Zusammenfassung von Die Krisis der europäischen Wissenschaften und die transzendentale Phänomenologie

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Die Krisis der europäischen Wissenschaften und die transzendentale Phänomenologie Buchzusammenfassung

Literatur­klassiker

  • Philosophie
  • Moderne

Worum es geht

Gegen die Entmenschlichung der Wissenschaft

Edmund Husserl, der Vater der Phänomenologie, blickt in seinem unvollendeten Spätwerk zurück in die Geschichte der Philosophie und der Wissenschaften. Er beklagt, dass die Philosophie als Universalwissenschaft längst von Einzelwissenschaften abgelöst worden sei. Deren beispiellose Erfolge hätten aber in eine ernste Krise geführt: Dem alltäglichen Leben der Menschen, ihrer Sinnsuche und ihren Hoffnungen auf eine bessere Zukunft könnten sie nicht mehr gerecht werden. Husserl geht der Frage nach, wie es dazu kommen konnte. Seine Antwort: Die Wissenschaft habe sich schon vor langer Zeit von allem befreit, was sie nicht berechnen oder mit einer Formel ausdrücken könne. Die konkrete Lebenswelt des Menschen sei dabei ins Hintertreffen geraten. Husserl schrieb das Buch in einer Übergangsphase zwischen zwei Katastrophen: Die Wunden des Ersten Weltkriegs waren noch nicht verheilt und die Schreckensherrschaft der Nationalsozialisten stand kurz vor ihrem Höhepunkt. Entsprechend düster fallen seine Geschichtsurteile aus.

Take-aways

  • Husserls Spätwerk Die Krisis der europäischen Wissenschaften und die transzendentale Phänomenologie gehört zu den einflussreichsten Schriften des Philosophen.
  • Inhalt: Die Wissenschaften sind zu Beginn des 20. Jahrhunderts in eine Krise geraten. Die Ursache dafür liegt vor allem in der Abspaltung der mathematisch-naturwissenschaftlichen Disziplinen von der Universalphilosophie. Die Naturwissenschaften haben die Welt in Formeln gepresst, die der Lebenswirklichkeit der Menschen nicht entsprechen.
  • Husserl hatte das Ziel, die Philosophie wieder als erste Wissenschaft einzusetzen.
  • Berühmt wurde der Aufsatz vor allem wegen dem darin verwendeten Begriff der „Lebenswelt“: Husserl meint damit die vorwissenschaftliche Alltagswelt der Menschen.
  • Der Text ist über weite Strecken eine komplizierte philosophiegeschichtliche Abhandlung.
  • Husserl spart nicht mit Kritik an den Vertretern der beiden großen klassischen Philosophieschulen Rationalismus und Empirismus.
  • Seine Phänomenologie betrachtet er als Wendepunkt der Philosophie.
  • Die Krisis-Schrift beruht auf einer Reihe von Vorträgen und blieb wegen Husserls Tod unvollendet.
  • Die Wirkung von Husserls Spätwerk setzte nach dem Zweiten Weltkrieg ein und beeinflusste Philosophen, Soziologen und Psychologen gleichermaßen.
  • Zitat: „Wissenschaften im Plural, alle je zu begründenden und alle schon in Arbeit stehenden, sind nur unselbstständige Zweige der Einen Philosophie.“
 

Zusammenfassung

Die Krise der Wissenschaften

Die Wissenschaften stecken in einer Krise. Das klingt zuerst einmal unglaubwürdig, denn eine Krise traut man zwar der Philosophie oder auch der Psychologie durchaus zu – man spricht ihnen ja auch eine strenge Wissenschaftlichkeit ab –, nicht aber den „reinen“, positiven Wissenschaften wie der Mathematik oder den Naturwissenschaften. Wenn man jedoch den Blickwinkel erweitert und die Krise der Kultur als Ausgangspunkt für eine Kritik der Wissenschaften nimmt, ergibt sich die Notwendigkeit, von einer Krise ebendieser Wissenschaften zu sprechen. Ihren Ursprung hat sie etwa in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts. Zu dieser Zeit nämlich verfiel die Menschheit auf den ausschließlichen Positivismus der Wissenschaft. Das Subjekt verschwand und die Objektivität hielt Einzug. Damit veränderte sich auch die Wissenschaft an sich. Sie kehrte sich den bloßen Tatsachen zu und wendete sich vom Alltag und der Lebenswirklichkeit der Menschen ab. Eine Wissenschaft der Tatsachen macht aus vormals vielfältig interessierten Menschen Tatsachenmenschen.

