideen zu kämpfen“, beschrieb er sein Vorgehen in einem Fernsehinterview. Eines der großen Rätsel ist für ihn die Frage des Bewusstseins. Wie kann es sein, dass eine klebrige Masse im Schädel Gedanken, Gefühle und Angst auslöst? Seine Antwort: Die klassische Trennung zwischen Körper und Geist ist überholt. Wir leben vielmehr in einer einzigen Sphäre, in der neuronale Prozesse unsere mentalen Zustände beeinflussen, wobei sich diese aber nicht auf jene reduzieren lassen. Solchen kontroversen Thesen fügte Searle 1995 mit Die Konstruktion der gesellschaftlichen Wirklichkeit einige weitere hinzu.

Wirkungsgeschichte

Searle wurde immer wieder scharf kritisiert. Der Soziologe Neill Gross etwa bezeichnete seinen Ansatz als Neuaufguss der gut 100 Jahre alten Theorien Émile Durkheims – ein Vorwurf, den Searle nicht auf sich sitzen ließ: Durkheims Theorien seien so armselig, schoss er zurück, dass er sich gar nicht näher mit diesen befasst habe. Auch mit seinem Kollegen Daniel Dennett geriet er wiederholt aneinander: Der Philosoph und Kognitionsforscher warf Searle vor, immer die gleichen populären, intuitiv nachvollziehbaren Argumente zu Fragen des Bewusstseins herunterzubeten, ohne je ernsthaft auf kritische Einwände einzugehen.

Die Zeit titelte 2012 zu Searles 80. Geburtstag: „Der Cowboy unter den Philosophen“, und an anderer Stelle wurde er mit John Wayne verglichen. In einem Interview 2014, für das er mit Gewehr im Schoß vor dem heimischen Kaminfeuer posierte, kokettierte er damit, den von zeitgenössischen Philosophen verzapften Blödsinn gar nicht erst zu lesen. Searles Gegner werfen ihm Arroganz, unpräzises Vorgehen und Borniertheit vor. Doch seine Bewunderer schätzen ihn gerade für diese Angriffslust, seinen messerscharfen Verstand, die klaren Worte und transparenten Argumente. Vielen gilt er als einer der wichtigsten amerikanischen Philosophen der Gegenwart.


Diese Zusammenfassung eines Literaturklassikers wurde von getAbstract mit Ihnen geteilt.

Wir finden, bewerten und fassen relevantes Wissen zusammen und helfen Menschen so, beruflich und privat bessere Entscheidungen zu treffen.

Für Sie: Entdecken Sie Ihr nächstes Lieblingsbuch mit getAbstract. Zu den Preisen >>
Business: Bleiben Sie auf dem Laufenden über aktuelle Trends. Erfahren Sie mehr >>
Studierende: Wir möchten #nextgenleaders unterstützen. Gratis-Studentenabo >>

Kommentar abgeben