Wissenschaft früher und heute

Viele beklagen sich heute darüber, dass uns die Wissenschaft nicht mehr weiterhelfe. Die großen Fragen nach Sinn oder Unsinn des menschlichen Lebens kann uns die moderne Tatsachenwissenschaft nicht beantworten. Sogar die Geisteswissenschaften, die sich inzwischen auch zum Positivismus bekehrt haben, versuchen immer wieder, den Menschen „auszuschalten“ und sich nur objektiven Wahrheiten zu widmen. Aber wird das dem Menschen, seinem Geist und seiner Geschichtlichkeit gerecht? Was nützt es, zu wissen, dass sich die Geschichte in immer neuen Wellen von Grauen und Hoffnung, Krieg und Frieden, Abschwung und Aufschwung entwickelt? Hilft es uns, in einer solchen Welt zu leben?

„Bloße Tatsachenwissenschaften machen bloße Tatsachenmenschen.“ (S. 4)

Nicht immer waren die alltäglichen Fragen des Lebens aus der Wissenschaft verbannt. Als die Menschen sich in der Renaissance gegen die feudalen, mittelalterlichen Lebensformen auflehnten, orientierten sie sich an der Antike und damit an einer freien, philosophischen Lebensweise. Sie befreiten sich vom Mythos und ließen auf die theoretische Philosophie eine praktische folgen. Die Philosophie vereinte damals alles, was sich heute über die verschiedenen Einzelwissenschaften verteilt. Es war eine einzige, umfassende Philosophie, die alle Probleme der Welt lösen wollte, seien es zeitbedingte oder ewige Probleme. Die Wissenschaft, wie sie sich heute darstellt, hat alle höchsten und letzten Fragen fallen gelassen oder sie in die Schublade der Metaphysik gesteckt, der Positivismus hat sie von der Philosophie getrennt. Aber auch diese Fragen sind letztlich Fragen der Vernunft, egal ob es um Erkenntnis, Werte oder Ethik geht.

Die Abspaltung der positiven Wissenschaften

Die zu Beginn der Neuzeit herrschende Euphorie, eine universelle Philosophie als Quelle aller Wissenschaften zu gestalten, wich der Ernüchterung. Auf dem Gebiet der positiven Wissenschaften türmte man Erfolg auf Erfolg, aber auf dem „Restgebiet“ der Metaphysik verstrickten sich die Koryphäen in Widersprüche und stritten sich bloß. Die wenigen verbliebenen Universalphilosophen fühlten sich als Versager und versuchten vergeblich, den Grund für ihr Versagen herauszufinden.

„In unserer Lebensnot – so hören wir – hat diese Wissenschaft uns nichts zu sagen. Gerade die Fragen schließt sie prinzipiell aus, die für den in unseren unseligen Zeiten den schicksalsvollsten Umwälzungen preisgegebenen Menschen die brennenden sind: die Fragen nach Sinn oder Sinnlosigkeit dieses ganzen menschlichen Daseins“ (S. 4 f.)

Während also die Philosophie in die Krise geriet, standen die positiven Wissenschaften glänzend da. Die Trennung wurde unvermeidlich. Genau diese Trennung bedeutete aber auch einen Verlust für die nun eigenständigen Tatsachenwissenschaften. Ihnen fehlte fortan der Glaube an die Vernunft, an die Wahrheit und an den Sinn des Lebens. Deshalb ist es durchaus richtig, von einer Krise der Wissenschaften zu sprechen.

Die euklidische Geometrie

Im Griechentum der Antike befand sich das Menschentum in einem idealen Zustand. Diese Kultur besaß eine Entelechie, ein Ziel in sich selbst. Es ist die Aufgabe der Philosophen der Gegenwart, die Philosophie zu dem zurückzuführen, was sie einmal war – damit sie wieder etwas gilt und damit sie den Menschen ihr Telos, ihr Ziel, zurückgeben kann. Um diese schwierige Aufgabe zu erfüllen, müssen wir die Geschichte der Philosophie genauestens studieren.

„Wissenschaften im Plural, alle je zu begründenden und alle schon in Arbeit stehenden, sind nur unselbstständige Zweige der Einen Philosophie.“ (S. 7)

Blicken wir zurück, erscheint uns die Historie als eine Abfolge von Kämpfen zwischen verschiedenen Philosophien. Wann fand die Umgestaltung der alten Universalphilosophie statt? Sie begann schon in der Antike, nämlich mit der Entwicklung der euklidischen Geometrie. Hier hatte man erstmals eine exakte Wissenschaft mit ihren eigenen Axiomen, empirischen Zahlen, Linien, Flächen und Körpern. In der Neuzeit wurde daraus eine formale Mathematik, eine analytische Geometrie. Mathematik wurde gleichbedeutend mit Rationalität. Damit war die Idee geboren, alles Seiende, ja die ganze Welt sei im Grunde genommen etwas Rationales, das durch Rationalität erforscht werden könne. Galileo Galilei wandte die Mathematik auf die Natur an – und gestaltete diese so im Sinne der Mathematik um. Es entstand die mathematische Naturwissenschaft.

Die Mathematisierung der Natur

Alle Menschen nehmen ihre Umwelt unterschiedlich wahr. Dennoch gehen wir nicht davon aus, dass es verschiedene Welten gibt, sondern dass die Erscheinungen, die uns und anderen begegnen, einen realen Kern haben. Auf diesen zielte Galileis Mathematisierung der Natur ab. Die reine Geometrie denkt sich den Raum in sauberen, perfekten Linien, Kanten und Kreisen. Sie übersetzt die nicht immer idealen geometrischen Formen der Welt in ihren idealisierten geometrischen Raum. Im Lauf der Geschichte bewegte man sich stetig weiter in Richtung Idealität: Mit dem mathematischen Fortschritt und den entsprechenden Werkzeugen konnte man eine immer geradere Linie, einen immer reineren Bogen und einen immer perfekteren Kreis zeichnen. Aus den idealtypischen Formen entwickelten sich so genannte Limesgestalten, also Möglichkeiten von Gestalten, die am Ende einer langen Reihe der Vervollkommnung stehen.

„Der Positivismus enthauptet sozusagen die Philosophie.“ (S. 8)

Einmal idealisierte Formen konnten mit anderen Formen zusammengefügt werden, sodass sich Schritt für Schritt auch Formen denken ließen, die es in der Sinneswelt gar nicht gibt. Die Mathematik machte es möglich, Figuren in absoluter Exaktheit zu schaffen, was uns die wirkliche Welt stets versagte. Solche geometrischen Formen sind nicht nur perfekt, sie sind auch intersubjektiv identisch, d. h. sie stellen sich jedem Betrachter gleich dar. Mit ihnen ließ sich eine idealisierte Welt beschreiben, die alle Menschen gleich wahrnehmen. Dasselbe gilt für die mathematische Messkunst. Indem wir Längen, Höhen und Ausdehnungen messen, können wir die sinnlich wahrnehmbare Welt in das Raster der Mathematik zwängen. Berge werden zu Höhen, Ebenen zu Längen, Meere zu Tiefen.

Kausalbeziehungen und angewandte Geometrie

In unseren Beobachtungen der Welt stellen wir fest, dass diese bestimmte „Gewohnheiten“ hat. Es gibt Kausalbeziehungen, die eine Voraussage von Ereignissen ermöglichen. Etwas, was immer wieder geschieht, oder ein bestimmter Wirkungsmechanismus, der regelmäßig auftritt, lässt sich in Hypothesen und Vorausdeutungen darstellen. Kausalität bedeutet, dass man gewissermaßen die Zukunft voraussagen und natürlich ebenso die Vergangenheit rekonstruieren kann. Auch hier springt uns die Mathematik zur Seite und liefert eine Lösung, die Kausalbeziehungen der Welt zu ordnen und zu idealisieren. Sie macht aus subjektiv empfundenen Wahrnehmungen objektive Daten.

„Demnach bedeutet die Krisis der Philosophie die Krisis aller neuzeitlichen Wissenschaften als Glieder der philosophischen Universalität (...)“ (S. 12)

In Kombination mit der Messkunst kann die ideale Geometrie sogar den Schritt zur angewandten Geometrie machen: Die gemessenen Werte werden auf die reale Welt rückübertragen, und so lassen sich Dinge berechnen, die in der realen Welt nicht ohne Weiteres messbar wären. Es handelt sich also um einen Dreischritt: Die wirkliche Welt wird vermessen. Dann wird sie in den Raum der idealtypischen Geometrie übertragen. Schließlich können mit den gewonnenen Daten Berechnungen durchgeführt werden, die wiederum auf die Seinswelt übertragen werden.

Die Welt, in Formeln gepresst

Lässt sich diese Objektivierung der Formen und Gestalten auf die gesamte Fülle unserer sinnlichen Wahrnehmungen anwenden? Dies erscheint schwierig, weil es zu viele Abstufungen und Grade der Größe, Wärme, Helligkeit, Glätte usw. gibt. Die sinnlichen Eigenschaften der Körper lassen sich nur approximieren, also näherungsweise bestimmen. So etwas schwebte Galilei vor: Klänge wurden zu Schallwellen und Wärme zu Wärmewellen. Alles ließ sich physikalisch-mathematisch erklären, und diese Erklärbarkeit der Welt wurde zur Selbstverständlichkeit. Allerdings muss man beachten, dass sich Galilei bestimmter Hypothesen über die Kausalzusammenhänge der Welt bediente. Es waren zwar Hypothesen, die auf Regelmäßigkeiten beruhten, aber dennoch waren und bleiben es Hypothesen, die sich bis in alle Ewigkeit immer wieder bewähren müssen. Denn mit der Anwendung naturwissenschaftlicher Formeln und Methoden wird zugleich eine Vorbedingung in Kauf genommen: dass die Methoden und Formeln, selbst wenn sie immer weiter verfeinert werden, die Wirklichkeit nur annähernd abbilden können. Die Naturwissenschaftler nach Galilei wandelten die Modelle, die sie erfanden, in Formeln um. Je mehr Formeln sie ansammelten, desto mehr Unerforschtes konnten sie berechnen.

„Die eigentlichen Geisteskämpfe des europäischen Menschentums als solchem spielen sich als Kämpfe der Philosophien ab (...)“ (S. 15)

Mit dieser Mathematisierung ging die Technisierung der Naturwissenschaft einher. Die Naturwissenschaften hatten sozusagen ein Kleid aus Formeln und Methoden gewoben, das der Lebenswelt der Menschen recht gut zu passen schien. Dann – und das ist die fatale Entwicklung – wurde dieses Kleid der Lebenswelt übergestülpt und fortan als wahrer Kern derselben angesehen. Dies, obwohl es sich ja nur um ein Kleid aus idealisierten und angenäherten Erkenntnissen handelt.

Objektivismus und Subjektivismus

In der Philosophiegeschichte kam es zur Spaltung zwischen dem naturwissenschaftlichen Objektivismus, der sich mit der mathematisch erklärbaren Welt beschäftigte, und dem transzendentalen Subjektivismus, der alles Subjektive, Psychische in sich vereinte. Es war der rationalistische Denker René Descartes, der diese Spaltung mit zwei Formeln zementierte: Er unterschied zwischen den „res extensa“, also den körperlichen und damit objektiven Dingen, und den „res cogitans“, also den geistigen Dingen, die sich dem objektiven Zugriff verschließen. Descartes gelang mit seinem berühmten Satz „Ich denke, also bin ich“ eine neue Stärkung des Subjektivismus, aber dennoch liegt der Verdacht nahe, dass er sich letztlich mehr für den Objektivismus interessierte. Denn Descartes und seine rationalistischen Nachfolger Nicolas Malebranche, Baruch de Spinoza und Gottfried Wilhelm Leibniz gründeten ihre Philosophie zwar auf dem denkenden Subjekt, setzten es aber in eine objektivierte Umwelt.

Rationalisten und Empiristen

Gegner und Kritiker des Rationalismus waren die englischen Empiristen. Vor allem John Locke kam eine entscheidende Rolle zu. Nicht durch Vernunft, so Locke, sondern nur durch sinnliche Erfahrung könne der Mensch Aussagen über die äußere Umwelt machen. Locke und die Empiristen, unter ihnen George Berkeley und David Hume, räumten der menschlichen Seele einen Platz im Körper ein; sie machten aus ihr ein geschlossenes, reales System. Berühmt wurde die Vorstellung der Seele als Tafel, auf der die „seelischen Daten“ aufgeschrieben und gelöscht werden. Der Effekt: Die Empiristen bescherten uns eine neue Psychologie und verbannten alle Begriffe der vermeintlich objektiven, außerseelischen Welt und mit ihr die mathematischen Begriffe ins Reich der Fiktion.

„Die Messkunst wird also zur Wegbereiterin der schließlich universellen Geometrie und ihrer ‚Welt‘ reiner Limesgestalten.“ (S. 27)

Der deutsche Philosoph Immanuel Kant versuchte, einen neuen Subjektivismus mithilfe seiner Transzendentalphilosophie zu begründen und den Konflikt zwischen Objektivismus und Subjektivismus zu schlichten. Dabei spaltete er die menschliche Vernunft in zwei Teile: Der eine Teil, die Sphäre der reinen Vernunft, verarbeitet die objektiv-sinnlichen Realitäten, beispielsweise unter Anwendung der Mathematik. Dem anderen Teil strömen jedoch nach Kant immer neue sinnliche Daten zu, die nicht rational erklärt werden können. Die „Dinge an sich“, die rational nicht erklärbaren Ursprünge dieser Sinnesreize, seien der objektiven Wissenschaft nicht zugänglich.

Zum Text

Aufbau und Stil

Husserl erklärt im ersten Teil seiner Krisis-Schrift zunächst, worin die Krise der Wissenschaften überhaupt besteht. Dieser Teil ist noch relativ leicht lesbar und stellt kaum Anforderungen an die philosophische Vorbildung des Lesers. Dann jedoch geht es ans Eingemachte: Der Phänomenologe entwickelt ein sich immer feiner verästelndes Netz von historischen Bezügen, die von Galilei bis Kant reichen, und rekonstruiert die Geschichte der Aufspaltung der Philosophie in unterschiedliche Wissenschaftsgebiete. Die Schrift wandelt sich zu einer kritischen Auseinandersetzung mit zwei wichtigen Schulen der neuzeitlichen Philosophie, dem Rationalismus und dem Empirismus. Husserl untersucht ausführlich, wie sich die Philosophie unter dem Einfluss von Descartes verändert hat und wie die Empiristen darauf reagierten. Im Lauf der Abhandlung werden Husserls Überlegungen rasch komplizierter, und der Autor unternimmt wenig, um das auf sprachlicher Ebene abzumildern.

Interpretationsansätze

  • Husserl wirft den rationalen Wissenschaften der Neuzeit vor, sie hätten bei allen ihren Erkenntnisfortschritten die Welt systematisch vereinfacht. Fragen der Existenz, des Lebens und des Sinns hätten sie ausgeblendet und die Menschheit mit der Mär von der Kalkulierbarkeit des Universums irregeführt.
  • Husserl vertritt das Ideal einer Universalphilosophie, das er den zersplitterten Wissenschaften entgegenhält. In ihr sieht er die Quelle aller Wissenschaften wie auch der Philosophie der Neuzeit. Die Phänomenologie soll das Erbe dieser einstigen Universalphilosophie antreten und als „erste Wissenschaft“ rehabilitiert werden.
  • Die Phänomenologie gründet auf der Behauptung, dass man Erkenntnisse nur dadurch gewinnen kann, dass man sich den Dingen selbst, also den Erscheinungen der Welt, widmet und diese ohne Interpretationen oder Abstraktionen betrachtet und erforscht. Solche Erscheinungen oder menschliche Wahrnehmungen werden wie Gegenstände behandelt: Es gibt sie, also sind sie relevant – egal ob sie sich empirisch belegen lassen oder nicht.
  • Ein zentrales Konzept der Phänomenologie ist das der Intentionalität. Es besagt, dass Subjekt und Objekt nicht getrennt voneinander existieren, sondern immer aufeinander bezogen sind – Bewusstsein ist immer Bewusstsein von etwas.
  • Husserl entwickelt in der Krisis-Schrift den bekannten Begriff der Lebenswelt. Er meint damit die konkrete Alltagswelt, in der die Menschen leben und die nicht durch wissenschaftliche Beschreibungen verfremdet wurde. Die Wissenschaften haben laut Husserl den Bezug zur Lebenswelt verloren und sich dadurch selbst in die Krise hineingeritten.
  • Husserls Kritik am Empirismus ist barsch: Locke ist in seinen Augen naiv und inkonsequent – Logik lasse sich nicht auf sinnliche Wahrnehmungen zurückführen – und Hume zwar ein kluger Kopf, der aber den „philosophischen Abgründen“ bewusst ausweiche, weil er wisse, dass sie sich mit seiner Methode nicht ergründen ließen.
  • Husserl reiht sich in eine große westliche, von Rousseau begründete Tradition der Zivilisations-, Wissenschafts- und Technikkritik. Diese Strömung hat mit ihrem Wunsch nach Sinnhaftigkeit, Subjektivität und Spiritualität mittlerweile sämtliche Lebensbereiche beeinflusst und sie (je nach Standpunkt) verdorben oder bereichert.

Historischer Hintergrund

Kultur- und Hochschulpolitik im Dritten Reich

Die Machtübernahme der Nationalsozialisten in Deutschland war kein kurzfristiger Akt, der mit der Ernennung Adolf Hitlers zum Reichskanzler am 30. Januar 1933 beendet war: Die Umgestaltung des Reiches nach den Vorstellungen der Nazis begann damit erst. Der Reihe nach wurden die verschiedenen Bereiche des öffentlichen Lebens gleichgeschaltet. Das Gesetz zur Wiederherstellung des Berufsbeamtentums vom 7. April 1933 schrieb vor, dass alle Beamten, die „nicht arischer Herkunft“ waren, in den Ruhestand versetzt werden mussten. Aber nicht nur jüdische, sondern auch liberale und demokratisch gesinnte Beamte wurden aus den Amtsstuben der öffentlichen Verwaltung sowie aus den Schulen und Universitäten verdrängt. Diverse Organisationen wurden zu Verbänden umgewandelt, die man der NSDAP anschloss. Dazu gehörten beispielsweise die Berufsverbände der Ärzte, Juristen und Lehrer.

Kultur und Bildung unterlagen ab sofort einer scharfen Zensur. Joseph Goebbels wachte mit seinem Ministerium für Volksaufklärung und Propaganda darüber, welche Bücher, Drehbücher, Theaterstücke und Filme dem Volk zugänglich waren. Bei der öffentlichen Bücherverbrennung am 10. Mai 1933 zeigte das Regime deutlich, welche Autoren fortan nicht mehr erwünscht waren: Arnold Zweig, Sigmund Freud, Erich Kästner und Kurt Tucholsky gehörten dazu. Die Bücherverbrennung war eine Aktion des Nationalsozialistischen Deutschen Studentenbundes, der von Professoren unterstützt wurde. Aus den Hochschulen wurden nichtarische Professoren sowie erklärte Gegner der Partei entlassen – unter ihnen Edmund Husserl. Bis zum Beginn des Zweiten Weltkriegs wurde die Hälfte aller Stellen in deutschen Universitäten neu besetzt. Martin Heidegger, der ein Schüler Husserls war, trat – was für Professoren keinesfalls Pflicht war – in die NSDAP ein und versuchte das nationalsozialistische Hochschulprogramm an der Freiburger Universität umzusetzen.

Entstehung

Die Krisis-Schrift war Husserls letztes größeres Werk; wegen dem Tod des Autors 1938 blieb sie unvollendet. Der Anlass für die Entstehung war ein Aufruf des Präsidenten des Internationalen Kongresses für Philosophie in Prag vom September 1934. Er bat ausgewählte Philosophen, die am Kongress nicht teilnehmen konnten, um eine Stellungnahme zur gegenwärtigen Aufgabe der Philosophie. Husserl entwickelte seine Gedanken zu diesem Thema in einem Vortrag weiter, den er im Mai 1935 in Wien auf Einladung des Wiener Kulturbundes hielt. Er trug den Titel Die Philosophie in der Krisis der europäischen Menschheit. Diesen Vortrag wiederum erweiterte er zu zwei Einzelvorträgen, die er an der Universität von Prag hielt. Für die Publikation wurden die Referate erneut ergänzt und umgearbeitet.

Husserls Absicht war es ursprünglich, nicht nur eine Bestandsaufnahme und Beurteilung der Krise der neuzeitlichen Wissenschaft, sondern darüber hinaus eine Kritik an der Psychologie und eine allgemeine Einführung in die Phänomenologie und das Konzept der Lebenswelt zu schreiben. Er schloss diese Arbeit allerdings nicht ab, da er erkrankte und vor der Vollendung des Werks starb. Teile daraus konnten aber schon zu Lebzeiten veröffentlicht werden. Weil ihn die Nationalsozialisten mit einem Publikationsverbot belegt hatten, erschienen diese Ausschnitte 1936 in der Zeitschrift Philosophia in Belgrad. Weitere Teile lagen nach Husserls Tod lediglich in Manuskriptform vor. Sie wurden erstmals 1954 in den Husserliana publiziert, der kritischen Gesamtausgabe seines Werks.

Wirkungsgeschichte

Wegen Husserls Publikationsverbot blieb die Wirkung des in Belgrad erschienen ersten Teils der Krisis-Schrift zunächst auf das Ausland beschränkt. Der tschechische Philosoph Jan Patocka veröffentlichte 1936 ein Buch (Die natürliche Welt als philosophisches Problem), das sich mit der Lebenswelt auseinandersetzte und dem Gespräche mit Husserl vorausgegangen waren. Der französische Phänomenologe Maurice Merleau-Ponty war einer der ersten Philosophen, die das 1939 gegründete Husserl-Archiv im belgischen Löwen besuchten und sich ein Bild von den noch nicht veröffentlichten Teilen der Krisis-Schrift machen konnten. Merleau-Ponty wandelte Husserls Gedanken ab und ließ sich davon zu seinem Werk Phänomenologie der Wahrnehmung inspirieren, das 1945 erschien und in Frankreich auf großes Interesse stieß. Mit der Veröffentlichung aller verfügbaren Teile der Krisis-Schrift in den Husserliana im Jahr 1954 setzte eine breite Wirkung – nicht nur auf die phänomenologische Schule – ein. So beeinflusste Husserl beispielsweise den Dekonstruktivismus und ihren Begründer Jaques Derrida sowie Herbert Marcuses Geschichtsverständnis. Husserls Lebensweltkonzept prägte u. a. die amerikanischen Philosophen Aron Gurwitsch und Alfred Schütz. Letzterer verquickte die Phänomenologie Husserls und die Soziologie Max Webers zu einer phänomenologischen Soziologie.

Über den Autor

Edmund Husserl, der Begründer der Phänomenologie, wird am 8. April 1859 in Proßnitz (Mähren, heute Tschechische Republik) in eine jüdische Familie geboren. Er studiert in Leipzig, Berlin und Wien Astronomie, Mathematik, Physik und Philosophie. 1886 geht Husserl nach Halle, wo er an der Universität als Privatdozent lehrt und mit der Arbeit Über den Begriff der Zahl (1887) habilitiert. Kurz vor der Hochzeit mit seiner Verlobten Malvine Steinschneider lässt er sich evangelisch taufen. 1891 erscheint die Philosophie der Arithmetik, in der er die Gültigkeit mathematischer Wahrheiten unabhängig von der menschlichen Erkenntnis behauptet. Zehn Jahre später revidiert er seine Meinung in seinem ersten Hauptwerk, den Logischen Untersuchungen (1901). Das Buch bringt ihm den Ruf an die Universität Göttingen ein, wo er ab 1901 als außerordentlicher und ab 1906 als ordentlicher Professor lehrt. Dort entsteht Husserls eigene phänomenologische Schule, die zahlreiche Studenten anzieht. In seinem einflussreichsten Werk, Ideen zu einer reinen Phänomenologie und phänomenologischen Philosophie (1913), formuliert er die Aufgabe der Phänomenologie, die Sachen so zu beschreiben, wie sie sich dem menschlichen Geist darstellten – unabhängig davon, ob die Sachen selbst überhaupt existierten. „Zu den Sachen selbst“ ist ein berühmt gewordener Ausspruch Husserls. Seine Ideen fallen auf fruchtbaren Boden, sodass er 1916 einen Ruf an die Universität von Freiburg erhält. Seine erste Assistentin ist Edith Stein, ihr Nachfolger Martin Heidegger, der seine eigenen Forschungen auf Husserls Erkenntnissen aufbauen wird. Nach der Machtübernahme der Nationalsozialisten wird Husserl zunächst beurlaubt. 1936 entzieht man ihm die Lehrerlaubnis und vertreibt ihn aus seinem Haus. Ein Angebot der University of Southern California lehnt er ab. Edmund Husserl stirbt am 27. April 1938 in Freiburg.


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